Leseprobe Das wilde Herz des Westens

PROLOG 

Blut, überall war Blut. Briana Magee starrte in die toten Augen ihres Onkels Caiden, der mit einem Loch in der Brust vor ihr auf dem Holzfußboden lag. Sein Blick wirkte überrascht, so als ob er nicht glauben könnte, was mit ihm geschehen war. Briana bekam kaum Luft. Sie roch den Tod. Das metallische Aroma des Blutes legte sich auf ihre Schleimhäute und sie würgte trocken.

»Geh Pilze sammeln«, hatte Caiden zu ihr gesagt. Sie war nur eine Stunde fort gewesen.

Langsam öffnete Briana die Haustür ein Stückchen weiter. Sie ahnte bereits, was sie als Nächstes sehen würde. Der Korb mit den Pilzen fiel zu Boden und die Champignons und Lacktrichterlinge rollten in die Blutlache zu ihren Füßen. Ein heiserer Schrei entrang sich ihrer Kehle. Biddy!

Ihre Tante saß in dem Schaukelstuhl, den sie so geliebt hatte, aber sie lächelte nicht dabei. Vielmehr hing ihr Kopf in einem eigenartigen Winkel zur Seite und die bleichen Lippen enthüllten ihre Zunge. Ihre Brust war ebenfalls zerfetzt, das Blut hinter ihr an der Wand verteilt. Briana ging zu ihr. Fassungslos berührte sie die roten Locken ihrer Tante und strich ihr über die schmalen Schultern. Biddys Herz schlug nicht mehr, und für eine Sekunde setzte auch Brianas aus. Sie krallte sich in Biddys grünes Leinenkleid. »Wach auf!«

Der Kopf ihrer Tante rollte herum und Briana sprang zurück. Panik erfasste sie. Biddy und Caiden hatten ihr versprochen, sie niemals zu verlassen. Sie hatten Briana versichert, dass in Amerika ein neues, besseres Leben auf sie wartete. Doch nach nur einem Jahr war dieses Leben vorbei. Ausgelöscht. Das Versprechen versickerte mit ihrem Blut im Holzfußboden und ließ sie einsam zurück. Briana zitterte. Sie zerrte an ihren Haaren, keuchte und spürte heiße Tränen auf ihren Wangen. Obwohl sie es nicht wollte, konnte sie nicht anders, als auf ihre toten Verwandten zu starren. Heute Morgen waren sie noch alle gemeinsam am Frühstückstisch gesessen. Tante Biddy hatte Pfannkuchen gemacht und Onkel Caiden geschimpft, weil er unanständige irische Lieder gesungen hatte. Briana lachte und weinte gleichzeitig bei der Erinnerung daran. Ihr Schluchzen wurde immer hysterischer. Sie schlug sich ins Gesicht und wusste nicht, warum sie das tat. Vielleicht, weil sie sich von dem tauben Gefühl in ihrem Inneren ablenken wollte, vielleicht aber auch nur, um etwas zu tun. Irgendetwas.

Ihre Wangen glühten von ihren eigenen Schlägen, als sie mit einem Mal Stimmen hörte.

»Warum hast du das getan?«, fragte eine aufgebrachte Männerstimme.

»Ich schwöre, dass er etwas mit den Überfällen auf die Züge zu tun hat. Er hat’s geleugnet, aber ich wusste, dass er lügt. Diese verdammten irischen Katholiken nehmen uns nicht nur unsere Jobs weg, sondern bestehlen auch noch unseren Arbeitgeber! Du bist der Bahnhofsvorsteher, Elkanah, du musst verstehen, dass mir keine Wahl blieb. Der Vorarbeiter hat ihn mit diesem blauäugigen Iren aus Boston gesehen, diesem Henricks. Der holt seine Landsleute schiffsweise hierher und setzt sie für seine Zwecke ein!«

Briana lugte aus dem rückwärtigen Fenster mit der gesprungenen Scheibe. Sie sah zwei Männer, die die Gleise entlanggingen und auf ihre Hütte zuhielten. Einer war klein und stämmig, sein Gesicht wirkte zornig. Der andere überragte seinen Kameraden um mindestens zwei Köpfe. Er rieb sich aufgebracht sein bärtiges Kinn.

»Und wenn schon!« Briana hörte die Besorgnis in der Stimme des größeren Mannes. »Das ist Selbstjustiz!«

»Genau das ist es!« Der Kleinere ballte seine Hände zu Fäusten. »Liest du keine Zeitung? New York leidet unter dem irischen Mob! Sie tyrannisieren die Bevölkerung. Raubüberfälle, Taschendiebstähle, Schlägereien mit rivalisierenden Gangs. All das geht auf das Konto der verfluchten Iren. Wir brauchen dieses Gesindel hier nicht, Elkanah. Wir wissen doch alle selbst kaum, wie wir in Ellicott’s Mills überleben sollen! Eine Sägemühle nach der anderen stellt ihren Betrieb ein.«

»Seit wir die Bahnstation haben, geht es uns besser.«

Der Riss in der Scheibe zog sich durch die zwei sich nähernden Männer. Er schien sie zu trennen und ihre unterschiedlichen Ansichten zu untermalen. Ängstlich trat Briana einen Schritt zurück.

»Es ging uns gut, bis die B&O Railroad damit begann, Iren einzustellen. Dieser Henricks bringt einen stinkenden Paddy nach dem anderen in den Verladestationen unter. Ich sage dir, Elkanah, der Mob wird diese Stadt eines Tages überrennen, und dann gnade uns Gott!«

Der Angesprochene blieb stehen und packte seinen Kameraden am Hemdkragen. »Und deshalb bringst du eine Einwandererfamilie um? Sie haben uns nichts getan! Die Frau war Wäscherin im Patapsco Hotel.«

»Sie war eine dreckige Irin! Und ihr feiner Ehemann trug die Anstecknadel des Mobs.« Angewidert hielt der Kleine seinem Begleiter etwas unter die Nase. »Die teuflischen Kartoffelfresser machen bei allem gemeinsame Sache. Glaubst du etwa, sie hätten nur eine Sekunde gezögert, uns dasselbe anzutun? Dieser Henricks ist eine hinterhältige Ratte. Ich schwöre dir, dass er Stokes und Vaughn auf dem Gewissen hat.«

»Niemand kann beweisen, dass Henricks etwas mit den verschwundenen Kohlelieferungen zu tun hat.«

»Unsere Kollegen wurden hinterhältig erschlagen! Wann begreifst du das endlich? Denkst du, es ist Zufall, dass nur die Züge überfallen werden, die von den Iren beladen wurden? Die verschließen die Türen nicht richtig. Ich schwöre dir, Elkanah, da ist etwas im Gange, und ich werde mir das nicht länger mitansehen!«

Der groß gewachsene Mann schüttelte unwirsch den Kopf. Er betrachtete den Gegenstand, der ihm vors Gesicht gehalten wurde, und erwiderte: »All das rechtfertigt keinen Mord, Dave!«

»Es war kein Mord! Ich habe unsere Stadt beschützt. Und unsere Familien.«

»Willst du das jetzt mit jedem Iren in Ellicott’s Mills tun?«

»Wenn’s sein muss.« Der Mann namens Dave spuckte aus und warf den Gegenstand ins Gras. »Und du wirst mir dabei helfen, Elkanah! Du bist mein Schwager, und ich erwarte, dass du alles daransetzt, um meine Schwester und das Kind zu beschützen, das ihr noch geblieben ist. Iren haben in Ellicott’s Mills nichts verloren. Ebenso wenig wie Nigger.«

Elkanah blickte zur Hütte und Briana duckte sich instinktiv. »Sie hatten eine Tochter, weißt du das?«, hörte sie seine Stimme.

