Leseprobe Bad Boys küsst man nicht

1. Kathleen

Anfang August kann es in Berlin ganz schön langweilig werden. Alle Freunde sind im Urlaub, die Straßencafés und Beachbars überfüllt mit lästigen Touristen, die Freibäder bis zum Anschlag voll mit Kids, die einen höllischen Lärm veranstalten und nerven. Der Schlachtensee, mein Lieblingsbadesee in Berlin, ist mir zu weit, und alleine habe ich eh keinen Bock, hinzufahren und den verliebten Pärchen beim Fummeln im Wasser zuzusehen.

An so einem heißen Freitag wie heute bleibe ich halt zu Hause, auf meinem großzügigen Balkon im neunten Stock, und genieße den Blick über den Alex. Meine obligatorische Runde Joggen im Park habe ich schon in aller Frühe absolviert, als es noch einigermaßen kühl war, und ich habe gestern ausgiebig im Fitnessstudio trainiert. Was heißt, dass ich heute quasi nichts mehr zu tun habe. Scheiße. Es fehlt nur, dass ich anfange, mit den halbvertrockneten Geranien in meinem Blumenkasten zu reden oder mir ein Sudoku-Heft zu kaufen, um mir die Zeit zu vertreiben.

Mit einer Flasche Bionade in der Hand lege ich die Füße hoch und schwitze unter der Mittagssonne. Wenigstens bin ich braun geworden, während ich mich seit Tagen langweile. Wenn ich im Liegestuhl liege, kann mich niemand sehen, und so sonne ich mich meist nackt. Es gefällt mir, wie meine Brüste ohne lästige, weiße Bikinistreifen aussehen. Wenn schon kein anderer da ist, um sie zu bewundern, muss ich mir eben selbst die Bestätigung geben.

Der Blick auf meine armen Blumen ist weniger erfreulich. Die werden zwar auch zunehmend braun, aber im Unterschied zu meinen Brüsten sieht das bei Geranien nicht besonders schön aus. Wahrscheinlich brauchen sie ordentlich Wasser, so, wie sie die Blüten hängen lassen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich sie zuletzt gegossen habe. Vor einer Woche vielleicht? Meine Ma weiß genau, dass ich rote Geranien nicht leiden kann, aber das hat sie nicht davon abgehalten, im Juni gleich mit mehreren Töpfen bei mir aufzutauchen.

„Dein wunderschöner Balkon sieht so nackig aus, du brauchst etwas Farbtupfer. Und die Geranien sind pflegeleicht, sogar für jemanden wie dich“, lautete ihre spitze Bemerkung, als sie die Blumentöpfe in die Blumenkastenhalterung steckte. Geranien sind für mich der Inbegriff an Spießigkeit, genauso wie Spitzendeckchen und gebügelte Unterwäsche. Oder Frauen, die sich unmittelbar vor dem Sex noch mal komplett rasieren müssen, um bloß nicht als ungepflegt abgestempelt zu werden.

Seufzend stehe ich auf und ziehe mir einen winzigen Bikini an. In der Küche fülle ich zwei leere Plastikflaschen mit Leitungswasser, um die unglücklichen Geranien zu erlösen. Eine Gießkanne habe ich immer noch nicht, und das sagt schon alles über meinen nicht vorhandenen grünen Daumen. Ungeschickt, wie ich bin, gieße ich etwas zu schwungvoll und das Wasser tropft heftig über die Blumenkastenhalterung.

„Mann, Scheiße, kannst du nicht aufpassen?“, pöbelt mich plötzlich eine Männerstimme an. Ups, ich habe wohl den Nachbarn unter mir nass gemacht.

Ich beuge mich hinunter. „Sorry, war keine Absicht!“

Die Wohnung da unten ist eine Studenten-WG, doch den Mann habe ich bis jetzt noch nicht gesehen. Wahrscheinlich ist er neu eingezogen. Er sieht zu mir hoch und wischt sich die Wassertropfen von den nackten Schultern. Offensichtlich hat er sich auch gesonnt. Nicht schlecht, fällt mir gleich auf. Gut gebaut und ordentlich gebräunt. Er grinst, als er mich sieht, und sein Blick bleibt an meinen Brüsten hängen. Na klar, so, wie ich mich über die Brüstung beuge, fällt auch Körbchengröße B gleich ins Auge. Der minimalistisch-gewagte Triangelbikini mit Leopardenmuster verdeckt nur das Notwendigste. Die Brustwarzen nämlich.

„Ist schon gut, etwas Erfrischung schadet nicht“, sagt er schon viel freundlicher. „Ich bin Jonas. Und du?“

Okay, der Typ ist in Flirtlaune und versucht, Kontakt herzustellen. Warum eigentlich nicht?

„Ich bin Kathleen“, erwidere ich knapp, doch ich betrachte ihn weiterhin interessiert. „Bist du neu in der WG?“

„Nein, ich wohne seit einer Woche alleine hier, die WG hat sich aufgelöst“, erklärt er mir.

„Ah, das habe ich gar nicht mitbekommen.“ Kein Wunder. Die beiden Studenten, die dort unten wohnten, waren ziemlich langweilig und ich hatte so gut wie keinen Kontakt zu ihnen. Das könnte bei Jonas anders werden.

„Wenn du willst, komm einfach runter zu mir – auf ein kaltes Bierchen. Oder auf was anderes, je nachdem, was du magst.“ Er lächelt zweideutig und nimmt seine dunkle Sonnenbrille ab. Seine Augen sind schokobraun und sein kurzes Haar genauso. Der Fünf-Tage-Bart und das Tattoo auf der Schulter verleihen ihm eine ziemlich sexy Ausstrahlung. Trotzdem habe ich keinen Bock, so schnell angebaggert zu werden.

