Leseprobe Das Licht der Vergangenheit

33

Kurz darauf hielt er den Wagen am Waldrand an und führte sie einen schmalen Pfad entlang tiefer in das Dickicht hinein. Das dichte Blätterdach trennte sie auf mystische Weise vom hellen Tageslicht und tauchte die Umgebung in ein schummriges Zwielicht, nur unterbrochen von vereinzelt durchbrechenden Sonnenstrahlen. Ihm fiel auf, dass sich Melanies Aura, sobald sie in den Wald eingetaucht war, beruhigt hatte und die ungezähmte Energie, die stets unter der Oberfläche brodelte, schien durch die mystische Atmosphäre dieses uralten Ortes besänftigt.
Als der Weg schmaler wurde, deutete er ihr, vorzugehen und während er ihr folgte, beobachtete, wie sie scheinbar mühelos die Orientierung behielt. Da war es wieder. Melanyas Erbe. Und er fühlte sich um sieben Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt, als sie zielstrebig an Sträuchern, umgefallenen Bäumen und moosbewachsenen Steinen vorbeiging, bis sie auf einer kleinen Lichtung ankamen, wo vor siebenhundert Jahren Melanyas Häuschen gestanden hatte. Hier war der Ursprung. Hier hatte alles begonnen. An diesem Ort hatte Melanya von Eleonora, ihrer Großmutter, gelernt und hatte ihre Magie praktiziert, Zauber gesprochen, geheilt und war mit den alten Göttern in Verbindung getreten. Hier hatte sie ihn vor so langer Zeit von den Todgeweihten zurückgeholt. Hier hatte er sie geliebt und hier hatte sie ihn verflucht. Kieran schluckte sein Unbehagen hinunter und schüttelte die Vergangenheit, die auch nach all der Zeit noch mit ihren unheilvollen Fängen nach ihm griff, ab.
Heute war von all dem, was an diesem Ort geschehen war längst nichts mehr zu sehen. Schon vor langer Zeit hatte die Natur diesen Platz zurückerobert und von der Hütte war nichts mehr übrig geblieben. Doch wo, wenn nicht hier, würde sie lernen, mit ihrem Erbe umzugehen?

Melanie sah sich um, drehte sich langsam im Kreis und sog die Energie der Umgebung geradezu in sich auf. Sie konnte die Ruhe spüren, die von diesem Ort ausging, aber auch die Magie. Doch es war keine ungestüme, brodelnde Kraft, sondern es schien, als wäre sie im Einklang mit der Natur, als hätten die alten Götter selbst diesen Ort geweiht. Das Moos und das Grün der Bäume waren saftiger und die Farben der Blumen intensiver. In sattem Violett, gelb, rot und orange, blühten die Blüten um die Wette, genauso wie in strahlendem Weiß. Die Tautropfen auf den Blättern der Pflanzen funkelten wie Millionen Diamanten und tauchten die Lichtung in glänzendes Licht. Melanie lauschte den Vögeln, die in perfekter Harmonie ihre Melodien zwitscherten und konnte den lauen Wind im Blätterdach der Bäume über sich hören. Einige Sonnenstrahlen drangen durch die Wolken hindurch und tanzten nun fröhlich zwischen den Frühlingsblumen.
Kieran zog seine Jacke aus, sodass sie darauf Platz nehmen konnte und reichte ihr einen Beutel.
„Ich denke, wir fangen mit den Basics deiner Magie an.“ Er fischte einen Stein aus dem Beutel und hielt ihn locker in seiner Faust. „Damit du deine Kräfte beherrschen lernst, musst du sie zuerst einmal verstehen. Sie sind eng mit Irland verbunden und mit diesem Ort ganz speziell“, er deutete um sich. „Der Ursprung deiner Fähigkeiten liegt im Glauben der Kelten. Deine Vorfahren lebten zu einer Zeit, in der die heidnischen Götter noch immer großen Anhang hatten und sie besaßen die Gabe, mit ihnen in Kontakt zu treten und standen in direkter Verbindung mit den Kräften der Natur. Ich denke, es wird dir helfen, wenn wir üben, diese zu nutzen.“ Er sah sie an und öffnete seine Hand. Darauf lag ein Stein, in dessen Oberfläche ein fremdartig aussehender Buchstabe eingeritzt war.
„Kennst du die Bedeutung von Runensteinen?“
„Meine Großmutter hatte ein Buch darüber. Es waren die Schriftzeichen der Kelten und es wurden ihnen magische Fähigkeiten zugeschrieben wie zum Beispiel Schutz.“
„Das stimmt, die Kelten wanderten so um die sechshundert Jahre vor Christi Geburt nach Irland aus. Doch nirgends ist ihr Erbe so deutlich zu spüren wie hier. Zu meiner Zeit, im dreizehnten Jahrhundert, hatte der Glaube an ihre Götter noch immer die Zeit überdauert, noch heute wird in vielen Teilen Irlands Gälisch gesprochen und damals waren es noch viel mehr. Das Erbe der Kelten ist allgegenwärtig.“
„Ich habe gelesen, dass in eure Schwerter Runen eingraviert worden waren, um einen glorreichen Sieg und eine unbescholtene Heimkehr zu sichern.“
„Auch das ist richtig.“ Er verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen. „Doch wie man sieht, hat es nicht immer funktioniert.“ Er räusperte sich. „Wie auch immer. Ich reiche dir nun einige Runen und erkläre dir ihre Bedeutung.“
Melanie öffnete ebenfalls ihre Hand und er legte den Stein hinein. Sogleich spürte sie ein Brennen, das ihren gesamten Arm hinaufschoss. Erschrocken sog sie die Luft ein und Kieran reagierte sofort und nahm den Stein wieder an sich. Besorgt sah er sie an. „Was ist los?“
Melanie rieb sich über ihre brennende Hand. „Ich war nur überrascht. Kannst du es nicht fühlen?“
„Was denn?“
„Die Energie, die von der Rune ausgeht. Sie ist so stark.“
Kieran schüttelte den Kopf. „Ich spüre nichts.“
„Lass uns weitermachen.“ Bestimmend sah sie ihn an.
