Leseprobe Cottage mit Mord

Kapitel 1

Suzanne Bosley-Thomas saß in ihrem Auto und starrte in die kahle Landschaft. Schnee bedeckte die Gipfel entlang des Wanderweges „Snowdon Horseshoe“ und bleierne Wolken versprachen weiteren Schneefall. Verdammtes Wales, dachte sie. Es ist Mitte Mai, zur Hölle, aber hier herrscht immer noch der beschissene Winter.

„Gott, ich hasse es hier“, sagte sie laut. „Ich wünschte, ich wäre gar nicht hergekommen.“

Du musst nicht reingehen, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Starte den Motor und fahr gleich wieder nach Hause. Niemand wird je erfahren, dass du hier warst. Der Gedanke war so verlockend, dass ihre Hand zum Autoschlüssel wanderte. Doch dann zog sie den Schlüssel heraus, ließ ihn in ihre Handtasche fallen und zog den Reißverschluss ihres Anoraks bis zum Kinn zu. Sie konnte nicht riskieren, draußen zu bleiben und nicht an dieser Farce teilzunehmen. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Der Wind blies so kräftig, dass er ihr beim Aussteigen beinahe die Autotür aus der Hand riss. Er nahm ihr den Atem und ließ ihre Augen tränen, während sie über den Parkplatz zum Hotel Everest Inn eilte. Als sie einen ersten Blick darauf erhaschte, zuckte sie überrascht zusammen und fragte sich kurz, ob sie halluzinierte.

Das Everest Inn ähnelte mit seinen geschnitzten Holzbalkonen und den Geranienkästen einem riesigen schweizer Chalet. Es sah völlig anders aus als die simplen, grauen Steinhäuser der Dörfer, durch die sie durchgekommen war. Die schneebedeckten Berge im Hintergrund passten gut zur schweizer Kulisse.

„Surreal“, murmelte sie. „Surreal“ beschrieb gut, wie sie sich gerade fühlte. An der Eingangstür aus Ätzglasscheiben zögerte sie erneut. Deine letzte Chance, wiederholte die Stimme in ihrem Kopf. Zurück zum Auto, den Pass hinunter und zur A55, dann bist du in einer Stunde wieder in England.

Sie atmete tief durch, wischte sich das Haar aus dem Gesicht und trat ein. Wärme und sanfte Musik empfingen sie. Das Foyer war ein großer, offener Bereich. Ein steinerner Kamin nahm den Großteil einer Wand ein. Ihr Blick glitt über den Empfangstresen aus Messing und poliertem Holz zur breiten, mit Teppich bedeckten Treppe. Hier hatte man keine Kosten gescheut. Als sie die Gruppe entdeckte, erstarrte sie. Drei Männer saßen an dem runden Kaffeetisch beim Feuer – das waren sie, oder? Ja, sie erkannte ihren Bruder, Henry. Er sah aus wie ihr Vater in dem Alter. Die Ähnlichkeit war so verblüffend, dass sie erschauderte und zur Eingangstür blickte. Es regnete jetzt, Schneeregen prasselte gegen das Glas.

„Kann ich Ihnen helfen, Madam?“, fragte die junge Frau an der Rezeption. Im selben Augenblick sah einer der Männer auf und sagte: „Da ist sie ja.“ Er stand auf. „Suzie!“, rief er und kam herüber, um sie zu begrüßen. „Du musst Suzie sein. Du hast dich kein bisschen verändert. Meine Güte, deine Hände sind ja eisig. Komm ans Feuer.“

„Verdammtes Wales“, sagte sie und lachte verlegen, als er ihre Hand nahm. „Es war hier nicht immer so kalt, oder?“

„Wir waren immer im August hier und ich glaube, im August schneit es selbst in Wales nicht. Komm her und wärm dich auf. Wir haben eine frische Kanne Tee. Willst du auch etwas essen?“

„Ein Tee wäre wunderbar, danke.“ Sie hockte sich auf die Kante des Ledersessels, den er für sie herangezogen hatte. „Entschuldige bitte, wenn das sehr unhöflich klingt, aber ich weiß nicht genau, wer du bist.“

Der Mann lachte. Er hatte ein attraktives Gesicht, wie man es üblicherweise in einer Parfumwerbung sehen würde, regelmäßige, weiße Zähne und eine tolle Bräune. Dunkle Locken hingen über seinen Kragen, etwas zu lang, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein. Er trug einen Designer-Pullover, gestrickt und mit senkrechten Streifen. Suzanne hatte so einen in einer Modezeitschrift gesehen und wusste, dass sie schrecklich teuer waren.

