Leseprobe Dem Herzen so nah

1.

„Die Augentropfen geben Sie bitte zweimal täglich. Und in einer Woche sehen wir uns noch einmal zur Kontrolle.“ Dr. Andrew Martinez hob die amerikanische Bulldogge vom Behandlungstisch und setzte sie behutsam auf den Boden. Mit einem flüchtigen Lächeln verabschiedete er die ältere, sichtlich erleichterte Besitzerin. Mrs. Miller war in steter Sorge, Rüde Charlie könnte in alte Verhaltensmuster zurückfallen und beißen. Eigentlich müsste sie inzwischen wissen, dass ihr Hund sich in dieser Praxis mustergültig verhielt. Andrew vermutete, dass immer noch frühere Bilder vor dem inneren Auge der älteren Dame aufblitzten. Bilder, in denen Charlie versuchte, Tierarzthände zu schreddern.

„Danke, Herr Doktor!“ Sie schob sich eine graue Locke aus der verschwitzten Stirn und bückte sich umständlich, um ihren Hund anzuleinen.

Andrew verkniff sich ein Schmunzeln. Körperbau und Bewegungen von Frauchen und Hund ähnelten sich verblüffend. Nachdem die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen war, lehnte Andrew sich seufzend gegen einen der Schränke. Manche Menschen bezeichneten ihn als „Dr. Doolittle“, der imstande war, mit Tieren zu sprechen. Zu seinem Bedauern konnte er das nicht. Aber seine Stärke lag darin, zu erkennen, was seine Patienten ihm klar mit Ausdruck und Körpersprache vermittelten. Charlies Vertrauen zu gewinnen, war einfach gewesen. Das einzige, was es hierfür gebraucht hatte, war, dem Rüden mit Respekt und Freundlichkeit zu begegnen. Ein plumpes Begrapschen stellte für ihn eine grobe Unhöflichkeit dar, auf die er prompt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln reagierte. Viele Hunde tolerieren schlechtes Verhalten stoisch, Charlie nicht. Nachdem er merkte, dass hier ein freundlicher Umgang mit den Patienten als selbstverständlich erachtet wurde, war das Eis schnell gebrochen gewesen. Andrew mochte solche besonderen Charaktere.

Sein Blick fiel auf den Kalender neben der Tür. Obwohl ihm seit dem Aufwachen am frühen Morgen sehr bewusst war, welches Datum heute war, krampfte sich seine Brust dennoch schmerzhaft zusammen, als er es jetzt wieder schwarz auf weiß las. Fünfter Februar. Heute vor sechs Jahren war Lisa gestorben, der wichtigste Mensch in seinem Leben. Still und leise war sie gegangen. Nichts hatte ihn darauf vorbereiten können. Nicht die schlechte Prognose, die bereits ein Jahr zuvor von diversen Ärzten gestellt worden war. Nicht die langsame, aber stetige Verschlechterung ihres Zustands. Nicht zuletzt konnte ihm auch das eigene medizinische Wissen kaum dabei helfen zu begreifen, was nicht zu begreifen war. Lisa wird sterben. Dieser Satz, den er hundertfach gedacht hatte, und der es dennoch nie geschafft hatte, sein Herz zu erreichen. Sein Herz hatte trotzig und unbeirrt auf ein Wunder gewartet. Bis zum fünften Februar. Die Wucht, mit der die Erkenntnis sich endlich durchgesetzt hatte, raubte ihm mitunter noch heute den Atem. Daran konnten auch sechs lange Jahre ohne sie nichts ändern. Er hatte weitergemacht mit dem Leben. Irgendwie. Was sollte er auch sonst tun, die Tiere brauchten ihn schließlich. Er schien zwei Herzen besessen zu haben. Eins für die Tiere, das unverändert weiter existierte. Das andere war mit Lisa gegangen. Er holte tief Luft und straffte sich. Heute Abend war noch genug Zeit zu trauern. Am Morgen hatte er weiße Rosen, Lisas Lieblingsblumen, zu ihrem Grab auf dem Green-Wood Friedhof gebracht. Einen weiteren Strauß hatte er im Atelier im Obergeschoss ihres Hauses arrangiert. Eins der Rituale, das er nach ihrem Tod ganz selbstverständlich beibehielt. Dort würde er sich heute Abend wie gewohnt zur stillen Zwiesprache mit Lisa zurückziehen. Aber erst musste er seine Patienten versorgen. Seine Hand lag schon auf dem Türgriff, als ein dumpfer Knall von der Straße ihn innehalten ließ. Er eilte zum Fenster, schob die Gardine zur Seite und blickte hinaus in den verregneten Februarnachmittag. An der Kreuzung, die kaum fünfzig Meter von der Praxis entfernt war, standen zwei Autos schräg ineinander verkeilt. Ein Kleinwagen, dessen Marke er nicht identifizieren konnte, weil nicht mehr viel von ihm übriggeblieben war, und ein Dodge, der seltsam unversehrt wirkte. Die Härchen auf Andrews Armen stellten sich auf und in seinem Magen bildete sich ein heißer Knoten. Sein erster Impuls war hinauszulaufen und Hilfe zu leisten. Schnell konnte er aber erkennen, dass neben einigen Ersthelfern bereits ein Krankenwagen am Unfallort stoppte und zwei Sanitäter hinaussprangen. Eine glückliche Fügung. Zögernd zog Andrew die Gardine wieder vor das Fenster. Seine Anwesenheit wurde hier gebraucht, dort draußen bei dem schrecklichen Unfall wurde schon für alles gesorgt. Vielleicht sah es schlimmer aus, als es war. Er hoffte es für die Unfallbeteiligten. Verdrängte den Gedanken, dass Raserei oder ein unbedachter Blick aufs Smartphone die Ursache des Unglücks gewesen sein könnte.

