Leseprobe Deine fremde Tochter

4.

Hanno de Mey tat sein Bestes, sich seinen Triumph nicht anmerken zu lassen, doch wie so oft war das Beste, das er zu bieten hatte, nicht gut genug, sobald Rita Kleefman den Raum betrat. Ein Grund mehr, sie nach Marokko zu schicken.

„Ich bin mir absolut bewusst“, sagte Hanno und zündete sich eine Zigarre an, vermutlich die zweite oder dritte in seinem Leben, weil er nun ein Recht auf dieses Machtsymbol hatte, „dass zwischen dir und Frau Loeken ...“, Frau Loeken, spricht man so über die ehemalige Abteilungsleiterin und Geliebte?, „... ein Abkommen bestand. Keine Mafia und kein Knoblauch. Gebranntes Kind, sagte mir Anna.“

Warum auf einmal wieder Anna?

„Ich könnte jetzt ein paar originelle Argumente hervorholen, semantische, du weißt schon.“

Rita legte den Kopf schräg, womit sie Hanno einlud, seine originellen semantischen Argumente denn doch hervorzuholen.

„In Marokko gibt es keine Mafia. Königreich, totale Kontrolle. Und wenn du ein wenig die einschlägige Kochliteratur studierst ...“, Hannos zuckende Mundwinkel verrieten, dass er sich nun ernsthaft amüsant fand, „... dann wird dir bald klar, dass Knoblauch keine vorrangige Zutat der marokkanischen Küche ist.“

Hanno suchte nach einem Zettel, er hatte tatsächlich Nachforschungen angestellt. Rita legte den Kopf in die andere Richtung schräg und versuchte, ihren bockigen Gesichtsausdruck zu wahren. Bald hatte sie Hanno dort, wo sie ihn haben wollte.

„Couscous, Tajine, Harira“, las Hanno ab, mit einer Lesebrille, die auf seiner Nase balancierte. Zigarre, Lesebrille – alles neu, fehlte nur noch die lässig auf den Konferenztisch geworfene Golfausrüstung. Hanno räusperte sich trocken, reiner Effekt. „Gewürze: Muskat, Zimt, Nelken, Ingwer, Safran ...“, er sah Rita mit vorgetäuschtem Bedauern an, „... nirgendwo Knoblauch. Streng betrachtet fällt Marokko also nicht in die Rita-Kleefman-Ausschlusszone.“

„Das war der semantische, originelle Teil“, sagte Rita.

„Der unsemantische, unoriginelle Teil“, sagte Hanno, die Strenge des Abteilungsleiters in der Stimme, „ist rasch abgehandelt. Niemand, absolut niemand hat in diesem Büro ein ähnliches Privileg genossen. Die Fälle werden zugeteilt, du allein hast sie dir jahrelang aussuchen können. Wenngleich ich mir vorstellen kann, dass Frau Loeken“ – nun wieder Frau Loeken – „ihre Gründe hatte, dir ein solches Privileg zuzugestehen, würde ich das gerne nachvollziehen und neu beurteilen. Am Ende muss das jetzt ich verantworten, gegenüber denen da oben und gegenüber den eigenen Mitarbeitern. Du weißt, wie das ist mit unerklärlichen Privilegien. Plötzlich tauchen dumme Gerüchte auf ...“

„Dass wir etwas miteinander haben oder so“, ergänzte Rita.

„So weit muss das gar nicht gehen“, erwiderte Hanno todernst und hatte momentan den Faden verloren.

„Der unoriginelle Teil“, half Rita weiter.

„Ach ja.“ Hanno ließ sich in die Lehne seines Abteilungsleitersessels zurücksinken und betrachtete seine Zigarre, runzelte die Stirn und sagte: „Jetzt bist du dran. Erzähl mir deine Geschichte. Libanon vor zwölf Jahren, so viel weiß ich. Du bist den Knoblauchbrüdern in eine Falle gegangen. Passiert jedem mal. Glückling haben sie letzte Woche beinahe von der Autobahn abgedrängt. Untersucht einen Versicherungsbetrug in Spanien. Immobilien. Berufsrisiko, wenn du mich fragst. Aber überzeug mich. Es gibt immer Sonderfälle.“

„Wovon soll ich dich überzeugen?“

Hanno lächelte. „Stell dich nicht an, Rita. Wir wissen beide Bescheid. Was Anna macht, weiß ich nicht, die findet bestimmt einen Posten. Du könntest eine private Agentur aufmachen, ‚Glasauge und Partner‘.“

