Leseprobe Bestrafung – Die Spur der Vergeltung

1

Dirk Lieven hatte verloren, bevor der Kampf begann. Mit jeder Zeile, die er las, wuchs sein Entsetzen. Jeder Jurastudent im zweiten Semester hätte diesen Prozess gewinnen können, aber was er nun in Händen hielt, änderte alles. Statt wie ein Habicht auf seinen Gegner herabzustoßen, würde er absaufen wie eine bleierne Ente.

»Schlechte Neuigkeiten?« Albert Leimbach, sein Mentor und Seniorpartner, steuerte den schwarzen Benz mit halsbrecherischem Tempo über die Pfaffendorfer Brücke in Koblenz und ignorierte alle Tempolimits, um noch rechtzeitig das Landgericht zu erreichen.

Lieven schüttelte den Kopf. »Das ist mein Untergang. Niemand wird mir mehr zutrauen, auch nur einen Eierdieb erfolgreich zu verteidigen.« Wütend blätterte er die Seiten um. »Warum bekomme ich dieses Gutachten erst eine halbe Stunde vor Prozessbeginn?«

Leimbach hob entschuldigend die Hände vom Lenkrad. »Es tut mir wirklich leid, Dirk. Das Gutachten traf rechtzeitig in der Kanzlei ein. Aber durch eine unglückliche Verkettung der Umstände gelangte es erst heute Morgen auf meinen Schreibtisch.«

»So etwas darf einfach nicht passieren!«

»Ich stimme dir zu. Wir sollten uns nach einer neuen Anwaltsgehilfin umschauen.«

Lieven sparte sich eine Antwort. Sein Fehler war unverzeihlich, er hätte sich selbst um jedes Detail kümmern müssen. Der Poststempel war drei Wochen alt. Ein Dr. Lothar Greth hatte das vernichtende Gutachten unterzeichnet, das seiner Mandantin das Genick brechen würde. Er teilte Leimbach in groben Zügen den Inhalt mit. Soweit er das Fachchinesisch verstand, bescheinigte Dr. Greth seiner Mandantin Gudrun Holt paranoide Wahnvorstellungen und ein von Versagensängsten geprägtes Verhältnis zu Männern. Weiter bezeichnete er sie als notorische Lügnerin, die ein aggressives Verhalten an den Tag legte. Greth schätzte sie als hochgradig gefährlich ein und empfahl die einstweilige Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik.

»Ob Kronberg dahintersteckt?«, überlegte Lieven laut.

Mit einem waghalsigen Manöver bog Leimbach in die Clemensstraße ein. »Vielleicht. Aber es macht keinen Unterschied. Dr. Greth ist ein anerkannter Gutachter. Seine Integrität zu erschüttern, wird dir kaum gelingen. Ich habe dich gewarnt, dieses Mandat anzunehmen. Mit Victor Kronberg legt man sich nicht an. Er pflegt nicht nur jeden Prozess zu gewinnen, sondern empfindet eine teuflische Freude dabei, seine Gegner vollständig zu vernichten, nachdem er mit ihnen gespielt hat wie eine Katze mit ihrer Beute.«

»Das schreckt mich nicht ab. Kronberg ist dafür bekannt, seine überschäumende Libido nicht unter Kontrolle zu haben. Für mich steht fest, dass er Gudrun Holt brutal vergewaltigt hat.«

»Denk daran, dass dies nicht Gegenstand der Verhandlung ist. Er behauptet, sie habe ihn angegriffen und schwer misshandelt. Und er hat sie zuerst vor Gericht gebracht, vergiss das nicht.«

»Kunststück – mit seinen Beziehungen.«

»In unserem Geschäft muss man lernen, mit den Wölfen zu heulen.«

»Aber man sollte sich davor hüten, mit den Schweinen ins Bett zu steigen.«

Leimbach stoppte den Wagen in zweiter Reihe vor dem Gebäude des Landgerichts. »Man gewöhnt sich an alles. Gestank kann man abwaschen, Niederlagen hingegen brennen sich in das Gedächtnis der Leute ein.«

Lieven stopfte das verfluchte Gutachten in seinen Aktenkoffer und öffnete die Wagentür.

»Mir bleibt immer noch der Zeuge.«

»Ach ja, der«, sagte Leimbach. »Hoffentlich erlebst du keine böse Überraschung.«

»Du hast von Anfang an versucht, mir das Mandat auszureden. Warum hast du es mir nicht gleich untersagt? Noch bin ich dein Angestellter.«

Leimbach schmunzelte. »Nur wenn man selbst auf die Nase fällt, lernt man daraus. Und nun geh. Wenn dir das Kunststück gelingt, Kronberg als Vergewaltiger zu überführen, bist du heute Abend ein Held.«

Oder der Idiot, der sich eine blutige Nase geholt hat, dachte Lieven.

»Wir sehen uns nach dem Prozess«, rief Leimbach ihm nach.

Lieven spurtete geschickt durch Lücken im dichten Stadtverkehr und lief auf den Eingang des Gerichtsgebäudes zu. Ihm blieben noch sechs Minuten, seine Mandantin zu treffen, sich mit der völlig veränderten Lage auseinanderzusetzen und eine neue Strategie zu entwickeln.

Nachdem er die breite Freitreppe hinaufgehetzt war, blieb er einen Moment im Schatten eines Pfeilers stehen und wartete, bis sich sein rasender Herzschlag beruhigt hatte. Er rückte seine Krawatte zurecht und fuhr sich durchs Haar. Hatte Leimbach recht und er ruinierte seine Karriere mit der Verteidigung von Gudrun Holt? Vielleicht blieb von ihm am Ende des Tages nur ein trauriger Schatten zurück. Er straffte sich, verdrängte die düsteren Ahnungen und hielt Ausschau nach seiner Mandantin.

Er traf sie auf dem Korridor vor dem Gerichtssaal. Bevor er sich zu erkennen gab, betrachtete er sie eingehend. Sie sah nicht aus wie eine Femme fatale, die den Männern den Kopf verdrehte, um sie dann kalt lächelnd ins Verderben zu stürzen. Zwar erschien sie ihm als eine temperamentvolle Frau, aber das konnte man kaum als krankhaft bezeichnen. Von einem wahnhaften oder aggressiven Verhalten hatte er in seinen Gesprächen mit ihr nichts bemerkt. Dass sie wütend auf Victor Kronberg war, konnte man ihr kaum verdenken.

Während sie leise mit einem Gerichtsdiener sprach, blickte sie immer wieder umher und strich sich fahrig eine Strähne ihres dunkelbraunen Haars aus der Stirn. Sie wartet auf Kronberg, dachte Lieven. Und sie fürchtet sich vor ihm.

