Leseprobe Das Geheimnis von Rose Castle

Hayley

19. Mai 2018

Ein salziger Tropfen nach dem anderen landete auf der Glasscheibe des Bilderrahmens. Hayley wischte sie mit zitternden Fingern fort, wobei ihr ein Schluchzen entfuhr. 

In den letzten Wochen hatte sie kein einziges Mal geweint. Nicht, als der Anruf aus dem Krankenhaus kam und der Arzt ihr mitteilte, dass ihre Mutter einen schweren Autounfall gehabt hatte. Nicht, als sie den geschundenen Körper ihrer engsten Vertrauten in dem Krankenbett hatte liegen sehen, mit all den Schläuchen und Apparaten, die sie gerade so am Leben erhalten hatten. Nicht einmal in dem Moment, in dem Hayley die Papiere für die Organspende unterschrieben hatte. Auch den Gang zum Bestatter, die Auswahl des Grabsteins und der Blumen sowie das Begräbnis selbst hatte sie hinter sich gebracht, ohne auch nur eine einzige Träne zu vergießen. Hayley war stark geblieben. Hatte einfach funktioniert, getan, was getan werden musste, ohne irgendetwas davon wirklich an sich heranzulassen. 

Jetzt aber, da sie ihr Lieblingsfoto in den Händen hielt, das sie und ihre verstorbene Mutter im botanischen Garten zeigte, realisierte Hayley zum ersten Mal, dass sie alleine war. Dass ihre geliebte Mutter unwiederbringlich fort war. 

Und diese Erkenntnis, welche all die Zeit über still in einem Winkel ihres Verstandes gelauert hatte und nun brüllend hervorgesprungen war, ließ einen Damm in ihr brechen. 

Mit wachsender Panik wischte sie sich mit dem Ärmel über die heißen, nassen Wangen und versuchte, auch die Glasscheibe des Bilderrahmens von den Tränenschlieren zu befreien. Hayley wollte, nein sie musste, ihre Mutter sehen, auch wenn es nur auf dem Foto war. Das schmale Gesicht mit der spitzen Nase, umrahmt von wilden Locken, das Hayleys in nichts glich. Ihr Gesicht war herzförmig und mit blassen Sommersprossen übersät. Die rötlichen Haare waren glatt und bei weitem nicht so widerspenstig, wie die ihrer Mutter es gewesen waren. Früher hatte sie der optische Unterschied nie gestört. Nun wünschte sich Hayley sehnlichst, mehr nach ihrer Mutter zu kommen, um ihre Züge in ihrem eigenen Spiegelbild betrachten zu können. Das hätte ihr die Möglichkeit gegeben, noch etwas mehr von ihrer Mutter bei sich zu behalten.

Sie saß im Schneidersitz auf dem ausgeblichenen Hochflorteppich im Schlafzimmer ihrer Mutter, umringt von Fotoalben und Andenken. Die sanften Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Zimmer in rötliches Licht und projizierten den Schatten des kleinen Windspiels, das vor dem Fenster angebracht war, an die gegenüberliegende Wand. 

Hayley wischte sich ein letztes Mal übers Gesicht, als ihre Tränen endlich versiegten, und betrachtete still das Spiel aus Licht und Schatten. Da blitzte plötzlich etwas in der Dunkelheit des offenstehenden Wandschranks auf und forderte ihre Aufmerksamkeit. Zuerst glaubte Hayley, sich die Reflexion nur eingebildet zu haben, aber bereits Sekunden später sah sie es erneut – im obersten Fach des kleinen Wandschranks, aus dem sie tags zuvor Bettwäsche und Handtücher ausgeräumt hatte, schien sich noch etwas zu befinden. Schniefend rappelte sie sich hoch und trat vor den Schrank. Hayley tastete das oberste Regalbrett ab, soweit sie mit der Hand reichen konnte, stieß aber auf nichts außer Staubflusen. Was auch immer sich da oben verbarg, musste ganz nach hinten gerutscht sein. Erleichtert darüber, nun wenigstens etwas zu tun zu haben, das sie von ihrer Trauer und den trüben Gedanken ablenkte, zog sie den schweren Lesesessel, der neben dem Fenster stand, an den Schrank heran. Die dicken Holzbeine des Stuhls scharrten laut über den Parkettboden, als sich Hayley damit abmühte, das wuchtige Möbelstück quer durchs Zimmer zu schieben. 

Erst als sie auf dem weichen, über die Jahre durchgesessenen Polster balancierte, schaffte Hayley es, das mysteriöse glänzende Etwas zu ertasten. Ihre Finger trafen auf kühles Metall, zogen das überraschend schwere Teil Stück für Stück weiter nach vorne, bis sie es schließlich mit beiden Händen fassen und aus dem Regal heben konnte. Für einen Moment verlor sie das Gleichgewicht und schwankte bedrohlich mit ihrem Fund auf dem Arm. Als sie den Gegenstand nun betrachtete, pochte ihr Herz kräftig gegen ihre Rippen und sie musste sich eingestehen, dass dies nicht nur ihrem Beinaheabsturz vom Lesesessel zuzuschreiben war. Tief in ihr machten sich Aufregung, Neugier und auch ein wenig Argwohn breit. Sie hatte diese, an manchen Stellen bereits angelaufene, silberne Box noch nie zuvor gesehen. In den letzten Tagen hatte sie die gesamte Wohnung ausgeräumt und es war ihr kein einziger Gegenstand in die Hände gefallen, der ihr unbekannt gewesen wäre – bis auf diese Schatulle. Ihre Mutter musste sie all die Jahre wie einen Schatz gehütet und vor ihr versteckt gehalten haben. Aber warum nur? Was war in dieser Kiste? Hayley überlegte angestrengt, während sie sich mitsamt dem Fund in die weichen Kissen auf dem Bett ihrer Mutter sinken ließ. Sofort stieg ihr der altbekannte Rosenduft in die Nase, der noch immer an den Kissen haftete. Ihre Mutter hatte Rosen geliebt, darum wunderte es Hayley nicht, dass eine Rose auch die metallene Schatulle auf ihrem Schoß zierte. 

Mit dem Zeigefinger zog sie die erhabenen Blütenblätter der Prägung nach. Sofort begann ihre Kopfhaut zu prickeln, wie sie es immer tat, wenn Hayley angespannt oder nervös war. Sie scheute noch einen Augenblick davor zurück, die Box zu öffnen. Was, wenn ihre Mutter einen triftigen Grund gehabt hatte, den Inhalt vor ihr geheim zu halten? Womöglich würde ihr das, was es darin zu entdecken gab, nicht gefallen. 

Ein ungutes Gefühl beschlich Hayley und gesellte sich zu der Trauer über den Verlust ihrer Mutter, sodass sich ihr ohnehin schon flauer Magen unangenehm zusammenzog. Letztendlich siegte jedoch die Neugierde. Hayley holte tief Luft und klappte den Deckel auf.

In der Kiste, die mit dunkelrotem Samt ausgekleidet war, befand sich ein Sammelsurium an Gegenständen. Ihr Blick huschte über die verschiedenen Dinge und blieb an einem dünnen Bündel kupferfarbenen Haares hängen. Die feine Strähne wurde durch ein glänzendes, hellrosa Satinband zusammengehalten. Hayley drehte das seidige Haarbündel vorsichtig und entdeckte einen in das Band eingestickten Schriftzug: Hayley Abigail Rose 24.11.1998.