„Warum soll ich eine private Agentur aufmachen?“

„Lilly Schroeder hat das gemacht. Allerdings glücklos. Sie verkauft jetzt Hotdogs im Oosterpark. Frag sie, was sie falsch gemacht hat, bevor du loslegst. Oder probier’s in einer anderen Branche. Werbetexte. Buchhandel.“

Rita runzelte die Stirn und neigte ihren Kopf wieder in die andere Richtung. „Ich komme und komme nicht dahinter, worauf du hinauswillst.“

„Ritalein“, seufzte Hanno und paffte an seiner Zigarre. „Warum machst du es mir so schwer? Aber gut. Du willst deine Geschichte für dich behalten, fein, jeder hat Anspruch auf sein Privatleben. Nur hat diese Firma Anspruch auf deine Dienstleistungen, solange sie dir jeden Monat ein respektables Gehalt aufs Konto schiebt. Im Klartext: kein Marokko, kein Gehalt. ‚Glasauge und Partner‘ oder Hotdogs im Oosterpark. Du hast die Wahl.“

„Jetzt bin ich wirklich verwirrt“, sagte Rita. „Habe ich den Eindruck erweckt, ich wollte nicht nach Marokko?“

Hanno blickte sie starr an. „Was hast du sonst gemeint mit deinem Gequatsche von der ‚Basis für meinen Auftrag‘? Worüber wolltest du mit mir so dringend reden?“

„Ich will die Spielregeln wissen, Hanno. Nicht die des Lebens, die kenne ich.“

„Spielregeln?“

Hanno erkannte, dass Rita ihn aufs Glatteis geführt hatte. Sein Pulver war verschossen, der komplette Vorrat, abgefeuert auf eine Fata Morgana. Wer konnte auch ahnen, dass sie sich widerstandslos nach Marokko schicken lassen würde? Die Zigarre lag unbeachtet im Aschenbecher, die rauchenden Trümmer seiner Triumphsäule.

 

Die teuflische Idee, ohne Widerrede nach Marokko zu gehen, war Rita beim Start vom Flughafen Oslo gekommen. Als die Triebwerke das Flugzeug anschoben, gingen ihr Betrachtungen zum Thema „Kraft“ durch den Kopf. Hanno de Mey war in diesem Moment der Stärkere, und je eher sie das akzeptierte und sich darauf einstellte, umso weniger würde sie ihre Kräfte in sinnlosen Scharmützeln vergeuden. Im Krieg gegen Hanno de Mey musste sie auf einen Augenblick der Schwäche warten und bis dahin mit der weißen Fahne wedeln, auch wenn das ihren Stolz verletzte. Hanno de Mey sah sich am Ausgangspunkt einer glänzenden Karriere und würde sich absichern wie ein Siedlertreck beim Marsch durch Indianerterritorium. Vor allem zu Beginn. Ein schlechter Augenblick, mit ihm zu streiten.

Der zweite Grund für ihren Sinneswandel war Eva Gunderson. Rita spürte nach ihrer Begegnung mit der Millionärin ein ehrliches Bedürfnis, das Mädchen kennenzulernen.

Die Idee hingegen, Hanno de Mey den Eindruck zu vermitteln, sie sträube sich gegen den Auftrag, kam ihr bei der Landung in Amsterdam. Sie stellte sich vor, was wohl passieren würde, wenn der Jet vor dem Ende der Landebahn nicht rechtzeitig zum Stehen kam. Keine Katastrophe, vermutlich, aber peinlich für den Piloten. Wie wär’s mit einer kleinen Bruchlandung, Hanno? Nur so zur Einstimmung.

 

Hanno wirkte, als machte ihm das Gespräch auf einmal keinen Spaß mehr. Misstrauisch senkte er die Augenbrauen.

„Du hast mich nach Norwegen geschickt“, erklärte Rita betont sachlich. „Wichtiger Kunde. Chefsache. Gibt es gar keine Spielregeln?“

Hanno zuckte die Achseln. „Nicht dass ich wüsste.“

„Und warum hat man diesen Fall der bearbeitenden Person weggenommen? Wer war eigentlich die bearbeitende Person?“

Dem neuen Abteilungsleiter kam die neue Behaglichkeit – Ledersofa, eigenes Büro, eigene Sekretärin, drei Telefone – endgültig abhanden. An diesem wundervollen Schreibtisch waren Fragen zu beantworten. Unangenehme Fragen. Umso unangenehmer, wenn man die Antworten entweder nicht kannte oder nicht geben wollte. Es wurde Zeit, dass Rita nach Marokko kam. Dort gehen sie mit Fragestellern anders um. Dort hat man noch Respekt, wo man Respekt haben muss. Jan Smit wartet auf dich, mit einem Flugticket, zweiter Stock, dritte Türe links, aber du kennst den Weg, bist ihn oft genug gegangen. Erinnerst du dich an Mexiko? Miese Tricks. Und jetzt diese Fragen. Du änderst dich nie, Rita, und deshalb kommst du nicht von der Stelle.