Ein Fressen für die Geier, hatte der alte Leimbach gesagt. Fast glaubte Lieven, die Stimme seines Seniorpartners zu hören. Aber diesmal war das alte Schlitzohr nicht an seiner Seite, um ihm beizustehen. Nun hing alles von ihm allein ab. Ungeduldig warf er einen Blick auf die Uhr über dem Eingang zum Gerichtssaal und hielt Ausschau nach dem Ankläger. Victor Kronberg liebte es, erst im allerletzten Moment zu erscheinen.

»Tja, das nennt man Pech.«

Lieven fuhr herum. Staatsanwalt Kai Loxter grinste ihn herausfordernd an. Sein kahler Schädel glänzte im kalten Licht der Neonlampen wie eine Billardkugel.

»Endlich vertraut Leimbach Ihnen mal einen kleinen Fisch an und dann vergisst er doch tatsächlich, Sie mit der passenden Angel auszurüsten. Sie werden untergehen. Fast tun Sie mir ein wenig leid.«

»Verkünden Sie Ihren Sieg nicht zu früh«, antwortete Lieven mit mehr Gelassenheit, als er empfand. »Vielleicht erleben Sie heute noch mehr Überraschungen, als Ihnen lieb ist.« Oder ich, dachte er.

»Vertrauen Sie etwa wirklich auf die Aussage des Fensterputzers?« Loxter klopfte mit der flachen Hand auf seine Aktentasche. »Dann steht wohl die Aussage eines Hilfsarbeiters gegen das Gutachten eines renommierten forensischen Psychiaters. Ich fürchte, Sie haben sich da in eine hoffnungslose Geschichte verrannt.«

»Abwarten.«

Auf der Freitreppe des Foyers erhob sich Stimmengewirr. Im Blitzlichtgewitter der Pressefotografen näherte sich eine massige Gestalt. Der annähernd zwei Meter große Victor Kronberg betrat die Arena. Sein Bulldoggengesicht zuckte unwillig, als ein Mikrofon seine Wange streifte. Hastig zog der Reporter seine Hand zurück.

Leimbach hatte ihn treffend beschrieben. Der Besitzer und Geschäftsführer der einflussreichsten Privatbank in Koblenz mit zwei Dutzend Filialen im Taunus und im Westerwald war dafür bekannt, seine Gegner gnadenlos niederzuringen. Ihm eilte der Ruf einer Heuschrecke voraus, die niemals satt wurde. Vergeblich hatte Kronberg versucht, für den anstehenden Wahlkampf, in dem er kräftig mitzumischen gedachte, sein miserables Image aufzupolieren. Auch großzügige Spenden hatten sein Bild in der Öffentlichkeit kaum verbessern können. Routiniert schüttelte er die Meute der Reporter ab, wie ein Elefant lästige Fliegen vertreibt.

»Herr Kronberg, treffen die Anschuldigungen gegen Sie zu?«

Kronberg warf dem Reporter einen giftigen Blick zu. »Ich bin hier nicht angeklagt, sondern selbst zu Schaden gekommen. Wenn Sie etwas anderes schreiben, können Sie sich einen neuen Job suchen.«

»Wird der Prozess Einfluss auf Ihre Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Hachenburg nehmen?«

»Rechnen Sie mit einer Verurteilung?«

»Vermuten Sie ein Komplott, um Ihren Namen in den Schmutz zu ziehen? Herr Kronberg, Herr Kronberg …«

Mit raumgreifenden Schritten eilte er auf den Eingang zum Gerichtssaal zu. Diensteifrig streckte ihm Loxter die Hand zum Gruß entgegen, aber der Bankier hielt kaum inne und schob ihn durch die offene Tür. Sein Blick streifte Gudrun Holt, die versteinert den energiegeladenen Auftritt verfolgte. Die Fotografen hatten sie entdeckt, stürzten sich auf das neue Opfer und bestürmten es mit Fragen. Jemand richtete einen Scheinwerfer auf die Frau, die es gewagt hatte, Victor Kronberg der Vergewaltigung zu bezichtigen, und die sich nun mit seiner Antwort konfrontiert sah. Das harte Kunstlicht verwandelte ihr Gesicht in eine wächserne Totenmaske.

Lieven begrüßte sie förmlich und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. Mit seinem Aktenkoffer wehrte er die zudringlichen Reporter ab. Kronberg war zwar über die Grenzen seiner Heimatstadt Hachenburg hinaus bekannt, doch dass der Prozess ein solches Medienecho hervorrief, irritierte Lieven.

»Warum haben Sie mit keiner Silbe das psychiatrische Gutachten erwähnt?«, fragte er seine Mandantin.

Überrascht hielt sie inne. »Ich weiß von keinem Gutachten.«

»Aber es existiert. Und es schmeichelt Ihnen nicht, glauben Sie mir.« Er schirmte sie von den Fotografen ab und wählte den weiteren Weg zur Anklagebank, dicht an der getäfelten Wand entlang. »Alles hängt jetzt von unserem Zeugen ab.«

»Ich verstehe das nicht. Ich habe mit keinem Arzt oder Psychologen geredet. Was steht in diesem Gutachten?«

»Das wollen Sie gar nicht so genau wissen, Frau Holt. Denken Sie nach. Ist Ihnen Dr. Lothar Greth ein Begriff?«

»Ich habe nie von ihm gehört.«

Sie hatten die Bank der Verteidigung erreicht. Lieven stellte seinen Koffer ab und warf den Regenmantel über eine Stuhllehne.

Gudrun Holt erblasste, als sei ihr ein schrecklicher Gedanke gekommen. »Wird … wird Kronberg versuchen, mich für verrückt erklären zu lassen?«

»So würde ich das nicht ausdrücken, aber damit liegen Sie gar nicht so falsch. Auf jeden Fall erschüttert das Gutachten Ihre Glaubwürdigkeit.«

»Was werden Sie jetzt tun?«

Lieven schwieg. Wenn er nur mehr Zeit gehabt hätte.

»Warum haben Sie erst jetzt von diesem Gutachten erfahren? Und wieso haben Sie es nicht angefochten?« Fahrig steckte sie die widerspenstige Haarsträhne hinter dem Ohr fest.

Lieven antwortete nicht. Stattdessen öffnete er seinen Aktenkoffer und entnahm ihm die Unterlagen, die er zur Verteidigung brauchte. Was sollte er auch erklären? Dass eine Anwaltsgehilfin versäumt hatte, ihn über den Eingang des Gutachtens zu informieren? Seltsam, dass ihn das Schreiben zu spät erreicht hatte, um es noch anfechten zu können, jedoch rechtzeitig genug, um ihn vor Prozessbeginn nervös zu machen. Als sei alles geplant gewesen. Reichten Kronbergs klebrige Spinnenfinger bis in Leimbachs Kanzlei?

»Da war dieser Mann«, murmelte Gudrun abwesend.