»Ich habe kein Kind gesehen. Und jetzt hilf mir, die Leichen der Kartoffelfresser wegzuschaffen.« Die Schritte kamen näher.

Briana sah sich um. Würden die beiden ihr dasselbe antun wie Biddy und Caiden? Für einen Augenblick wusste sie nicht, was sie tun sollte. Die Hütte, in der sie lebte, war winzig. Sie bestand nur aus einem einzigen Raum und stand direkt an den Gleisen, die in Richtung Ellicott’s Mills führten. Es gab keine Versteckmöglichkeiten und die Männer kamen immer näher. Briana registrierte die offen stehende Haustür und hastete gerade noch rechtzeitig hinaus, bevor sie ins Blickfeld der beiden Fremden geriet. Mit eingezogenem Kopf rannte sie um die Ecke, blieb stehen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. Splitter der grob gezimmerten Holzbretter bohrten sich durch ihr Kleid. Briana lauschte.

»Allmächtiger!«, hörte sie den groß gewachsenen Mann aufstöhnen.

»Sie waren tot, ehe sie’s gemerkt haben.« Es klang, als wenn etwas über den Boden gezerrt wurde. »Der Kerl sieht dürr aus, aber er wiegt so viel wie eine gut genährte Sau. Pack mal mit an!«

Briana schloss die Augen. Das hatten Biddy und Caiden nicht verdient! Sie waren gute Menschen gewesen. Sie hatten ihr Hoffnung gegeben. Ein Heim. Etwas zu essen. Zwischen ihren Schmerz mischte sich Wut. Sie musste etwas tun! Bebend holte sie Atem, öffnete die Augen und stutzte. Ein Junge mit dreckigen Wangen pirschte um das Haus und blieb wie angewurzelt stehen, als er sie sah. In seinen hellen Haaren klebten Erdklumpen und er sah aus, als wäre er geradewegs aus einer Höhle gekrochen. Über seiner Schulter hing ein Gewehr, an dessen Kolben ein toter Hase baumelte. Misstrauisch sahen sie einander an.

»Wo willst du sie hinbringen?«, drang Elkanahs Stimme aus dem Inneren der Hütte.

»Wir legen sie auf die Gleise, Dummkopf. Der nächste Zug kommt in einer Viertelstunde. Der wird den Rest erledigen. Du als Bahnhofsvorsteher wirst ihren Selbstmord bezeugen. Bei dreckigen Iren wird keiner weiter nachfragen.«

Briana schüttelte den Kopf. Zögernd erst, dann immer heftiger. Das würde sie nicht zulassen!

In diesem Moment war der Junge auch schon bei ihr und hielt ihr die Hand vor den Mund. Er sprach kein Wort, aber seine braunen Augen sahen sie warnend an. Sie schüttelte weiterhin den Kopf und spürte, wie er sie mit sich fortzog. Sie wehrte sich, doch er war stark. Briana trat um sich, und als er die Hand von ihrem Mund nahm, schrie sie auf. Der Junge stieß ebenfalls einen erschreckten Laut aus und sie blieben stehen.

»Joseph!« Hinter ihnen waren die Männer aus der Hütte getreten. Briana drehte sich um und sah das Blut an ihren Händen.

»Mörder!«, rief sie, und die Tränen begannen erneut zu fließen.

Dave machte einen Schritt auf sie zu, doch Elkanah hielt ihn zurück. »Nicht das Kind!«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

»Wir können sie nicht gehen lassen!«, zischte dieser. »Sie wird zu Henricks rennen und uns verpfeifen. Das ist unser verdammtes Ende!«

»Nicht das Kind«, wiederholte Elkanah.

Briana spürte Daves feindseligen Blick auf sich. Sie wagte nicht, ihn zu erwidern.

»Was geht hier vor, Vater?« Der Junge, dessen Hand sie noch immer hielt, klang verunsichert.

»Was denkst du?«, murrte Dave. »Wir räumen auf, mein Sohn. Diese Leute waren Verbrecher.«

»Das waren sie nicht!« Brianas Stimme war schrill. »Sie haben niemandem etwas getan.«

»Ich werde dir dein gottloses Maul stopfen.« Dave machte einen Satz nach vorne. Elkanah griff nach seinem Arm, während sich der Junge beinahe zeitgleich schützend vor Briana stellte. Sie wich nicht zurück. Es kümmerte sie nicht, was mit ihr geschah. In einer Viertelstunde würde der Zug aus Baltimore Biddy und Caiden zermalmen und sie würde mutterseelenallein in einem Land zurückbleiben, das ihr fremd war. Ein Land, das sie und ihre Landsleute hasste.

Dave warf die Arme in die Luft. »Dann mach mit ihr, was du willst.« Er ging zurück in die Hütte und rief: »Joseph! Hilf mir!«

Der Junge zögerte. Briana umklammerte seine Hand. Er war ihr einziger Halt inmitten des Schmerzes und sie spürte, dass sie ihm vertrauen konnte. »Lass nicht zu, dass er meinen Verwandten das antut«, flüsterte sie.

»Joseph!«

Der Junge zuckte zusammen, dann löste er sich von ihr. Ein letzter bekümmerter Blick, dann folgte er seinem Vater. Briana wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Trauer und Wut wurden von einem Gefühl der Leere abgelöst, und sie glaubte, diese Leere würde sie auffressen.

»Du brauchst keine Angst zu haben.« Elkanah sah sie an. Er hatte gütige Augen, aber er schien nicht zu verstehen, wie es in ihr aussah. Sie hatte keine Angst mehr. Sie kannte den Tod, war ihm selbst schon einmal näher gewesen als dem Leben, und bereits damals hatte sie ihn nicht gefürchtet. Im Gegenteil. Er wäre eine Erlösung gewesen. Ebenso wie in diesem Moment.

»Was ist jetzt?« Dave und sein Sohn zerrten Caiden aus der Hütte. Briana konnte nicht hinsehen.

»Ich werde das Mädchen mit nach Hause nehmen.«

Dave lachte spöttisch. »Du weißt, dass das eine dumme Idee ist.«

»Nicht dümmer als deine.« Elkanah wandte sich zum Gehen. »Ich werde kein Wort über die ganze Sache verlieren.«

»Das erwarte ich von dir. Sorg dafür, dass es diese Göre ebenfalls nicht tut.« Dave grunzte. »Du weißt, dass ich das einzig Richtige getan habe.«

»Schuldige zu richten obliegt allein Gott. Die Rache ist mein, sprach der Herr, ich will vergelten.« Elkanah ging auf Briana zu. »Ruf mich, wenn man die Leichen auf den Gleisen gefunden hat.«

»Was immer du sagst.« Dave wirkte amüsiert. »Tu was Gutes, lieber Schwager, aber wunder dich nicht, wenn du eines Tages am eigenen Leib erfährst, was Rache bedeutet.«

Elkanah ignorierte ihn und sah auf Briana hinunter. Vorsichtig nahm er ihre Hand und führte sie von der Hütte fort. Unfähig, sich zu wehren, stolperte sie hinter ihm her, den Blick weiterhin auf das Geschehen gerichtet. Der Junge hielt inne. Er wirkte betreten und ließ die Schultern hängen. Es war das Letzte, was Briana sah, bevor die Umrisse der Hütte verdeckten, was Schreckliches hinter ihr geschah.

