Leseprobe Das Herz eines Gentleman

Kapitel 1

VERMÄCHTNIS UND VORZUG

„Jo“, rief Eleanor und brachte mit ihrer hohen Stimme die brüchigen Wände unseres kleinen Hauses zum Beben. „Jo, komm schnell!“

Meine Schwester war gekonnt darin, die kleinsten Nichtigkeiten in fulminante Dramen zu verwandeln, die sicher am West End das Publikum begeistert hätten, zu Hause jedoch für wenig mehr als Unmut sorgten. Sie tat dies bevorzugt nach der Mittagszeit, denn dann stand ihre quietschende Stimme in besonders starkem Kontrast zur idyllischen Ruhe. Man war gut beraten, eine Diskussion mit ihr zu meiden, da ihre Ausführungen sowohl einen Reichtum an Ressourcen als auch eine Armut an Logik aufwiesen. Alles was blieb, war, sich zu verstecken und das Ende des Sturmes abzuwarten.

Mein liebstes Versteck befand sich in der Welt von Charles Dickens. Ich kannte jeden seiner Romane auswendig. Die Sätze formten sich in meinen Gedanken, noch bevor meine Augen über die Buchstaben wanderten. Jedoch waren auch tausend Seiten der eloquentesten Geschichten nicht Festung genug, um meine Schwester fernzuhalten.

Eleanor stürmte das kleine Schlafzimmer, als sei es die Bastille und sie selbst La Liberté, Anführerin der Französischen Revolution. Mit der Ausnahme, dass ihr Kleid, wenn auch alt und abgetragen, nicht in Fetzen gerissen war. Anstatt einer dreifarbigen Flagge waren es ihre Ärmel, die wutentbrannt durch die Lüfte peitschten. Ihr Kopf war rot bis in den Haaransatz. Näher betrachtet, erinnerte meine kleine Schwester eher an ein ausgebüxtes Huhn als an ein berühmtes Gemälde.

„Schnell!“, forderte sie und ergriff meinen Arm. Im Galopp stürmten wir die knarrende Treppe hinunter und machten erst in der Küche halt. Dort ließ sie von mir ab und ich wurde in ein Aroma aus Speisen gehüllt. Der kleine Raum war stets zu heiß, da das winzige Fenster nicht groß genug war, um die Wärme und die Gerüche nach dem Kochen herausziehen zu lassen. Es wirkte fast so, als wären wir reich und könnten uns eine Vielzahl an Lebensmitteln leisten. Eleanor zeigte mit einem zitternden Finger auf genau dieses winzige Fenster: „Siehst du die gigantische Spinne?“

„Nein.“

„Dort über dem Rahmen sitzt sie.“

Vom Küchenschrank entnahm ich eine Lupe, die einst unserem Vater gehört hatte, und richtete diese gemäß Eleanors Weisung: „Ach, da!“

„Töte sie, Jo, bitte. Ich wollte grade die Katze füttern, als die blöde Spinne angriff!“

Sie warf ihre langen Wimpern auf und schaute mich mit großen, tränengefüllten Augen an. Sie war es gewohnt, durch Tränen alles zu erreichen.

Einen Moment lang erschien es mir unheimlich verlockend, meine Finger um ihren zierlichen, kleinen Hals zu legen. Allerdings wurde mir seit frühester Kindheit nahegelegt, meine Schwester und all ihre unerträglichen Launen von ganzem Herzen zu lieben. Laut Darwin war es noch nicht einmal ihre Schuld, dass sie so unausstehlich sein konnte. Es waren lediglich Züge, welche sie von unseren Eltern geerbt hatte. Auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, dass Vater oder Mutter beim Anblick eines kleinen Insekts solche Ausbrüche an den Tag gelegt hatten. Als ich so darüber nachdachte, musste ich mir eingestehen, dass meine Erinnerung an die beiden im Allgemeinen stark beeinträchtigt war. Denn die vergangenen drei Monate saßen so schmerzlich in meinem Gedächtnis fest, dass mir die Kraft fehlte, an ihnen vorbeizukommen, um der schönen Erinnerungen zu gedenken. Alles, was früher war, schien im Nebel zu versinken. Eleanor völlig außer sich zu sehen, wirkte hingegen alltäglich und normal. Dafür war ich ihr fast schon dankbar.

