Leseprobe Clarctons Petshop

Kapitel 1 – Clarissa

Ami zieht an ihrer Leine, und schon liege ich auf dem eisigen Gehweg. Der Karton, den ich zuvor im Arm gehalten habe, springt auf, und der Inhalt verteilt sich auf dem schneebedeckten Boden. Augenblicklich wird ein Teil durchweicht. Darunter auch der dunkle Spitzenslip, den ich vor Jahren gekauft habe. Nicht, dass er je im Einsatz war. Ami, meine französische Bulldogge, rennt auf mich zu und leckt mich ab, als würde sie fragen, ob alles in Ordnung ist. Ihr Name ist einfach perfekt gewählt – das französische Wort für Freund, denn genau das ist sie. Meine beste Freundin in jeder Lebenslage.

Zum Glück tut mir nichts weh, als ich mich aufrappele und meine Klamotten aufhebe. Ich lege sie, egal ob nass oder trocken, zurück in die Kiste. Zum Glück gibt es in der neuen Wohnung bereits eine Waschmaschine. Nach wenigen Minuten bin ich angekommen und sehe auf.

Ich stehe vor einem älteren Gebäude. Die Wände sind rot, beziehungsweise sie waren es mal. Die Farben sind verblasst, aber das tut meiner Freude keinen Abbruch, denn das Schönste befindet sich direkt vor mir: die Glasfront, an der noch der Schriftzug meiner Vorgängerin klebt. Es sind nur noch einzelne Buchstaben übrig, sodass ich mir nicht sicher bin, wie der Name ihres Geschäftes lautete. Aber nun wird es meines sein, mein Traum, den ich mir erfülle, und das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl. Eine einzelne Freudenträne läuft mir die Wange hinab.
Viele Jahre habe ich nach dem passenden Gebäude für meinen Laden gesucht. Ich habe das Internet durchforstet, bin viele hundert Meilen gefahren und habe mir unzählige Angebote angesehen, bis es klick gemacht hat.

Ausgerechnet in einer Kleinstadt namens Clarcton, mitten in den kanadischen Rocky Mountains, bin ich fündig geworden. Hier gibt es nicht einmal tausend Einwohner, und es wird wahrscheinlich nicht einfach, ein Business zu starten, aber das Angebot war unschlagbar. Und das Schönste ist: Direkt über dem Geschäft liegt meine Wohnung, in die ich nun ziehen werde.

Mein Schlüssel, den ich bei der Übergabe bekommen habe, passt, und im Laden lasse ich erst einmal Ami von der Leine. In den kommenden Wochen stehen die Renovierungsarbeiten an, und ich bin gespannt, wie alles wird. Doch das Wichtigste ist: Dieser Laden gehört mir ganz allein.

Zwei Stunden später sitzen Ami und ich auf dem Boden, da ich noch keine Couch habe. Die Luftmatratze für die erste Nacht ist aufgepumpt, und die Müdigkeit durch die lange Autofahrt und das Kistenschleppen steckt mir in den Knochen. Ich kraule Amis Köpfchen und sehe, wie ihre Lider immer schwerer werden. Müde kaue ich an dem Bagel, den ich heute Mittag an einer Tankstelle gekauft hatte. Ich habe eine Mikrowelle, aber der Elan, noch irgendetwas einzukaufen, war einfach nicht da. 

„Wollen wir schlafen gehen, hm?“, murmele ich Ami zu. Sie sieht mich müde an, was ich als ein Ja deute. Also gehen wir ins Schlafzimmer. Es gibt hier noch keine Lampen, die Handytaschenlampe zeigt mir den Weg. Schnell entledige ich mich meiner Klamotten bis auf das Shirt und kuschele mich dann unter die Fleecedecke.
Wenigstens funktioniert die Heizung, denke ich, bevor ich in den ersten Schlaf im neuen Heim gleite. 

 

Irgendetwas kratzt an meinem Arm. Ich höre ein leises Winseln und schlage die Augen auf: Ami. Die Sonne scheint bereits in das Zimmer und kämpft sich durch den leichten Schneefall vor dem Fenster. Ami muss raus, das zeigt sie mit Kratzen und Winseln, also stehe ich auf, ziehe mir frische Klamotten an und setze eine Mütze auf. Ich sollte dringend duschen. Da heute Sonntag ist, habe ich den Tag für die Planungen, bevor ich morgen die Telefonate durchführen kann. Ich muss mit meinen Lieferanten reden, ihnen mitteilen, dass ich nun vor Ort bin. Außerdem muss ich recherchieren, ob es doch die Möglichkeit eines günstigen Handwerkerservices gibt, der mich unterstützen kann. Es stehen noch unzählige Dinge auf meiner To-do-Liste, aber das Wichtigste ist, dass ich hier bin. 