„Danke, aber heute nicht. Vielleicht ein anderes Mal, okay? Viel Spaß noch beim Sonnen!“ Ich richte mich wieder auf und setze mich wieder auf meine Sonnenliege. Nein, so verzweifelt bin ich auch nicht, um mich sofort auf die Flirtversuche eines – zugegebenermaßen ­– attraktiven Endzwanzigers einzulassen, auch, wenn ich sexuell noch ausgetrockneter bin als meine Geranien. Es liegen zwei Trennungen hinter mir im letzten Jahr, und die haben mich ziemlich mitgenommen. Daher lebe ich seit Ende Mai enthaltsam wie eine Nonne, und das ist ziemlich scheiße. Es ist Hochsommer, das Wetter ist perfekt und ich verschwende meine Jugend, weil ich keine Nerven für One-Night-Stands habe. Die sind mir zu stressig. Aber eine neue Beziehung – nein, danke, das tue ich mir nicht so schnell wieder an.

Mein Blick schweift in die Ferne, zu dem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel, und meine Laune sinkt in gefährliche Bereiche. Es ist Sommer, das Wetter ist herrlich und ich sollte mich amüsieren, statt auf meinem Balkon zu schmoren und über mein verkorkstes Liebesleben zu grübeln. Es wird mir langsam zu heiß in der Mittagshitze und noch brauner wird meine Haut auch nicht mehr werden. Bevor ich aufstehe und mir eine lauwarme Dusche als Erfrischung gönne, meldet sich mein Smartphone. Es ist Noemi, meine beste Freundin, die seit ein paar Tagen ihren Vater im Spreewald besucht.

„Hi, meine Süße! Wie läuft es bei euch im Gurkenwald?“, begrüße ich sie und freue mich tierisch, sie zu hören.

„Hi Kat! Bin seit heute Vormittag wieder zurück“, antwortet sie mit ihrer hellen, fröhlichen Stimme.

„Ah, tatsächlich? Wolltest du nicht bis Sonntag bleiben? Waren dir die Stille und die Ruhe dort zu beängstigend? Oder fehlt dir dein Rocker schon?“

Noemi ist seit einem Jahr mit Myles Flemming zusammen, dem Ex-Gitarristen der berühmten Band Black Sunday Desire. Im letzten Herbst ist er bei den Jungs ausgestiegen und macht jetzt eine Solokarriere. Noemi und er hatten erst eine unverbindliche Affäre, daraus wurde wahre Liebe, die einige Hürden und Prüfungen überstehen musste. Sie sind ein tolles Paar und leben zusammen in einer geilen Loftwohnung am Helmholzplatz. Noemi war zuvor die Hundesitterin von Myles’ Huskyhündin Luna, als er noch in einer bescheidenen Wohnung im selben Kiez wohnte.

„Es war sehr schön dort und mir macht die Ruhe nichts aus“, wehrt sich Noemi, die heimlich immer noch Komplexe hat, weil sie keine waschechte Berlinerin ist wie ich, sondern aus einem sehr beschaulichen, friedlichen Ort am Arsch der Welt stammt. „Aber Myles hat mich gebeten, schon heute zurückzukommen, weil wir zu Vics Jubiläumsparty eingeladen sind. Da ich aber weiß, dass Myles den ganzen Abend mit seinen ehemaligen Bandkollegen abhängen und sich höchstwahrscheinlich die Kante geben wird, würde ich dich gerne mitnehmen. Ich will nicht die ganze Zeit in einer einsamen Ecke stehen und mich langweilen, also erwarte ich von dir, dass du dich für mich opferst und mitkommst. Egal, was du heute sonst vorhast.“

Noemi kann nicht ahnen, welch einen stummen Freudenschrei sie damit in mir auslöst! Sogar meine frisch lackierten Zehen wackeln vor Freude, als mein Freitagabend so unerwartet nicht nur gerettet wird, sondern sogar eine sehr vielversprechende Aussicht bekommt. Wie war das noch mal mit meinen inneren Monologen, während ich mich gesonnt habe? Ich will wieder mehr Spaß im Leben haben, stimmt’s? Und eine wilde Party des berühmt-berüchtigten Sängers von Black Sunday Desire ist viel mehr, als sich eine fleißige Medizinstudentin, die weder einen Lover noch eine Beziehung hat, wünschen kann! Natürlich will ich bei der Party mitmischen!

„Na gut, dann komm ich halt mit. Obwohl ich eigentlich was anderes machen wollte. Ich tue es für dich, schließlich bist du meine beste Freundin.“ Bemüht lässig seufze ich in das Smartphone, um zu bekräftigen, wie sehr ich mich für Noemi aufopfere. „Wo findet denn die Party statt?“

„Ich danke dir, Kat! Ich wusste, du wirst mich nicht im Stich lassen!“ Noemi ist so dankbar, dass ich wegen meiner Verlogenheit ein schlechtes Gewissen bekomme. „Die Party findet in Vics Penthouse statt, im Simon-Dach-Kiez. Myles und ich holen dich ab, so gegen einundzwanzig Uhr. Ist das okay?“

„Klar, das passt. Was ziehst du an?“, erkundige ich mich, während ich meine tizianrot gefärbten Locken von dem Haargummi befreie.

„Oh, ich denke, ein kurzes Sommerkleid. Schwarz und mit Spitzenborte. Darin sehe ich richtig schlank aus!“ Noemi kichert gutgelaunt. „Hat Myles mir neulich aus London mitgebracht.“

„Okay, dann ziehe ich auch ein Kleid an. Ich habe mir letzte Woche eins gekauft, ziemlich gewagt, aber für die Party bei einem Rockstar wird es gut passen.“

„Du siehst in jedem Outfit verdammt sexy aus mit deinem Body.“ Noemi seufzt. Sie selbst hat die Figur einer Latina, mit tollem, rundem Hintern und einer Megaoberweite. Doch sie ist keineswegs dick, sie ist halt sehr weiblich gebaut und ihr Lover steht auf ihre üppigen Kurven. Ich dagegen habe eine schlanke, sportliche Figur und kann wirklich alles tragen. Ich trainiere viel und das sieht man mir auch an. Zum Glück sind meine Brüste nicht zu klein geraten, und mit einem guten Push-up-BH kann ich auch ein schönes Dekolleté vorzeigen. Obwohl ich mit Noemis Wunderbusen natürlich nicht mithalten kann.

