Leseprobe Das Mädchen im Schatten

Kapitel 1

Die Rollen des Koffers ratterten über das Kopfsteinpflaster, während die Mittagssonne gnadenlos auf Charlotte Morin hinabbrannte. Es war lang her, dass sie die Hitze Südfrankreichs auf ihrer Haut gespürt hatte. Die war es anscheinend gar nicht mehr gewohnt, so viel Sonnenlicht absorbieren zu müssen, was Charlotte bereits nach wenigen Minuten den Schweiß auf Stirn, Dekolleté und Rücken getrieben hatte. Da half auch ihr luftiges Sommerkleid nicht, das sie auf der Flughafentoilette gegen das enge Kostüm eingetauscht hatte. Wie ihre Kleidung hatte sie ihr altes unbequemes Leben von sich gestreift und war in ein neues geschlüpft. Sie trug ein Outfit mit Blumenprints, Schmetterlingsärmeln und einem Schnitt, der ihr nicht die Luft abschnürte.

Während sie der breiten Straße folgte, zog sie ihren Koffer an den Häusern vorbei, die bereits seit Jahrhunderten im Familienbesitz waren. Aufmerksam registrierte sie jede Veränderung. Viele waren es nicht. Tatsächlich glaubte Charlotte, dass die einzigen Unterschiede die Pflanzen in den Kübeln und Gärten und auf den Fensterbänken der Bewohner darstellten. Charlotte fühlte sich wieder wie das kleine Mädchen, das hier aufgewachsen und mit den Nachbarskindern durch die Straßen gerannt war.

Wie aufs Stichwort raste eine Gruppe Kinder um eine Ecke. Kreischend und lachend sausten sie an Charlotte vorbei und verschwanden genauso schnell, wie sie gekommen waren um die nächste Ecke, bis ihr Gelächter verebbte.

Was blieb, war die Stille, die an diesem heißen Mittag das Dorf beherrschte. Die Hitze und die schwüle Luft hatten die übrigen Dorfbewohner in ihre Häuser getrieben. Bis auf die Kinder schien es, als hielte der gesamte Ort einen Mittagsschlaf.

Charlotte passierte die Steinhäuser mit den bunten Fensterläden. An den rauen Wänden kletterten Efeu, Flieder oder Wein empor und wogen in der Brise, die zu Charlottes Bedauern nur wenig Abkühlung bot. Immer wieder klopfte ihr Herz schneller, wenn die Erinnerungen auf sie einströmten. Die Straßen, auf denen sie Steine mit Kreide bemalt und mit den anderen Kindern Seilspringen gespielt hatte. Die Gärten, aus denen sie hier und da eine Rose gepflückt hatte, um sie stolz ihrer Mutter zu präsentieren.

Hastig schüttelte Charlotte diese Erinnerungen ab. Sie eilte an verschiedenen Hauseingängen vorbei, in denen sich Katzen verkrochen hatten. Von Neugierde getrieben, öffneten sie die Augen, um zu sehen, wer an ihnen vorbeigerauscht kam. Denn dieses schnelle Tempo waren sie von den Bewohnern sicher nicht gewohnt.

Tatsächlich war die Eile eine lästige Eigenart, die Charlotte mit ihrem Gepäck aus London mitgebracht hatte.

Doch nun hielt sie inne, um sich zu orientieren. Ein Moment der Ruhe, der Raum für das Zwitschern der Spatzen und stete Surren der Grillen bot, das sich in der Hitze ausbreitete.

Mit der Hand schirmte sie die Augen vor der Sonne ab. Nervös blickte sie sich um. Sie war angekommen. Erleichtert ließ sie die angehaltene Luft aus den Lungen entweichen und stöckelte auf das kleine freistehende Haus zu. Es war umgeben von einem morschen Holzzaun, hinter dem sich ein kleines Paradies offenbarte. Kräuter, Lavendel, Rosmarin wuchsen durch die Ritzen der Bretter. Hinter ihnen teilten sich üppige Rosenbüsche die Herrschaft über den Garten, der nur zur Linken eine kleine Rasenfläche zeigte, die in eine Terrasse aus Kalkstein überging.