Ich lege Ami ihr Geschirr und die Leine an, dann gehe ich an die frische Luft. Eiseskälte schlägt mir ins Gesicht, und ich atme tief ein. Daran muss ich mich wirklich gewöhnen.

Ich laufe in Richtung des kleinen Ortskerns, um mehr von der Umgebung zu erkunden. 

Die Gehwege sind von leichtem Schnee bedeckt; für Anfang Oktober reicht mir die Menge allerdings vollkommen aus. Auch wenn ich nie ein großer Winterfreund gewesen bin, fühlt es sich hier anders an. Der Schnee passt zur Umgebung, die eiskalte Luft ist angenehm. Es kommen mir nur wenige Menschen entgegen, und dann finde ich ein Schild, das auf einen Park verweist. Das sollte genau das Richtige für mich und Ami sein! Also gehe in die Richtung, die der Pfeil mir zeigt.

Ami entdeckt viele neue Gerüche und schnuppert an jeder Ecke. Zum Glück haben wir heute Zeit. Es gibt da nur eine Sache, die sich bemerkbar macht: Hunger. Ich sollte dringend etwas essen.

Ich lasse Ami von der Leine, nachdem mich ein Schild darüber informiert, dass das erlaubt ist.

Sofort rennt sie los und erkundet alles. Ich lächele vor mich hin und setze mich auf eine überdachte Bank. Kurz zücke ich mein Handy, um ein Foto zu machen.
Das ist die neue Wahlheimat: Clarcton. Ich kann das alles noch gar nicht fassen.

Ich bin so begeistert von Ami, die sich gerade durch den Schnee buddelt, als wäre sie ihn gewohnt. Es ist das erste Mal, dass sie welchen sieht, und sie scheint es zu lieben. Mein Magen knurrt erneut. Ich muss sie jetzt wirklich schnappen und mir etwas zu Essen suchen, außerdem sollte ich mich noch an die weitere Planung setzen. In einem dicken Ordner habe ich sämtliche Zeichnungen, Artikelnummern und weitere Informationen rund um den Shop zusammengetragen. Aber ich habe noch nichts bestellt und muss noch renovieren. „Ami!“, rufe ich, und sie dackelt auf mich zu. „Lass uns nach Hause gehen.“ Sie wedelt mit dem Schwanz, und ich leine sie an.

Wir nehmen einen anderen Weg zurück in der Hoffnung, eine Bäckerei oder Ähnliches zu finden. Ich hätte vielleicht einkaufen sollen, bevor ich losgefahren bin.

Ich bleibe vor einem Laden stehen, an dem ein blasslilafarbenes Geöffnet-Schild baumelt. Clarctons Cakery steht darauf, und es sieht direkt einladend aus. Cakery. Ich schmunzle. Was ein tolles Wortspiel. Da werde ich bestimmt etwas finden. Mein Spiegelbild schimmert mir von der Glasfront des Ladens entgegen und ich lächele mir selbst zu. Die kurzen Haare, die ich mir vor der Reise habe schneiden lassen, betonen mein schmales Gesicht. Die kastanienbraune Farbe ist ein guter Kontrast zu meinem leicht gebräunten Teint. Schnell mache ich Ami vor dem Laden fest und betrete ihn. Sofort steigt mir eine Mischung verschiedener Gerüche in die Nase. Mein Magen meldet sich erneut. Wir sind hier richtig, Mädchen, scheint er zu flüstern.

An der Theke steht eine Frau. Sie hat rötliche Haare und lächelt mich an, ihr Babybauch ist nicht zu übersehen. „Herzlich willkommen – was darf ich dir bringen?“

Ich erwidere ihr Lächeln und betrachte die Auslage. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Die Auswahl ist groß. Verschiedene Gebäckarten strahlen mir entgegen, unter anderem Cupcakes und Cheesecake, aber auch belegte Bagels. „Ich nehme den Bagel mit Käse und den Cupcake.“ Ich zeige auf einen.

„Gute Wahl.“

„Honey?“ Ein Mann kommt in die Backstube, und die Frau dreht sich zu ihm um. Auf den ersten Blick sieht er grimmig aus, aber dann wird sein Blick liebevoll, als sie ihn anlächelt. „Du sollst dich hinsetzen. Die Babys mögen keine große Aktivität mehr.“

Sie streckt ihm die Zunge entgegen, und er legt liebevoll die Hand auf ihren Babybauch und streicht darüber. Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen. Die Liebe, die in dieser Geste liegt, ist fast greifbar. Wie sehr wünsche ich mir auch einen Menschen, der mir so viel gibt.