„Dann bis heute Abend. Wir werden zu zweit bestimmt Spaß haben. Und du kannst Ausschau nach sexy Babes oder auch nach einem heißen Kerl halten“, sagt sie unschuldig, um mir die Party schmackhaft zu machen. Als ob ich nicht schon genug angefixt wäre.

„Jaja, mal sehen, ob ich in Flirtstimmung bin.“

„Hey, was ist denn los mit dir? Du klingst gar nicht fröhlich.“ „Es ist alles okay“, antworte ich und zögere kurz. „Ich habe nur gerade einen attraktiven Nachbarn kennengelernt und dabei festgestellt, wie verkorkst ich beziehungstechnisch eigentlich bin.“

„Ah Kat, du bist nicht verkorkst“, widerspricht mir Noemi sofort. „Du hast nur zwei nicht gerade glückliche Beziehungen hinter dir. Es ist normal, wenn man danach an sich zweifelt.“

„Ich habe einfach zu viele Fehler gemacht.“

„Nein, hast du nicht. Dein Professor Kaiser war ein Arschloch und das mit Tina betrachte ich mittlerweile als eine ziemlich radikale Ablenkung, mehr nicht.“ Noemi nimmt keinen Blatt vor Mund, und wahrscheinlich hat sie recht. Irgendwie habe ich nicht besonders viel Glück mit meinem Liebesleben. Meine große Liebe, Professor Kaiser – ich meine: Lutz ­– hat mich ein Jahr lang an der Nase herumgeführt. Er redete von Liebe und dass er ohne mich nicht leben könne. Immer wieder versprach er mir, sich von seiner Frau zu trennen, die er angeblich weder liebte noch mit der er Sex hatte. Stattdessen schwängerte er seine Gattin zum dritten Mal, obwohl sie schon in den Wechseljahren war. Gemeinsam freuten sie sich riesig auf das unerwartete Nesthäkchen, nachdem die erwachsene Tochter gerade aus dem Elternhaus ausgezogen war. Also beichtete er seiner Gemahlin reuevoll unsere Affäre, sie verzieh ihm großzügig seinen kleinen Ausrutscher und sie leben glücklich und vergnügt mit ihrem kleinen Hosenscheißerchen. Angeblich.

Als er mir in einer kurzen Mail von seinem unerwarteten Familienglück berichtete und bedauerte, unser Verhältnis beenden zu müssen, kam ich mir so billig vor. Anscheinend bin ich bloß ein aufregendes Spielzeug für ihn gewesen, das ein Jahr lang seinen Testosteronspiegel mächtig in die Höhe getrieben und frischen Wind in sein langweiliges Leben gebracht hat.

„Ja, Kaiser war ein Arschloch“, stimme ich ihr ungerne zu. „Er hat nicht nur meine Gefühle verletzt, sondern auch meinen Stolz und meine Würde. Ist irgendwie auch meine Schuld. Ich hätte mich niemals mit einem verheirateten Mann einlassen dürfen, der dazu noch mein Professor war.“

„Mach dich nicht weiter dafür verantwortlich. Du hast dich richtig in ihn verliebt, er hat dich aber total verarscht und manipuliert.“

„Ja, das hat er. Und ich hab ihm seine Lügengeschichten geglaubt wie eine naive Dumpfbacke.“ Er hat tatsächlich mein sonst so gut funktionierendes Gehirn in Butterschmalz verwandelt und meine Hormone in einen Ausnahmezustand versetzt. Das bereits bei unserem ersten Abendessen in einem teuren Restaurant, als er mir unter dem Tisch zwischen die Schenkel gegriffen und mir angekündigt hat, was er Versautes mit mir anstellen wird.

Ja, ich gebe zu, ich stehe auf Männer mit dominanter Ausstrahlung, die wissen, was sie beim Sex wollen. Ich habe noch nie was mit Milchbubis anfangen können, die erst lieb lächeln und dann mit Dackelblick fragen: „Magst du mir bitte einen blasen?“ oder „Möchtest du, dass ich dich lecke?“.

Wenn die Chemie stimmt und das Vertrauen vorhanden ist, dann bevorzuge ich Liebhaber, die mich überwältigen und mir im Bett zeigen, wo es langgeht. Ich bin eine starke und unabhängige Frau, doch beim Sex wünsche ich mir einen echten Kerl, der es draufhat, meine Lust zu kontrollieren. Und so einer war Lutz. Im Nachhinein denke ich, ich war richtig süchtig nach Sex mit ihm und deswegen bin ich so hart auf dem Bauch gelandet, als er mich abservierte. Die Entzugserscheinungen waren heftig und ich habe eine Weile gebraucht, um mich einigermaßen zu erholen.

„Wie auch immer. Ich traue lieber keinem Mann mehr und will mich auch nicht mehr so schnell verlieben.“

„Das kann ich zwar verstehen, aber ob das wirklich die richtige Lösung ist? Verliebt zu sein kann doch so schön sein.“ Noemi ist Romantikerin und ganz anders als ich. Aber Myles ist auch ein cooler Typ und macht sie glücklich.

„Ja, mit dem richtigen Mann schon“, entgegne ich.

„Oder mit der richtigen Frau.“ Ich höre das Zwinkern in ihrer Stimme und weiß, dass sie auf Tina anspielt.

Tina und unsere völlig ungeplante Beziehung. Ich kannte sie schon länger und wusste von Anfang an, dass sie lesbisch ist und auf mich steht. Sie hörte mir verständnisvoll zu, als ich mich über meinen Professor auskotzte, und wir kamen uns allmählich näher. Sehr nah. Früher hatte ich mir nicht vorstellen können, dass Sex mit einer Frau so geil sein könnte. Aber ich war einfach neugierig und Tina hatte es echt drauf. Kein Mann hat mich so gut geleckt wie sie.

