Leseprobe Cursed Hearts

Prolog

„Töte ihn!“

Die scharfe Anweisung durchschnitt die Luft wie ein blitzendes Messer. Dunkel hallte die Stimme von dem Platz wider, auf dem sich Dutzende schaulustige Menschen versammelt hatten. Die Leiber pressten sich aneinander, um die bestmögliche Sicht auf den gepflasterten Boden zu erhaschen.

Im Hof des prächtigen Anwesens kniete ein nackter, verwundeter Mann. Er war mit Schnittwunden übersät und sah auf seine blutenden Hände. Sein Rumpf zitterte. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Wieder eine öffentliche Misshandlung. Diesem Vergnügen ging die englische Familie Conteville gerne nach.

Tychon Conteville, der jüngste Sohn, trat mit gezogenem Schwert auf den Mann zu. Ein hämisches Grinsen lag auf seinen Lippen.

Sein Vater, Dyleus Conteville, verfolgte verzückt jeden Schritt seines Sohnes. Als Tychon das Schwert langsam hob, keimte Jubel in der Menge auf und sein Vater beugte sich erwartungsvoll nach vorn. Er schien jeden Moment auszukosten.

Dekadent! Mit zorniger Miene stand Zeitgott Chronos in der Menschenmenge. Wellen der Wut wallten in ihm auf, als er sah, wie sie all ihre Zeit sinnlos verschwendeten. Die Menschheit ist zu dekadent!

Er würde nicht weiter tatenlos zusehen, wie sie in ihrer Langeweile zu Monstern wurden. Zu Monstern, die im Luxus badeten.

Die Menschen waren zu einem Haufen herzloser Hüllen mutiert, die aus Langeweile mordeten. Er ertrug die grausamen Spiele der Contevilles nicht mehr, zu lange hatte er zugesehen. Jetzt folterten sie ihren letzten treu ergebenen Diener. Ein Bediensteter voller Unschuld.

Schwer atmend schloss Chronos seine dicken Finger um den Zeitstab. Er würde eingreifen! Zum Wohle der Menschheit. So riss er den Zeitstab nach oben und aus der Spitze schossen feurige Blitze in den Horizont.

„Senk das Schwert! Sofort!“, scholl seine dröhnende Stimme über den Platz. 

Tychon sah auf. Überraschung blitzte in seinen Augen auf. „Sonst was?“, fragte der junge schwarzhaarige Mann lächelnd und ließ das Schwert provokant nah am Kopf des Gepeinigten herunterfahren, bis die metallene Spitze auf die Pflastersteine schlug.

Die Menge johlte. Forderte die Exekution.

Chronos richtete den Zeitstab auf Tychon und rief einen weiteren Blitz, der das Schwert davonschleuderte. Dabei fing er den dankbaren Blick des verwundeten Mannes auf.

„So nutzt ihr eure wertvolle Lebenszeit? Ergötzt euch an dem Leid anderer! Schämt ihr euch nicht?“

Er verachtete die Menschheit mit jeder Faser seiner Gottheit für diese Eskapaden. Einst hatte er an die Menschen geglaubt, an ihr harmonisches Miteinander. Doch die Erdbewohner hatten ihren Geist zugrunde gerichtet.

Zornig richtete er den goldenen Stab auf Dyleus. Der Master der Contevilles zog bei dieser eindeutigen Geste den Kopf ein.

„Allen voran deine Familie. Ihr seid eine Schande!“ Chronos schloss die Augen, um sich zu besinnen und nicht komplett in Zerstörungswut zu verfallen. Er nahm einen tiefen Atemzug, als er schallendes Gelächter hörte. 

Tychon warf den Kopf in den Nacken und verpönte ihn mit seinem Gelächter. Er hob die Hände, um die Zuschauer zu animieren, es ihm gleichzutun. Tatsächlich erklang vereinzeltes Gekicher aus der Menge.

„Der Wicht hat es nicht verdient, zu leben!“

Chronos fing Tychons wahnsinnsgetränkten Blick auf, während dieser flink einen Dolch aus seinem Lederstiefel zog. Ehe der Zeitgott reagieren konnte, lag die scharfe, silberne Spitze schon an der Kehle des geschundenen Mannes.

„Verschone sein Leben und es bleibt bei einer Warnung“, raunte Chronos drohend. „Tötest du ihn, stürzt du dich und deine Familie ins Verderben!“ Seine Wut drohte zu explodieren, als er den ersten Blutstropfen an der silbernen Klinge heruntersickern sah. Dann zog Tychon den Dolch mit einem Ruck über die bloße Kehle, der nackte Mann verdrehte die Augen und kippte leblos nach vorn.

Chronos sah das Leben aus dem Körper weichen. Ein unschuldiges Leben verging. Er spürte den sanften Windhauch, der es davontrug. Das war genug!

Von Donnergrollen begleitet reckte er den glühenden Zeitstab in die Luft und ließ seiner Wut freien Lauf.

„Du wagst es, unschuldiges Leben zu nehmen!“ Er richtete seinen Zeitstab gegen Tychon. „Einen dir jahrelang treu ergebenen Menschen zu töten! Aus dem niederen Motiv der Langeweile.“

Eine Feuerwelle schoss aus dem Stab und kreiste die Menschenmenge ein.

„Dafür sollt ihr büßen! Ich werde euch die Zeit nehmen. Die Zeit für niederträchtige Gedanken, für grausame Morde und für eure mich anwidernde Langeweile!“

Der Horizont verdunkelte sich und eine eisige Kälte sank auf den Platz. Aus der grauen Wolkendecke fuhr grollend ein goldener Blitz auf die Pflastersteine und durchzog sie mit einem gewaltigen Riss, während Chronos den glühenden Blick auf Tychon richtete.

Angstvoll wich dieser zurück und hob schützend die Arme vors Gesicht.

Goldenes Licht umhüllte Chronos’ Gestalt. „Verdammt sollst du sein, zu nehmen, was dir im Überfluss gegeben!“

Seine Stimme hallte über den Platz und er entfesselte den mächtigen Fluch, der lange in ihm herangereift war. Endlich konnte er die Menschen bestrafen. Sie dazu verdammen, ihre Zeit sinnvoll zu verwenden.

„Du, Tychon, und deine ganze Familie sollt meine Wut zu spüren bekommen. Ihr sollt sie jagen, die sinnlos vergeudete Zeit, und sie den Menschen stehlen mit ihrer Lebenskraft. Für jede Minute der verschwendeten Zeit werdet ihr eine kostbare Lebensminute rauben!“

Chronos schloss einen magischen Zeitkreis um die versammelten Contevilles und sah mit Genugtuung, wie deren Mienen vor Entsetzen einfroren.

„Wandeln sollt ihr auf der Erde. Jahrelang. Getrieben nur von einem Gedanken: der Jagd!“ Er ließ den Kreis enger werden und blickte direkt in Tychons hassverzerrte Augen. „Erliegen sollt ihr ihm. Meinem Zeitfluch!“

Krachender Donner erfüllte die Luft und der magische Kreis explodierte. Seine goldenen Funkenscherben fanden sich in der Luft und formten sich zu Zahnrädern. Jedes einzelne schwebte zu einem Mitglied der Contevilles und entzog ihm die Lebenszeit. Sie absorbierten die dünnen, goldenen Zeitfäden der einzelnen Männer und Frauen und sammelten sich vor Chronos wieder. Nach und nach fügten sich die magischen, mit Leben getränkten Zahnräder ineinander, bis sie ein ganzes Uhrwerk ergaben. Eingefasst in Mahagoniholz, dessen Front ein graziles, goldenes Ziffernblatt zierte. Zufrieden betrachtete Chronos sein Werk.

„Ihr habt eure Strafe selbst gewählt“, donnerte er und fixierte Tychon ein letztes Mal, bevor er sich abwandte und hinauffuhr in den Götterhain.

Er sah nicht mehr, wie sich der zweite Zeitgott dieser Welt hinter Tychon materialisierte.

Tychon spürte den Druck des Fluches auf sich lasten. Tonnenschwer. Sein Inneres drohte zu zerbersten an dem brennenden Gefühl, das sich durch seinen Körper fraß. Er sank auf die Knie und sah keuchend seiner im Schock gefangenen Familie entgegen, als Kairos wie aus dem Nichts erschien. Er trug eine schlichte Leinenhose und in seiner linken Hand hielt er eine goldene Waage. Sein Aussehen glich dem eines jungen Mannes mit blitzenden Augen.

Kairos, Chronos’ Neffe und Gott des richtigen Momentes, legte Tychon eine Hand auf die Schulter. „Tychon Conteville. Die Ewigkeit sei mit dir und dem Kind des Kairos.“

Der junge Zeitgott lächelte ihm zu. Dann verschwand er ebenso schnell wie Chronos.

Kapitel 1

1500 Jahre später

Unter dem blauen Ärmel des Oxford University-Jacketts zog Ty die Rolex enger um sein schmales Handgelenk. Er genoss das Gefühl des Goldes auf der Haut, doch das sanfte Ticken der filigranen Zeiger erinnerte ihn daran, dass ihm die Zeit im Nacken saß. Unerbittlich drängte sie ihn.