Charlotte öffnete mit zittrigen Händen das Tor und trat auf den Weg, der zum Eingang führte.

Die rechte Fassade des Hauses war mit Flieder überwuchert, dessen schwere Blüten sich nur träge im Wind wiegten und ihren Duft im Garten verströmten. Für Charlotte hatte der Geruch so viel Vertrautes und Tröstliches, dass er sich wie eine warme Umarmung anfühlte.

Im Hauseingang lag eine rot-getigerte Katze. Lächelnd beugte sich Charlotte zu ihr hinunter und kraulte sie hinter den Ohren. Dann erhob sie sich mit einem Seufzen, nahm die Sonnenbrille sowie den Sonnenhut ab und klopfte an die Tür. Es dauerte einige Sekunden, bis ein Geräusch im Inneren des Hauses zu vernehmen war.

»Charlotte Yorkshire! Ich weiß nicht, wann ich dich das letzte Mal gesehen habe, aber es muss Ewigkeiten her sein. Bonjour!« Eine kleine vollbusige Frau, gekleidet in ein blaues knielanges Kleid, das die Sicht auf mit Äderchen durchzogene Waden freigab, stürzte aus der Tür und zog Charlotte in eine kräftige, aber herzliche Umarmung, wobei sie ihr die Luft herauspresste. Sie legte die dicken Wangen an ihre und deutete zwei Küsschen an.

»Ich heiße wieder Morin«, korrigierte Charlotte Tante Bernadine, nachdem diese sie aus ihrer Umarmung entlassen hatte. Ein verlegenes Lächeln huschte über Charlottes Lippen, während sie versuchte, den Schmerz in ihrer Brust niederzukämpfen.

Bernadine zog die Augenbrauen hoch. Kurz erfüllte nur das Schnaufen ihres hektischen Atems das Schweigen. »Ah, merde! Diese Männer!« Sie lachte, stupste ihr mit dem Ellenbogen in die Rippen, was Charlotte ein Keuchen entlockte, packte ihren Koffer und wuchtete ihn in das Haus.

»Das ist nicht nötig, Tante –«, begann Charlotte, doch das kehlige Lachen der ergrauten Frau ließ sie verstummen.

»Ah, non, non!« Sie drehte sich in dem schummrigen Hausflur zu ihr um und kniff ihr in die Wange. »Alors, sieh dir das an.« Tadelnd schüttelte sie den Kopf und klatschte ihr grob auf die Wange. »Du bist viel zu dünn, Mädchen. Früher, da hattest du noch etwas auf den Rippen.«

»Ich war neun, Tante Bernadine«, gab Charlotte zurück, während sie noch überlegte, ob sie sich nun geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte.

Bernadine grunzte und zuckte die Achseln. »Neun, neunundzwanzig, was macht das für einen Unterschied?« Sie wandte sich um und watschelte nach rechts in die Küche. »Jetzt bist du erst einmal hier und du isst was. In ein paar Tagen wirst du nicht mehr so kränklich aussehen.«

Charlotte verdrehte schmunzelnd die Augen, als sie in den Türrahmen der kleinen Landküche trat. Der Duft von Fleisch in Rotweinsoße und Rosmarin schlug ihr entgegen.

Tante Bernadine hatte sich einen Handschuh über die Hand gezogen und holte ein Brot aus dem Ofen. Der süßliche Duft vermischte sich augenblicklich mit dem des Fleisches.

Charlottes Magen zog sich zusammen. Das erste Mal seit … Sie schüttelte den Kopf und atmete gegen die Schnur um ihren Hals an.