»Was für ein Mann?«

»Er kam vor ein paar Wochen und stellte sich als Mitarbeiter des Landgerichts vor. Ich habe mir seinen Ausweis zeigen lassen.«

»Was wollte er?«

»Er stellte mir eine Menge Fragen … merkwürdige Fragen. Ob ich jemals sexuell missbraucht worden sei oder ob ich als Kind Tiere gequält habe. Ich glaube, ich habe ihn angebrüllt, weil er mich so lange provoziert hat.«

»Und das kam Ihnen nicht verdächtig vor?«

»Er hatte doch den Ausweis. Er sagte, die Befragung sei nur eine Routineangelegenheit, nicht weiter von Belang.«

»Warum haben Sie mir nichts davon erzählt?«

»Ich … ich hab’s in der Aufregung wohl vergessen.«

»Wenn ein Richter ein solches Gutachten in Auftrag gibt, klingelt nicht einfach ein Gerichtsbote an Ihrer Tür und stellt Ihnen seltsame Fragen. Dahinter kann nur Kronberg stecken.«

»Aber das wusste ich doch nicht. Ich …« Sie sank auf einen Stuhl und stützte die Stirn in die Hände.

Lieven seufzte. »Schon gut. Ich werde sehen, was ich tun kann.«

In Windeseile füllte sich der Saal mit Zuschauern. An der Rückwand des Gerichtssaals öffnete sich eine Tür, der Richter und seine Beisitzer nahmen ihre Plätze ein. Richter Schwarz machte seinem Namen alle Ehre. Trotz seines fortgeschrittenen Alters wies sein pechschwarzes Haar keine Spur von Grau auf. Auf seinem Kinn und den hageren Wangen lag der dunkle Schatten eines Bartes. Zwischen den eng beieinanderstehenden Augen thronte eine Geiernase, mit der man zur Not eine Dose Tomaten öffnen konnte.

»Bitte nehmen Sie Platz, die Verhandlung ist eröffnet«, verkündete er mit schnarrender Stimme.

Lievens Gedanken überschlugen sich auf der Suche nach einer neuen Strategie. Er hatte Mühe, sich auf den Verhandlungsbeginn zu konzentrieren. Der Richter rasselte die Eröffnungsformalitäten herunter und fragte die persönlichen Daten der Angeklagten ab. Gudrun Holt, dreiunddreißig Jahre alt, ledig und wohnhaft in Hachenburg, Westerwaldkreis.

Lieven beobachtete Victor Kronberg, der gelassen auf der anderen Seite des Gerichtssaals neben Staatsanwalt Kai Loxter saß, und trug in Gedanken zusammen, was er über ihn wusste: Erbe eines beträchtlichen Vermögens und jüngster Bankenchef Deutschlands, eiskalter Geschäftsmann und notorischer Lügner mit den Manieren eines gereizten Nashorns, der Frauen als Freiwild betrachtete. Letzteres stieß Lieven besonders ab.

Der Richter forderte den Staatsanwalt auf, die Anklageschrift zu verlesen.

Besorgt studierte Lieven inzwischen Kronbergs Profil, die fleischige Nase, die pockennarbigen Wangen und die eisgrauen, wachsamen Augen. Als könne er die Achillesferse des mächtigen Mannes mit purer Willensanstrengung aufdecken.

Die spröde Stimme des Richters riss ihn aus seinen Grübeleien.

»Ich eröffne hiermit das Verfahren gegen Gudrun Holt. Frau Holt, Sie sind angeklagt, den hier anwesenden Victor Kronberg am Abend des 27. Februar 2014 im Büro seiner Bankfiliale in Hachenburg tätlich angegriffen und erheblich verletzt zu haben. Würden Sie uns nun in ihren eigenen Worten schildern, was an diesem Abend geschah?«

Lieven nickte seiner Mandantin aufmunternd zu.

»Es war der Donnerstag vor Rosenmontag. Normalerweise ist der Arbeitstag gegen achtzehn Uhr zu Ende, aber an diesem Tag schloss die Filiale schon gegen vier. Die Angestellten hatten eine betriebsinterne Altweiberparty organisiert.«

»Und Herr Kronberg war damit einverstanden?«

»Ja. Wir feiern jedes Jahr.«

»Und wurde auch Alkohol getrunken?«

Sie nickte.

»In welchen Mengen?«, fragte der Staatsanwalt.

»Ich habe nichts getrunken. Alkohol ist zwar erlaubt, aber es wird nicht gern gesehen, wenn man betrunken ist.«

»Und hielten sich alle an diese Regel?«, fragte der Richter.

»Die meisten taten das. Aber es gab Ausnahmen.« Ihr Blick wanderte zu Kronberg hinüber, der interessiert ein Detail unter seinem Fingernagel betrachtete.

»Könnte man die Stimmung als ausgelassen bezeichnen?«, fragte der Staatsanwalt.

»Sie wissen doch, wie das auf Betriebsfeiern läuft«, mischte sich Kronberg ein, »oder feiert man bei der Staatsanwaltschaft keinen Karneval?«

Verhaltenes Gelächter im Saal.

Loxter wandte sich wieder an Gudrun Holt. »Und Sie blieben bei Ihrem Vorsatz, keinen Alkohol zu trinken?«

»Ja.«

»Können Sie das bestätigen?«, fragte er Kronberg.

»Nein.«

»Sondern?«

»Ich weiß nicht, wie viel sie zu diesem Zeitpunkt getrunken hatte. Aber ich schätze, es war eine ganze Menge. Wenn jemand Geburtstag hat, ist sie stets die Erste, die ein Sektglas in der Hand hält.«

»Das ist eine Lüge«, fuhr Gudrun Holt auf.

»Stimmt es, dass Frau Holt an der Feier teilnahm, obwohl Sie ihr eine Woche zuvor gekündigt hatten?«, fragte der Richter.

»Es stand ihr frei.«

»Aus welchem Grund beendeten Sie das Beschäftigungsverhältnis?«, fragte Loxter.

»Frau Holt war untragbar für unser Unternehmen geworden. Sie versuchte, eine sexuelle Beziehung zu mir aufzubauen. Offenbar war sie der Ansicht, dieses Vorgehen könnte ihrer Karriere dienlich sein. Als ich mich ablehnend dazu äußerte, drohte sie damit, illegale Kontenbewegungen anzuzeigen, Vorgänge, die nicht existieren und für die sie bis heute jeden Beweis schuldig geblieben ist.«

Lieven witterte eine Chance. »Was sind das für Geschäfte?«

»Wie das Bankhaus Kronberg seine Geschäfte abwickelt, ist nicht Gegenstand dieses Verfahrens«, wies ihn der Richter ärgerlich zurecht.

