Leseprobe Blutige Rache

1

Als der betrunkene Footballspieler ausrastete und versuchte, eine Stripperin mitzunehmen, schrien alle nach dem Türsteher. Dieser Besoffene war riesig. Ein rothaariger Gigant. Er stürmte auf die Bühne zu, grapschte und quetschte wie ein verhungernder Höhlenmensch am All-you-can-eat-Buffet und ging dann auf Kimberly zu. Eine große Blondine. Kurvig wie eine futuristische, italienische Skulptur. Er schnappte sie direkt von der Bühne und warf sie über seine Schulter wie King Kong. Als eine Kellnerin protestierte, klatschte er sie weg wie eine Fliege. Der Barkeeper, ein muskulöser Typ, der CrossFit wie ein verrückter praktizierte, schlug ihm direkt in den Magen. Der Riese blinzelte lediglich, als ob er eine Sekunde lang von einem vorübergehenden Gedanken abgelenkt wurde. Dann klatschte er den Barkeeper mit einem Schlag um. Selbst als seine eigenen Freunde versuchten ihn zu Boden zu bringen, schleuderte er sie durch die Luft, den Verstand versoffen schreiend: „Ich will nicht heiraten!“ Es war ein Junggesellenabschied, der komplett aus dem Ruder gelaufen war. 

Crystal, ein neues Mädchen, das gerade erst von Philly nach New York gezogen war, rannte los zum Türsteher, Joe, der gerade Pause machte und in einer Hinterkabine saß, Kaffee trank und eine fette, mit Eselsohren übersäte Fassung von Dostojewskis Der Idiot las. Auf den ersten Blick war sie nicht sonderlich beeindruckt. Er war süß, wenn man auf große, schlanke, verlotterte weiße Jungs stand, was sie gelegentlich tat. Aber was Muskeln anging, war er nichts im Gegensatz zu dem, was sie von den menschlichen Bergen in schwarzen Anzügen gewohnt war, die man sonst vor den Clubtüren sah. Der Typ trug Jeans, alte Converse High-Tops und ein T-Shirt, auf dem „Security“ stand. Doch der Riese war viermal so groß wie er. Wenn der Riese ein Baum wäre und man würde ihn halbieren und mit heißem, blubberndem Wasser füllen, könnten Joe und Crystal beide in seinem hohlen Stumpf sitzen, als wäre er ein Whirlpool. 

„Hey, du!“, rief sie. „Der Idiot! Wir brauchen Hilfe!“

Joe hob den Kopf, beinahe grinsend, und faltete die Ecke seines Buches. Dann sah er, wo Crystal hinzeigte. Der Riese watete durch die Menge. Allem Anschein nach verschleppte er Kim zu seiner Höhle, um sie später zu fressen. In ruhigen Bewegungen trat Joe ihm direkt in den Weg.

„Hey! Du! Fleischberg!“, rief er. „Hier drüben!“

Der Riese machte ein verärgertes Gesicht, während er Joe fokussierte wie ein Stier, der ein rotes Tuch sieht. „Nenn mich nicht so.“

Joe grinste. „Wie wär’s, wenn ich dir einen Lapdance gebe?“ Grummelnd schmiss er Kim beiseite und sie krachte auf den Tisch einer Gruppe asiatischer Touristen. Dann ging er auf Joe los. Crystal fühlte sich ein wenig schuldig, als sie sich darauf vorbereitete zu sehen, wie das hübsche Gesicht verunstaltet wird. Der Riese wütete los und schlug zu. Seine Faust schwang wie ein Vorschlaghammer. Aber Joe wich elegant aus und, auf den Fußballen tänzelnd, schritt sicher in den Schlag hinein. Er trat zu und traf das Kinn des Riesen von unten herauf. Als er zu taumeln begann, griff Joe nach einem Punkt an seinem Hals.

„Au!“ Wie ein verwundetes Monster jaulte der Riese vor Schmerz und versuchte, sich loszuschütteln. Doch Joe kniff ganz einfach noch fester.

„Ruhig, ruhig. Lass uns gehen“, sagte er, während er den gebeugten, stöhnenden Riesen vor sich herführte. Die Menge spaltete sich und sie gingen geradewegs durch die Tür.