„Ich werde es ja wohl noch schaffen, meine Köstlichkeiten zu verkaufen.“ Der Mann führt sie zu einem Stuhl, nachdem er sich vergewissert hat, was ich bestellt habe, und packt mir meine Sachen ein. „Diese Frau treibt mich in den Wahnsinn“, lacht er.

„Zwillinge?“

„Genau. Wir dachten lange, es wäre nur eins, und irgendwann kam die Überraschung. Aber wir freuen uns riesig.“
Die Frau zieht die Brauen hoch. „Ich platze bald! Die Freude ist etwas getrübt!“ Ich lache, denn ich sehe ihr breites Grinsen, das pure Glückseligkeit ausstrahlt. „Bist du neu in Clarcton?“, fragt sie nun, und ich nicke.

„Ich habe hier ein Geschäft gekauft und bereite es nun auf. Ich bin erst seit gestern hier.“
Der Mann packt ein Stück Cheesecake mit ein. „Kleines Willkommensgeschenk. Du wirst hier dein Zuhause finden, das habe ich auch.“

Ich bedanke mich und zahle. „Was eröffnest du denn für einen Laden? Benötigst du Hilfe?“

Ich lächele, denn das erste Mal werde ich es laut aussprechen. „Es wird ein Shop für Tierzubehör – also keine Modeaccessoires, sondern nützliche Dinge wie beispielsweise wärmende Sachen für Hunde. Alle sind willkommen.“

„Das ist eine schöne Idee! Wird es bei dir auch Tiere zu kaufen geben?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein. Das ist erst einmal nicht geplant, immerhin kann ich noch nicht wissen, wie der Laden laufen wird.“

„Hast du denn schon einen Namen?“

„Leider nicht.“ Worüber ich ein wenig traurig bin.

Die Frau lächelt. „Kleiner Tipp: Suche dir zwei Begriffe, die zu deinem Laden passen, und mische sie. Das hat mein Tick-Tack-Grandpa auch so gemacht.“

„Tick Tack?“

„Er hat die Bezeichnung Uropa gehasst“, schmunzelt sie. „Wenn du Hilfe brauchst, melde dich bei uns. Wir sind Amelia und Jeremia. In Clarcton sind wir alle eine große Familie.“

Mein Herz wird warm, und ich strahle: Genau das habe ich seit Jahren gesucht.

„Danke, das ist sehr lieb. Ich bin Clarissa, aber alle nennen mich Ria.“

Die zwei verabschieden mich, und ich gehe hinaus, wo Ami wartet. Zum Glück trägt sie eines meiner wärmenden Outfits, das ich extra für sie angefertigt habe. „Lass uns nach Hause gehen, dort gibt es etwas zu Futtern.“

Kapitel 2 – Matthew

Der Alarm geht los, und kurz runzele ich die Stirn, öffne aber dennoch die Augen. Das kann nur ein Fehlalarm sein, immerhin hatten wir seit Wochen keine Einsätze mehr. Die Wache ist für mehrere Kleinstädte verantwortlich, sonst würden mir wohl die Füße einschlafen. Als ich noch in der Großstadt war, bevor sich alles verändert hat, war ich immer auf Tour.

Wohnungsbrand steht auf dem Funkmeldeempfänger, und ich springe auf und ziehe mich an. Fast bin ich aufgeregt, habe seit bestimmt zwei Monaten den Adrenalinkick nicht mehr gespürt, der nun durch meine Adern fließt.

Trotzdem habe ich auf der Wache übernachtet.

„Matt – bist du fertig?“

Ich nicke und steige zu meinen Kollegen in das Fahrzeug. Wir alle sind angespannt, wissen bei Wohnungsbränden nie, was auf uns zukommt. Vielleicht müssen wir nur löschen; im schlimmsten Fall sind noch Menschen im Gebäude. Die zickzackförmige Narbe auf meinem Bauch schmerzt. Manchmal ignoriert man alle Sicherheitsmaßnahmen, versucht, Menschen zu retten, und verliert sie dennoch.

„Wo müssen wir hin?“

„Nach Clarcton.“

Die Kollegen sehen genauso aus wie ich: aufgeregt und angespannt zugleich. Was wird uns erwarten?

Wir sind innerhalb von sieben Minuten am Einsatzort und steigen aus. Es sind keine großen Flammen von hier zu erkennen. Auch keine Rauchbildung.