»Mir scheint, als bestehe hier durchaus ein Zusammenhang, der …«

»Den ich keineswegs sehe«, schnitt er ihm das Wort ab. Seine Geiernase zuckte. Kronberg lächelte zufrieden.

»Fahren Sie bitte mit Ihrer Schilderung des Abends fort, Frau Holt.«

»Er bat mich gegen achtzehn Uhr in sein Büro.«

»Tat er das persönlich?«

»Er rief den Apparat auf meinem Schreibtisch an. Ich konnte das Klingeln durch die offene Tür hören.«

»Bei dem Gegröle?«, rief Kronberg. »Wohl kaum.«

»Unterbrechen Sie die Angeklagte nicht«, erwiderte Lieven.

»Und Sie machen gefälligst nicht meine Arbeit«, schnarrte der Richter. »Weiter bitte. Nannte Herr Kronberg einen Grund?«

»Er wollte mir das Zeugnis geben, das ich gefordert hatte.«

»Warum sollte er das ausgerechnet zu diesem unpassenden Zeitpunkt tun?«, fragte der Staatsanwalt stirnrunzelnd.

»Es war mein vorletzter Arbeitstag. Vielleicht hatte er am Freitag darauf keine Zeit. Ich weiß es nicht. Er rief mich an und ich fuhr mit dem Lift in die oberste Etage hinauf.«

»Die lügt doch schon wieder«, dröhnte Kronberg.

Die Hakennase des Richters zuckte in seine Richtung. Kronberg verstummte.

Gudrun Holt berichtete stockend, was geschehen war. »Ich betrat sein Büro und wartete darauf, dass er mir das Zeugnis aushändigen würde. Stattdessen bot er mir einen Cognac an und gab sich versöhnlich. Er sagte, es täte ihm leid, dass wir im Streit auseinandergingen.«

»Überraschte Sie das nicht?«, fragte Lieven.

»Doch, natürlich. Ich war misstrauisch. Ich hatte … Angst, mit ihm allein zu sein. Außer uns befand sich niemand im obersten Stockwerk.«

»Und trotzdem sind Sie in sein Büro gegangen?«

»Ich … ich habe erst darüber nachgedacht, als ich oben angekommen war. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er … dass das in der Bank passieren würde. Dann wollte ich keinen Rückzieher machen und die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Darum nahm ich den Cognac, trank einen Schluck und …«

»Und?«

»Mir wurde schwindelig. Ich war ganz benommen. Er hatte irgendetwas in den Cognac gemixt. Und dann … war er plötzlich über mir.«

Kronberg schüttelte den Kopf und stieß pfeifend die Luft durch die Zähne.

»Meine Mandantin hat sich gewehrt, wie es ihr unter diesen Umständen möglich war«, sagte Lieven. »Ihre Verletzungen wurden von einem Gerichtsmediziner dokumentiert.«

Loxter blätterte in seinen Unterlagen. »Das war am nächsten Tag gegen vierzehn Uhr dreißig. Warum zögerten Sie so lange, bevor Sie zur Polizei gingen?«

»Ich … ich …«

»Meine Mandantin wurde gegen zwölf Uhr dreißig des folgenden Tages von einem Busfahrer auf der Wartebank einer Haltestelle etwa zwei Kilometer von der Bankfiliale Kronberg entfernt aufgefunden. Sie war desorientiert und zeigte alle Anzeichen einer Vergiftung mit Gamma-Hydroxybuttersäure.«

»Es wurden keine Rückstände von K.-o.-Tropfen gefunden«, entgegnete der Staatsanwalt.

»Sie wissen genauso gut wie ich, dass der Nachweis nach so langer Zeit kaum mehr möglich ist. Frau Holt wurde definitiv vergewaltigt. Das geht aus dem Bericht des Arztes hervor.« Er deutete auf Kronberg. »Von diesem Mann.«

Der Bankier nahm die Herausforderung an. »Beweisen Sie es, wenn Sie können.«

»Ruhe!«, befahl der Richter. »Wenn Sie die Ereignisse bitte aus Ihrer Sicht schildern wollen, Herr Kronberg?«

Der Angesprochene lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie klebte den ganzen Abend an mir wie eine Klette. Sie rechnete sich wohl noch immer Chancen bei mir aus.«

»Das ist eine Lüge!«

»Sie hatten Gelegenheit, sich zu äußern«, warnte der Richter.

»Irgendwann wurde es peinlich«, fuhr Kronberg fort. »Sie war sternhagelvoll und äußerte eine Reihe von Anzüglichkeiten. Es reichte mir und ich verwies sie des Hauses.«

»Wie reagierte Frau Holt darauf?«

»Sie lachte mich aus.« Er zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, sie war sturzbetrunken. Gegen achtzehn Uhr bekam ich eine SMS mit der Bitte um einen dringenden geschäftlichen Rückruf. Ich fuhr also in die oberste Etage und ging in mein Büro. Kurz darauf stand sie plötzlich in der Tür – mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern in der Hand. Sie war mir offenbar gefolgt.«

»Obwohl Sie Frau Holt deutlich zu verstehen gegeben hatten, dass Sie keinerlei Interesse an ihr hatten, ja ihr sogar gekündigt hatten aufgrund ihres Verhaltens, stellte sie Ihnen noch immer nach? Es fällt uns allen schwer, das zu glauben«, sagte Lieven.

»Manche Frauen halten sich für unwiderstehlich. Sie gab einfach nicht auf. Fragen Sie nicht mich, sondern sie.«

»Er lügt!«, rief Gudrun Holt. Ihre Wangen glühten feuerrot in dem totenbleichen Gesicht. »Er lügt, wenn er den Mund aufmacht.«

Aufgeregtes Gemurmel brandete durch den Saal. Der Richter rief lautstark zur Ordnung. »Wenn Sie den Ablauf der Verhandlung weiterhin stören, erteile ich Ihnen einen Verweis.«

»Frau Holt war also noch immer an einer Beziehung mit Ihnen interessiert, obwohl Sie das Arbeitsverhältnis gekündigt hatten. Wie reagierten Sie auf ihr Ansinnen?«, fragte Loxter.

»Ich bat sie zu gehen. Betrunken, wie sie war, warf sie sich mir an den Hals. Ich versuchte, mich von ihr zu befreien, aber das steigerte ihr …«, er hüstelte leise, »ihr Verlangen umso mehr. Als ich mich dann … nun etwas grob vielleicht … von ihr lösen konnte, schrie sie mich an: ›Ich mache dich fertig!‹ Sie geriet völlig außer sich und prügelte mit den Fäusten auf mich ein. Die Sektflasche zerbrach dabei. Sie bedrohte mich mit dem scharfkantigen Flaschenhals und fügte mir Schnittwunden an den Händen zu. Ich war völlig überrascht von dem Angriff. Schließlich gelang es mir, sie mit einem Stuhl zurückzudrängen und aus dem Büro zu werfen. Als ich ihr mit der Polizei drohte, flüchtete sie über die hintere Treppe zum Notausgang hinunter.«

»Gegen zwanzig Uhr fünfzehn ging bei der Polizeiinspektion Hachenburg ein Anruf von Herrn Kronberg ein. Er schilderte die Ereignisse und stellte Strafanzeige wegen Körperverletzung«, sagte der Staatsanwalt.