„Ich bin dein verloren geglaubter Cousin Val, Herzchen“, sagte er. „Du würdest eine miese Ermittlerin abgeben, Mädchen. Deinen Bruder musst du erkannt haben, was nur noch zwei von uns übriglässt, und einer ist ein Priester.“

Suzanne errötete, als sie zum dritten Mann blickte und sah, dass er tatsächlich einen Priesterkragen trug.

„Es tut mir leid“, sagte sie, als er sich ebenfalls erhob. „Dann musst du mein Cousin Nick sein. Ich wusste nicht, dass du Priester geworden bist.“

„Na ja, wir hatten nicht gerade häufig Kontakt, oder?“ Nick streckte ihr seine Hand entgegen. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht und zeigte ihr ein schüchternes, jungenhaftes Lächeln. „Schön dich wiederzusehen, Suzanne.“

„Mummy hat mir nur erzählt, dass du vor Jahren nach Kanada gezogen bist.“

„Genau“, sagte er und jetzt fiel ihr auch der kanadische Akzent auf. „Ich ging sofort nach Toronto, als ich mit der Universität fertig war. Ein paar Jahre später zog ich nach Montreal und beschloss, mich fürs Priesteramt ausbilden zu lassen. Ich bin jetzt seit fünf Jahren Priester.“

„Diese Familie hat weiß Gott einen geweihten Menschen nötig gehabt“, sagte Val und lachte wieder.

Suzannes Blick war zu ihrem Bruder gewandert, der bislang noch kein Wort gesagt hatte. Er lächelte nicht. Jetzt, da sie die Gelegenheit hatte, sein Gesicht zu betrachten, stellte sie entsetzt fest, wie alt er wirkte. Er konnte nicht älter als siebenunddreißig sein, aber er sah aus wie ein Mann mittleren Alters. Sein Haar wurde an den Seiten grau, so wie das ihres Vaters, und tiefe Sorgenfalten hatten sich in seine Stirn gegraben. Er bemerkte, dass sie ihn anstarrte und nickte ihr mit ernstem Blick zu.

„Hallo, Suzie. Schön, dich wiederzusehen. Wie ist es dir ergangen?“

„Ich kann mich nicht beklagen, Henry.“

„Arbeitest du noch immer für Dings?“

„Ja, ich arbeite noch für Dings.“

„Wie heißt er denn?“, fragte Val. „Was soll die Geheimnistuerei?“

„Gar nichts. Wenn ich mich recht entsinne, tat Henry immer so, als könnte er sich nicht an die Namen meiner Freunde erinnern.“ Als würde er beweisen, dass sie unwichtig waren, indem er ihnen keine Namen gab, dachte sie.

„Ich weiß, dass es dieser Archäologe ist, aber ich kann mich wirklich nicht an seinen Namen erinnern. Tut mir leid“, sagte Henry. „Er hat diese Bücher über Tunesien geschrieben, nicht wahr?“

„Toby Handwell. Dieser Tage Sir Toby Handwell.“

„Ist er noch verheiratet?“, fragte Henry und lehnte sich vor, um nach seiner Teetasse zu greifen.

„Warum? Stehst du auf ihn?“

Die beiden anderen Männer lachten, und sie stellte mit einem Anflug von Vergnügen fest, dass sie ihren Bruder aus dem Konzept gebracht hatte. Sie würde ihm nicht mehr so ein einfaches Ziel wie früher bieten.

„Hier, trink etwas Tee, ehe er kalt wird.“ Nick reichte ihr eine Tasse. „Milch und Zucker?“

„Keinen Zucker bitte. Der ist schlecht für die Figur.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir darum Sorgen machen musst“, sagte Val. „Du siehst fantastisch aus. Genau wie die Teenagerin aus meiner Erinnerung. Im Gegensatz zu unserem alten Henry hier, der aussieht, als müsste er alle Sorgen der Welt auf seinen Schultern herumschleppen.“

„Meine Tätigkeit als Anwalt ist recht anstrengend. Und seit Dad diese Position abgetreten hat, scheine ich die Familiengeschäfte übernehmen zu müssen. Die Sache mit Großvaters Anwesen und den Grundstücken hier ist sehr kompliziert.“

„Dann hat er ein Testament gemacht, ja?“ Suzanne versuchte, nur leicht interessiert zu klingen. „Geht es darum?“