Kimberly stand langsam mit der Hilfe der Touristen auf. „Wow“, sagte sie. „Das ist mal ein guter Türsteher.“ Crystal nickte. „Ich denke, es zahlt sich aus, Bücher über Idioten zu lesen.“

 

2

Draußen auf den Stufen des „Club Rendezvous – QUEENS BESTER GENTLEMAN’S CLUB, BEQUEM IN FLUGHAFENNÄHE“ saßen Joe und der Riese nun nebeneinander. Es war eine warme Sommernacht. Die Luft fühlte sich weich und frisch an, als ob sie mit einem Lkw vom Land geliefert wurde und die Flugzeuge über ihnen hätten fast Kometen sein können. Der Riese weinte. Sein Name war übrigens Jerry. Jetzt, wo er begonnen hatte zu bröckeln, zusammengesackt und schluchzend, während Joe seinen Rücken tätschelte, sah er eher aus wie ein riesiges, pinkes Baby als alles andere. Und wie ein Baby auch, war er niedlich und nicht der Hellste und in der Lage, großen Schaden anzurichten, ohne es zu wollen. „Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich trinke“, sagte Jerry das Riesenbaby, während er sich die Nase abwischte. „Ich verliere jegliche Kontrolle. Ich bin kein schlechter Typ. Ich liebe meine Verlobte.“

Joe nickte. „Ich weiß, Mann. Ich kenne das, glaub mir. Hab keine Angst, um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst.“

Jerry blickte zu ihm herüber, Tränen schienen im Neonlicht. „Hast du jemals Angst, Joe?“

Joe gab ein kurzes, hartes Lachen von sich. „Jerry, ich wache jeden Tag in Schrecken auf.“

„Wirklich? Wovor könntest du denn Angst haben?“

Joe überlegte einen Moment. Er kratzte sich am Kinn, während er nach oben auf ein Flugzeug starrte, welches, ihm nicht bewusst, auf dem Weg nach Venedig war. Er lächelte und drehte sich wieder zu Jerry. Dann traf das Gesetz ein.

Besser gesagt, es hagelte nieder. Alle auf einmal kamen sie an. Von allen Seiten, mit gezogenen Waffen. Es war ein richtiger Zugriff. SWAT in Panzerung kamen ums Gebäude. Knurrend und Befehle bellend. NYPD-Uniformen schrien in den Straßenverkehr und sicherten den Parkplatz ab wie die überteuerten Securitys, die sie oftmals waren.

„Hey, hey, ganz ruhig“, sagte Joe gelassen, aber laut, mit erhobenen Händen, ansonsten jedoch entspannt. „Alles ist cool. Wir sind unbewaffnet.“

Mittlerweile extrem verängstigt, guckte Jerry Joe an und hob dann ebenfalls seine Hände.

SWAT setzte sich in Bewegung und tastete sie noch immer knurrend ab.

„Sicher!“

Die Sirenen, wenn auch verstummt, pulsierten noch immer rötlich und die Frontscheinwerfer vertrieben die Schatten und enthüllten Joe und Jerry in einem strahlenden Weiß. Sie blinzelten in blinder Verwirrung.

„Wir sind okay!“, rief Joe. „Falscher Alarm. Wir brauchen keine Hilfe.“ Joe wusste nicht, wer die Cops gerufen hatte, aber es musste irgendein Anwohner gewesen sein, der wegen der Schlägerei besorgt gewesen war. Das hier war Gios Laden. Gios Leute riefen nicht die Bullen. Sie riefen Joe.

Agent Donna Zamora trat hervor. Sie trug einen Windbreaker mit der Aufschrift „FBI“, ihr Haar unter einem Cap, ebenfalls mit „FBI“ beschriftet, und ihre Marke am Gürtel. Im Grunde ein Outfit, das schreit: „Bitte nicht aus Versehen erschießen!“ Trotzdem ließ sie es irgendwie gut aussehen.

„Danke fürs Kommen,“ sagte Joe, „aber es geht schon wieder viel besser.“

„Das ist schön zu hören“, sagte sie amüsiert. Sie steckte ihre Waffe zurück ins Holster.

Joe lächelte und sie sah, dass er schöne Augen hatte. Er war ebenfalls amüsiert, jedoch war es schwer zu sagen, worüber.

„Ja“, fuhr er fort, „es war nur ein Missverständnis. Wir brauchen eure Hilfe letztendlich doch nicht.“

Jetzt musste sie lachen. „Sie haben recht. Es gibt ein Missverständnis.“ Sie hielt ihre Handschellen hoch. „Wir sind nicht hier, um Ihnen zu helfen. Wir sind hier, um Sie festzunehmen.“

Und als er aufstand, Jerry aufhalf und sich umdrehte, um sich verhaften zu lassen, hörte sie ihn ebenfalls lachen.