Verächtlich hob Ty eine schwarze Augenbraue und schüttelte den unbequemen Gedanken ab, während sein Blick verreiste. 

Wie er es hasste, sein getriebenes Dasein, das von der Zeitplanung anderer Menschen abhängig war. Das wurde ihm jedes Mal aufs Neue bewusst, wenn er die Zeitskalen der Studenten durchforstete. In Form von prall gefüllten kleinen Taschenuhren schwebten sie über den Köpfen der Menschen und zeigten ihm hier an der Universität, wie sehr die Studenten dem Klischee entsprachen: Sie hatten Zeit im Überfluss. Die Zeitskalen zeigten ihm die golden glänzende vergeudete Zeit. Sie war es, was er begehrte, denn sie war sein Lebenselixier. 

Versager, nichts als Versager, diese modernen Studenten, dachte Ty abfällig und knotete die blaue Krawatte um den weißen Hemdkragen. Zu seinem Leidwesen aber waren sie die leichteste Beute. Deshalb hatte er sich wieder einmal in eine Universität eingeschrieben.

Natürlich hätte er auch jede andere Universität wählen können, aber er hatte einen Hang zum Luxus und bevorzugte Eliteuniversitäten. Dieses Mal Oxford, denn er hatte große Ziele.

Er fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar, das ihm locker in die Stirn fiel. Dann griff er nach seiner braunen Ledertasche und verließ das Appartement in der obersten Etage des Studentenwohnheims, um zu seiner ersten Vorlesung dieses Semesters zu gehen. Er schlenderte über den grün bewachsenen Campus und trat ins imposante Hauptgebäude.

Professor Sterling, ein bedeutender Historikprofessor, gab heute die Einführung zur Götterkunde. Diesen Einstieg pflegte er schon jahrelang, denn es war ihm ein Anliegen, die Menschen an die Allmacht der Götter zu erinnern.

Ty setzte sich in die hinterste Reihe der dunklen Holzbänke und überblickte schmunzelnd den rege besetzten Raum. Götterkunde war meist gut besetzt, die Hintergründe zu Chronos’ legendärem Zeitfluch weckten großes Interesse. 

Sterling betrat den Raum und legte einen Stapel abgegriffener Wälzer auf das Pult. Dann ließ er den Blick über das Plenum schweifen und räusperte sich. 

„Guten Morgen“, begann er mit sonorer Stimme und wartete, bis Ruhe im Saal einkehrte. „Wer von euch hat seine Zeit heute Morgen schon akribisch eingeteilt, um Zeitfresser zu vermeiden?“, fragte er offen. 

Amüsiert besah Ty die verdutzten Gesichter seiner Kommilitonen, während Professor Sterlings Miene sich verfinsterte. 

„Vermutlich habt ihr alle den Zeitjäger im Hinterköpfchen, aber fallt immer wieder auf die Verführungen des Internets rein, habe ich recht? Die Menschheit driftet immer wieder in ihren Unglauben ab, doch die Götter existieren. Sie sind so real wie wir alle in diesem Raum. Denkt daran, Chronos bewies es uns einst, als er auf die Erde hinabfuhr.“ 

Leises Gemurmel zog durch den Raum und Ty hob verächtlich die Augenbrauen. Die Menschen verplemperten noch immer viel Zeit.

„Denkt bei eurer Tagesplanung immer an den Fluch, den Chronos im sechsten Jahrhundert auf die Familie Conteville gelegt hat. Er machte sie zu Zeitjägern und wollte uns damit warnen, unsere Lebenszeit sinnvoll zu nutzen. Verschwendet ihr eure Zeit, kann der Zeitjäger euch mit dieser auch wertvolle Lebenszeit rauben. Momente, die ihr vielleicht mit euren Liebsten, eurer Berufung oder den Wundern des Alltags verbringen wolltet. Diese Zeit werdet ihr nie mehr zurückerhalten.“

Sein Blick streifte streng durch das Plenum. Die Köpfe reckten sich aufmerksam nach vorn. Er startete den Beamer.

„Nur die Horatio kann uns vor den Zeitjägern bewahren. Nach Chronos’ Fluch schlossen sich eine Handvoll mutige Männer zusammen, um einen Pakt mit Hades einzugehen. Dieser verlieh ihnen den legendären Blutdolch. Nur diese Waffe kann die Contevilles niederstrecken. Hades stattete die Horatio außerdem mit einem Radar aus, der ihnen das Pensum aller erfolgten Zeitraube anzeigt. Es gibt keine offiziellen Angaben zum Ausmaß der Zeit, die der Menschheit seit der Antike geraubt wurde. Aber glaubt mir, es sind sicher mehrere hundert Leben. Hades’ einziger Antrieb, uns Menschen diese Macht zu verleihen, war sein Ego. Er will genauso präsent auf der Erde sein wie Chronos. Es gibt Mutmaßungen, dass es ihn wurmt, nicht derjenige gewesen zu sein, der diesen Fluch über uns brachte. Deshalb manövrierte er sich in die Gegenposition. Wir können nur vermuten, dass er irgendwann auf unsere Dankbarkeit spekuliert.“

Sterling warf ein Bild der Gründungsmitglieder der Horatio, der Gemeinschaft, die noch heute unerbittlich Jagd auf die Zeitjäger machte, an die Wand.

„Wir können froh sein, dass sie den letzten noch verbliebenen Zeitjäger jagen. Doch wir müssen auch um Chronos’ Gunst werben und ihm beweisen, dass wir unsere Zeit weise planen. Wisst ihr, es nützt nichts, sich im Spiegel zu betrachten und von Schönheitsgöttin Aphrodite einen Apfelpo zu wünschen. Lieber sollten wir uns auf die Zeitgötter konzentrieren und ihnen und ihren Geboten die nötige Achtsamkeit schenken.“

Ty schnaubte. Der Professor war wirklich gut. Er warnte seine Schützlinge regelmäßig vor den Konsequenzen der verplemperten Zeit. Ganz zu seinem Leidwesen, denn genau diese Zeit benötigte er. Vor allem jetzt, denn seine Ausbeute während der Semesterferien war kläglich gewesen.

Deshalb trieb es Ty nach der Vorlesung umso mehr zu der Menschenansammlung vor der Mensa. Dort roch es nach Erbseneintopf. Er rümpfte die Nase und hätte gern wieder kehrtgemacht, doch das konnte er nicht. Der Fluch hatte ihn im Griff. Immer.

Instinktiv tastete er in die Innentasche des blauen Jacketts. Dort lag sie, die zierliche Schatulle, die sein Leben zerstörte. Er tastete über das Holz und spürte die feinen Schnitzereien. Sofort fühlte er ihren Hunger durch seine Finger. Quälend langsam fraß er sich durch sein Inneres und vernebelte seine Gedanken. Oh ja, er lauerte. Der jahrhundertealte Fluch.

Die Schatulle war ein notwendiges Instrument für den Zeitraub, nur mit ihr konnte er die goldene Zeit absorbieren. Die Schatulle war seine Verbindung zum Fluch. Sein Heilmittel und sein Verderben.

Ty schnaubte verächtlich. 

Hunger! 

Wenn er die Jagd weiter hinauszögerte, würde der Hunger die Kontrolle übernehmen. Der Fluch forderte Nahrung mit Gewalt, wenn es sein musste. 

Tys Blick wanderte über die Schlangen an der Ausgabe. Daneben reihten sich weiße Tische, die beinahe voll besetzt waren. Auf einigen standen Kaffeekannen, auf anderen vermüllte Tabletts. Manieren suchte man hier vergeblich. 

Wieder dieser abstoßende Erbsengeruch. Er rümpfte die Nase, wich ein paar Schritte zurück und konzentrierte sich auf die Zeitskalen der essenden Studenten. In leuchtenden Farben tanzten sie in der Luft, doch die meisten hatten zu wenig vergeudete Zeit geladen. Das war zu erwarten bei Semesterbeginn, und nach der Einführung von Professor Hookling sowieso. 

Die vorlesungsfreie Zeit verbrachten die Studenten oft sinnvoller als die Freizeit zwischen den Vorlesungen. Dort hingen sie planlos am Handy oder surften kreuz und quer im Internet. Tauschten den neuesten Klatsch und Tratsch aus, statt zu lernen. Alles vergeudete Zeit, insbesondere, wenn sie das aufgrund von Langeweile taten. 

Tys Blick glitt zu einem der Tische am Fenster. Dort sah er sie aufblitzen, seine Rettung. Über einem Blondkopf schwebte eine golden blinkende Zeitskala. Sie glich einer antiken Taschenuhr, die kurz vor zwölf anzeigte. Ihr Ziffernblatt war fast vollständig mit dem Gold gefüllt, das er suchte. In sanften Wellen wog die fließende Zeit durch die Skala. Ty erkannte sogar Luftbläschen darin. Oh ja, er begehrte sie. 