„Bist du sicher?“
„Ja.“ Entschlossen nahm sie den Stein und ließ seine Kräfte auf sich wirken. Nun, da sie wusste, was auf sie zukam, nahm sie das Brenn zwar wahr, fühlte jedoch keinen Schmerz. „Was bedeutet er?“, fragte sie neugierig.
„Das ist das Symbol für Ghrian … Sonne.“
Sie prägte sich das Schriftzeichen sorgfältig ein. „Gut, den nächsten.“
Kieran angelte sich erneut einen Stein aus dem Beutel und reichte ihn ihr mit den Worten. „Der steht für Cré … Erde.“ Es folgte ein Stein nach dem anderen und Melanie lernte konzentriert und schnell. Es war, als würden die Runen zu ihr sprechen und es fühlte sich wie das Natürlichste auf der Welt an, ihre Magie zu fühlen.
„Das war der letzte.“ Kieran lächelte ihr nach einiger Zeit zu und sammelte alle Runen wieder ein. Er gab sie zurück in den Beutel und nahm Melanies Hand. „Das war wirklich sehr gut. Aber jetzt bist du dran. Zieh einen und sag mir, was er bedeutet.“
Melanie steckte ihre freie Hand in das Säckchen, fischte einen heraus und schwieg.

„Wofür steht er?“, fragte Kieran nach. Er hatte das Gefühl, als wäre sie plötzlich ganz weit weg.
Lange sah sie ihn eindringlich an und ihn beschlich das unangenehme Gefühl, sie könne direkt in seine Seele blicken.
„Mel?“ Er fühlte sich absolut nicht wohl in seiner Haut.
„Eagna … Weisheit“, murmelte sie schließlich, ohne auf den Stein zu sehen. „Was beschäftigt dich, Kieran?“, mit durchdringendem Blick sah sie ihn an und kurz glaubte er, Melanya würde ihm gegenübersitzen. Kieran fühlte sich sogleich unwohl.
„Was meinst du?“, fragte er zögerlich und bereute seine Worte sofort.
„Ich kann deine Aura fühlen.“
Erst meine Seele und nun auch meine Aura. Wie kann das sein? Er hatte doch das Gesöff von Luzifer getrunken, das genau dies verhindern sollte.
„Was meinst du?“, wiederholte er sich und ihm war völlig bewusst, dass er wie ein begriffsstutziger Volltrottel klang. „Ich meine: Was fühlst du?“ Er saß wie auf Nadeln und wartete gespannt. Was, wenn sie ihn hier und jetzt enttarnte? Er wollte sie noch nicht töten.
„Dich quält etwas. Du verbirgst es tief in dir und doch ist es dein ständiger Begleiter.“ Unaufgefordert nahm sie seine Hand und konzentrierte sich darauf.
„Ich fühle einen tiefen Groll in dir, ja, sogar Hass. Er frisst dich von innen her auf, macht dich getrieben, rastlos und verhindert, dass du jemals zur Ruhe kommst.“ Sie hob den Blick und sah ihn direkt an. „Du stehst vor einer Kreuzung, doch um dich herum ist nur Abgrund.“
Fassungslos starrte er sie an und brachte kein Wort heraus, während sein Puls raste.
Abrupt ließ Melanie seine Hand los und sprang auf. „Meine Güte, Kieran, es tut mir leid. Ich bin zu weit gegangen.“ Sie tigerte auf der Lichtung auf und ab und er starrte ihr zutiefst verwirrt nach.
„Normalerweise blicke ich auf den Jahrmärkten nicht so tief. Die Leute wollen wissen, ob sie die Liebe finden werden, ob der Partner sie betrügt, oder sie jemals reich werden … Doch bei dir … Ich weiß auch nicht, es war so leicht, fast als hätten wir eine Verbindung.“
Sie kam zurück zu ihm und setzte sich vor ihn, nahm seine Hände in ihre, doch sein Gesichtsausdruck blieb verschlossen. Stein für Stein baute er die Mauer stärker und höher um sich auf, die ihm bereits so viele Jahrhunderte als Schutz diente.
Liebevoll und mitfühlend sah sie ihn an. „Vielleicht kann ich dir helfen.“
„Das kannst du nicht“, erwiderte er schroff. Jedenfalls nicht lebend. Wenn er sie getötet und sich endlich an Melanya gerächt hatte, würde er seinen Seelenfrieden schon finden. Da legte sie ihre Hand behutsam auf seine Wange und strich zärtlich darüber. Das Gefühl ihrer warmen Haut auf seiner ließ sein Innerstes tosen wie die stürmischste See. Seit siebenhundert Jahren war er nicht mehr gestreichelt worden. Jedenfalls nicht so. Uneigennützig und umsorgend. Er war kein Mann, der liebkost wurde. Wenn er mit Frauen zusammen war, dann fickte er sie. Hart und leidenschaftlich. Er war kein Typ für Streicheleien. Aber warum fühlte sich Melanies Hand dann so verdammt gut an? Es war, als würde sie nur mit dieser einen schüchternen Berührung seine rastlose Seele besänftigen. Als er in ihre warmen Rehaugen sah, versank er darin wie zuletzt als verliebter Jüngling. Dann näherte sich ihr Gesicht und sein Blick glitt zu ihren sinnlichen Lippen.
