Leseprobe Babylons Vermächtnis

Die Inschrift

Jaffa, das Heilige Land, Januar 2011, knapp ein Jahr zuvor

Ilana stand fassungslos vor dem Kalkstein mit der kunstvoll kalligrafierten arabischen Inschrift. Der Stein war Teil des Mauerwerks. Sie vermutete, dass er aus einer der vielen Ruinen in der Gegend stammte und beim Bau dieses Hauses wiederverwendet worden war. Das war im Heiligen Land nicht unüblich. Wenn es an Baumaterial fehlte, nahm man es sich eben von den unzähligen alten Bauwerken in der Umgebung.

Auf Bitten eines alten Kollegen war sie vor zwei Tagen nach Jaffa gereist, um diesen Fund näher zu untersuchen. Sie hatte eine wenig bedeutungsvolle Inschrift aus osmanischer Zeit erwartet.

„Schick mir einfach Fotografien davon“, hatte sie ihm daher vorgeschlagen.

„Das musst du dir in natura ansehen“, hatte er beharrt.

Ilana hatte sich schließlich breitschlagen lassen. Als sie nun den in lateinischen Buchstaben eingravierten Namen des Urhebers der Inschrift entschlüsselte, schlug ihr Herz automatisch schneller.

„Friedrich II.“, flüsterte sie kaum hörbar.

Sie traute ihren Augen kaum. Aber das war noch nicht einmal alles. Der Text darunter war in arabischen Buchstaben verfasst und das glich einer Sensation, denn es war die erste Kreuzfahrerinschrift in arabischer Sprache!

Sie wusste, dass der Kaiser des Arabischen mächtig gewesen war. Er trug immerhin den Titel König von Jerusalem. Schon in Kindertagen war Ilana fasziniert von dem deutsch-römischen Kaiser gewesen, der Jerusalem ganz ohne einen Kampf zurückerobert hatte. Trotz dieses Erfolges hatte ihn Papst Gregor IX. den Antichristen genannt und ihn exkommunizieren lassen.

Vorsichtig fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Inschrift, als wolle sie sich davon überzeugen, dass sie wirklich da war. Das war nicht ‏irgendeine Inschrift, sondern die vom Oberhaupt des Hauses Hohenstaufen, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. Sein Reich hatte sich von Sizilien im Süden über ganz Italien bis nach Deutschland im Norden erstreckt. Im Osten hatte seine Macht bis nach Jerusalem gereicht. Nachdem er im Jahr 1220 mit dem ägyptischen Sultan einen Waffenstillstand geschlossen hatte, hatte er, ohne zu kämpfen, friedlich mehr Land gewinnen können als alle Kreuzfahrer vor ihm.

Das Meer war rauer geworden. Wellen türmten sich in die Höhe und brachen sich krachend in der Brandung. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und verdeckten die Sonne. Der frische Wind blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Ilana strich ihre Haare kurzerhand nach hinten und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann schlang sie sich den braunen Wintermantel enger um den Körper.

Sie konnte die damaligen Geschehnisse beinahe vor sich sehen … die Schiffe des Kaisers glitten sanft über die Wellen des Mittelmeeres und ganz vorne auf dem Deck stand er.

Was hatte er wohl gedacht, als er das Heilige Land am Horizont erblickt hatte? Hatte er an seinen Großvater, Kaiser Friedrich I. Barbarossa gedacht, der während des dritten Kreuzzuges auf dem Weg ins Heilige Land in einem Fluss ertrunken war?

Nur die Gebeine des großen Barbarossa hatten das Heilige Land erreicht und waren hier beigesetzt worden.

Sie war froh, dass ihr Vater sie gelehrt hatte, die alten Schriften zu lesen und zu verstehen. Nachdem ihre Mutter viel zu früh gestorben war, hatte sie ihn oft besucht. Als orthodoxer Priester konnte ihr Vater sowohl Hebräisch als auch Aramäisch. In dem Jerusalemer Altstadtkloster, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte, hatte sie sich in unzählige Schriften gestürzt, wenn sie sich wieder einmal einsam gefühlt hatte. Jetzt kam es ihr so vor, als hätte sie immer schon auf diesen speziellen Moment hingearbeitet, in all den Studienjahren, in denen sie sich ihren Ruf als Expertin für alte Handschriften und semitische Sprachen mühsam erarbeitet hatte.

Leise las sie noch einmal die Inschrift: „1229 Jahre nach der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus des Messias.“

Ihr Handy klingelte. Als sie die Stimme am anderen Ende hörte, schien ihr Herz stehen zu bleiben.

Der Fund

Kairo, Ägypten, Januar 2011

Gegen Mittag verließ Konstantin Nikolaidis das Gebäude. Die Strahlen der tief stehenden Januarsonne blendeten ihn. Er hob schützend die Hand vor die Augen. Langsam drang der Lärm der Straße in sein Bewusstsein. Die Menschen liefen scheinbar ziellos umher und das Hupen der Autos kam ihm heute irgendwie lauter vor als sonst.