Nach einem tiefen Seufzer stieg ich auf den hölzernen Tisch, dessen Beine allesamt von verschiedener Länge waren. Ich streckte meine Hand der Spinne entgegen und ließ sie auf meinen Finger krabbeln.

Eleanor kreischte und lief auf die andere Seite der Küche, anstatt mich zu halten, während der Tisch mit jeder meiner Bewegungen in eine andere Richtung lehnte. Mit einem lauten Knall sprang ich auf den braungekachelten Boden, öffnete die Hintertür und ließ die Spinne über das rostige Geländer entkommen.

Erst jetzt verstummte Eleanors Geschrei.

Die großen, grünen Blätter der Bäume rings um unser Haus raschelten, als wollten sie mir zu meiner Heldentat applaudieren. Eine frische Frühlingsbrise umgab mich, gefolgt von magischer Stille. Ich kletterte auf den nächstgelegenen Baum, so hoch wie nur irgend möglich, bevor Eleanor die Möglichkeit hatte, mir weitere Aufgaben aufzubürden. Sie würde niemals auf einen Baum steigen, wegen der vielen Käfer und Insekten, die man dort antraf.

Hoch über dem Dach unseres kleinen Regency-Cottage, welches die Seeluft über viele Jahre hinweg mit Rissen dekoriert hatte, nahm ich meine Reise durch Dickens London wieder auf. Doch obwohl Amy Dorrit und Arthur Clennam faszinierende Weggefährten waren, gelang es mir nicht, meine Gedanken auf sie zu richten. Zu viele Sorgen taten sich plötzlich in mir auf. Ich schloss meine Augen für einen Moment, um mich zu sammeln.

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht auf Bäumen schlafen sollst?“, donnerte Elizabeths wütende Stimme. Sogar in ihrem Ärger klang meine ältere Schwester so schön wie sie aussah. „Du könntest fallen und dich arg verletzen.“

In nicht allzu ferner Vergangenheit wäre diese Beobachtung von Vater belächelt worden. Er hätte darauf bestanden, dass ich mich unmöglich verletzen könnte, da ich wie eine Katze immer auf meinen Füßen landete.

Er und Mutter fehlten mir sehr.

Ich kletterte zu meiner Schwester hinab und folgte ihr ins Haus. Elizabeth war wesentlich früher als erwartet heimgekehrt und obwohl sie sich mit der gewohnten Anmut hielt und die Kopfbedeckung und Handschuhe mit natürlicher Eleganz ablegte, übersah ich ihre rotglühenden, verärgerten Wangen nicht. Sie schritt auf und ab, während sie die Ankunft ihres Publikums in der Küche erwartete.

Ebenso wie meine jüngere Schwester war auch meine ältere geradezu abhängig von Aufmerksamkeit, die jedoch eine Seltenheit auf der Isle of Wight war. Für Letzteres war die kleine Population der südlichsten Insel Englands verantwortlich.

Da meine beiden Schwestern bereits genug Aufregung für Drei verbreiteten, hielt ich mich größtenteils im Hintergrund. Schließlich war eine gewisse Launenhaftigkeit entzückend an einer hübschen Dame, hässlich jedoch an einer unscheinbaren.

Eleanor ließ nicht lange auf sich warten und kam aufgeregt in die Küche gelaufen. Das laute Getrampel ihrer kleinen Füße ließ mich fürchten, die Wände könnten einstürzen. Sie hielt jedoch inne, als sie die Falten auf Elizabeths Stirn bemerkte.

„Es ist unfassbar“, sprach diese mit bebender Stimme.