„Bitte, Kieran, lass mich dir helfen“, hauchte sie an seinen Mund und dann küsste sie ihn. Zart und schüchtern und so unendlich süß und er merkte, wie sie erneut mühelos seinen Schutzwall zum Einstürzen brachte. Was hatte sie nur an sich, dass sie ihm derartig unter die Haut ging? Und wie schaffte er es, diesem einfühlsamen Wesen zu widerstehen? Zum ersten Mal in seinem jahrhundertelangen Dasein als Engel und Gefallener interessierte sich jemand dafür, wie es ihm erging. Tausend Gedanken und längst verborgene Gefühle strömten unbarmherzig auf ihn ein, Wut, Reue, Mitgefühl und Hass drehten ihn durch die Mangel und spuckten ihn dann völlig durcheinander und aufgewühlt wieder aus, während er alle Mühe hatte, die zarte Liebe, die ewige Zeiten unter den Trümmern seiner Vergangenheit verschüttet gewesen war, erneut in den Tiefen seiner Seele zu verscharren.
Da fuhr Melanie ihm voller Zärtlichkeit durch die Haare und spielte mit jenen in seinem Nacken. Es war eine unschuldige Geste: lieblich und absolut betörend und er konnte nicht verhindern, es zu genießen. War es falsch, den Moment auszukosten und sich seinen Empfindungen hinzugeben? Und seit wann kümmerte es ihn überhaupt, ob etwas richtig oder falsch war?
Kurzentschlossen packte er sie an der Taille und zog sie zu sich, sodass sie rittlings auf ihm saß. Überrascht keuchte Melanie auf, aber dann schenkte sie ihm ein Lächeln, dass einladend, sinnlich und verführerisch war. Stürmisch eroberte er ihren Mund und ließ keinen Zweifel daran, wer die Führung übernahm. Er streifte ihre Jacke ab, schob ihr das Shirt über ihren Kopf und konnte den Blick nicht von dem sündhaften BH aus zarter Spitze abwenden. Ihre wundervollen, kleinen Brüste lockten ihn geradezu, sie zu befreien. Also tat er es und wurde das lästige Kleidungsstück mit nur einer Handbewegung los, dann widmete er sich ihnen, nahm sie in seinen Mund, umkreiste ihre Spitzen, spielte damit und saugte daran. Melanie keuchte und die süßen Laute, die sie vor Entzückung ausstieß, spornten ihn weiter an. Er wollte sie zum Stöhnen bringen und dazu, dass es sein Name war, den sie in Ekstase schrie.
Er hielt es kaum noch aus, wollte sie spüren, sich mit ihr verbinden und tief in ihr sein, so zog er sich sein Shirt aus, packte sie an der Taille und drehte sich mit ihr herum, sodass sie unter ihm im weichen Moos zu liegen kam. Schnell befreite er sie von ihrer Hose und warf auch seine achtlos zur Seite. Dann kam er zu ihr und platzierte sich vor ihrem Eingang, sie war so feucht und so bereit für ihn, dass ihm beinahe schwindelig wurde. Ein kurzer Blick in ihre vor Leidenschaft glühenden Augen verriet ihm, dass sie es ebenso sehr wollte wie er. Schnell verdrängte den aufblitzenden Gedanken, dass er sie lieben wollte, langsam, sanft und voller Hingabe, in seine hinterste Gehirnwindung. Stattdessen würde er sie nehmen, wie er es immer tat. Schnell, hart und bedeutungslos. Es ist bloß ein Fick, redete er sich ein, nichts weiter. Doch den animalischen Drang, der sich tief in ihm breitmachte und ihm diktierte, sie zu besitzen und zu markieren, konnte er nicht verleugnen.
Er drang in sie ein und verharrte kurz, um ihr nicht wehzutun, gab ihr Zeit, sich an seine Größe zu gewöhnen, denn sie war so verflucht eng. Jedoch nicht unberührt. Kurz durchblitzte ihn Ärger, dass irgendein Mistkerl es gewagt hatte, sie vor ihm zu nehmen. Doch dann schob Melanie seine Gedanken beiseite, indem sie besitzergreifend seine Hüften packte und ihn noch tiefer in sich schob. Es war der Himmel auf Erden. Sie war so weich und feucht und eng, dass es ihm die Sinne raubte. All die Frauen, mit denen er geschlafen hatte, Hunderte, ja, sogar Tausende, bei keiner hatte er jemals gespürt, was er hier an diesem Ort mit ihr empfand. Damals mit Melanya und nun auch mit Melanie. Was war es, das sie so verflucht besonders machte? Sie liebkost meine Seele, berührt mein Innerstes und gelangt mühelos dorthin, wo niemand Zutritt hat.