„Oder so“, antworte ich ehrlich. „Ich stehe immer noch auf Männer, aber jetzt weiß ich, dass Sex mit einer Frau auch sehr geil sein kann. Nur, ob das genug ist? Für eine Beziehung, meine ich? Es war schön mit Tina, doch im Unterschied zu ihr mag ich Schwänze immer noch. Das hat sie mächtig gestört.“

„Hat es eigentlich deswegen mit euch nicht geklappt?“

„Da war wohl eher meine Abneigung gegenüber einer richtigen Beziehung der Hauptgrund. Nicht das Geschlecht. Warum sollte man sich sexuell hundertpro festlegen, wenn man doch beides genießen kann – Schwänze und Muschis, je nachdem, wie man gerade drauf ist?“

„Hm, ich kann sie irgendwie verstehen. Tina wollte einfach sicher sein, dass du wirklich nur sie willst und dass dir bei ihr nichts fehlt“, sagt Noemi nachdenklich.

„Meinst du etwa, sagen wir mal, siebzehn Zentimeter gewisser Länge?“ Ich kichere frech.

„Mensch Kat, ich unterhalte mich ernst mit dir und du alberst wieder rum!“

„Schon gut, ein kleiner Scherz unter Frauen“, beschwichtige ich sie. „Nein, im Ernst. Tina wollte sich nur an eine Frau binden, die absolut lesbisch ist. Zugegeben, anfangs habe ich sie als eine Art Trostpflaster benutzt, um über Lutz hinwegzukommen. Sie war eine gute Freundin mit Vorzügen, wenn ich jetzt zurückblicke, aber geliebt habe ich sie nicht. Deswegen wollte ich ihr nicht länger falsche Hoffnungen machen. Ich bin schließlich keine Bitch, die rücksichtslos mit den Gefühlen anderer Menschen spielt.“

„Echt? Bist du sicher?“ Noemi kichert leise in den Hörer.

„Blöde Ziege!“

„Süße, ich wünsche dir so sehr, dass du bald den Richtigen kennenlernst. So jemanden wie Myles“, sagt sie verliebt.

„Oh Gott, das fehlt mir noch! Ich steh nicht auf Rockstartypen“, erwidere ich gespielt empört. „Und überhaupt, ich will erst mal meine Freiheit genießen, bevor ich mich auf jemanden einlasse. Wer weiß, ob ich mich überhaupt noch ernsthaft verlieben kann.“

„Ah komm, natürlich kannst du das. Wart mal ab, das kann schneller passieren, als du denkst. Du musst nur offen dafür bleiben.“

„Hm. Vielleicht.“ Vielleicht kann man mit gebrochenem Herzen nicht so schnell wieder jemanden lieben. Vielleicht hat mich der Mistkerl von Professor zu sehr beschädigt.

Ist jetzt auch egal. Trotzdem möchte ich wieder mehr Spaß in meinem Leben haben. Ich bin jung, habe einen gesunden Appetit auf Sex und muss mich nicht an jemanden binden, nur weil er oder sie es mir gut besorgt. Wahrscheinlich besuche ich demnächst den süßen Nachbarn und sehe, was er zu bieten hat.

„Heute Abend hast du auf jeden Fall die Gelegenheit, dir etwas Spaß zu gönnen!“

„Du sagst es! Ich werde mir zusammen mit den knackigen Rockstars die Kante geben und die Party rocken, bis die Nachbarn die Polizei rufen!“

„Oh je, ob das eine gute Idee ist, dich mitzunehmen?“ Noemi lacht herzlich, während ich mich ins Bad begebe und dabei mein Bikinioberteil ausziehe.

„Auf jeden Fall! Wir beide werden heute Abend so richtig abgehen, Babe!“

„Na dann! Also, brezeln wir uns ordentlich auf.“

„Machen wir. Bin schon mit einem Fuß in der Dusche. Bis nachher!“

 

Als ich aus der Dusche steige, entdecke ich eine Nachricht auf meinem Smartphone. Es ist Ma, die mir morgen gegen Mittag einen kurzen Besuch ankündigt. Sie ist in der Nähe bei ihrer Friseurin und möchte mir ein paar Kleinigkeiten vorbeibringen. Seufzend schreibe ich zurück, dass ich mich freue. Tue ich ja. Irgendwie. Obwohl ich auch etwas genervt bin. Meiner Meinung nach besucht sie mich zu oft, seit ich alleine wohne, und mischt sich ständig in meine Haushaltführung ein. Unser Verhältnis ist etwas schwierig. Ich bin nicht die Tochter geworden, die sie sich gewünscht hat. Seit der Pubertät rebelliere ich gegen ihre Vorstellungen darüber, wie eine junge Frau sein muss und sich verhalten sollte. Ihrer Meinung nach ziehe ich mich unangemessen an, egal ob ich meine Sportklamotten trage oder ultrakurze Röcke und bauchfreie Tops. Und mein Haar wäre ja immer so unordentlich und die Strähnen fallen mir ständig ins Gesicht. Dazu schminke ich mich entweder zu wenig oder viel zu auffällig und grell. Kurz gesagt, ich kann es ihr nie recht machen. In der Schule musste ich immer die Klassenbeste sein, und schon eine Zwei löste bei ihr Migräneanfälle aus. Sie wünschte sich, dass ich Ballett tanzte, weil ich so ein graziles Kind war, doch ich wollte lieber Beachvolleyball spielen und Bogenschießen. Die Musik, die ich ab dem gewissen Alter hörte, fand sie geschmacklos und schrecklich. Statt auf Mozart und Chopin stand ich plötzlich auf Nirvana und Pink und besuchte lieber aufregende Rockkonzerte als besinnliche Kammermusikabende. Und erst meine Ausdrucksweise! Damit reizte ich sie besonders. Ein anständiges Mädchen, das Ärztin werden möchte, kann nicht wie ein Bierkutscher fluchen! Schließlich bin ich gebildet und stamme aus einer angesehenen Familie mit langer Ärztetradition. Als Schutz gegen all diese Erwartungen entwickelte ich meine rebellische Ader, meine Bockigkeit und meine Abwehr gegen die bürgerlichen Werte und Benimmregeln. Oder, wie mein sechs Jahre jüngerer Bruder Sebastian neulich zu mir sagte: Ich wurde tief in meinem Inneren zu einem Punk, auch wenn ich wie eine Tussi aussehe.

