Leseprobe Brathering Interruptus

VON KIFFENDEN RATTEN

Das Thermometer auf der Terrasse stand bei kuscheligen 35°C und es ging kein Lüftchen. Ich schlürfte an einem halben Liter kühlem Bier, während meine bessere Hälfte sich einen selbstgemixten Cocktail gönnte. Die Zubereitungszeit dieses sehr obstlastigen und blasphemischerweise alkoholfreien Getränks dauerte meinem Gefühl nach länger, als es die Dinosaurier auf unserem schönen Planeten ausgehalten hatten, aber das spielt hier keine Rolle.

Als Abkühlung diente uns ein Pool im Garten, der zwar nicht besonders groß, aber für gelegentliche Erfrischungen vollkommen ausreichend war. Selbstverständlich hätten wir uns auch ein riesengroßes Planschbecken in den Garten stellen können. Eines von der Sorte, das die Nachbarn neidisch erzittern ließ. Hätten wir können!

Wenn einem eine solche Anschaffung aber erst in den Sinn kommt, nachdem es zwei Wochen lang gefühlte 60°C heiß ist, ziehen die Preise – dem Kapitalismus sei Dank – natürlich an. Ende des vergangenen Sommers, als unser alter Pool sein Dasein beim Abbau beendete, hatte ich noch groß getönt: „Christina, Schatz! Den neuen Pool kauf ich im Winter! Da ist es günstiger. Das wird ein ganz großer!“

Allerdings hatte ich weder im Winter noch im Frühling und auch nicht im Frühsommer irgendeinen Gedanken an den neuen Pool verschwendet. Als es, wie gesagt, heiß wurde, bezahlte ich zähneknirschend den dreifachen Preis für ein Drittel der Größe. Karl Marx hatte recht!

Okay, normale Menschen fuhren im Sommer auch in den Urlaub und fristeten ihr Dasein nicht auf der Terrasse. Wollten wir ja genauso machen, hatten geplant all-inclusive nach Thailand zu fliegen. Drei Wochen Cocktails mit Schirmchen, Strand und Meer. Da habe ich bei der Buchung im vergangenen Herbst mal ganz spendabel nicht auf den Euro geschaut, und Christina ist regelrecht schwindelig geworden, als die Kreditkartenabrechnung im Briefkasten lag.

Aber es kam wie gesagt anders. Christinas Arbeitskollegin hatte sich ein paar Tage vor unserem Reiseantritt – beim Versuch, den nahegelegenen Kletter- und Erlebniswald ohne Sicherungsseil zu durchpflügen – einige Knochen verrenkt und war daraufhin zur weiteren Verwertung ins Krankenhaus gebracht worden. Christina durfte dann für „Kletterwaldmonika“, wie ich sie seitdem nenne, die Klienten der darauffolgenden Woche übernehmen. Nachdem der Ärger sich gelegt hatte, schlug ich vor, die restlichen zwei Wochen einfach zu Hause zu verbringen.

Die Hitze hatte, sofern man männlich war und so wie ich auf der Terrasse vor sich hin vegetierte, einen Vorteil: Die zehn Jahre alten Lieblingsshorts reichten als Bekleidung vollkommen aus! Christina sah das natürlich anders und war stets korrekt, wenn auch leicht, bekleidet. Die einzige Ausnahme stellten ihre Besuche im Pool dar, bei denen ich sie im Badeanzug bewundern durfte.

„Warum trägst du eigentlich keinen Bikini, Schatz?“, schlug ich – natürlich vollkommen uneigennützig – vor, als Christina sich mit einem Handtuch bewaffnet zum Schwimmbecken begab. Sie tippte sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. Ihr neuer vielfarbiger Badeanzug, der jedes Chamäleon in einen Burnout getrieben hätte, tat sich ein wenig schwer damit, ihren üppigen Busen zu verbergen. Ferner versuchte ihr hübscher Hintern permanent, den Stoff, der eigentlich über ihren Pobacken hätte liegen sollen, aufzufressen. Aber das konnte ja um Gotteswillen niiieeemals damit zusammenhängen, dass er eventuell doch eine Nummer zu klein war. Aber Hauptsache 50 % Nachlass im Outlet!

Nach ihrem Ausflug in den Pool, bei dem sie streng darauf achtete, dass ihre Haare nicht nass wurden, legte sie sich auf eine Sonnenliege und döste vor sich hin. Ich holte mir ein neues Bier und setzte mich wieder auf einen der von ihr vor kurzem erworbenen „Designer-Terrassensessel mit stufenlos klappbarer Lehne und farblich wunderbar passenden Kissen“. Sonderangebot bei QVC, war ja klar!

Die Sessel hatten, vier Stück an der Zahl, so viel gekostet wie mein Satz Alufelgen im letzten Frühling. Hatte Christina noch die Hölle heraufbeschworen, als sie die vier Pakete in die Garage hatte schleppen müssen, weil ich nicht da war, wurde Kritik an den besagten Sitzgelegenheiten – ratet mal, wer sie zusammenbauen durfte – mit giftigem Blick im Keim erstickt. Noch heute klingelt es mir in den Ohren, dass die Standardfelgen doch auch ausgereicht hätten. Ich hätte sie natürlich genau jetzt mit dem dezenten Hinweis darauf, dass Plastikstapelstühle auf einer Terrasse auch ausreichten, an ihr Gemaule von damals erinnern können, verwarf den Gedanken aber sogleich. Ich hatte eine bessere Idee!

„Schatz!?“, flüsterte ich.

Keine Reaktion.

„Schaaatz!?“, sagte ich etwas lauter, und sie nahm die Sonnenbrille ab und sah mich genervt an.

„Sebastian, was ist denn?“, fragte sie, und mir war klar, dass das der vollkommen falsche Moment für meine Eingebung war – aber egal.

„Sex?“

Christina richtete sich auf und schaute mich ungläubig an. „Wie bitte?“

„Sex!“, wiederholte ich dümmlich grinsend.

„Du spinnst doch!“, sagte sie, nahm ein Buch und legte sich wieder hin.

Wenn es darum ging, am Sonntagnachmittag ins Museum zu gehen oder anderweitig kulturelle Einrichtungen zu besuchen, war meine Spontaneität vorausgesetzt. Versuchte ich aber, in einem Anflug von Selbstaufopferung, unsere Spezies nicht aussterben zu lassen, war das falsch.

Ich musste es offenbar anders anstellen. Nach einem großen Schluck Bier und einem liebevoll gehauchten Rülpser, stand ich auf und schlich, ohne Christina aus den Augen zu lassen, mit einem vagen Plan zum Pool. Sie reagierte nicht auf mich, war in ihr Buch vertieft und grinste amüsiert vor sich hin. Ich hielt kurz inne und schaute auf das Cover, welches ein Erdmännchen zeigte, das mit weit aufgerissenen Augen in einem Wanderschuh saß. Kackte das Vieh etwa da rein? Wer dachte sich so ein Cover aus? Was war das für ein Buch?

Auf dem Rückweg vom Pool peilte ich Christina an, stellte mich hinter sie und begann sanft ihren Nacken zu massieren.

„Das funktioniert so auch nicht!“, sagte sie grinsend, ließ mich aber gewähren. Schon hatte ich meine Lippen an ihrem Hals und damit den Hamster fast im Laufrad. Das Massieren ließ ich bald in ein Streicheln übergehen, welches sich aus dem Schulterbereich entfernte und ihr Dekolleté anstrebte. Langsam ließ sie das Buch mit dem drogensüchtigen Nager sinken und gab sich meiner erprobten Behandlung hin. Jetzt, da sich meine prämierten Künstlerhände ihren Brüsten näherten, war auch zu erkennen, dass es ihr gefiel, denn kalt war es definitiv nicht.

Mit einem geseufzten „Mhhh“ drehte sie ihren Kopf zu mir, lächelte mich an und flüsterte: „Wie schaffst du das nur immer?“

Übung Mädchen, jahrelange Übung! Denn ganz ehrlich, wenn ich immer warten würde, bis du mal Lust hast …, lag es mir auf der Zunge, aber stattdessen flüsterte ich ihr: „Genieß es einfach“, ins Ohr.

Schon hatte sie sich aufgerichtet und ihren Du-hast-mich-fast-soweit-Blick aufgelegt, da klingelte es an der Tür.

ARSCHKACKSAUDRECKMISTSCHEISSE!, dröhnte es durch meine Hirnwindungen und ich zischte gendergerecht: „Ich werde ihn/es/sie/Genderx töten!“

Während Christina sich ihr Kleid anzog und ins Haus ging, suchte ich nach etwas, an dem ich meine Wut abreagieren konnte. Da lernte das Erdmännchen fliegen.

Ein paar Minuten später erschien Christina mit einem jungen Mann auf der Terrasse, der weder nach der Deutschen Post noch nach den Zeugen Jehovas aussah – und Bofrost hatte andere Mützen.

Als ich missgelaunt näher kam, erkannte ich Christinas kleinen Bruder Markus, der mich freundlich grüßte und von mir ein: ARSCHLOCH! Ich wollte Sex mit meiner Madame und ich hatte sie fast soweit. Raus aus meinem Haus und komm nie wieder hierher! Ich verfluche dich und alle deine Nachkommen!, verdient gehabt hätte. Doch ich schluckte meinen Ärger hinunter, grüßte zurück und fragte, ob Interesse am gemeinsamen Genuss eines kühlen Bieres bestand.

Während Markus und ich uns der Gerstenkaltschale hingaben, informierte mich Christina darüber, dass Markus ein paar Nächte bei uns pennen würde, da er sein Klassentreffen habe, aber ja nicht mehr hier in der Gegend wohnen würde, und dass sie mir das schon am Vortag hatte sagen wollen, es aber vergessen hätte. Außerdem würde sie am kommenden Tag mit ihrer besten Freundin Franziska in ein Outlet fahren und das hätte sie mir auch vergessen zu sagen – oder doch nicht?

Aus meinen Ohren schien Blut zu fließen. Ich steckte die Finger hinein, um es zu überprüfen.

Christina stoppte ihren Redeschwall und fragte, was ich da täte. „Ich säubere meine Ohren“, sagte ich mit argloser Miene.