Eine Frau kommt auf uns zu. „Das Gartenhaus!“

Ich nicke, sehe meine Kollegen an. „Kann es losgehen?“ Als Einsatzleitung gebe ich die Kommandos und bin derjenige, der die Kontrolle behalten muss. Ich gehe in den Garten. Das Häuschen dort qualmt ein wenig, es brennt nicht lichterloh. Die Anzeigen kommen von der Leitstelle. Rauchbildung steht darauf. Die Mitarbeiter dort geben uns die Information immer so weiter, wie die Betroffenen sie schildern. Fast bin ich enttäuscht und rüge mich sofort innerlich selbst. Natürlich ist es gut, wenn etwas nicht lichterloh brennt.

„Bry! Du gehst rein und sicherst.“ Mein Schützling, der Auszubildende, nickt und geht voraus. Ich muss ihm dringend mehr zutrauen, deshalb lasse ich ihn bei leichten Einsätzen vorausgehen und seine Erfahrungen sammeln. Er beendet seine Ausbildung bald. Ich bin stolz auf ihn, schon jetzt. Mit seinen zarten neunzehn Jahren zur Feuerwehr zu gehen ist wirklich etwas Besonderes. Normalerweise entscheiden sie sich erst ein paar Jahre später für den Job. Man beginnt meist mit der freiwilligen Feuerwehr und dann geht es zur Berufsfeuerwehr. Sein Vater ist der Captain, wahrscheinlich ist er deshalb unter Druck, aber er macht es gut. Ich beobachte, wie Bry, der eigentlich Bryan heißt, auf das Häuschen zugeht. Er kniet sich hin und tastet die Tür erst ab, um die Temperatur abschätzen zu können, bevor er sie langsam öffnet. Genau so habe ich es ihm beigebracht.

„Was siehst du?“, rufe ich ihm zu. Er soll es beschreiben, damit ich die Maßnahmen einleiten kann.

„Kleine Flammenbildung am Boden, dennoch sollten wir schnell handeln. Es ist Holz.“

Und in diesem Moment sehe ich die Stichflamme, die Bry nach hinten wirft. „Fuck! Gas geben! Wir brauchen den Pulverlöscher!“

Das kann nur Benzin gewesen sein. Das weiß ich aus meiner Erfahrung, und die Stichflamme ist das Anzeichen dafür. Ich ziehe mir die Maske auf, renne nach vorn und zerre Bry zurück. „Ist alles okay?“ Er nickt, sein Gesicht ist schmutzig. Auf den ersten Blick erkenne ich keine ernsthaften Brandwunden. „Geh zum Einsatzwagen.“

„Nein, ich bleibe hier.“ Ein strenger Blick reicht, und er gehorcht resigniert.

Die Männer rücken an, und gemeinsam bekämpfen wir die Flammen.

Es dauert nicht lange, immerhin ist es kein großer Brand, dennoch ärgere ich mich, dass ich Bry vorgeschickt habe. Das darf nicht wieder passieren. Als alles erledigt und gesichert ist, gehe zu der Frau, die uns gerufen hat. „Wir haben den Brand gelöscht. Können Sie mir sagen, wie er zustande gekommen ist?“

„Mein Mann raucht immer heimlich in dieser Hütte, er hat Demenz.“

Ich nicke, und in diesem Moment kommen die Kollegen mit einem Zigarettenstummel zurück.

„Wenn Sie davon wissen, sollten Sie zumindest einen Aschenbecher bereitstellen. In Gartenhäusern gibt es oft Benzinstellen, beispielsweise durch den Rasenmäher. Das hätte übel ausgehen können.“

Die Frau nickt. Tränen laufen ihr über die Wangen, und sie tut mir leid. „Bitte betreten Sie das Gartenhaus für einige Tage nicht. Wir sehen in fünf Tagen nochmal vorbei, um es zu kontrollieren, ob es einsturzgefährdet ist.“ Ich gebe ihr unsere Visitenkarte. Ein Nachbarschaftsdienst – den man so nur von unserem Departement bekommt – für die Bewohner der Gegend.

„Vielen Dank. Es tut mir so unendlich leid, Mister.“

Ich winke ab. „Das ist unser Job, passen Sie auf sich und Ihren Mann auf.“

Damit verabschieden wir uns und setzen uns wieder ins Fahrzeug.

„Bry, alles okay?“ Ich sehe ihn besorgt an.

„Du hättest mich nicht gleich in den Wagen schicken müssen! Es geht mir gut!“ Er ist sauer auf mich, und ich kann es nachvollziehen.

Ich bin vorsichtiger geworden seit damals. „Ich habe dich geschützt und musste erst einmal die Lage checken. Sei nicht so frech, dein Vater bringt mich um, wenn dir etwas zustößt.“

Er schnaubt nur, hält aber den Mund. Er hasst es, der Sohn zu sein, und ich verstehe es. Aber es liegt an mir, mein Team zu schützen und nicht ein weiteres Mal in meiner Laufbahn zu versagen.