Eleanor fühlte sich sofort angesprochen. Sie hatte stets große Angst, den Missmut unserer älteren Schwester auf sich zu ziehen, da Elizabeth eine Autorität ausstrahlte, von der ich nur träumen konnte.

„Er erteilte mir eine Absage mit der Begründung, ich sei eine Frau. Ich konnte gerade noch meine Fassung bewahren“, gestand Elizabeth und blickte von mir zu Eleanor und wieder zurück. In unseren Gesichtern suchte sie Zuspruch. Doch während ich es jederzeit mit einer Spinne aufnehmen konnte, war das Gegenteil der Fall, wenn es um die Emotionen meiner älteren Schwester ging.

Auch Eleanor fühlte sich der Situation nicht gewachsen und versteckte sich hinter mir. Mit ihrer kleinen, verschwitzten Hand griff sie nach der meinen und erinnerte mich daran, wie jung sie noch war.

Tränen glänzten in Elizabeths Augen – nicht etwa, weil sie fürchtete, ihre Familie im Stich gelassen zu haben, sondern wegen der Erniedrigung, die die Ablehnung ihrer Person in sich barg. Kraftlos sank sie in einen Stuhl und lehnte sich gegen den wackeligen Tisch.

Als Älteste von drei Schwestern hatte Elizabeth es am schwersten, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Sie war die Tochter eines Gentlemans und dazu noch wahnsinnig schön. Daher empfand sie sich selbst als Lady und erwartete, entsprechend behandelt zu werden. Tatsächlich war sie sehr talentiert – sei es ihr Klavierspiel, die Beherrschung der französischen Sprache oder der geschickte Umgang mit Nadel und Faden. Wenn ich jedoch eines hervorheben müsste, so wäre es die Tatsache, dass sie ihren Stolz abgelegt und sich um eine Anstellung als Vorleserin bei einem älteren Herrn bemüht hatte. Er war erst vor Kurzem in unsere Gegend gezogen. Gerüchten zufolge war er fast völlig blind und taub, sein Alter lag zwischen 120 und 170 (hier schieden sich die Gemüter), aufgrund dessen fühlte er sich einsam und suchte verzweifelt nach Gesellschaft, lehnte aber alle Anwärter ab.

„Es gibt doch sonst niemanden in der Umgebung, der sich eine Gouvernante oder Begleiterin leisten könnte. Ich werde wohl bald weggehen müssen, um anderswo ein Einkommen zu bestreiten.“

Ihre Worte waren so verzweifelt wie ihr Gesichtsausdruck. Sie würde nicht den geringsten Gefallen daran finden, ihre Familie zu verlassen. Wütend und traurig zugleich verschränkte meine Schwester die Arme. Dabei verfing sich ihr Fingernagel an einem losen Faden. Dies verstärkte ihren Ärger, zumal sie schon oft erwähnt hatte, dass genau dieses Kleid zu tragen eine Schande wäre, da es längst aus der Mode gekommen war. Nun war es auch noch kaputt. Die Falten auf Elizabeths Stirn wurden immer tiefer.

Erst vor Kurzem wäre ein Leben in Armut für uns undenkbar gewesen. Nun war es jedoch Realität. Zuvor hatten wir auch keinen extravaganten Luxus genossen, durchaus jedoch die Mittel gehabt, uns kleine Wünsche zu erfüllen. An Kleidern, Büchern und Essen hatte es uns früher nie gemangelt. Dies hatte sich alles im letzten Winter geändert. Es war ein harter Winter gewesen.

Ich wollte etwas Tröstendes sagen, doch mir fiel nichts ein, was ich nicht schon dutzendfach geäußert hatte in den vergangenen Wochen. „Alles wird gut.“ – nichts war gut und würde es auch nicht plötzlich werden; „Wir haben uns.“ – zumindest das, was von uns geblieben war; „Wir werden es schon schaffen.“ – ganz eindeutig war dies nicht der Fall; „Es ist noch nicht alles verloren.“ – vielleicht nicht alles, aber doch so gut wie. Ich fürchtete, wenn ich auch nur einen dieser Sätze zum Besten gab, würden mich meine Schwestern mit einem stumpfen, rostigen Messer attackieren. Das gesamte Silberbesteck war nämlich schon verkauft.