Ihre Brust wurde mit einem Mal eng. Es war ihr Vorname. Ihr Geburtsdatum. Mit ziemlicher Sicherheit waren es ihre Haare. Aber wie konnte das sein? Hayley wusste nichts von einem zweiten Vornamen und ihr Nachname war Oakwood wie der ihrer Mutter. Sie hatte das Gefühl, von einer bleiernen Schwere tiefer in die Matratze gedrückt zu werden. Was hatte das bloß zu bedeuten? 

Vorsichtig legte sie die Haarsträhne neben sich auf die Tagesdecke und langte nach dem nächsten Objekt in der Kiste. Es war ein Stein, der sich in ihrer verschwitzen Hand kühl anfühlte. Die Form des dunkelblauen, glatten Flusskiesels erinnerte an die eines Herzens. Als sie ihn umdrehte und die Namen sah, die mit silberner Farbe darauf gemalt waren, beschleunigte sich ihr Puls. Sarah & Dean stand da in geschwungener Schrift. Sarah war ihre Mutter, aber von einem Dean hatte sie noch nie gehört. War das etwa ihr Vater? Möglich war es. Hayley wusste so gut wie nichts über ihn. Ihre Mutter hatte sich was das anging immer äußerst bedeckt gehalten. Und jedes Mal, wenn sich Hayley nach ihm erkundigt hatte, war ihrer Mutter eine unendliche Traurigkeit anzusehen gewesen – darum hatte sie irgendwann aufgehört, Fragen zu stellen. Was aber nicht bedeutete, dass sie kein Interesse daran hatte, mehr über ihren Vater zu erfahren. Auch wenn Hayley mit ihren neunzehn Jahren erwachsen war, sehnte sich das kleine Mädchen in ihr stets danach, den unbekannten Elternteil kennenzulernen. In ihrer Vorstellung malte sie sich sein Gesicht aus, das ihrem, ihrer Mutter zufolge, sehr ähnlich war. Die hohen Wangenknochen, ihren hellen Teint und die roten Haare hatte sie von ihm geerbt. Aber wer dieser Mensch tatsächlich war und warum sich ihre Eltern getrennt hatten, warum er nie eine Rolle in ihrem Leben gespielt hatte, wusste Hayley nicht. 

Wie eine Kostbarkeit bettete sie den herzförmigen Stein neben ihre Haarsträhne und holte das nächste Objekt aus der Kiste, ein abgegriffenes Foto. Ihr Atem stockte, als sie die Frau in dem prinzessinnenhaften Brautkleid erkannte. Es war eine junge, freudestrahlende Ausgabe ihrer Mutter. Sie lag in den Armen eines stattlichen, gutaussehenden Mannes, der sie voller Liebe ansah. Auf der Rückseite des Fotos stand mit verblichener Tinte etwas geschrieben. 

Ich sah dich im Rosengarten, 

Da war’s um mich geschehen. 

Ich will nicht länger warten, 

Dir meine Liebe zu gestehen. 

Mag sein, dass Rosen welken, 

Ihre Schönheit wird vergehen. 

D’rum will ich dir mein Leben schenken

Und immer an deiner Seite stehen. 

 

In ewiger Liebe,

Dein Dean Rose, 19. Juni 1996

 

Dean Rose und ihre Mutter waren also verheiratet gewesen. Zumindest nahm Hayley an, dass sie es an irgendeinem Punkt in der Vergangenheit nicht mehr gewesen waren, denn ihre Mutter hatte, seit Hayley denken konnte, Oakwood geheißen. Aber vielleicht hatte sie auch einfach ihren Namen behalten. Oder es war tatsächlich zur Scheidung gekommen. Tausend Fragen und abertausende mögliche Antworten schwirrten Hayley durch den Kopf. Dabei konnte sie nur das Bild anstarren. Den Mann. Dean. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit manifestierte sich ein Gedanke in ihrem Geist. Das … war ihr Vater. Er musste es einfach sein. Aber warum sah sie ihn heute zum ersten Mal? Und das nur auf einem alten Foto. Warum hatte ihre Mutter ihn und ihr altes Leben vor ihr geheim gehalten? Wie hatte sie das nur tun können? 

Hayley hatte so lange verkrampft und in Gedanken versunken stillgehalten, dass ihre Arme und Beine nun vor Taubheit kribbelten. Als sie das Foto ebenfalls beiseitelegte und ihre eingeschlafenen Glieder vorsichtig streckte, klimperte es leise in der Kiste, die auf ihrem Schoß in Bewegung gekommen war. 

Hayley griff in die Schatulle und beförderte einen weiteren Beweis für die Ehe ihrer Mutter zutage, von der sie nie etwas gewusst hatte. Es handelte sich um einen schmalen Goldring, in dessen Wölbung ein einzelner, weiß glitzernder Stein eingelassen war. Die Gravur in der Innenseite lautete: 19.06.96. Das musste der Ehering ihrer Mutter gewesen sein. 

Mit steifen Fingern fasste sich Hayley in den Nacken und löste den Verschluss ihrer Halskette, an der ein kleiner silberner Herzanhänger baumelte. Sie ließ den Ring auf die Kette gleiten, legte sie wieder an und steckte ihn unter den Ausschnittsaum ihres Shirts. Das anfangs kühle Metall erwärmte sich rasch auf ihrer Haut und schmiegte sich in die Kuhle zwischen ihren Brüsten, als gehöre der Ring ihrer Mutter genau dorthin, ganz nah an ihr Herz. 

Hayley atmete tief durch und drückte sich tiefer in die Kissen, um sich für die letzten beiden Dinge in der Schatulle zu wappnen. Dieser Fund wirbelte ihr Leben, das durch den Tod ihrer Mutter ohnehin schon auf dem Kopf stand, gehörig durcheinander. 

Beherzt griff sie nach einer kleinen Kartonrolle und entfernte den Plastikdeckel am Ende. Als Hayley die Öffnung nach unten drehte und vorsichtig schüttelte, glitt ein Papierbogen daraus hervor. Achtsam entrollte sie das Blatt und die Annahmen der letzten Minuten bestätigten sich auf einen Schlag. Es war eine Heiratsurkunde. Dieses Dokument besiegelte die Ehe zwischen ihrer Mutter und Sir Dean James Cameron Rose. Sir. An diesem Wort blieb ihr Blick einige Sekunden lang hängen, bevor die Adresse neben dem Stempel des Standesamtes ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. 

Rose Castle, Corbridge, Northumberland, England. 

Hayley runzelte irritiert die Stirn. Rose Castle? Was sollte das denn bitteschön sein? England? Ihre Mutter hatte nie ein Wort darüber verloren, je in England gewesen zu sein. Darüber hinaus konnte sich Hayley ihre hippe, Flip-Flops-tragende, Starbucks-Kaffee-schlürfende Mutter so gar nicht in einem biederen, englischen … ja, was war dieses Rose Castle überhaupt? Ein Schloss? Ein Herrenhaus? Ein Anwesen? Egal, was es auch sein mochte, Hayley konnte sich Sarah Oakwood in keinem Fall als die Lady von Rose Castle vorstellen. Anscheinend hatte sie ihre Mutter nie richtig gekannt. Zumindest nicht den Teil von ihr, dessen Überreste jahrelang verborgen in dieser Kiste geschlummert hatten. 