 

Ein paar Stunden später hat der Schichtwechsel ohne nennenswerte Ereignisse stattgefunden, und ich freue mich auf zuhause. Ich wohne, je nach Schneeaufkommen, zehn Minuten von der Wache entfernt. Aktuell ist es zum Glück noch nicht schlimm. Vor zwei Jahren hat es einen riesigen Schneesturm gegeben, der durch alle Medien ging.

An der Tür trete ich meine Schuhe ab, bevor ich sie öffne. Sofort rennt mir Luckey entgegen. Zum Glück wohne ich in einem Haus mit meiner Tante Mags, die sich um meinen Hund und natürlich um Riley kümmert.

„Luckey“, lache ich, als er an mir hochspringt. Er ist erst ein knappes Jahr alt, deshalb noch sehr verspielt und aktiv. Luckey ist ein Siberian Husky. Sein Name ist an Lucky angelehnt – glücklich. Er war der Balsam für meine Familie. Ich habe versucht, den Teil, der uns genommen wurde, irgendwie zu ersetzen. Für Riley. Ich werde niemals ihre Mutter ersetzen können, weil einfach niemand Maya ersetzen kann, dennoch hat ihr Luckey sehr geholfen.

„Daddy!“ Mein Wirbelwind rennt auf mich zu. Ich breite die Arme aus und hebe meine wundervolle Tochter hoch.

„Du stinkst!“

„Bekomme ich dann keinen Begrüßungskuss?“, schmolle ich. Sofort drückt sie mir einen dicken Schmatzer auf, und ich lasse sie hinunter. Sie schmiegt sich an Luckey. „Ich gehe kurz duschen und komme dann hoch, in Ordnung, mein Engel?“

„Komm Luckey, Daddy muss sich erst mal waschen.“

Ich lache und nicke, dann gehen die zwei die Treppen hinauf. Riley wird so schnell groß. Gefühlt war es gestern, als ich dieses kleine Bündel in meinen Armen gehalten habe und wusste, dass sie mein ganzes Leben lang von mir behütet werden wird.

Die Liebe, die in einem solchen Augenblick durch die Adern strömt, ist unfassbar. Man würde sofort aufhören zu atmen, um das kleine Wesen zu beschützen. Sie war so klein, kam über sechs Wochen zu früh auf die Welt. Mit zweiunddreißig Zentimetern und eintausendfünfhundert Gramm war sie winzig. Ich erinnere mich gerne daran, wie wir sie damals mit auf die Wache genommen haben.

Die großen Männer, die sonst herumgrölen und in der Wache feiern, wenn kein Einsatz anstand, sind auf einmal still geworden. Sie waren die besten Onkel, die sich ein Kind wünschen könnte.

Unter der Dusche erlaube ich mir einen kurzen Augenblick der Ruhe. Das Wasser prasselt auf mich herab, und ich atme tief durch. Wir brauchten nach Mayas Tod einen Neuanfang und vor allem Unterstützung. Mags hat uns sofort aufgenommen, und auch wenn sie bereits dreiundsechzig Jahre alt ist, gibt sie ihr Bestes, um jeden Tag alles für Riley und mich zu tun.

Ich schlüpfe in ein Shirt und eine Jogginghose und gehe dann nach oben. Mags steht in der Küche und rührt gerade in einem Topf herum, es riecht himmlisch.

„Hey, Mags.“ Ich drücke sie kurz an mich. Meine Tante ist klein, ein wenig rundlich, und ihre grünen Augen blitzen meist vergnügt. Sie hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Ich erinnere mich noch an die Tage meiner Kindheit, als ich hier gespielt habe und hingefallen bin. Sie hat immer gepustet und dann gesagt: „Das Leben ist zu kurz, um zu weinen, und Narben gehören dazu. Nun los, renn weiter und sammle so viele Augenblicke wie möglich.“

Mags zeigt mit dem Kochlöffel auf den Topf. „Hast du Hunger?“

Ich nicke und setze mich an den Tisch. Riley kommt zu mir und sieht mich an, also nehme ich sie auf den Schoß und drücke sie an mich.

„Jetzt riechst du nicht mehr nach Rauch, Dad.“ Ich lächle, weiß genau, wie sehr sie es hasst, wenn ich von der Arbeit komme. Vor allem, seit sie damals selbst im Feuer saß und ich mich entscheiden musste, ob ich sie oder Maya rette.