»Ich sage dir, Mädchen«, donnerte Tante Bernadines Stimme durch den heißen Raum, »es liegt daran, dass ihr so dünn seid. Deine Mutter … oh, là, là, die Männer waren verrückt nach ihr, sag ich dir … und wie ist sie gestorben?«

Sie ließ den Braten auf ein Brett knallen, stieß ein Messer hinein und drehte sich mit schweißnassem Gesicht zu Charlotte um, die mit gequältem Ausdruck im Türrahmen auf der Stelle trat. Sie wollte nicht an den Tod ihrer Mutter erinnert werden. Zumindest nicht mehr als nötig. Ihr Heimatort trat schon genügend Erinnerungen wie Lawinen los. Noch schmerzhafter war die Tatsache, dass ihre Mutter nicht da war, um sie in dieser schweren Zeit zu begleiten.

»Einsam und mit einem gebrochenen Herzen.«

Charlotte zuckte bei diesen Worten zusammen. Tante Bernadine schnitt ein Stück vom Braten ab und deutete dann mit dem Messer auf sie. »Mädchen, ich sage dir, es wäre nicht geschehen, wenn sie ordentlich Fleisch auf den Rippen gehabt hätte.«

Charlotte presste die Lippen aufeinander. Tante Bernadine hatte schon immer fragwürdige Ansichten gehabt. Aber auch wenn Charlotte zerbrechlicher als je zuvor war, ließ sie sich von den Aussagen ihrer Tante nicht verunsichern. Schließlich kannte sie den wahren Grund, warum ihre Ehe gescheitert war. Trotzdem versetzten die Worte ihr einen leichten Stich. Nicht weil es sie verletzte, sondern vielmehr, weil Charlotte sich vorstellte, was nun für ein hitziger Streit entfacht wäre, wenn ihre Mutter noch gelebt hätte.

Ihre Mutter war nach der Scheidung, die mehr einer Schlammschlacht geglichen hatte, regelmäßig in ihren Heimatort zurückgekehrt, bis sie schließlich hierher gezogen und kurz darauf gestorben war.

Seit jeher hatte Charlotte auch keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Nicht, dass sie ein schlechtes Verhältnis hatten. Aber sie beide hatten sich nie bemüht, die Verbindung aufrecht zu erhalten, bis sie letztendlich verkümmert war.

»Warum hast du dann keinen Mann?«, flutschte es aus Charlotte heraus. Bereits in der Sekunde, in der die Worte ihre Lippen verlassen hatten, schlug sie sich die Hand vor den Mund. Es musste die Müdigkeit sein, die sie nun dem gereizten Wesen ihrer Mutter näherbrachte, als ihr lieb war. »Es tut mir leid … ich wollte nicht –«

Tante Bernadine drehte sich ein weiteres Mal um und musterte ihre Nichte ernst, ehe ein breites Grinsen auf ihre Lippen trat. »Mädchen, was soll ich sagen? Ich habe eine große Klappe. Welcher Mann soll damit umgehen?« Sie brach in Gelächter aus, das schepperndem Blech glich.

Tante Bernadine knallte ein dickes Stück Fleisch auf Charlottes Teller, dazu Kartoffeln und Gemüse mit einer dunkelbraunen Soße. Dann zerrte sie Charlotte in die Sitzecke, schob ihr den Teller zu und setzte sich ihr gegenüber. »Erzähl mir, Mädchen, ich habe dich so lange nicht gesehen, was machst du?« Tante Bernadine stützte den Kopf auf ihre Hand und sah Charlotte wissbegierig an.

Verlegen widmete sich Charlotte ihrem Essen. Sie mochte es nicht, so angestarrt zu werden. Sie empfand es als aufdringlich, hatte sie schon immer, besonders, wenn sie in der Tube gesessen hatte, eingepfercht zwischen Schlipsträgern und Touristen. Hatte sie da jemand angestarrt, war sie sofort nervös geworden und meist hatte Röte schnell ihr blasses Gesicht gefärbt.

