Leseprobe Bienentod

1

Der Schutzanzug rieb bei jedem Schritt an ihren Beinen und erzeugte dabei ein schabendes Geräusch. Nur gedämpft hörte Sophie Bergmann den trockenen Boden unter ihren Schuhen knirschen. Obwohl der weiße Anzug sie mit seiner beschichteten Oberfläche vor der starken Sonneneinstrahlung schützte, war es unangenehm, ihn zu tragen. Die Herbstsonne brannte unerbittlich vom Himmel und verwandelte ihn in eine Minisauna. Am liebsten hätte sie sich das Ding vom Leib gerissen, doch sie wusste, wie verheerend es sein konnte, sich ungeschützt der Sonne auszusetzen. Weder hatte sie Interesse daran sich zu verbrennen, noch würde ihr Arbeitgeber die hohen Arztkosten übernehmen. Sollte man sie während der Arbeit ohne Schutz im Außenbereich erwischen, wäre das ein Kündigungsgrund.

Schweißtropfen liefen ihr zwischen den Schulterblättern hinab, unter dem Tanktop hindurch und kitzelten sie, bis sie im Bund ihrer kurzen Shorts versickerten. Ihr dunkles, schulterlanges Haar klebte ihr an der Stirn. Sie wünschte sich sehnlichst, es fortstreichen zu können.

Um sie herum wuchsen in perfekt gezogenen Linien niedrige Apfelbäume bis zum Horizont. Feine, aber außergewöhnlich haltbare Drahtspaliere verliefen in der Mitte der Reihen und gaben den Pflanzen Halt. Die nur etwa schulterhohen Bäume spendeten mit ihrem spärlichen Laub kaum Schatten.

So weit der Kragen des Ganzkörperanzugs es zuließ, legte sie den Kopf in den Nacken und betrachtete den wolkenlosen Himmel. In der Ferne zeigten sich ein paar Federwolken. Selbst wenn sie in ihre Nähe kämen, könnten sie Sophie und ihren Kollegen Mike O’Conner jedoch nicht einmal ansatzweise vor den sengenden Strahlen der Sonne schützen. Erst in zwei Monaten würden die Winterstürme beginnen, das Land mit Regen überschwemmen und für Abkühlung sorgen.

Leise surrend flog eine der vielen Überwachungsdrohnen über sie hinweg. Sie beobachtete das kleine runde Flugobjekt, wie es die riesige Apfelbaumplantage in wenigen Sekunden vollständig überquerte. Dutzende dieser Geräte kontrollierten das Feld auf unerwünschte Eindringlinge. Wenige Meter hinter dem Hochspannungszaun, der das gesamte Gelände umfasste, erstarrte die Drohne, um sich kurz darauf wieder in Bewegung zu setzen. Sie folgte dem Maschendraht und verschwand zwischen einigen Kiefern, die sich am Rand der Plantage deutlich von den Obstgehölzen abhoben. Ihre lichten Äste zeichneten ein fleckiges Schattenmuster auf den Boden. Zum Glück lag dort ihr Ziel.

Sophie drehte sich zu Mike um, der einige Meter hinter ihr lief. „Kommst du? Mir ist heiß, und ich will endlich fertig werden!“, rief sie dem schlaksigen Mann zu.

Das war die dritte Plantage, die sie heute inspizierten, und sie wollte nichts lieber, als in ihr klimatisiertes Labor bei FoodTec zurückzukehren.

„Ist ja gut, bin schon da. Mach nicht so einen Stress“, brummte er.

Mike trug einen großen silberfarbenen Koffer, der ihre Ausrüstung, wie Beutel und Werkzeug zur Probenentnahme, enthielt. Immer wieder blitzte die metallische Oberfläche auf, wenn die Sonnenstrahlen in einem bestimmten Winkel auftrafen. Hellrote Haarsträhnen schimmerten durch seinen Sichtschutz, und bei jedem Schritt schlotterte der weiche Stoff an seinem hageren Körper. Im Kittel wirkte er sonst nicht so dünn, fand Sophie und fragte sich, ob er in letzter Zeit abgenommen hatte.

Zusammen liefen sie die schier endlosen Reihen entlang. Obwohl die Hitze ihr zusetzte, freute sie sich über die vielen reifen Früchte an den Ästen. Die wichtigsten Schritte im Kampf gegen den weit verbreiteten Hunger waren getan, und bereits im nächsten Jahr würde die Bevölkerung von Shelter 1 davon profitieren. Und in den Jahren darauf vielleicht sogar die Menschen in den Teilen Europas, in denen die Vegetation noch karger wuchs als hier im ehemaligen Süddeutschland.

An einem Spalier vor ihnen markierte ein rotes Fähnchen einen Kontrollpunkt. Sophie hielt inne und zog einen Zweig zu sich heran, um ihn zu untersuchen. Als Biologin verfügte sie über ein umfassendes Fachwissen über Pflanzen, obwohl sie sich auf Molekularbiologie im Allgemeinen und die Genetik von Bienen im Besonderen spezialisiert hatte. Sie hatte zwar die Leitung für dieses Forschungsprojekt übernommen, sie war jedoch keine Spezialistin in der Botanik. Daher arbeitete sie übergreifend mit anderen Teams zusammen. Diese Plantagen stellten nur den Rahmen für ihr eigentliches Projekt dar – ihre multiresistenten Bienen.

„Die Rinde wirkt gesund, die Blätter zeigen nur die typischen Anzeichen von Trockenstress“, sagte sie an Mike gewandt und strich sachte über die eingerollten Laubränder. „Aufgrund der Hitze werfen schon einige Pflanzen die Blätter ab.“ Beiläufig deutete sie auf das braune Laub am Boden. „Bei den Temperaturen absolut erwartungsgemäß.“

Wasser stellte in der Hitzeperiode ein knappes Gut dar, auch wenn die Felder mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem ausgestattet waren, durfte es nur in Maßen eingesetzt werden.

„Ganz deiner Meinung. Diese Zuchtsorte hat die Hitze wirklich gut vertragen“, stimmte Mike ihr zu. „Und schau dir erst die Unmengen an saftigen Früchten an. Ich könnte sofort in einen Apfel reinbeißen. Ich schmecke schon den süßen Saft der …“

„Untersteh dich! Wenn wir zurückkommen, gebe ich die Plantagen für die Ernte frei, vorher wird gar nichts gegessen. Lass die Träumereien, und fang an zu arbeiten!“, unterbrach sie ihn barscher als beabsichtigt.