„Es ist undenkbar, dass eine von uns weggehen sollte, ohne vorher geheiratet zu haben“, sagte Eleanor. Ihre Vorstellung war es immer gewesen, dass ein hübscher und selbstverständlich reicher Jüngling auf seinem hohen Ross herbeigeritten kommen würde, um um ihre Hand anzuhalten. Ohne Frage würde sie die Erfüllung all seiner Träume verkörpern.

Es brachte mich fast zum Weinen und auch Elizabeth war bereits den Tränen nahe. Die Anspannung war so spürbar, dass sie kaum noch Luft zum Atmen ließ. Ich ertrug es nicht. Ohne weiter nachzudenken, schnappte ich die Schere vom Tisch und schnitt entschlossen durch meine dunklen Haare. Die langen Strähnen segelten zu Boden. Meinen Schwestern stockte der Atem.

„Elizabeth“, verlangte ich mit gezwungener Leichtigkeit, „hast du dem Herrn etwa verschwiegen, dass du einen Bruder hast?“

Kapitel 2

EIGENART UND EHRGEIZ

„Kein Mann dieser Welt wird dich zur Frau nehmen, wenn das herauskommt!“, verkündete Eleanor.

„Einen Mann zu finden ist jetzt nicht meine größte Sorge“, entgegnete ich prompt. Dies war nicht die Zeit, noch mehr Probleme aufzuzählen, sondern das größte zu lösen.

Die sonst so wortgewandte Elizabeth war völlig erschüttert. Wenn ich wartete, bis sie sich erholte, würde sie mit Sicherheit etwas sagen, was meine Entschlossenheit zerschmetterte. Daher verließ ich schnellen Schrittes die Küche und stieg die Treppen hinauf, bis ich ganz oben auf dem Dachboden war.

Umgeben von Staub und Spinnweben verliefen schwere Holzbalken wie ein großes Kreuz über meinem Kopf. Der Geruch vergangener und vergessener Jahre lag in der Luft. Hier oben war kaum Platz. Bis auf einen alten Spiegel und eine große Truhe passte nichts mehr hinein. Das rostige Schloss der Truhe gab knarrend nach und knallte laut gegen die Wand, als ich die Klappe öffnete. Eine Staubwolke schoss wie dichter Nebel nach oben und brachte mich zum Husten.

Hektisch wühlte ich durch den Inhalt der Truhe. Wie eigenartig, dass Vaters Kleidung nach so vielen Monaten noch immer seinen Geruch trug. Ich entnahm ein beige-braunes Hemd, das einst weiß gewesen war, und ein dunkelgrünes Paar Hosen. Ich zog mein schweres, schwarzes Kleid und den Unterrock aus. An ihrer statt kleidete ich mich mit Vaters alter Garderobe. Die Sachen waren zu groß, doch viel leichter als die meinen – es war ein befreiendes Gefühl. Anschließend griff ich nach dem nächstbesten Jackett und dem am wenigsten abgenutzten Zylinder. Ich krempelte die Ärmel so weit wie möglich hoch, da die gepolsterten Schultern fast bis zu meinen Ellenbogen reichten.

„Das erlaube ich nicht!“

Elizabeths plötzliches Erscheinen jagte mir einen Schrecken ein. Ihr Gesicht ragte durch das viereckige Loch im Boden. Der Zorn in ihren Augen erleuchtete den dunklen Raum. Sie bestieg die Leiter und baute sich vor mir auf. Der Spiegel in der Ecke zeigte den Unterschied zwischen meiner Schwester und mir auf deutlichste Weise. Denn während ihr das Seidenkleid trotz seines Alters gut stand und sie es allein durch ihre Haltung elegant wirken ließ, war ich noch unscheinbarer denn je – mit kurzen Haaren und gekleidet in Vaters Hosen. Das Bild, das der Spiegel von mir malte, wirkte falsch. Doch auch Kleider hatten noch nie gut an mir ausgesehen.