Eigentlich müsste ich erst aufräumen, bevor ich sie hier rein lasse, stelle ich beim Blick auf das Chaos in meiner Wohnung fest. Egal. Mach ich morgen, bevor sie kommt. Erst mal mache ich mich bereit für die Rockstarparty!

 

Pünktlich um halb neun klingelt mich Noemi an, damit ich runterkomme. Die beiden stehen schon vor dem Haus. Zum Abschied streichle ich kurz meinen getigerten Kater Helmut, der den ganzen heißen Nachmittag faul auf seinem Kratzbaum gelegen hat. Wahrscheinlich trauert er immer noch seiner Männlichkeit nach, die er im Frühling bei Natys Freund, dem Tierarzt Eric, verloren hat. Aber alle haben mir gesagt, ein kastrierter Kater sei ein glücklicher und pflegeleichter Kater. Na ja, oft bilde ich mir ein, die traurigen Blicke, die er mir manchmal zuwirft, wären vorwurfsvoll. Vielleicht habe ich deswegen seit Mai keinen Sex mehr – aus unbewusster Solidarität mit meinem entmannten Stubentiger. Oder als eine Art karmische Strafe für meine grausame Entscheidung.

Gott, bin ich bescheuert!

Ich schüttle den Kopf über mich, als ich vor dem Spiegel im Schlafzimmer stehen bleibe. Solche dämlichen Gedanken bekommt man, wenn man schon so lange abstinent lebt!

Wenigstens gefalle ich mir recht gut, als ich mich von allen Seiten begutachte. Ich trage mein neues weißes Kleid aus durchgehender Spitze, das sehr kurz und fast bis zum Bauchnabel ausgeschnitten ist. Meine Mutter würde sofort einen Migräneanfall bekommen, wenn sie mich jetzt sehen würde. Mit einer großen Oberweite würde ich in so einem Kleid schnell billig aussehen, aber mit meiner sportlichen Figur und der gebräunten Haut wirke ich sexy, nicht nuttig. Dazu ziehe ich weiße Sandaletten mit hohen Keilabsätzen an, in denen ich mehrere Stunden locker aushalte, ohne diesen mitleiderregenden, gequält-verbissenen Gesichtsausdruck, der für viele High-Heels-Trägerinnen so typisch ist. Meine Lockenpracht habe ich mir locker hochgesteckt, nur einige Strähnen umranden mein Gesicht, das heute etwas stärker geschminkt ist als sonst. Wie oft geht man schon zu der Party eines weltberühmten Rockstars? Da kann ich meinen gewohnt-sportlichen Look getrost für einen Abend ablegen und mich in ein Glamourgirl verwandeln. Mit allem, was dazugehört: Smokey Eyes, glänzendem Lipgloss, Fingernägel in Pink und nicht in Nudetönen wie sonst. Ich trage sogar Schmuck – eine silberne Halskette und große Ohrringe mit blauen Swarovskisteinen, die meine Mutter mir zu Weihnachten geschenkt hat und die ich noch nie getragen habe. Die sehen richtig gut aus und haben fast dieselbe Farbe wie meine Augen. Es fehlt nur noch ein passender Duft. Ich trage selten Parfüms und besitze nur zwei Sorten: Chanel No. 5, ein Überbleibsel meines Ex-Lovers, und Touch of Seduction von Christina Aguilera, den mir Noemi zum letzten Geburtstag geschenkt hat. Ohne lange zu überlegen, greife ich nach dem Flacon von Christina und besprühe dezent mein Haar damit.

Ich muss zugeben, es macht mir Spaß, mich aufzutakeln. Vielleicht, weil ich das nur selten mache, ich laufe ja meistens in sportlichen Klamotten, Sneakern und fast ohne Make-up herum. Als ich noch mit dem Mistkerl von Kaiser zusammen war, habe ich mich für ihn oft sexy gestylt und die heißen Fummel getragen, die er mir geschenkt hat. Sachen wie im Schritt offene Höschen und Strumpfhosen, die ihm schnellen und unkomplizierten Zugang zu meinen Intimzonen ermöglicht haben, vor allem in öffentlichen Räumen wie Kinos, Restaurants, Aufzügen. Ja, er war ganz schön versaut, und ich liebte es.

Schnell schüttele ich die Erinnerungen ab. Ich war erst Anfang zwanzig, und jedes Mädchen macht irgendwann mal Fehler und lässt sich von einem Mann benutzen, oder?

Dafür bin ich jetzt, mit dreiundzwanzig, viel schlauer und erfahrener. Vor allem aber entschlossen, mein Leben zu genießen und dabei keinem Mann so schnell auf den Leim zu gehen.

 

„Wow, du siehst fantastisch aus!“ Noemi betrachtet mich fasziniert von Kopf bis Fuß, als sie aus dem Auto steigt, um mich zu begrüßen.

„Danke, Süße! Du aber auch!“ Sie ist wunderhübsch mit ihrem taillenlangen schwarzen Haar, funkelnden Katzenaugen und Rundungen im engen Kleid, die jedes Plus-Size-Model in den Schatten stellen würden.

Auch Myles steigt aus dem Auto, um mich gebührend zu begrüßen. „Hey Sportsfreund! Du siehst sexy aus! Fast wie ein richtiges Mädchen!“ Er grinst dreckig, während er mir ein Küsschen auf die Wange gibt.