»Was macht das Schriftstellerleben?«, fuhr Tante Bernadine fort, als Charlotte zu lang zögerte.

Wieder eine Sache, an die Charlotte ungern erinnert werden wollte, obwohl sie genau deswegen hier war. Sie blickte in die Augen ihrer Tante, die sie bohrend musterte. »Na ja. Ich … ich habe schon lange nichts mehr zu Papier gebracht.«

»Aber du warst doch so erfolgreich.«

Charlotte lächelte und ließ das zarte Fleisch in ihrem Mund zergehen. »Ja, ein paar Bestseller.«

»Merde, Mädchen. Sag es doch mit Stolz und nicht so verlegen.« Tante Bernadine lachte, stand dann auf und widmete sich dem Abwasch. Sie war schon immer eine Frau gewesen, die nie länger als einige Sekunden sitzen bleiben konnte. »Und dein Exmann?«, fragte sie nach einer kurzen Pause und zierte sich offenbar nicht, dieses Thema anzusprechen. »Warum hat er dich verlassen?«

Charlotte gefror zu Eis, fast wäre ihr das Fleisch im Hals stecken geblieben.

»Oh, tut mir leid, Kindchen, ich wollte dir nicht auf die Füße treten.« Tante Bernadine drehte sich wieder um und zuckte die Achseln.

Charlotte schob den Teller von sich und erhob sich. »Ist es noch das alte Zimmer?«

»Natürlich und denk dran: Fühl dich wie Zuhause.«

Charlotte schlich aus der Küche.

»Kindchen!«, rief Tante Bernadine noch einmal. »Sei nicht traurig. Es gibt viele hübsche Männer hier im Ort.« Sie zwinkerte ihr über die Schulter hinweg zu.

Charlotte zwang sich ein Lächeln auf, nickte und flüchtete dann in den Flur, schnappte sich den Koffer und hievte ihn die schmale Treppe hinauf. Die Stufen ächzten und als sie oben angekommen war, knarzten die Dielen.

Drei Zimmer lagen vor ihr. Rechts ein altes Nähzimmer, von dem Charlotte nicht einmal wusste, ob Tante Bernadine es nutzte. Links befand sich Charlottes Zimmer und geradeaus ein Bad. Links herum den Flur hinab lag das Zimmer ihrer Mutter. Die Tür war verschlossen und als Charlotte so dastand und die laue Brise an den Beinen spürte, fühlte sie sich kurz wieder, als wäre sie neun Jahre alt. Nur für einen Augenblick fühlte sie die Leichtigkeit ihrer Kindheit, spürte, wie leicht es war zu lächeln. Doch mit dem nächsten Knarzen des Holzbodens kehrte Charlotte zurück in die Gegenwart. Da war wieder diese Schwere auf ihrer Brust.

Tief atmete sie ein und zerrte den Koffer in ihr Zimmer.

Es war wie früher. Ein großes Bett bestehend aus einem Metallgestell, das an Kopf- sowie Fußende mit verschlungenen Lilien verziert war. Eine Matratze, die mit einem blumigen Überwurf bedeckt war. Der Schreibtisch und der alte Bauernschrank zu ihrer Rechten. Das große Fenster, das zum Balkon hinaus führte, war geöffnet, sodass die warme, nach Flieder duftende Luft hineinströmte und die weißen Gardinen im Wind tanzen ließ.

Seufzend ließ Charlotte sich auf das Bett sinken, das ein empörtes Quietschen von sich gab. Empört, weil es so lange nicht mehr benutzt worden war. Sie rieb sich das müde Gesicht, spürte das kalte Metall ihres Eherings um ihren Finger. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie ihn betrachtete. In guten wie in schlechten Tagen.