„Du bist ekelig!“, tadelte sie mich, drehte sich um und ging ins Haus.

Der restliche Nachmittag verlief wie folgt.

Markus und ich: Bier.

Christina: sauer.

Markus und ich: noch mehr Bier.

Christina: weigert sich zu kochen.

Markus und ich: bestellen Pizza.

Christina: isst provokativ Salat. (Mein Angebot, ihr ein paar meiner Sardellen als Deko für ihr Gemüse abzugeben quittiert sie mit einem bösen Blick.)

Christina:  bietet Sex an, wenn ich das Trinken einstelle.

Ich: zu betrunken.

Christina: verschwindet gruß- und kusslos im Bett.

Ich und Markus:  trinken noch ein paar Bier. 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Christina schon auf dem 100.000-Kilometer-Trip in ihr geliebtes Fashion-Outlet, und ich bewunderte, nachdem ich die Decke zurückgeschlagen hatte, respektvoll meine Morgenpracht …

Moment, da war doch noch was! Eine lustige Begebenheit des vergangenen Abends ist hier noch mitteilenswert. Während Markus und ich die Pizza inhaliert hatten, fragte Christina mich, ob ich ihr Buch gesehen hätte. Ich hatte mich mit unschuldigem Gesichtsausdruck am Kopf gekratzt, und sie war präziser geworden: „Das von heute Nachmittag aus dem Garten, von Tommy Jaud!?“

„Das mit der zugekifften Ratte? Nö!“, hatte ich gelogen und mit den Schultern gezuckt.

Aber wieder zurück zum von einem geschmeidigen Kater begleiteten Aufwachen. Vor der Espressomaschine lag ein Zettel von Christina, der mir mitteilte, dass ich vor 20:00 Uhr nicht mit ihr rechnen sollte. Salat und Hähnchenbrust seien im Kühlschrank, alternativ Pizza im Tiefkühler. Darunter stand: Ich finde es nicht schön, wenn du so viel trinkst. Wir sollten darüber reden. Bussi Christina. Daneben der Versuch eines Smileys.

Nachdem ich mir zwei Kaffee und eine Kopfschmerztablette in den Hals geworfen hatte, begutachtete ich das Haus und gab mich meinem Putzfimmel hin. Markus beschäftigte sich derweil damit, im Bett des Gästezimmers ein Sägewerk zu eröffnen, und schien sehr erfolgreich.

Ich putzte mich voller Elan durch das Haus. Im Schlafzimmer angekommen, dachte ich sehnsüchtig an Christina und grinste bei dem Gedanken daran, was wir hier schon so alles miteinander angestellt hatten.

Ich ließ meinen Blick durch das Zimmer streifen und entdeckte neben ihrem Schuhschrank eine Reisetasche, auf der ein Zettel mit dem Vermerk „aussortiert“ klebte. Neugierig öffnete ich die Tasche. Neben zwei Sommerkleidern, ein paar Freizeithosen, einem Jeansrock, einer Jacke und ein paar T-Shirts, blitzten mich verschiedene sexy Unterwäschekombinationen an.

Wahrscheinlich waren diese von ihr aussortiert worden, weil sie sich mit den Jahren von Konfektionsgröße 36 auf 40 hochgearbeitet hatte und diese hier allesamt ein S auf dem Schildchen trugen.

Neugierig leerte ich den Inhalt der Tasche auf dem Bett aus und begutachtete den kleinen Wäscheberg. Neben den bereits erwähnten Dingen lagen vor mir noch Socken, mehrere Negligés und Feinstrumpfhosen. Zu guter Letzt entdeckte ich einen schwarzen Nylon-Catsuit.

Diesen hatte ich ihr vor ein paar Jahren auf einer Erotikwebseite bestellt, für die ich – woher auch immer – einen Gutschein hatte.

Das fummelige Teil war von ihr aufgrund einer Öffnung an der zentralen Stelle als „plump“ abgelehnt worden. Mein Hinweis darauf, dass mir das beim Kauf nicht aufgefallen war, half herzlich wenig, und so kam ich nie in den Genuss, sie darin zu bestaunen.

Warum ich hier so detailliert von dieser Tasche erzähle? Glaubt mir, ihr Inhalt wird noch für reichlich Irritationen sorgen, aber dazu später.

… UND SCHORNSTEINFEGERN

Selber Tag, 14:00 Uhr, immer noch heiß draußen, Markus verlangte nach Rollmops, der Biervorrat ging zur Neige und es klingelte an der Tür.

Davor stand – wie gewohnt ganz in Schwarz – Christinas kleine Schwester Anna. Eigentlich hatte ich keine Lust, sie in mein Haus zu lassen, hatte doch unsere letzte Begegnung beinahe zu einem Familienkrach geführt.

Angepinselt wie eine Mischung aus Alice Cooper und Marilyn Manson – meiner persönlichen Meinung nach verzogen, faul und arbeitsscheu – wohnte sie mit ihren neunzehn Jahren immer noch bei ihrer Mutter und machte keine Anstalten, etwas an diesem Schmarotzerleben zu ändern.

Ich erinnerte mich daran, dass sie einst eigentlich ein gut aussehendes Mädchen mit rotblondem Haar und Sommersprossen gewesen war. Doch das, was da in diesem Moment vor mir stand, war schwarz-weiß-dunkel-gruselig, kurz gesagt: unansehnlich.

„Tach! Markus da?“, fragte sie und versuchte sich an mir vorbeizudrängeln.

Ich blieb einen Moment im Türrahmen stehen, schaute sie grimmig an und erwiderte: „Ich hoffe, du färbst nicht ab!“, ehe ich sie passieren ließ. „Verzogenes Stück“, sagte ich zu mir selbst und folgte ihr ins Haus.

Markus kam die Treppe herunter und seine Schwester sprang ihm um den Hals. Ich ließ die beiden allein und ging auf die Terrasse, bequemte mich in einen der Luxussessel und trank einen Schluck Bier.

Markus kam ein paar Minuten später in Begleitung des kleinen Pseudo-Schornsteinfegers ebenfalls nach draußen und sie setzten sich an den Tisch.

Mit einem genuschelten: „Wo isʼn die Große?“, fragte mich Anna nach Christina. „Shoppen. Outlet. Irgendwo weit weg.“

Währenddessen kaute sie übermäßig laut auf einem Kaugummi herum und brachte mich damit in Rage. Um sie von ihrem lauten Kaugummigenuss abzubringen, fragte ich, ob ich ihr etwas zu trinken anbieten könne.

Mit einem Blick, der mir wohl sagen sollte: Das fragst du jetzt erst?, nuschelte sie: „Hastʼn Bier?“

Ich stand betont langsam auf, holte drei Corona aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch. Anna griff sich zwei davon, öffnete eine Flasche mit der anderen, nahm einen großen Schluck und rülpste laut in Markus’ Richtung.

Dieses zweifelsohne respektable Geräusch sollte wohl Danke bedeuten. Markus rollte mit den Augen. Ich ging nicht weiter darauf ein und fragte Anna, die ja wie gesagt nichts für ihren Lebensunterhalt tat und vom Geld der Mutter lebte, wie es mit der Jobsuche voranging.

Anna schaute mich griesgrämig an, verzog das Gesicht und sagte: „Läuft.“

Ein Gespräch war, obwohl ich mir alle Mühe gab, einfach nicht machbar. Langsam kletterte mein Puls und ich überlegte, mit welchen Kollateralschäden es verbunden wäre, sie einfach aus meinem Haus zu schmeißen.

Sie trank noch einen großen Schluck und fragte, ohne jemanden anzusehen: „Habt ihrʼn Klo?“

„Nein, Anna, wir kacken eigentlich in den Garten.“

Markus bekam einen Lachflash und auch Anna musste schmunzeln, obwohl sie versuchte, es zu unterdrücken. Ich wies ihr die Richtung zum Gäste-WC und öffnete mein Bier.

Als sie wieder nach draußen kam, machte sie es sich in einem der Sessel bequem und versuchte die Farbe von der Bierflasche zu kratzen. Markus tippte auf seinem Telefon herum und ich nutzte die Gelegenheit Anna nach dem Grund ihres Besuchs zu fragen.

„Wollt mit Markus quatschen“, bekam ich zwischen zwei Kaugummiblasen in dermaßen abfälligem Ton zu hören, dass ich mich kurzerhand in exakt demselben Jargon bei ihr erkundigte, ob ich dabei stören würde. „Was hast’n du für’n Problem?“, motzte sie mich an. Markus warf Anna einen warnenden Blick zu und schüttelte mit dem Kopf.

„Ich? Was mein Problem ist? Du platzt hier rein, benimmst dich wie … wie … ach was weiß ich und motzt hier nur rum!“, beschwerte ich mich wenig konkret über ihr Verhalten.

„Anna, lass das bitte!“, versuchte Markus den aufkommenden Streit zu ersticken, den ich gern so weit getrieben hätte, bis sie heulend das Haus verließ.

Ihre grünen Augen funkelten mich böse an, sie wollte etwas sagen und ich wartete nur darauf, um parieren zu können, doch stattdessen folgte ein Moment der Stille und ein: „ʼtschuldigung, war nicht so gemeint“.

Das hatte ich in dem Moment nicht erwartet. Im Gegenteil. Ich hatte mich auf einen Schlagabtausch eingestellt, mich sogar darauf gefreut. Und nun? Ich überlegte kurz, schmunzelte, was sie ziemlich zu verwirren schien, und entschied mich für: Der Klügere gibt nach.

„Schon gut!“, sagte ich versöhnlich und sah Anna an ihrem Blick, ihrer Mimik und ihrer angespannten Körperhaltung an, dass auch sie Spaß daran gehabt hätte, weiter mit mir zu streiten. Gegen mein entwaffnendes Lächeln jedoch, jenes, mit dem ich auch einst Christina für mich gewonnen hatte, nachdem ich ihr einen halben Eimer Sangria über ihren weißen Bikini gekippt hatte, hatte sie keine Chance. … aber das ist eine ganz andere Geschichte. Wobei … vielleicht später mehr dazu. Wo waren wir?