Kieran hielt verwirrt inne. Woher war dieser Gedanke gekommen? Er blickte auf Melanie hinab, unfähig, sich zu bewegen. Verwirrung und Erregung fochten einen tosenden Kampf in ihm. Er wollte weg. Weit weg. Sie war zu nahe, zu intensiv und zu gefährlich für sein verschüttetes Gefühlsleben, das er erfolgreich jahrhundertelang tief in sich vergraben und nicht mehr angerührt hatte. Sein Körper war gespannt wie eine Bogensehne kurz vor dem Abschuss, Schweiß trat auf seine Stirn und sein Atem kam stoßweise. Er war so kurz davor, aufzuspringen und sie hinter sich zu lassen, aber gleichzeitig wollte er an keinem anderen Ort lieber sein, als hier mit ihr, in ihr. Sein gehetzter Blick glitt über ihr Gesicht und blieb an ihren wunderschönen braunen Augen hängen, die ihn besorgt und voller Verständnis ansahen. Dann legte sie ihre Handfläche an seine Wange, hielt sein Gesicht umfangen und sogleich spürte er die Wärme, die ihn durchfloss und sich wie Balsam um sein aufgewühltes Inneres legte, ihn beruhigte und ihn wie ein unsichtbares Band bei ihr hielt.
Es war ein magischer Moment, mitten in dem uralten Wald voller mystischer Energie und als ihre Wärme ihn einhüllte, fühlte er sich seltsam angekommen. Eine Ruhe durchströmte ihn, die er seit Jahrhunderten nicht mehr verspürt und schon längst vergessen hatte. Er fühlte sich frei, unbeschwert und beinahe glücklich. Voller Bewunderung blickte er in ihr Gesicht, dessen Emotionen so offen vor ihm lagen. Er erkannte Fürsorglichkeit, Sorge und auch Hingabe. All die Gefühle, die sie ihm so bereitwillig offenbarte, machten ihr ohnehin wunderschönes Gesicht zu etwas Atemberaubendem.
„Geht’s dir gut?“
Er traute sich nicht, zu antworten, denn seine Stimme würde bestimmt versagen, also nickte er bloß und küsste sie, verwöhnte die zarten Rundungen und ihre milchig weiße Haut mit Händen und Lippen, verteilte Küsse an ihrem Hals, ihren herrlich festen Brüsten und liebte sie, wie ein Mann eine Frau lieben sollte. Langsam, tief und voller Intensität. Melanie stöhnte laut und keuchte voller Verlangen, krallte ihre Finger in seine Muskeln und trieb ihn mit ihrer Leidenschaft an. Genauso sollte es sein. Sie war so voller Hingabe, dass es ihm die Sinne raubte. Männlicher Stolz regte sich in ihm, als sie sich gehen ließ. Von Begierde gepackt, leckte sie über seine Haut und biss ihn in die Halsbeuge, spielte mit seinen Brustwarzen und brachte ihn damit beinahe um den Verstand. Sie forderte ihn, befahl ihm, härter zuzustoßen und sich ja nicht zurückzunehmen. Wer hätte diese Seite an ihr vermutet, doch sie faszinierte ihn nur noch mehr. Er war mittlerweile nicht mehr fähig, zu denken, bestand nur noch aus Lust. In einem wilden, ursprünglichen Rhythmus beherrschte er ihren Körper und versenkte sich tief in ihr. Sie keuchte seinen Namen und der Ausdruck auf ihrem Gesicht brannte sich in seine Seele. Ihre Augen glühten vor Verlangen, ihre Wangen waren gerötet und ihre Lippen geöffnet. Einige Locken kringelten sich verschwitzt um ihr Gesicht. Er fand, genauso sollte eine Frau aussehen, die genommen wurde!
Als sie sich unter ihm wand, beschleunigte er seine kraftvollen Stöße, bis sie sich aufbäumte und in voller Ekstase seinen Namen rief. Seinen Namen! Nur seinen! Nur er durfte sie fortan nehmen! Mit diesem Wissen kam auch er und ergoss sich tief in ihr.

Shit! Was hatte er getan? Der Zauber des Augenblicks war verflogen und wirre Emotionen strömten erneut auf ihn ein. Zwiegespalten blickte er auf sie hinab und sie war so verdammt wunderschön. Völlig außer Atem lag sie unter ihm und streichelte seinen Rücken, wobei ihr Gesicht von innen heraus strahlte. Diesen Ausdruck kannte er nur von Frauen, die dabei waren, sich zu verlieben. Verflucht! Baby, das Letzte, was du willst, ist, mich zu lieben!
Was dachte er da für einen Unsinn, drehte er jetzt völlig durch? Es war perfekt. Alles verlief genau nach seinem Plan, dies war der Beginn ihres Untergangs. Sollte er sich nicht freuen? Seit siebenhundert Jahren wartete er auf seine Rache und wenn eines so feststand, wie die Gesetze der Natur, dann, dass sie sterben musste. Wieso nur konnte er sich über seinen Triumph nicht freuen? Kieran konnte mit der Wucht, mit der die Gedanken auf ihn hereinströmten, nicht umgehen. Die Erregung war verflogen und die Verwirrung wurde nun immer stärker. Sie steigerte sich, bis nur noch ein Gedanke übrig war. Flucht. Er musste weg. Einfach nur weg! Wenn er weiterhin in ihr ausdrucksstarkes Gesicht sah, würde er noch völlig überschnappen!