Sie fühlte sich ertappt, da sie im Grunde das Gleiche wollte wie er. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie an das leicht säuerliche Aroma dachte, das sich auf ihrer Zunge ausbreiten würde, wenn …

Hör auf damit, schalt sie sich in Gedanken. Niemals würde sie aus persönlichen Gelüsten in ein Forschungsprojekt eingreifen. Erst recht nicht in ihr eigenes. Mit Bedauern dachte sie daran, dass FoodTec entschieden hatte, die Früchte für Forschungszwecke und interne Nutzung einzubehalten und nicht an die Einwohner auszugeben. Das Land gehörte der Firma, inklusive der Bäume und dem Obst, damit war es ihr Recht, die Verwendung festzulegen.

„Man wird ja noch träumen dürfen“, grummelte er.

„Nimm lieber eine Probe von dem Zweig hier, Mike. Zur Kontrolle für die Genetiker“, wies sie ihn an und ignorierte sein Gejammer.

„Zu Befehl, Chefin“, entgegnete er flapsig und stellte den Koffer ab.

Sophie schluckte die patzige Erwiderung herunter, die ihr bereits auf der Zunge lag. Es war ihr klar, dass er sie nur ärgern wollte, dafür kannten sie sich nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit zu gut. Ja, sie war seine Chefin, schließlich hatte sie die Leitung des gesamten Projekts, jedoch war sie kein Mensch, der den Boss raushängen ließ.

Mike mühte sich ab, den Kasten zu öffnen. Die Handschuhe seines Overalls waren zu groß und erschwerten ihm, den Verschluss zu betätigen.

„Diese blöden Anzüge“, maulte er in seine Sichtschutzmaske.

Seufzend verdrehte sie die Augen. „Willst du dir die Haut verbrennen? Oder schlimmer noch, an Hautkrebs erkranken?“

Endlich sprang das Scharnier auf, und er zog einige durchsichtige Tüten heraus.

„Was willst du denn? Ich trag den Anzug ja.“

„Warum nimmst du auch einen, der viel zu groß ist?“

Mike brummte etwas, das sie nicht verstand. Sie wollte es ohnehin nicht wissen. Seine Launen gingen ihr manchmal ganz schön auf die Nerven. Aus Erfahrung wusste sie, dass man ihn dann am besten in Ruhe ließ.

Schweigend wartete sie, bis er mit einer Astschere einen dünnen Zweig abgeschnitten und ihn in einen Probenbeutel gesteckt hatte. Nachdem er alles verstaut hatte, liefen sie gemeinsam den schmalen Pfad zwischen den Baumreihen entlang zu ihrem nächsten Ziel. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie im Vorbeigehen die prachtvollen Äpfel an den kargen Ästen betrachtete.

„Es sieht so aus, als hätten die Bienen die gesamte Plantage bestäubt. Offenbar sind sie nicht nur resistent gegen alle bekannten Schädlinge und Krankheiten, sondern auch sehr produktiv“, sagte Mike neben ihr in neutralem Tonfall.

Grinsend stimmte sie ihm zu. Anscheinend hatte er sich wieder beruhigt.

„Nach der ganzen Arbeit bin ich erleichtert, dass der Versuch dieses Jahr erfolgreich ist.“

Es hatte Monate gedauert, bis aus diesem öden Landstrich eine fruchtbare Plantage geworden war. Insbesondere die Züchtung dieser widerstandsfähigen Apfelsorte hatte die Genetiker, mit denen sie zusammenarbeitete, Jahre gekostet. Dazu kam die Zeit, die die Pflanzen benötigten, um ein Alter zu erreichen, in dem sie Früchte ausbilden konnten.

Manchmal beschlich Sophie das Gefühl, dass ihr ganzes Leben nur aus diesem Projekt bestand. Schnell verscheuchte sie den Gedanken, denn wenn sie zu lange darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass es stimmte. Nichts hatte mehr Bedeutung als ihre Bienen – was das über ihre sozialen Aktivitäten aussagte, wollte sie nicht näher ergründen.

Endlich erreichten sie das Ende des Wegs, an dem der karge Kieferhain lag. Sophie trat in seinen Schatten und atmete auf. Erst von Nahem waren die drei Holzkisten zu erkennen, die in dessen Windschutz standen. In diesen Beuten lebten die multiresistenten Bienenvölker, die Sophie im Zuge ihrer Doktorarbeit gezüchtet hatte. Jetzt, am Ende dieser Saison, wurde es Zeit, Proben zu nehmen. Sie wollte untersuchen, wie sich die Tiere insbesondere genetisch weiterentwickelt hatten.

Voller Vorfreude trat sie an die erste Kiste, und ihr Herz machte einen Satz. Denn bereits am Einflugloch herrschte reges Treiben.

Aus einem mitgebrachten Beutel holte sie ihren Smoker, Holzspäne und Zündhölzer hervor. Helle Rauchschwaden drangen aus der Öffnung, als sie ein kleines Feuer in der Metallkanne entzündete.

„Beruhigst du die Bienen mit dem Rauch, und ich nehme die Beute auseinander?“

„Ja, gib her.“ Mike nahm die Kanne entgegen und ließ den Qualm durch das Flugloch in das Gehäuse strömen.

Den Smoker hängte er sich anschließend an eine Lasche seines Anzugs und öffnete den Materialkoffer. Derweil trat Sophie hinter die Beute, hob den Deckel sowie einen Zwischenboden ab und stellte beides auf eine dafür eigens angebrachte Aufhängung. Trotz der Schutzkleidung stieg ihr ein süßer Duft in die Nase.

Unter dem Boden kamen die Honigräume zum Vorschein. Hölzerne Rähmchen, deren Innenbereiche aus drahtverstärkten Wachswänden bestanden. Zur Kontrolle zog Sophie einen der Rahmen heraus.

„Wunderschön!“, entfuhr es ihr, als sie die wogende Masse von Bienen sah. Dieser Anblick katapultierte sie jedes Mal aufs Neue zurück in ihre Kindheit.

Das kleine Haus, in dem sie und ihre Schwester aufgewachsen waren, umgab etwas Land, auf dem ihr Vater einige Bienenstöcke gehalten hatte. Damals war die Welt für sie noch in Ordnung gewesen, bevor der Meeresspiegel unaufhaltsam weiter gestiegen und sie mit ihrer Familie und Tausenden anderer Flüchtlingen in das höher gelegene Shelter 1 geflohen war. Kurz nachdem sie in der Stadt Zuflucht gesucht hatten, waren ihre Eltern bei den Unruhen in der Stadt verunglückt, daher waren die Erinnerungen an ihren Vater für sie außerordentlich kostbar.