»Warum warteten Sie so lange mit der Anzeige?«, fragte Lieven.

»Um die Schnittwunden versorgen zu lassen, suchte ich zunächst das DRK-Klinikum in Hachenburg auf. Dort war wegen des Karnevals die Hölle los. Es dauerte fast zwei Stunden, bis ich behandelt wurde.«

»Es liegt ein Bericht des Notarztes vor, der die Verletzungen bestätigt.« Loxter hielt ein Blatt Papier in die Höhe.

»Die Sie sich auch anderweitig zugezogen haben können.« Lieven erhob sich. »Ich beantrage, in die Beweisaufnahme einzutreten, und rufe Mesut Kemir als Zeugen auf.«

Ein schmächtiger Mann von südländischem Aussehen betrat den Saal. Unsicher ging er durch den Mittelgang nach vorn und setzte sich an den kleinen Tisch, der den Zeugen vorbehalten war.

Der Richter stellte die Personalien fest. Kemir arbeitete als Fensterputzer und hatte am Abend des 27. Februar die Glasfront der Filiale des Bankhauses Kronberg in Hachenburg gereinigt.

»Würden Sie wiederholen, was Sie vor einer Woche in unserer Kanzlei aussagten?«, bat Lieven.

Kemir beschrieb, wie er seiner Arbeit im obersten Stockwerk des Bankhauses nachgegangen war. Plötzlich habe er Lärm und Schreie aus einem der Büros gehört.

»Hab erst gedacht, da ruft eine Frau um Hilfe. Da bin ich zu dem Büro von Chef neben Dachgarten gelaufen und wollte nachsehen, ob ich helfen kann. Ich hab dann ein Mann und eine Frau gesehen. Aber die haben keinen Sex gemacht. Sah so aus, als wollte die Frau unbedingt, aber der Mann nicht. Dann hat die Frau geschrien und war sehr wütend.«

Lieven hörte Leimbachs sonore Stimme in seinem Ohr: »Der Fensterputzer … ach ja, der. Hoffentlich erlebst du keine böse Überraschung.« Was hatte er ihm vorenthalten und warum? Ließ er ihn absichtlich ins offene Messer laufen, um ihm eine Lektion zu erteilen?

Gudrun Holts Gesicht nahm die Farbe von frisch gefallenem Schnee an. Victor Kronberg faltete zufrieden die Hände vor dem Bauch.

»Sie stehen hier als Zeuge vor Gericht und müssen die Wahrheit sagen. Sind Sie sich dessen bewusst?«

Kemir nickte.

Lieven zog ein Dokument aus seinen Unterlagen. »Bei unserer letzten Begegnung waren Sie der festen Ansicht, eine Vergewaltigung beobachtet zu haben.« Seine Blicke streiften Kronberg, der sich ein Grinsen kaum verkneifen konnte.

»Würden Sie das bitte erklären?«, fragte der Richter den Zeugen.

»Ich hab in der Zeitung gelesen, dass ein Anwalt sucht Zeugen. Ich hab ja was gesehen und bin hingegangen.« Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. »Vielleicht es gibt eine Belohnung, dachte ich.«

»Und Sie sind sicher, dass es nicht umgekehrt war? Dass der Mann Geschlechtsverkehr wollte?«, fragte Lieven nach.

»Nee, stimmt schon so. Hab erst gedacht, die machen komischen Sex.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Loxter.

Kemir grinste. »Na so mit Handschellen und so.«

Gelächter erscholl in den Zuschauerreihen.

»Sie wollen also Ihre Aussage, in der Sie behaupten, beobachtet zu haben, wie Gudrun Holt vergewaltigt wurde, zurücknehmen?«

»Hab ich ja auch erst gedacht – musst du Aussage machen. Aber dann ist mir eingefallen, ist doch Karneval. Da sind alle Deutschen ein bisschen verrückt.«

Das Gelächter wurde lauter. Der Richter forderte eindringlich Ruhe ein.

»Dann die Frau hat eine Flasche nach dem Mann geworfen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Bisschen verrückt.«

Ungläubig verfolgte Lieven, wie ihn sein einziger Belastungszeuge demontierte. Kronberg zupfte gelangweilt eine Fluse von seinem Jackett.

»Sie bleiben also bei Ihrer Aussage, dass Sie beobachtet haben, wie die Angeklagte Herrn Kronberg tätlich angegriffen hat?«, fragte der Staatsanwalt.

Kemir nickte.

»Und dass es zu keinerlei sexuellen Handlungen kam?«

Kemir warf Kronberg einen raschen Blick zu. »Ja. Kein Sex.«

Lieven sank vernichtet auf seinen Stuhl. »Ich habe … keine weiteren Fragen«, stotterte er.

Der Richter blickte Loxter an, der unmerklich den Kopf schüttelte.

Gudrun Holt schob ihren Stuhl zurück und erhob sich, langsam und kontrolliert wie eine mechanische Puppe, die plötzlich zum Leben erwacht ist.

»Setzen Sie sich bitte«, sagte der Richter.

Sie blieb stehen. »Dieser Mann hat mich in sein Büro gelockt, mit K.-o.-Tropfen betäubt, mich vergewaltigt und anschließend wie einen Eimer mit Unrat auf die Straße geworfen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein verdammter Lügner!« Ihre Stimme kippte bei den letzten Silben über.

»Setzen Sie sich«, wiederholte der Richter. »Herr Verteidiger, würden Sie Ihre Mandantin bitte beruhigen?«

»Ich bitte um eine kurze Unterbrechung«, sagte Lieven. »Ich möchte mich mit meiner Mandantin beraten.«

»In Ordnung«, brummte der Richter. »Zehn Minuten.«

Stuhlbeine scharrten auf dem Boden, die meisten Zuschauer verließen den Saal, um sich die Beine zu vertreten.

2

Lieven führte Gudrun Holt in eine Nische bei der Fensterfront. In ihren Augen standen Tränen.

»Warum lügt der Fensterputzer?«, fragte sie.