Vage musterte er den Blondschopf, über dem die Uhr hüpfte. Das Mädchen saß mit drei anderen am Tisch und quasselte lebhaft. In seinen Händen mit den pink lackierten Fingernägeln hielt es eine dampfende Tasse Kaffee. 

Sie war hübsch, nicht sein Typ, aber attraktiv. Der Gemütsart zufolge schätzte er sie auf Naivchen. Wenn er sich die pinke Umhängetasche so besah, vielleicht auch eine Zicke. 

„Hey, hat dir mein Anblick die Sprache verschlagen?“ 

Unerwartet hatte der Blondschopf sich zu ihm umgedreht und lächelte keck. Dabei glänzten ihre Haarspitzen in sanftem Rot und blaue Augen musterten ihn wohlwollend.

Okay, er hatte sie zu lange angestarrt. Aber das war gar nicht schlecht, so musste er sich keinen Anmachspruch aus dem Ärmel ziehen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. 

Mit gespielter Unsicherheit fuhr sich Ty durch die Haare und setzte ein hinreißendes Lächeln auf. „Sorry, ich bin neu. Hab keinen Plan, wie das hier läuft“, gab er betont locker zurück und bemerkte, wie ihre Augen interessiert aufleuchteten.

Feixend klopfte sie mit den Fingernägeln auf den Tisch. „Setz dich zu uns.“ Auffordernd deutete sie auf den leeren Stuhl neben ihrem Sitznachbarn, der Ty durch seine schwarze Nerdbrille kritisch musterte.

Oha, ein ganz freundlicher Zeitgenosse, dachte Ty und setzte sich. Dabei fühlte er sich wie die Beute eines Habichts, denn der Brillenkerl starrte ihn weiterhin missmutig an.

„Ich bin übrigens Amber“, stellte sich der Blondschopf vor und wies auf ihre Gegenüber. „Das sind Livia und Theodore.“ Verschwörerisch beugte sie sich zu ihm. „Nenn ihn niemals Theo.“

Der Nerd stöhnte auf und stierte sie aus braunen Augen zynisch an. „Amber, halt einfach die Klappe!“ Erkennbar gereizt klappte er sein Notebook auf und tippte los. Dabei linste er immer wieder über seinen schwarzen Brillenrand zu Ty.

Ty checkte ruhig die Runde. Amber war die Aufgeweckte von den dreien. Theodore, nun ja, der konnte gern hinterm Notebook bleiben. Seine Zeitskala war ausgeglichen. Karg fließendes Gold schwamm darin herum. Das war nicht anders zu erwarten, Nerds waren von Haus aus keine geeigneten Opfer. Zu versessen versuchten sie, die Besten auf ihrem Fachgebiet zu sein. Theodore war sicher jemand der Kategorie „Hacker des Jahres“, der in seiner Freizeit komplexe Programme strickte und Frauen nur als Poster in der Bravo anguckte.

Tys Blick glitt zu der braunhaarigen Livia, die ihm gegenübersaß. Amüsiert beobachtete er, wie sie vertieft ihre Notizen studierte. Dabei fielen ihr feine braune Strähnen ins Gesicht, die sich aus dem frisierten Knoten gelöst hatten. Sicher eine Streberin, überlegte er. Jede Clique brauchte eine Streberin. 

„Hey, Mann.“

Jäh riss ihn ein Ruck an der Schulter aus den Gedanken. Ein muskulöser Kerl mit gegelten, blonden Haaren war neben ihm aufgetaucht, hatte ihm auf die Schulter geschlagen und ließ sich gerade auf den letzten freien Stuhl fallen. Ein breites Grinsen lag auf seinen Lippen.

„Du bist neu, oder?“ Er musterte ihn freundlich. 

„Das ist Rick“, stellte Amber den blonden Kerl vor. „Er ist der begehrteste und beste Ruderer an der Uni.“ Verschwörerisch zwinkerte sie Livia zu, die den Blick erstmals genervt von ihren Notizen hob.

Ty grinste hämisch und ließ seine Rolex unter dem Hemdärmel hervorblitzen. Mit Rick konnte er allemal mithalten. Amber sollte sich für ihn interessieren, nicht für den Sportler. Zumindest, bis er ihre vergeudete Zeit absorbiert hatte.

„Darauf stehen die Girls“, erklärte Rick anerkennend, als er die polierte Rolex sah. Dann goss er sich Kaffee ein und griff in seine Umhängetasche. Daraus fischte er vier Blaubeermuffins hervor.

Theodore warf Ty einen ablehnenden Blick zu und nahm dankend einen Muffin.

„Prolet.“ Livia sah Ty kurz fest in die Augen, klappte ihr Notizbuch zu und verstaute es in ihrer Tasche. „Lass mir was übrig“, rief sie dann und schnappte Rick, der inzwischen am zweiten Blaubeermuffin knabberte, das Gebäck aus der Hand. Genüsslich biss sie hinein und musterte Ty aus haselnussbraunen Augen.

„Livia ist quasi dauernd im Stress“, erklärte Rick kauend. 

Sie betrachtete ihn streng und zog eine Grimasse. 

Ty zuckte mit den Schultern. Das sollte ihm recht sein. Sein Interesse galt Amber, die inzwischen gelangweilt in einem Klatschheft herumblätterte. 

„Du hast uns deinen Namen noch nicht verraten“, stellte Theodore fest. Sein skeptischer Blick blitzte hinter dem schwarzen Notebook hervor. 

Ach, den Nerd hatte ich fast vergessen. Er setzte noch mal sein unwiderstehliches Lächeln auf. „Ich bin Ty.“ 

„Ty wer?“, bohrte Theodore. 

„Nur Ty“, antwortete er schnippisch und sein Blick wanderte zu Amber, die Theodore aufmerksam begaffte.

„Hast du keinen Nachnamen?“, fauchte der.

Rick boxte dem Nerd freundschaftlich in die Seite. „Bleib mal locker, Theodore. Er sieht nicht gerade wie ein typischer Serienkiller aus.“

Amber lachte auf. Sie klang dabei wie ein Ferkel, das sich auf sein Fressen freute. 

„Serienkiller sind doch keine Stereotypen“, mahnte Theodore. 

„Genau, sonst säßen sie alle im Knast“, stimmte Livia zu.

Ty stöhnte. Die machten ihm ja Laune. Zu gern würde er Theodore den Stinkefinger zeigen und sich vom Acker machen, aber er brauchte Ambers verschwendete Zeit. Sie direkt in der Mensa zu klauen, wäre zu gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn ein Fluchjäger beobachten könnte, war zu hoch. Er musste Amber isolieren, um ungestört ihre Zeit zu rauben.

„Also, dein Nachname?“, bohrte Theodore noch mal. 

Da reichte es Ty. „Alter, was hast du eigentlich für ein Problem?“, fragte er drohend, lehnte sich vor und verschüttete dabei den Kaffee in der weißen Tasse vor ihm. 

Mist! Sein Temperament meldete sich, daran war der Fluch nicht unschuldig.

„Shit, meine Bluse“, quiekte Amber und versuchte fahrig, die Kaffeespritzer von ihrer Bluse zu wischen.

Ty presste wütend die Lippen aufeinander. Er durfte jetzt keinen Fehler machen und auf keinen Fall die Beherrschung verlieren. Erbost funkelte er Theodore an. „Da hast du es. Einfach mal die Klappe halten und andere ihren Mist machen lassen wäre besser für dich, Nerd.“

Theodore klappte wortlos seinen Laptop zu und verließ beleidigt den Tisch.

Ungläubig starrte Livia Ty an, um schließlich am Ärmel von Ambers weißer Bluse zu zupfen. „Ich glaube, wir machen das besser auf der Toilette sauber“, schlug sie vor. 

„Lass mal. Ich mach das“, wandte Ty ein. Er schob die beleidigte Livia herrisch beiseite und bot Amber seinen Arm an, die sich dankbar einhakte und dann unschlüssig zu Livia sah. 

Die stemmte grimmig die Hände in die Seiten. „Wenn du meinst“, sagte sie zu Amber und funkelte dann Ty an. „Eine Entschuldigung bei Theodore wäre nett!“

„Kann keiner was dafür, wenn er seine Tage hat“, gab Ty provokant zurück und zog Amber zum Ausgang. Von der Streberin würde er sich nicht provozieren lassen. 

An der Tür drehte er sich noch einmal um, um zu sehen, ob sie ihnen folgte. Sie stand noch immer bei dem Tisch, aber trotzdem stockte er. Denn jetzt erkannte er, was er bisher übersehen hatte: Über Livia schwebte keine Zeitskala. 

Ungläubig kniff Ty die Augen zusammen und überprüfte die Zeitskalen der anderen Studenten. Mühelos las er deren Pensum an verschwendeter Zeit. Die Skalen leuchteten allesamt golden auf und flirrten in der Luft wie verlorene Materie.

Sein Blick kehrte zurück zu Livia und angestrengt versuchte er, ihre Zeitskala auszumachen. Er fixierte den Punkt über ihrem Kopf, an dem die Taschenuhr tanzen sollte. Doch da war nichts. Über ihrem Kopf schwebte nicht einmal der kleinste Rest Zeitmaterie.