Sie lachte verbittert und schüttelte den Kopf. Es schien die größte Lüge der Menschheit zu sein. Die Wahrheit war, dass man sich gern in der Gesellschaft von Menschen in guten Tagen wusste, doch sobald diese vorüberzogen – und das taten sie – schien ein Schwur, der vor Gott geleistet worden war, nichts mehr wert zu sein. Die schlechten Tage wurden zu schwer, zu lang und warfen einen Schatten über eine Beziehung, die so lange gehalten, aber offenbar nur auf guten Tagen gefußt hatte. Sie hatten ihre Ehe auf wackelige Säulen gestellt, ohne es zu wissen.

 

»Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wie ich in die Chester Road komme?« Charlotte hielt einen gehetzt wirkenden Mann an, der gerade in Hörweite war. Es waren ihre ersten Minuten in London und schon war das Mädchen, das in einem Dorf aufgewachsen war, vollkommen überfordert mit so viel Tumult, Menschen und Straßennamen.

Entgegen ihrer Erwartung blieb der Mann stehen. Er trug teure Designerkleidung, maßgeschneidert, wie Charlotte vermutete. Auf seinen Lippen zeigte sich ein strahlendes Lächeln, das Charlotte unmittelbar in seinen Bann zog. Blaue Augen strahlten ihr entgegen. Seine schwarzen Haare waren zu einer ordentlichen Frisur gegelt. »Oh, da sind Sie hier ganz falsch«, sagte er mit einem Blick auf ihre Karte und lächelte auf sie hinab. Er roch nach teurem Parfum und sie spürte sein Selbstbewusstsein, das sie magisch anzog.

Er deutete auf den Ausgang der U-Bahnstation hinter ihr. »Sie hätten an der anderen Seite rausgehen müssen. Das passiert schon mal.« Kurz blickte er auf seine teure Uhr. »Kommen Sie, ich begleite sie. Die Straße ist schwer zu finden.«

»Das ist so freundlich von Ihnen.« Charlotte stolperte hinter ihm her.

Nach nur wenigen Minuten hatte er sie auf den richtigen Weg gebracht und führte sie in die Chester Road. »Da sind wir«, sagte der Mann, ehe er ihr die Hand reichte. »Ich bin übrigens Maxwell Yorkshire.«

»Charlotte Morin.« Sie ergriff seine Hand.

»Morin.« Er lächelte. »Klingt französisch. Was führt Sie her?«

»Meine Autorenkarriere.«

Anerkennend hob Maxwell die Brauen. »Dann kann ich jetzt behaupten, eine Autorin zu kennen?«

Charlotte lachte. »Das können Sie wohl.«

Maxwell musterte sie kurz. »Wissen Sie, was mir mehr gefallen würde?«

»Wenn Sie mal mit einer Autorin einen Kaffee trinken gehen würden?«

Maxwell lachte. »Ja. Und der Kaffee ginge auf mich. Was sagen Sie?«

 

Charlotte drehte den Ring zwischen ihren Fingern und kämpfte mit den Tränen, ehe sie kurz die Augen schloss, um sich zu sammeln. Dann verstaute sie ihn in der Nachttischschublade. Damals hatte sie niemals geglaubt, dass Maxwell, der immer ihr Fels gewesen war, sie in ihrer dunkelsten Zeit allein lassen würde. Ihre Ehe war Stück für Stück zerbrochen. Wie ein Haarriss, der sich durch das gesamte Porzellan gefressen hatte, ehe eine kleine Erschütterung zum Bruch geführt hatte. Charlotte war daraufhin geflohen. Hatte London, die Stadt, die im gleichen Takt ihres Herzens pulsierte, und ihre luxuriöse Penthouse-Wohnung hinter sich gelassen, um Schutz in ihrer Heimat zu finden. Vom Chaos in die Idylle des kleinen Dorfes in Südfrankreich. Charlotte redete sich ein, dass ihre Flucht nur von kurzer Dauer sein würde. Sie wollte die Zeit nutzen, um ihre Wunden heilen zu lassen und wieder einen klaren Kopf für ihre Romane zu finden. Doch schon im Flieger hatte sie tief in ihrem Inneren gewusst, dass sie hier keine Linderung finden würde. Die würde sie nirgendwo finden. Es war ein Besuch auf Zeit, so redete Charlotte es sich ein. Aber sie war sich sicher, dass sie nicht zurückkehren konnte.