»Suchen Sie sich einen Grund aus«, antwortete Lieven. »Vielleicht hat er Angst, sich mit einem so mächtigen Mann anzulegen. Wahrscheinlicher ist, dass Kronberg ihn gekauft hat.«

Er wandte sich ab, damit sie sein Gesicht nicht sah. Ihm kam ein furchtbarer Gedanke. War es möglich, dass Leimbach mit Kronberg unter einer Decke steckte? Victor Kronberg war kein Mandant der Kanzlei, aber was hieß das in einer kleinen Stadt schon? Es gab tausend Gelegenheiten, bei denen sich ein angesehener Rechtsanwalt und der Besitzer der größten Privatbank im Umkreis näherkommen konnten. Außer Mesut Kemir gab es nur drei Menschen, die von seiner ersten Aussage wussten: Gudrun Holt, er selbst und Leimbach. Wenn also Kronberg dahintersteckte, wie hatte er von Kemir erfahren?

Sie riss ihn aus seinen Gedanken. »Ich hatte nie eine Chance. Geben Sie es doch zu.«

Stimmengewirr erklang hinter ihnen. Kronberg kehrte in den Saal zurück. Er bewegte sich siegesgewiss und schüttelte auf dem Weg zu seinem Platz zahlreiche Hände. Nein, es war noch nicht vorbei. Kronberg war noch nicht am Ziel. Zwar wurde der Vorwurf der Vergewaltigung in diesem Verfahren nicht verhandelt, aber er würde die Gelegenheit nutzen, um Gudrun zu vernichten und seinen Namen reinzuwaschen.

»Was geschieht jetzt?«, fragte sie.

»Wenn Sie zugeben, Kronberg geschlagen zu haben, kommen Sie mit einer Bewährungsstrafe davon«, sagte Lieven.

»Was? Dieses Schwein hat mich vergewaltigt«, presste sie halblaut hervor. »Und Sie verlangen von mir, dass ich mich schuldig bekenne?«

Der Richter und seine Beisitzer kehrten zurück. Wie sollte er ihr in einer Minute erklären, dass sie in großer Gefahr schwebte?

»Ich glaube, es ist im Augenblick Ihre einzige Chance, die reuige Sünderin zu spielen. Sie können später widerrufen und wir beantragen ein neues Verfahren.«

»Aber … aber wieso?«

Er blickte sie fest an. »Das psychiatrische Gutachten bescheinigt Ihnen ein krankhaft aggressives Verhalten. Laut Dr. Greth stellen Sie eine Gefährdung für die Allgemeinheit dar. Der Richter könnte die Unterbringung in einer forensischen Klinik beantragen.«

Gudrun starrte ihn an, als sei er es, der verrückt geworden war. »Sie meinen … die stecken mich in die Klapsmühle?«

»Ja. Genau das meine ich. Aber ich werde alles tun, um das zu verhindern.« Er wandte sich rasch um und kehrte zu seinem Platz zurück.

Der Richter forderte Loxter auf, mit dem Prozess fortzufahren.

»Ich rufe Bodo Zeller in den Zeugenstand.«

Zeller war vierunddreißig, selbstständiger Geschäftsmann und besaß eine Kette von Fitnessstudios. Kronberg ging also tatsächlich in die nächste Runde. Nun, er war angezählt, dachte Lieven, aber er würde bis zuletzt kämpfen.

Zeller stieß ihn ab. Lieven liebte durchaus den Luxus eines gut geschneiderten Maßanzugs, aber er verstand es auch, ihn zu tragen. Zeller dagegen suchte seine Kleidung und seinen Schmuck offenbar nur nach der Höhe des Preises aus, Geschmack besaß er überhaupt keinen. Seine von zahllosen Aufenthalten unter dem Solarium tief gebräunte Haut wies die Konsistenz von altem Leder auf. Die gegelten blonden Haare standen vom Kopf ab wie die Stachel eines Igels, unter dem dünnen Stoff seines Jacketts zeichneten sich dicke Muskelpakete ab.

»Herr Zeller, würden Sie uns bitte schildern, was Sie am Abend des 27. Februar beobachtet haben?«, fragte der Staatsanwalt.

»Ich war an jenem Abend im Mad Dog, einer Szenekneipe in der Altstadt unterhalb des Marktplatzes. Ich feierte Karneval wie alle. Gegen zehn betrat eine Frau die Bar. Sie fiel mir sofort auf.«

»Aus welchem Grund?«

»Sie war eindeutig auf der Suche nach einem Mann, den sie abschleppen konnte.«

»Woran konnten Sie ihre Absichten erkennen?«, fragte Loxter.

Zeller lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Nähte seines Jacketts drohten zu platzen. »Für so was hab ich ein Auge«, antwortete er grinsend.

»Sie suchte also Anschluss?«

»Sie stolzierte in der Bar herum wie ein Flamingo und machte die Männer an. Sie suchte nicht nur Anschluss, sie wollte mehr. Schnellen Sex. Es dauerte keine drei Minuten, da spendierte ihr ein Typ am Tresen einen Drink.«

»Wir versuchen, Klarheit in die Ereignisse zu bringen, die im Büro von Victor Kronberg stattgefunden haben«, mischte sich Lieven ein. »Dinge, die sich angeblich zu einem späteren Zeitpunkt abgespielt haben, sind dafür nicht von Belang.«

»Was heißt hier angeblich?«, fuhr Zeller auf.

»Sie werden bald verstehen, worauf ich hinauswill, Herr Verteidiger«, sagte Loxter. »Die Aussage des Zeugen wird maßgeblich dazu beitragen, die krankhaften Charakterzüge der Angeklagten zu enthüllen, ihren verfestigten Hang zu Straftaten mit erheblichem Gewaltcharakter.«

»Das ist doch lächerlich.«

»Lächerlich? Herr Kronberg hat schmerzhafte Verletzungen erlitten, die ärztlich attestiert wurden. Zudem kam es bereits einige Tage vor der Auseinandersetzung zu Sachbeschädigungen. Die Reifen am Wagen des Klägers wurden zerstochen, der Lack zerkratzt.«

»Sie können nicht beweisen, dass meine Mandantin diese Handlungen beging.«

»Herr Staatsanwalt, fahren Sie jetzt mit der Zeugenbefragung fort.« Der Richter funkelte Lieven böse an. »Und ich wünsche keine weitere Unterbrechung.«

Loxter wandte sich wieder an den Zeugen. »Im Mad Dog war es an diesem Abend doch sicher brechend voll. Warum konzentrierten Sie sich so sehr auf diese Frau?«

»Sie hatte Klasse, sah echt heiß aus. Ich rechnete mir selbst Chancen aus, aber dann wurde mir klar, dass ich besser die Finger von ihr lassen sollte.«

Der Staatsanwalt blickte Zeller fragend an.

»Sie war betrunken, richtig abgefüllt.«

»Können Sie den Mann beschreiben, der ihr einen Drink ausgab?«, fragte der Richter.