„Wie kommst du darauf, dass vor dir jemand diesen Fall bearbeitet hat?“

Rita zuckte die Achseln und hob die Akte, einen blauen Ordner mit einem Deckblatt, über den sich, umzingelt von liebevoller Computergrafik, der Name Eva Gunderson erstreckte. „Ich kann lesen.“

„Toll. Und?“

„Du kennst die Akte, nehme ich an.“ Rita wedelte mit dem Ordner in der Luft. „Das ist der Inhalt unseres Gesprächs. Du willst mich formal auf den Fall ansetzen. Mich einweisen. Mich erleuchten.“

„Spar dir das Gewäsch, Rita. Hier geht es um prinzipielle Fragen, nicht um Details.“

„Dann würde mich prinzipiell interessieren, warum ich mit solcher Eile aus dem Kuraufenthalt geholt worden bin, obwohl der Fall schon seit drei Wochen unser Fall ist.“

„Den restlichen Kuraufenthalt kannst du nachholen, wenn dich das interessiert. Die Tage bleiben dir erhalten. Ich habe mit Steen gesprochen.“

Urlaubsregelungen, die Lieblingsmaterie des Abteilungsleiters. Da kannte er sich aus. Rita überlegte, ob sie weiter auf seinem Selbstwertgefühl herumtrampeln sollte, und entschied sich dagegen. „Machen wir’s kurz“, seufzte sie. „Dein neuer Vize weiß Bescheid?“

„Worüber?“

„Über die Details. Wenn der Fall jemandem weggenommen worden ist, gab es Gründe. Die würde ich gerne kennen, bevor ich mich in die Nesseln setze.“ Und mit einer theatralisch-ängstlichen Geste fügte sie hinzu: „Ich will ja nicht im Oosterpark landen.“

„So beflissen? So respektvoll?“

„Nur neugierig, Hanno“, sagte Rita und erhob sich. „Ich will nur Bescheid wissen. Du kennst mich. Ich gebe keine Ruhe, bis ich Bescheid weiß. Der Fall gehört mir?“

„Wenn du mich darum anflehst ...“ Er machte eine elegante Handbewegung. Caligula setzte seine Truppen in Marsch. Komm mit reichlich Beute zurück und wirble keinen Staub auf.

 

Früher nannte man sie „die Füchsin“. Bis sie einer Meute bissiger Hunde vor die Mäuler lief, vor zwölf Jahren im Libanon. Rita schüttelte entzückt den Kopf: Anna Loeken hatte dichtgehalten. Sie war die Einzige, die ihre Geschichte im Detail kannte, und das Geheimnis hatte Annas Liebesaffäre mit Hanno de Mey unbeschadet überstanden. Anna war in Wahrheit immer ihre Freundin gewesen, nie seine.

Aus der Füchsin Rita war seit dem Libanon Oma Chatterley geworden, eine alleinstehende, in ihrem fraulichen  Privatleben chronisch erfolglose Veteranin der Abteilung zur Betrugsbekämpfung, der James-Bond-Sektion von Safee Securities, einer internationalen Versicherungsgesellschaft, die auf riskante Operationen spezialisiert war. Die Sektion hatte sich in den Jahren vor der Monolithenaffäre in Mexiko zu einer wahren Cabaretnummer entwickelt. Seit Mexiko ging es wieder bergauf, dank Rita, die von einigen nun wieder „Füchsin“ genannt wurde. Einigen wenigen.

Die Trägerin dieses stolzen Nom de Guerre machte es nicht mehr stolz. Es war, als sei plötzlich ein Spitzname aus der Grundschule wieder aufgetaucht. Erinnerte sie an die Zeit, bevor sie endgültig erwachsen wurde, dank einer Meute bissiger Hunde. Das Ende der Sorglosigkeit ist das Ende der Jugend, und ihr Neubeginn ist der Beginn der Altersweisheit. Dazwischen ist man erwachsen und werktätig und Freiwild für Neurosen. Manche waren nie jung, manche werden nie alt und weise. Manche sind zeit ihres Lebens erwachsen. Arme Schweine.