Merkwürdig. Spielten ihm seine Nervosität und der Fluch einen Streich? 

Livia betrachtete ihn inzwischen irritiert und er spürte, wie Amber an seinem Arm rastlos wurde. Also wandte Ty sich ab und bugsierte sie aus dem Speiseraum zu den Toiletten.

Während Ambers blondes Haar mit dem rötlichen Schimmer an den Spitzen hinter der Tür der Damentoilette verschwand, seufzte Ty erleichtert auf. Er spürte das freudige Kribbeln des Fluchs. Seine Beute saß in der Falle. 

Er zog die hölzerne Schatulle aus der Innentasche des Jacketts und öffnete sie einen Spalt. Daraus drangen dumpfe Vibrationen in seinen Körper. Er fühlte, wie sie sich langsam in ein stetiges Pochen verwandelten. Seine Magie war erwacht. Er atmete tief ein und schloss die Augen. Wilde Funken tanzten davor.

Oh ja, er war bereit! Er fühlte das Drängen der Schatulle und öffnete die Augen wieder. 

Wie lange kann ein Mensch auf der Toilette brauchen?

Das Drängen wurde fordernder und Ty überlegte, ob er nicht in die Toilette stürmen sollte, um Amber ihre Zeit gewaltsam zu entreißen, doch da öffnete sie endlich die Tür. Glückselig strahlte sie ihn aus blauen Augen an.

„Soll ich dir den Campus zeigen?“ 

Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich. Diese kleine Berührung ließ die magischen Funken anschwellen. Ambers Körperwärme brachte sie schließlich zum Explodieren, das sanfte Pochen mutierte zu einem Grollen und der Fluch übernahm die Kontrolle.

Er hatte eindeutig zu lange nicht mehr gejagt. Sein ganzer Körper spannte sich in wohliger Vorfreude an, als er Ambers Hand umklammerte. Ihre Wärme stellte den goldenen Zugang zu ihrer Zeitskala her, und Ty konnte dem Sog nicht widerstehen. Er musste darauf achten, den Körperkontakt so lange hergestellt zu lassen, bis die Zeit absorbiert war. Das Händchenhalten war also perfekt. Ein zufälliger Rempler oder Körperkontakt wäre bei der langen Absorbationszeit nie ausreichend.

Ein leuchtender Faden kroch aus der Schatulle und direkt über Tys Arm langsam nach unten, bis er Anschluss an Ambers Hand fand. Von dort schlängelte er sich über ihren Körper bis zu ihrer Zeitskala. 

Als der goldene Faden Ambers vergeudete Zeit erreichte, durchzuckte Ty ein scharfer Schmerz. Er brannte sich tief in seine Haut und entfachte dort ein Feuer, wütete durch den Bauch und trieb seinen Puls in die Höhe. Ty presste die Zähne aufeinander, um nicht aufzustöhnen. Der dumpfe Druck am Kiefer lenkte ihn von der brennenden Hitze in seinem Körper ab. Wie jedes Mal tat es weh, die Zeit zu stehlen, aber er war darauf angewiesen. Diesen Preis forderte der Fluch. 

Jahrhundertelang hatte Ty versucht, den Fluch zu umgehen oder zu unterdrücken. Aber je weniger er jagte, desto fordernder und brutaler war er. 

Er konnte dem Fluch nicht entkommen. Er hatte es versucht, auf jede erdenkliche Art und Weise. Doch der Fluch war auf der Hut, er beschützte ihn, um selbst zu überleben. Schließlich hatte Ty einsehen müssen, dass er sein Leben nicht aus freien Stücken beenden konnte. Der Fluch verhinderte jeglichen Selbstmordversuch.

Langsam verblasste der Schmerz, stattdessen spürte Ty das Prickeln frischer Lebensenergie. Ambers Zeitskala leerte sich, der Sog verebbte. 

Ty lockerte seinen Griff um Ambers Hand. Sie bemerkte noch nichts von dem Raub.

Unaufhörlich quasselte sie, vermutlich über die Uni. Als hätte er das nicht alles schon tausendmal gehört. Sicher, es war Jahre her, dass er über den Campus in Oxford flaniert war. Trotzdem hasste er es, belehrt zu werden. 

Der goldene Faden glitt sanft zurück in die Schatulle und Ty schloss sie behutsam. Erst dann realisierte er, dass sie über den Innenhof der Uni schlenderten. Der gepflasterte Boden erinnerte ihn an sein Zuhause. An den Ort, an dem er verflucht wurde. Verflucht, weil er aus purer Langeweile den treusten Diener der Familie ermordet hatte …

„Das hier ist das Prachtstück der Uni. Falls du an Antiquitäten interessiert bist.“ Amber riss ihn aus seinen rachsüchtigen Gedanken und betrachtete ihn frech von der Seite. Sie stand breit grinsend vor der riesigen Sanduhr, die mittig in dem Innenhof der Uni prangte. Das mahagonifarbene Holz und die zwei polierten Glaskolben schimmerten in der Sonne.

„Ich finde sie absolut genial. Wir nennen sie Areia“, fuhr sie fröhlich fort, als er nicht auf ihre Aussage reagierte. Dabei fuhr sie mit einem manikürten Fingernagel über das antike Holz der in Mahagoni gefassten Sanduhr. Darin rieselte feiner Sand.

„Es ist ein beruhigendes Gefühl, den Sand dort rieseln zu sehen“, schwärmte sie und strich über die feinen Schnitzereien.

Skeptisch erfasste Ty die antike Sanduhr. Er kannte sie besser, als ihm lieb war, denn sie stand seit Jahrhunderten an diesem Ort. Um genau zu sein, war die Areia so alt wie der Fluch. Sie symbolisierte Chronos’ Hinterlassenschaft an die Menschheit und sollte den Menschen ins Gedächtnis rufen, was damals passiert war. Sie sollte an den Fluch des Zeitgottes erinnern.

Die grausam und öffentlich von der Familie Conteville begangenen Morde waren mitunter Grund für Chronos’ Strafe. Die Menschheit hatte zu viel freie Zeit gehabt, hatte sich am Leid des Todes ergötzt und war der Dekadenz verfallen. Luxus und Mord. Zwei Sünden, die Chronos bitter bestrafte.

Reue stieg in Ty auf, während er den rieselnden Sand beobachtete. Unaufhörlich rann er dahin, solange Zeitjäger unter den Menschen wandelten. Die Areia stand niemals still. Denn die Menschheit sollte lernen, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. 

Ty schnaubte verächtlich. Für ihn verkörperte die Areia nichts als ein Relikt des Zeitgottes, der ihn verflucht hatte. Er hielt Abstand von ihr. Wer wusste schon, wie die Areia reagieren würde, wenn er sie berührte. Am Ende blinkte sie noch auf und entlarvte ihn.

„Boah, überleg mal, wer die schon alles angefasst hat. Welche historischen Fingerabdrücke auf dem Glas ruhen“, schwärmte Amber, deren Hand noch immer in der seinen ruhte.

Ty nickte freundlich und löste seine Finger von Ambers. Prompt blinzelte sie benommen und gähnte.

„Huch, sorry.“ Sie stützte sich an der Sanduhr ab, um mit der anderen Hand das Gähnen zu verstecken. 

„Kein Ding. Vielleicht ruhst du dich aus und wir verschieben den Rundgang?“, schlug er vor. Der Schwächeanfall nach dem Zeitraub war normal und er konnte sich Besseres vorstellen, als mit der Klatschtante über den Campus zu laufen. 

Amber richtete sich wacker auf und schwankte. „Die Areia schafft mich jedes Mal.“

Ty checkte seine Rolex. Die Mittagspause war längst vorbei.

„Glaubst du, ich kann die Fingerabdrücke davon wegbekommen?“, murmelte Amber und sah Ty schläfrig an. „Das wäre ja der Hammer … Ich sehe schon ein Bild von mir auf der nächsten Vogue … mit pinken Strähnen im Haar. So hübsch …“ Ein herzhaftes Gähnen unterbrach ihren Wortschwall. Irritiert musterte sie ihn. „Oh, seit wann stehen wir denn hier? Puh, ich bin total erledigt.“ Sie fuhr sich nervös über die Stirn und gähnte erneut.

Ty strich über seine schwarzen Bartstoppeln. Es kostete ihn wirklich Überwindung, nicht die Beherrschung zu verlieren, denn Ambers Naivität brachte sein Blut in Wallung. Trotzdem waren das die ganz normalen Symptome nach dem Zeitraub.

„Am besten legst du dich erst mal schlafen“, riet er ihr fachmännisch.

Dafür erntete er einen dankbaren Blick von ihr. „Eine gute Idee“, nuschelte sie und löste sich von der Areia. „Sehen wir uns heute Abend?“ Hoffnungsvoll suchte sie seinen Blick. Dabei sah sie aus wie ein Schoßhündchen, das sein Herrchen nicht gehen lassen wollte. 