„Wurde ich heute denn noch nicht genug erniedrigt? Will mich nun meine eigene Schwester lächerlich machen?“, wetterte sie.

„Dir zu schaden, Elizabeth, ist das Letzte, was ich möchte“, sagte ich leise. Meine Worte brachten sie zum Weinen. Sie schluchzte und schrie. Doch das hinderte mich nicht daran, das Haus zu verlassen. Sie folgte mir bis zur Tür, doch keinen Schritt weiter. Von dort rief sie mir verletzende Worte nach, als sei all unser Leid durch mein Verschulden entstanden. Ihre Stimme war wie ein Dolch in meinem Rücken, der mich anspornte, noch schneller und weiter zu laufen.

Ich rannte den gesamten Weg und staunte, wie viel agiler meine Bewegungen waren, jetzt wo ich meinen Rock für ein Paar Hosen eingetauscht hatte. Zwar rutschten die Hosenträger ständig von meinen Schultern, doch auch dieser Umstand verlangsamte mich kaum. Meine braunen Lederstiefel, die sonst vom Rock verdeckt waren, hasteten nun in Freiheit durch das kleine Waldstück, entlang einer staubigen Straße aus Kies und über die Wiese, auf der wir als Kinder gespielt hatten.

Alles war so schnell vonstatten gegangen, dass ich keine Zeit gehabt hatte, über mein Handeln nachzudenken. Doch jetzt, da einzig in der Ferne die Wellen gegen die Klippen schlugen und mich sonst nichts als Stille umgab, lauschte ich den Zweifeln, die stetig lauter wurden. Ich zog den Hut tiefer über mein Gesicht. Irgendwie würde es schon werden.

Ein Landhaus erstreckte sich über einem der Hügel. Die hellen Ziegel, von Efeuranken umgeben, ragten zu einem von gelbem Moos bedeckten Dach. In den Fenstern spiegelte sich der endlose, blaue Himmel. Das Haus war lange Zeit unbewohnt gewesen, doch anders als das unsere war es in Würde gealtert, indem es sich lediglich der Umgebung angepasst hatte und durch seine Präsenz die Landschaft aus grünen Wiesen und vereinzelten hohen Bäumen schmückte. Trotz der malerischen Idylle, die sich vor mir erstreckte, spürte ich, wie die Anspannung langsam ihre knochigen Finger um meinen Hals legte.

Vielleicht war ich zu voreilig gewesen und der Wunsch, meiner Familie zu helfen, hatte meinen Verstand übermannt. Wie schrecklich peinlich es doch sein würde, wenn der alte Mann meine Verkleidung sofort durchschaute. Gerüchte verbreiteten sich in Windeseile auf Wight. Wir würden zum Gespött der Insel werden. Doch Vater hatte einst gesagt, es wäre besser, sein Bestes zu geben und zu versagen, als gar nicht erst den Versuch zu wagen.

Meine Füße erreichten die Tür schneller als meine Gedanken. Hitzige Panik stieg in mir auf. Ich fürchtete, dass mein Herzschlag das Klopfen übertönen könnte. Keines der beiden Geräusche schien Beachtung zu finden.

Ein starker Wind kam vom Meer und stieß still und leise die Tür auf. Ein langer Korridor erstreckte sich vor mir und lief in das grelle Licht des hohen Fensters, das sich am anderen Ende befand.

„Einen wunderschönen Nachmittag wünsche ich“, bibberte meine Stimme durch den Eingang.

Lediglich der Wind antwortete mir, als er mich in das Landhaus schubste.

„Ich bin gekommen, um mich auf die ausgeschriebene Stelle zu bewerben“, meine Worte verschwanden in der Ferne des breiten Flurs.