Stöhnend sprang Charlotte auf und trat auf den Balkon hinaus. Die schwüle Hitze des Nachmittags umfing ihren Körper, in dem seit mehr als einem Jahr schon eisiger Winter herrschte. Die warme Brise spielte mit ihrem braunen Haar und küsste ihre Haut. Tief atmete sie die frische Luft ein. Sie war so anders als in London. Frisch und so gemächlich, dass es sie fast mit Ruhe erfüllte, während die Luft in London verschmutzt war und voller Hektik vibrierte. Eine Hektik, die ihr immer gefallen, aber nicht wirklich gutgetan hatte.

Vielleicht würde sich Charlotte hier nun wieder ihren Büchern widmen können. Ihren Liebesromanen, an deren Ende stets ein Happy End wartete.

So lang hatte sie schon nicht mehr über diese Lügen schreiben können. Charlottes Finger umklammerten die Brüstung des Balkons. Sie holte tief Luft, während sie hastig die Tränen fortblinzelte.

Sicherlich würde es ihr helfen, wenn sie sich erst einmal eingewöhnt hatte. Vielleicht sollte sie mit anderen Menschen wieder in Kontakt kommen. Monatelang hatte sie sich in einer dunklen Wohnung abgeschottet, vor sich hinvegetiert.

Noch einmal holte sie tief Luft, atmete das Leben ein, mit dem Wunsch, es würde sie von Neuem erfüllen.

 

In den Tagen darauf begleitete Charlotte Tante Bernadine in den Ortskern des Dorfes, das sogar morgens noch verschlafen wirkte. Die Bewohner schienen nur von der Kühle der Nacht belebt und auf die Straßen und in die Läden hinausgelockt.

Tante Bernadine watschelte schwerfällig mit ihrem Weidenkorb über das Kopfsteinpflaster. Jeden Versuch, den Charlotte unternommen hatte, ihr den inzwischen gut gefüllten Korb abzunehmen, war in schnaufender Empörung untergegangen. »Kindchen, ich bin zwar alt, aber zäh.«

Tante Bernadine schob Charlotte in ein Blumengeschäft, das sich – wie die anderen Läden auch – in einem der alten Häuser aus rohem Stein befand.

»Bonjour, Madame Morin«, piepste die Stimme einer zierlichen Dame.

»Bonjour, Madame Grenoir«, polterte Tante Bernadine.

Beinahe glaubte Charlotte, dass sie die Vasen in den Regalen an der hinteren Wand hatte wackeln sehen.

»Nimm dich vor ihr in Acht. Das hier ist der Dreh- und Angelpunkt allen Geschwätzes, das durch dieses Dorf geht«, flüsterte Tante Bernadine für ihre Verhältnisse leise und stupste Charlotte mit einem Zwinkern in die Seite.

»Wer ist denn diese hübsche Dame?«, fragte Madame Grenoir. Neugierde flackerte in ihren Augen. Sie trippelte um den Tresen herum. Dabei sackte sie nach vorn, sodass ihr Rücken einen leichten Buckel bildete. Ihre gütigen Augen musterten Charlotte von oben bis unten.

»Das ist Charlotte Morin, meine Nichte«, antwortete Tante Bernadine und schob sich etwas zwischen die beiden Frauen. »Hast du Tulpen hier? Oder Lilien? Was ist mit Lilien?« Tante Bernadine sah sich in dem kleinen Laden um, der vollgestopft mit Blumen jeglicher Art war.