Ach ja. Mittlerweile war es kurz nach 15:00 Uhr und die Hitze wurde, auch da keinerlei Lüftchen ging, unerträglich. Anna unterhielt sich mit Markus über für mich irrelevante Themen. Ehrlich gesagt hörte ich irgendwann gar nicht mehr zu, sondern versuchte stattdessen die Löcher in Annas Strumpfhose zu zählen.

Als ich bei siebzehn war – und das war gar nicht so einfach, da sie die ganze Zeit, während sie mit Markus sprach, rumzappelte – legte sie ihr Telefon auf den Tisch, fächelte sich Luft zu und kreischte plötzlich in unnatürlich hohem Ton: „Hey, ihr habtʼn Pool!“

Markus erschrak, ließ beinahe sein Telefon fallen und ich schaute mich im Garten um, tat als wenn ich den Pool nicht gleich sehen würde, zeigte dann darauf, bemerkte: „Siebzehn!“, und schaute in Annas und Markus’ verwirrte Gesichter.

„Äh, ja … wie auch immer. Kann ich mal reinspringen?“ Anna ließ mein Gehirn Bilder produzieren, in denen sie erst wenig und letztendlich gar nichts mehr anhatte. Ruhig Brauner, nicht aufregen, sagte ich in Gedanken zu mir selbst und an Anna gewandt: „An sich gern, aber was ist, wenn die Farbe abgeht?“

„Hä? Den Kopf lass ich ja draußen“, sagte sie trotzig.

Mit einer einladenden Geste zeigte ich in Richtung Pool. „Bitte sehr! Ich würde dir ja einen Badeanzug von Christina anbieten, aber ich glaube, ihr habt nicht dieselbe Größe“

„Geht auch so“, winkte Anna ab und begann sich vor mir auszuziehen. Sie wird doch nicht?, tobte es in meinem Hirn, doch sie tat es.

Anna entledigte sich ihres löchrigen Hemdes, dann ihres Rocks. Als Nächstes zog sie ihr T-Shirt aus und es folgten Schuhe und Strumpfhose. Schon stand sie in schwarzem Slip und schwarzem Top vor uns, trank den Rest ihres Bieres in einem Zug aus und ging rülpsend zum Pool.

„Nach Christina oder ihrer Mutter kommt Anna aber nicht“, versuchte ich Markus beiläufig auf ihre recht schmale Gestalt anzusprechen.

„Muss wohl am Erzeuger liegen, der war auch so ein Hänfling“ Markus lachte und prostete mir zu. „Gefällt dir wohl?“

„Bisschen zu dünn“, sagte ich und versuchte nicht rot zu werden.

Und während Markus sich wieder seinem Telefon widmete, beobachtete ich seine Schwester, und Teile meines Hirns machten sich selbstständig und beschäftigten sich mit Anna, mir und unmoralischen Vorstellungen.

So leicht, wie sie war, konnte ich sie mir einfach schnappen, sie nach oben aufs Bett tragen und so lange lieben, bis nur noch ihre Hände und Füße aus der Besucherritze herausschauen würden. Ich lachte über diese wirre Fantasie und Markus blickte auf. „Alles klar bei dir?“

Ich nickte, wischte mit der Hand durch die Luft und sagte amüsiert: „Kopfkino.“

„Aber nicht vom schwarzen Zwerg, oder?“, kicherte er. Ich verzog das Gesicht zu einer verneinenden Grimasse und zündete mir einen Zigarillo an.

Anna beendete ihren Poolbesuch. Das Wasser tropfte von ihr herab und sie schaute sich suchend um.

„Handtücher sind hier“, rief ich ihr zu.

Als sie nahe genug bei uns war, um meinen musternden Blick zu erkennen, wandte ich mich ab und zog genüsslich an meinem Glimmstängel.

Sie nahm ein großes Badehandtuch, wickelte es um ihren blassen Körper und machte es sich wieder im Sessel bequem.

„Hättest du noch ein Bier für mich?“, fragte sie zu meiner Verwunderung freundlich.

„Sehr gern“, erwiderte ich, blickte Markus fragend an, der auch nickte, und ich ging nach drinnen, um welche zu holen. Von der Küche aus beobachtete ich Anna erneut und versuchte mir abermals vorzustellen, wie sie ohne die schwarz gefärbten Haare und die Gesichtslackierung aussehen würde. Aber warum war mir das so wichtig?

Wieder draußen verteilte ich die Biere und prostete den beiden zu.

Markus’ Telefon klingelte und er stellte seine Flasche ab und nahm das Gespräch an. Seine Stimme wurde nach wenigen Momenten hektisch. „Ja, okay. Ich beeil mich. Bis gleich.“ Er legte auf und sagte an uns gewandt: „Muss leider noch mal los. Die Planung vom Klassentreffen … gibt wohl Komplikationen mit dem Büfett. Ich muss noch mal mit dem Caterer reden.“

„Schlimm?“, fragte ich, doch Markus wiegelte ab und fragte mich, ob er mein Fahrrad leihen könnte. Ich deutete auf die Garage und Markus schickte sich an zu gehen.

„Und ich?“, fragte Anna.

„Bin bald wieder da. Der beißt auch nicht“, lachte Markus, zeigte auf mich und verschwand.

Anna nuckelte an ihrer Bierflasche und blickte in Richtung Garage. „Issa weg?“

Ich nickte.

„Kann ich ʼne Kippe haben?“

Stutzig schaute ich sie an und hielt ihr die Schachtel Moods hin. Sie nahm sich einen Zigarillo und sagte: „Markus will nicht, dass ich rauche.“

Ich zuckte mit den Schultern und sah ihr dabei zu, wie sie sich den Zigarillo zwischen ihre Lippen steckte und anzündete. Sie hatte noch nicht einmal richtig daran gezogen, da begann sie zu husten wie ein alter Kohledampfer beim Anfeuern, ließ den Zigarillo fallen und schien kurz davor, zu kotzen.

Ich sprang auf und klopfte ihr auf den Rücken, bis sie sich etwas gefasst hatte. Tränen standen ihr in den Augen und sie musste sich erst einmal beruhigen. „Was’n das fürʼn Kraut?“, fragte sie, ihren Husten unterdrückend.

„Moods, Zigarillos“, sagte ich und hob entschuldigend die Arme.

„Widerlich!“, keuchte sie.

Ich reichte ihr das Bier, sie trank einen großen Schluck und es schien ihr wieder besser zu gehen. Nach einem weiteren Schluck hob sie den Zigarillo auf und wollte ihn ausdrücken. Ich nahm ihn ihr ab und legte ihn in den Aschenbecher. Das Handtuch war derweil beiseite gerutscht und der schwarze Stoff ihrer Unterwäsche glänzte nass in der auf die Terrasse scheinenden Sonne.

Anna kramte in ihrer Tasche, holte ein zerknautschtes Päckchen Marlboro heraus, zündete sich eine Zigarette an und blies mir den Rauch ins Gesicht.

Echt jetzt?

Ich nahm einen tiefen Zug von meinem Zigarillo, behielt den Rauch jedoch im Mund und blies eine umso größere Wolke zurück.

Wir schwiegen uns eine Weile an, Anna lehnte sich vor, schnippte die Asche von ihrer Zigarette und sagte in ordentlichem Deutsch: „Bist ja doch nicht so ein Arsch, wie ich dachte.“

Ich hatte etwas Mühe, diese Information zu verarbeiten. „Ähm, danke … wenn das ein Kompliment sein sollte.“ Ich zündete meinen Zigarillo wieder an und nach zwei tiefen Zügen setzte ich nach: „Wie kommst du zu dieser Feststellung, wenn ich fragen darf?“ Dabei schaute ich verzückt in ihre grünen Augen.

„Ach … es ist nur … beachtest mich ja nie, wenn ihr bei Muttern seid. Komme mir immer vor wie … ach, ist ja auch egal.“

Ich dachte kurz nach und sagte mit freundlicher, aber dezent vorwurfsvoller Stimme: „Könnte das nicht auch an deinem Verhalten mir gegenüber liegen?“

Anna sah mich mit fragendem Blick an und zog ihre Schultern nach oben. „Ist ja auch schnuppe“, murmelte sie, zupfte an ihrem nassen Top, welches nach oben gerutscht war, winkelte ihr linkes Bein an und stellte ihren Fuß auf die Kante der Sitzfläche. Der schwarze Nagellack blätterte von ihren Zehennägeln.

Ich suchte erneut das Gespräch. „Darf ich dir eine Frage stellen?“

Während sie die Nachbarskatze auf dem Zaun beobachtete, sagte sie: „Wasʼn?“

„Was hat das eigentlich mit dem Schwarz auf sich … also die Schminke und die Klamotten?“, versuchte ich mich über ihren Spleen zu erkundigen.

Anna drehte ihren Kopf und schaute mich an: „Ist halt so!“

Ich lehnte mich wieder zurück und nahm einen letzten Zug von meiner Moods.

Nach einer Weile holte Anna tief Luft und begann: „Halt, dass mich die Leute in Ruhe lassen … mich nicht vollquatschen … mir aus dem Weg gehen.“ Aber sie sagte es mehr zu sich selbst als zu mir. Es entwickelte sich ein Gespräch – eigentlich eher ein Monolog – über Familie, Liebe, Gefühle und den Tod ihres Vaters vor fünf Jahren. Sie redete und ich hörte zu. Langsam begann ich zu verstehen, was mit ihr los war.

Nach einer Weile stoppte sie ihren Redefluss und fing an zu schluchzen, um kurze Zeit später in Tränen auszubrechen. Ich reichte ihr eine Taschentuchbox, sie schniefte, schnäuzte und verbrauchte zig Taschentücher, die sie allesamt zwischen ihrem Oberschenkel und der Sessellehne sammelte. Dann stellte sie die Box beiseite und stand auf. Dabei knickte sie um und war im Begriff das Gleichgewicht zu verlieren. Ich stürzte nach vorn und fing sie gerade noch auf. Ich half ihr hoch und wir schauten uns tief in die Augen.