Schon zu der Zeit war die Zucht schwierig gewesen, viele Bienen waren durch Parasiten gestorben oder hatten den immer extremer werdenden Umweltbedingungen nicht standgehalten. Durch die globale Erwärmung waren die Temperaturen weltumspannend stark angestiegen, und sämtliche Getreideernten hatten verheerende Einbußen erlebt. Die global eingesetzten Chemikalien und der Raubbau an der Natur hatten ein Bienen- und Insektensterben ausgelöst, dem die Menschen nicht genügend Beachtung geschenkt hatten.

Beinahe dreißig Jahre hatte es gedauerte, ehe ein Umdenken einsetzte, aber da war es für die Umwelt bereits zu spät gewesen. So fiel die wichtige Bestäubung durch die Tiere fast vollständig weg, und die Bestäubung durch Wind und Wetter reichte längst nicht mehr aus. Das führte dazu, dass die Erträge immer geringerer ausfielen. In den letzten zehn Jahren hatte sich die Lage so zugespitzt, dass die Ernten auf der ganzen Welt nicht mehr ausreichten, um die Bevölkerung zu ernähren.

Es hat für mich nie ein anderes Ziel gegeben, als diese wunderbaren Geschöpfe zu retten, überlegte sie, während sie die Honigvorkommen prüfte.

In dieser Bienenart, die gegen alle gängigen Schädlinge Resistenzen aufwiesen, steckte ihr ganzes Herzblut. Sie zu züchten, war harte Arbeit gewesen, denn mittlerweile gab es in der freien Natur weder Honig- noch Wildbienen. Es hatte viel Zeit und einiges an Forschungsgeldern gekostet, die richtigen Arten zu finden, und einen ungeheuren Arbeitsaufwand, ihre DNA entsprechend zu verfeinern.

FoodTec stellte ihr bereitwillig Forschungsgelder zur Verfügung. Sie empfand tiefe Dankbarkeit ihrem Arbeitgeber gegenüber, der ihr die Möglichkeit gab, ihre Träume umzusetzen. Kein anderes Unternehmen besaß die finanzielle Kaufkraft und den Einfluss, solch eine Forschung zu realisieren. Und es hatte sich für alle gelohnt. Die summenden Geschöpfe vor ihr galten als die einzigen noch frei lebenden.

Vorsichtig strich sie die Bienen herunter und hielt Mike den kleinen Rahmen hin. „Nimmst du einige Proben von den Waben?“

Um das Projekt vollständig zu dokumentieren, nahmen sie in regelmäßigen Abständen von allen Teilen der Bienenstöcke Stichproben und testeten sie auf alle möglichen Fremdkeime und Parasiten. Nickend nahm Mike einen Spatel und kratze etwas Wachs und Honig von dem Rähmchen. Anschließend füllte er die Muster in einen der durchsichtigen Beutel.

Währenddessen schob Sophie den Rahmen zurück an seinen Platz und hob die gesamten Honigräume sowie ein Trenngitter ab und stellte sie zur Seite.

Zum Vorschein kamen die Bruträume. Die Arbeiterinnen hüteten Eier, verschiedenste Larvenstadien, die Grundvorräte an Honig und Pollen. Irgendwo hier versteckte sie sich unter einer dicken Traube aus Bienen – die Königin. Es freute Sophie ungemein, dem geschäftigen Treiben der Insekten zuzusehen, weil es bedeutete, dass ihre Arbeit dauerhaft Wirkung zeigte.

„Und was macht Queen Mary?“ Mike beugte sich über die offene Beute.

Sophie verzog den Mund. Das hatte er von Anfang an getan, jeder Königin einen Namen aus längst vergangenen Adelshäusern zu geben. Mit diesen Sentimentalitäten konnte sie nichts anfangen, trotzdem hatte sie, ohne es zu wollen, die Bezeichnungen mit der Zeit übernommen. Langsam fragte sie sich ebenfalls, wo Queen Mary steckte.

„Ich habe sie noch nicht gefunden“, antwortete Sophie, während sie einen Rahmen nach dem anderen herauszog.

Doch als sie den nächsten entnahm, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Inmitten der Arbeiterinnen entdeckte sie die deutlich größere Biene. Auf ihrem Rücken schimmerte ein roter Fleck. All ihre Königinnen trugen eine farbliche Markierung, damit man sie im Gewusel der Arbeiterin besser erkannte. Dem Volk ging es ausgezeichnet. Gut gefüllt mit Nahrung und Eiern, lagen die Waben vor ihr. Nur gesunde Tiere vermochten das zu leisten.

„Na, das sieht doch klasse aus, aber erst im Labor werden wir sehen, ob die Resistenzen auch alle weitervererbt wurden“, unterbrach Mike ihre Gedanken. „Warte, ich hole Behälter für die Testobjekte.“

Kurz darauf kehrte Mike zurück. Vorsichtig füllte er mithilfe einer Pinzette je einen Behälter mit zufällig ausgewählten Tieren. Sobald eine Biene im Gefäß saß, gab er einen Stoß aus dem Smoker dazu, um die Insekten zu ersticken, anschließend verschloss er die Behältnisse sorgfältig mit einem Schraubdeckel.

„Benötigt der Bereich für Lebensmittel und Verwertung auch Proben?“, fragte er und hielt inne.

„Ja, gut, dass du dran denkst.“ Ihr Forschungsprojekt umfasste eine Kombination aus verschiedenen Bereichen. So gingen zum Beispiel die Waben und der Honig an den Fachbereich für Lebensmittel und Verwertung.

Weitere Wabenstücke landeten in den Tüten. Während Sophie die Beute wieder zusammensetzte, beschriftete Mike die Beutel und verstaute sie im Kasten.

Mit dem zweiten Stock verfuhren sie auf die gleiche Weise. Hier zeigten sich ebenfalls keinerlei Abweichungen. Nachdem Sophie den Kasten wieder verschlossen hatte, ging Mike zur dritten und letzten Beute.

„Mist, das sieht nicht gut aus!“, rief er.

„Was ist denn los?“ Hastig prüfte Sophie, ob die Abdeckung richtig saß, bevor sie ihm folgte. Bereits beim Näherkommen bemerkte sie, dass sich am Einflugloch kein einziges Tier zeigte. „Oh, du hast recht, das ist kein gutes Zeichen, aber das heißt noch nichts. Lass uns erst mal nachsehen“, versuchte sie, nicht nur ihn zu beruhigen.