Ihr Duft vermischte sich und kitzelte in Charlottes Nase. Sie fühlte sich plötzlich wieder wie ein Kind, nur war ihre Mutter nicht hier.

»Einen Moment. Ich muss die Sträuße für Monsieur Michel fertig binden.« Die alte Dame wuselte wieder hinter ihren Tresen und machte sich über einen üppigen Strauß Rosen her. »Ist er nicht ein wundervoller Mann? Er schenkt seiner Frau und seiner Tochter jede Woche einen Strauß Blumen.«

Tante Bernadine grunzte mit einem Nicken und rümpfte desinteressiert die Nase.

Madame Grenoirs Augen leuchteten. Es schien sie nicht zu kümmern, dass Tante Bernadine keine Lust auf eine Unterhaltung hatte. »Monsieur Michel lässt mir immer ausrichten, wie sehr sich die beiden über die Sträuße gefreut haben und dass dies der beste Blumenladen weit und breit ist«, sagte Madame Grenoir, wobei sie den Rücken durchstreckte, sodass sie mit geschwellter Brust hinter ihrem Tresen stand.

»Das hier ist der einzige Blumenladen weit und breit«, gab Tante Bernadine zurück und kassierte einen Ellenbogenhieb von Charlotte. »Was? Es ist die Wahrheit«, murrte sie auf Charlottes tadelnden Blick hin.

Madame Grenoir rümpfte beleidigt die Nase und band den zweiten Strauß – ein kleinerer mit weißen Rosen. »So, sollen es nun Lilien oder Tulpen sein?«, fragte sie mit plötzlicher Ungeduld.

»Bonjour die Damen«, vibrierte in diesem Moment eine basstiefe Stimme und zerriss die unangenehme Stimmung.

Charlotte fuhr zusammen und blickte über ihre Schulter. Der Mann betrat den Laden mit einer Haltung, als würde er ihm gehören. Er war groß und breit gebaut, ein Lächeln zierte seine Lippen, ließ seine grünen Augen strahlen und die Lachfalten noch tiefer wirken. Charlotte schätzte ihn auf Ende 30. Er schien viel Zeit in der Sonne zu verbringen. Sein braunes Haar war grau meliert. »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte er und schob die Hände in seine Leinenhose. Die Falten um seine Augen gewannen an Tiefe. Ein Funkeln lag in seinem Blick, das sicherlich die ein oder andere Frau umgehend in ihren Bann zog.

Aber das Letzte, was Charlotte wollte, war ein Flirt, auch, wenn er ihr Typ war. Er besaß eine ruhige Ausstrahlung und sicherlich das Charisma, einen Saal voller Menschen dazu zu bringen, ihm zuzuhören. Und genau das erinnerte Charlotte so sehr an Maxwell, dass sie sich mit einer hastigen Bewegung wegdrehte, den Blick zu Boden gerichtet.

Zeitgleich wandte sich der Mann an Madame Grenoir. »Ich komme wegen den …«

»Den Sträußen, ja, Monsieur Michel, kommen Sie rein, kommen Sie rein.« Als hätte man einen Schalter umgelegt, war Madame Grenoir nun wieder geschwätzig wie zuvor. »Wie geht es Ihrer Frau und Ihrer Tochter?«, fragte sie, während sie die Blumen in Papier einwickelte.

Monsieur Michel wippte auf den Füßen vor und zurück. »Oh, denen geht es ganz ausgezeichnet, vielen Dank, meine Frau lässt liebe Grüße ausrichten.«

Madame Grenoir machte einen verzückten Laut und tippte dann eifrig den Preis in die Kasse. »Das macht dann fünfunddreißig Euro.«

»Hier sind vierzig, behalten Sie den Rest.« Monsieur Michel schob das Geld über den Tresen, nahm die Sträuße und zwinkerte Madame Grenoir zu, die ihn mit strahlenden Augen anhimmelte.