Gedankenverloren griff sie nach dem letzten Gegenstand in der Schatulle, einer herausgerissenen Buchseite. Es handelte sich dabei um die Titelseite eines alten Gedichtbands von keinem Geringeren als John Keats. Hayley überflog den Titel und staunte nicht schlecht, da es eine Erstausgabe zu sein schien. Warum hatte ihre Mutter gerade dieses Buch gewählt? Soweit Hayley wusste, war sie nie ein besonders großer Fan von Poesie und Prosa gewesen. Andererseits saß Hayley hier inmitten von Dingen, die eine Heirat ihrer Mutter mit einem englischen Adligen bezeugten. Also sollte sie sich wohl weniger Gedanken über eine Seite aus einem literarischen Werk machen – auch wenn sie nur zu gern gewusst hätte, warum ihre Mutter sie den anderen Gegenständen beigelegt hatte … 

 

Amelia

20. März 1938

Mit starrem Gesicht musterte Amelia die fadendünnen Rinnsale, die sich vom grauen Himmel ausgehend auf den gepflegten Garten von Rose Castle ergossen. Der weiße Stoff des Zeltes, das speziell für diesen Tag neben den Fliederbüschen, in der Nähe des kleinen, sechseckigen Pavillons aufgestellt worden war, troff vor Nässe und wehte nur träge im Wind. Die hageren Tulpen und Primeln, die den Kiesweg zum Haus säumten, hatten erst vor wenigen Tagen ihre bunten Köpfe aus der kalten Erde gestreckt und wurden nun vom Regen unerbittlich niedergedrückt. 

Amelia konnte es ihnen nachfühlen. Auch sie hatte sich diesen Tag anders vorgestellt. Mit Sonnenschein, Tanz und Musik im Kreise ihrer Verwandtschaft und Freundinnen, die voller Neid zu ihr in ihrem wunderschönen Brautkleid aufschauten. Hätte ihr zukünftiger Gatte, der Baronet von Rose Castle, das Hochzeitsfest doch nur nach ihren Wünschen im Frühsommer angesetzt, dann hätten sie sich inmitten von strahlenden Rosen ihr Jawort geben können. So aber hatten sich die wenigen geladenen Gäste im finsteren Bankettsaal versammelt und warteten mit Wein und Eclairs auf den Beginn der Zeremonie. 

„Miss Campbell, es ist Zeit“, erinnerte sie die hohe Stimme des Zimmermädchens. Widerstrebend löste Amelia ihren Blick von der mit Tropfen behafteten Fensterscheibe und wandte sich um. Ihr Zimmer war groß, mit gleich drei doppelflügeligen Fenstern, die knapp über dem Boden in breiten Fensterbänken endeten und gen Süden zeigten. Trotzdem waren es Kerzen, die den Raum erhellten. Das Damenzimmer, in dem ihre Vorgängerin, die erste Lady von Rose Castle, verstorben war. Unwillkürlich wanderte Amelias Blick zum Bett, in dem die junge Frau des Nachts verblutet war, nachdem sie eine Fehlgeburt erlitten hatte.

Ein Schauer lief ihr beim Gedanken an diese Tragödie über den Rücken. Natürlich war die Matratze ausgetauscht worden. Die Tatsache, hier wohnen zu müssen, machte das aber keinen Deut besser. Amelia wäre es tausendmal lieber gewesen, hätte sie eines der zahlreichen anderen Zimmer im Haus beziehen dürfen.

Beklommen sah sie nun in das runde Gesicht ihres Zimmermädchens und überlegte fieberhaft, ob sie ihr wohl vertrauen und die düsteren Gedanken mit ihr teilen konnte. Amelia wusste, wie viel unter den Bediensteten getratscht wurde – das war vermutlich in jedem größeren Hausstand der Fall. Und sie wollte es tunlichst vermeiden, als feige, unerzogen oder gar undankbar dazustehen, sei es auch nur vor den Angestellten. Sollte gar ihrer Mutter zu Ohren kommen, dass sie zu viel plapperte, dann gnade ihr Gott. Sofort hatte sie ihre strenge Stimme im Kopf, die sie zum hundertsten Mal um Ruhe anhielt. Es steht jungen Damen nicht, ständig und ohne Unterlass zu gackern. Du musst lernen, still und sittlich zu sein, sonst wird dich nie ein Mann zur Frau nehmen. 

Amelia hatte stets ihr Bestes gegeben und auf ihre Mutter gehört und nun würde sie schon bald die Lady von Rose Castle sein. Ihr Gesichtsausdruck musste verkniffen und nachdenklich ausgesehen haben, während ihre Überlegungen von der verstorbenen Frau des Baronets zu ihrer herrischen Mutter gewandert waren. Celia, das Zimmermädchen, räusperte sich und zeigte auf den leeren Stuhl vor dem Frisiertisch. Mit einem leisen Seufzen ließ sich Amelia auf das weiche Samtpolster sinken.

„Ist alles in Ordnung, Miss? Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte Celia, lächelte sie durch den Spiegel freundlich an und griff nach der Rosshaarbürste. Andächtig und mit viel Gefühl bürstete sie Amelias lange, rote Mähne durch, bis sie ihr geschmeidig über den Rücken fiel. Sogleich machte sich die junge Bedienstete dann daran, einen dicken Zopf zu flechten und diesen an Amelias Hinterkopf zusammenzudrehen.

„Warum nur muss ich ihr Zimmer haben?“, platzte es plötzlich doch aus Amelia heraus. Der Gedanke an die verstorbene Lady Rose wollte sie einfach nicht loslassen und obwohl sie eigentlich entschieden hatte, ihren Mund zu halten, waren ihr die Worte einfach entschlüpft.

Celia warf ihr durch den Spiegel einen Blick zu, den Amelia nicht recht zu deuten wusste, bevor sie vorsichtig eine Haarklammer nach der anderen in den geflochtenen Dutt schob.

Es war falsch gewesen, dieses Thema anzusprechen. „Entschuldige die Frage. Bitte vergiss einfach, was ich gesagt habe“, versuchte Amelia darum hastig, ihren Fehler zu korrigieren. Die Hände des Zimmermädchens hielten in ihrer Bewegung inne. Celia trat einen Schritt zur Seite und sah Amelia direkt ins Gesicht, ein nunmehr nachsichtiges Lächeln auf den Lippen. Sie sah sehr jung aus, war wahrscheinlich drei oder vielleicht auch vier Jahre nach Amelia geboren worden, und trotzdem wirkte sie in diesem Moment um einiges erwachsener. Beinah schwesterlich griff sie nach Amelias Hand und drückte diese leicht.

„Es ist das Damenzimmer, Miss. Alle Ladys von Rose Castle bewohnten es. Egal, was in diesen vier Wänden geschehen sein mag, es ist Vergangenheit. Ihnen gehört die Zukunft.“ Amelia ließ sich die Worte durch den Kopf gehen und dabei wurde es ihr stetig leichter ums Herz. Zaghaft erwiderte sie Celias Lächeln. Die lieb gemeinte Geste und die bedachten Worte ihrer Bediensteten waren Balsam für Amelias Seele. Sie schwor sich, immer ein Auge auf Celia zu haben und sie stets gut zu behandeln, um ihr diesen Gefallen zu vergelten. „Du hast recht, meine Liebe. So wird es sein.“ 

Celia machte sich nach einem Nicken wieder daran, Amelias Haar zu festzustecken und half ihr anschließend in das bodenlange weiße Kleid. An die Ärmel war feine Spitze gesetzt und der schmale Rock aus Seide floss um Amelias Beine wie ein schimmernder Wasserfall.