„Verpiss dich!“ Gespielt sauer schubse ich ihn. Noemi lacht entspannt, sie kennt die etwas rüpelhafte Art, mit der Myles und ich miteinander kommunizieren. Ich mag den Kerl total. Er sieht äußerst lecker aus: sehr groß, muskulös, mit schönen braunen Augen und Sieben-Tage-Bart. Dazu hat er das Herz auf dem rechten Fleck, ist intelligent, bodenständig, bescheiden, und er betet Noemi regelrecht an. Dass er nebenbei ein berühmter Gitarrist und Rockstar ist, stört mich mittlerweile nicht mehr. Er entspricht ganz und gar nicht den gängigen Klischees, und der Rummel um seine Person nervt ihn total. Die beiden sind sehr glücklich zusammen, auch wenn sie es nicht immer leicht haben. Seine Karriere nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und das Medieninteresse an seiner Person macht Noemi oft das Leben schwer. Aber sie lieben sich total und sind bereit, alles zu tun, um ihre Liebe zu schützen und zu erhalten.

Wir steigen in seinen Seat Leon und fahren los. Myles könnte sich längst eine Protzkarre leisten, doch er bleibt trotz der Kohle, die er als Musiker verdient, auf dem Teppich.

Es ist Freitagabend und auf den Straßen noch immer viel los. Myles flucht leise über die aggressiven Autofahrer und einige Fahrradfahrer, die unachtsam und leichtsinnig unterwegs sind.

„Er regt sich immer auf, wenn er fährt.“ Noemi zuckt entschuldigend mit den Schultern, als er wieder mal ein gepresstes „Fuck you, idiot!“ von sich gibt.

„Myles, ist es wirklich in Ordnung, wenn ich uneingeladen zu der Party mitkomme?“, frage ich nach einer Weile. Solche Promi-Partys sind ja nur für die Leute auf der Gästeliste zugänglich, und es wäre echt blöd, wenn man mich am Ende nicht reinlässt.

„Natürlich. Ich habe Vic eine SMS geschickt, damit er dich auf die Gästeliste setzt“, beruhigt er mich.

„Siehst du? Du könntest mir ruhig vertrauen.“ Noemi dreht sich zu mir um und blickt mich vorwurfsvoll an.

Kurz vor neun Uhr am Abend einen Parkplatz in Friedrichshain zu finden, ist genauso aussichtslos, wie einen Menschen wiederzubeleben, der seit mehreren Minuten einen Herzstillstand hat. Myles dreht einige Kreise im Simon-Dach-Kiez, bis ein kleines Wunder geschieht, ein Pärchen in den VW vor uns einsteigt und wegfährt. Myles reagiert schnell, bevor jemand ihm den Parkplatz vor der Nase wegschnappen kann. Schwein gehabt. Man kreist schon mal locker eine halbe Stunde herum, bevor man in der City parken kann. Gemeinsam laufen wir die Straße entlang. Auch Noemi trägt hohe Absätze und wir haken uns haltsuchend bei Myles unter, als wir über das für Berlin so typische, unebene Kopfsteinpflaster stolzieren.

„Schau mal, das ist doch Myles Flemming!“, hören wir eine entzückte Mädchenstimme, als wir an den Kneipentischen auf dem Bürgersteig vorbeilaufen. Myles zieht sein Tempo an und Noemi und ich geben uns Mühe, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Obwohl mehrere Frauen nach ihm rufen, dreht er sich nicht um und wir sind alle glücklich, dass die Fans uns nicht verfolgen. Zum Glück erreichen wir das Haus in einer Seitenstraße wenige Augenblicke später und Myles klingelt bei Schneider-Taylor. Schneider dient als Tarnung, sodass Vics Nachname nicht allzu sehr auffällt, erklärt er uns den kleinen Gag. Er muss ein Passwort nennen und die Tür geht auf.

Das Gebäude ist ein Neubau, platziert zwischen zwei alten Häusern aus der Jahrhundertwende. Mit dem Aufzug fahren wir in die fünfte Etage, und als wir aussteigen, empfängt uns schon laute Musik. Vor der offenen Wohnungstür stehen zwei grimmige Türsteher, die Myles sofort erkennen und es nicht für nötig halten, nach unseren Namen zu fragen. Wir treten ein und ich muss zugeben, ich bin etwas nervös.

Die sehr geräumige Wohnung ist ziemlich voll, und sofort erkenne ich einige Gesichter aus dem Showbiz. Das Penthouse ist etwas spärlich, doch geschmackvoll eingerichtet, in schwarzen und weißen Tönen gehalten und für meine Verhältnisse natürlich viel zu groß für einen Junggesellen. Doch Victor kann sich so eine Luxusbleibe locker leisten. An den Wänden hängen riesige Reproduktionen von Andy Warhols Bildern und Fotos von berühmten Rockstars wie Jim Morrison, Kurt Cobain, David Bowie, Janis Joplin, Amy Winehouse, Blondie und auch ein Foto von Black Sunday Desire, noch zusammen mit Myles.

Die Band hat vor zwei Jahren den Plattenvertrag unterschrieben, der ihr den großen Durchbruch ermöglicht hat. Dieses entscheidende Ereignis möchte Vic mit seinen Bandmitgliedern, Freunden, Bekannten und mehreren Kollegen aus der Branche gebührend feiern. Aus den Lautsprechern dröhnen Avenged Sevenfold, eine von Vics Lieblingsbands, wie Myles uns erklärt.

„Bleib schön bei mir.“ Noemi tritt näher zu mir. Es ist nicht einfach, sich bei der Lautstärke zu unterhalten. Da Metal nicht gerade zu meiner Lieblingsmusik gehört, kann ich nur hoffen, der Gastgeber wird seine Gäste nicht die ganze Nacht mit seinem persönlichen Geschmack foltern.

„Da steht Vic mit Kim, ich gehe mal zu den beiden. Wollt ihr mit? Oder kommt ihr auch ohne mich klar?“, wendet sich Myles uns zu und sieht besonders Noemi fragend an.