„Geht’s?“, fragte ich und Anna versuchte, vorsichtig ihren Fuß zu belasten.

„Danke!“, sagte sie mit einem Lächeln, das ohne die Farbe in ihrem Gesicht wahrscheinlich zauberhaft gewesen wäre.

„Nicht dafür“, gab ich ritterlich zurück.

„Nein … also ja, dafür auch. Ich meinte fürs Zuhören!“

„Gern geschehen“, antwortete ich und erst jetzt fiel mir auf, dass ich sie immer noch festhielt und sie auch keine Anstalten machte, sich dem zu entziehen, sondern scheinbar auf etwas wartete. Was auch immer mich zu Folgendem veranlasste, ist mir bis heute immer noch ein Rätsel. Ich nahm sie einfach in den Arm, hielt sie fest und – was mir ein noch größeres Rätsel ist – sie ließ es geschehen.

Ich spürte ihren Atem an meinem Hals, ihre Haare auf meiner Haut und streichelte vorsichtig über ihren Rücken. So standen wir eine Weile da, unbewegt, schweigend und ich überlegte, warum ich es so genoss. Ein blechernes Scheppern, gefolgt von einem Schrei, der jeden Indianer aus seinem Tipi gejagt hätte, ertönte aus Richtung der Garage und hatte jetzt meine volle Aufmerksamkeit. Ehe ich realisieren konnte, was vor sich ging, kam Markus auf uns zu gewankt, wie ein Seemann auf Landgang. Er schaute uns verwundert an und lallte: „Was machtʼn ihr da?“

Anna löste sich aus der Umarmung, drehte sich in Richtung Markus und nahm zu meiner Verwunderung meine Hand und hielt diese fest.

„Markus? Alles klar bei dir?“, fragte ich den schwankend auf mich zu Kommenden.

„Ich … glaube, … ich … bin … be…betrunken!“, stammelte er und versuchte sich auf den Beinen zu halten.

„Wie kann man sich in so kurzer Zeit so abschießen?“, erkundigte ich mich, doch er antwortete nicht, sondern war voll darauf konzentriert, ein Bein vor das andere zu setzen. Er peilte einen der Sessel an – wollte sich wohl setzen –, aber ebenso wie die Grande Nation beim Versuch einer Invasion würde daraus wohl nichts werden.

Anna ließ meine Hand los, geleitete Markus zu seinem Sitzplatz und beugte sich über ihn, um ihm eine deftige Ansage zu machen. Ich hörte amüsiert zu und betrachtete, während sie so über ihn gebeugt stand, auf ihren Hintern. Nachdem Anna mit ihrer Ansprache fertig war, drehte sie sich zu mir um und ich erstarrte.

„Was ist los?“, fragte sie irritiert und sah in mein erschrockenes Gesicht.

Ich nahm sie vorsichtig bei den Schultern und drehte sie in Richtung Terrassentür, in deren Scheibe wir uns spiegelten.

„Oh mein Gott!“, rief sie aus, hielt sich die Hände vors Gesicht, in welchem die Tränen von vorhin ihre Kriegsbemalung gründlich sabotiert hatten.

„Pass auf …“, schlug ich vor. „Ich bring Markus ins Bett, damit er seinen Rausch ausschlafen kann. Du kannst dich währenddessen oben im Bad frisch machen und wir treffen uns wieder hier!“

Anna nickte wortlos, nahm ihre Sachen und ging nach oben. Ich weckte Markus, der innerhalb von Sekunden eingeschlafen war, machte ihm trotz Protest klar, dass er kein Bier mehr bekam und auch nicht in den Pool durfte. Ich brachte ihn ins Gästezimmer, zog ihm seine mit Bier und anderen Alkoholika übergossenen Klamotten aus und hievte ihn ins Bett. Seine Sachen warf ich in die Waschmaschine, schaltete diese ein und ging wieder nach draußen.

Mein Bier war mittlerweile warm und schal, der gemeine Engländer hätte es mir mit Freude abgenommen und auf ex geleert. Ich holte mir ein Glas Wasser, und als ich mich gerade hinsetzen wollte, kam Anna zurück auf die Terrasse – und mir fiel die Kinnlade nach unten.

Was für ein bildhübsches Gesicht, schoss es mir durch den Kopf und ich sagte zu ihr: „Kaum wiederzuerkennen. Steht dir eindeutig besser.“

Anna lächelte mich verlegen an und schlich zu ihrem Sessel. Sie hatte ihr T-Shirt und den Rock wieder angezogen, aber Gott sei Dank die zerrissene Strumpfhose und den Hemdfetzen weggelassen. Wenn ich jetzt noch versuchte, mir die roten Haare dazu vorzustellen, war es wahrscheinlich um mich geschehen.

Schnell trank ich einen großen Schluck Wasser, aber ich musste sie dennoch gleich wieder anschauen.

„Eindeutig besser!“, wiederholte ich mich und lächelte.

„Hat Markus noch was gesagt?“, fragte sie und ich verneinte. „Der war so dicht … Ich denke, wir werden auf des Rätsels Lösung bis morgen warten müssen.“

Von drinnen verkündete eine Stimme im Radio, dass es 17:25 Uhr und damit Zeit für die Nachrichten war.

Eine merkwürdige Unruhe machte sich in mir breit.

Ich entschuldigte mich bei Anna, stellte mich etwas abseits, wählte die Nummer meines Arbeitskollegen Stefan Liebig und fragte, ob unser aktuelles Projekt mit dem verheißungsvollen Namen „Frankfurt II“ wie geplant vorankam.

Anna hatte ihr Telefon ebenfalls in der Hand und tippte darauf herum, trank gelegentlich einen Schluck Bier, grinste hin und wieder, während ihre Finger über das Smartphone glitten.

Schrieb sie vielleicht mit ihrem Freund?, ging es mir durch den Kopf, und dieser zähflüssig durch meinen Schädel wabernde Gedanke bedrückte mich irgendwie. Aber warum machte ich mir darüber überhaupt Gedanken? Es ging mich doch nichts an!

„Bist du noch dran?“, hörte ich aus meinem Telefon.

„Ja, ich … alles okay. Das passt so, wie du gesagt hast. Wir sehen uns dann nächste Woche.“ Ich legte auf, blieb aber weiterhin stehen und beobachtete Anna.

Scheiße! Sie gefällt dir nicht nur, du magst sie! Jetzt, so ganz ohne die Schminke, ist sie eigentlich ein ganz hübsches Ding, nicht wahr? Los, gib es zu! Sag, dass ich recht habe! , stichelte mein Unterbewusstsein triumphierend. Ich wischte den Gedankengang beiseite und ging wieder an den Tisch.

Anna lächelte mich an. „Stört es dich eigentlich, dass ich hier bin?“

Ich stutzte kurz und schüttelte mit dem Kopf. „Warum sollte es?“

„Naja, es ist nur … vor ein paar Stunden haben wir noch nicht einmal wirklich miteinander geredet. Ich kam ja eigentlich, um Markus zu treffen und der ist ja jetzt …“ Dabei deutete sie mit dem Kopf in Richtung Gästezimmer.

„Ich glaube, dass sich unser Verhältnis in den letzten Stunden positiv verändert hat. Von daher darf ich behaupten, deine Anwesenheit durchaus zu genießen“, brabbelte ich, schlug mir innerlich die Hand vor den Kopf und der Gedanke: Was quatschst du denn für einen Blödsinn?, schwirrte durch meine Hirnwindungen.

„Das hast du nett gesagt.“ Anna lächelte wieder dieses wundervolle Lächeln.

Plötzlich vernahm ich ein mir sehr bekanntes Geräusch und ich musterte sie prüfend. „Hast du etwa Hunger?“ Abermals grummelte ihr Magen.

„Schon irgendwie. Hab mittags nichts gegessen“, sagte sie beinahe entschuldigend.

„Lass uns doch etwas zusammen kochen!“, schlug ich vor und stand auf.

„Ich kann auch zu Hause essen“, sagte sie dankend ablehnend.

„Quatsch, wir kochen. Ich such nur noch schnell den Feuerlöscher“, bemerkte ich lachend und wir gingen in die Küche.

Drinnen drehte ich mich zu ihr um, sah ihr ernst in die Augen und sagte: „Ich bin aber Veganer.“

Ich verharrte einen Moment mit ruhigem Gesicht, während Anna versuchte, diese Aussage durch irgendeine Regung meinerseits zu prüfen. Dann prustete ich laut los und Anna versetzte mir einen Hieb in die Rippen.

„Ich hätte es fast geglaubt!“, beschwerte sie sich lachend und knuffte mich erneut.

Wir einigten uns auf einen gemischten Salat mit gebratenen Hähnchenbruststreifen und ich holte eine Flasche Weißwein aus dem Keller, während Anna damit begann, das Gemüse zu schneiden.

Leise schlich ich mich auf dem Rückweg an sie heran, stellte mich hinter sie und schaute ihr über die Schulter. Als sie mich bemerkte, erschrak sie und drehte sich um.

„Vorsicht! Ich habe ein Messer“, warnte sie mich lächelnd, das Schneidwerkzeug weglegend. Wir schauten uns eine gefühlte Ewigkeit einfach nur an.

Ihre Augen leuchteten, kleine Grübchen erschienen neben ihren Mundwinkeln und ihre Sommersprossen – die mir erst jetzt auffielen – rundeten ab, was da Wunderschönes vor mir stand.

Am liebsten würde ich sie küssen, dachte ich, doch in diesem Moment klingelte mein Telefon.

Wie zwei gleiche Pole stoben wir auseinander, und während Anna sichtlich durch den Wind war, ging ich hinüber zum Sideboard, nahm mein Telefon und sah Christinas Gesicht auf dem Display. Ob der Anruf Schlimmes verhindert oder Schönes nicht zugelassen hatte, war Ansichtssache, und ein schlechtes Gewissen ergriff mich, bevor ich endlich nach dem vierten Klingeln abnahm.

„Die katholische Mädchenbadeanstalt Mariahilf. Wohin darf ich verbinden?“, fragte ich mit tiefer Stimme und Wiener Dialekt.