Als sie den Deckel anhob, schlug ihr Ammoniakgeruch entgegen. Sie seufzte. Das hieß, es waren jede Menge tote Tiere vorhanden, die verwesten. Mit jedem Rahmen, den sie herausholte, sank ihre Laune. Kein geschäftiges Treiben der Arbeiterinnen, kaum Bewegung auf den Rahmen. Nur wenige Bienen krabbelten träge über die Trennwände. Von der Königin nicht die kleinste Spur.

Die Waben waren prall gefüllt mit Futter, Larven und Eiern. Allerdings lebte kaum etwas von der Nachkommenschaft, da es nicht mehr genug Arbeiterinnen gab, um sie zu pflegen.

„Der Stock ist so gut wie tot“, brummte Mike neben ihr. „Hast du Queen Elizabeth schon entdeckt?“

„Nein, noch nicht. Und hör auf, den Königinnen Namen zu geben!“, fuhr sie ihn an.

Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, und das gefiel ihr nicht. Wenn eine Königin starb, hieß das zwar nicht, dass das gesamte Volk verloren war, aber hier fehlten die Geißelzellen, in denen die Arbeiterbienen neue Königinnen heranzogen für den Fall, dass die alte starb oder krank wurde. Dieser Stock würde keine neue Königin bekommen und damit nicht überleben.

Das darf eigentlich nicht passieren, sagte sie sich. Hatte sie möglicherweise bei ihrem letzten Besuch etwas übersehen? Ihre Kreuzung hatte bisher einwandfrei gearbeitet, bei jedem Kontrollgang war alles in Ordnung gewesen.

Sophie stellte das Element mit den Brutwaben zur Seite, damit sie zum Boden gelangte.

„Da bist du ja“, flüsterte sie.

Viele tote Bienen lagen darauf, darunter eine deutlich größere mit einem gelben Farbklecks auf dem Rücken. Zärtlich nahm Sophie das verendete Tier auf, legte es in einen Probenbehälter und reichte ihn an Mike weiter. Dem Kasten entnahm sie eine Lupe und einen schmalen Holzstift. Durch das Vergrößerungsglas betrachtete sie die Waben und die toten Bienen genauer.

„Ich kann keine Parasiten wie die Varroamilbe finden“, berichtete sie. Vorsichtig stach sie mit dem Holzstäbchen in eine abgedeckte Brutwabe und zog es wieder heraus. „Auch kein fadenziehender Schleim wie bei der amerikanischen Faulbrut.“

Resigniert ließ Sophie die Lupe sinken. Sie konnte sich nicht erklären, warum die Bienen tot waren. Im Labor konnten sie präziser bestimmen, ob nicht doch eine Krankheit oder ein Schädling schuld am Sterben des Stocks war, daher nahmen sie von allem etwas mit. Der Zustand der Beute zusammen mit den leblosen Bienen folgte keiner Logik. Der Stock schien einwandfrei, es gab keine sichtbaren Parasiten. Selbst einen Pilzbefall hätte man bei der Menge an toten Bienen bereits mit bloßem Auge sehen können. Es schien, als wären die Bienen grundlos gestorben, nachdem sie ihre Aufgaben für dieses Jahr erledigt hatten.

„Lass uns einpacken und die Proben ins Labor bringen, hier gibt es nichts mehr zu tun.“ Sophie ließ den Blick über die Plantage schweifen.

Tausende von gesunden roten Äpfeln. Es wurmte sie, dass sie dieses eine Volk verloren hatten, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gab.

„Die Pflanzen wurden vollständig von den Bienen bestäubt, was bedeutet, dass unser Experiment weitestgehend gelungen ist. Die Früchte sind reif und können geerntet werden. Da alle anderen Bienen überlebt haben, scheint nur Beute drei aus dem Raster zu fallen. Jetzt müssen wir herausfinden, warum die Tiere gestorben sind.“ Sie seufzte. „Außerdem brauche ich dringend etwas zu trinken, meine Kehle ist schon ganz trocken.“

Mike stimmte ihr zu, und sie beendeten ihre Arbeit zügig.

Den Rückweg legten sie schweigend zurück, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Eine Drohne gesellte sich summend zu ihnen und begleitete sie etliche Meter, während sie sich dem großen Tor am Eingang der Plantage näherten. Sophie war dankbar für den Schutz, den der hohe Zaun ihnen bot. Wenn Menschen hungerten, waren sie zu allem imstande, und dieses Projekt war zu wichtig, um zuzulassen, dass die Leute das Feld plünderten.

Kurz bevor der Ausgang in Sicht kam, entfernte sich die Überwachungsdrohne und ließ sie allein. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Mike zurückfiel. Sie drehte sich um und sah, wie er verstohlen einige Äpfel in seinem Koffer verschwinden ließ.

„Was machst du denn?“, zischte sie.

Ertappt zuckte er zusammen.

„Hier sind überall Kameras!“ Hastig warf sie einen Blick nach oben und konnte zu ihrer Erleichterung keine Drohne in ihrer Nähe entdecken. „Du kannst doch nicht …“

„Hier ist ein blinder Fleck“, unterbrach er sie eilig. „Sophie, komm schon! Sie haben die Essensmarken weiter reduziert, und meine Freundin bekommt gerade genug, um zu überleben.“

Ohne zu wissen, wie sie reagieren sollte, starrte sie ihn an. Alles in ihr schrie, dass es falsch war, im Grunde nichts anderes als Diebstahl. Ganz abgesehen davon, dass er sich an ihrem Projekt bediente.

„Du greifst in unsere Forschungsarbeit ein.“

„Ernsthaft? Hier wachsen Tausende Äpfel, und du hast Angst, dass ich wegen zehn Stück die Ergebnisse unserer Forschung verfälsche?“ Er schnaufte verächtlich. „Außerdem wird FoodTec die Äpfel sowieso nur einlagern oder an die Mitarbeiter ausgeben.“ Er kam auf sie zu, sprach leise und eindringlich weiter. „Ich weiß, dass es nicht richtig ist, aber sie braucht das Essen dringend.“

Sophie verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Lippen zusammen. Ein Teil von ihr konnte verstehen, dass er seiner Freundin helfen wollte. Trotzdem sträubte sich alles in ihr. Mit einem Mal fiel ihr wieder ein, dass sie vorhin selbst gedacht hatte, es wäre besser, die Äpfel an die Bevölkerung auszugeben.