„Sein Testament wurde schon vor Jahren aufgesetzt. Alles ganz unkompliziert. Ich bekomme Maes Gwyn. Alles andere wird verkauft und ihr bekommt das Geld zu gleichen Teilen.“

„Um was geht es da eigentlich noch? Abgesehen von dem Hof meine ich“, wollte Val wissen. „Ich habe keine Ahnung, wie viel Geld Großvater hat. Wenn man ihn ansieht, würde man glauben, er hätte keine zwei Pennies in der Tasche. Trägt er immer noch diese schreckliche Stoffmütze?“

„Allerdings.“ Henry lachte. „Hört mal, ich sollte euch das eigentlich nicht erzählen. Der Alte ist noch nicht tot und es sieht nicht so aus, als würde er bald sterben.“

„Dann hast du ihn schon gesehen?“, fragte Nick.

„Ja, ich bin auf dem Hof untergekommen.“

„Ist das so? Warum hat er uns dann nicht eingeladen?“, wollte Suzanne wissen.

„Ich habe mich selbst eingeladen. Ich dachte, wenn ich den Hof eines Tages erbe, sollte ich ein Gefühl dafür haben, wie er geführt wird.“

„Bewirtschaftet er ihn in seinem Alter immer noch selbst?“, fragte Nick.

„Er hat einen Betriebsleiter eingestellt, aber er ist noch überraschend fit“, sagte Henry. „Natürlich hat er die meisten seiner Schafe beim Ausbruch der Maul- und Klauenseuche verloren, aber er ist eifrig bei der Nachzucht.“

„Du denkst doch nicht ernsthaft darüber nach, eines Tages auf Maes Gwyn zu leben, oder?“, fragte Suzanne und starrte ihren Bruder an.

„Großvater will nicht verkaufen und es ist ein gutes Grundstück. Vielleicht ziehe ich mich früher aus meiner Rolle als Anwalt zurück. Den Landjunker zu spielen, klingt eigentlich ganz nett.“

„Aber könntest du das, nach allem, was passiert ist?“, fragte Nick. „Ich musste lange darüber nachdenken, ob ich auch nur für einen Besuch hierher zurückkommen will.“

„Ich auch“, gestand Suzanne. „Ich hätte beinahe gewendet und wäre direkt wieder nach Hause gefahren.“

„Ach kommt schon, ihr zwei. Das ist lange her“, sagte Val. „Es war furchtbar, aber wir können jetzt nichts mehr daran ändern. Es hat keinen Zweck, sich so sehr mit der Vergangenheit aufzuhalten, dass man nicht mit der Gegenwart zurechtkommt. Wenn Henry auf Maes Gwyn leben möchte, wünsche ich ihm dafür viel Glück.“

„Die Diskussion ist ohnehin überflüssig. Großvater wird vermutlich erst sterben, wenn ich längst selbst mit einem Rollator unterwegs bin“, sagte Henry und versuchte sich an einem trockenen Lachen, das eher nach Husten klang. „Wartet nur, bis ihr ihn seht. Niemand würde glauben, dass er achtzig geworden ist.“

„Deswegen sind wir also hier?“, bohrte Suzanne. „Er will ein großes Fest zu seinem achtzigsten Geburtstag feiern?“

„Das habe ich auch gehört“, sagte Henry. „Es wird ein großes Festzelt und Catering geben.“

„Mein Gott ... ein Festzelt. Das wird vermutlich unter dem Gewicht des Schnees zusammenbrechen“, sagte Val kichernd.

„Wo wohnt ihr anderen denn?“, fragte Suzanne.

„Hier“, sagte Val. „Das schien mir praktisch und gemütlich.“

„Aber ist es nicht ... furchtbar teuer?“ Suzanne sah sich um.

„Es kostet ein Vermögen, aber was soll’s? Man lebt nur einmal und ich nehme mir sicher keins dieser öden Bed-and-Breakfasts. Wo bist du denn untergekommen, Suzie?“

„In einem dieser öden Bed-and-Breakfasts“, sagte sie. „Und du, Nick?“

„Nick hat bestimmt in einem spartanischen Kloster Zuflucht gefunden“, sagte Val und grinste seinen Bruder an.

„Tatsächlich wohne ich auch hier“, sagte Nick und in seinem Gesicht strahlte wieder dieses jungenhafte Grinsen.