„Nein, schon gut! Geh ruhig zu deinen Kumpels! Du musst dich nicht um mich kümmern, ich hab ja Kat und wir werden bestimmt Spaß haben.“ Noemi lächelt ihren Freund verständnisvoll an und er beugt sich zu ihr, um sie zu küssen. Er geht los und kommt wegen der Menschenmenge im riesigen Wohnzimmer nur langsam vorwärts. Es sind zu viele, die ihn begrüßen, ihm auf die Schulter klopfen, und auch die eine oder andere schöne Frau ist dabei, die sich von ihm auf die Wangen küssen lässt. Eine bekannte, nicht mehr taufrische TV-Moderatorin zum Beispiel, die ihn mit ihrem charmantesten Lächeln umgarnt und etwas in sein Ohr flüstert. Und eine Newcomer-Pop-Prinzessin, die ihn so ansieht, als ob sie ihn gleich zwischen ihren dünnen Schenkeln einklemmen möchte. Ich bewundere Noemi, die nicht mal mit der Wimper zuckt, als sie die Szene beobachtet. Es muss schön sein, einem Mann bedingungslos vertrauen zu können.

„Komm, holen wir uns erst mal einen Drink.“ Sie fasst mich am Ellenbogen und führt mich zu dem Tisch mit den Getränken, der an der Wand steht. Ja, das ist eine gute Idee. Ich brauche jetzt was Stärkeres, was mich wieder lockerer und entspannter macht. Wahrscheinlich wirke ich neben der relaxten Noemi wie eine steife Anstandsdame. Obwohl ­– in diesem Outfit … Immerhin bin ich im Unterschied zu ihr zum ersten Mal auf einer Party, wo ich jedes dritte Gesicht aus dem Fernsehen kenne. Die übrigen Gäste, deren Visagen mir nicht bekannt vorkommen, spielen aber höchstwahrscheinlich auch wichtige Rollen im Showbusiness.

Mit einem Glas Hugo in der Hand fühle ich mich schon etwas sicherer, und als ich ihn ziemlich schnell zur Hälfte leere, ernte ich einen besorgten Blick von Noemi.

„Was ist los mit dir? Du wirkst ziemlich nervös.“ Ich trinke sonst als Sportlerin und angehende Ärztin nicht sehr oft. Und vor allem nicht so schnell.

„Keine Ahnung. Bin irgendwie aufgeregt.“

„Sag bloß nicht, es ist wegen Vic! Ich weiß, dass du ihn geil findest.“ Noemi hebt ihre perfekt geschwungenen Brauen und mustert mich amüsiert mit ihren glasklaren Augen, die durch den lila Lidschatten noch mehr strahlen.

„Ach wo! Ich stehe nicht auf Rockstars und er ist auch zu jung für mich.“

Gleichzeitig schiele ich unauffällig zu der Männergruppe auf der anderen Seite des riesigen Zimmers. Myles redet mit Vic, der mit einer Pobacke lässig auf einem Barhocker sitzt und eine Bierflasche in der Hand hält. Auch die anderen drei Bandmitglieder erkenne ich sofort, sie stehen um Vic herum und unterhalten sich miteinander. Der neue Gitarrist, der Myles nach seinem Ausstieg im Herbst ersetzt hat, ist ein ähnlicher Typ wie Noemis Lover: groß, dunkelhaarig und mit Tattoos auf den Unterarmen. Doch was seinen Attraktivitätsfaktor betrifft, kann er Myles keineswegs das Wasser reichen. Nicht, dass ich heimlich in den Freund meiner besten Freundin verschossen wäre, aber der einzige Mann im Raum, der meines Erachtens nach noch geiler aussieht, ist der blonde Vic, der Frontmann von Black Sunday Desire. Er gehört definitiv zu den Männern, die sogar in einem großen und vollen Raum die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich ziehen. Es muss an seiner Ausstrahlung liegen, dass mein Blick unwillkürlich länger auf ihm verweilt. Ist das diese magische Rockstar-Aura, die viele berühmte Frontmänner besitzen und die ihn irgendwie aus der Masse anderer gut aussehender Menschen hervorhebt?

Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, und er müsste etwa eins fünfundachtzig groß sein, weil er etwas kleiner ist als Myles. Er ist kein perfekter Schönling, doch sein schmales Gesicht mit der geraden Nase und den fein geschnittenen Lippen gefällt mir. Obwohl ich aus der Entfernung seine Augenfarbe nicht richtig erkennen kann, weiß ich, dass sie graublau ist. Sein aufwendiger Rockstyle-Haarschnitt ist ein Hingucker: Vorne fällt ihm der lange, asymmetrische Pony schräg und glatt über das Gesicht und die restlichen Haare sind gecrasht, was ihm einen frechen, wilden und maskulinen Look verleiht. Er trägt ein knappes, schwarzes Tanktop, das vorteilhaft seinen durchtrainierten, mit vielen Tattoos verzierten Körper betont, genauso wie die zerfetzten Röhrenjeans. Dass er einen knackigen Hintern hat, weiß ich natürlich schon längst, ich kenne die Videos der Band mittlerweile in- und auswendig. Nicht nur wegen Noemi und Myles. Seit mir aufgefallen ist, wie sexy Vic eigentlich ist, sehe ich mir die Videos oder Fotos von ihm gerne ab und zu genauer an. Heimlich natürlich, denn Noemi würde da sofort was hineininterpretieren.

Aber der Typ ist wirklich zu jung, um mein echtes Interesse zu wecken. Ja, ja, red dir das ruhig weiter ein, belächelt mich meine innere Stimme.

Auch Noemi hat immer noch diesen komischen Blick drauf, der mir eindeutig sagt, dass sie mir nicht glaubt. Bin ich denn so durchschaubar? Ja, der Typ gefällt mir, das ist aber schon alles!

„Komm, schauen wir uns mal die Dachterrasse an“, schlägt sie vor und zeigt auf die Glastür neben der amerikanischen Küche.