»Hier.« Elkanah blieb stehen und hob etwas auf. »Das hat deinem Vater gehört, nicht wahr?« Er gab Briana die Anstecknadel mit der roten Hand. »Es war nicht richtig, was er getan hat. Daran soll dich dieses Symbol für immer erinnern.«

Sie presste die Lippen aufeinander, weil sie nicht verstand, weshalb es falsch war, eine Anstecknadel zu tragen. Alles an diesem Tag war unverständlich und schmerzhaft. Betäubt steckte sie die Nadel ein und folgte dem fremden Mann, der ihre Hand nicht losließ. Sie gingen die Schienen entlang, wichen nach einer Weile dem stampfenden Zug aus, der sie mit dem schrillen Pfeifton von den Gleisen scheuchte, und erreichten schließlich Ellicott’s Mills. Die kleine Stadt lag verschlafen in der herbstlichen Mittagssonne. Sägemühlen säumten den Patapsco River, und die Rauchschwaden, die noch in der Luft hingen, zeigten an, wo der Bahnhof lag. Pferdegespanne schleppten Baumstämme durch die Hauptstraße, die sich schnurgerade durch das Städtchen zog. Der Mann achtete darauf, dass sie ihnen auswichen, und Briana folgte ihm wie ein Hund an der Leine.

»Mein Name ist Elkanah Harrington«, brach er schließlich das Schweigen. Briana reagierte nicht. Die Leere in ihrem Inneren überlagerte ihr Denken, ihre Gefühle und ihre gesamte Wahrnehmung. »Ich habe eine Tochter, ihr Name ist Phoebe Ann und sie ist gerade erst acht Jahre alt geworden. Ihr werdet Freundinnen sein und du wirst ihr über den Verlust ihrer kleinen Schwester hinweghelfen.«

Briana sah auf ihre Schuhe, deren Spitzen abgeschabt waren. Weshalb dachte der Mann, dass ausgerechnet sie dazu geeignet war, Trost zu spenden?

»Wie ist dein Name, mein Kind?« Der Druck seiner Hand verstärkte sich. »Wenn ich dich meiner Tochter vorstelle, muss ich ihr deinen Namen nennen. Wie heißt du?«

»Briana«, erwiderte sie mechanisch, ohne ihn anzusehen. »Briana Magee.«

»Wie alt bist du?«

»Ich bin sieben, Sir.«

Sie gingen weiter, bis sie vor einem Haus standen, das sich versetzt hinter die vorderste Häuserreihe der Hauptstraße schmiegte. Es war weiß gestrichen und hatte graue Fensterläden, deren Farbe bei genauem Hinsehen abblätterte. Sie passierten den windschiefen Zaun, der das Grundstück umrahmte. Drei Stufen führten auf eine Veranda, auf der sich eine Schaukel in der leichten Vormittagsbrise bewegte. Sie stiegen hinauf und blieben vor der Haustür stehen.

»Ich werde mich um dich kümmern«, sagte Elkanah Harrington. »Ich werde dafür sorgen, dass es dir gut geht. Aber im Gegenzug musst du schweigen, versprichst du mir das? Du darfst niemals erwähnen, was heute geschehen ist. Nur dann werde ich mein Versprechen halten können.«

Briana konzentrierte sich darauf zu atmen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Sie schwieg. Der Mann hob ihr Kinn an und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Wir werden niemals wieder über deine Eltern reden, hast du verstanden?« Briana nickte. Das fiel ihr leicht. Biddy und Caiden waren nicht ihre Eltern gewesen. Elkanah schien erleichtert. »Du wirst in unserem Haushalt helfen und meiner Tochter eine Freundin sein. Dafür gebe ich dir ein Zuhause.« Als sie nicht reagierte, umfasste er ihr Kinn fester. Briana nickte erneut. Was blieb ihr schon für eine Wahl?

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. »Daddy!«

Briana erblickte ein Mädchen mit hellblonden Zöpfen und einem bonbonrosa Kleid. Sie hielt saure Drops in der Hand und machte Briana schlagartig bewusst, dass sie in einer anderen Welt angekommen war.

»Phoebe Ann.« Elkanahs Stimme veränderte sich merklich. Die Liebe, die er für seine Tochter empfand, war kaum zu überhören. »Ich habe dir eine Freundin mitgebracht. Ihr Name ist Briana. Sie wird ab heute bei uns wohnen und deiner Mutter im Haushalt zur Hand gehen.«

Phoebe musterte Briana ungeniert. Dann zog sie ihre Stupsnase kraus und schrie über ihre Schulter: »Mutter, komm schnell! Vater hat uns eine Hausangestellte mitgebracht.« Sie schob sich die Drops in den Mund und zog Briana mit sich. »Was für eine Freude an diesem langweiligen Sonntag!«

Ehe Briana sich’s versah, wurde sie ins obere Stockwerk gezerrt. Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hielt sie jemand an der Hand. Sie kam sich wie eine hilflose Puppe vor, mit der umgesprungen wurde, wie es sich beliebte. Sie war gerade auf halbem Weg nach oben, als sie das erstaunte Gesicht einer blonden Frau erblickte. Ehe diese etwas sagen konnte, beugte sich Elkanah auch schon vertraulich zu ihr und die beiden verschwanden aus Brianas Blickfeld.

Phoebe Ann stieß eine Tür auf und ließ Brianas Hand los. Dieser blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Der Raum hatte Wandbespannung und Briana kam nicht umhin, die rosa-weiß gestreifte Tapete mit den Fingern zu berühren. Phoebe Ann wirbelte mit ausgestreckten Armen im Kreis herum. »Woher kommst du?«, rief sie und ließ sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch plumpsen.

Ein Schreibtisch. Briana wagte sich kaum zu bewegen. Ein Bett. Puppen, Malkreide, Vorhänge an den Fenstern, ein Glas voller Bonbons.

»Irland«, murmelte sie, bevor sie sich auf die Zunge biss. Elkanah hatte vergessen zu erwähnen, worüber sie außer dem heutigen Ereignis nicht sprechen durfte.

»Wie kamst du hierher?« Phoebes Augen leuchteten vor Neugier.

»Mit dem Schiff.«

»Über das Meer? Das war bestimmt aufregend.«

Briana nagte an ihrer Unterlippe. Sie nahm sich vor, nichts mehr zu sagen.

»Ich mag Cowboyromane.« Phoebe kicherte, sprang auf und zog einen Stapel Hefte unter ihrem Bett hervor. »Mutter und Vater mögen nicht, dass ich sie lese, aber mein Freund Toby bringt sie mir heimlich vorbei. Sie werden dir gefallen. Komm her!« Phoebe setzte sich auf ihr Bett und klopfte neben sich. »Ich lese dir vor.«

Immer noch überwältigt von dem Überfluss um sie herum, ging Briana zu ihr. Das Bett war weich. Es hatte eine richtige Matratze, und eine Patchwork-Decke schützte die empfindliche Bettwäsche. Briana strich sich den Schmutz aus ihrem Kleid.

»Nun setz dich endlich!« Phoebe schlug eines der Hefte auf.