„Du Quatschkopf. Alles klar bei euch?“

„Soweit alles im Lot! Das Haus steht noch“, plapperte ich fröhlich und überlegte, welche Gegebenheiten des Nachmittages ich ihr am Telefon berichten konnte.

Sie ließ mir jedoch keine Zeit, sondern zwitscherte mit lieblicher Stimme: „ Franziska hat vorgeschlagen, dass wir einen Cocktail trinken gehen. Meinst du, ihr kommt ohne mich klar?“

Ich könnte noch mehr Zeit allein mit Anna verbringen, war mein einziger Gedanke und ich schämte mich sofort dafür. „Ich denke, wir werden uns vertragen“, teilte ich ihr an einer Lüge vorbeischrammend mit und fügte wohlwollend hinzu: „Wenn ihr das nach dem Einkaufsmarathon noch durchhaltet?“

„Mir tun zwar schon die Füße weh, aber …“ Dann flüsterte Christina plötzlich hektisch: „Pass auf, schnell die Kurzfassung … Franziska ist grad auf Toilette. Christoph hat sich vorgestern von ihr getrennt. Und das mit dem Cocktail habe ich nur gesagt, weil sie noch nicht möchte, dass es im Freundeskreis schon jemand erfährt. Ich wäre jetzt gern für sie da. Sie ist schließlich meine beste Freundin. Ich möchte sie heute Nacht wirklich nicht allein lassen und gern hier übernachten.“

Zähflüssig rannen ihre Worte durch mein Hirn, und es dauerte eine Weile, ehe sie vollständig angekommen und verarbeitet waren.

„Bist du noch da?“, fragte sie.

„Ja, ja. Kümmere du dich um das Beziehungswrack, ich halte hier die Stellung!“

„Sebastian, du bist gemein. Wir sehen uns morgen. Ich liebe dich!“ Dann legte sie auf.

Perfektes Timing, Christoph Reuter! Ich schulde dir ein Bier oder zwei. Ach egal, eine ganze Kiste und ʼne Flasche Whisky, frohlockte ich im Hinblick auf einen ungestörten Abend mit Anna und grinste.

„Alles okay?“, fragte diese neben mir und ich erschrak.

„Schleich dich doch nicht so an!“

„Anschleichen? Ich will den Tisch decken“, sagte sie.

Ich atmete tief ein und wieder aus.

„Ich habe dich nicht wirklich erschrocken, oder?“, fragte sie und ging lachend mit Besteck und Tellern nach draußen auf die Terrasse.

Ich schnitt die Hähnchenbrust in Streifen, marinierte sie und legte sie in meine definitiv überteuerte Jamie-Oliver-Spezialbratpfanne, die auch nicht anders briet wie die von ALDI. Währenddessen kümmerte sich Anna um den Salat, brachte ihn nach draußen und deckte liebevoll den Tisch – mit Servietten!

Ein paar Minuten später folgte ich mit dem herrlich duftenden Fleisch von glücklichen Hühnern aus Käfighaltung.

Wir aßen, unterhielten uns über Gott und die Welt, und irgendwie schien es mir, als würden wir uns nicht erst seit ein paar Stunden so gut verstehen. Irgendwie war unser Umgang miteinander dafür viel zu vertraut.

Anna räumte das Geschirr ab und bestand trotz meines Protestes darauf, dass ich sitzen blieb. Ich zündete mir einen Zigarillo an und sog genüsslich den Rauch ein. Das Thermometer stand bei 30°C, und glaubte man der Wettervorhersage, so sollte es auch noch ein paar Tage so bleiben. Ich angelte mir das letzte Stück Hähnchen aus der Pfanne, biss genüsslich hinein, ließ meine Gedanken kreisen und dachte darüber nach, wie der heutige Abend noch verlaufen könnte. Anna musste ja auch irgendwann nach Hause. Was würde bis dahin noch passieren? Was sollte meiner Ansicht nach noch passieren? Ich war unsicher, welchen Pfad ich einschlagen wollte, und hoffte auf der einen Seite, dass sie bald gehen würde, auf der anderen Seite jedoch … wollte ich das wirklich? Unschlüssig rauchte ich auf, doch ich kam zu keinem Ergebnis.

Anna goss uns Wein nach, schaute zum Schwimmbecken und grinste mich an: „Ich würde gern noch ʼne Runde in den Pool, wenn das okay ist?“

Augenblicklich war ich wie elektrisiert, und ihr ansehnlicher Körper begann sogleich vor meinem inneren Auge Gestalt anzunehmen – ohne Klamotten wohlbemerkt. Immer klarer wurde das Bild und ich war kurz davor, dümmlich zu grinsen.

Anna unterbrach meine Gedanken mit der einfachen, aber auch genauso prekären Idee: „Kommst du mit?“

Ich holte tief Luft und sagte mit trauriger Stimme: „Ich kann leider nicht schwimmen!“

Sie prustete los und zeigte mir einen Vogel. „So tief ist es ja wohl nicht. Zur Not rette ich dich halt.“ Dann drehte sie sich um und ging zum Pool.

„Ich gehe mir schnell mein Boratkostüm anziehen“, rief ich ihr lachend nach, ging nach oben und tauschte die kurze Hose gegen eine Badehose. Ich schaute kurz bei Markus rein, der größtenteils auf seinem Bett lag und lautstark an seinem Holzverarbeitungsimperium werkelte.

Anna war bereits im Pool, als ich übermütig hineinsprang und damit so ziemlich alles im näheren Umkreis nass machte. Anna, die wahrscheinlich versucht hatte, ihre Haare in trockenem Zustand zu behalten, stand mit in die Hüfte gestemmten Händen vor mir und sah mich grimmig an.

„Das ist nicht witzig!“ Schon schlug sie mit der Hand ins Wasser, um jetzt mich zu bespritzen. Ich tat es ihr erst gleich, tauchte dann aber schnell ab, um ihr die Beine wegzuziehen. Sie schien das zu ahnen und versuchte zu entkommen. Ich hielt ihren linken Fuß fest und zog sie zu mir, tauchte vor ihr auf, nahm sie an den Hüften und warf sie nach hinten ins Wasser.

Prustend und luftholend tauchte sie wieder auf und kam auf mich zu. „So nicht, mein Lieber! Und überhaupt … ich dachte Borat?“ Sie lachte und versuchte sogleich, mich unter Wasser zu drücken.

Ich fühlte ihre Hände an meinem Körper und genoss, wenn auch mit schlechtem Gewissen, jede ihrer Berührungen.

Nach einer Weile des Herumtollens verließen wir den Pool, ich reichte ihr ein Badehandtuch und wickelte mir selbst eines um die Hüften. Anna ging in die von mir für Gäste zusammengezimmerte, provisorische Umkleide, ich strebte die Terrasse an.

Nach kurzer Zeit kam sie in das Handtuch gehüllt zurück und fragte, wo sie ihre Sachen aufhängen könne. Ich verstand nicht gleich, was sie meinte, als sie mir ihren Slip und das Top zeigte. Und erst jetzt realisierte ich, was seit ein paar Augenblicken Tatsache war.

Sie war nackt! Also … sie hatte nur das Handtuch an. Mein Kopf brannte, meine Synapsen verknoteten sich und ich brachte kein Wort heraus.

„Alles okay bei dir?“, fragte Anna besorgt, muss ich doch ausgesehen haben, als ob ich gleich einen Herzinfarkt bekäme.

„Alles gut“, röchelte ich, leerte mein Glas in einem Zug und wäre beinahe vom Sessel gerutscht. „Nimm die Zugleine vom Sonnensegel. Da sind auch ein paar Klammern dran“, bemerkte ich mit einem Kloß im Hals.

Anna stand davor, reckte ihre Arme in die Luft und kam nicht einmal mit den Fingerspitzen dran. „Sehr witzig!“, kommentierte sie das Unterfangen.

„Soll ich dich hochheben?“, spaßte ich.

Sie kam zu mir, drückte mir ihre Unterwäsche in die Hand und sagte mit schmeichelnder Stimme: „Bitte sehr!“

Während sich Anna in den Sessel kuschelte, hängte ich ihre Unterwäsche auf die Leine.

„Wann kommt Christina eigentlich heim?“, fragte Anna zwischen zwei Schlucken Wein.

„Wer?!“, bemerkte ich und Anna schaute mich fragend an.

„Christina? Meine Schwester?“

„ Ach, die Christina!“ Ich lachte schelmisch und zuckte mit den Schultern. „Sie übernachtet bei einer Freundin, die Stress mit ihrem Lover hat.“

Eingewickelt in das Handtuch, mit dem Glas Wein in der Hand, lächelnd und mit diesem Blick … Was ging bloß in mir vor? Ich wollte ihr zuhören, in ihrer Nähe sein, sie anschauen, ihr bezauberndes Lächeln sehen.

Oh mein Gott! Ich hatte doch nicht? Ich war doch nicht? Warum? Wieso? Ich versuchte mich neu zu starten, doch es gelang nicht. „Soll ich mal schauen, ob ich in Christinas Schrank etwas zum Anziehen für dich finde?“, fragte ich nach einer kurzen Pause.

„Noch geht es, vielen Dank. Ich hoffe, dass die Sachen nicht zu lange zum Trocknen brauchen … oder stört es dich, wenn ich hier so sitze?“

Wenn es nach mir ginge, könntest du da ganz ohne Handtuch sitzen, schwappte es durch mein Hirn, welches aber gleichzeitig eine andere, ziemlich dämliche Antwort an mein Sprachzentrum sandte.

„Ich möchte nur, dass du dich wohlfühlst. Also ich meine … du hast ja nichts an und ich … also … vielleicht fühlst du dich ja unwohl, nur mit dem Handtuch“, stammelte ich.

„Ich hoffe ja nicht, dass du mir das Handtuch entreißen wirst, um mich nackt zu sehen, oder?“ Sie kicherte herzlich und erfreute sich an meinem hochroten Kopf und meinem Gesichtsausdruck.

„Wie … wie kommst du auf so was?“ Ich versuchte normal zu sprechen.