„Meine Güte. Der Klerus muss in Kanada besser bezahlt werden als in England.“

„Ich lebe den ganzen Rest des Jahres sehr genügsam.“ Nick lief rot an. „Ich wüsste nicht, warum ich es mir nicht gutgehen lassen sollte, wenn ich reise.“

„Du folgst eindeutig dem Vorbild der Borgia-Päpste“, sagte Henry trocken. „Und die waren im Vatikan nicht gerade knausrig, oder?“

„Die Stadt ist zur Ehre Gottes erbaut, Henry“, sagte Nick. „Da sollte man nicht knausrig sein, oder?“

„Wenn er denn existiert, Nick.“ Henry griff nach der Teekanne und füllte seine Tasse. „Was ich durchaus bezweifle. Willst du noch Tee, Suzie?“

„Gerne. Mir war nicht bewusst, wie sehr ich friere. Hier ist es so angenehm warm.“ Sie nahm die Tasse mit der heißen Flüssigkeit in beide Hände. „Wer kommt denn alles zu dieser Party? Doch nicht Vater, oder?“

„Oh doch. Er wird da sein.“

„Mit seiner aktuellen Frau?“

„Keine Frau, weder eine aktuelle noch sonst eine, da Mutter sicher nicht kommen wird.“

„Keine zehn Pferde könnten sie dazu bringen; ich glaube, das waren ihre Worte. Und was ist mit deiner Frau, Henry?“

„Die kommt auch nicht. Sie war der Meinung, dieser Anlass sei nur für Familienmitglieder, weil es etwas unangenehm werden könnte. Und Camilla meidet alles Unangenehme.“

„Dann also keine Lebenspartner“, sagte Val. „Nur wir vier. Wie angenehm. Du bist im Augenblick nicht verheiratet, nehme ich an, Suzie?“

Sie versuchte, nicht rot anzulaufen, aber ohne Erfolg. „Nein, Val. Ich bin seit sechs Jahren nicht mehr verheiratet gewesen. Seit ich mich von Carl getrennt habe.“

„Und das Kind? Ihr hattet doch ein Kind, oder?“

„Charlie? Er ist bei der Armee.“

„Was in aller Welt hat ihn zur Armee getrieben? Was für ein lächerlicher Gedanke“, sagte Henry.

„Das Geld reicht nicht für die Universität“, sagte Suzanne und blickte ihren Bruder direkt an. „Die Optionen sind beschränkt, wenn kein Geld da ist, und er interessiert sich für mechanische Dinge.“

Nick lehnte sich auf seinem Stuhl vor. „Du hast einen Sohn in der Armee? Ich hatte keine Ahnung. Ist es schon so lange her?“

„Sie war sehr jung, als sie ihn zur Welt gebracht hat, wenn du dich erinnerst“, sagte Henry und dieses Mal lag ein Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen.

„Du hast immer noch keine eigenen Kinder, Henry?“, entgegnete Suzanne. „Du legst dich besser ins Zeug. Wäre doch schade, wenn niemand da ist, um all die prächtigen Grundstücke zu erben.“

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Treffer, dachte sie und war sehr zufrieden mit sich.

„Mir ist aufgefallen, dass Val über uns alle Bescheid wissen will, aber nichts von seinem eigenen Privatleben preisgibt“, sagte Nick und blickte seinen Bruder fragend an. „Ist es nicht auch für dich alten Mann an der Zeit, in den Hafen der Ehe einzulaufen, Val? Du wirst nicht ewig jung und attraktiv bleiben, weißt du?“

„Ein Grund mehr, das Beste daraus zu machen, solange ich noch kann“, sagte Val unbeschwert. „Sollen wir heute Abend hier essen? Ich hörte, sie haben einen vorzüglichen Weinkeller. Und ich für meinen Teil habe keine Lust, den Elementen zu trotzen, um einen besseren Ort zu finden.“

„Ich weiß nicht, ob ...“, hob Suzanne an, aber Val tätschelte ihr Knie.

„Das geht natürlich auf mich“, sagte er.

„Gute Idee“, sagte Nick. „Wir haben immerhin Grund zum Feiern. Wir sind zum ersten Mal wieder alle zusammen, seit ... seit unserer Kindheit. Das muss eindeutig gefeiert werden. Lasst uns gleich eine Flasche Champagner bestellen.“ Er winkte einer Bedienung.