Die Abteilung für Auslandsermittlungen – das war wohl ihr Dilemma – hatte nie die ideale Mischung aus Jungen, Erwachsenen und weisen Alten erreicht. Als Rita eintrat, war sie ein Haufen wilder Kids, intelligent, neugierig bis über die Halskrause, idealistisch, sorglos und schamlos erfolgreich, Rita, „die Füchsin“, an ihrer Spitze. Eine Magenkrankheit des alten Alten und die frivolen Spesenexzesse einiger wilder Idioten der Abteilung machten dem Höhenrausch ein Ende. Plötzlich bestand der Laden nur noch aus Erwachsenen, und jahrelang hatte die Abteilung keinen anderen Erfolg aufzuweisen als ihre blendend korrekt ausgefüllten Spesenrechnungen und zu Tode bürokratisierten Ermittlungsaktionen, deren Scheitern jeweils in akribisch verfasste, luxuriös gebundene Abschlussberichte mündete. Die ganze Abteilung tippte von morgens bis abends Berichte, die Boten pendelten unermüdlich zwischen der Kopieranstalt und dem Hauptquartier, der „Burg“, wie der altbürgerliche Bau von seinen Insassen je nach Laune stolz oder abschätzig genannt wurde. Nicht einmal die brillante Anna Loeken hatte dem bürokratischen Eifer der Ermittler Einhalt bieten und deren Energien in andere Tätigkeiten – zum Beispiel Ermitteln – lenken können.

Bis Mexiko. Ritas Erfolg in Mexiko war der Urknall einer neuen Ära, und Hanno de Mey war diesem Urknall nahe genug gewesen, um sich – aus reiner Blödheit natürlich – dabei den Hintern zu versengen und, schon weniger blöde, die Wunden daheim als Kriegsverletzungen zu präsentieren. Nun kassierte er die Belohnung für sein jahrelanges Hegen der richtigen Kontakte, sein Bemühen um Image. Und Rita, die am versengten Hintern des Kriegshelden ihren Anteil hatte, wie Hanno sehr wohl ahnte, doch nie beweisen konnte, war wieder in die Vergessenheit abgetaucht.

Freilich: Genau dort fühlte sie sich wohl.

 

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Rita beim Eintreten.

„Ich habe sehr wenig Zeit“, sagte Rembrandt, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. Er hatte ein junges Gesicht unter grauem Haar, sein Schreibtisch war voller Akten, auf einem Computerbildschirm flimmerten hundert kleine Symbole, von denen vermutlich jedes eine unbearbeitete Akte darstellte. Hans Rembrandt war neu bei Safee, Hanno hatte ihm noch zu Annas Zeiten den Weg frei gemacht, und hartnäckig hielt sich das Gerücht, Rembrandts bildhübsche Frau sei der wahre Grund dafür gewesen. Die Vergangenheit des neuen Vize-Abteilungsleiters war ein Geheimnis, doch das störte Rita nicht, sie hatte ja auch ihres.

„Gleichfalls“, erwiderte Rita und hob den blauen Ordner mit dem liebevoll dekorierten Deckblatt in die Höhe. Das kunstvolle Ausschmücken der Deckblätter mithilfe eines neuen Grafikprogramms gehörte zu den aktuellen Lieblingsbeschäftigungen der Abteilung. Dutzende Überstunden gingen auf das Konto dieses visuellen Booms, sogar Zwischenblätter wurden nun, je nach Charakter des Verfassers, mit lustigen Figuren, originellen Motiven oder ästhetischen Rahmen versehen. Die Abteilung verwandelte sich langsam in ein Grafikstudio, die Ermittler entdeckten ihre künstlerische Berufung, die Papierkörbe füllten sich mit Probedrucken. Image war alles. Ein professionell und originell gestaltetes Deckblatt ließ die kümmerlichste Akte in neuem Licht erstrahlen, sagten die einen. Andere, und Rita gehörte zu dieser unterdrückten Minderheit, neigten zu der Ansicht, ein Übermaß an Verpackung wecke Zweifel daran, ob auch dem Inhalt die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt worden war.

Doch momentan kämpfte sie um die Aufmerksamkeit des in Akten ersaufenden Neuankömmlings und „Aufsteigers der Woche“ Hans Rembrandt, der sich am Applaus für seine Beförderung nicht recht erfreuen konnte.