Sie betrachtete Mike genauer, so gut es eben durch die Schutzmasken ging. Mit seinen rotblonden Haaren und den Sommersprossen wirkte seine Haut von Natur aus sehr hell, doch heute erschien er blasser als sonst. Ist sein Kinn schon immer so kantig gewesen?, fragte sie sich stirnrunzelnd. Wenn man sich jeden Tag sah, fielen einem manchmal kleine Veränderungen nicht auf.

„Gibst du ihr etwa deine Rationen, Mike?“

Alle Mitarbeiter von FoodTec bekamen Extrakontingente an Lebensmittelmarken, zusätzlich zu denen, die jeder Bewohner in Shelter 1 erhielt. Die Firma legte Wert darauf, dass es ihren Angestellten gut ging. Zur Firmenpolitik gehörte das Motto, dass nur ein satter Geist richtig denken konnte.

Zur Antwort zuckte er nur mit den Schultern.

„Verdammt, Mike, ich brauche dich gesund, um das Projekt abzuschließen.“ Die Sorge um ihren einzigen Freund veranlasste sie, die Arme sinken zu lassen. „Ich habe nichts gesehen, aber wenn das noch mal passiert, muss ich dich melden“, lenkte sie ein, obwohl es ihr Unbehagen bereitete.

Ein freches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er schaute mit einem Mal deutlich jünger aus als Anfang dreißig.

„Nein, mach das nicht, ich meine es ernst.“ Mit dem Zeigefinger tippte sie ihm auf die Brust.

„Ja, natürlich.“ Sein Grinsen hinter dem Visier wurde noch breiter. „Wird nicht wieder vorkommen.“

Seufzend wandte sich Sophie ab. Sie wusste, Mike würde es wieder tun, nur würde er das nächste Mal besser aufpassen, dass ihn niemand erwischte.

2

In wenigen Minuten hatten sie den Rest der Plantage durchquert und traten aus den Baumreihen hervor. Als Erstes nahm Sophie die deutlich größere Drohne wahr, die in etwa zwanzig Metern Höhe über der Straße schwebte. Im Gegensatz zu denen, die die Felder kontrollierten, unterstützte diese die Sicherheit, um ihre Mission zu überwachen. Angeblich sollten die großen Drohnen mit Waffen ausgestattet sein, die bei ihnen bislang nicht zum Einsatz gekommen waren. Da hatte sie von den Kollegen schon anderes gehört.

Igor Makarov, der in seinem Schutzanzug vermutlich ebenso schwitzte wie sie, wartete am Tor. Der untersetzte, kahlköpfige Mann hängte sich sein Maschinengewehr über die Schulter und bedeutete ihnen zu warten. Zuerst musste er den Stromkreis am Durchgang unterbrechen, damit sie ungefährdet passieren konnten. Er gehörte der Sicherheit an, einer Institution in Shelter 1, die im Auftrag der Regierung für Ordnung sorgte und das geltende Recht durchsetzte. Zum Großteil von FoodTec finanziert, stammte sämtliches Wachpersonal von dort. Igor, der die Leitung des Sicherheitsdienstes innehatte, begleitete Mike und sie bei fast allen Kontrollgängen im Außengelände.

Ein Zahlenschloss sicherte das Tor, damit kein Außenstehender auf die Plantage gelangte oder, in ihrem Fall, nicht eigenständig verließ. Sie standen ungeschützt in der prallen Sonne. Langsam wurde es unangenehm stickig in ihren Anzügen. Endlich winkte Igor ihnen zu, und sie traten durch das kleine Tor nach draußen.

Sophie und Mike folgten dem Wachmann zu dem grauen Van, der in der Nähe des Zauns parkte. In großen grünen Lettern prangte der Projektname auf der Seitentür. PowerBee by FoodTec.

Sophie entledigte sich ihres Anzugs, die beiden Männer taten es ihr gleich. In einem extra dafür vorgesehenen Beutel entsorgten sie die weißen Ungetüme und stellten den Probenkoffer neben die beiden anderen. Aus einer Kühlkiste nahm sie zwei Wasserflaschen und reichte eine davon Mike. Sie tranken gierig, bevor sie sich auf den Sitzen im Fond des Vans niederließen. Igor schob die Seitentür ins Schloss und setzte sich hinters Steuer.

„Sind Sie so weit? Können wir los?“, rief er nach hinten.

„Ja, alles klar, Sie können fahren“, entgegnete Mike.

Der Motor sprang an, und der Wachmann lenkte den Wagen über einen Pfad auf die nächste befestigte Straße. Die Drohne flog währenddessen wie ein Wegweiser immer ein Stück voraus.

Auf der Fahrt dokumentierte Mike ihren Besuch auf der Plantage bereits auf seinem Tablet. Sophie dagegen sah aus dem vergitterten Fenster und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft, die sich komplett im Besitz von FoodTec befand. Weite Kornfelder, durchbrochen von hohen Drahtzäunen, beherrschten das Gebiet. Dazwischen immer wieder Brachland, ausgedörrt durch die sengende Hitze der Sommermonate.

Als vor etwa zehn Jahren immer weniger Erträge erzielt worden und schließlich die Ernten ganz ausgeblieben waren, hatte der große Hunger begonnen. Bereitwillig verkauften viele Gemüsebauern ihr Land an FoodTec. Nur die Getreidebauern hielten länger durch, doch als sich die Dürreperioden immer weiter ausdehnten, gaben sie ebenfalls auf und verkauften an den Forschungskonzern, der ihnen viel Geld bot. Ohne Hightech wuchs hier nicht mehr viel, dafür hatten die Menschen selbst gesorgt. Mittlerweile produzierte FoodTec über achtzig Prozent der gesamten Lebensmittel. Und die restlichen zwanzig Prozent lagen in den Händen von Tochterkonzernen. Freie Bauern gab es nicht mehr, keiner konnte gegen die finanziellen Mittel und dem Druck des mächtigen Konzerns bestehen.

„Die Weizenfelder sehen nicht schlecht aus, offenbar haben sie mit dem neuen Saatgut den Wasserverbrauch der Pflanzen noch weiter reduzieren können“, bemerkte sie.

Mike schaute auf, um ihrem Blick zu folgen. „Hoffentlich bekommen diesmal auch die Ärmsten der Stadt etwas davon ab.“ Seine Stimme klang wütend. „Es ist zum Kotzen, dass FoodTec seit fünf Jahren die Preise für Getreide erhöht. Angeblich, um die Forschung zu finanzieren, aber hat die Bevölkerung je von unseren Erfolgen profitiert? Pah!“

„Sie haben ja auch nicht ganz unrecht, schließlich war es FoodTec, das die hitzeresistente Weizensorte entwickelt hat. Durch die wird übrigens ein Großteil der Menschen satt“, hielt sie dagegen.