Zeller überlegte kurz. »Dunkelhaarig, groß, mindestens ein Meter neunzig und kräftig.«

»Trug er ein Kostüm?«

»Ja, klar … so eine braune Mönchskutte.« Er kicherte. »Ich fand’s irgendwie lustig, dass sie ausgerechnet einen Mönch angemacht hat.«

»Was geschah weiter?«

»Nach ’ner Viertelstunde hakte sie sich bei ihm unter und zog mit ihm ab.«

»Ist diese Frau hier im Saal anwesend?«, fragte Lieven.

»Klar doch.« Zeller deutete auf Gudrun Holt.

Sie sprang wütend auf. »Ich war an diesem Abend nicht im Mad Dog. Das ist eine Lüge!«

»Reißen Sie sich zusammen«, sagte Lieven leise. »Oder wollen Sie das Gutachten durch Ihr Verhalten auch noch stützen?«

Es gelang ihm nicht, sie zu beruhigen.

»Die stecken doch alle unter einer Decke.« Sie zeigte auf Kronberg. »Wie viel haben Sie ihm bezahlt, damit er lügt? Oder gilt das als Freundschaftsdienst unter Männern?«

»Setzen Sie sich! Sofort!«, donnerte der Richter.

»Ich glaube, dass der Abend des 27. Februar ganz anders abgelaufen ist, als Sie uns geschildert haben, Frau Holt«, fuhr Loxter unbeirrt fort. »Sie versuchten, den Angeklagten zu einer unbedachten Affäre zu bewegen. Aber als Ihr Plan scheiterte und Herr Kronberg Sie hinauswarf, waren Sie wütend und frustriert. Sie brauchten ein Ventil für Ihre Enttäuschung. Also beschlossen Sie, sich in das freizügige Getümmel des Karnevals zu stürzen. Im Mad Dog lernten Sie dann den Mann kennen, den der Zeuge beschreibt. Doch Sie gerieten an den Falschen. Hatte er einen Wagen? Vermutlich. Er zwang sie zum Geschlechtsverkehr und warf Sie aus dem Fahrzeug, nachdem er sich befriedigt hatte. Wann kam Ihnen der Gedanke, Herrn Kronberg für Ihre eigene Dummheit zu bestrafen? Nämlich, dass Sie betrunken zu einem vollkommen Fremden in den Wagen gestiegen waren? Noch in derselben Nacht?«

»Das … ist … doch alles nicht wahr. Ich war an diesem Abend nicht im Mad Dog.«

Loxter blätterte in seinen Unterlagen. »Meine Nachforschungen ergaben, dass sie dort ein oft gesehener Gast sind.«

»Aber nicht an diesem Abend.«

»Sie benutzten Ihr schreckliches Erlebnis, um sich an Victor Kronberg zu rächen. Sie wollten es ihm heimzahlen und eine bessere Gelegenheit konnte sich gar nicht bieten. Ihr Pech war nur, dass Sie beobachtet wurden, als Sie das Mad Dog in Begleitung verließen.«

Es war still im Saal.

»Herr Zeller, würden Sie uns Ihre weiteren Beobachtungen mitteilen?«, bat Loxter.

»Das Mad Dog war total überfüllt. Ich musste mal dringend pinkeln und bin nach draußen, um mir ein Plätzchen zu suchen für … na, Sie wissen schon. Ich stand also an der Burgmauer und hab zufällig gesehen, wie die Frau in das Auto von dem Typ in der Kutte gestiegen ist.«

»Fiel Ihnen etwas Besonderes auf?«

»Und ob. Der Mann sagte etwas zu ihr und sie rastete total aus. Die war richtig hysterisch. Hat auf ihn mit der Handtasche eingeprügelt. Ich dachte noch: Junge, hast du ein Glück gehabt, dass du die Finger von der gelassen hast. Die ist echt krass drauf.«

»Hören Sie auf zu lügen. Das ist nicht wahr!«, schrie Gudrun.

»Ich verwarne Sie zum letzten Mal«, rief der Richter. »Beim nächsten Zwischenruf erlege ich Ihnen ein Ordnungsgeld auf.«

»Was geschah weiter?«, fragte Loxter.

»Der Typ ist eingestiegen und losgefahren«, antwortete Zeller. »Er hatte wohl die Nase voll. Die Frau ist dann zu Fuß den Alten Markt runtergelaufen. Aber wer weiß, vielleicht hat er sie ja irgendwo weiter unten wieder aufgegabelt und in den Wagen gezerrt.«

»Danke«, sagte Loxter. »Ihre Mutmaßungen spielen hier keine Rolle.« Er kehrte zu seinem Tisch zurück und nahm einen dünnen Pappordner auf. »Dem Gericht liegt ein psychiatrisches Gutachten vor, das uns das aggressive Verhalten der Angeklagten bestätigt. Frau Holt leidet demnach unter Verfolgungswahn und neigt zu unkontrollierbaren Erregungszuständen, die in Gewaltexzessen münden. Wir haben es soeben alle gehört. Der in Fachkreisen hochgeachtete forensische Psychiater Dr. Lothar Grey empfiehlt die einstweilige Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. Ich kann mich diesem Urteil nur anschließen und beantrage eine Zwangseinweisung.«

»Das … das … dürfen Sie nicht.« Gudrun wandte sich verzweifelt an Lieven. »Sagen Sie ihm, dass er das nicht machen kann.«

»Dieses Gutachten ist ohne Kenntnisnahme meiner Mandantin erstellt worden«, entgegnete Lieven. »Wir hegen den Verdacht, dass es auf Druck des Nebenklägers zustande kam, und lehnen den medizinischen Sachverständigen Dr. Lothar Greth als befangen ab. Ich stelle den Antrag, ein zweites Gutachten einzuholen.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, antwortete Loxter.

Lieven reckte angriffslustig das Kinn vor. »Ich werde beweisen, dass dieses dubiose Gutachten auf tönernen Füßen steht, verlassen Sie sich drauf.«

Der Richter unterbrach die beiden Streithähne. »Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Die Verhandlung wird in einer Stunde fortgesetzt.«

Stimmengewirr setzte ein, der Saal leerte sich. Lieven blieb allein mit seiner Mandantin zurück.

»Dürfen die mich wirklich in die Klapsmühle stecken?«

»Unter bestimmten Umständen – ja. Aber noch ist es nicht so weit. Sie werden sehen, wir …«

»Hören Sie auf. Sie haben Mist gebaut. Sie waren ja nicht mal richtig vorbereitet.«

»Es tut mir leid, aber es gab eine Panne. Das Gutachten hat mich erst heute erreicht.«

In ihren Augen schimmerten Tränen. »Sie sind eine Niete, Lieven. Wie konnte ich Ihnen nur vertrauen?« Ihre Stimme überschlug sich.

»Beruhigen Sie sich. Mit Ihrem Geschrei machen Sie alles nur noch schlimmer.«

Sie sprang wütend auf. Scheppernd kippte der Stuhl unter ihr um und schlitterte über den glatten Boden. Neugierige Gesichter erschienen in der Tür zum Saal.