Der nächste Patient war eine junge schwarze Labradorhündin, die hektisch durch den Behandlungsraum sauste und auf den ersten Blick gesund, aber vollkommen überdreht wirkte. Erst beim dritten Anlauf gelang es dem Besitzer, seinen Wildfang auf den Behandlungstisch zu platzieren.

„Marla kratzt sich, als wolle sie sich den Pelz runterreißen.“ Mit einer hilflosen Geste tätschelte der magere, junge Mann seiner Hündin den Kopf.

„Seit wann macht sie das?“ Andrew teilte bereits das Fell, um die darunterliegende Haut in Augenschein zu nehmen.

„Sie hat sich eigentlich schon immer ab und zu gekratzt, aber in letzter Zeit wurde es richtig schlimm.“ Der Besitzer hob die Schultern und sah Andrew aus blassblauen Augen unsicher an.

„Ihr erster Hund?“

Der junge Mann nickte. „Meine Freundin wollte Marla haben. Na ja, inzwischen ist sie meine Ex-Freundin und nach dem Hund hat sie kein einziges Mal gefragt, seitdem sie ausgezogen ist.“

„Wurde das Kratzen nach dem Auszug Ihrer Freundin so schlimm? Dann wäre es möglich, dass Marla mit dem Verlust noch nicht zurechtkommt.“ Andrew musterte Hund und Herrchen, die auf ihn denselben verlassenen Eindruck machten.

Die Antwort war ein zögerndes Nicken.

„Das könnte schon die Erklärung sein. Zur Sicherheit können wir aber auch testen, ob vielleicht eine Nahrungsmittelallergie dahintersteckt. Parasiten sind jedenfalls nicht zu erkennen.“

„Ich glaube, dann warten wir erstmal ab. Seitdem ich alles alleine bezahlen muss, ist es finanziell ganz schön eng …“ Der junge Mann sah angestrengt auf den Boden. Die Ehrlichkeit kostete ihn offensichtlich Überwindung.

„Unternehmen Sie einfach so viel Schönes wie möglich zusammen. Joggen im Park, Spielen mit anderen Hunden, alles, was der Seele guttut.“ Andrew lächelte schief. Es gab Verluste, bei denen die einfachen Rezepte halfen. Ob das hier der Fall war, musste man abwarten.

„Ist gut, das machen wir.“ Leise Resignation klang in der Stimme des jungen Mannes, der seine Hündin nun vom Behandlungstisch herunternahm.

Andrew wollte sich gerade von den beiden verabschieden, als ein kurzes Klopfen an der Tür ertönte, die praktisch im selben Moment aufflog.

Überrascht hob Andrew eine Augenbraue.

„Wir brauchen dich, Doc! Sofort!“ Der uniformierte Beamte, der im Türrahmen stand, machte auf dem Absatz wieder kehrt. Andrew überlegte nicht, sondern folgte ihm sofort durch den Flur Richtung Ausgang. Er kannte Bob Connely schon einige Jahre, und wenn er seine Hilfe verlangte, dann ging es um ein Tier in Not. Mehr musste Andrew nicht wissen. Als sie auf der Straße angekommen waren, deutete der Polizist in Richtung des Unfalls.

„Wir haben eine verletzte junge Fahrerin und einen sehr schlecht gelaunten Rottweilermischling. Entweder schaffst du es, ihn mitzunehmen oder …“ Bobs Blick wanderte zu seiner Waffe am Hosenbund.

Andrew schluckte. Es war großes Glück für den Hund, dass ausgerechnet Bob im Dienst war. Jeder andere hätte längst kurzen Prozess gemacht. Menschenwohl ging immer vor, aber bei Bob kamen die Hunde direkt danach. Es gab allerdings Kollegen, die behaupteten, dass beide Spezies für Bob dieselbe Wertigkeit besaßen.