3

Das Telefon weckte Gio auf. Es war sein Handy. Sein Arbeitstelefon. Ein Wegwerfhandy, welches er regelmäßig austauschte. Nicht, dass er irgendetwas von Bedeutung am Telefon sagte. Aber es war dennoch schlau, es von dem Telefon zu trennen, das er benutzte, um seine Frau anzurufen, seinen Kindern zu schreiben, Fotos von Fischen zu machen, die sie auf seinem Boot fingen. Es war nicht das Festnetz, das im Grunde nur seine Verwandten und Angeheirateten benutzten. Und das um diese Uhrzeit. Herrgott, es war, verdammt noch mal, zwei Uhr morgens. Das musste bedeuten, dass irgendjemand tot war oder im Krankenhaus lag. Carol stöhnte neben ihm.

„Was’n los?“

„Nichts, Baby. Schlaf weiter. Bloß Arbeit“, sagte Gio, tätschelte ihre Schulter und eilte mit dem Handy ins Hauptbadezimmer. In vier Stunden würde sie aufwachen, um zu meditieren und Pilates zu machen, bevor sie die Kinder aufweckte. Er schloss die Tür vorsichtig hinter sich und setzte sich auf den Klodeckel. Die Marmorkacheln ließen seine Füße frieren.

„Was?“

Es war Fuscos Stimme. „Ich bin’s. Wir müssen reden.“

„Jetzt?“

„Je früher, desto besser.“

„Ich bin auf dem Weg. Wir sehen uns da.“

Er drückte den roten Knopf und machte sich eine mentale Notiz, das Handy wegzuwerfen, sobald er das Haus verlassen hatte.

 

Gio war ein Gangster. Ein Mafioso. Ein hochrangiger Professioneller im organisierten Verbrechen der dritten Generation. Aber wenn man ihn sah oder traf oder etwas Zeit bei ihm Zuhause in einem belaubten, ruhigen Teil von Long Island, auf einem großen Stück Land mit einem riesigen, aber stilvollen, weißen Schindelhaus und einem ungeheuer großen Rasen, einem biologischen Gemüsegarten und einem Pool verbrachte, würde man es niemals erahnen. Carol, seine Frau, war Kinderpsychologin mit eigener Praxis, jetzt, wo die Kinder älter wurden. Seine Kinder waren typische amerikanische Kids in sowohl allen guten als auch allen schlechten Hinsichten. Niedlich, klug, dumm, fröhlich, faul, verwöhnt, liebenswert. Ihre Vorstellungen eines Gangsters kamen aus Rapvideos und die einzige Person, die sein Sohn umnieten wollte, war sein Mathelehrer. Sie dachten, Gio würde das Familienunternehmen leiten, was er auch tat. Doch sie wussten lediglich von der legalen Hälfte: ein boomendes Immobilienimperium. Größtenteils kommerzielle Immobilien, aber auch ein paar Gebäude in Brooklyn und Queens, die in letzter Zeit deutlich im Wert gestiegen sind. Ein schwergewichtiges Investmentportfolio erstrangiger Aktien, Tech Funds, Auslandsinvestitionen, Anleihen, sogar ein paar Hedgefonds und Risikokapital. Eine Straßenbaufirma, ein Fuhrunternehmen und ein Vertragsunternehmen. Alle geführt von Cousins, Cousinen und Neffen unter seiner Aufsicht. Außerdem ein paar alte Hinterlassenschaften der Familie, wie zum Beispiel das Fischrestaurant, in dem alle Kinder im Sommer arbeiten mussten und das sie alle hassten - das er selber auch gehasst hatte, als er dort arbeitete, Shrimps kochte und rote Soße aufwischte – und das mehr wert war wegen des am Wasser liegenden Lands, auf dem es stand, als alles andere, aber wegen dem seine verwitwete Mutter ihn töten würde, wenn er es jemals verkauft oder auch nur ein Foto von Sinatra an der Wand verändert hätte. Ihr Großvater hatte es eröffnet, als er nach Amerika kam. Giovanni wurde nach ihm benannt. Ein weiterer Grund, warum man nicht erwartet hätte, dass Gio ein Gangster war, ist, dass er hart gearbeitet hatte, um sich das Erscheinungsbild eines anständigen Bürgers aufzubauen. Er ging aufs College und eine Wirtschaftsschule und war sogar Praktikant an der Wall Street. Seit er übernommen hatte, hat er den Fokus der Familie von der alten, noch immer lebendigen Welt des Glücksspiels, Sex, Erpressung und Kredithaien auf eher zeitgemäße und weniger farbenfrohe Verbrechen wie zum Beispiel Kreditkartenbetrug im Internet, Aktienmanipulation und Geldwäsche gelenkt. Er trug Anzüge von „Brooks Brothers“, keine Seide aus Little Italy. Er fuhr einen Audi. Er spielte Golf mit Doktoren und Richtern. Für ein paar Wochen wurde er sogar Vegetarier, als seine Cholesterinwerte in die Höhe schossen und seine Frau durchdrehte. Aber Gio war trotzdem ein Gangster und als er raus zum Parkview Diner fuhr, um NYPD Detective Jimmy Fusco zu treffen, der Spielsüchtige, der ihm Informationen beschaffte in der Hoffnung seine wachsenden Schulden bezahlen zu können, und er hörte, dass sein Club hochgenommen wurde, weil jemand gemeldet hatte, dass in der VIP-Lounge ab und an mal jemandem gegen Geld einer runtergeholt wurde, war sein erster Gedanke: Ich werde diese Scheißratte finden, die mich verraten hat und seine verdammte Zunge durch das klaffende Loch ziehen, das ich ihm in seine Kehle schneide. Nicht zu vergessen, das Geld, dass er monatlich als Bestechung zahlte. „Was zur Hölle, Jimmy?“, fragte er Fusco, als sie im leerlaufenden Audi hinterm Diner saßen, während Fuscos in der Stadt registrierter Chevy in der Nähe parkte. „Ich sollte immun gegen diese Scheiße sein bei dem Geld, das ich ausgebe.“