Schon seit mehreren Jahren war Getreide das Grundnahrungsmittel, das den Hunger der Bevölkerung im Zaum hielt. Viel hatte sich geändert, seit der Meeresspiegel angestiegen und Europa auseinandergerissen worden war. Die Demokratie war durch ein System ersetzt worden, das sich den Bedürfnissen der hungernden Welt anpasste. Begleitet von Unruhen und kriegerischen Akten, gewannen meist diejenigen die Oberhand, die den größten Einfluss auf den Lebensmittelmarkt hatten. Und FoodTec besaß unbestreitbar viel Macht in diesem Bereich. Mittlerweile hatten sie eine wahre Monopolstellung inne. Durch die weitreichenden Forschungserfolge, die schließlich das Überleben der Bevölkerung sicherten, hatte ihr Einfluss noch zugenommen, bis sie sogar einen Großteil der Regierung bildeten. Außerdem investierten sie eine Menge Geld, um den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten und der Umwelt zu helfen sich zu regenerieren.

„Und du weißt selbst, wie teuer so ein Forschungsprojekt ist! Meinst du, unsere Plantagen und die Entwicklung der Bienen waren billig? Von wegen! Sie haben Millionen ausgegeben, und wenn ein Unternehmen wie FoodTec kein Geld verdient, kann es auch keine Forschungen finanzieren.“

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, erschienen in der Ferne die ersten runden Kuppeln der Forschungslabore, in denen FoodTec die neuesten Projekte beherbergte. Mike schnaufte nur verächtlich und vertiefte sich wieder in seine Notizen.

Sie wandte sich ab und betrachtete wehmütig den Komplex, der rasch größer wurde. Unter sieben riesigen Glaskuppeln mit Umweltkontrollen entstanden einzigartige isolierte Biotope. Selbst Orkane und Gewitter konnten dort simuliert werden, um weitere widerstandsfähige Pflanzen zu entwickeln, die wie der Weizen den extremsten Klimabedingungen trotzten. In einer dieser Kuppeln hatte sie mehrere Jahre lang gewohnt und mit den Bienen gearbeitet, bis sie schließlich ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellten einen wichtigen Durchbruch für das Überleben der Menschen dar. Ihre Wildbienen, die durch genetische Manipulation und Züchtungen Resistenzen gegenüber jeglichen Fremdkeimen und Parasiten entwickelten, würden die zukünftige Landwirtschaft revolutionieren.

In dem Forschungskomplex weitab von der Stadt lebte es sich wie in einer eigenen kleinen Welt, in der es leichtfiel, die Sorgen und Probleme der Bevölkerung zu vergessen.

Die Kuppeln waren wie ein Spinnennetz angeordnet. Sechs Gebäude bildeten den Rahmen für eine siebte größere Kuppel in der Mitte. In den Betonsockeln der Biotope lagen die jeweiligen Labore, Lagerräume und Kontrolleinheiten, geschützt vor Umwelteinflüssen. Gläserne Gänge verbanden alle Gebäude miteinander. Etwas abseits befand sich eine doppelt so große ovale Kuppel, in der die Wohneinheiten untergebracht waren.

Sophie dachte gerne an ihre Zeit als Doktorandin in den Biotopen und die damit einhergehenden Besonderheiten zurück. Dort hatte sie das erste Mal Schnee erlebt. Mithilfe der Umweltkontrolle hatten sie einen Schneesturm generiert. Sie erinnerte sich noch genau an das Gefühl der Tropfen auf ihrer Haut. Mittlerweile arbeitete sie in einem neuen Labor in der Stadt. Ihr letzter Aufenthalt in den Kuppeln lag Jahre zurück. Für ihre jetzige Forschungsarbeit brauchte sie die abgeschotteten Biotope nicht länger, weil sie mit ihrer Feldforschung das nächste Level erreicht hatte.

Shelter 1, das etwa eine Autostunde entfernt war, bot seine Vorteile, doch sie vermisste die Abgeschiedenheit und Ruhe der Kuppeln. Dort bekam sie nicht ständig die Probleme der Gesellschaft in der Großstadt vor Augen geführt, dort war die Forschung im Mittelpunkt.

Ein riesiges Backsteingebäude tauchte neben ihnen auf. Fast verrenkte sich Sophie den Hals, als sie versuchte, im Vorbeifahren mehr zu erkennen. Im Schatten der Biotope stand der großflächige einstöckige Neubau. Ein Tunnel verband ihn mit einer der Kuppeln, mehr war nicht zu erkennen. Jedes Mal wenn sie hier vorbeifuhren, fragte sich Sophie, welche Forschungseinrichtung sich dahinter verbarg. FoodTec hatte dieses Gebäude erst nach Sophies Weggang errichten lassen, daher hatte sie keine Ahnung, was sich darin befand. Anhand der Größe erinnerte es mehr an eine Lagerhalle als an eines der anderen Biotope.

„Hey, Mike, hast du eigentlich rausbekommen, was in dem neuen Gebäude ist?“

Er schaute frustriert von seinem Tablet auf. „Nein, keine Chance, ich habe einige Bekannte gefragt, aber angeblich weiß niemand etwas. Mir wurde sogar nahegelegt, mit der Fragerei aufzuhören, wenn mir mein Job lieb wäre.“ Er rümpfte die Nase.

Klingt ganz nach einem neuen Forschungsbereich, und zwar mit hoher Geheimhaltung, überlegte sie.

Mittlerweile hatten sie die landwirtschaftlichen Bereiche hinter sich gelassen. Immer mehr Felsen durchbrachen den Boden in der hügeligen Landschaft. Riesige Flächen mit unzähligen Solaranlagen säumten die Straße, als sie auf die Autobahn Richtung Schattenstadt abbogen. Im Hintergrund reckten sich die gewaltigen Felsspitzen in den Himmel, denen Shelter 1 seinen Namen verdankte. Sie ragten weit über die Hausdächer und tauchten Teile der Stadt in kühlen Schatten.

Nachdem der Meeresspiegel schneller als erwartet gestiegen war, hatte eine Flucht von den Küstenregionen in höhere Gebiete eingesetzt. Viele Städte waren bereits nach kurzer Zeit völlig überbevölkert. Krankheiten und Seuchen drohten, und es wurden neue Städte geplant und gebaut, um dem vorzubeugen. Shelter 1 entstand aus einem kleinen Dorf, auf dessen Infrastruktur die Architekten aufbauten. Eingebettet in einen Bergkamm kletterte die Stadt immer weiter vor ihnen den Berg hinauf. Direkt in den schattigsten Spalten am Fuß des Gipfels, in der sogenannten Oberstadt, siedelten sich die Reichen und Mächtigsten an. Nur sie besaßen das Privileg, wenigstens einen Teil des Tages im schützenden Schatten zu verbringen.