„Ich weiß nicht“, schmunzelte sie, „du bist ein Kerl. Ihr kommt doch manchmal auf so komische Ideen, oder?“ Amüsiert beobachtete Anna, wie ich den Versuch unternahm, mich zu artikulieren, es aber schnell aufgab. Ich schüttelte mit dem Kopf, füllte mein Glas und prostete ihr zu.

„Cheers!“, sagte sie lächelnd und nippte an ihrem Wein.

Kurz nach 19:00 Uhr vernahm ich plötzlich ein Lüftchen. „Wind, gelobter Wind!“, rief ich vor Freude aus und brachte Anna damit zum Lachen. Aus dem Lüftchen wurde eine Brise und aus der Brise entwickelte sich ein stürmischer Wind. Dunkle Wolken schoben sich über den Horizont, es begann zu donnern und nach zwanzig Minuten waren die ersten Blitze zu sehen.

Wir stellten die überteuerten Designersessel zusammen, räumten die restlichen Sachen vom Tisch und verzogen uns nach drinnen. Das Donnergrollen wurde lauter, die Anzahl der Blitze stieg und Regen, der innerhalb kürzester Zeit immer stärker wurde, setzte ein.

„Tolle Wettervorhersage!“, bemerkte ich und schaute zu Anna hinüber, die am Küchentisch saß und in einer Illustrierten von Christina blätterte. „Haben die doch gesagt, oder?“, bemerkte sie, ohne aufzublicken.

„Mir nicht“, antwortete ich und schaute wieder nach draußen. Ein furchtbares Donnergrollen war zu vernehmen und dann der Einschlag eines Blitzes irgendwo in der Nähe.

Anna sprang vor Schreck auf und dabei rutschte das Handtuch auf den Boden. Als ich mich zu ihr umgedrehte, bedeckte sie schnell mit den Händen alles, was es zu bedecken galt, und sah mich verlegen an.

„Ich habe nichts gesehen!“ Ich hob entwaffnend die Hände.

„Drehst du dich bitte um?“, forderte sie mich lachend auf. Anna hob das Handtuch auf, und währenddessen betrachtete ich anerkennend ihren Po.

„NICHT gucken, habe ich gesagt!“, beschwerte sie sich mit nicht allzu ernster Stimme.

Über das ganze Gesicht grinsend feixte ich: „Anna, ob du es glaubst oder nicht, aber ich habe schon mal ein nacktes Mädchen gesehen!“

„Aber mich nicht!“

„Doch meine Liebe, gerade eben!“

„Pass auf, dass ich das nicht meiner Schwester erzähle“, sagte sie, zog das Handtuch fest und streckte mir die Zunge raus.

„Das wiederum wäre natürlich äußert ungünstig!“, sagte ich und gab auf.

Wir schauten uns einen Moment lang prüfend an und plötzlich hörte ich ein ächzendes Geräusch. Ehe ich mir über die Ursache klar werden konnte, sah ich, wie mein Sonnensegel samt Verankerung aus der Wand riss. Elegant schwebte es davon und verhüllte – frei nach Christo und Jeanne-Claude – die Umkleide am Pool.

Sie versuchte durch die Terrassentür auszumachen, wo ihre Sachen gelandet waren oder ob diese noch am Seil des Sonnensegels hingen. Durch den starken Regen und die den Wolken geschuldete Dunkelheit, war schwarze Unterwäsche aber nicht wirklich gut zu erkennen.

„Ich such dir was von Christina raus“, sagte ich und legte, ohne mir Gedanken darüber zu machen, meine Hand auf ihre Schulter. Die Wärme ihres Körpers, die zarte Haut und die Berührung an sich, ließen ein unbeschreibliches Gefühl in mir aufkommen.

Anna stand einen Moment unbewegt da und musterte mich.

„Lass uns hochgehen und nach etwas zum Anziehen für dich schauen“

Anna folgte mir, permanent den Sitz ihres Handtuches kontrollierend.

Im Schlafzimmer angekommen sagte sie grübelnd: „Ich weiß nicht. Ich kann doch nicht einfach bei Christina im Schrank rumwühlen.“

„Ach, das macht ihr sicher nichts aus“, warf ich ein. „Außerdem willst du doch nicht den ganzen Abend lang nackt rumrennen, oder?“ Da fiel mir die Tasche mit Christinas aussortierten Klamotten ein. Ich wusste, dass sie noch zu etwas Nütze sein würden! Ich drehte mich also zu Anna um, hob den Finger und sagte: „Ich habe da was!“ Ich nahm die Tasche aus der Ecke und stellte sie ihr aufs Bett. „Hier sind ein paar Sachen, die Christina aussortiert hat. Vielleicht passt dir ja davon was.“ Innerlich grinsend stellte ich mir vor, wie Anna wohl in der Spitzenunterwäsche von Christina aussehen würde.

Sie beugte sich über die Tasche, zog den Reißverschluss auf und drehte sich zu mir um. „Würdest du bitte!“

„Würde ich bitte was?“, fragte ich neugierig.

„Den Raum verlassen“, mahnte sie freundlich.

„Ich … ach so … ja, klar. Ich bin in der Küche. Schau, ob dir was passt. Wenn du magst, kannst du ja auch duschen gehen. Handtücher sind im Bad“, teilte ich ihr beim Herausgehen mit, schnappte mir Hose und T-Shirt, drehte mich noch einmal um und fragte: „Und du brauchst wirklich keine Hilfe?“

Anna zeigte nur grinsend mit dem Finger auf die Tür, und ich ging nach unten.

Nach einer halben Stunde erschien sie frisch geduscht in der Küche.

„Etwas Brauchbares gefunden?“, erkundigte ich mich, und sie breitete, bekleidet mit einer weißen Strickjacke und einer grauen, definitiv zu großen Freizeithose,  die Arme vor mir aus und drehte sich grinsend im Kreis.

„Nicht ganz meine Größe, aber okay.“ „Wollsocken?“, fragte ich verwirrt und Anna zuckte mit den Schultern.

„Irgendwie war mir nach dem Duschen kalt.“

„Wann ist Frauen mal nicht kalt?“, kommentierte ich kopfschüttelnd. „Nicht dass ich zu persönlich werden will, aber hast du auch was für untendrunter gefunden oder soll ich in den Garten zu einer Rettungsmission aufbrechen?“ Ich lachte übermütig.

„Danke, hab was gefunden. Meine Unterwäsche kann ich ja suchen, wenn der Regen vorbei ist.“

Und ehe ich zu einem passenden Gag ansetzen konnte, schaute Anna auf die Uhr und erschrak. „Scheiße! Ich hab den letzten Bus verpasst!“

„Ich würde dich ja heimfahren, aber dafür hätte ich den Wein vorhin weglassen müssen“, bemerkte ich nach ein paar Momenten der Stille.

Anna schien darüber nachzudenken, wie sie nach Hause kommen sollte, während ich überlegte, wie ich ihr schmackhaft machen konnte, dass sie hier blieb. „Du könntest auf der Couch pennen. Markus oder ich bringen dich dann morgen Vormittag nach Hause“, sagte ich frei heraus und wartete, innerlich zum Zerreißen gespannt, auf ihre Antwort.

Anna schaute mich mit großen Augen an. „Echt? Das wäre großartig.“

„Klar, wieso nicht? Muss nur mal schauen, wo wir noch Bettzeug haben.“

„Eine Decke reicht und Kissen liegen ja bestimmt auf der Couch“, sagte sie mit wegwerfender Handbewegung.

„Lass uns nach oben ins Wohnzimmer gehen und schauen, was wir für dich haben“, schlug ich vor. „Magst du noch ein Glas Wein?“

„Klar, gern!“, sagte sie lächelnd und ergänzte: „Ich geh schon mal nach unserer Schnapsleiche schauen!“

Ich nickte, ging zurück in die Küche, holte Wein und Gläser, schaute aus dem Fenster und sah, dass der Regen langsam nachließ. Ich knipste das Licht aus und ging nach oben.

Anna kam aus dem Gästezimmer und sagte leise: „Er schläft.“

„… und schnarcht“, ergänzte ich kichernd.

Decke und Kissen lagen auf der Couch und Anna meinte, dass ihr das vollkommen ausreichen würde. Ich schaltete den Fernseher ein und erkannte schon nach wenigen Sekunden, dass Dirty Dancing lief. Schnell umschalten!, schrie mein Gehirn panisch, aber Anna hatte es auch bemerkt und mit Hundeblick und einem gedehnten: "Bitte!“, flehte sie, es nicht zu tun.

„Das ist nicht dein Ernst“, bemerkte ich augenrollend und ließ mich in den Sessel fallen. Anna hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht, die Decke bis unters Kinn gezogen und starrte nun gebannt auf den Fernseher.

Nicht auf den Film achtend, sondern Anna von der Seite fixierend, sinnierte ich über den Nachmittag und den frühen Abend und musste lächeln.

Anna bemerkte es und schaute mich an. „Worüber freust du dich?“

„Nur so“, antwortete ich, grinste aber wohl zu offensichtlich und hatte ihre Neugier geweckt.

„Los erzähl! Hat es etwas mit mir zu tun?“

„Nicht direkt“, schmunzelte ich weiter.

Anna richtete sich auf und schaute mir in die Augen. „Hey, das ist gemein. Wenn es was mit mir zu tun hat, sag es bitte“, bettelte sie.

„Halt … dieser Nachmittag an sich. Irgendwie … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“

„Komisch, doof, interessant, witzig, blöd, toll“, zählte sie fragend auf.

„Naja, überleg doch mal. Bis heute Mittag haben wir kaum ein Wort miteinander gesprochen und jetzt sitzen wir hier zusammen auf der Couch und trinken Wein. Und …“ Ich machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „… du trägst weder Schwarz noch bist du geschminkt wie Alice Cooper.“

Anna warf mit einem Kissen nach mir, kniete sich auf die Couch und zählte mithilfe ihrer Finger auf: „Erstens, okay … damit hast du recht. Zweitens, du sitzt im Sessel und nicht auf der Couch. Drittens, du hast den Wein noch nicht aufgemacht. Und viertens, wer zur Hölle ist Alice Cooper?“

Lachend ließ ich mich im Sessel nach hinten fallen. „Du kennst Alice Cooper nicht?“

Anna schüttelte mit dem Kopf.