Tante Mags stellt einen deftigen Eintopf auf den Tisch, und mir knurrt der Magen. „Du bist einfach die Beste, Mags.“

Riley setzt sich auf ihren Platz. „Zum Glück hat Dad nicht gekocht“, lacht sie. Ich kneife ihr spielerisch in die Seite und muss lächeln, denn eigentlich hat sie recht. Kochen gehört zu den Dingen, die ich nicht beherrsche. Ich kann super Brote schmieren, und auch ein Rührei bekomme ich noch hin. Aber spätestens, wenn es um Töpfe geht, hört meine Fähigkeit schon auf. „Ich vermisse Mommys Pancakes.“

Ich schlucke, diese Momente hat sie in letzter Zeit immer öfter. Sie wird nun bald fünf und begreift, dass Maya nicht mehr zurückkehrt. Wir haben lange überlegt, wie wir ihr beibringen, dass Mommy jetzt ein Engel ist, und ihr klarmachen, dass die Situation sich nicht mehr ändern wird. Dass Maya nie mehr zurückkommt und trotzdem in ihrem Herzen weiterleben soll. „Ich auch. Sollen wir morgen Pancakes machen? Da habe ich frei.“

Sie sieht mich schockiert an, und sofort löst sich der Knoten in meinem Bauch. „Bitte nicht. Tante Mags, machst du uns welche?“

„Aber natürlich, mein Engel.“

Auch wenn Mags Maya nie kennengelernt hat, schimmert die Traurigkeit in ihren Augen. Sie war mein Ventil, als ich gedroht habe zu explodieren. Demnach hat sie sich viele Erinnerungen, die ich an Maya habe, anhören müssen. Oft habe ich die Tränen nicht mehr zurückhalten können und meine Stimme hat dadurch versagt. Trotzdem war sie geduldig und hat mich immer wieder in den Arm genommen.

Auch Riley habe ich abends an ihrem Bett oft etwas von ihrer Mom erzählt, und nach und nach gemerkt, dass die Geschichten kürzer werden. Irgendwann sind mir keine weiteren Details mehr eingefallen. Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, dabei sind es nun auch schon fast zwei Jahre. Seit mehr als fünfhundert Tagen versuche ich, das Loch in meinem Herzen zu stopfen, und weiß nicht, ob ich es je schaffe. Dann sehe ich meiner Tochter ins Gesicht, sehe ihre Augen, die denen ihrer Mutter so ähneln, und schöpfe Hoffnung. Für dieses Wesen lohnt es sich, jeden Tag weiterzukämpfen.

Und dann genießen wir den Eintopf, als würde die Wolke der Trauer nicht über uns schweben und anfangen zu nieseln.

Kapitel 3 – Clarissa

Wir kommen zuhause an. Zuhause. Es klingt komisch in meinem Kopf. Ich schütte Hundefutter in Amis Napf, und sie stürzt sich darauf, als würde sie kurz vor dem Hungertod stehen. Mein Magen meldet sich. Ich werde ebenfalls bald verhungern.

Ich breite meinen Einkauf vor mir auf dem Boden aus, nachdem ich mich im Schneidersitz niedergelassen habe. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich habe die Qual der Wahl. Cheesecake, Cupcake oder Käsebagel?

Alles!, schreit mich mein Magen an, und ich lasse meine Vernunft siegen. Erst einmal etwas Ordentliches, denke ich und schnappe mir den Bagel. Ich beiße genüsslich hinein. Heilige …! Wie kann etwas Einfaches so unfassbar gut schmecken? Es scheint eine Art Kräuterbutter darauf zu sein sowie knackig frischer Salat. Der Käse ist würzig, aber nicht zu stark. Das ist einfach unfassbar. Ich verputze den Bagel schneller, als ich Gaumensex sagen kann. Das letzte Stück Käse gebe ich Ami, die schon die ganze Zeit mit wedelndem Schwanz vor mir steht. Ich kann dieser Hündin einfach nichts abschlagen, was echt unglaublich ist. Wenn ihre Knopfaugen blitzen und sie dann noch ihr Köpfchen schief legt, dann bin ich einfach machtlos.

Der Cupcake folgt – ich muss ihn einfach noch probieren, auch wenn ich bereits von dem Bagel satt bin. Es thront eine kleine Kirsche darauf, und er ist mit Schokosplittern überzogen. Das Icing ist dunkelrot, der Muffin an sich aus dunklem Teig. Allein die Optik überzeugt wahrlich - das ist ein Kunstwerk.

Auf die Geschmacksexplosion, die schon beim ersten Bissen meinen Gaumen prickeln lässt, bin ich nicht vorbereitet. Wow. Das ist wie ein purer Orgasmus, wobei … vielleicht sogar besser. Wie kann solch eine Kleinigkeit so unglaublich sein?