Im gleichen Maße, wie man sich vom Gebirge entfernte, und je tiefer man kam, sank die soziale Stellung. Sophies eigene Wohnung, die von FoodTec gestellt wurde, lag nahe an der Oberstadt, aber nicht dicht genug, um etwas vom Schatten abzubekommen. In der Stadtmitte gab es hohe Gebäude mit schimmernden Glasfronten und reflektierten die gleißende Sonne. Unternehmen wie FoodTec hatten dort ihre Hauptfirmensitze. Weiter unten, bis zur Mauer, war die Mittelstadt von schlichteren und niedrigeren Häusern geprägt, die hauptsächlich von Arbeitern bewohnt wurden. Unterhalb der Mauer erstreckte sich die Unterstadt, in der niemand freiwillig lebte. Früher ein normaler Vorort, lebten hier mittlerweile die Menschen, die keinen Platz mehr in der Gesellschaft fanden. Ohne Geld, Arbeit oder Kontakte landete man unweigerlich dort. Der Hunger trieb die Leute Richtung Stadt, doch Arbeit gab es nur begrenzt.

Kurz nachdem die Ernten ausgeblieben waren, hatte die Regierung Ausgabestellen für Essensmarken eingerichtet, um damit die Grundversorgung der Bewohner zu sichern. Allerdings war das nicht viel. Wer Geld verdiente, konnte sich zusätzliche Lebensmittelmarken leisten, da unten war das jedoch meist nicht der Fall.

Eine gewaltige Brücke führte die Autobahn über eine tiefe Verwerfung direkt zur Mauer in die Mittelstadt, darunter breitete sich die Unterstadt aus wie ein Geschwür. Mitleidig betrachtete Sophie die verwahrlosten Baracken und halb verfallenen Gebäude aus der alten Zeit. Es war furchtbar, dass die Bewohner in solcher Armut leben mussten. Ihr Gewissen regte sich, als sie an die Menschen dachte, die dort unten hungerten. Sie dagegen ging jeden Abend in ihrem geschützten Zuhause satt ins Bett. Trotzdem war sie froh, dass sie da nicht durchfahren mussten, niemand tat das. Für Leute wie sie, in guten Positionen und mit Geld, war die Unterstadt gefährlich. Die Kriminalität war enorm hoch, selbst die Sicherheit hielt sich weitestgehend aus dem Viertel heraus. Damit stieg die Wahrscheinlichkeit eines Überfalls. Sie hielt ihr Gewissen in Schach, indem sie sich in Erinnerung rief, dass sie schließlich alles dafür tat, um wenigstens die Nahrungsmittelknappheit in naher Zukunft zu überwinden.

Am Ende der Überführung kam eine Autoschlange in Sicht. Dutzende Wagen reihten sich vor der Fahrzeugkontrolle am Tor ein und warteten darauf, in die Stadt gelassen zu werden.

Ohne abzubremsen, schwenkte Igor auf die Parallelspur, die völlig verlassen vor ihnen lag. Insgesamt gab es zwei Kontrollpunkte an der Mauer, eine für Fahrzeuge jeglicher Art und eine für Personen mit uneingeschränkter Zugangserlaubnis. Einer der Vorteile, wenn der Arbeitgeber einen Großteil der Regierung stellte, lag darin, dass man nicht anstehen musste.

Getrennt durch Stacheldraht von der anderen Spur, gelangten sie zügig voran. Ein Peilsender am Wagen kündigte sie bereits an, und sie passierten ungehindert die Tore zum Herzen der Stadt. Die meisten waren offen, bei Tumulten wurden die schweren Stahltüren verriegelt.

Es dauerte nicht lange, da tauchten die ersten hohen Firmengebäude mit ihren schimmernden Glasfronten auf. Beschichtet mit einem speziellen Material, das das Aufheizen durch den intensiven Sonneneinfluss verhinderte, strahlten sie wie goldene Fackeln.

Der Wagen wurde immer langsamer, obwohl sie mindestens ein Block von ihrem Ziel trennte. Mit dem Ellenbogen stupste sie Mike an, der irritiert von seinem Tablet aufschaute.

„Hm, was ist denn?“

„Etwas stimmt nicht“, informierte sie ihn und deutete aus dem Fenster.

Mittlerweile standen sie mit laufendem Motor mitten auf der Straße. Weit und breit ließ sich kein anderes Fahrzeug blicken. In dem Moment erklang das sanfte Klicken der Zentralverriegelung.

Mikes Miene war undurchdringlich, als er sich an den Wachmann wandte. „Gibt es ein Problem, Igor?“

Mit einem Wink bedeutete er Mike zu warten. Er hatte zwei Finger am Ohr, in dem ein InEar-Lautsprecher saß, und horchte. Ohne Vorwarnung legte Igor den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Durch den plötzlichen Schub rutsche Sophie vom Sitz und schrie auf. In letzter Sekunde erwischte sie die Lehne vor sich und klammerte sich daran fest. Unvermittelt drang ein lauter Knall wie von einer Explosion zu ihnen. Der Wagen bremste abrupt ab, und Sophie wurde zurück auf ihren Platz geworfen.

„Verdammt, Igor, was ist da los?“, rief sie.

Wabernder Rauch versperrte ihnen die Sicht.

„Verstärkung ist schon auf dem Weg, um uns hier rauszuholen“, entgegnete er ohne weitere Erklärungen und griff nach dem Maschinengewehr.

Mit großen Augen blickte Sophie auf die Waffe. Sie knetete ihre Hände und sah Hilfe suchend zu Mike.

Der achtete jedoch nicht auf sie, sondern schaute stattdessen nach draußen. Ohne Vorwarnung krachte es an der Außenseite des Vans. Sophie zuckte zusammen. Trotz des weißen Nebels vor den Autofenstern erkannte sie vermummte Gestalten. Erneut knallte es durchdringend, das Metall unter dem Fenster neben Sophie dellte sich nach innen.

„Igor!“ Entsetzt starrte sie auf die Einbuchtung. „Die sollen sich beeilen, bevor sie uns das Auto auseinandernehmen“, rief sie panisch, schlang die Arme um ihren Oberkörper und machte sich so klein wie möglich. „Die sind ja völlig durchgedreht“, flüsterte sie.