Suzanne beobachtete ihn interessiert. Er war nicht gerade bescheiden, wie die englischen Priester, die auf Fahrrädern herumfuhren und von gespendeten Nahrungsmitteln lebten. Und Val war auch nicht gerade der brotlose Künstler. Wie kam es, dass es der Rest ihrer Familie so gut getroffen hatte, während sie immer noch in einer Dachgeschosswohnung in Clapham lebte? Wie konnte es sein, dass sie alle so entspannt wirkten? Jetzt drehte sich die erste angeregte Unterhaltung des Abends um die Vorzüge der Champagner-Karte. Hatten sie Sarah völlig vergessen? Warum sind wir hier?, wollte sie schreien.

 

Kapitel 2

Der Wind blies den beiden Männern direkt ins Gesicht, als sie den Felsvorsprung auf halber Höhe des Hanges erreichten. Einer der beiden keuchte heftig, ein schmaler Kerl mit einem Regenumhang über dem Geschäftsanzug.

„Ein ziemlicher Anstieg, was, Mr. Evans?“, bekam er zwischen den Atemzügen heraus. „Ich verstehe nicht, warum Sie hier oben leben wollen.“ Er betrachtete mit Abneigung die Ruine eines alten Cottages, das nur noch aus vier Steinwänden mit klaffenden Löchern bestand, wo einst Eingangstür und Fenster gewesen waren.

„Aber schauen Sie sich die Aussicht an, Mr. Pilcher.“ Evan Evans wandte dem Cottage den Rücken zu und betrachtete die schneebedeckten Gipfel, die den Horizont bildeten. „Und Sie sollten hier mal einen Sonnenuntergang erleben. An einem schönen Tag ist das spektakulär.“

„Sie werden es sich noch mal überlegen, wenn Sie jeden Samstag mit dem Wocheneinkauf hier rauflatschen müssen“, sagte der erste Mann und grinste.

„Sie vergessen, dass ich daran gewöhnt bin.“ Evan Evans lächelte. Er war jünger, breiter gebaut und trainierter als der andere Mann, hatte unordentliches, dunkles Haar und ein gesundes, jungenhaftes Aussehen, das den Frauen zu gefallen schien. Er trug einen marineblauen Pullover und eine Kordhose und schien den feinen Regen gar nicht zu bemerken. „Ich bin hier in der Gegend geboren und aufgewachsen. Wir haben die Berge im Blut.“

„Na, besser Sie als ich, Kumpel.“ Mr. Pilcher zog sich die Kapuze seines Regenmantels über den Kopf.

„Sie sind wohl nicht von hier, was?“, fragte Evan, obwohl er an seinem Akzent und der Tatsache, dass sie sich auf Englisch unterhielten, schon erkannt hatte, dass die Annahme zutraf.

„Ich bin aus Lancashire, Kumpel. Ich habe im Lake District National Park gearbeitet, bis ich hierher versetzt wurde. Es ist nicht allzu schlimm, weil ich am Wochenende noch immer zu meinen Eltern flitzen kann, aber die Waliser sind ein seltsamer Haufen. Daran muss man sich erst gewöhnen.“

Da Evan offensichtlich selbst Waliser war, fand er diese Bemerkung nicht gerade taktvoll, aber er war zu dem Schluss gekommen, dass die Angestellten des Nationalparks Höflichkeit nicht als Teil ihrer Arbeit betrachteten. Er musste diesen Bürohengst bei Laune halten, sonst würde er gar nichts erreichen.

„Also sieht es dieses Mal gut aus, ja?“, fragte er. „Wurde die Baugenehmigung endlich erteilt? Ich warte jetzt schon seit einem Jahr auf Neuigkeiten.“

„Theoretisch, ja.“ Mr. Pilcher sog Luft zwischen den Zähnen hindurch. „Natürlich muss der Kerl vom Denkmalschutz sich die Sache ansehen.“

„Denkmalschutz? Dieses Haus?“ Evan starrte ungläubig auf die baufällige Ruine. „Es war ein altes Schäfer-Cottage, ehe es von ein paar Engländern luxussaniert wurde.“

„Aber werfen Sie mal einen Blick auf diese Mauern, Junge“, sagte Mr. Pilcher. Er ging vorsichtig zum Cottage hinüber und trat halbherzig gegen das Mauerwerk. „Schauen Sie sich die Dicke an und den verwendeten Mörtel. Die müssen von vor achtzehnhundert sein, vielleicht sogar aus dem siebzehnten Jahrhundert, was das Gebäude automatisch unter Denkmalschutz stellen würde. Und wer weiß, was das Fundament ist? Es steht womöglich auf den originalen Fundamenten einer Bergfeste.“

„Eine Bergfeste?“ Diese Angelegenheit wurde mit jeder Minute lächerlicher. Evan hatte jetzt schon mehrfach mit der Nationalparkverwaltung zu tun gehabt, und jedes Mal hatte ihn danach das Gefühl beschlichen, sich in eine Grauzone der Bürokratie begeben zu haben.