Der Teig schmeckt nach dunkler Schokolade. Normalerweise bin ich kein Fan davon, doch der Cupcake ist mit einer Frischkäsecreme gefüllt. Sie ist nicht besonders süß, steht aber in wundervollem Kontrast zum Teig. Das Icing schmeckt nach Kirschen, doch mit einer säuerlichen Note, was das Ganze wirklich interessant macht.
Amelia scheint eine wahre Göttin des Backens zu sein. Ich sehe Ami an, die weiter bettelt. „Schokolade ist nichts für dich.“ Als würde sie meine Worte verstehen, dreht sie sich um und geht beleidigt in die Ecke, wo sie sich niederlässt. Ihr Körbchen ist einer der wenigen Gegenstände im Raum. Aktuell liegt hier noch Teppichboden, was dringend geändert werden muss. Die Decken sind hoch und die Wände kahl. Es muss Leben hier reingebracht werden. Das Herzstück wird der Laden werden. Trotzdem möchte ich mir einen gemütlichen Rückzugsort schaffen.
Schon jetzt fühlt es sich wie ein Zuhause an. Ich kann es kaum erwarten, bis sich die Räume mit Leben füllen und ich Erinnerungen sammeln kann. Der Neuanfang ist notwendig, weil ich lange genug meinem Traum hinterhergerannt bin. Jetzt, wo Dad allerdings Li hat und glücklich ist, habe ich es geschafft, an mich selbst zu glauben und vor allem an mich zu denken.
Mein Telefon klingelt. Ich lächele, als ich Dad darauf lese, und nehme ab.

„Ria. Du solltest dich melden, wenn du ankommst.“

„Tolle Begrüßung, Dad. Tut mir leid - es war gestern so spät, ich wollte dich nicht wecken.“

„Ich habe vor Sorge kein Auge zugetan.“ An dem Grinsen in seinen Worten erkenne ich die Lüge.

„Du schläfst immer wie ein Stein – oder muss ich etwa Li fragen?“ Li ist die neue Lebensgefährtin meines Dads. Nachdem damals die Ehe mit meiner Mutter in die Brüche ging, habe ich mich gefragt, ob ich ihn je wieder lächeln sehen würde. Dann kam Li in sein Leben, und auf einmal wurde aus einem verzweifelten, alten Mann ein junger Vogel, der noch einmal die Flügel ausbreitet, um die Liebe zu spüren.

„Nein, lass es lieber. Spaß beiseite: Wie geht es dir?“

Die Frage ist schwierig. Ich weiß nicht so wirklich, was ich darauf antworten soll. „Es geht mir gut, aber ich bin sehr nervös.“

Mein Vater schnaubt. „Das wäre doch auch komisch wenn nicht, oder Clary? Du hast all deine Sachen gepackt, um einen Laden zu eröffnen, für den du noch nicht einmal Waren hast.“

Ich schlucke. Er war schon immer der Beste darin, mir den Spiegel der Realität vor Augen zu halten, ohne dabei anmaßend zu klingen. „Ich weiß, aber es war eine einmalige Gelegenheit.“

„Meinst du nicht, dass du auch etwas in unserer Nähe gefunden hättest? Ich könnte dich unterstützen.“ Nun höre ich die Trauer in seiner Stimme, den Verlust. Immerhin bin ich seine einzige Tochter, und auch wenn er Li hat, ist es schwer für ihn.

„Du weißt, dass ich nicht bleiben wollte.“

Er seufzt, doch ich bin überzeugt, dass er es versteht. „Wenn du Hilfe bei den Renovierungen brauchst, dann melde dich bitte. Soll ich dir noch Geld schicken?“

„Nein, bitte nicht, Dad. Ich versuche, selbstständig zu sein, und du weißt genau, dass ich genug gespart habe.“

„Nur weil du selbstständig ist, bedeutet es nicht, dass ich nicht mit offenen Armen hinter dir herlaufe, falls du fällst.“

Ich seufze. „Manchmal muss ein Mensch aber fallen, um wieder fliegen zu können. Vertrau mir, Dad. Ich schaffe das.“

Das Telefonat endet mit getrockneten Tränen auf meinen Wangen. Niemals hätte ich erwartet, dass er unter meinem Umzug leidet. Er wird klarkommen, doch ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Ich vermisse ihn auch, immerhin sind wir seit sechsundzwanzig Jahren unzertrennlich. Er ist derjenige, der mich aufgefangen hat. In allen Momenten, in denen ich traurig war, hat er meine Wangen geküsst und somit Bäche von Tränen aufgehalten. Als ich damals Mom verlor, die gnadenlos unterging und die Rettungsringe nicht annahm, war er für mich da.