Briana kletterte neben sie und Phoebe rutschte vertraulich zu ihr heran. Die plötzliche Nähe und die Freundlichkeit des Mädchens ließen Brianas Tränen erneut fließen.

»Oh!« Phoebe legte ihr den Arm um die Schulter. »Was grämt dich denn?«

Briana wollte es ihr erzählen. Sie wollte Phoebe anvertrauen, dass sie in einem Haus aufgewachsen war, das mit Grassoden anstatt mit Ziegeln gedeckt gewesen war. Dass sich alles klamm angefühlt hatte, weil Feuchtigkeit durch hastig aufeinandergeschichtete Steine drang. Sie wollte über den Schmutz und die Kälte reden, die ein schlecht gestampfter Boden mit sich brachte. Brianas Elternhaus war nichts weiter als eine bessere Hundehütte gewesen, ihr Vater nur der Pächter eines winzigen Stückes Land in der Provinz Connacht, auf dem er gerade so viel Getreide und Kartoffeln anbaute, dass seine Familie nicht verhungern musste. Sie besaßen vier Schafe und einige Hühner, die in kalten Nächten mit ihnen im Haus schliefen. Briana hatte sich das Bett mit ihren fünf älteren Brüdern teilen müssen. Alles, was sie kannte, war Hunger. Sie wuchs während der Missernten auf, als die Kartoffelfäule Tausende von Iren in die Hungersnot trieb. Viele starben, viele wanderten aus. Im Februar 1847, als mehr Schnee fiel als jemals zuvor, gingen alle von Brianas Brüdern nach Nordirland, um sich Arbeit zu suchen; auch Sean, der mit sieben Jahren der jüngste war. Briana sah keinen von ihnen je wieder. Sie blieb bei ihren Eltern und ihre letzte Erinnerung an sie waren ihre ausgemergelten Körper und eingefallenen Gesichter am Weihnachtstag 1849. Einen Tag später kam ihre Tante Biddy in einer Kutsche vorbei. Ein Wortgefecht entbrannte zwischen den Schwestern, an das sich Briana kaum noch erinnern konnte. Sie war zu schwach, zu ausgehungert.

»Gib wenigstens einem deiner Kinder eine Zukunft«, hatte Biddy gesagt. »Das Mädchen kann sich in seinem Zustand nicht einmal Arbeit suchen.«

»Du wirst schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr euch an Fremde verkauft«, hatte ihre Mutter entgegnet.

So war es weitergegangen, und am Ende war Briana mit Biddy und Caiden in die Kutsche gestiegen, während ihre Mutter bittere Tränen vergossen hatte. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die mehrwöchige Überfahrt auf dem katastrophal ausgestatteten Emigrantenschiff überhaupt überlebte. ›Sargschiffe‹ nannten sie die Amerikaner, weil in ihnen mehr Leichen in New York anlegten als Immigranten. Doch Biddy und Caiden hatten sich um sie gekümmert. Sie waren für sie da gewesen. All das wollte Briana Phoebe anvertrauen, einschließlich der Leichen ihrer Verwandten, die sie vor gerade einmal einer Stunde gefunden hatte. Aber sie schwieg, und die Bitterkeit ihres Geheimnisses lag ihr schwer auf der Zunge.

»Alles wird gut, du hast jetzt ein Zuhause«, sagte Phoebe, doch Briana ahnte tief in ihrem verwundeten Herzen, dass sie in diesem feindseligen Land niemals wieder ein Zuhause finden würde.

Ellicott’s Mills, Maryland, 17. Juli 1864

»Sie gehört mir! Mit dem kleinen Schatz lässt sich eine Menge Geld verdienen.« Der Mann mit den eisblauen Augen griff nach ihr.

Briana wollte schreien, aber sie konnte es nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Zum Glück war Elkanah Harrington zur Stelle und drängte den unheimlichen Kerl zurück. »Sie bleibt bei mir!«

»Das wird sie nicht. Ich habe für ihre verdammte Überfahrt bezahlt. Dafür schuldet sie mir was!«

Elkanah Harrington hob die Fäuste. »Verlassen Sie auf der Stelle mein Grundstück!« Sein Gegenüber lachte. Es klang übernatürlich laut in Brianas Ohren. Eine Tür schlug zu, dann hörte sie Glocken. Kirchenglocken. Sie sah einen geöffneten Sarg und erkannte die wächsernen Gesichtszüge ihres Retters. Phoebe kauerte neben ihm. Sie weinte. Ströme von Tränen ergossen sich auf ihren Vater, die schon bald den gesamten Sarg füllten. Elkanahs Kopf verschwand allmählich unter Wasser. Doch dann riss er plötzlich die Augen auf und Briana zuckte zusammen.

»Ma’am!« Jemand rüttelte sie an der Schulter. »Ma’am, entschuldigen Sie, aber wir brauchen mehr Verbandszeug.«

Briana kam zu sich. Im Schein der Öllampe erkannte sie einen der Offiziere. Sie nickte benommen und setzte sich auf. Unbedacht fuhr sie sich mit der Hand über ihr Gesicht und bemerkte zu spät, dass diese völlig blutverschmiert war. Sie hasste diesen metallischen Geruch! Er brachte so viele Erinnerungen zurück.

»Ma’am, es ist wirklich dringend!«

»Ich beeile mich.« Briana erhob sich von der Fensterbank, auf der sie sich zusammengerollt hatte. Wo waren Phoebe und ihre Mutter? Sie wankte in die Küche, die zum Lagerraum umfunktioniert worden war. Seit Tagen befand sich Ellicott’s Mills im Ausnahmezustand. Die Schlacht von Monocacy hatte nun auch ihnen all das Leid gebracht, welches das Land schon seit drei Jahren zermürbte. Sie hatten es einzig Camp Johnson, das bereits zu Beginn des Krieges direkt neben dem Mädchenpensionat errichtet worden war, zu verdanken, dass es nicht eher zu Kampfhandlungen gekommen war. Dort war das 12. Regiment der New Jersey-Infanterie stationiert worden, um die Eisenbahnlinie zu schützen.

Ein Hoch auf die Eisenbahn, welch Glück sie doch für diese Region war, dachte Briana und verzog spöttisch den Mund. Seit dem Tod ihrer Verwandten konnte sie keine Züge mehr ansehen, ohne an den Tag zurückzudenken, an dem ihr alles genommen worden war. Eilig griff sie nach den zerschnittenen Bettlaken. Neben ihr ertönte ein Schluchzen.

»Phoebe?« Die Freundin hatte sich in dem Bereich verkrochen, den die Öllampen kaum ausleuchteten. Sie kauerte auf dem Fußboden, die Schultern zuckten und sie hatte den Kopf in den Händen vergraben. Briana hielt inne. »Was ist los, Phoebe?«

»Ich kann das nicht mehr. Dieses ganze Blut …« Sie sah auf. Ihr Gesicht war verquollen, die Lippen bebten.

»Willst du die Männer sterben lassen?« Briana wickelte die Bettlaken zusammen. »Sie haben alle für dieses Land gekämpft. Für uns.«

»Ich bekomme das Geräusch der Knochensäge nicht mehr aus meinem Kopf. Und wenn ich noch ein weiteres Operationsmesser abkochen und säubern muss, dann übergebe ich mich!«

»Dann tu es, wenn es dir hilft«, entgegnete Briana ungerührt.