34

Der magische Moment war offenbar vorbei. Melanie konnte förmlich sehen, wie Kieran sich mental hinter der Mauer zurückzog, die er sich scheinbar schon vor langer Zeit aufgebaut hatte. Eine Mauer aus Leichtigkeit und Charme, hinter der er verbarg, was ihn quälte. Ohne sie anzublicken, zog er sich aus ihr zurück und stand auf. Hastig und ohne ein Wort zu verlieren, schlüpfte er in seine Jeans.
„Du solltest üben. Verbinde dich mit den Kräften der Natur.“
„Wie denn?“, fragte sie verstört, aber er antwortete nicht mehr, verschwand bereits zwischen dem Dickicht der Büsche und ließ sie allein zurück.
Ganz toll!, dachte sie entmutigt. Da schlief sie nach einer Ewigkeit mal wieder mit einem Mann und dann konnte er es gar nicht erwarten, so schnell wie möglich von ihr wegzukommen.
„Fein! Dann hilf mir eben nicht!“, rief sie ihm verärgert nach.
Verbinde dich mit den Kräften der Natur, äffte sie ihn gedanklich nach. „Klugscheißer!“
Völlig ratlos sah sie sich um und schritt langsam über den Waldboden. Einem inneren Impuls folgend, kniete sie sich hin und strich ehrfürchtig über das weiche Moos. Da spürte sie die beruhigende Energie, die sich sanft in ihr ausbreitete. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich gänzlich auf ihre Sinne. Plötzlich hörte sie eine Melodie in ihrem Kopf. Zunächst ganz leise und dann immer lauter, drängte sie sich in ihr Bewusstsein. Ohne ihr Zutun begannen sich ihre Lippen, zu bewegen und ein uraltes Gebet in längst veraltetem Gälisch zu singen.

„Ich danke dir, große Mutter Erde.
Ich ernte, was du mir bereitwillig gibst.
Diese Blüte und jenes Kraut.
Diese Wurzel und jenes Blatt.
Mögen sie Krankheiten besiegen
und Menschen genesen.
Du bist die Schöpferin und ich dein Gefäß.
Durch meine Hände ernte ich.
Durch mein Wissen heile ich.
Durch meinen Geist diene ich.“

Melanie öffnete die Augen und fühlte sich voller Energie.
Von Müdigkeit oder Jetlag war keine Spur. Sie sah sich um und suchte die Gegend nach Kieran ab, doch noch immer war nichts von ihm zu sehen. Was sollte sie nun tun? Warten, bis er sich wieder dazu herabließ, sich zu ihr zu gesellen? Es ärgerte sie, dass sie keine andere Wahl zu haben schien. Sie hatte keine Ahnung, in welcher Richtung Killarney überhaupt lag, geschweige denn, wie sie dorthin kommen sollte. So viel zu ihrer inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Ein Gedanke an Kieran reichte bereits, um sich davon verabschieden zu können.
Ihr Blick fiel auf den Beutel und sie holte ihn sich. Bitte, dann würde sie eben üben. Unwirsch öffnete sie ihn und nahm sich einen Runenstein. Er trug das Symbol für aontas … Vereinigung.
Super! Ganz toll! Machte sich das Universum etwa gerade lustig über sie? Wieder dachte sie an Kieran. Unentschlossen, ob sie traurig oder wütend sein sollte, warf sie die Rune achtlos zur Seite und griff sich die nächste. Auch hier schoss ihr die Bedeutung in den Kopf. Es war die Rune für fir oder neart … Kraft und Männlichkeit.
„Das ist nicht witzig“, rief sie ärgerlich aus.
Einmal würde sie noch ihr Glück versuchen und wenn die Runen sie wieder verspotteten, dann würde sie ihren Frust ablassen. Vorzugsweise an Kieran!
Sie fischte erneut einen Stein heraus. Paisean … Leidenschaft. Wütend schmiss sie den Beutel von sich.
„Kieran! Komm sofort zurück!“

Wieso brüllte sie derartig durch den Wald? Er hatte ihr doch gesagt, sie solle üben! Zornig stapfte er zurück auf die Lichtung, wo sie stand, ihre Hände zu Fäusten geballt und ihn wütend anstarrte.
„Warum schreist du hier so rum? Ich bin nicht taub!“
„Woher soll ich wissen, wie weit du weggelaufen bist?“
„Ich bin nicht weggelaufen!“, presste er durch zusammengebissene Zähne hervor.
„Schon klar. Mein Fehler“, erwiderte sie sarkastisch und deutete missbilligend auf den Runenbeutel vor ihren Füßen. „Sieht so etwa dein Unterricht aus?“
Was hatte sie denn für ein Problem? „Was ist denn falsch daran? Du musst üben, also tu gefälligst, was ich dir sage!“
„Spinnst du jetzt total?“ Ihre Augen schossen Blitze in seine Richtung. Weshalb regte sie sich so auf? Starker Wind kam auf, war sie das etwa?
„Du hast gesagt, du würdest mich führen und mir helfen, meine Kräfte kennenzulernen und sie zu kontrollieren. Nennst du das etwa Hilfe?“
Blätter und kleinere Äste wirbelten durch die Luft und sie starrte ihn noch wütender an. Ihre Haare flatterten im Wind, doch sie hatte die Beine in den Boden gestemmt und trotzte angriffslustig den Elementen. Da packte ihn eine Windböe und er hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten.
„Stell das gefälligst ab!“, brüllte er gegen den Sturm.
„Wie denn?“, schrie sie zurück.