»Schlimmer? Was kann denn noch passieren?« Sie stürmte aus dem Saal.

Er biss sich auf die Lippen. Da hatte er einen tollen Einstand hingelegt. Leimbach hatte ihn gewarnt. Mehr als einmal hatte der alte Anwalt ihn ermahnt, daran zu denken, dass es nicht seine Aufgabe war, nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu suchen. Das waren romantische Vorstellungen, die für einen Hollywoodfilm taugten, aber vor Gericht keinen Nutzen besaßen. Hier ging es einzig darum, das Beste für einen Mandanten herauszuholen; und in diesem Punkt hatte er versagt.

Lieven bemerkte kaum, wie die Zeit verging. Der Saal füllte sich wieder und Gudrun Holt kehrte an ihren Patz zurück. Sie rückte von ihm ab und würdigte ihn keines Blickes.

Der Richter und die Beisitzer nahmen ihre Plätze wieder ein. Der Vorsitzende ergriff das Wort.

»Das Gericht ist der einhelligen Überzeugung, dass Frau Gudrun Holt am Abend des 27. Februar den Nebenkläger Victor Kronberg tätlich angegriffen und erheblich verletzt hat. Die Frage der Schuldfähigkeit ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Da die Angeklagte unter Alkoholeinfluss stand und zudem ein psychiatrisches Gutachten ihr ein krankhaft aggressives Verhalten bestätigt, empfiehlt das Gericht die einstweilige Unterbringung in einer forensischen Klinik. Zuvor erhält die Verteidigung die Möglichkeit, ein zweites Gutachten in Auftrag zu geben. Die Verhandlung wird vertagt.«

Lieven atmete auf. Erst jetzt bemerkte er, dass er schwitzte wie ein Malariakranker. »Immerhin haben wir einen Aufschub erreicht«, sagte er. »Ich werde mich sofort um einen anderen Gutachter bemühen. Notfalls gehen wir in Revision. Geben Sie nicht auf.«

Gudrun Holt erhob sich von ihrem Platz. »Das werde ich auch nicht. Ich werde um mein Recht und meine Freiheit kämpfen. Und dazu suche ich mir einen fähigen Rechtsanwalt und keine solche Null, wie Sie es sind. Ich will Sie nie wieder sehen. Wegen Ihnen stehe ich wie eine Tobsüchtige dar, die schnellstens in der Gummizelle verschwinden muss.«

»Frau Holt, ich kann verstehen, dass …«

»Hauen Sie ab, Lieven. Sie sind die größte Flasche, die je ein Staatsexamen bestanden hat.« Sie drehte sich um und verließ den Saal. Die Blitzlichter der Fotografen flackerten auf dem Korridor wie Blitze in einem Sommergewitter. Lieven sah, wie sie das Gesicht mit dem Arm abschirmte und verzweifelt versuchte, sich einen Weg durch die Meute zu bahnen.

Er packte seine Unterlagen zusammen und wartete, bis die meisten Zuschauer den Saal verlassen hatten. Dann trat er auf den Korridor hinaus und schwankte. Ihm war plötzlich übel. Er hielt sich die Hand vor den Mund und rannte zu den Toiletten am Ende des Ganges. Dort übergab er sich in eine Kloschüssel, bis sein Magen so leer war wie die Augen seiner Mandantin nach dem Spruch des Gerichts.

Er zog die Spülung und ließ sich ausgepumpt auf den Toilettensitz fallen. Die Außentür quietschte in den Angeln, Schritte näherten sich. Jemand pfiff ein munteres Liedchen.

»Kommen Sie mit ins Excelsior? Das muss gefeiert werden.« Das war Kronbergs Stimme.

»Nur auf einen Sprung. Ich sollte mich um den Jungen kümmern«, erwiderte Albert Leimbach. 

Wasser rauschte aus einem Hahn.

Kronberg lachte. »Lieven hat sich gut geschlagen. Besser, als ich es nach unseren kleinen Streichen erwartet hätte.«

»Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.«

Das Rauschen verstummte. 

»Reißen Sie sich zusammen, Leimbach. Die Sache ist überstanden.«

»Trotzdem.«

»Meldet sich da etwa das schlechte Gewissen? Als wir über den Preis verhandelt haben, war davon nichts zu spüren.«

»Eine mögliche Anklage wegen Vergewaltigung ist noch immer nicht vom Tisch.«

Kronberg lachte glucksend. »Glauben Sie nach dieser Vorstellung wirklich, dass sich ein Staatsanwalt findet, der es wagt, mich anzuklagen? Er würde sich zum Gespött machen.«

»Ich empfehle Ihnen dringend, Ihr Temperament zu zügeln. Was einmal gut ging, kann beim nächsten Mal fatale Folgen haben.«

»Niemand zerrt mich ungestraft vor Gericht und gibt mich der Lächerlichkeit preis. Wer sich mir in den Weg stellt, den pflege ich in die Knie zu zwingen«, sagte Kronberg kalt, »und zwar so, dass er nicht mehr aufstehen kann. Haben Sie das verstanden?«

»Was ist an jenem Abend passiert?«, fragte Leimbach.

»Wir haben gewonnen, wen interessiert das jetzt noch?«, brummte Kronberg.

»Es ist immer von Vorteil, die Wahrheit zu kennen.«

»Sagen Sie bloß, Sie werden auf Ihre alten Tage weich, Sie alter Dachs. Wer hatte denn die Idee, das Gutachten verschwinden zu lassen?« Kronberg lachte kollernd. »Lieven muss ganz schön nervös geworden sein, als Sie ihm den Umschlag kurz vor dem Kampf in der Arena überreicht haben.«

»Es war nicht fair. Sagen Sie mir die Wahrheit.«

Der Handtrockner fauchte auf. Lieven presste das Ohr an die dünne Trennwand.

»Was glauben Sie wohl, ist passiert?«, sagte Kronberg. »Ich hab’s ihr besorgt. Ich habe dem kleinen Biest K.-o.-Tropfen in den Cognac gemischt und sie durchgevögelt. Dann bin ich mit ihr im Lift in die Tiefgarage hinabgefahren, habe sie in meinen Wagen gesetzt und auf der Bank an der Bushaltestellte abgelegt. Was haben Sie denn gedacht?«

Der Handtrockner verstummte.

»Was ist nun? Kommen Sie mit auf einen kleinen Absacker?«, fragte Kronberg vergnügt. »Auf meine Rechnung natürlich.«

Leimbach brummte eine Antwort. Die Außentür fiel ins Schloss.

Lieven blieb allein zurück. Nach einer Weile entriegelte er die Tür, drehte den Wasserhahn auf und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sein tropfnasses Spiegelbild blickte ihn zornig an und schwor Rache. Niemand machte einen Narren aus ihm.