Die Bilder der schrecklichen Verstümmelungen, der offenen Bauchverletzungen, aus denen Organe hervorblitzten, der blankliegenden Knochen und amputierten Gliedmaßen hatten sich auch in Brianas Gedächtnis gebrannt, aber sie bemühte sich, gefasst zu bleiben, auch wenn es ihr bisweilen schwerfiel. Am schlimmsten war das Geschrei der Verwundeten. Es endete niemals. Tag und Nacht hallte es durch das Haus.

Die Schlacht von Monocacy hatte den Konföderierten einen ungeahnten Sieg geschenkt und die Unionstruppen zurückgedrängt. Sie zogen sich bis nach Ellicott’s Mills zurück. Wegen der vielen Verwundeten wurden die meisten Häuser der Stadt, die Kirchen und das Pensionat zu Feldlagern für die Soldaten umfunktioniert. Jede Familie des Ortes half, wo sie nur konnte. Im Haus der Harringtons waren mindestens fünfzig Verletzte untergebracht, im angrenzenden Garten noch einmal so viele. Allerdings nur die aussichtslosen Fälle. Die, die Schusswunden am Kopf, im Bauch- oder Brustbereich aufwiesen. Sie wurden zum Sterben aussortiert.

Briana drückte Phoebe das Bündel mit den zerschnittenen Laken in die Hand. »Geh hinaus und gib das dem diensthabenden Offizier. Er weiß, was zu tun ist.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst das. Ich muss mich waschen.« Briana ging zu ihrer Freundin, griff nach deren Arm und zog sie auf die Beine. Sofort klammerte sich Phoebe an sie. Ihr Schluchzen berührte Briana, doch sie vergoss keine Tränen. Seit jenem Tag im Herbst, als sie Biddys und Caidens Leichen gefunden hatte, weinte sie nicht mehr. Sie beklagte sich auch nicht mehr. Weder über die Ungerechtigkeit des Schicksals noch über den Verlust geliebter Menschen oder das Unbehagen, bei einer Familie zu leben, die ihr fremd geblieben war.

»Zwing mich nicht dazu, bitte! Was ist, wenn in einem der Betten auf einmal Joseph liegt?«

»Wenn er hier liegt, dann ist er zumindest nicht tot.« Briana schloss für einen kurzen Moment die Augen und drückte Phoebe an sich. Dann sammelte sie sich. »Geh jetzt!«, beharrte sie, schob die Freundin von sich und deutete auf die Tür.

Phoebe huschte hinaus und Briana stellte sich ans Fenster, um durchzuatmen. Sie hatte dieselben Ängste, auch wenn sie das niemals ausgesprochen hätte. Sie vermisste Joseph, seit er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte. All die Jahre war er der Einzige gewesen, dem sie vertraute. Jemand, der verstand, was in ihr vorging. Er war ein Mitwisser und ein Leidensgenosse, auch wenn sie niemals wieder über das schreckliche Ereignis gesprochen hatten, das sie verband. Es schwebte wie eine böse Gewitterwolke über ihren Leben und Briana erkannte jedes Mal die Scham in Josephs Augen, wenn er sie ansah. Wortlos teilten sie die Schmach darüber, sich tatenlos in ihr Schicksal gefügt zu haben. Es quälte sie, selbst wenn ihnen bewusst war, dass sie noch Kinder gewesen waren. Er hatte nie mehr ihre Hand gehalten, obwohl sie sich in den letzten Jahren oft gewünscht hatte, er würde es tun. Für sie war Joseph wie das Stroh, das man in ihrer Heimat Irland zwischen die Steine der Häuser gestopft hatte, um den eisigen Wind vom Eindringen abzuhalten. Doch nun war er fort. Briana fröstelte.

Die Morgendämmerung erhellte den Horizont und das spärliche Licht enthüllte die Schatten des Grauens. Briana erkannte Agathe Harrington, Phoebes Mutter. Sie schritt durch die Verwundeten, die im Garten am Boden lagen. Ab und an bückte sie sich, schloss starre Augen und verweilte kurz im stummen Gebet. Seit ihr Mann vor etwa sechs Jahren gestorben war, trug sie Trauerkleidung. Elkanah Harrington war an einem klaren Wintertag zum Fischen an den Patapsco River gegangen. Er kehrte nie wieder zurück. Man fand seine erstarrte Leiche eine Woche nach seinem Verschwinden sieben Meilen südwestlich am verschneiten Ufer. Vermutlich war er beim Fischen in den Fluss gefallen und ertrunken, sagte der Polizeibeamte. Briana glaubte nicht daran. Sie hatte diesen Mann namens Henricks im Verdacht, der eines Tages bei ihnen aufgetaucht war, um sie mitzunehmen. Doch wieder einmal wagte sie nicht, den Mund aufzumachen. Zum einen, um Phoebe und ihre Mutter vor der unliebsamen Wahrheit zu schützen, zum anderen, um den Hass auf ihre Landsleute nicht noch mehr zu schüren.

Die Magees waren für lange Zeit die letzten Iren, die man in Ellicott’s Mills sah. Immer häufiger tauchten Schilder an den Geschäften auf, die kundtaten, was die meisten dachten: ›Keine Arbeit für Iren! Ihr seid hier nicht willkommen!‹. Ihre Landsleute hatten keinen guten Stand im gelobten Amerika. Ebenso wenig wie die Schwarzen. Bereits vor dem Bürgerkrieg spürte man die Spaltung der Bevölkerung, selbst in einem kleinen Städtchen wie Ellicott’s Mills. Nachbarn begannen, sich wegen ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten anzufeinden. Die Leute fingen an, einander zu misstrauen. Sie kamen Briana wie Hunde an der Kette vor, die sich über Jahre hinweg ankläfften und nur darauf warteten, bis man sie endlich losließ. Mit dem Ausbruch des Sezessionskrieges zerbrach der Ort. Die Männer gingen fort, um zu kämpfen. Ein Teil hielt zum Norden, die anderen standen dem Süden zur Seite. Obwohl Maryland sich bemühte, neutral zu bleiben, sagte es sich am Ende nicht von der Union los und einige Familien verließen Ellicott’s Mills für immer, um hinter der Grenze in Virginia unter der Flagge der Konföderierten ein neues Leben zu beginnen.

Briana lauschte dem Stöhnen und den Schmerzensschreien der Männer und fragte sich, ob deren Verwundungen sie nun eines Besseren belehrten. Verschwand ihr Hass im Angesicht des Todes? Erschauernd wandte sie sich ab und ging in den Garten hinaus. Sie stellte sich an die Schwengelpumpe und ließ sich das Wasser über Hände und Arme laufen. Dann wusch sie sich das Gesicht.