„Beruhige dich einfach!“, donnerte er zurück. „Wie schwer kann das schon sein?“ Sogleich bereute er jedoch seine Worte, denn sie waren offensichtlich keine so gute Idee gewesen. Melanie bekam rote Flecken im Gesicht und starrte ihn erbost an, sprachlos vor Wut.
Kieran musste sich sammeln. Wenn er nicht gegen den nächsten Baum krachen wollte, musste er sie besänftigen. Am besten wäre es wohl, er würde mit einer Entschuldigung beginnen. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht damit. Er war davongelaufen. Normalerweise beherrschte er die Regeln im Spiel mit den Frauen, doch der Sex mit ihr war einfach zu intim gewesen. Zu intensiv.
„Hör mal, wegen vorhin. Ich hätte nicht … Es tut mir …“
Wutentbrannt stapfte sie auf ihn zu und traf ihn mit einem eisigen Blick, der ihn wahrscheinlich hätte töten sollen.
„Wage es ja nicht, zu sagen, es täte dir leid, du Feigling! Und jetzt geh mir aus dem Weg!“
Er trat einen Schritt zur Seite und sie eilte zornig den schmalen Pfad entlang, weg von der Lichtung und weg von ihm. Betroffen sah er ihr nach, schon so oft war er von Frauen beschimpft worden, dass er es gar nicht mehr zählen konnte, aber seltsamerweise machte es ihm diesmal etwas aus.
Doch die ganze Sache hatte auch etwas Gutes. Sein scheues Reh hatte bewiesen, dass ganz schön viel Feuer in ihr steckte. Das gefiel ihm. Eine Frau wie sie, die ein so mächtiges Bluterbe in sich trug, sollte nicht dermaßen schüchtern sein. Er begann, die Runensteine einzusammeln, die sie achtlos auf den Boden geworfen hatte und machte sich dann langsam auf den Weg, ihr zu folgen. Es beunruhigte ihn nicht, dass er sie auf dem Pfad nicht mehr sehen konnte. Ohne Autoschlüssel würde sie nicht weit kommen. Und der befand sich in der Tasche seiner Jeans, dachte er grinsend.
Der Wald wurde lichter und er spürte den warmen Regen, der erneut begonnen hatte. Er schmunzelte bei dem Gedanken, wie Melanie aufgrund ihrer Locken fluchen würde. Gleich würde er sie beim Wagen entdecken und wahrscheinlich würde sie ihn keines Blickes würdigen, doch was kümmerte es ihn. Mit zickigen Frauen konnte er umgehen. Er würde sie schon wieder besänftigen, notfalls mit dieser ekelhaften veganen Schokolade, die sie regelmäßig kaufte und wenn es sein musste auch mit Blumen. Er wäre kein guter Seelenfänger, wüsste er nicht eine aufgebrachte Frau zu besänftigen. Und so sehr der Sex mit Melanie ihn auch aufwühlte, es war der beste seit Langem gewesen. Also würde er zu Kreuze kriechen, denn es wäre verdammt schade, könnte er nicht mehr mit ihr schlafen. Der Gedanke an sie unter ihm brachte ihn beinahe um den Verstand. Er musste unbedingt wieder in ihrer Gunst steigen, soviel stand fest und er würde gleich damit beginnen, denn hinter der nächsten Biegung würde sie schon auf ihn warten.
Er folgte dem Weg zum Auto, und als er aus dem Schatten des Waldes trat, blieb er abrupt stehen. Sie war nicht da. Er rief nach ihr und suchte den gesamten verdammten Waldrand ab, doch von Melanie fehlte jede Spur.
Wut ergriff von ihm Besitz. „Verfluchtes störrisches Weibsbild!“, rief er laut. Wo war sie nur hin? Er teleportierte sich durch die nähere Umgebung, weit konnte sie schließlich nicht sein, doch nichts. Sie war verschwunden. Er hatte sie verloren. Er hatte doch tatsächlich die Hexe verloren. Verfluchter Mist!
Schnell sprang er ins Auto und fuhr in Richtung Killarney. Er vermutete, nein, er hoffte, dass sie sich in diese Richtung aufgemacht hatte. Wenn sie wirklich so blöd gewesen und zu einem Fremden in den Wagen gestiegen war, dann würde er ihr den Hals umdrehen!
Er brauste die Landstraße entlang und hielt Ausschau nach ihr, doch sie war nirgends zu sehen. Er war bereits auf halbem Weg in die Stadt und hatte noch immer keine Spur von ihr. Sie konnte nicht so weit vor ihm liegen, schließlich raste er wie ein Irrer. War es tatsächlich möglich, dass jemand so dämlich sein konnte, in die falsche Richtung zu fahren? Und er war sich ziemlich sicher, dass sie in ein fremdes Auto gestiegen war, sonst hätte er sie bereits gefunden, als er die Gegend abgesucht hatte. Sie konnte sich auf was gefasst machen! Mehrmals fluchte er lautstark und wendete den Wagen. Wieder brauste er über die Landstraße, zurück zu Melanyas Wald und daran vorbei, aber alles, was er sah, war die grüne, hügelige Landschaft. Und Schafe. Musste dieses bescheuerte Vieh ausgerechnet in diesem Augenblick die Straße überqueren? Wütend schlug er aufs Lenkrad. Fuck! Wie viel Klischee konnte er ertragen? Was Touristen als Idylle bezeichneten und Einheimische mit der nötigen Geduld über sich ergehen ließen, trieb ihn nun zur Weißglut. Er hupte mehrmals und drückte auf den Knopf, der das Fenster herunterfahren ließ. „Treib gefälligst dein Vieh hier weg, sonst fahr ich es über den Haufen!“, brüllte er lautstark in Richtung Schäfer. Der schimpfte zurück, gab sich ansonsten jedoch nicht sonderlich beeindruckt.