„Kannst du mir ein bisschen Hintergrund geben?“

„Eva Gunderson“, las Rembrandt widerwillig das prächtige Akten-Deckblatt. „Da ist es wohl an mir, zu gratulieren. Jackpot. Bull’s Eye. Der wichtigste Fall. Du bist hiemit zum Star der Abteilung befördert worden.“

„Ist das der ganze Background?“

„Was willst du noch?“

„Mich setzen zum Beispiel.“

Rembrandt machte eine Geste mit seinem Kopf. Auf dem einzigen Besucherstuhl türmte sich ein Berg alter Akten. Rita legte ihren blauen Ordner ab und räumte den Stuhl frei. „Wohin damit?“

„Zünde es an. Irgendwohin, egal, ich kenne mich sowieso nicht mehr aus.“

„Warum stellt ihr nicht Frederick Loos wieder ein? Ein Archivar könnte dir eine Menge Arbeit abnehmen. Das macht er sicher gern.“

„Wir hatten einen Archivar? Fantastische Idee.“ Rembrandt machte sich mit ernstem Gesicht eine Notiz auf einem seiner vielen bunten Post-it-Blöcke.

„Ich brauche deinen Rat“, sagte Rita und wies auf den Ordner.

Der Vize wandte sich wieder seinem Papierhaufen zu. „Meinen Rat? Kauf keine Teppiche und preise den König.“ Er schwang zu seinem Computer herum und ließ den Cursor in Suchkreisen über den Bildschirm flitzen.

Rita seufzte laut. „Jeder will heute witzig sein. Zum  Kotzen.“

„Hanno war witzig? Mein Mitgefühl.“

Rita pochte auf den Ordner. „Rembrandt, bit-te!“

Der Vize hielt inne und wandte sich nun ganz der entnervten Rita zu. „Du verschwendest deine Zeit und, nebenbei gesagt, meine. Eva Gunderson war Chefsache, von Beginn an.“

„Willst du damit sagen, die Akte hat die ganze Zeit bei Hanno gelegen und plötzlich kam er auf die Idee, mich mitten in meinem Kuraufenthalt anzurufen und nach Norwegen zu schicken?“

„Im Gegensatz zu dem, was das Volk murmelt“, sagte Rembrandt, „bin ich nicht der Lordschlüsselbewahrer für die zahlreichen Mysterien des Chefbüros. Ich bin seit zwei Monaten hier und war gerade dabei, mich in meinen ersten Fall einzuarbeiten. Der, ich schwöre es feierlich, nicht der Fall Gunderson war. Plötzlich dringt eine Hand aus den göttlichen Wolken, fasst mich am Kragen und lässt mich über einer Aktendeponie wieder fallen. Seither komme ich mir vor wie ein Grubenarbeiter. Aber das wird sich legen. Hanno verspricht es mir seit meinem ersten Tag als Vize. Nur: Ich weiß absolut nichts über den Fall Gunderson.“

Rita streckte ihm den Ordner hin. „Willst du es lesen?“

Rembrandt lächelte. „Neiner als nein, altes Mädchen. Aber du könntest mir einen großen Gefallen tun und ein Resümee schreiben. Angeblich soll ich über alle Fälle Bescheid wissen. Sagt der Chef.“

„Wo ist Anna?“

„Verschwunden. Hoffentlich ist nicht auch sie bei uns versichert, sonst können wir eine eigene Abteilung für vermisste Frauen aufmachen.“

„Im Ernst, Rembrandt!“

„Im Ernst, Rita. Keine Abschiedsfeier, keine goldene Uhr. Eines Abends ging die Tür auf und sie schüttelte denen, die um diese Zeit noch im Büro waren, das Pfötchen. Ziemlich hastig. Keine Tränen, aber sie stand sichtlich unter Dampf.“

„Du warst hier?“

Rembrandt machte eine ungeduldige Geste. „Blöde Frage, natürlich war ich hier. ‚Überstunden‘ ist mein Künstlername.“

„Sie hat keine Post hinterlassen? Nichts für mich?“

„Dein Vertrauen in meine Allwissenheit ehrt mich, Rita.“ Rembrandt klang gereizt, er wollte sie loswerden und weiter in seiner Aktengrube baggern.

„Schon gut“, sagte sie.

„Du hast doch ihre Telefonnummer.“

Rita nickte.

„Na also. Ruf sie an.“

Das hatte sie getan. Keine Spur von ihrer alten Chefin und Freundin.

„Danke, Rembrandt. Ich lade dich bei Gelegenheit auf einen Kaffee ein. Wenn du Lust hast.“

Der Vize blickte Rita erstaunt an. „Warum will plötzlich jeder mit mir Kaffeetrinken gehen? Versprichst du dir Vorteile davon? Vergiss es. Ich bin Hanno de Meys Peitsche, sein Henker, sein Exekutor.“ Er zeigte ihr die Faust.

„Danke, Rembrandt.“ Rita erhob sich und zeigte ihm zum Abschied den Mittelfinger.

„Raus!“ schrie er. „An die Arbeit!“