»Es werden immer mehr.« Agathe Harrington fand sich an ihrer Seite ein. »Es heißt, obwohl die Unionisten geschlagen wurden, hat die Schlacht General Early davon abgehalten, unsere Hauptstadt anzugreifen.« Ihr Blick schweifte fahrig über das Massenlager im Garten. »All diese Männer sind verwundet worden oder fielen, um Washington, D.C. zu schützen.«

Briana trocknete sich die Hände an der völlig verschmutzten Schürze ihres Kleides ab. »Vielleicht war das die entscheidende Wendung in diesem Krieg. Unsere Truppen haben inzwischen Verstärkung erhalten und die Konföderierten hinter den Potomac zurückgedrängt«, erwiderte sie. »Diese Niederlage war womöglich bedeutender als jeder Sieg.«

»Ich bete dafür. Die Kämpfe müssen endlich aufhören. Auf den Feldern vor Frederick sollen noch über tausend Tote und Verwundete liegen. Ich kann mir diese Zahl nicht einmal vorstellen.« Agathe Harrington sah so erschöpft aus, wie man nur aussehen konnte, wenn man seit einer Woche kaum geschlafen hatte. »Wir waren hier in Sicherheit. Ich habe nicht gewollt, dass meine Mädchen das miterleben müssen.«

»Es war ein Wunder, dass wir bisher verschont wurden. Machen Sie sich keine Sorgen um uns, wir stehen das durch.«

Agathe Harrington strich Briana über die Wange. »Du bist stark, meine kleine Irin.« Ein winziges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Dabei bist du nicht mehr klein. Du bist eine Frau, sieh dich nur an. Das seid ihr beide. Ich bin so froh, dass Phoebe in dir eine Schwester gefunden hat. Es war mir stets eine Freude, dich in unserem Haushalt zu haben.«

Briana trat einen Schritt zurück. »Ich werde sehen, ob ich drinnen gebraucht werde.« Kaum drehte sie sich um, schon stieß sie gegen Phoebe.

»Aus dem Weg!« Die Freundin stürzte an ihr vorbei, bevor sie sich vornüberbeugte und zu würgen begann.

»Was ist los, mein Kind?« Agathe Harrington war sofort zur Stelle und tätschelte ihrer Tochter fürsorglich den Rücken.

»Wieder einmal eine Amputation.« Phoebe rang nach Atem, bevor sie sich erneut übergab. »Ich kann das nicht mitansehen.«

Agathe Harrington warf Briana einen Blick zu und diese reagierte sofort. »Ich kümmere mich darum.« Eilig setzte sie ihren Weg fort.

Das Geschrei wies ihr die Richtung. Dr. George Otis, der wegen des ständigen Einsatzes der Knochensäge von allen nur Sawbones genannt wurde, ging routiniert seiner Arbeit nach. Briana stellte sich neben den wachhabenden Offizier, der zum einen darauf achtete, dass die verwundeten Soldaten der Konföderierten nicht flohen, und zum anderen dem Arzt assistierte, wenn niemand sonst zur Stelle war.

»Ihrer Schwester ist der Anblick nicht bekommen«, bemerkte er, ohne Briana anzusehen.

Sie unterließ es, ihn über das Verwandtschaftsverhältnis zu Phoebe aufzuklären, und fragte stattdessen: »Weshalb ist es nötig, ständig zu amputieren? Ist das nicht ein großes Risiko?«

»Ma’am«, der Offizier schien überrascht an ihrem Interesse, »das liegt an den Kugeln.« Briana runzelte die Stirn und er fuhr fort: »Die Kugeln der Bajonette, besonders das .58er Kaliber, sind aus Weichblei. Bis auf 1000 Yards sind sie eine tödliche Gefahr. Wenn diese Minié-Geschosse auf Knochen treffen, dehnen sie sich aus. Sie hinterlassen Löcher groß wie Flaschenböden. Treffen diese Geschosse auf Innereien, dann richten sie eine Schweinerei an, wie es die Rundkugeln der Musketen niemals verursachen würden.« Er wiegte betrübt den Kopf hin und her. »Zersplitterte Knochen, zerfetzte Muskeln und Arterien kann niemand mehr flicken. Deshalb ist es wichtig, die betroffenen Gliedmaßen zu entfernen, bevor es zu Wundbrand kommt.«

Briana beobachtete den Arzt. Sie kannte die Prozedur und hatte sich an den Anblick gewöhnt. Nachdem mit dem Skalpell durch Haut und Muskeln geschnitten worden war, legte man den Knochen frei. Seitlich wurden jeweils längere Hautlappen erhalten, die dazu dienten, den Stumpf zum Schluss ordentlich zu verdecken. Anschließend wurde der Knochen durchgesägt und die Arterien mit Pferdehaar abgebunden, bevor Dr. Sawbones das Ende des Knochens rund feilte, um zu verhindern, dass eine Spitze die Hautlappen durchstach. Zum Schluss wurde alles mit der überlappenden Haut bedeckt und bis auf eine Drainage-Öffnung gut vernäht und verbunden. Die meisten Patienten überlebten. Gefährlich wurde es nur dann, wenn auf der Wunde jener schwarze Fleck in der Größe eines Dimes auftauchte, der den gefürchteten Wundbrand kennzeichnete. Wenn es möglich war, wurde erneut amputiert, aber in den meisten Fällen bedeutete Wundbrand den Tod.

Briana fing den Blick des Arztes auf und nickte. Er war mit dem Vernähen des Beinstumpfs fertig, wusch seine Instrumente kurz in einer Schüssel mit kaltem Wasser aus und verlangte nach dem nächsten Patienten. Gemeinsam mit dem Offizier hievte sie den gerade Operierten auf eine Trage, um ihn zu seinem Lager auf dem Boden zu transportieren. Dort angekommen legten sie ihn ab und Briana machte sich daran, die Bandage anzulegen. Sie hatte in den letzten Tagen gelernt, das ordnungsgemäß zu tun.

»Kommen Sie zurecht, Ma’am?« Der Offizier berührte sie an der Schulter.

»Es geht mir gut«, versicherte Briana.

»Wenn Sie fertig sind, sehen Sie nach den anderen Patienten. Achten Sie auf Fieber und kontrollieren Sie die Wunden.«

»Das mache ich, Sir.« Sie hörte, dass er ging, und konzentrierte sich darauf, die Laken fest, aber nicht zu stramm zu wickeln.

»Werde ich sterben?« Der Patient stöhnte. Tränen hatten Spuren durch sein schmutziges Gesicht gezogen.

»Nein, das werden Sie nicht«, versicherte sie automatisch.

»Ich muss zu Claire. Wir wollten heiraten, wir …...« Er verstummte und Briana sah auf. Die gnädige Ohnmacht hatte ihn endlich erlöst. Der Nachschub an Chloroform ließ auf sich warten, und die meisten Männer wurden nur mit der halben Dosis behandelt. So blieben einige während der Prozedur wach. Sie spürten nichts, merkten aber sehr wohl, was mit ihnen geschah. Manche durchlebten den Horror schweigend und bleich, gefangen im Schock des Augenblickes, andere schrien und riefen die Namen ihrer Liebsten.

In stillen Momenten fragte sich Briana, ob Joseph ebenfalls auf irgendeinem Behandlungstisch lag und schrie. Der Gedanke brachte sie beinahe um den Verstand, doch die Vorstellung, dass er dabei womöglich ihren Namen rief, machte den Kloß in ihrem Hals nur größer. Aus diesem Grund beschäftigte sie sich. Sie tat alles, was von ihr verlangt wurde, nur um nicht nachdenken zu müssen.

Erst am späten Nachmittag wusch sie sich erneut im Garten, bevor sie sich einige Aprikosen aus der Schüssel neben der Tür holte und sich erschöpft gegen den Zaun lehnte. Agathe Harrington kochte über offenem Feuer im Freien. Der Nachbar hatte ihr ein Stück Schinken gebracht und es sah aus, als hätte sie daraus einen Eintopf gemacht. Sicher enthielt er mehr Gemüse als Fleisch und wurde durch viel Wasser gestreckt, um all die Soldaten satt zu bekommen. Die Unionsarmee war so damit beschäftigt, die Konföderierten zurückzudrängen und ihre gesunden Soldaten zu versorgen, dass es um die Nahrungsmittellieferungen für die Verwundeten nicht gut bestellt war. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit halfen sich die Einwohner von Ellicott’s Mills wieder gegenseitig.