Wieder hieb er auf das Lenkrad ein und hupte gleich mehrmals. Endlich machten sich die Tiere auf den Weg von der Straße weg und Kieran gab Vollgas. Er musste Melanie finden!
Als er sich dem nächsten Ort näherte, entdeckte er sie. Erleichtert stieß er die Luft aus. Sie saß zusammengekauert auf einer kleinen Mauer im Regen. Kaum hatte er sie erreicht, sprang er aus dem Wagen und rannte zu ihr.
„Bist du verrückt geworden? Was tust du hier?“, schimpfte er, doch sie sah ihn nicht an, hielt ihren Kopf gesenkt, sie zitterte am ganzen Leib und ihre Haare klebten an ihr. Schnell zog er sich seine Jacke aus und legte sie um ihre Schultern. „Mel? Bist du okay?“
Sie antwortete nicht und ihm blieb das Herz stehen, Schreckensszenarien schossen ihm durch den Kopf. Männer, die sie belästigten oder Schlimmeres. Er legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen, strich ihr die nassen Locken aus dem Gesicht und musterte ihr schönes Gesicht.
„Sprich mit mir! Bist du verletzt? Hat dir jemand etwas angetan?“ Wenn dem so wäre, wäre derjenige so gut wie tot! Endlich schüttelte sie den Kopf. „Mir fehlt nichts.“
„Dem Himmel sei Dank!“ Kurz schüttelte er den Kopf über die Ironie dieser Aussage. Wer hätte das jemals gedacht. „Warum sitzt du hier im Regen?“
Melanie sah ihn direkt an und in ihren braunen Augen erkannte er Verzweiflung. „Kieran, ich schaffe das nicht. Die Magie … sie zerreißt mich. Ich werde sie niemals kontrollieren können.“
„Ach, Mel, natürlich schaffst du das.“
„Du hast gesagt, ich solle zu den Wurzeln meiner Kräfte reisen. Hier bin ich, doch alles, was ich fühle, ist dieses Brodeln in mir.“
Wie aufgewühlt ihre Energie war, konnte er ebenfalls spüren. Und er gab zu, er war wohl nicht ganz unschuldig daran.
„Was mache ich hier überhaupt in Irland? Ich gehöre nicht hierher.“
„Wovon sprichst du?“ Er setzte sich neben sie auf die Mauer und nahm ihre kalten Hände in seine. Sie schniefte und deutete mit ihrem Kopf auf eine Glasflasche, die neben ihr am Boden stand. „Mir schmeckt nicht einmal Guinness.“ Sie schluchzte herzzerreißend.
„Ach, Süße“, begann er schmunzelnd und zog sie von der Mauer in seine Umarmung. „Ich kenne niemanden, der besser hierher passt als du. Dein Erbe, Melanyas Erbe, ist in dir. Du gehörst einfach in dieses Land.“
Sie schnaufte nur abfällig und er strich ihr zärtlich über die feuchte Wange. „Hör mal, du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt. Ich flehe dich an, mach das nie wieder.“
„Ich bin in die falsche Richtung davon“, meinte sie zerknirscht.
Er lächelte trocken. „Das habe ich gemerkt. Du weißt, dass du nicht hier im Regen sitzen musst, oder?“
„Ich war kurz in dem Pub dort drüben, dort habe ich auch das Guinness probiert. Aber dann bin ich wieder nach draußen gegangen. Wie hättest du mich denn sonst finden können?“
„Das meinte ich nicht.“
„Hör auf, in Rätseln zu sprechen, ich bin nicht in der richtigen Verfassung.“
„Stell ihn ab.“
Sie blickte ihn entgeistert an.
„Hör mir zu, du kannst das. Bring die Energien wieder ins Gleichgewicht und du wirst sehen, der Regen hört auf.“
„Wie denn?“
„Befreie deinen Geist, atme tief durch und bring dein Inneres ins Reine.“
Wieder schnaubte sie nur.
„Und dann stell dir vor, wie der Regen aufhört.“
„Einfach so? Ohne Ritual, ohne Runen, Räucherwerk oder Kerzen?“
„Dafür brauchst du das nicht. Es sind Hilfen, das stimmt schon. Diese Dinge erleichtern dir das Klären deines Geistes, das Fokussieren auf den Zauber und das Lenken deiner Magie. Doch deine Kräfte sind nicht davon abhängig.“ Er setzte sie zurück auf die Mauer und kniete sich vor sie hin. Er nahm ihre Hände erneut in seine. „Schließe deine Augen, Mel. Ich helfe dir.“
Sie tat es und wartete.
„Atme tief durch und versetze dich an einen ruhigen Ort, an dem du dich sicher und geborgen fühlst. Kannst du das?“
Sie nickte.
„Wo bist du?“, fragte er.
„Im Wald neben meinem Haus.“
„Sehr gut. Nimm den Geruch von Moos und Bäumen in dir auf. Hör das Zwitschern der Vögel und vielleicht kannst du auch die Sonnenstrahlen sehen, die durch das Blätterwerk fallen?“
Wieder nickte sie.