Stillschweigend hasteten die Männer den Gehweg entlang, wichen gekonnt Passanten aus und sprinteten gleichzeitig über die sechsspurige Fahrbahn, als eine Lücke im dichten Verkehr sichtbar wurde. Die Unfallstelle war inzwischen abgeriegelt worden. Rund um die Absperrung drängten sich unzählige Schaulustige. Einigen stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, bei anderen war Andrew sicher, eine Sensationslust zu erkennen, die ihn schaudern ließ. Und dann sah er sie. Seine Patientin Gina, die Rottweiler-Labradorhündin. Er erkannte sie sofort. Nicht nur wegen ihres leuchtendroten Halsbandes, sondern auch wegen ihres beachtlichen Körperumfangs und vor allem wegen des besonderen Gesichtsausdrucks, der sich während ihrer Termine tief bei ihm eingeprägt hatte. Er stoppte abrupt. Schätzte den Abstand zwischen Hund, dem völlig demolierten Auto, das einmal ein Mini Cooper gewesen war, und den Rettungskräften, die angespannt darauf warteten, zu der reglosen Gestalt zu gelangen, die über dem Lenkrad lag. Noch war der Weg versperrt durch den Hund, der sich direkt vor dem Einstieg zum Fahrersitz postiert hatte. Die Tür existierte nur noch in Resten. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah Andrew Gina die Zähne fletschen. Es wirkte seltsam grotesk, aber absolut entschlossen.

„Du hast genau dreißig Sekunden.“ Bobs Miene war undurchdringlich und sein Blick fest.

Andrew nickte. Dreißig Sekunden würden reichen. Falls er zu Gina durchdringen würde. Wenn nicht, war ihr Schicksal besiegelt.

2.

Ginas sanftes Wesen hatte Andrew von Anfang an berührt. Er wusste, dass die meisten Menschen in ihr nur einen riesigen schwarzen Hund mit einem ebenso riesigen Schädel und unförmigen Körper sahen, der stolze 120 Pfund auf die Waage brachte. Vom Vorbesitzer ins Tierheim abgeschoben, hatte sie dort der sicheren Todesspritze entgegengesehen. Die Chancen, dass irgendjemand diesen Hund adoptieren würde, lagen bei Null. Und so war die Zeitspanne, in der ein Wunder passieren konnte, sehr kurz bemessen. Das Wunder geschah, als Amber Scott das Tierheim betrat. Amber – eigentlich auf der Suche nach einem kleinen Gefährten, einem, der problemlos in ihren Mini-Cooper passte – war auf der Stelle verzaubert gewesen von der geballten Liebenswürdigkeit dieser voluminösen Hündin. Amber blieb keine Wahl, sie adoptierte Gina und war erstaunt, dass sie tatsächlich genug Platz im Mini fand. Den Platz in ihrem Leben nahm sie so selbstverständlich ein, als wäre es schon immer ihrer gewesen.

Andrew liebte solche Geschichten. Und er mochte Menschen, die Tieren wie Gina eine Chance gaben. Tieren, die absolut perfekt waren, auch wenn sie nicht so aussahen. Gina war auch jetzt perfekt in ihrer bedingungslosen Loyalität. Die Hündin wusste genau, dass Amber verletzt und schutzbedürftig war. Und es war ihre Aufgabe, auf Amber aufzupassen. So, wie Amber normalerweise auf sie aufpasste.

Andrew holte tief Luft. Gina vertraute ihm, das wusste er. Aber bislang war dieses Vertrauen nur in der sicheren Atmosphäre seiner Praxis mit Amber an ihrer Seite erprobt worden. Langsam aber entschlossen bewegte er sich auf Gina zu. Es musste klappen, er hatte nur eine einzige Chance.

„Braves Mädchen“, murmelte er und streckte seine Hand nach der Leine aus, die an ihrem roten Halsband befestigt war. Ein Raunen ging durch die Menge. Ginas Zähne blieben gefletscht, fast sah es aus, als wäre ihre Mimik mit diesem Ausdruck eingefroren. Andrew blickte mit aller Dringlichkeit in die dunklen Hundeaugen. Für einen Moment hielt er die Luft an. Fünf Sekunden, mehr Zeit hatten sie bestimmt nicht mehr. Schließlich senkten sich die Lefzen in Zeitlupe, die weißen Zähne verschwanden darunter. Der Blick der Hündin schnellte von Andrew zum Mini und zurück.

„Es ist alles gut, Gina. Glaub mir, die Leute werden Amber helfen.“ Andrews Hand tastete ein Stück weiter nach vorn.

In diesem Moment traf die Hündin eine Entscheidung. Sie senkte den Kopf und machte einen winzigen Schritt auf Andrew zu. Vielleicht sogar froh, ihm damit die Verantwortung zu übergeben.

Andrew packte die Leine und zog Gina sanft zu sich heran. Ohne anzuhalten, dirigierte er sie dann weiter den Bürgersteig entlang, zurück in Richtung seiner Praxis. Gina folgte ihm, warf aber immer wieder zögernde Blicke zurück. Erst als Andrew den Eingang erreicht hatte, über die Schwelle trat und die Tür hinter sich und der Hündin zuwarf, wagte er aufzuatmen.