Ich stand auf und holte das Tablet, setzte mich neben sie, öffnete den Wein, goss unsere Gläser halb voll und suchte im Internet ein Bild von Alice Cooper.

Anna wandte sich empört ab. „So habe ich ja wohl nie ausgesehen!“, protestierte sie und warf ein weiteres Kissen nach mir.

„Subjektiv gesehen schon“, gab ich zurück.

Sie lehnte sich nach hinten, schaute mich an und fragte mit leiser Stimme: „Hast du mich wirklich so gesehen?“

Ich nickte, legte das Tablet weg, reichte ihr das Weinglas und prostete ihr zu. Sie trank nachdenklich einen Schluck und stellte ihr Glas wieder ab.

„Weißt du …“, begann sie, verstummte aber wieder.

Ich schaute sie an und wartete.

„Ich mag dich. Versteh mich nicht falsch … also, du bist ja mit meiner Schwester zusammen. Nicht, dass du denkst … Aber so nett, wie du heute zu mir warst … obwohl ich … na ja … Ich möchte mich einfach bei dir bedanken.“

Schweigend saßen wir eine Weile nebeneinander, während Patrick Swayze im Fernsehen seine Tanzakrobatik vollführte.

„Ich muss mal aufs Klo“, sagte Anna nach einer Weile und richtete sich auf. Ich schaute ihr nach und selbst in dieser ihr viel zu großen und noch dazu schlecht geschnittenen Hose sah sie sexy aus.

Ich ließ mich nach hinten fallen, schloss die Augen und dachte nach.

Was zum Teufel tat ich hier eigentlich? Ich flirtete mit Christinas kleiner Schwester und hoffte insgeheim wohl noch, intim mit ihr zu werden. Was ich tat, war mehr als falsch, moralisch zutiefst verwerflich, und dennoch konnte ich nicht aufhören – wollte ich nicht aufhören. Verdammt, verdammt, verdammt.

Anna kam zurück, und während sie sich um den Sessel herum auf die Couch zu bewegte, fielen mir exakt zwei Dinge auf, die auf wundersame Weise irgendwie zusammenhingen. Zuerst bemerkte ich, dass der Reißverschluss ihrer Jacke relativ weit nach unten gezogen war. Dies mochte zwar nichts bedeuten, war allerdings in Verbindung mit dem, was ich drunter sah – nämlich eines von Christinas abgelegten Negligés aus der Reisetasche – schon etwas … sagen wir … merkwürdig.

Hinzu kam, dass Anna meinen Blick auf ihr Dekolleté registriert hatte und daraufhin den Reißverschluss langsam – und ich meine wirklich laaangsam – wieder nach oben zog. Dies aber nicht nach dem Motto: Huch, das Schwein hat mir in die Jacke geschaut, schnell zu machen!, sondern mit einem lächelnden Blick, nach dem Motto: Das könnte heute Nacht dein Hauptpreis sein!

Leicht verwirrt schaute ich zu Patrick Swayze herüber. Was würdest du tun, tanzender Lüstling? Doch Patrick war gerade mit anderen Dingen beschäftigt und konnte mir nicht helfen.

Anna seufzte, drehte ihren Kopf zu mir und sagte leise: „Bitte lach jetzt nicht, das klingt nämlich vielleicht etwas kitschig, aber ich würde es trotzdem gern sagen.“

Gespannt wartete ich ab.

„Ich fühl mich hier … irgendwie geborgen.“

„Liegt vielleicht am Wein“, bemerkte ich mit spöttischem Unterton.

Ohne eine Regung sah sie mich an und sagte mit leichter Verärgerung: „Ich habe das ernst gemeint!“

Ich schaltete schnell von lustig auf ernst um und sagte: „Ich fühle mich geschmeichelt. Danke.“

Anna winkelte ihre Beine an und legte sich die Decke darüber. Als Nächstes zog sie sich unter der Decke die Wollsocken aus und ließ sie auf den Boden fallen.

Nach einer kurzen Pause fragte sie abrupt: „Ist das hier eigentlich verwerflich?“

„Ist was verwerflich?“, hakte ich nach und meinte, erste Schweißperlen auf meiner Stirn zu spüren.

Anna trank einen weiteren Schluck Wein. „Na ja, wir sitzen hier und trinken Wein und reden und lachen und sind so vertraut und … das ist irgendwie komisch.“

Nun standen definitiv Schweißperlen auf meiner Stirn, meine Stimmbänder hatten die Funktion eingestellt und ich schluckte überdeutlich. Aber sie war noch nicht fertig, genoss scheinbar, mich in die Ecke gedrängt zu haben.

„Na ja, ich meine … normalerweise sitzt doch ein Paar so auf der Couch und verbringt den Abend?“, ergänzte sie.

„Du machst dir Gedanken“, sagte ich schulterzuckend und lachte ein zu bisschen laut. „Darauf würde ich im Leben nicht kommen. Worauf willst du hinaus?“

Anna kaute auf ihrer Unterlippe und überlegte. Dabei zog sie sich die Decke ein Stück nach oben, sodass ihre Fußspitzen herausschauten. Ich schluckte und blickte erneut hin. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Anna Beinbekleidung aus Nylon trug.

Großer Gott!, durchfuhr es mich. Erst das Negligé, jetzt die Strümpfe … das war doch kein Zufall. So was zog man doch nicht an, wenn man nicht … also, in der Tasche waren doch auch T-Shirts und … sie hatte ja die Socken … Meine Gedanken überschlugen sich. Wollte sie … würde sie … wollte ich?

„Ich muss aufs Klo!“, rief ich, sprang auf und Anna erschrak.

„So dringend?“ Sie lachte über meine komische Einlage. „Hab’s lange angehalten“, gab ich zurück und fügte im Gehen albern hinzu: „Geh nicht weg, ich komme wieder.“

„Hatte ich nicht vor“, rief sie mir hinterher.

Im Badezimmer ließ ich das Waschbecken mit kaltem Wasser volllaufen und tauchte mehrfach meinen Kopf hinein. Danach schaute ich mich im Spiegel an und brütete über den Dingen, die da passierten. Die Tatsache, dass ich zumindest in meiner Fantasie keinerlei Skrupel hatte, etwas mit Anna anzufangen, war ja kein Problem. Aber die Tatsache, dass das Ganze ziemlich real wurde … oder bildete ich mir das nur ein? Wenn ich ehrlich zu mir war, musste ich zugeben, dass ich irgendwie Gefühle für sie hegte. Verdammt! Das durfte doch nicht wahr sein. Ich war doch in einer glücklichen Beziehung, oder? Konnte man es überhaupt eine glückliche Beziehung nennen, wenn man anfing, Gefühle für jemand anderen zu entwickeln?

Abermals tauchte ich mein Gesicht in das kalte Wasser, kam aber nicht schlauer wieder heraus. Was würde Patrick Swayze tun?

Ich trocknete mein Gesicht ab, erledigte meinen Toilettengang und begab mich wieder ins Wohnzimmer.

„Na, alles wieder gut?“, fragte Anna, als wenn sie eine Ahnung davon hatte, warum ich ins Bad gestürmt war.

„Alles gut“, sagte ich beiläufig und setzte mich auf die Couch.

Anna hatte ihre Füße wieder bedeckt, allerdings befand sich dafür der Reißverschluss erneut in einer sehr fragwürdigen Position. Der lachsfarbene Stoff des Negligés lugte hervor und schien zu rufen: „Komm zu mir! Scheu dich nicht. Ich bin nur für dich hier!“

„Hast du eigentlich einen Freund?“, fragte ich spontan, um von diesem Gedanken wegzukommen.

Anna schaute mich verdutzt an und parierte mit: „Warum fragst du?“

Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, warum ich dir diese dämliche Frage stelle. Vielleicht, weil du mich so was von heiß machst, dass ich langsam meinen Namen vergesse? Du sitzt hier in Nylon und Negligé, getarnt unter einer alten Hose und einer Jacke, die aufgrund der Temperaturen unnötig wäre, und vermittelst mir den Eindruck, ich müsse nur den ersten Schritt gehen, damit wir beide einen richtig tollen Abend haben! Ich verwarf diese Antwortmöglichkeit und sagte stattdessen: „Nur so, bin neugierig.“

Annas Augen strahlten und sie lächelte verschmitzt. „Willst du mich etwa ausfragen?“

„Nein! Ich …“, protestierte ich und trank noch einen großen Schluck Wein, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. „Es tut mir leid. Geht mich ja nichts an. Vergiss es“, sagte ich mit entschuldigender Stimme und schaute nach Patrick, der gerade versuchte, dem lockigen Huhn das Tanzen beizubringen.

„Nein“, sagte Anna. „Das war auch so ein Grund für mein …“, sie zeigte auf ihr Gesicht und ihren Körper, „… Schwarz.“

„Der letzte war ein Arschloch?“

„Korrekt“, bejahte sie und schien an ihn denken zu müssen.

Wir schwiegen eine Weile, bis ich mir ein Herz fasste. „Ich weiß zwar nicht, ob ich der Richtige bin, aber falls du reden möchtest.“

„Das ist sehr lieb von dir, aber das ist nicht mehr der Rede wert und auch schon ziemlich lange her.“ Dabei lachte sie und machte eine wegwischende Handbewegung. „Und bei dir?“, fragte sie unvermittelt und ich schwankte zwischen witzigem Kommentar und ernsthafter Gegenfrage. „Bei mir?“

„Na, du und Christina“, erkundigte sie sich.

„Alles gut, denke ich“, antwortete ich unüberlegt.

„Das hört sich aber nicht … entschuldige, ich gehe zu weit.“

 „Schon gut. Ich habe dich ja schließlich auch gefragt. Es ist halt, wie es in einer Beziehung so ist, die … sagen wir mal … schon etwas reifer ist. Man gewöhnt sich halt aneinander“, sagte ich.

„Und der Sex?“, erkundigte sie sich ziemlich ungeniert.

„Der Sex?“, fragte ich, als wenn ich die Frage nicht verstehen würde.