„Du machst das ganz ausgezeichnet. Und nun stell dir vor, dass es dort ebenfalls regnet. Halte dein Gesicht dem Regen entgegen und fühle die Tropfen auf deiner Haut.“
Er spürte, wie Hitze in ihre Finger schoss und konnte das Prickeln ihrer Magie fühlen. Plötzlich schlug ein Blitz keine zehn Meter neben ihnen ein und Melanie riss erschrocken die Augen auf. Kieran war ebenfalls zusammengezuckt, doch er sammelte sich schnell wieder und versuchte, das elektrische Knistern, das in der Luft lag, einfach zu ignorieren.
„Das macht nichts. Alles okay. Das kann passieren.“
„Ach, hör schon auf mit dem Blödsinn!“ Aufgebracht stand sie auf und starrte ihn zornig an. Das war gar nicht gut! Mit der verzweifelten Melanie konnte er umgehen, aber die wütende war schon eine andere Sache.
„Du tust jetzt so auf verständnisvoll und helfend. Wo warst du denn vorhin, als ich dich gebraucht habe? Als du mit mir geschlafen hast und danach, ohne ein Wort zu verlieren, verschwunden bist?“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie ihn anschrie.
Mittlerweile war der Regen heftiger geworden und Sturm aufgekommen. Das lief gar nicht gut. Es blitzte und donnerte über ihnen und die Tropfen peitschten ihm ins Gesicht. Wutentbrannt funkelte sie ihn an und ihre Augen glühten regelrecht vor Anschuldigung und Vorwurf. „Warum bist du abgehauen?“
„Ich bin nicht abgehauen! Ich war nur kurz weg. Was ist so schlimm daran?“
„Das fragst du noch? Ist es etwa normal für dich, nach dem Sex wortlos zu verschwinden?“
JA!, wollte er schreien. Ich verspreche den Frauen, was auch immer sie hören wollen, damit sie mir ihre Seele geben. Dann ficke ich sie und danach verschwinde ich! Doch er besann sich gerade noch und atmete ein paarmal tief durch. „Noch mal. Ich bin nicht verschwunden!“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn voller Herablassung an. „Ach ja? Wie nennst du es denn dann?“
Sie sah ihn doch tatsächlich voller Hochmut an! Sie, die kleine Hexe, die nicht mal ihre Kräfte kontrollieren konnte, blickte auf ihn, den über siebenhundert Jahre alten Gefallenen Engel, geringschätzig herab. Auf ihn, den erfolgreichsten von allen Seelenfängern! Wut kochte in ihm hoch.
„Du bist ein störrisches, zickiges Weibsbild und ich werde mich nicht vor dir rechtfertigen!“
Entrüstet schnappte sie nach Luft und an ihrem Blick erkannte er, dass es keine so gute Idee gewesen war, diese Worte auszusprechen. Doch sie machte ihn einfach wahnsinnig! Der Sturm nahm nun sogar noch an Intensität zu. Melanies Haare flogen wild umher und Kieran atmete ein paarmal tief durch. Er musste sie beruhigen. Da traf ihn plötzlich ein faustgroßer Stein in die Rippen.
„Verflucht! Warst du das?“
Aus ihren Augen schossen Blitze. „Woher soll ich das wissen?“
Bedrohlich kam er einen Schritt auf sie zu. „Wage es nie wieder, hörst du, nie wieder, mich zu schlagen!“ Da traf ihn ein armdicker Ast mit voller Wucht in die Seite. „Verflucht! Ich sagte, lass das!“
„Wie denn?“, schrie sie frustriert.
Kieran stieß die Arme in die Höhe. „Beruhige dich einfach!“
„Du bist ein Idiot und ein Hornochse!“, fauchte sie. „Und jetzt hörst du mir mal zu. Wage es nie wieder, mich einfach so im Stich zu lassen!“
„Das habe ich nicht!“, schrie er zurück, aber sie ließ nicht locker. „Gib es gefälligst zu!“
Es traf ihn etwas am Kopf. War das etwa Hagel? Mann! Es war höchste Zeit, dass sie sich beruhigte.
„Mel, bitte beruhige dich, du bringst uns noch um.“ Resigniert stieß er die Luft aus. „Gut, fein, von mir aus. Ich gebe zu, ich bin davongelaufen. Bist du jetzt zufrieden?“
„Nein!“
„Das gibt’s doch nicht!“ Voller Zorn kickte er den Stein weg, mit dem sie ihn vorhin getroffen hatte.
„Warum, Kieran?“, schrie sie unbeeindruckt.
Mann, dieses zänkische Weib! „Vielleicht, weil ich genauso verwirrt war wie du?“ Was hatte er da gesagt? Sie nahm sein Innerstes, drehte es einmal durch die Mangel und dann spuckte sie es ihm vor die Füße.
„Oh.“
War das etwa alles, was sie zu sagen hatte? Normalerweise war sie doch auch nicht so sparsam mit Worten. Er blickte zum Himmel. Das Gewitter legte sich und es flogen auch keine weiteren Teile gegen ihn. Offensichtlich war sie mit seiner Aussage zufrieden.
„Sind wir jetzt hier fertig? Können wir fahren?“ Genervt fuhr er sich die nassen Haare aus dem Gesicht und ging zum Wagen, ohne auf sie zu warten.
„Ja.“ Völlig ohne Widerspruch stieg sie ein.