Er war kurz davor abzusagen, als ihm Livia und ihre nicht vorhandene Zeitskala durch den Kopf huschten. Vielleicht war ein Treffen mit Amber eine gute Möglichkeit, um der Sache auf den Grund zu gehen. Es wäre ja nur ein Abendessen.

„Schön“, willigte er ein und Ambers Miene erhellte sich. 

„Prima, wir treffen uns im Stax, um acht. Dort gibt es die weltbeste Pizza.“ Sie winkte ihm matt zu und trottete Richtung Wohnheim. Ty folgte ihr in einigem Abstand.

Genervt ließ er die dicke Holztür seines Appartements ins Schloss fallen und warf seine Ledertasche auf das schwarze Designersofa, das den Wohnraum dominierte. 

Es war sein liebstes Appartement von allen, die er bewohnte. Zwischen den dunklen Holzmöbeln und Lampen aus Chrom fühlte er sich zu Hause. Sein ganzer Stolz war aber die alte Bodenstanduhr, ein Relikt aus den Anfängen der Uhrenproduktion. Ihr Ticken und das goldene Pendel, das im Uhrgehäuse hin und her schwang, beruhigten ihn. Zu jeder vollen Stunde gab sie einen metallisch klingenden Gong von sich. 

Daneben stand ein massives Regal gefüllt mit Büchern, unter anderem jahrhundertealte Schätze mit zerfledderten Einbänden. Außerdem standen dort Vorlesungsverzeichnisse vergangener Jahre, die er teilweise hier verbracht hatte. Wie jeder andere Student musste er Prüfungen ablegen, um weiterhin an der Uni zu bleiben. Damit wahrte er sein Alibi. Leidige Bildung, die ihn oft langweilte, weil er während seines langen Daseins auf der Erde massenhaft Fächer studierte hatte. Außerdem stand dort sein Familien-Buch mit Stammbaum und den letzten Erinnerungen an diese. Das Familienwappen war im feinen Leder eingestanzt. Verborgen zwischen der anderen Lektüre fiel es nicht auf.

Er warf ein Limettenstück in ein Glas mit frischem Wasser und setzte sich aufs Sofa. Seine Gedanken glitten zu Livia. Es war seltsam, dass ihre Zeitskala verborgen war. In all den Jahrhunderten war ihm das noch nie untergekommen. Falls das ein schlechter Scherz von Chronos sein sollte, konnte der sich warm anziehen.

Ty zog die Schatulle aus der Jacke und schob den grauen Teppich vor dem Sofa zur Seite. Rasch drückte er auf einen kleinen, schwarzen Knopf, der an der Unterseite der Schatulle angebracht war, und legte es auf das alte Parkett. Dann leuchtete es auf und ein goldenes Muster entstand drumherum. Dünne, gold glänzende Fäden wanden sich in den Boden und brachen die Holzadern auf. Ein Ächzen erklang, als sich die feinen Zeitfäden aus dem Parkett erhoben und sich schließlich zu einem glänzenden Klumpen zentrierten. Fasziniert beobachtete Ty, wie sich die Fäden wummernd, zischend und vibrierend ineinanderwoben. 

Kurz darauf stand die vertraute quadratische Apparatur vor ihm. Hunderte kleine Zahnräder griffen präzise ineinander, sodass keines der Rädchen jemals stehen bleiben konnte. An zwei Seiten war die Apparatur mit feinstem Mahagoniholz verkleidet, die anderen Flächen waren durch Glas geschützt. Vorne, in der Mitte des Zahnradgebildes, prangte ein rundes Ziffernblatt mit römischen Zahlen und zwei goldenen Zeigern. Je mehr Lebensenergie aus der Schatulle entwich, desto weiter rückten die Zeiger vor. Als sie beinahe die Zwölf erreichten, wusste Ty, dass ihr Pensum fast voll war.

Zufrieden tippte er auf den Vorsteckstift, der die Uhrzeiger in der Mitte zusammenhielt. Durch den Körperspeicher fiel die Apparatur wieder in sich zusammen und die goldenen Fäden zogen sich in die Schatulle zurück. Sobald es wieder still war, hob Ty das Kästchen aus der Mulde und steckte es wieder in sein Jackett.

Nur indem er die vergeudete Zeit in diese Apparatur einbrachte, fütterte er den Fluch und kam zu Kräften. Bald würde er genug Lebenszeit gesammelt haben, um die letzten Mitglieder der Horatio auszulöschen. Diesem Ziel folgte er seit Jahren, denn die Horatio verfolgte Zeitjäger wie ihn und hatte bereits seine gesamte Familie ermordet. Sie waren als Einzige dazu in der Lage, seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten. Doch er würde sich nicht ergeben, bevor er seine Rache hatte. Er war der letzte verbliebene Zeitjäger. Wenn er sterben sollte, dann mit dem Wissen, seine Familie gerächt zu haben. 

In jeder freien Minute wälzte er Stammbäume der Horatiomitglieder, die er bisher getötet hatte. Präzise trieb er seine Recherchen voran, um jeden ihrer Hauptstützpunkte auszulöschen. Ein gefährliches Spiel, doch er war besessen davon. Schließlich hatte ihn seine Suche zurück nach England getrieben. In sein Heimatland, dessen Politik die Horatio kontrollierten. Doch sie hatten ihn bis jetzt nicht in die Finger bekommen und würden das auch in naher Zukunft nicht. Ihm fehlte nur noch ein letztes Quartier. Dann würde er ihre Zentrale finden und sich in den letzten Kampf werfen.

Kapitel 2

Livia steckte den Füllfederhalter zurück in das jeansblaue Mäppchen, das Amber ihr zum Semesterbeginn geschenkt hatte. Der ausgefallene Geschmack ihrer Freundin und die Mitbringsel von ihren Reisen rund um den Globus waren oft genauso verrückt wie sie. Das blaue Mäppchen hingegen war erschreckend normal.

Manchmal wünschte sich Livia, sie könnte auch ausgelassen um die Welt jetten wie Amber, aber dafür war sie zu vernünftig. Ein hervorragender Abschluss war zwingend notwendig, wenn man wie sie im Verlagswesen einen Job ergattern wollte. Schon in der Grundschule keimte der Wunsch in ihr auf, eines Tages Bücher zu verlegen. An diesem Ziel arbeitete sie bis heute. 

Livia schob ihre schwarze Brille ein Stück höher und band ihre braunen Strähnen zu einem neuen Knoten zusammen. Ihre Lieblingsfrisur. Praktisch und schnell.

„Oh Livia, nicht wieder die Streberfrisur!“ 

Amber war vor ihr aufgetaucht und wedelte mit dem Zeigefinger vor Livias Nase herum. Sie saß in der Lern-Lounge, wie jeden Tag nach den Vorlesungen. Das warme Licht und die blauen Sofas verliehen dem Raum Gemütlichkeit und sie lernte gern hier. 

„Damit siehst du so streng aus“, tadelte Amber und ließ sich neben Livia auf das bequeme Polster plumpsen. 

Livia runzelte grimmig die Stirn. Ihr war es schlicht und bequem lieber, das galt im Moment auch für ihre Haare. Amber hingegen liebte die Trends der Mode. Sie kombinierte wilde Muster miteinander oder färbte sich die Haare in jeglichen trendigen Blondtönen, die Englands Stylisten auf den Markt brachten. Momentan war ihr Faible für Erdbeeren unverkennbar. Die Hälfte ihrer Hygieneprodukte war mit Erdbeer- oder Rosenduft. Rot war das neue Blond. Das galt auch für Deo, Seife und Duschgel.

„Kann nicht jeder eine Trendsetterin sein wie du“, neckte Livia ihre beste Freundin. Ihr Blick blieb an deren weißer Bluse hängen. „Ist der Fleck weg? Oder ist das eine Neue?“ 

Vorsichtig versuchte sie, das Thema auf Ty zu lenken. Insgeheim hatte sie eine Ahnung, warum Amber unbedingt in seiner Begleitung die Mensa verlassen wollte. 

„Das ist eine neue Bluse. Ich war vorhin derart müde, dass ich erst mal pennen musste“, gab sie keck zurück.

Livia verdrehte die Augen. „Okay. War das ein Schläfchen mit oder ohne Ty?“ Sie packte grinsend ihre Notizen in die Tasche. „Ich weiß nicht, was du an ihm findest.“

„Haha, leider ein Schläfchen ohne ihn. Was ich an ihm finde? Hallo, Erde an Livia! Hast du keine Augen im Kopf? Der hat ein supersüßes Lächeln.“ Ambers Blick glitt verträumt zur blauen Wand der Lounge.

„Bisher hat er noch nicht wirklich viel gelächelt, Amber“, sagte Livia stirnrunzelnd und erhob sich. 

„Er kann sicher gut küssen.“ Amber stand ebenfalls auf und blitzte sie frech an.

„Darüber mache ich mir nun wirklich keine Gedanken“, brummte Livia und ging zum Ausgang.