„Hören Sie, es ist bloß ein altes Schäfer-Cottage, und ich möchte nur ein Dach daraufsetzen und darin leben“, sagte er.

„Immer mit der Ruhe, Kumpel“, sagte Mr. Pilcher. „Ich verstehe ihre Frustration, aber solche Dinge kann man nicht übers Knie brechen. Wir müssen sicherstellen, dass die Integrität des Nationalparks gewahrt bleibt.“

„Ich will ja keine Pagode oder einen Pool bauen und noch nicht mal Plastikflamingos aufstellen.“ Evan spürte, wie sich sein Gemüt erhitzte. „Ich möchte es nur wieder bewohnbar machen, so wie es immer war. Was ist so kompliziert daran?“

„Hören Sie, Junge, ich kann Ihren Antrag auch einfach ablehnen, wenn mir danach ist“, sagte Mr. Pilcher. „Die Verwaltung ist immer dafür zu haben, die Anzahl der Wohnhäuser im Nationalpark zu reduzieren.“

Evan hatte bei seinen Worten an ihm vorbeigestarrt und versucht, Ruhe zu bewahren. Sein Blick folgte der Straße den Pass hinauf, durch das Dorf Llanfair, das direkt unter ihnen lag, und dann weiter – bis er auf dem Everest Inn ruhte.

„Augenblick mal“, sagte er. „Was ist mit dem Hotel da unten? Das wurde erst vor fünf Jahren gebaut. Wie haben die ihre Genehmigung bekommen? Und erzählen Sie mir nicht, dass schweizer Chalets einst Teil der walisischen Bergwelt waren.“

„Ah, nun.“ Mr. Pilcher räusperte sich. „Soweit ich weiß, haben sie eine großzügige Spende an den CAE gemacht – den Font für Regionalentwicklung.“

„Wenn ich gewusst hätte, dass man mit Bestechung weiterkommt, hätte ich das schon im vergangenen Jahr probiert, anstatt geduldig all diese Planungsausschüsse abzuwarten“, sagte Evan. „Das war ein Scherz“, fügte er eilig hinzu.

Ein kurzer Blick zu dem Mann zeigte ihm, dass der offensichtlich keinen Sinn für Humor hatte, oder zumindest nicht Evans Humor teilte. Vielleicht konnte er sich amüsieren, wenn er einen Antrag ablehnte, aber Ironie ging wohl über seinen Verstand hinaus.

„Hören Sie“, Evan versuchte es mit einer neuen Strategie, „ich werde im Sommer heiraten. Sie träumt davon, direkt nach den Flitterwochen hier einzuziehen, und sie wissen doch, wie Frauen sind, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Das hier ist nicht Caernarfon Castle, oder? Es ist ein kleines Cottage, das man von der Straße aus nicht einmal sehen kann, und ich möchte nur das Dach reparieren und einziehen. Ist das wirklich so schwer? Wenn Sie heute ihre Inspektion machen und grundsätzlich zustimmen, kann der Kerl vom Denkmalschutz sich das ansehen und dann kann ich endlich anfangen. Ich möchte das meiste selbst machen, wissen Sie? Und wenn ich Fachkräfte brauche, geht die Arbeit an hiesige Firmen – ich werde die Wirtschaft stärken, dafür ist der Entwicklungsfont doch da, oder?“

Mr. Pilcher ging um das Cottage herum. In den zwei Jahren, die es verlassen dagestanden hatte, war der ehemalige Garten verwildert und Mr. Pilcher bewegte sich vorsichtig und mit Abneigung durch die wuchernden Pflanzen. „Im Augenblick ist hier nicht viel zu sehen“, sagte er. „Sie haben Pläne eingereicht?“

„Die sind in der Akte, die sie da in der Hand halten.“

„Oh. Natürlich. Dann schauen wir doch mal.“ Er schlug die Akte auf. „Oh je. Das wird nicht gehen.“