„Sie sehen wunderschön aus, Miss“, verlautete Celia und strahlte sie an. Obwohl sie das Mädchen erst wenige Tage lang kannte, fühlte Amelia Zuneigung für sie und hoffte insgeheim, dass sie beide eine echte Freundschaft entwickeln würden. Natürlich war es nicht üblich und auch nicht gern gesehen, als Angehörige des Adels, und eine solche würde sie in wenigen Stunden sein, Beziehungen zu Bediensteten zu unterhalten, seien es auch nur profane Freundschaften. Aber wer würde sie schon davon abhalten? Morgen bereits würde ihre Mutter mit den Schwestern abreisen und dann war Amelia alleine in diesem fremden Haus und mit ihrem fremden Ehemann. Da konnte eine Vertraute sicher nicht schaden.

„Ich danke dir, Celia. Für alles“, erwiderte Amelia und meinte jedes Wort aus tiefstem Herzen ernst.

„Nichts zu danken, Miss. Ich freue mich sehr, für Sie da sein zu dürfen“, gab das Mädchen mit geröteten Wangen zurück. „Und nun werde ich ihre Frau Mutter holen.“ Mit einem Knicks verabschiedete sich Celia und schloss leise die Tür.

Amelia trat wieder zum Fenster und blickte in den verregneten Garten hinaus, bemüht, die Reste ihrer Anspannung abzuschütteln. Sie musste all ihre Zweifel hinter sich lassen, ebenso wie das Mädchen, das sie war. Heute Nacht würde sie zur Frau, zur Lady von Rose Castle werden. Und auch wenn ihr zukünftiger Ehemann einige Jahre älter war als sie selbst, sah er doch gut aus. Er war recht schweigsam und zurückhaltend, konnte aber mit einem stattlichen Vermögen aufwarten. Vielleicht hätte sie ihn sich nicht ausgesucht, wenn sie eine Wahl gehabt hätte. Aber ungeachtet dessen war Amelia der Überzeugung, dass es einen Grund haben musste, warum das Schicksal gerade ihn an ihre Seite gestellt hatte. Es mochte zwar sein, dass sie im Moment noch keine Liebe füreinander empfanden, doch sie hatten Zeit, diese erblühen zu lassen. So, wie die wundervollen Rosen im Garten des Herrenhauses bald schon erblühen würden.

 

Hayley

21. Mai 2018

„Du willst was?“, fragte Sienna zum wiederholten Mal. Ihre Augen waren bei jedem von Hayleys Worten größer geworden. Ihre Stimme jedes Mal, wenn sie die Frage erneut gestellt hatte, schriller. Nun saß Sienna, Hayleys beste Freundin und Arbeitskollegin, mit offenstehendem Mund und einem entgeisterten Gesichtsausdruck vor ihr im Salon.

„Ich will nach England reisen, um meinen Vater kennenzulernen und mehr über die Vergangenheit meiner Mutter zu erfahren“, antwortete Hayley ein weiteres Mal. Sanft griff sie nach Siennas Arm. Natürlich war Hayley bewusst, dass es ein drastischer, wenn nicht sogar verrückter Schritt war. Sie lebte seit ihrer Geburt in Queens und hätte niemals daran gedacht, die vertraute Umgebung Long Islands je zu verlassen. Aber die Dinge hatten sich geändert. Ihre Mutter war tot. Der Verlust schmerzte unglaublich und hatte zur Folge, dass sich Hayley in ihrer Heimat plötzlich nicht mehr richtig zuhause fühlte. Und seit sie vor zwei Tagen auf die Schatulle gestoßen war, deren Inhalt so unendlich viele Fragen aufgeworfen hatte, zog es sie fort von hier. Fort von dem Leben, das mit ihrer Mutter verschwunden war.

„Aber du kannst doch nicht einfach abhauen? Was ist mit der Wohnung und mit deinem Job? Und was ist mit mir?“, fiepte Sienna. Beim Gedanken daran, ihre Freundin nicht mehr jeden Tag sehen zu können, wurde Hayleys Herz schwer. Darüber hinaus hielt sie allerdings nichts und niemand in Queens, und ihr Beschluss, so überstürzt er auch getroffen worden sein mochte, stand fest. Felsenfest.

„Ich könnte mir die Wohnung alleine ohnehin nicht mehr leisten. Von daher trifft sich ein Ortswechsel zu diesem Zeitpunkt gut. Mit Jeff habe ich bereits gesprochen. Aylin kommt in zwei Monaten aus dem Mutterschutz zurück und übernimmt dann meine Kunden. Bis dahin kommt ihr auch ohne mich zurecht, da bin ich mir sicher.“ Hayley hielt kurz inne und blickte in Siennas dunkle Augen, die sich langsam aber unaufhaltsam mit Tränen füllten.

„Und dich, mein Herzensmensch, werde ich unglaublich vermissen! Aber Sienna, ich muss das einfach tun. Ich hatte mich schon damit abgefunden, meinen Vater nie kennenzulernen, und jetzt habe ich doch die Möglichkeit dazu. Ich …“

„Glaubst du nicht, dass deine Mum einen triftigen Grund hatte, ihn zu verlassen? Was, wenn er ein fürchterlicher Mann ist, der sie betrogen oder gar geschlagen hat?“, unterbrach Sienna sie mit rauer Stimme. Hayley versteifte sich und schüttelte vehement den Kopf, sprach aber ehrlich aus, was sie auf dem Herzen hatte. „Natürlich kann das alles sein. Ih habe selbst schon über diese und hundert andere Möglichkeiten nachgedacht. Aber ich werde es erst wissen, wenn ich dort bin. Sienna, es wird mir keine Ruhe lassen. Du weißt das. Du kennst mich so gut wie kaum jemand sonst. Ich muss einfach gehen. Kannst du das bitte verstehen und mich unterstützen?“ Nun brannten auch in Hayleys Augen heiße Tränen. Rasch blinzelte sie diese fort. Es war nicht der Moment, um zu weinen. Tränen brachten ihr nichts. 

Beweine nicht das, was war, sondern blicke dem, was sein kann, entgegen. Das hatte ihre Mutter stets gesagt. Wie recht sie damit gehabt hatte, auch wenn es wohl das Schwerste war, das Hayley je tun würde, ihre Mutter und ihr gewohntes Leben hinter sich zu lassen. In Wahrheit ließ sie ihre Mutter jedoch nicht wirklich hinter sich. Ein großer Aspekt dieser Reise sollte sogar genau das Gegenteil bewirken. Hayley wollte mehr über ihre Mutter erfahren. Dinge aus einer Zeit, in der sie selbst noch nicht auf der Welt gewesen war. Eine Zeit, über die ihre Mutter nie gesprochen hatte. Als hätte es sie nie gegeben. Gestern noch hatte sie ihr Grab besucht. Hatte fast zwei Stunden vor dem glatten, hellgrauen Grabstein gestanden und überlegt, was sie mit den neuen Erkenntnissen anfangen sollte. Am liebsten hätte sie den Kopf zum Himmel gehoben und nach oben geschrien, in der unsinnigen Hoffnung, ihre Mutter würde ihr wenigstens eine der unzähligen Fragen beantworten, welche die Schatulle aufgeworfen hatte. Wie hatte sie nur sterben können und ihr dieses Erbe hinterlassen? War überhaupt irgendetwas, das ihre Mutter Hayley jemals über ihre Vergangenheit erzählt hatte, wahr gewesen? Oder hatte sie eine Lüge gelebt? 