Ein Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing horizontal in dem goldenen Blumenbeet der detailreichen Tapete. Der güldene Glanz meiner Umgebung beleuchtete mich wie eine Abstrusität auf einem Jahrmarkt. In Vaters alter Kleidung schien ich zu ertrinken, so groß wirkte diese an meiner kleinen Statur. Erschrockene Augen blickten mich an. Der krumme Haarschnitt ließ die kurzen Strähnen in alle Richtungen zeigen. Ich konnte nicht beurteilen, ob ich einem Jungen ähnelte, doch ich wirkte ganz sicher nicht wie ein Mädchen.

Der breite Korridor führte um eine Ecke und in ein riesiges Wohnzimmer. Die weiten Fenster fingen das Bild des Sonnenuntergangs in seiner vollen Pracht ein. Ein orangefarbener Schimmer lag über der majestätischen Einrichtung, von der nicht ein Möbelstück zum anderen passte. In der überfüllten Stube wirkte alles so fremd, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn keine zwei Stühle auf dem gleichen Kontinent gezimmert worden waren.

Zwischen den zahlreichen Statuen, Vasen und exotischen Kunstgegenständen war es das gigantische Ölgemälde über dem Kaminsims, das meine Aufmerksamkeit in seinen Bann zog. Ein kleiner Junge in einem Anzug aus dem letzten Jahrhundert hatte stolzen Hauptes Model für den Künstler gestanden. Warme, braune Augen blickten sanft auf den roten Sessel im Raum. Seinem Blick folgend merkte ich mit einem Schrecken, dass ein alter Mann darin döste. Vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt. Sein Kopf hob und senkte sich im Rhythmus seiner Atemzüge. Mit jedem Mal fiel er tiefer und bald würde seine Nasenspitze die Königin berühren. Ich holte tief Luft und räusperte mich.

„Guten Abend, Sir“, sprach ich drei Mal mit zunehmender Intensität, bis das silberne Haupt sich endlich erhob.

Ein wilder Schrei ertönte tief aus seiner Lunge und er sprang mir entgegen. Erschrocken wich ich zurück und stolperte in die zahlreichen Arme einer indischen Statue. Im Eifer des Gefechts fing ich an, eine unverständliche Erklärung zu stottern. Anstatt mich zu verneigen, wollte ich einen Knicks vollführen, bemerkte meinen Fehler jedoch und änderte die Bewegung. Dabei verfing ich mich an der viel zu langen Hose. Um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, ruderte ich mit den Armen und stieß dabei eine Vase um. Bevor das wertvolle Stück in tausend Teile bersten konnte, fing ich es auf, fiel dabei jedoch selbst zu Boden und landete auf dem erhabenen Perserteppich.

Schallendes Gelächter brachte die Wände zum Erbeben. Der alte Mann ließ sich zurück in den Sessel fallen. Er lachte und lachte. Sogar als ich wieder auf beiden Beinen stand und die Vase wieder sicher auf ihrem Podest war, schien seine Belustigung auf meine Kosten kein Ende zu nehmen. Meine Wangen glühten.

„Ich bin gekommen, um mich zu bewerben“, setzte ich unsicher an. „Meine Schwester ist zuvor bereits hier gewesen, doch sie entsprach nicht-“

„Tatsache!“, rief er. „Wie bezaubernd sie war. Sehr liebes Mädchen. Es ist eine Schande, dass ich so ein sturer alter Esel bin“, lächelte er freudig, als wäre er stolz darauf.

Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte und entschied mich, weiterhin wie ein Trottel dreinzuschauen – zumindest das gelang mir vortrefflich.

„Was soll's“, murmelte der Gentleman. „Komm her, mein Junge. Lass mich dich betrachten.“

Zwischen uns war kein großer Abstand, dennoch machte ich einen Schritt nach vorne.

Seine sanfte, große Hand fuhr durch den weichen Bart aus feinem Silber, dann bildete sich eine Falte auf seiner runden Stirn.