„Was?“

„Man wird Ihnen hier oben keinen Gastank genehmigen.“

„Die vorherigen Bewohner hatten auch einen.“

„Die Planungsausschüsse sind mittlerweile anders besetzt. Keine Gastanks mehr, es sei denn, sie kommen unter die Erde. Das ist kein schöner Anblick. Wir müssen an die Integrität der Landschaft denken und an die Touristen. Die wollen hübsche Schäfer-Cottages sehen, und keine unansehnlichen Gastanks.“

„Wie soll ich dann das Haus heizen?“, wollte Evan wissen. „Soll ich in die Hochmoore raufklettern und mir etwas Torf stechen?“

„Sie könnten einen Öltank unter die Erde legen und eine ölbetriebene Zentralheizung einbauen. Warum holen Sie sich nicht einen AGA-Herd?“

„Einen AGA? Die sind verdammt teuer.“

„Aber damit könnten Sie gleichzeitig kochen und heizen, nicht wahr? Und ein denkmalgeschütztes Gebäude wiederaufzubauen wird ohnehin teuer. Sie könnten es sich immer noch anders überlegen und sich für einen Sozialbau bewerben, Kumpel. Einheimische Polizisten haben da Vorrang, oder?“

Evan fragte sich, wie Mr. Pilcher sich so lange auf diesem Posten gehalten hatte. Er musste doch bei anderen Antragstellern ähnlich gewalttätige Gedanken ausgelöst haben. Er spürte, dass der Mistkerl ihn provozierte, darauf wartete, dass Evan die Beherrschung verlor, damit er eine Ausrede dafür hatte, sein Projekt abzulehnen. Aber das würde Evan nicht zulassen.

„Na gut. Wir werden über eine alternative Heizung nachdenken“, sagte er. „Was muss sonst noch getan werden? Das Haus war schon mal an die Hauptwasserleitung angeschlossen – wir müssten die Verbindung nur wiederherstellen. Und einen Klärbehälter gibt es auch schon.“

„Das müsste überprüft werden – die Abwasserleitung und der Tank auch. Sie müssen sich von einem Klempner die Integrität bestätigen lassen.“

„Integrität“ war offensichtlich gerade Pilchers Lieblingswort. Evan fragte sich, ob er zu Weihnachten einen dieser Kalender bekommen hatte, die einem jeden Tag ein neues Wort beibrachten. „Natürlich.“ Evan nickte. „Das sollte kein Problem sein. Wie bekommen wir denn den Gutachter vom Denkmalschutz hier rauf?“

Ehe Mr. Pilcher antworten konnte, meldete sich Evans Piepser an seiner Hüfte. „Verdammt“, murmelte er, nachdem er ihn in die Hand genommen hatte. „Ich fürchte, ich muss runter zu einem Telefon. Das ist mein Chef. Schauen Sie sich hier gerne um, so lange Sie wollen, obwohl es nicht viel zu sehen gibt, wie ich bereits sagte. Vier Wände und ein Boden. Das ist schon alles. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, hier heraufzukommen.“

„Wir brauchen das Zertifikat über die Inspektion des Klärbehälters und einen neuen Vorschlag für die Heizung, ehe wir fortfahren können.

„Natürlich. Ich lasse Ihnen beides in den nächsten Tagen zukommen. Ich möchte jeden schönen Sommertag nutzen, den wir hier bekommen.“

„Es könnte den ganzen Sommer so bleiben“, sagte Pilcher mit einem trockenen Lachen. „Wie ich hörte gibt es in Wales nichts anderes als diesen verdammten Regen.“

Evan lief schon über den steilen Pfad ins Dorf hinab.

„Suchen Sie sich einen netten Sozialbau“, rief Pilcher ihm nach.

 

„Wo zum Teufel waren Sie?“, dröhnte die Stimme von Detective Inspector Watkins am anderen Ende der Leitung. „Ich habe Sie vor fünfzehn Minuten angerufen.“

„Zehn“, sagte Evan, „Und ich war oben am Berg. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder herunterzukommen.“

„Ich habe es zuerst auf Ihrem Handy versucht. Warum hatten Sie das nicht dabei?“

„Tut mir leid, Sarge – ich meine Inspector“, sagte Evan. „Ich habe mich wohl noch nicht daran gewöhnt, es bei mir zu tragen.“

„Dann gewöhnen Sie es sich besser an, aber pronto. Ihnen wurde von der Polizei ein Handy gestellt, damit wir Sie jederzeit erreichen können, Evans. Jederzeit – habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Sie sind heute Morgen ja in bester Stimmung, Sir“, sagte Evan. „Außerdem ist heute mein freier Tag.“