Hayleys Blick klärte sich und sie sah, wie Sienna langsam ihre hochgezogenen Schultern sinken ließ. Sie wusste, dass das bedeutete, dass ihre Freundin ihre Beweggründe endlich verstand. Sie hatte begriffen, dass jedes Widerwort zwecklos war. Hayley würde nach Corbridge fahren und dort hoffentlich Antworten finden. Antworten und ihren Vater.

Hayley

25. Mai 2018

Diese Reise ins Ungewisse brachte unzählige erste Male mit sich. So viel Neues und Unbekanntes, dass Hayley bald der Kopf schwirrte. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass sie ihre erste Flugreise gemeinsam mit ihrer Mutter machen würde. Irgendwohin in den Urlaub, wenn das Geld einmal für derlei Vergnügen gereicht hätte. Nun stand sie alleine am John F. Kennedy Airport, wartete mit einer ganzen Ladung an Gefühlen, die in ihr brodelten, aufs Einchecken. Hayleys Blick glitt über die bunte Skulptur eines Flugzeugs der American Airlines, die durch zahlreiche Scheinwerfer ins rechte Licht gerückt wurde. Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend machte ihr zu schaffen. Was tat sie hier eigentlich? Vor Sienna hatte sich Hayley selbstbewusst und entschlossen gegeben. Ihren Plan, die Zelte in Queens abzubrechen und sich ins Ungewisse aufzumachen, verteidigt. Obwohl sie Sienna nichts vorgemacht hatte, sondern wirklich daran glaubte, dass sie das hier wollte, schlich sich mittlerweile eine leise Stimme des Zweifels in ihren Kopf. Machte sich breit wie Unkraut, das sich seinen Weg zwischen sauber gepflegten Pflastersteinen hindurch bahnte. Was, wenn sie in Corbridge niemanden antraf? Wenn ihr Vater gar nicht mehr lebte? Oder tatsächlich ein schrecklicher Mann war, der ihr nur Kummer bereiten würde? Schluss damit!, rügte sich Hayley selbst. Sie hatte sich entschlossen, diesen Schritt zu wagen, komme was wolle. Getrieben von einer immanenten Sehnsucht, die sich einem Schwelbrand gleich durch ihre Knochen fraß. Von einer Sehnsucht nach dem Vater, den sie nie kennengelernt, und der Mutter, die sie viel zu früh verloren hatte. 

Aus den Lautsprechern schallte eine Durchsage und riss Hayley aus ihren Gedanken. Sie rückte den Gurt ihres Rucksacks auf der Schulter zurecht und griff nach ihrem Rollkoffer, in dem sich neben Kleidung und Toilettensachen auch die Schatulle befand, die ihr mehr wert war als alle ihre anderen Habseligkeiten zusammen. 

 

Nach elf Stunden Flug setzte Hayley zum ersten Mal einen Fuß auf englischen Boden. Der Flughafen in Newcastle war um die Mittagszeit gut besucht und so musste sie sich einen Weg durch die Massen an Menschen in der Lobby bahnen. Die Zweifel, die sie noch kurz vor dem Abflug geplagt hatten, hatte sie mitsamt ihrem alten Leben in Queens zurückgelassen. Jetzt wollte Hayley nur nach vorne blicken. Der Gedanke ließ sie schmunzeln. Nicht allein, weil es ein positiver, mutiger Ansatz war - und sie wollte positiv und mutig sein -, sondern auch, weil sie sich in gewisser Weise selbst damit belog. Es waren zwei Seiten einer Medaille: Dem Neuen entgegen und doch zurück in die Vergangenheit. Zwei Unbekannte, denen sie bald begegnen würde. 

Die Geschäftigkeit um sie herum ließ keinen Platz für weitere tiefschürfende Überlegungen. Hayley holte ihr Gepäck ab, wechselte Geld und genehmigte sich ein kleines Frühstück. Nach dem langen Flug war es schön, sich noch ein bisschen die Beine vertreten zu können, bevor die Reise mit dem Zug weiterging. Vor dem Zentrum von Newcastle, an der Station Haymarket, musste Hayley umsteigen. Sie spazierte das kurze Stück bis zur Eldon Square Bus Station, von wo aus sie direkt nach Corbridge fahren würde. All die Eindrücke der ungewohnten Umgebung prasselten auf sie ein wie ein Platzregen, der auf ausgetrocknete Erde traf. Anfangs sog sie gierig alles in sich auf, doch schon bald überflutete die Fülle an fremden Bildern, Geräuschen und Gerüchen ihren Verstand. Darum war Hayley heilfroh, als sie schließlich im Bus Platz nehmen und ihre überhitzte Stirn gegen die kühle Fensterscheibe lehnen konnte. Ein leises Pochen hatte sich hinter ihren Schläfen eingenistet. Ob der leichte Schmerz nun der langen Anreise geschuldet war, oder ob es die unterdrückten Zweifel waren, die anklopften, konnte sie nicht sagen. 

Während der etwas holprigen Busfahrt ließ Hayley die immer grüner werdende Landschaft draußen an sich vorbeiziehen, ohne wirklich etwas davon mitzubekommen. Die Ruhe in dem spärlich besetzten Bus tat gut und auch die Stimmen der Unsicherheit und des Zweifels blieben dankenswerterweise stumm. Nur das Brummen des Motors und die monotone Stimme des Fahrers, wann immer er eine neue Station durch die Lautsprecher ankündigte, füllten Hayleys Gedanken. Bis sie schließlich die Station Angel Inn im Herzen von Corbridge erreichte. Schlagartig war es vorbei mit der stoischen Ruhe, die sie noch einen Herzschlag zuvor fest in der Hand gehabt hatte. Aufregung und Tatendrang fuhren durch ihre Glieder wie ein Blitz in einen alten, knorrigen Baum. Hayley sprang von ihrem Sitz auf und schnappte sich den Rucksack und den Trolley. 

Nachdem sie ausgestiegen war, sog sie die frische Landluft tief in ihre Lunge und drehte sich einmal um sich selbst. Alte Straßen mit verblichenen Markierungen auf dem rauen Asphalt, Häuser aus dunklem Stein und die weiß getünchte Fassade des Angel Inn, bei dem es sich augenscheinlich um ein Restaurant handelte, umgaben sie. 

Sie hatte es wirklich getan. Hayley war in England. In Corbridge. An dem Ort, wo ihre Mutter einst gewesen war und dem sie aus rätselhaften Gründen den Rücken gekehrt hatte, ohne sich je umzublicken. 

Jetzt musste Hayley nur noch herausfinden, wie genau sie nach Rose Castle kam. Ihrer Recherche zufolge lag das Anwesen am südwestlichen Ende von Corbridge. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde sie jedenfalls nicht weiterkommen. Ein Taxi wäre hilfreich, oder sie fand jemanden, der ihr den Weg beschreiben konnte. 

Mit dem Rucksack auf den Schultern und dem kleinen Rollkoffer im Anschlag steuerte Hayley zielstrebig auf den Gastgarten des Angel Inn zu. 