Fusco zuckte nervös mit den Schultern. Er würde sterben für eine Zigarette, aber er wusste, dass er in Gios Auto nicht rauchen durfte. „Das ist nicht meine Schuld, Gio. Ich schwör’s. Ich kann da nichts machen. Das sind die Behörden. Du weißt schon, wegen Eises.“

Gio verzog sein Gesicht und schüttelte den Kopf. „Eis? Meine Trucks? Es geht um verdammte italienische Eiscreme und Softeis? Okay, die verkaufen ein bisschen Gras und vielleicht auch ein bisschen Koks von den Trucks aus“ – er hob einen Finger – „aber niemals an Kinder und niemals in der Nähe von Schulen. Da bin ich knallhart.“

„Nein, Gio”, Fusco buchstabierte es, „I-S-I-S. Du weißt schon. Terrorismus. Die ganze Stadt ist in Alarmbereitschaft.“ Er sah Wut in Gios Augen und schrumpfte zurück in seinen Sitz, doch es gab keinen Ausweg.

Gios Stimme war monoton. „Du glaubst, ich sei ein Terrorist? Du glaubst, ich habe irgendetwas mit diesen Hurensöhnen zu tun?“

„Nein! Niemals. Natürlich nicht.“ Fusco wedelte mit der Hand, um Gio zu beruhigen. „Und genauso wenig denken es die Behörden. Wirklich. Es geht nicht um dich persönlich. Die nehmen jeden hoch.“ Er atmete durch. „Ich meine, du bist weit davon entfernt, ein Terrorist zu sein, das wissen wir beide. Aber bei allem Respekt … Was ist mit illegalen Waffenverkäufen? Drogenprofite, die über die ganze Welt reichen? Undokumentierte Sexarbeiterinnen?“ Er zuckte erneut aus Angst vor einem weiteren Ausbruch. „Schau, es ist eine neue Welt. Die haben Informationen über bekannte Terrorverdächtige, die etwas in New York planen. Und bis das Angstniveau sinkt oder die Bullen und die Behörden Ergebnisse erzielen, sind alle – du, ich, jeder – unter Druck.“ Fusco seufzte und steckte sich reflexartig eine Zigarette in den Mund. „Und ob es dir gefällt oder nicht, die Leute reden unter Druck.“

„Zünde dir die nicht hier drin an.“

„Nein“, er nahm sie aus dem Mund, „würde ich nie.“

Gio atmete durch. Er war ruhig. Nachdenklich. „Also“, sagte er, nun mit einem kleinen Lächeln. „Wer redet über meinen Club?“