Eine große, polierte Uhr aus dunklem Holz stand hinter ihm und wurde mit jedem Tick-Tock lauter. Sein prüfender Blick machte mich mit jeder verstreichenden Sekunde nervöser.

Zu guter Letzt zuckten seine Mundwinkel zu einem Lächeln und formten die Augen zu kleinen Halbkreisen. Er lehnte sich zurück in den tiefen, roten Sessel, dessen reicher Seidenstoff mit ungewöhnlichen Ornamenten geschmückt war. Dann hob der alte Mann seine Hand.

„Nimm Platz, mein Junge“, er zeigte auf den gegenüberliegenden Sessel. Mit steifen Bewegungen setzte ich mich an den Rand der samtigen Kissen. Ich fürchtete, von ihnen verschlungen zu werden wie ein kleines Insekt von einer exotischen Blume.

„Wie alt bist du, Kind?“

„Fast achtzehn, Sir.“

„Unmöglich, das kann nicht sein. Du bist nicht älter als zwölf, dreizehn vielleicht?“

„Jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich tatsächlich grade erst dreizehn geworden“, flunkerte ich.

Er lachte herzlich und ich war kurz davor, dasselbe zu tun, hielt es aber für weiser, mich zu beherrschen.

„Magst Du Schach?“

„Ja, sehr“, antwortete ich, schwieg für einen Moment und fügte dann hinzu: „Wenn ich auch noch nie gespielt habe.“

„Dann werde ich es dir beibringen“, verkündete er mit so viel Elan, dass ich zu hoffen wagte, ihn ausgetrickst zu haben. Ich entspannte mich ein bisschen und konzentrierte mich vollends auf die Erklärung der Regeln. Eine Eigenart störte mich dabei. Obwohl die Königin die mächtigste Figur war, drehte sich das gesamte Spiel um den schwachen König. Die Falten auf meiner Stirn ließ ich wie tiefste Konzentration wirken.

Am Ende der einstündigen Partie verkündete der alte Mann, dass er müde war. Das wunderte mich nicht, denn er hatte das gesamte Spiel mit sich selbst gespielt. Keine meiner Züge schien seinen hohen Anforderungen zu entsprechen und er verbesserte jeden einzelnen, was ihm viel Spaß gemacht zu haben schien.

„Es war mir eine Freude“, sagte er mit kühler Höflichkeit.

Ich stand auf, um zu gehen, rührte mich aber nicht vom Fleck. Ich wollte unbedingt fragen, ob er es in Erwägung ziehen würde, mich für ihn arbeiten zu lassen, doch ich bekam kein Wort heraus. Stattdessen drehte ich Vaters Zylinder in meinen Händen.

„Ach“, der alte Mann hob einen Finger. Schwerfällig erhob er sich von seinem Thron und ging langsam zu einem weißen Schrank, der wie für Versailles bestimmt wirkte. Papier raschelte in seinen Händen. Als er sich wieder zu mir drehte, reichte er mir zwanzig Pfund Sterling. Ich starrte ihn ungläubig an.

„Hätten Sie gerne, dass ich eine Besorgung tätige?“, fragte ich, überrascht darüber, mit so einer großen Summe anvertraut zu werden, wo wir uns doch grade erst begegnet waren.

„Deine Schwester erwähnte dieses und jenes, daher denke ich, du könntest es gebrauchen.“

„Nicht doch, ich -“, winkte ich ab.

„Keine Widerworte“, sagte er streng.

„Aber ...“

„Nimm es, andernfalls brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen.“ Die Freundlichkeit hatte seine Stimme gänzlich verlassen. Es lief mir kalt den Rücken hinunter.

Ich nahm das Geld und stopfte es in meine Tasche. Das wertvolle Stück Papier brannte ein Loch aus Schuldgefühlen in meine Hose.

„Bis morgen. Ich erwarte dich pünktlich um zehn“, sagte er.

 

Ein heller, sommerlicher Abendhimmel erstreckte sich über mir, als ich mich nach Hause aufmachte.