Gerade hob ein älterer Mann am ersten Tisch neben der Eingangstür seinen Arm, um damit die Kellnerin auf sich aufmerksam zu machen. Hayley beschleunigte ihre Schritte, der Koffer rumpelte lautstark hinter ihr her über den aufgesprungenen Straßenbelag. Sofort richteten sich alle Blicke auf sie und Hayley nutze diese Gelegenheit. „Entschuldigen Sie bitte. Können Sie mir sagen, wie ich zu dieser Adresse komme?“ Rasch kramte sie im Gehen den Notizzettel mit der Anschrift aus Ihrer Hosentasche und streckte ihn der Kellnerin entgegen. Die Frau nahm ihr das zerknitterte Stück Papier ab und warf einen Blick darauf. Ihre Augenbrauen wanderten nach oben und sie sah Hayley erstaunt an, als sie ihr den Zettel zurückgab. „Rose Castle? Das ist aber weder ein Hotel noch ein Ausflugsziel. Es handelt sich dabei um ein Privathaus“, antwortete die Kellnerin und musterte Hayley nun genauer. Mit ziemlicher Sicherheit hielt sie sie für eine Touristin. 

„Ich weiß. Ich besuche dort jemanden.“ Die Aufregung nahm bei jedem ihrer Worte zu. 

Nach wie vor lag Verwunderung in den Zügen der Kellnerin und auch ihre Antwort ließ auf sich warten. An ihrer statt richtete der ältere Herr das Wort an Hayley. „Ich kann dir sagen, wie du nach Rose Castle kommst. Aber erwarte nicht, dort freundlich empfangen zu werden. Die Familie Rose lebt sehr zurückgezogen, das war immer schon so. Besuch ist dort nicht gern gesehen.“

Hayley schluckte. Na, das waren ja tolle Aussichten. Ihr war, als würde der Mann noch etwas hinzufügen wollen. Er sah sie derart eindringlich an, dass Hayley für einen Augenblick den Drang verspürte, ihr Vorhaben zu erklären. Aber sie würde ihre Beweggründe sicher nicht mit Wildfremden auf der Straße debattieren. Glücklicherweise fand die Kellnerin in diesem Moment ihre Sprache wieder. 

„Jetzt jag dem armen Mädchen doch keine Angst ein!“, rügte sie den Alten, fasste Hayley sanft am Ellenbogen und führte sie weg von den Tischen Richtung Straße. In wenigen Worten erklärte sie ihr den Weg und verabschiedete Hayley mit einem aufmunternden, wenngleich eindeutig zu schmalen Lächeln. 

Das war eigenartig gewesen. Äußerst eigenartig, fand Hayley. Und nicht nur die Reaktion der Kellnerin und des älteren Mannes, Hayley waren auch die Blicke der anderen Gäste nicht entgangen. Was war wohl der Grund dafür, dass die Einwohner von Corbridge so … Hayley überlegte, wie sie das Verhalten der Leute einordnen sollte. Waren sie skeptisch? Reserviert? Nervös? Sie konnte es nicht wirklich greifen. Auf der Hand lag jedenfalls, dass sich die Familie Rose von den Dorfbewohnern zu isolieren schien. 

Hayley grübelte weiter, während sie, der Wegbeschreibung folgend, durch die Straßen von Corbridge wanderte.

Über ihrem Kopf brauten sich dunkelblaue Gewitterwolken zusammen, als sie die beschriebene Zufahrt zum Herrenhaus endlich erreichte. Nichts deutete darauf hin, dass sich irgendwo am Ende der kieselbestreuten Straße, die sich in einem kleinen Wäldchen verlor, tatsächlich ein Haus befand. Kein Schild oder sonst irgendein Hinweis. Hayley musste darauf vertrauen, dass sie der Wegbeschreibung richtig gefolgt war und nicht im Niemandsland enden würde, wenn sie ihren Fuß auf diese einsame Straße setzte. 

Auf halbem Wege durch das lichte Wäldchen begann es zu regnen. Dicke Tropfen bahnten sich ihren Weg durch das Dach aus Baumkronen, fielen auf die raschelnden Blätter und weichten den Boden auf. Sienna hätte diesen Regenguss wohl als schlechtes Omen bezeichnet. Dabei war wechselhaftes Wetter keineswegs unüblich für England. Hayley hielt nichts von Omen, und ihre Entschlossenheit hätte nicht einmal ein Orkan aufhalten können. Der vernünftig denkende Teil in ihr war durchaus skeptisch. Eigentlich schon seit sie die Metallbox im Schrank ihrer Mutter gefunden hatte. Zunehmend durch das eigenartige Verhalten der Dorfbewohner und die eindeutig abgelegene Lage des Anwesens. Aber ihr Bauchgefühl trieb sie weiter voran. Erstickte alle Zweifel und Sorgen. Hayley spürte tief in sich, dass sie dem Ruf ihres Herzens folgen musste, gleichwohl er sie im Regen durch die englische Pampa schickte. 

Als sie der Weg endlich aus dem Wald hinausführte, war Hayleys Kleidung feucht und ihre Haare klebten an ihrem Kopf. Warum hatte sie nicht daran gedacht, sich gleich bei der Ankunft in England ihre Regenjacke überzuziehen. Im Koffer nützte sie ihr leider herzlich wenig. Hayley fröstelte. Doch schon Sekunden später vergaß sie ihre nassen Kleider und die Kälte. Vor ihr erstreckte sich ein Meer aus leicht abfallenden, sattgrünen Wiesen. Die tiefstehende Sonne zauberte glitzernde Reflexe auf die nassen Halme. Und inmitten dieses fantastischen Schauspiels lag ein riesiges Anwesen. Dunkle Steine wechselten sich mit rot leuchtenden Backsteinwänden ab, in die hohe Fenster eingelassen waren. Eine Mauer zog sich in einigem Abstand rund um das imposante Gebäude, dessen Dachschrägen im einfallenden Sonnenlicht grünlich schimmerten. 

Bei dem Anblick begann Hayleys Puls zu rasen und ihre Kopfhaut kribbelte in aufgeregter Erwartung. Hier würde sie auf den Mann treffen, nach dem sie sich insgeheim ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte. Vielleicht. Hoffentlich. Eines aber war sicher. Ihre Mutter war hier gewesen. Hatte in diesem Anwesen geheiratet und auch einige Zeit hier gelebt. Etwas von ihr musste dort unten, hinter den dicken Steinmauern, zurückgeblieben sein. Eine Spur ihres damaligen Lebens. 

Wie von selbst setzten sich Hayleys Beine in Bewegung. Ihr war, als würde sie ein unsichtbares Band zu dem Haus ziehen. 

Die Regenwolken hatten sich in der Zwischenzeit zwar verzogen, doch die matschige Straße unter ihren Füßen machte das Vorankommen noch immer schwer. Der vollgepackte Rollkoffer grub mit seinen schmalen Plastikrädern tiefe Furchen in die unbefestigte Straße und spritze dabei Dreck auf Hayleys ohnehin schon derangierte Kleidung. Wie gern hätte sie sich frischgemacht und saubere, trockene Sachen angezogen, bevor sie den Bewohnern von Rose Castle zum ersten Mal begegnete. Aber der Zug war abgefahren. 

Die Steinmauer, die das Grundstück umgab, kam immer näher und wuchs mit jedem Schritt, den Hayley auf sie zumachte, in die Höhe. Von der Hügelkuppe des Waldrands aus hatte sie nicht so unüberwindbar und abweisend gewirkt. Eher wie ein Rahmen, der ein Gemälde einfasste, als wie ein Bauelement, das unerwünschte Besucher abhalten sollte. 