„Optisch ist er jedenfalls eine Wucht.“ Spitzbübisch grinste Amber und hakte sich bei ihr unter. „Du musst zugeben, er hat einen heißen Hintern.“

Livia runzelte die Stirn, während sie zusammen über den Innenhof Richtung Studentenwohnheim gingen. Die Wege waren von satten Sträuchern umgeben, dahinter lagen grüne Wiesen mit vereinzelten Bäumen. Im Sommer war der Park ein beliebter Ort zum Lernen und im Winter die Location für den gemütlichen Uni-Weihnachtsmarkt. Auch jetzt, im milden Herbst, kümmerten sich Oxfords Gärtner zweimal wöchentlich um das Grün, um die lernfreundliche Idylle zu pflegen. Der Wind wirbelte das orangebraune Laub durcheinander, während die Abendsonne die alten Mauern der Universität in ein romantisches Licht tauchte.

„Sein Hintern ist mir schnuppe“, unterbrach Livia Ambers Schwärmtirade über Ty. 

„Sei nicht so garstig“, witzelte Amber und stieß die Tür zum Wohnheim auf. „Gönn mir doch so eine Augenweide. Es kommt nicht alle Tage ein Kerl mit seinem Format an die Uni.“

„Ich bin nicht garstig.“ Livia schloss die Tür ihres gemeinsamen Appartments im Mädchentrakt des Wohnheims auf und der wohlige Geruch von Tee empfing sie.

Herrlich. Sie atmete tief ein und war dankbar über ihre Ausbeute vom Teashop. Sie liebte die offenen Teesorten. Der Duft bedeutete ein Stück Zuhause. 

„Tee?“, fragte sie und griff nach dem Wasserkocher. Sie wollte Amber unbedingt von dem Macho ablenken, der einen Tick zu lange Gesprächsthema war.

„Nee“, lehnte Amber naserümpfend ab und ging ins Badezimmer.

Livia entschied sich für einen Chai-Gewürztee und ließ ihn ins Sieb rieseln. Insgeheim hoffte sie, damit auch den Erdbeerduft, der sich durch den Wohnbereich zog, zu übertünchen.

Amber kam aus dem Bad gelaufen, beugte sich mit der Zahnbürste im Mund über den Tresen und schnappte sich einen Apfel. „Ich hab ihn übrigens zum Abendessen eingeladen.“

Livia stöhnte genervt. Sie ahnte, wen Amber eingeladen hatte. „Musste das sein? Hattest du nicht heute Mittag genug Spaß mit ihm?“ Sie nahm den Tee und zog ihre Notizen von der Vorlesung aus der Tasche. Damit setzte sie sich auf das Sofa. Mit einem Schluck begann sie, die Vorlesungsnotizen durchzuarbeiten.

„Schätzchen, heute Mittag war das Aufwärmen. Der Angriff folgt noch. Er soll schließlich auf mich abfahren.“ Amber stolzierte wieder ins Badezimmer. Der angebissene Apfel lag auf dem Tisch. Apfel mit Zahnpasta … manchmal war ihre Freundin eigenartig.

„Ist das nicht pure Zeitverschwendung? Der Typ hat sicher an jedem Finger mindestens fünf Ladys“, gab Livia zu bedenken. Sie hatte echt keine Lust, ihn wiederzusehen. Sympathie auf den ersten Blick war was anderes.

Amber streckte den Kopf aus dem Badezimmer. „Na und? Das macht es reizvoller!“

„Du weißt, wie wichtig Theodore das Treffen im Stax ist. Er wird nicht begeistert sein, wenn du Ty mitbringst.“

Theodore war nicht der kontaktfreudige Typ. Vermutlich würde er die gleichen Sympathiepunkte an Ty vergeben wie sie. Nämlich keine.

„Rick schaukelt das schon.“ Amber trat aus dem Badezimmer und schaute zufrieden in den Spiegel. Sie hatte sich umgezogen und trug ein pinkes Shirt, das an den Säumen mit Glitzer verziert war. Dazu hatte sie eine hautenge Bluejeans ausgewählt und pinke High Heels. Ebenfalls mit Glitzer. 

Livia schmunzelte. Genau so hatte sie Amber kennengelernt. Sie bestand in ihrer Freizeit aus Pink und Glitzer. Es glich einem Wunder, dass sie die Vorstandschaft der Uni nicht dazu überredet hatte, pinke Krawatten für die Mädchen zuzulassen.

„Rick mochte ihn. Also steht es zwei zu zwei“, verteidigte sich Amber und setzte sich zu Livia aufs Sofa. Ihr süßes Parfum stieg Livia in die Nase. Rosenduft. 

„Okay. Ich geb ihm eine Chance“, lenkte sie Amber zuliebe ein. Etwas anderes blieb ihr kaum übrig, wenn ihre Freundin einmal einen Entschluss gefasst hatte.

Im Stax war es proppenvoll, wie die meisten Abende bei Semesterbeginn. Theodore schob genervt die Unterlippe nach vorne und betrachtete den Gastraum skeptisch.

„Wir hätten reservieren sollen“, beschwerte er sich bei Amber.

Livia nickte zustimmend. Daran hatte niemand gedacht. 

„Ach kommt, Leute, wir quetschen uns irgendwo dazu. Gar kein Thema.“ Amber stöckelte auf ihren High Heels zum nächstbesten Tisch. Kurz darauf rückten zwei der Jungs nach hinten an die Wand und machten ihnen Platz. 

„Na also, geht doch.“ Rick, der sich die Haare nach oben gegelt hatte und im lockeren Jeanshemd angekommen war, streckte den Jungs auffordernd die Hand entgegen und stellte sich vor.

Livia lächelte. Rick war der offenste und freundlichste Mensch, den sie kannte. Sie setzte sich neben ihn und fing Theodores düstere Miene auf, mit der er sich hinter der Speisekarte versteckte. Er war empfindlich bei der Platzwahl und hatte „seine“ Tische im Stax, die er bevorzugte. Theodore würde lieber das Restaurant wechseln, statt an einem Tisch zu sitzen, den er nicht für sich auserkoren hatte. Beinah hatte Livia Mitleid, dass Amber ihm einen Strich durch diese Rechnung gemacht hatte. Andererseits hatte auch er die Reservierung vergessen.

„Da ist er!“ Amber sprang begeistert auf und winkte hastig zum Eingang.

Natürlich, Mister Macho persönlich. Livia presste die Lippen zusammen. 

„Was will der hier?“, raunte ihr Theodore leise zu. Sie zuckte mit den Schultern und beobachtete, wie Amber Ty um den Hals fiel. Ihre Freundin zog alle Register, um bei ihm zu landen. 

Theodores Augenbraue schossen empört in die Höhe, aber er sagte nichts. Besser so, dachte Livia und musterte Ty.

Er trug ein weißes Hemd und darüber eine schwarze Lederjacke. Sein Haar hatte er nach hinten gekämmt und der Dreitagebart ließ sein kantiges Gesicht noch männlicher wirken. Er war attraktiv, wenn man von seinem Charakter absah. Aus grünen Augen funkelte er sie vorwitzig an und setzte sich neben Amber, die ihm gleich eine Speisekarte in die Hand drückte. Beinahe verliebt lächelte sie ihn an.

„Also Ty, erzähl, welche Kurse besuchst du?“ 

Wie gewohnt eröffnete Rick das Tischgespräch, um eine lockere Atmosphäre herzustellen. 

„Ich interessiere mich für Kunst und Geschichte“, antwortete Ty und sah in die Runde. 

„Wie toll“, schwärmte Amber und klatschte in die Hände.

„Historiker“, brummte Theodore und gab der Kellnerin ein Handzeichen. 

„Was dagegen, Kumpel?“ Ty beugte sich nach vorne und seine goldene Rolex blitzte unter dem Hemdärmel hervor. 

Theodore kniff den Mund zusammen. Livia war sich ziemlich sicher, dass er den gesamten Abend über nichts mehr sagen würde. Er zeigte direkt, wem seine Sympathie und Antipathie galt. Ein blöder Kommentar und vorbei war es mit der Konversation.

„Er wird sicher der nächste Historikprof an der Uni.“ Amber lehnte sich zu Ty und berührte beiläufig seine Hand, die er wegzog. 

Livia schmunzelte und bestellte wie die anderen Pizza und Coke. Es verblüffte sie, dass Ty eine Pizza bestellte und keine exquisiten Trüffel-Nudeln. Sein gesamtes Auftreten strotzte vor Reichtum und Geld. Okay, das war an einer Elite-Uni zu erwarten, trotzdem war er anders. Spezieller. 

„Belegst du einen Sportkurs?“, fragte Rick und biss in ein Stück Salamipizza. Er war Kapitän der Rudermannschaft, die regelmäßig um den Titel der besten Ruderer Englands antrat.

„Nope. Bisher nicht“, antwortete Ty höflich. 

„Er hat genug Muskeln“, gluckste Amber und eine zarte Röte überzog ihre Wangen.

„Machst du Sport?“ 

Livia war überrascht, dass sich Ty an sie wandte. Bisher hatte er sie nicht beachtet, jetzt lächelte er charmant und musterte sie abwartend.