»Au revoir, die Damen«, sagte Monsieur Michel, während sein Blick an Charlotte hängen blieb. Anscheinend versuchte er, sie einzuordnen.

»Tschüss«, hauchte Charlotte.

Tante Bernadine brummte. Sie sah nur kurz zu ihm hinüber.

Er trat aus dem Laden, hinterließ aber den herben Duft seines Parfums, das durch die träge Luft schnitt und angenehm in Charlottes Nase kitzelte.

Tante Bernadine watschelte nach vorn zum Tresen, um ihre Bestellung aufzugeben.

Danach verließen sie den Laden mit einem großen Strauß duftender Lilien und zwei kleinen Bündeln Tulpen.

»Magst du Monsieur Michel nicht?«, fragte Charlotte, die sich über die kühle Reaktion ihrer Tante gewundert hatte.

Tante Bernadine grunzte. »Ich kenne ihn nicht besonders gut. Er wohnt dort hinten auf einem großen Grundstück, am Rande der Felder.«

Sie war stehen geblieben und deutete auf einen Wald, der sich hinter den goldenen Feldern erstreckte. »Er ist ’n reicher Schnösel, der sich im Anwesen seiner verstorbenen Schwiegereltern breitgemacht hat.«

Charlotte sah sie verständnislos an. »Das macht ihn natürlich gleich viel unsympathischer«, gab sie sarkastisch zurück.

Sie seufzte und lief weiter. »Kindchen, in einem kleinen Dorf wie diesem wird viel getratscht, besonders über merkwürdige Leute.« Sie zwinkerte und stupste Charlotte, dieses Mal sanfter, in die Seite.

Charlotte wollte fragen, was sie damit schon wieder meinte, doch ihre Tante kam ihr zuvor. »Aber ich schreibe niemandem vor, wie er sein Leben zu leben hat.«

Nachdenklich blickte Charlotte auf die hohen Pappelbäume, die sich zum Himmel streckten und das Grundstück zu umrahmen schienen. Merkwürdige Leute. Charlotte ließ die Worte noch einmal durch ihren Kopf kreisen. Zwar waren es nur wenige Minuten gewesen, aber Monsieur Michel hatte keinen merkwürdigen Eindruck auf sie gemacht. Was immer das auch bedeuten sollte. Er hatte wie ein höflicher Mann gewirkt. Tatsächlich belustigte Charlotte der Gedanke, dass ein höflicher Mann, der mit seiner Familie abseits des Dorfes lebte und seiner Frau regelmäßig Blumen schenkte, von den Dorfbewohnern als merkwürdig abgestempelt wurde. Obwohl Charlotte lange nicht hier gewesen war, wusste sie dennoch, wie eigenbrötlerisch und eingeschworen diese Gemeinde war. Lieber machte sie sich einen eigenen Eindruck von den Menschen hier, obwohl sie soziale Kontakte gerade eher weniger reizten.

Sie war hauptsächlich aus anderen Gründen hier, was sie daran erinnerte, dass sie morgen versuchen würde zu schreiben. Vielleicht würde sie endlich etwas zu Papier bringen. Den ersten Schritt hatte sie bereits getan. Sie hatte die schwarze Kleidung dazu verdammt, ein tristes Dasein in ihrem Koffer zu fristen. Dafür trug sie ein weißes Sommerkleid mit blauen Schwalben darauf. Der Wind, der von den Feldern herwehte, spielte mit dem Saum ihres Kleids und mit ihren Haaren, als würde er sie willkommen heißen.

Lächelnd hielt sie die Nase in den Wind und atmete noch einmal tief ein, genoss die Wärme der Sonne auf ihrer Haut. Das erste Mal durchströmte sie eine leise Zuversicht. Vielleicht könnte sie eines Tages heilen. Vergessen würde sie diese schmerzlichen Erfahrungen nie, aber sie würde heilen. Es war das erste Mal, dass sie Zuversicht schöpfte.