»Mrs Harrington!« Der bucklige Toby, der Postbote des Ortes, kam die Straße entlang und winkte. Niemand im Ort sah ihn momentan besonders gerne, denn für gewöhnlich überbrachte er während des Krieges ausschließlich Todesnachrichten. Briana beeilte sich, zu ihm zu gehen, um Agathe Harrington nicht zu beunruhigen.

»Hast du etwas für uns, Toby?« Nervös knetete sie ihre Hände.

»Ich habe hier die neueste Ausgabe von Beadles Groschenroman für Miss Phoebe.« Er grinste verschmitzt. »Das wird sie gewiss ablenken.«

Briana bemerkte, dass sie die Luft angehalten hatte, und bemühte sich um Entspannung. »Ich danke dir, Toby. Hoffentlich bekommst du deswegen keinen Ärger.« Sie nahm das Heft entgegen und lächelte ihn an. Er hatte von Geburt an ein verkrüppeltes Bein und einen krummen Rücken, weshalb er sich noch immer in der Stadt und nicht im Krieg befand. Toby verehrte Phoebe, doch sie beachtete ihn kaum.

»Nicht doch!« Das Grinsen des jungen Mannes wurde breiter. »Das fällt im Hotel seit Jahren niemandem auf. Es könnte auch ein Gast mit aufs Zimmer genommen haben.«

Tobys Mutter war die Köchin des Patapsco Hotels, in dem momentan hauptsächlich verwundete Offiziere und Generäle der Konföderierten untergebracht und als Gefangene verhört wurden.

»Gibt es Neuigkeiten von den Schlachtfeldern?«

»Es gibt weiterhin Kämpfe im Shenandoah Valley. Angeblich haben die Unionisten bei Purcellville einen Versorgungszug von General Early angegriffen. Ich glaube, dass die Südstaatler nicht mehr über den Potomac hinauskommen werden.«

»Das ist gut.« Briana stockte, bevor sie eine weitere Frage stellte: »Gibt es neue Todesnachrichten?«

»Ich habe ein Telegramm an Mrs Abraham zugestellt. Ihr Mann ist bei Fort Stevens gefallen.«

Briana schämte sich für die Erleichterung, die sie überkam, und fügte schnell hinzu: »Möchtest du Aprikosen, Toby?«

»Und ob!« Der Junge wartete am Zaun, bis sie mit den süßen Früchten zu ihm zurückkam.

»Lass es dir schmecken.«

»Danke, Miss Briana. Und richten Sie Miss Phoebe Grüße von mir aus.« Er biss in eine Aprikose, ignorierte den Saft, der ihm über das Kinn lief, und humpelte davon.

Briana sah ihm hinterher. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus. Sie fand Phoebe in ihrem Zimmer. Sie lag im Bett, die Hände auf die Ohren gepresst.

»Toby hat dir etwas vorbeigebracht«, sagte Briana lauter als gewöhnlich. »Geht es dir gut?«

»Ich habe geschlafen«, gestand Phoebe und senkte die Arme. »Aber das Stöhnen und die Schreie haben mich geweckt.« Mit einem Leuchten in den Augen griff sie nach dem Heftchen. »Toby ist ein Schatz!«

Briana beobachtete sie. Obwohl Phoebe etwas älter als sie selbst war, kam ihr die Freundin oftmals wie ein Kind vor.

»Der Shawnee Spion«, las Phoebe vor und klatschte in die Hände. »Das klingt vielversprechend.«

Unter Phoebes Bett stapelten sich die monatlichen Ausgaben der sogenannten ›Dime Western‹, Heftchen für 5 Cent, die sie sich regelmäßig kaufte oder von Toby auslieh. Im Schein der Öllampe las sie jeden Abend daraus vor und mehr als einmal schlief Briana in ihrer Kammer ein, während sie Bilder von Revolver schwingenden Cowboys, ungezähmten Mustangs, niederträchtigen Rinderdieben und skalpierenden Indianern in ihre Träume begleiteten.

»Eines Tages«, murmelte Phoebe. »Eines Tages werde ich in den Westen gehen und einen Cowboy heiraten.«

»So ein Unsinn!« Briana schüttelte den Kopf. »Du solltest Toby heiraten. Er mag dich.«

Phoebe verzog den Mund. »Dasselbe sagt Mutter auch immer. Aber ich will keinen Mann mit einem missgestalteten Bein und einem Rücken krumm wie eine Banane.«

»Er hat die gleichen Interessen wie du.«

»Dann hättest du Joseph heiraten sollen. Vielleicht wäre ihm dadurch der Krieg erspart geblieben. Ihr hättet mich in den Westen begleiten können.«

Die Bemerkung gab Briana einen Stich. »Er wollte etwas Ehrenvolles tun«, antwortete sie, doch Phoebe schüttelte den Kopf.

»Was gibt es Ehrenvolleres, als ein fürsorglicher Ehemann zu sein?«

Die romantischen Gedanken ihrer Freundin konnte Briana nur schwer nachvollziehen. Dafür hatte ihr das Leben schon zu viel Realität beschert.

Phoebe deutete ihr Schweigen falsch. »Joseph wird zu dir zurückkehren, denn Onkel Dave ist bei ihm. Er passt auf ihn auf. Genauso, wie er immer auf unsere Familie aufgepasst hat. Ganz besonders nach Vaters Tod. Er ist ein guter Mensch.«

»Er kämpft für den Süden.«

»Seine Familie stammt von dort. Er ist der Tradition verpflichtet.«

Briana presste die Lippen aufeinander. Obwohl sie es besser wusste, war es nicht ihre Aufgabe, Phoebe über das wahre Gesicht ihres Onkels aufzuklären. Sie verachtete Dave Colbert, hasste ihn im selben Maß, wie sie ihn fürchtete. Aber sie schwieg. Jahrelang lebte sie nun im Haus der Harringtons. Sie trug Phoebes Kleider auf, kochte, putzte, machte die Wäsche und schlief in der winzigen Kammer unter dem Dach. Elkanah hatte sein Versprechen ihr gegenüber gehalten und sie wollte das ihre nicht brechen.

»Kannst du mich ablösen?«, fragte sie stattdessen. »Ich möchte mich vor dem Abendessen kurz hinlegen. Du solltest deiner Mutter helfen.«

Phoebe rollte mit den Augen. Ihr war anzusehen, dass sie am liebsten sofort mit dem Lesen begonnen hätte. »Ist das wirklich nötig?«, jammerte sie.

Briana spürte die Resignation, die sie oft überfiel, wenn sie mit der Freundin zusammen war. Phoebe tat die meiste Zeit, was ihr gefiel. Als Einzelkind wurden ihr niemals Grenzen gesetzt und seit dem Tod des Vaters war sie nur noch mehr verhätschelt worden. Briana hoffte manchmal, dass Phoebe eines Tages von selbst begriff, was ihre Pflichten waren, aber dem war nicht so.

»Ich bin müde«, beharrte Briana und Phoebe stand endlich auf.