„Ja, ich bin in der Tennismannschaft, zusammen mit Amber“, antwortete sie irritiert. 

Er nickte anerkennend und sie entdeckte kleine Grübchen auf seiner Wange. „Cool!“

„Leute, ich pack es nicht. Schaut mal, wer sich heute dazu herablässt, hier zu speisen.“ Rick wies zur Tür und grinste schelmisch.

Theodore legte wie vom Blitz getroffen sein Besteck beiseite. Sein Blick flackerte nervös hin und her und er griff zur Serviette, mit der er sich fahrig den Mund abwischte.

„Sehe ich okay aus?“, fragte er, zeigte hastig auf seinen Mund und sah fieberhaft in die Runde. 

Livia nickte. „Kein Krümel dran.“ 

Erleichtert lächelte Theodore und eilte zur Tür. Livia grinste. Es gab nur einen Grund, warum Theodore überhaupt nervös wurde.

„Cleo! Hi, ich … äh … was machst du hier?“, stammelte er und schloss aufgeregt die Tür hinter der grazilen Brünette, die umringt von ihren Freundinnen Penelope und Joyce den Gastraum betrat. 

Cleo war die Naturschönheit schlechthin. Mit ihren weiblichen Rundungen, der schlanken Taille und den sportlichen Beinen war sie die Anführerin der Tennismannschaft. Jeder Kerl auf der Uni stand auf sie. Besonders Theodore.

„Danke, Theo“, sagte Cleo leise und schaute durch den Raum. 

„Sie ist die Einzige, die ihn so nennen darf“, erklärte Livia, der Tys fragender Blick nicht entging.

„Was geht mit dem ab? Denkt er ernsthaft, er kann bei ihr landen?“, entgegnete er sichtlich belustigt. 

Amber zuckte mit den Schultern. „Theodore steht schon lang auf sie.“

Man musste Cleo zugutehalten, dass sie nie gemein oder demütigend zu ihm gewesen war. Im Gegenteil, es war, als hätte Cleo für jeden ein warmes Lächeln oder eine liebe Geste übrig.

„Sie ist nicht so, wie du denkst.“ Livia wusste, dass Cleo wie ein verzogenes Modepüppchen wirkte. Das war sie ganz und gar nicht. Ihre Freundin Penelope umso mehr. Sie lästerte und triezte, wo sie konnte, und ihr liebstes Opfer war Theodore.

„Aha, sie ist der geborene Engel. Schon klar.“ Ty schüttelte den Kopf. „Soll er schön auf die Fresse fliegen, der kleine Theodore.“ 

„Lass ihn. Der treibt das Spielchen schon ewig“, wandte Rick ein, während Livia die Fäuste ballte.

„Lass Theodore in Ruhe und kümmere dich um deinen Mist“, herrschte sie ihn an. Wenn Amber ihn schon eingeladen hatte, sollte er sich wenigstens benehmen!

„Mhm, und du bist sicher die, die alle brav beim Prof verpetzt.“ Provokant beugte sich Ty nach vorne und fixierte sie mit seinen smaragdgrünen Augen. „Danke, Lady, ich brauch keine Erzieherin“, konterte er und verengte die Augen zu Schlitzen. 

„Hey, Mann.“ Rick legte beschwichtigend eine Hand auf Tys Schulter. „Kein Grund, gleich abzugehen.“

Ty ließ Livia nicht aus den Augen und zog die Mundwinkel nach oben. Sie schnaubte. Dieser arrogante Mistkerl. Am liebsten würde sie ihm die Meinung sagen, aber Amber zuliebe verkniff sie sich jeglichen Kommentar und biss sich auf die Unterlippe.

„Komm lieber mal mit zum Rudern. Das bringt dein Gemüt in Einklang“, bot Rick Ty inzwischen an. 

„Da bin ich wieder.“ Theodore setzte sich glückselig auf seinen Platz und nahm einen Schluck Cola. „Cleo hat eine Pizza Hawaii bestellt. Sie hat Geschmack“, schwärmte er und lächelte verträumt. 

Tys hämisches Grinsen widerte Livia an. Sie war nur froh, dass er nichts darauf antwortete.

„Also zu dir, Ty, wie war noch gleich dein Nachname?“ 

Livia fiel vor Überraschung beinahe die Gabel aus der Hand, doch Theodore hatte gerade wirklich das Wort an Ty gerichtet und aß in aller Ruhe weiter. 

„Stimmt, den hast du uns nicht verraten“, unterstützte sie Theodore und schaute Ty provozierend an. Der schob sich ein Stück Pizza in den Mund und betrachtete sie nachdenklich.

„Theodore hat eine Art Zeitjäger-Tick“, erklärte Rick ernst. „Er hat sich darauf eingeschossen, dass einer der Zeitjäger eines Tages nach Oxford zurückkommt.“ 

Theodore nickte langsam. „Genau, wenn ich Zeitjäger wäre, würde ich unter den Studenten jagen. Zeitverplemperei ohne Ende.“

Er wies auf Amber, die entwaffnend lächelte. „Hey, ich verplempere keine Zeit. Ich nutze sie, um neuesten Klatsch und Tratsch zu erfahren, statt irgendwelche komischen Formeln in meinen PC zu tippen.“ 

Livia, die die ganze Zeit von Ty beobachtet wurde, wartete gespannt auf seine Antwort. Sie kannte die Theorien zu den Zeitjägern, hier an der Uni wurden dauernd Geschichten über sie erzählt. Die Tatsache, dass in der Areia Sand rieselte, bewies, dass der Zeitjäger noch unter den Menschen wandelte. Der Letzte der alten Adelsfamilie Conteville. Theodore sammelte schon seit Ewigkeiten alle möglichen Theorien zum Zeitjäger und hatte daraus seine ganz eigene Wissenschaft kreiert. Damit wuchs auch sein Misstrauen Fremden gegenüber.

„Also, dein Nachname“, forderte Theodore weiter.

„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich einer von denen bin?“ Ty verengte die Augen zu Schlitzen. „McMiller. Mein Nachname ist McMiller“, setzte Ty langsam hinzu und schob sich ein Stück Pizza in den Mund.

„Okay“, sagte Theodore und widmete sich wieder seinem Teller. „War doch nicht schwer, oder?“

„Depp!“, kommentierte Ty grinsend Theodores Anmerkung.

Es war das erste Mal, dass Livia Ty ehrlich lachen sah. Aber so schnell, wie es aufblitzte, so schnell verschwand es wieder.

Sie wusste nicht, was Amber an ihm fand. Bis auf das gute Aussehen hatte er wenig Substanz bewiesen. Zumindest, was ihre Wertmaßstäbe anging.

Als Livia sich am nächsten Tag in der Umkleidekabine die Tennisschuhe zuband, setzte sich Penelope mit klackenden Armreifen neben sie.

Ihr südländischer Teint wurde von der weißen Sportkleidung betont und stand ihr ausgezeichnet. Die schwarzen Haare hatte sie zu einem eleganten Zopf geflochten und sie beobachtete Livia aus mandelförmigen, braunen Augen. 

„Hey, Pen.“ Livia ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl sich Penelope selten dazu herabließ, mit ihr zu plaudern. Meistens war sie damit beschäftigt, Joyce herumzukommandieren. 

„Dieser Ty …“, fing Penelope an und betrachtete betont gelangweilt ihre French Nails. „Kennst du ihn näher?“

Aha, daher wehte der Wind. Sicher hatte Penelope Interesse an ihm und wollte ihr Revier abchecken. 

Gut, kann sie haben. 

„Wir haben ihn ins Stax mitgenommen, damit er Anschluss findet.“ Gut, das hörte sich lächerlich an, denn Ty war nicht der Typ, den man unter seine Fittiche nahm. Er war der Schlag von Mann, der sich krallte, was er wollte.

„Aha.“ Penelope grinste diabolisch. „Dann stört es dich nicht, wenn ich ihn in meine Clique integriere?“ 

„Fragst du mich neuerdings um Erlaubnis?“ Livia mochte dieses Herumgerede um den heißen Brei nicht. Zudem hatte es gestern keinerlei Anzeichen gegeben, dass sie Ty näher kennen würde. Sie hatten sich nicht einmal berührt, gemeinsam gelacht oder ein halbwegs normales Gespräch geführt.

„Als ob ich das nötig hätte“, pikierte sich Penelope und erhob sich. Dann strich sie den weißen Tennisrock glatt. „So, wie er dich den ganzen Abend angesehen hat, wollte ich dich vorwarnen.“ 

„Penelope, meinetwegen kannst du ihn adoptieren.“ Livia nahm ihren Tennisschläger und stapfte aus der Umkleide. Damit war das unsinnige Gespräch für sie beendet, allerdings folgte Penelope ihr direkt auf den Tennisplatz.

Sie kam näher, schwang lässig ihren Schläger und flüsterte dicht an Livias Ohr: „Gut, denn ich werde dich blamieren, sodass er nicht mehr das geringste Quäntchen Interesse an dir haben wird.“

Mit einem diebischen Grinsen stolzierte sie zum gegnerischen Feld, auf dem Cleo wartete. Sie winkte Livia zur Begrüßung fröhlich zu.