„Ja, ich meine, wie ist das mit dem Sex, wenn man so lange zusammen ist?“

„Du kannst Fragen stellen“, bemerkte ich, schüttelte den Kopf und antwortete belustigt: „Den gibt es immer noch.“

„Sorry, ich glaube, ich bin da etwas zu persönlich geworden“, entschuldigte Anna sich.

„Kein Problem. Aber ganz ehrlich … ich weiß nicht, ob ich mich mit dir über Sex unterhalten will“, sagte ich und Anna sah mich umso interessierter an.

„Weil ich …?“, fing sie einen Satz an.

„Weil du …“, beendete ich meinen Satz ebenso wenig, schüttelte den Kopf, fing erneut an: „Anna, du bist ein bildhübsches Mädchen, sitzt hier leicht bekleidet auf meiner Couch, und ich bin ein Kerl, der dich mag, dich schätzt, wenn auch vielleicht erst seit heute Nachmittag.“

Anna grinste.

„Aber ich … ich fühle mich irgendwie … Ich weiß genau, dass das nicht richtig ist und ich das auch nicht sagen sollte, aber …“

Sie legte mir einen Finger auf den Mund, zog den Reißverschluss ihrer Jacke nach unten, und ich ließ meinen Blick auf ihren durch das Negligé nur unzureichend verhüllten Oberkörper fallen. Ich atmete nach einem Moment der Starre tief ein, und Anna nahm meine Hand und führte sie langsam zu sich, legte sie auf ihre Brust und schloss die Augen. Wie gelähmt schaute ich sie aus großen Augen an und wusste nicht, was ich tun sollte.

Geräusche aus dem Flur ließen uns in gefühlter Lichtgeschwindigkeit mindestens einen Meter zwischen uns bringen. Polternd kam Markus den Flur entlanggestolpert und schwang sich, auf seine Füße achtend, ins Wohnzimmer.

Anna kämpfte noch mit ihrem Reißverschluss, der sich nicht wieder nach oben ziehen ließ, schaute mich panisch an und zog im letzten Moment die Decke nach oben, was Markus, der uns nun anblickte, Gott sei Dank nicht mitbekam.

„Na, ihr Couch-Potatoes? Will jemand ein Bier?“, grölte er laut in den Raum.

Zutiefst verärgert, wenn nicht sogar voller Hass, rief ich ihm entgegen: „Geht’s ein bisschen leiser?“

Markus schaute mich mit großen Augen an, murmelte ein: „ʼtschuldigung!“, und verschwand wieder aus dem Zimmer.

Anna und ich sahen uns betroffen, irritiert und ertappt an. Sie zog schließlich den Reißverschluss nach oben, nahm die Wollsocken vom Fußboden und zog sie, während sie unschuldig lächelnd zu mir sah, wieder an.

Markus kam mit einer Flasche Bier ins Wohnzimmer zurück und ließ sich in den Sessel fallen. Ich blickte Anna mit einer Mischung aus Sehnsucht, Verlangen und Traurigkeit an. Sie streichelte mir in einem Moment, in dem Markus wegsah, über den Arm und schaute mich sehnsüchtig an. Ich versuchte ihr einen Blick zuzuwerfen, der ihr klar machen sollte, dass ich sie wollte. Ich hätte vor Wut schreien können.

„Können wir umschalten?“, fragte Markus, der scheinbar erst jetzt bemerkte, was im Fernsehen lief. Noch ehe ich explodieren konnte, legte Anna zu mir gewandt den Finger auf ihre Lippen und sagte dann zu ihm: „Klar doch, gern!“

Wie ein Löwe im Käfig saß ich neben Anna auf der Couch und versuchte mein Gefühlsleben auf die Reihe zu bekommen. Es gelang nicht. Meine Gedanken schwappten durch meinen Kopf und fanden keinen Halt. „Ich geh eine rauchen“, sagte ich verstimmt und stand auf. Während ich das Wohnzimmer verließ, vernahm ich noch Markus, der zu Anna sagte: „Was ist denn mit dem los?“

Anna log geschickt. „Hast dich vorhin ganz schön danebenbenommen.“

Ich stellte mich auf die Terrasse, beobachtete die Wolken, die sich kaum noch vom dunklen Himmel unterschieden, lauschte den herabprasselnden Regentropfen, zog an meinem Zigarillo und fluchte leise über Markus, als plötzlich Anna neben mir stand.

„Es tut mir leid. Ich hätte nicht …“, stammelte sie.

„Es gehören immer zwei dazu“, sagte ich und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie nickte.

Still nebeneinanderstehend rauchten wir, sie eine ihrer zerknautschten Zigaretten, ich meine Moods, und wir schauten in die Dunkelheit.

„Markus wird wohl noch eine Weile wach sein. Du kannst im Schlafzimmer schlafen, ich penne auf der Couch“, bot ich ihr an.

Lächelnd und ohne ein Wort zu sagen nickte sie, drückte ihre Zigarette aus, mir einen viel zu langen Kuss auf die Wange und ging nach drinnen. Ich überlegte kurz, ob ich sie festhalten sollte. Einfach nur festhalten.

Ich ließ sie gehen, stand noch eine Weile da, blies Rauch in die Luft und begann völlig ungeniert zu heulen. Ich rückte mir einen der Luxussessel zurecht und ließ den Tag Revue passieren.

Später ging ich nach oben, duschte und blieb auf meinem Weg ins Wohnzimmer vor der geschlossenen Schlafzimmertür stehen. Vorsichtig legte ich meine Hand auf die Klinke.

„Hey, Alter, sorry wegen vorhin!“

Ich machte einen Satz zur Seite und fühlte mich ertappt. Vor mir stand Markus mit entschuldigender Miene.

Ich winkte ab, und brummte leise: „Alles gut!“, dann ging ich ins Wohnzimmer, ließ mich auf die Couch fallen, deckte mich mit Annas Decke zu, versuchte ihren Geruch daran zu erschnuppern und schlief in Gedanken an sie ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, prasselte sofort der vergangene Abend wie ein Steinschlag am Berghang in meinen Kopf zurück. Ich wusste nicht, was ich tun, wie ich agieren sollte, richtete mich widerwillig auf und sah auf die Uhr, deren Zeiger auf halb neun standen.

Gemächlich erhob ich mich, ging in Richtung Badezimmer und sah, dass die Schlafzimmertür offen stand, und begab mich leise hinein. Die Betten waren sorgfältig gemacht – keine Spur von Anna. Mein Herz setzte aus und ich eilte nach unten. Markus saß in der Küche und aß Cornflakes. Ich musste mich beruhigen, bevor ich ihn nach Anna fragen konnte, atmete tief ein und wieder aus, ging an den Tisch. Mit einem versucht fröhlichen: „Moin“, begrüßte ich ihn, dann blickte ich mich um und fragte beiläufig: „Ist Anna schon wach?“

„Die ist schon weg, hat den Bus genommen!“ Seine Antwort fühlte sich an wie ein Donnerschlag. Mein Herz verkrampfte sich und ich hielt mich am Tisch fest. Sie hat was? Ohne ein Wort? Einfach abgehauen?, schrie ich innerlich. Zu Markus sagte ich: „Ah, ja.“

„Cornflakes?“, fragte der.

Ich verneinte und ging unter dem Vorwand, dass ich aufs Klo müsse nach oben, wo ich mich aufs Bett setzte. In meinem Kopf raste es. Warum war sie einfach gegangen? Warum kein Adieu? Nicht mal Frühstück?

Ich konnte meine Gedanken nicht ordnen und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Und da wurde mir klar, was ich für sie empfand. So hart es auch schien, es war die beschissene Realität.

Lustlos stand ich auf und ging wieder nach unten, machte mir einen Kaffee und setzte mich zu Markus. „Noch mal wegen gestern, die haben mir da so einen komischen Schnaps angedreht und noch einen und noch einen. Es tut mir wirklich leid, wenn ich Umstände gemacht habe“, entschuldigte er sich.

Ich versuchte zu lächeln und sagte: „Halb so schlimm. Ist ja nichts passiert.“

„Ist mir trotzdem peinlich!“, versicherte er mir.

Und noch während ich mit Markus sprach, spukte erneut Anna durch meinen Kopf und wollte nicht verschwinden. So sehr ich auch versuchte, dagegen anzukämpfen, ich schaffte es nicht. Schon hatte ich wieder ihr Lächeln vor Augen, ihre Lippen, ihre von durchsichtigem Stoff bedeckten Brüste … Brüste!

„Guten Morgen, ihr zwei!“ Christina stand auf einmal in der Küchentür.

„Huagrmpf!“, oder so ähnlich schreiend, sprang ich, in meinem Tagtraum gestört, auf. Sie sah mich kurz komisch an und kam dann – mit für meinen Geschmack absolut unpassender Fröhlichkeit – in die Küche. Ich blickte auf, lächelte gequält, empfing einen Kuss von ihr und widmete mich dann wieder meinem Kaffee.

„Hast Anna verpasst“, sagte Markus zwischen zwei Löffeln Cornflakes.

„Anna war hier?“, fragte Christina stutzig.

„Jepp! Sie wollte zu Markus. Der ist abgehauen, weil er eigentlich das Abendessen für das Klassentreffen besprechen wollte, hat sich dann aber von der Dorfjugend abfüllen lassen. Dann hat Anna mit mir zu Abend gegessen, den Bus verpasst, mich gezwungen Dirty Dancing zu schauen, hat hier gepennt und ist vor … keine Ahnung … einer halben Stunde heimgefahren“, fasste ich zusammen.

Christina brach in lautes Gelächter aus. „Du hast mit meiner Schwester Dirty Dancing geschaut?“

„Sie hat mich gezwungen! Markus musste ja seinen Rausch ausschlafen.“

Christinas Gelächter wich einem fragenden Gesicht. „Das musst du mir noch mal in Ruhe erklären.“

„Die Langfassung kannst du gern später haben. Ich muss erst mal aufs Klo.“

Markus schaute mich an und bemerkte: „Du warst doch grad erst auf der Toilette?“

Ich beendete das Gespräch mit: „Ich muss groß!“, und verließ den Raum.