Immer mehr Einschläge prasselten auf das Auto nieder. Mit jedem weiteren befürchtete sie, dass das Metall bersten oder die Scheiben zerspringen würden.

„Das ist ja auch kein Wunder“, knurrte Mike neben ihr. Im Gegensatz zu ihr schien er keine Angst zu haben. „Sollen sie doch!“

Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, durchfuhr sie ein tiefes Brummen, der Sitz unter ihr vibrierte. Von draußen erklang lautes Knallen, wie von Schüssen. Schreie drangen zu ihnen herein, sie entfernten sich schnell, und auch das Hämmern auf das Auto endete.

Die Stille, die nun eintrat, war fast noch unheimlicher als die wütende Meute zuvor. Nach langen Minuten lichtete sich der Nebel. Langsam wuchs ein riesiger Schatten neben ihrem Fahrzeug in die Höhe. Sophie atmete auf, als sie das gepanzerte Schutzfahrzeug von FoodTec erkannte.

„Alles klar“, sagte Igor, während er sich wieder zwei Finger ans Ohr hielt. „Das waren Leute vom F. T. R., aber wir konnten sie zurückdrängen. Der Weg ist wieder frei.“ Er legte einen Gang ein und fuhr an, in ihrem Windschatten folgte der Panzerwagen.

Sophie schloss die Augen. Sie kannte den Widerstand F. T. R. nur zu gut. Die drei Buchstaben standen für „Fight the Regime“. Ihre kleine Schwester Becka Siegner war eines der Gründungsmitglieder. Der Widerstand akzeptierte die Führung der Stadt durch FoodTec nicht und versuchte, dem Unternehmen so oft wie möglich zu schaden. Überfälle wie dieser waren inzwischen an der Tagesordnung. Die Angriffe hatten in letzter Zeit zugenommen. Nicht nur das, sie gingen immer aggressiver und gewalttätiger vor. Mittlerweile war es keine Seltenheit, dass Menschen verletzt wurden. Früher hätte Sophie nie gedacht, dass ihre Schwester mit Gewalt versuchen würde, ihre politische Meinung auszudrücken. Heute wusste sie nicht mehr, zu was Becka noch in der Lage war.

Nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, war die Forschungsfirma durch Sophies gute Noten auf sie aufmerksam geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatten Becka und sie bereits bei ihrer Großtante Larissa gelebt, die mit ihnen völlig überfordert gewesen war. Geld und Essen waren knapp. Sophie hätte sich damals niemals träumen lassen, dass solch eine große und mächtige Firma wie FoodTec Interesse an ihr zeigen könnte. Sie boten an, ihre Ausbildung zu finanzieren und sie in das firmeneigene Internat aufzunehmen, im Gegenzug würde sie sich nach ihrem Abschluss dazu verpflichten, für FoodTec zu arbeiten.

Ihre Tante stimmte, ohne zu zögern, zu, da ihr sofort klar war, dass dies eine einmalige Chance für Sophie darstellte, um ein besseres Leben zu führen. Einzig ihre kleine Schwester war von Anfang an dagegen. In den folgenden Jahren stritten sie sich immer wieder darüber, bis Sophie es nicht mehr aushielt. Alles, was sie tat, diente einem höheren Zweck. Sie kämpfte hart in ihrem Studium, um eine der Besten zu sein, und FoodTec unterstützte sie finanziell. Alles, was sie wusste, nutzte sie im Namen der Firma, um das Überleben der Menschen auf diesem Planeten sicherzustellen. Denn es war jedem klar, wenn es keine Lösung für die Nahrungsmittelknappheit gäbe, würde die Menschheit vor ernsten Problemen stehen.

Ihre Schwester dagegen sah nur ein kommerzielles Unternehmen, das die Bevölkerung ausbeutete. Dabei war sie immer gut genug, sobald Becka mal wieder auf der Straße saß. Und jedes Mal nahm Sophie sie auf. Bis sie sich vor etwa zehn Jahren so sehr stritten, dass sie Becka aus ihrer Wohnung warf. Ihre Schwester hatte sie eine Heuchlerin genannt und ihr vorgehalten, auf Kosten der Armen zu leben, sie regelrecht auszubeuten.

Sophies Puls fing an zu rasen, wenn sie daran zurückdachte. Damit hatte es ihre Schwester eindeutig zu weit getrieben. Gerade ihr unterstellte sie, andere auszubeuten? Sie tat doch alles dafür, diese Menschen zu retten. Solange ihre Schwester das nicht anerkannte, wollte sie nichts mit ihr zu tun haben. Sobald ihre Bienen ausschwärmten, würde Becka vielleicht erkennen, welche wichtige Rolle FoodTec im Kampf gegen den Hunger einnahm.

Wie immer krampfte sich in ihr alles zusammen, wenn sie an ihre Schwester dachte, und sie presste die Faust in die Magengegend. Auf keinen Fall wollte sie jetzt über Becka und ihre Karriere als kriminelle Aktivistin grübeln. Schon gar nicht, da sich alles, was sie tat, gegen Sophies Arbeitgeber richtete. Froh darüber, dass ihre Schwester bereits vor einigen Jahren untergetaucht war, glaubte Sophie, dass nicht einmal die Sicherheitsbehörden ihren richtigen Namen kannten. Trotzdem wurde ihr jedes Mal mulmig, wenn eine neue Sicherheitsüberprüfung in der Firma anstand. Und das, obwohl sie seit dem Streit nicht mehr mit ihr gesprochen hatte. Außerdem hatte sie den Nachnamen ihres Mannes angenommen, so konnte die Firma noch weniger Bezug zu ihrer Schwester herstellen.

Baldiger Ex-Mann, korrigierte sich Sophie in Gedanken. Noch so ein Thema, über das sie nicht nachdenken wollte.

Sie atmete auf, als das FoodTec-Gebäude durch das neblige Zwielicht in Sicht kam. Die Hauptzufahrt zur Parkgarage wurde durch eine Sicherheitsschranke versperrt, flankiert von etwa einem halben Dutzend Bewaffneter. Mike und sie reichten ihre Firmenausweise nach vorne, Igor ließ ihre und seinen eigenen von einem der Männer einscannen. Unterdessen leuchtete ein anderer ins Wageninnere. Einer vom Securitypersonal umrundete das Fahrzeug mit einem portablen Scanner in der Hand und checkte sie auf versteckte Personen oder Waffen. Die Zeit zog sich wie Kaugummi, bis die Sicherheitskräfte schließlich den Weg freigaben und sie in das firmeneigene Parkhaus fahren konnten.