„Sie sind jetzt bei den Zivilfahndern, Junge. Da gibt es keine freien Tage. Sie arbeiten, wenn es Arbeit gibt. Und jetzt gibt es Arbeit. Kennen Sie den Campingplatz Black Rock Sands, kurz vor Porthmadog?“

„Ich glaube schon.“

„Dann machen Sie sich umgehend auf den Weg. Ich treffe Sie am Eingang. Wie lange brauchen Sie – eine halbe Stunde?“

„Zwanzig Minuten, wenn ich mich nicht ans Tempolimit halte“, sagte Evan und legte auf.

 

Als Evan bremste und neben dem Tor des Campingplatzes Black Rock Sands zum Stehen kam, war doch eher eine halbe Stunde vergangen. In Porthmadog hatten sich Fahrzeuge und Fußgänger gedrängt, die alle gleichzeitig aufgetaucht waren um ihre Einkäufe zu erledigen, kaum dass der Regen aufgehört hatte. Die Wolken waren aufgerissen und hatten stellenweise den Blick auf den blauen Himmel freigegeben und Dampf war von der nassen, schmalen Straße aufgestiegen, als Evan das verschlafene Dörfchen Borth-y-Gest hinter sich ließ. Hinter Borth wurde die Landschaft wilder; auf der einen Straßenseite gingen grüne Wiesen in Sanddünen und einen vom Wind zerwühlten Strand über, während sich auf der anderen Seite die mit Heidekraut überwucherten Hänge des Moel-y-Gest bis zu einem felsigen Gipfel in die Höhe zogen, der die Landschaft dominierte. Als Evan ausstieg, fiel das Sonnenlicht durch einen Riss in den Wolken und tauchte das ganze Bild in prächtige Farben. Der süße Duft von Weißdornblüten und Seetang empfing ihn, zusammen mit den Schreien der Möwen über seinem Kopf. Er stand da, atmete tief durch und genoss die Sonne auf seinem Gesicht, dann blickte er mit Genugtuung zum Moel-y-Gest hinauf. Dies war der erste Berg, den er als kleiner Junge bestiegen hatte, und er erinnerte sich noch immer an den Triumph und das Staunen, das ihn beim Anblick der Szenerie unter ihm ergriffen hatte.

Dann wand er den Blick ab, schob die Hände in die Taschen und ging auf das Holztor zu. Auf einem Schild war zu lesen: HOLIDAY HEAVEN. WOHNWAGEN ZU VERMIETEN. ZELTE WILLKOMMEN. HEISSE DUSCHEN.

Auf der anderen Seite der Hecke sah er zwei weiße Mannschaftswagen. Er entdeckte den vertrauten, beigen Regenmantel von Detective Inspector Watkins. Der Inspector lehnte an einem der Wagen und ging seine Notizen durch.

„Sehen Sie, ich habe doch gesagt, es werden dreißig Minuten, oder nicht?“ Watkins blickte auf und grinste Evan an, als er näherkam.

„Der Verkehr in Porthmadog war schrecklich. Tut mir leid.“

„Ja. Mir tut es auch leid. Ich hätte Sie am Telefon nicht so anbrüllen dürfen. Diese Arbeit schafft mich manchmal.“

Evan fand, dass Watkins müde und abgespannt aussah. Wenn das die Folgen einer Beförderung waren, sollte er vielleicht für den Rest seines Berufslebens Constable bleiben.

„Was haben wir denn?“, fragte Evan. Er fasste neben dem Inspector Tritt und sie überquerten eine weitläufige Wiese, an deren Rand reihenweise Wohnwagen standen. Von beeindruckenden Wohnmobilen bis hin zu kleinen Einachsern, die man ans Auto hängen konnte, war alles vertreten.

„Vermisstes Kind. Ein kleines Mädchen, fünf Jahre alt. Sie schlief in einem der Wohnwagen und wurde zuletzt heute Morgen am Strand gesehen.“

„Ist das nicht eher eine Aufgabe für die uniformierten Kollegen? Wenn ich mich recht entsinne, bestand ein Großteil meiner Arbeit in Llanfair daraus, vermisste Kinder zu finden.“

„Die uniformierten Kollegen suchen bereits seit heute Morgen“, sagte Watkins, während er zielstrebig über das kurze Gras schritt, „und wir sind hier, weil die Mutter Fremdeinwirkung vermutet.“