Meine Mutter war spielsüchtig, hat das ganze Geld, welches mein Vater verdient hat, verzockt. Dann ist sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgehauen und nie zurückgekehrt.

Er hat die Liebe seines Lebens verloren, mir aber seinen Schmerz nie gezeigt. Er hat lieber einem kleinen Mädchen Geschichten von Hunden erzählt, die Schlitten ziehen, und von Sternen am Himmel.

Ich liebe meinen Dad, wirklich. Aber dieser Schritt war notwendig, und es fühlt sich einfach richtig an, hier in Clarcton zu sein, auch wenn es viele Meilen von Halifax weg ist.

Ich sitze auf meiner Luftmatratze und habe den Laptop auf meinem Schoß. Zum Glück konnte ich den Vertrag des Vorbesitzers übernehmen und habe wenigstens WLAN, um mein Business ordentlich starten zu können. Es war waghalsig, ohne jedwede Produkte einfach herzukommen und in die Selbstständigkeit zu starten. Als die Lieferanten mir allerdings in vorherigen Telefonaten schon zugesagt haben, dass sie pünktlich liefern, konnte ich nicht mehr warten. Ich habe mit dem Produktionsteam gesprochen und alles hat gepasst. Ich designe Kleidung für Tiere, vor allem Hunde, seit ich ein kleines Mädchen bin. Spielzeuge für Vierbeiner habe ich entworfen, als ich gerade einmal Buchstaben schreiben konnte. Das ist meine Passion. Irgendetwas in mir sagt, dass das hier ein holpriger Weg, aber sich die Reise lohnen wird.

Was wäre das Leben denn ohne ein wenig Risiko? Also habe ich in den vergangenen Jahren hart gearbeitet, habe erste Prototypen erstellt und mich stets weiterentwickelt. Am Anfang sahen die Klamotten für Hunde und Katzen noch absolut schäbig aus, waren zu eng und nicht komfortabel. Mittlerweile ist das natürlich nicht mehr so. Zur selben Zeit habe ich bis zu fünfundvierzig Stunden pro Woche in einer Marketingagentur gearbeitet, um mir die Basics anzueignen. Eigentlich war ich dort die Idiotin für alles, und es hat mich nicht erfüllt, aber der Verdienst war gut. Und auch wenn der Chef ein riesiger Idiot war, war es in Ordnung. Es hat seinen Zweck erfüllt, und jetzt weiß ich, wie man Plakate richtig erstellt, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Social Media ist meine größte Waffe, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, wie wichtig Internetwerbung hier in Clarcton ist. Ich werde wohl eher mit Flyern durch die Straßen ziehen müssen, aber auch das ist absolut in Ordnung.

Ich habe mir in den vergangenen drei Monaten, in denen ich mich auf das hier vorbereitet habe, etliche Listen erstellt. Ich habe mit ein oder zwei Lieferanten gesprochen, die ich nun persönlich kennenlernen werde.

Mein Vater hat nicht Unrecht mit dem, was er sagt. Vielleicht hätte ich noch mehr vorbereiten können. Natürlich, das kann man immer – es ist jederzeit möglich, mehr herauszuholen und aus sich zu machen. Trotzdem war es gut, ins kalte Wasser zu springen. Ich spüre es einfach. Und eins ist klar: Mein Laden wird am ersten Dezember eröffnen, ob er komplett fertig ist oder nicht.

Die Leute lieben es, in der Winterzeit einzukaufen, und ich weiß genau, wie schwer es ist, das richtige Geschenk für den Vierbeiner zu finden. Tiere sind Teil der Familie, und während man Menschen beispielsweise Schmuck schenken kann, wenn einem nichts einfällt, bleiben für Tiere kaum Möglichkeiten. Genau dafür bin ich da – und ich kann es kaum erwarten.

Noch ein Monat und achtzehn Tage. Aktuell ist es Mitte Oktober, und wenn mir der Winter hier keinen Strich durch die Rechnung macht, klappt das auch mit den Lieferanten. Immerhin habe ich mit ihnen alles besprochen, und es wurde mir versichert, dass eine einmonatige Produktions- und Lieferzeit durchaus ausreicht. Es wird doch wohl machbar sein, in dieser Zeit zu renovieren. Von der Ausstattung mal ganz zu schweigen. Der Plan ist also da, und das ist der Strohhalm, an den ich mich klammere.

„Ein wenig verrückt sind wir schon, nicht wahr?“, murmele ich und streichle Amis Ohren.