Die Zufahrtsstraße endete vor einem breiten Eisentor. Hayley verstand zwar nicht viel von Schmiedekunst, dennoch war ihr klar, dass die großen Torflügel von Meisterhand gefertigt worden waren. Sie bestanden aus gedrehten und in sich verschlungenen schwarzen Eisenranken, die an zahlreichen Stellen kupferfarben glänzende Rosen zierten. Die Blumenköpfe waren unglaublich filigran und durch die tauähnlichen Regentropfen, die sich auf dem Metall niedergelassen hatten, wirkten sie täuschend echt. 

Hayley riss ihren Blick von den Details des Tors los und suchte die Umgebung nach einer Klingel ab, fand aber nichts dergleichen. 

Sollte sie einfach hineinspazieren, ohne sich anzukündigen? Immerhin wurde sie nicht erwartet, und einfach so in das Anwesen einzudringen kam ihr falsch vor. 

Aus Mangel an Alternativen griff sie dann aber doch nach dem runden Knauf, der etwa in Augenhöhe angebracht war. Es war nicht abgeschlossen. Beinahe geräuschlos ließ sich das Tor öffnen. Hayley musste sich allerdings mit ihrem vollen Gewicht gegen den schweren Flügel stemmen, um ihn weit genug aufzubekommen, dass sie mitsamt dem Koffer hindurchpasste. Hinter dem Tor wurde der von Geröll und Matsch überzogene Boden von feinen weißen Kieseln abgelöst, die unter Hayleys Füßen knirschten. Kaum hatte sie den Koffer durch den Spalt zwischen den Torflügeln manövriert, entglitt ihr der regennasse Knauf und das Eingangstor fiel mit einem ohrenbetäubenden Krachen wieder ins Schloss. Hayley zuckte zusammen und erschrak gleich noch ein zweites Mal, als einige Vögel aus der hohen Hecke neben ihr kreischend in den Himmel aufstiegen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie sah sich nach allen Richtungen um. Niemand schien ihre lautstarke Ankunft bemerkt zu haben. Keine Wunder eigentlich. Vor ihr erstreckte sich der helle Kiesweg noch ein weites Stück bis zum Haus. Er wurde zu beiden Seiten von dunkelgrünen Buchsbaumhecken gesäumt. Zu gern hätte Hayley gewusst, wie der Garten dahinter aussah, denn von ihrem Aussichtspunkt am Waldrand aus hatte sie unzählige bunte Farbtupfer ausmachen können, die einen üppigen Blumenbewuchs vermuten ließen.

Langsam ging sie auf die Steinstufen zu, die in einiger Entfernung in einer bogenförmigen Eingangstür endeten. Dabei wurden ihre Schritte allerdings immer träger. Die Zweifel, die bisher von Enthusiasmus und Aufregung überlagert worden waren, kehrten allmählich zurück. Aber Hayley würde nicht wieder kehrtmachen. Sie war fest entschlossen, das hier durchzuziehen. Dennoch blieb sie in respektablem Abstand zum Eingang stehen. Ihr Blick wanderte über die Reihen von Fenstern, hinter denen dünne weiße Vorhänge hervorblitzten. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Immer wieder hatte sie in den letzten Stunden überlegt, wie sie sich vorstellen und die Beweggründe ihres unerwarteten Auftauchens erklären würde. Was sie sagen und … 

„Hallo, ist da jemand?“ Erschrocken fuhr Hayley herum, in der Erwartung, jemanden hinter sich zu entdecken. Aber da war niemand. Sie war noch immer alleine und weder die Tür noch eines der Fenster hatten sich geöffnet. 

„Hallo? Wer ist da?“, erklang erneut die Stimme eines Mannes. Nun konnte Hayley ihre Quelle einigermaßen orten. Sie kam aus dem Garten, der hinter der Hecke liegen musste. 

„Ja“, stieß sie rasch hervor. „Ich meine, hallo, ich bin Hayley Oakwood. Ich möchte zu Dean Rose.“ So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Auf eine körperlose Stimme hatte sie keine ihrer Überlegungen vorbereitet. Einen Moment lang blieb es still. Hayley ließ ihren Rollkoffer stehen und näherte sich der Heckenreihe, die genau an der Stelle, hinter der sie den Mann vermutete, etwas löchrig war. 

„Und wer sind Sie?“, stellte sie eine Gegenfrage, weil noch immer keine Antwort von der anderen Seite der Hecke kam.

Ein Räuspern erklang. „Ich bin der Wachhund des Anwesens.“ Mit dieser Antwort hatte Hayley nicht gerechnet. Der Mann machte sich einen Scherz mit ihr. War das der typische englische Humor? 

Obwohl sie in ihrer momentanen Situation eigentlich nicht zu Albernheiten aufgelegt war, lockerte die trockene Antwort die angespannte Stimmung ein wenig auf. Hayley hätte nur zu gern gewusst, wer sich da hinter den Buchsbäumen verbarg. Neugierig beugte sie sich vor und lugte durch eines der Löcher in der Hecke. Die kleinen grünen Blätter kitzelten ihre Wange und zuerst konnte sie nichts als dünne Äste ausmachen. Dann erregte eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit. Etwas weiter oben erschien ein Auge in einer weiteren Lücke. Nachdem sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte Hayley etwas mehr von ihrem Gegenüber. Seine Iris war hellblau und wenn Hayley nicht alles täuschte, lächelte der selbsternannte Wachhund. Er hatte sie ebenfalls entdeckt und so sahen sich die beiden durch die Löcher in der Buchswand hindurch an. Es musste ein lustiger Anblick gewesen sein, wie sie ihre Gesichter von unterschiedlichen Seiten ganz nah an die Hecke drängten. 

„Ich bin Nate“, sagte der Mann schließlich. „Wenn du zu Sir Rose willst, solltest du dich beeilen. Soweit ich weiß, hat er heute noch einen Termin außer Haus.“ Hayley blinzelte und zog sich zurück. Mit einem Schlag war die Aufregung wieder da. 

„Danke, … Nate.“ 

„Gern geschehen, Hayley Oakwood.“ Es raschelte auf der anderen Seite und Nate war verschwunden. Das war die eigenartigste Begegnung gewesen, die sie je gehabt hatte. Allerdings hatten sich irgendwie alle schräg benommen, denen Hayley seit ihrer Ankunft in Corbridge begegnet war. Die Menschen hier waren anders als in Long Island. 

Okay, los jetzt, trieb sie sich selbst an, schnappte sich ihren Koffer und hievte ihn Stufe für Stufe bis zur Eingangstür hoch. Wenigstens gab es hier eine Klingel. Neben einer wunderschönen Rosenintarsie erwartete sie eine runde Taste. Hayley atmete durch und drückte. Ein tiefer Gong ertönte gedämpft hinter der Tür, wiederholte sich einige Male, bevor er verklang. Die Sekunden verstrichen und Hayley knetete den Griff ihres Koffers, während sie wartete. Ein klickendes Geräusch war zu hören und im nächsten Moment schwang die schwere Holztür vor ihr auf. 

Ein älterer Mann erschien im Türrahmen. Seine graumelierten Haare waren akkurat nach hinten gekämmt, er trug einen dunklen Anzug mit beigen Knöpfen und musterte Hayley abwartend. 