Es ist noch nicht ganz dunkel draußen und wir entdecken am Himmel die letzten Spuren des malerischen Sonnenuntergangs, der auch von anderen Partygästen wahrgenommen wird. Die Dachterrasse hat die Dimension einer Berliner Dreiraumwohnung und ist mit künstlichem Rasen ausgelegt. Nur die Bambuspflanzen in den riesigen Kübeln sind echt. Der Hingucker ist der große Whirlpool, in dem drei hübsche, sehr jung wirkende Frauen in winzigen Bikinis vergnügt planschen. Ob das Groupies sind? Oder einfach Freundinnen? Soweit ich weiß, ist Vic Single, der Frauen als Zeitvertreib betrachtet und Myles’ Erzählungen nach während der Tour einen großen Verschleiß an Groupies hatte. Noch ein zusätzliches Argument, mich von so einem Typen fernzuhalten. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Mann dazu steht, bloß One-Night-Stands oder flüchtige Bettgeschichten zu wollen, doch er darf dabei kein Arsch sein, der seine Sexgefährtinnen wie Dreck behandelt. Und so einer ist er angeblich.

Noemi entdeckt hinter einem Bambuskübel zwei leere Stühle und wir setzen uns. Hier kann man sich wenigstens unterhalten. Der lauwarme Wind weht uns eine dichte Marihuanawolke zu, wahrscheinlich von dem Grüppchen an der Hollywoodschaukel: vier aufgetakelte Mädels im Rock-Chick-Style, die sehr laut reden und immer wieder loskreischen.

„Das sind bestimmt die auserwählten Fans, die Vic zu der Party eingeladen hat, um nachher nicht alleine ins Bett gehen zu müssen“, kommentiert Noemi. „Ich weiß das von Myles. Vic sucht sich immer einige Fans aus, sei es für die Backstagepartys oder solche Veranstaltungen wie heute. Es sei gut für das fanfreundliche Image der Band, lautet seine Erklärung. Aber er sichert sich damit nur ab, er soll ja ziemlich sexsüchtig sein.“

„Und die im Whirlpool? Die wirken wie echte Groupies“, frage ich.

„Nein, das glaub ich nicht. Zwei davon sind die Finalistinnen von dem Supermodel-Casting und die Dritte ist ein Soap-Sternchen. Jessica heißt sie, glaub ich. Aber ich kann mich auch irren, ich schaue die privaten Sender zu wenig, um alle B-Promis zu kennen.“ Noemi lächelt und prostet mir zu. Es entgeht mir nicht, dass sich ihr hübsches Gesicht etwas verdunkelt hat, seit wir auf der Terrasse sind.

„Süße, hast du was?“, frage ich vorsichtig. Ich kenne sie zu gut und ich merke, dass sie etwas bedrückt.

„Ach, es ist nichts.“ Sie vollführt eine abwehrende Geste.

„Komm, ich sehe doch, etwas ist nicht in Ordnung. Ist es wegen Myles?“

„Nein, nein. Lassen wir es einfach, es ist zu blöd“, versucht sie, mir auszuweichen.

„Noemi, rede mit mir! Was bedrückt dich?“ Sie wirkt ernst und sauer zugleich, und ich würde ihr gerne helfen.

„Es ist nur …“ Sie seufzt genervt und greift sich in ihr glänzendes, langes Haar. „Als wir am Whirlpool vorbeigelaufen sind, habe ich die Bemerkungen der Frauen gehört. Eine sagte laut genug, dass ich es gehört habe: Schaut mal, was für einen fetten Arsch die da hat! Und dann haben sie alle drei über mich gelacht. Blöde Tussis!“

„Oh Mann, Noemi, das tut mir leid! Ich hab’s nicht gehört, außer ihr dämliches Gekicher. Sonst hätte ich diese Dumpfbacke mit Sicherheit gepackt und ihren hohlen Kopf für eine Weile unter Wasser gedrückt!“ Ich umarme sie ganz fest. „Süße, du bist eine heiße Frau mit einem wunderschönen, weiblichen Körper! Myles begehrt dich doch so sehr, gerade wegen deiner Rundungen. Vergiss, was dieser Hungerhaken gesagt hat! Sie ist nur neidisch, weil sie so knochig ist und selbst keine Titten und keinen Arsch im Bikini hat!“ Ich versuche, sie zu beruhigen, und bin wütend auf die blöden Tussis. Noemi steht ja eigentlich auf ihre kurvenreiche Figur und ist sehr selbstbewusst. Sonst würde sie als Frau an Myles Seite ein Problem haben, denn sie weiß nur gut, dass viele Fans in den Internetforen über sie und ihre von der Norm abweichende Figur lästern. Myles liebt sie so, wie sie ist, und er ist verrückt nach ihren Rundungen. Aus ihren Erzählungen weiß ich, dass ihr Sexleben heiß und sehr aufregend ist. Aber das reicht auch ihr in solchen Augenblicken nicht, um so eine giftige Bemerkung einfach an sich abprallen zu lassen.

„Ich weiß, du hast recht. Trotzdem verstehe ich nicht, wie manche Frauen nur so bösartig sein können. Ich habe ihr doch nichts getan!“ Noemi schüttelt den Kopf und trinkt das halbe Glas leer.

„Sie ist bestimmt sehr unglücklich und frustriert. Wenn sie jemand anderen fertigmacht, fühlt sie sich für eine Weile besser. Solche Menschen sind eigentlich bemitleidenswert und es ist unter deiner Würde, dich über sie aufzuregen. Es reicht, dass ich das bei solch hinterhältigen Schlampen tue!“

Noemi lächelt mich dankbar an und umarmt mich. „Du bist so süß und lieb!“

„Ach Quatsch“, entgegne ich lächelnd und streichle über ihr seidiges Haar. „Trinken wir den restlichen Hugo aus und dann gehen wir zurück und tanzen eine Runde!“