Stirnrunzelnd stellte sich Livia neben Amber, die ihre Doppelpartnerin war. Drehen jetzt alle durch wegen dieses Kerls?

Langsam füllten sich die Zuschauerränge und sie spürte Penelopes Präsenz wie eine Lawine, die unaufhaltsam auf sie zurollte. Zwischen den Studenten erkannte sie Rick und daneben saß er. Ty. Der Blick seiner grünen Augen ruhte auf ihr. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus.

„Alles klar?“, wisperte ihr Amber zu und sie nickte.

Coach Spinderbee gab das Spiel frei und der erste scharfe Aufschlag von Penelope schoss in ihre Richtung. Mit Wucht parierte Livia den Ball und schlug ihn zurück in Penelopes Feld, die ihn knapp verpasste. Erleichtert atmete Livia auf.

Amber grinste. „Treffer.“ Ihr Daumen schoss in die Höhe, als sie die Seiten wechselten. 

Das Match war unerbittlich. Penelope ließ keine Gelegenheit aus, ihr hervorragendes Tennisspiel zu demonstrieren. Das machte Livia nervös. Immer wieder schlug sie flache Bälle, die kaum aufzuhalten waren. Bald waren sie kurz vor dem ersten Matchball, und dann trennte Penelope und Cleo nur noch ein Punkt vom Sieg.

Schweißgebadet griff Livia vor dem nächsten Feldwechsel nach der Wasserflasche. Dabei streifte ihr Blick das Publikum. Wieder fixierte Ty sie, doch sie unterbrach den Blickkontakt hastig. Sie musste sich auf das Match konzentrieren.

Mit gehässigem Grinsen schlug Penelope den letzten Ball auf, den Livia knapp verpasste. Matchball und Sieg für die Gegnerinnen.

Sie beobachtete, wie sich Penelope vom Publikum feiern ließ und sich keck um die eigene Achse drehte. Dabei warf sie den Zuschauern Luftküsse zu.

Livia holte tief Luft und ging zum Netz. Dort reichte sie Cleo die Hand. „Gut geschlagen. Gratuliere.“

Cleo grinste und drückte ihre Hand. „Ihr wart gute Gegner.“

Es war lieb von Cleo, das zu erwähnen, doch der Stachel des Verlierens saß tief im Stolz.

Penelope gesellte sich zu ihnen. „Das war nicht alles, Schätzchen“, flüsterte sie Livia zu, bevor sie Ambers Hand mit einem unschuldigen Lächeln umfasste.

Genervt ging Livia zu ihrer Tennistasche, um die Wasserflasche und den Schläger darin zu verstauen. Coach Spinderbee legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. „Wacker geschlagen.“

Livia nickte ihrer Trainerin zu, griff ihre Tasche und wollte sich gerade umdrehen – da stolperte sie. Erschrocken streckte sie die Arme aus und wollte sich noch abfangen, aber es war zu spät. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel auf den staubigen roten Boden. Peng. Vor versammeltem Publikum. 

Verdammt! Sie hob den Kopf und setzte sich auf. Ein dumpfer Schmerz pochte in ihren Knien und ihrer Stirn. Sie hob die Hand und spürte, dass Blut aus der Schürfwunde quoll. Erst dann realisierte sie das Gelächter. 

„Ups, wie tollpatschig von dir.“ Penelope bot ihr die Hand zum Aufstehen an, doch Livia wischte sie energisch beiseite. 

Diese Schlange hatte ihr ein Bein gestellt und wollte jetzt auf Samariter machen. Das hatte sie nicht nötig. 

Mit zusammengepressten Lippen und beherrschter Miene stand sie auf. Sie wollte sich auf keinen Fall anmerken lassen, wie weh die Schürfwunde tat, und griff nach ihrer Tasche. Dann hastete sie zur Kabine, ohne noch einmal zum Publikum zu sehen. 

Amber erwartete sie dort schon mit kühlen Umschlägen in der Hand. 

„Mann, was für eine Bitch“, kommentierte sie Penelopes Anschlag und drückte Livia die kalten Lappen auf die Knie.

Sie schloss die Augen und genoss die lindernde Kühle. „Vor dem Match hat sie mir gedroht. Wegen Ty“, erzählte sie bitter und öffnete die Augen. 

Überrascht hob Amber die Augenbrauen. „Wegen Ty? Was will sie von meinem Typen?“

Livia erzählte von Penelopes Drohung und ihrem Interesse an ihm. Warum auch immer Penelope gegen sie und nicht gegen Amber schoss.

„Die soll sich wieder einkriegen. Wenn überhaupt, dann hatte er Augen für mich“, meinte auch Amber schnaubend, als sie sich umzog und Livia gerade etwas Wundsalbe auf ihre Knie auftrug.

Kurz darauf betrat Cleo die Umkleide und setzte sich neben Livia. „Livia, hör mal, es tut mir wirklich leid, was Penelope da abgezogen hat.“ Geknickt lächelte sie. „Manchmal geht ihr Temperament mit ihr durch, wenn sie gewinnt.“

„Danke, Cleo. Mach dir keinen Stress. Und ihr wart heute einfach besser“, räumte Livia ein.

„Das nächste Mal gewinnt ihr wieder“, sagte Cleo und ging zur Dusche.

„Was war das denn?“, raunte Amber, als Cleo verschwunden war. „Seit wann entschuldigt sie sich für Pen?“

Livia zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Nett von ihr.“

 

***

 

Er hatte zugeschlagen. Endlich!

Zufrieden betrachtete die Gestalt die schwarze Scheibe des Hades und strich andächtig darüber. Dieser Fluchjäger-Radar zeigte an, wie viel verschwendete Zeit gestohlen worden war. Nur ein Mitglied der Horatio konnte ihn aktivieren, und er war beinahe allen Contevilles zum Verderben geworden.

Die Menge der gestohlenen Lebensenergie war nicht klein, aber auch nicht sehr groß. Er würde wieder zuschlagen müssen. Und das recht bald. Mit zufriedenem Grinsen schob die Gestalt den Radar in die Jackentasche. 

Es gab nicht mehr viele Fluchjäger, denn die meisten scheuten sich davor zu versagen. Die Gestalt ballte die Fäuste. Sie aber gehörte der Horatio schon seit langer Zeit an, jener Organisation, die erbarmungslos gegen Chronos’ Fluch kämpfte. Sie hatte es sich zum Ziel gemacht, den letzten Zeitjäger zu töten. Nur der jüngste Sohn der Familie Conteville war noch übrig. Und solange die Areia rieselte, würde die Horatio auf die Jagd gehen.

Die Menschheit hatte sich damals, direkt nach Chronos’ Fluch, gewehrt und die Horatio ins Leben gerufen. Denn die Menschen waren nicht damit einverstanden, dass ihnen kostbare Lebenszeit geraubt wurde.

Hades, der Gott der Unterwelt, hatte der Horatio einen Pakt angeboten und ihnen das einzige Artefakt verliehen, mit dem sie die Zeitjäger töten konnten.

In all den Jahren hatte die Horatio alle möglichen Institutionen infiltriert. Firmen, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Universitäten. Außerdem waren Mitglieder in der Politik aktiv. Der Informationsfluss und aufkeimende Gerüchte über den Aufenthalt des jüngsten Contevilles waren deren Lebenselixier.

Die Gestalt schnaubte. Die Familie Conteville war gerissen. Sie hatten sich bald, nachdem sie vom Fluch getroffen wurden, weltweit verteilt und den Kontakt zueinander abgebrochen, um sich gegenseitig zu schützen. Das hielten die Fluchjäger ihnen zumindest zugute: sie starben lieber, als dass sie die anderen verrieten.

So war Dyleus Conteville einen grausamen Foltertod gestorben, um seine Frau zu beschützen. Ein Jahrhundert später ging sie der Horatio in Venedig in die Falle. Ihre Schwäche für Maskeraden hatte sie verraten. Das war den anderen Contevilles eine Lehre und sie brachen jeden noch so kleinsten und geheimsten Kontakt zueinander ab. 

Über das Aussehen des letzten Zeitjägers konnte man nur mutmaßen. Die letzten Aufnahmen der Familie Conteville stammten aus dem alten England, dort hatte der Kerl schwarzes Haar und war zweiundzwanzig Jahre jung. Wer wusste, ob er in der Zeit des Haarefärbens und Kontaktlinsentragens nicht zu so manchem Hilfsmittel griff. 

Die Horatio wusste mittlerweile, dass die Zeitjäger körperlich nicht alterten. Das war deren Vorteil, denn die Fluchjäger der Horatio alterten und starben. Immer wieder rutschten sie in ein Generationsproblem und so kam es, dass die einzelnen Fluchjäger in die Organisation hineingeboren und von klein auf ausgebildet wurden.

Nun aber würde der Fluchjäger-Radar den Aufenthaltsort des Zeitjägers bestätigen. Jetzt würde die richtige Jagd beginnen.