War das etwa ihr Vater? Sie rief sich das Bild von ihm in Erinnerung, und auch wenn er auf der Fotografie wesentlich jünger gewesen war, als er es heute sein würde, konnte sie die abgelichteten Züge nicht mit denen jenes Mannes in Einklang bringen, der nun vor ihr stand. 

„Sie wünschen?“ Sein Blick huschte über ihre zerzauste und noch vom Regen feuchte Erscheinung. Argwohn schlug ihr entgegen. 

„Ich bin Hayley Oakwood und ich möchte zu Dean Rose.“ Erleichtert stellte Hayley fest, dass sie keineswegs so unsicher klang, wie sie sich fühlte. Ihre eigene feste Stimme gab ihr Aufwind und so straffe sie die Schultern und brachte sogar ein freundliches Lächeln zustande. 

Doch die Reaktion des Mannes wischte ihr Lächeln wieder fort. Seine Augen wurden groß und sein Mund öffnete sich leicht. Er starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen. 

Schritte erklangen aus dem Haus, die sich schnell und vehement näherten. 

„Clark, sind das etwa die Platzsets, die ich bestellt habe? Warum kommt der Kerl denn nicht wie verabredet zum Lieferanteneingang?“ Die aufgebrachte Stimme einer Frau. Sie hatte die Tür erreicht und zog energisch daran, um sie weiter zu öffnen. Ihr strenges Gesicht tauchte vor Hayley auf. Sie war ebenso wie der Mann, der offenbar ein Angestellter im Anwesen sein musste, dunkel gekleidet, wenngleich sie keinen Anzug, sondern ein bodenlanges Kleid trug. Auch auf ihrem Gewand prangten beige Knöpfe. Ihre Haare waren zu einem präzisen Dutt nach hinten gebunden. Hayley fühlte sich, als wäre sie in einem alten Film gelandet. Rose Castle wirkte nicht nur von außen wie aus einer vergangenen Epoche, auch seine Bewohner schienen Wert auf traditionelle Etikette zu legen. 

„Miss Prudence“, setzte der Mann namens Clark an, kam aber nicht weiter. Der professionelle Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand, als sie Hayley erblickte und sie stieß hörbar Luft aus. 

Hayley war sich natürlich bewusst, dass sie nicht unbedingt vorzeigbar aussah, aber eine solche Reaktion hatte sie nun auch nicht erwartet. 

„Es tut mir leid“, beeilte sie sich zu sagen und strich über ihre klamme Kleidung. „Auf dem Weg hierher bin ich in einen Schauer geraten und …“ Miss Prudence unterbrach sie. „Was wollen Sie?“ Sie hatte ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle, doch ihre Stimme klang noch immer ein wenig erstickt. 

„Ich möchte zu Dean Rose“, sagte Hayley ein weiteres Mal. Sie verstand einfach nicht, was für ein Problem die beiden mit ihr hatten. 

„Hol die Dame“, ordnete Miss Prudence an Clark gewandt an, ließ Hayley dabei keine Sekunde aus den Augen. Clark nickte und verschwand. Miss Prudence öffnete die Tür indes noch ein Stück weiter und winkte Hayley herein. 

Der dezente Duft von Rosenblüten empfing sie beim Eintreten in die riesige Empfangshalle. Dominiert wurde der hohe Raum von einer geschwungenen Treppe, die sich der Tür gegenüber nach oben zog und in einer Galerie endete. Ringsum gingen breite, doppelflügelige Türen in weitere Zimmer ab. Durch eine von ihnen verschwand gerade Clark. Der helle Steinboden glänzte im Licht zahlreicher Lampen, die sich an den cremefarbenen Wänden mit Landschaftsbildern abwechselten. Überall waren Rosen zu sehen. An den Enden der Handläufe aus Messing, welche die Treppe einfassten, farblich akzentuiert im Boden, dezent schimmernd an der Tapete. Überall Rosen.

Schlanke, hüfthohe Vasen flankierten den Eingang sowie den Treppenabsatz und jede der Türen. Auch in ihnen steckten Rosen in allen erdenklichen Farben, bunt durchmischt, mit großen, voll erblühten Köpfen. 

Ohne genau darüber nachzudenken, was sie tat, trat Hayley an die nächststehende Vase heran und strich sanft mit den Fingerspitzen über eine Blüte. Sie war hart und glatt. 

„Sie sind mit Wachs überzogen und ich würde Sie wirklich bitten, die Finger davon zu lassen“, sagte Miss Prudence streng. Sofort zog Hayley die Hand zurück und verschränkte sie mit der anderen, um deutlich zu signalisieren, dass sie verstanden hatte. „Sie sind wunderschön.“ 

„In der Tat, und sehr kostbar.“ Es war nicht Miss Prudence, die geantwortet hatte. Von Haley unbemerkt hatte eine weitere Frau die Empfangshalle betreten. Sie war groß und schlank, trug ein bordeauxrotes Kleid mit spitzenbesetztem Rocksaum und blickte Hayley ernst an. Das in die Höhe gereckte Kinn und der dezente, aber eindeutig wertvolle Schmuck an Händen und Hals machten zusätzlich deutlich, dass sie keine der Bediensteten war. 

„Mrs Clementine Aurelia Rose“, kündigte Miss Prudence an. „Diese junge Dame hat sich als Hayley Oakwood vorgestellt. Sie wünscht, Sir Rose zu sehen.“ In ihrer Stimme lagen zuerst unüberhörbare Ehrerbietung und dann ein Hauch von Missbilligung. 

Während Hayley aufs Neue die Schultern straffe und ein freundliches Lächeln aufsetzt, ganz so, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte, verhärteten sich Mrs Roses Gesichtszüge. 

„Was wollen Sie von meinem Bruder?“ Ihrem Bruder? Dann stand Hayley hier also ihrer Tante gegenüber. Erleichtert ließ sie ihre angespannten Schultern ein Stück weit sinken. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, diese Frau, die um einiges älter sein musste als ihre Eltern, wäre nach ihrer Mutter die Frau an der Seite ihres Vaters geworden. 

Mrs Rose wirkte indes zunehmend angespannt, ihr Rücken gerade wie ein Besenstiel, der Blick unverwandt auf Hayley gerichtet. Sollte sie jetzt gleich, hier in der Eingangshalle, mit dem Grund ihres Erscheinens herausplatzen? Es wäre ihr wesentlich lieber gewesen, das an einem ruhigeren Ort und vor allem mit Sir Rose selbst zu besprechen. Ihre Tante aber schien auf eine prompte Erklärung zu bestehen. Hayley unterdrückte ein Seufzen. 

„Ich bin auf der Suche nach meinem Vater und ich denke, dass Sir …“ Weiter kam sie nicht. Mrs Rose hob ruckartig die Hand und brachte Hayley damit zum Verstummen. Der Ausdruck in ihren Augen hart und unbeugsam. 

„Gehen Sie ein Stück mit mir.“ Es war keine Bitte. Hayley war etwas perplex – über die Unterbrechung und der Kälte wegen, die ihr einem Wintersturm gleich entgegenschlug. Darüber hinaus war ein Spaziergang mit ihrer Tante auch nicht das, wofür Hayley hergekommen war. Eigentlich wollte sie ihren Vater sehen. Was war hier los? Warum benahmen sich nur alle dermaßen ungewöhnlich?