»Ist ja gut«, murrte sie. »Ich gehe hinunter. Aber wenn dieser unheimliche Arzt wieder zur Säge greift, dann wecke ich dich.«

»In Ordnung.« Briana ging vor ihr zur Tür hinaus und stieg die Leiter ins oberste Stockwerk hinauf. Sie mochte ihre Kammer, auch wenn es hier im Winter eiskalt und im Sommer sengend heiß wurde. Aber der Raum bot ihr eine Rückzugsmöglichkeit und trennte sie von Phoebe und ihrer Mutter.

Erschöpft setzte sie sich auf ihr Bett und zog das lederne Notizbuch aus ihrem Nachtkästchen. Elkanah hatte es ihr einst geschenkt. Es war für Schreibübungen gedacht gewesen. Der Hausherr war der Ansicht, seine Tochter könnte Briana im Schreiben unterrichten, da sie wegen der Arbeit im Haushalt nicht zur Schule ging. Doch Phoebe fehlte dafür die Muße und so hatte Briana angefangen, darin zu zeichnen. Sie besaß Talent und verarbeitete seitdem ihre Erlebnisse in Bildern. Sanft strich sie über den abgewetzten Ledereinband. Das Buch war ihr Heiligtum. In ihm hielt sie alles fest, was ihr wichtig war. Momente, Menschen, Orte. Sie hatte vor vielen Jahren auch versucht, ihre Eltern und ihre Geschwister zu zeichnen, aber es waren eher Schattierungen als richtige Skizzen geworden. Sie muteten wie die Regenwolken über Irland an, real und doch Tausende Meilen entfernt.

Vorsichtig schlug sie es auf und nahm die Anstecknadel mit der roten Hand an sich. Sie war das einzige Erinnerungsstück an ihre Verwandten und sollte ihr bewusst machen, dass ihr Onkel etwas Böses getan hatte. Briana drehte die Nadel zwischen den Fingern, legte sie in das Buch zurück und blätterte um. Nachdenklich betrachtete sie die Skizzen von Biddy und Caiden. Das tat sie jeden Tag. Sie hatte Angst, die Erinnerungen an sie könnten ebenso verblassen wie jene an ihre Eltern in Connacht, von denen sie nicht einmal wusste, ob sie noch am Leben waren. Manchmal dachte sie darüber nach, mit Phoebes Hilfe einen Brief an ihre Familie aufzusetzen. Darin hätte sie jedoch erklären müssen, was mit ihrer Tante geschehen war und warum sie nicht nach Irland zurückkehrte, sondern jetzt bei fremden Menschen lebte. Diese Wahrheit wollte und konnte sie weder ihren Eltern noch Phoebe anvertrauen. Tief in ihrem Inneren verachtete sie sich dafür, dass sie an jenem Tag im Herbst nicht mutiger gewesen war. Denn am Ende hatte sie dabei geholfen, ein Verbrechen zu vertuschen. Ihre Selbstachtung erlag den Versuchungen von Malkreide, Puppen und regelmäßigen Mahlzeiten, während ihre irische Abstammung unter bonbonfarbenen Corsagenkleidern verschwand. All das waren Dinge, auf die sie nicht stolz war, die sie aber hatten überleben lassen.

Sie blätterte weiter nach hinten, dort, wo es noch leere Seiten gab, nahm einen Stift zur Hand und begann, den Berg von abgetrennten Gliedmaßen zu zeichnen, der sich im Laufe des Tages neben Dr. Sawbones ansammelte. Die Dinge, die sie sah, wurden für sie oft weniger schlimm, wenn sie sich vorstellte, wie sie sie am besten zu Papier bringen konnte. Ihre Gedanken lösten sich unter ihren Fingern auf und sie verlor sich in den Details der entsorgten Arme und Beine. Der Geruch des Blutes wurde von dem des Graphits überlagert und Briana genoss die Ruhe, die sie überkam. Zeichnen versetzte sie meist in einen tranceartigen Zustand, in dem sie keine Kälte und keine Hitze spürte, keinen Hunger und keinen Durst.

»Bri!« Phoebes Rufe hörte sie erst, als diese die Leiter hinaufstieg. Eilig legte sie Stift und Notizbuch zur Seite und sah auf. Phoebes Kopf lugte durch die Öffnung im Boden. »Du überhörst mich wohl mit Absicht«, empörte sich die Freundin.

»Was ist los?« Briana blinzelte sich in die Gegenwart zurück.

»Es kommen neue Verletzte. Ein ganzer Pferdewagen voller Soldaten steht vor unserem Haus. Der Arzt möchte, dass du die aussichtslosen Fälle aussortierst und in den Garten bringen lässt. Ich helfe Mutter derweil beim Verteilen des Abendessens.«

»Ich komme.« Briana strich sich die hochgesteckten Haare glatt und stieg hinter Phoebe die Leiter hinab. Im unteren Stockwerk angekommen, hörte sie bereits den Tumult vor dem Haus.

»Die schweren Arm- und Beinverletzungen sofort zu mir!«, rief Dr. Sawbones, und das übliche Geschrei der Verwundeten übertönte den Rest seiner Worte.

Phoebe schlenderte zurück in den Garten, während Briana sich für das wappnete, was sie gleich zu sehen bekam. Kaum trat sie aus der Haustür, schon stellte sich der diensthabende Offizier an ihre Seite. Inzwischen war es ein anderer als der, der sie am Morgen geweckt hatte. Sie kannte ihn von seinen früheren Einsätzen. Sein linker Arm steckte in einer Schlinge.

»Ich warte auf Ihre Anweisungen, Ma’am«, sagte er.

Briana wusste längst, dass es den Soldaten schwerfiel, ihre verwundeten Kameraden mit dem X zu versehen, das sie als chancenlosen Fall kennzeichnete. Aus diesem Grund überließen sie die Entscheidung nur zu gerne ihr, auch wenn sie lediglich eine Hilfskraft und keine ausgebildete Krankenschwester war.

»Gut, fangen wir an.« Sie nickte Dr. Sawbones zu, dessen Schürze blutbeschmierter als die eines Metzgers war. »In den Garten«, befahl sie beim Anblick des ersten Mannes, der schon halb von der Ladefläche gerollt war. »Ins Haus. Ins Haus. In den Garten.« Sie musste sich rasch entscheiden und die abgestellten Soldaten reagierten sofort. Dr. Sawbones folgte seinen Patienten nach drinnen und Briana drehte einen weiteren Verwundeten, der die Uniform eines Konföderierten trug, auf den Rücken.

»Heilige Maria!« Entsetzt sprang sie zurück.

»Erstaunt, mich zu sehen?« Dave Colbert, Phoebes Onkel, verzog seine blutverkrusteten Lippen zu einem Lächeln. »Was für ein Zufall, dass ich ausgerechnet in meinen verfluchten Heimatort gebracht werde und dann auch noch in das Haus meiner Schwester. Werde ich jetzt festgenommen?«

Brianas Herz überschlug sich beinahe und das altbekannte Gefühl des Hasses überkam sie.

»Ma’am, gibt es ein Problem?« Der Offizier an ihrer Seite sah sie an.

Briana zögerte. Ihr Blick flog über Daves Kleidung, suchte sie nach Einschusslöchern und den charakteristischen Haut- und Knochenfetzen ab, die eine schwere Verletzung von einem Streifschuss oder dem Blut, das von den Wunden der umliegenden Verletzten stammte, unterschied.

»Ma’am?«, wiederholte der Offizier.

»In den Garten«, erklärte Briana und wartete ab, bis Dave Colbert vom Wagen gehoben worden war.