In Kairo herrschten chaotische Zeiten. Seit Tagen kam die ägyptische Hauptstadt nicht mehr zur Ruhe. Hunderttausende demonstrierten tagaus, tagein auf den Straßen. Osny Nubarak regierte das Land bereits seit Jahrzehnten mit eiserner Hand. Oppositionäre wurden systematisch bekämpft und von der einst versprochenen Meinungs- und Pressefreiheit war keine Spur zu sehen. Wiederholt hatte der ägyptische Präsident radikale politische Veränderungen versprochen, seine Glaubwürdigkeit hatte er nun endgültig eingebüßt. Das Volk hatte das Vertrauen in seinen Anführer für immer verloren und außerdem den Respekt und die Angst vor dem Polizeiapparat des Diktators abgelegt. Mehr und mehr Menschen in diesem Land waren zu der Überzeugung gelangt, dass sie nichts mehr zu verlieren hatten. Der Tahrir-Platz inmitten von Kairo war zum Symbol des Widerstands geworden.

Konstantin verharrte einige Sekunden vor der ägyptischen Altertumsverwaltung. Dass so etwas einmal in Ägypten passieren würde, hätte er niemals für möglich gehalten.

Schüsse hallten plötzlich durch die Luft und ließen ihn zusammenfahren. Erschrocken schaute er sich um, doch die Schüsse schienen weit entfernt gefallen zu sein. Er vermutete, dass sie vom Tahrir-Platz kamen. Heute lag Ungewöhnliches in der Luft. Die Passanten schienen auf einmal in großer Eile zu sein. Einige schauten sich panisch um, zumindest kam es ihm so vor. Zwei Streifenwagen fuhren mit heulenden Sirenen an ihm vorbei.

Sein Telefon klingelte. Hastig kramte er in seiner Hosentasche danach und nahm den Anruf entgegen.

„Konstantin, ich glaube, wir haben sie endlich gefunden!“, sagte eine aufgeregte Männerstimme ohne eine Begrüßung.

Die Rückkehr

Jerusalem, das Heilige Land, Januar 2011

Ilana ging durch das Neue Tor der Altstadt die Via Dolorosa entlang. Ihre Schritte wurden immer langsamer, je näher sie ihrem Ziel kam. Vor dem Kloster Johannes der Täufer blieb sie stehen und betrachtete den imposanten kreuzförmigen Bau. Die griechisch-orthodoxe Abtei stammte aus byzantinischer Zeit. Sie befand sich zwischen der Suwaqa Alwan, dem bekannten arabischen Markt, und der Straße, die zum christlichen Viertel von Jerusalem führte. Das Kloster bestand aus zwei Kirchen. Einer unterirdischen in byzantinischem Stil, die 450 nach Christus erbaut worden war, und einer zweiten aus dem Jahr 1048, die während der Fatimiden-Epoche entstanden war. In der Zeit der Kreuzzüge hatte das Kloster als Lazarett und Residenz für die Johanniter gedient. Heute lebten wieder Priester und Mönche dort, die beteten, lernten und das Gotteshaus pflegten.

Tränen stiegen in ihr auf.

Seit zwei Jahren war sie nicht mehr hier gewesen. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihren Vater friedlich in seinem Sarg liegen. Das war das letzte Mal gewesen, dass sie das Kloster, ihr früheres Zuhause, betreten hatte. In der kleinen Bibliothek ihres Vaters hatte sie die alten Bücher studiert und gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.

„Jedes Buch hat eine Geschichte zu erzählen, die man zum Leben erwecken soll“, hatte ihr Vater damals philosophiert. In solchen Momenten hatte er geklungen, wie zu der Zeit, als er als Pastor Issa zu den Menschen gesprochen hatte.

In diesem alten Gemäuer hatte sie ihre Bestimmung gefunden. Für die Mönche und Priester war sie mit der Zeit Teil des Klosterlebens geworden.

Das hatte sich allerdings geändert, als Abt Ibrahim Almundi eines Tages erfahren hatte, dass sie sich heimlich mit einem Messdiener traf.

„Ihre Tochter ist jetzt eine erwachsene Frau“, hatte er in herrischem Tonfall zu ihrem Vater gesagt. „Sie kann nicht den ganzen Tag hierbleiben.“

Damals verstand Ilana, die das Gespräch belauschte, nicht, was der Abt meinte. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen.

„Aber sie ist hier aufgewachsen. Die Brüder betrachten sie als ihre eigene Tochter“, hatte ihr Vater dagegengehalten.

„Sehen Sie es mir bitte nach. Es sind auch junge Mönche bei uns, und Ihre Tochter ist zu einer sehr attraktiven jungen Frau herangewachsen.“

Von da an war sie nur noch selten im Kloster gewesen. Das hatte sie dem Abt niemals verziehen. Deshalb wunderte sie sich darüber, warum der Priester sie nach so vielen Jahren angerufen und gebeten hatte, zum Kloster zu kommen. Sie hatte nach dem Grund gefragt, doch er hatte darauf bestanden, mit ihr persönlich darüber zu sprechen. Anfangs war sie versucht gewesen, seine Einladung auszuschlagen, da sie immer noch wütend auf ihn war. Am liebsten hätte sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht wie ein misslungenes Foto aus ihrem Smartphone. Ihre Neugier war jedoch stärker gewesen. Irgendetwas in seiner Stimme hatte sie dazu bewogen, seiner Aufforderung zu folgen – obwohl ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass es nichts Gutes sein konnte.