Leseprobe Arinya & Liam

Kapitel 1

Liam

Melbourne, 2021

Völlig in die Arbeit vertieft, sitze ich in meinem Büro und starre auf den Monitor meines Computers. Ich greife nach der Tasse neben der Tastatur und setze sie an die Lippen. Der Kaffee ist eiskalt. Wie viel Zeit ist eigentlich schon wieder verflogen, seit Liza ihn mir gebracht hat? Ein flüchtiger Blick auf die Rolex an meinem Handgelenk zeigt mir an, dass es schon fast einundzwanzig Uhr ist. Ich meine, dass Liza noch etwas von Feierabend machen gefaselt hat, als sie mit dem Kaffee in mein Büro marschiert ist. Trotzdem stört es mich nicht weiter, dass ich immer noch hier sitze. Besser hier, als in meinem Loft, das ich seit Lauras Tod nicht mehr mein Zuhause, sondern nur noch als Unterkunft bezeichne. Denn mein Zuhause habe ich mit ihr verloren. Es fühlt sich einfach nicht mehr heimisch an. Mit ihr ist meine Welt verblasst. Alles ist nur noch trist, grau und kalt. Zu weh tut der Verlust, der mit ihrem Tod einhergegangen ist. Deswegen versuche ich mich so wenig wie möglich damit zu beschäftigen, denn außer dem tiefen Loch und dem Schmerz in meinem Herzen spüre ich nichts mehr. Kurz überlege ich, ob ich überhaupt heute nach „Hause“ gehen oder einfach wieder durcharbeiten soll. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich die Nacht hinter dem Schreibtisch verbringe. Von meinem Platz sehe ich auf und lasse den Blick durch den Raum schweifen. Mein Büro, im 25. Stock der Taylor Towers, ist nicht riesig, aber mit zwanzig Quadratmetern völlig ausreichend. Durch die deckenhohe Vollverglasung um mich herum, habe ich einen unübertrefflichen Ausblick über Melbourne. Die vielen Tower, die gegen Einbruch der Dunkelheit noch vom dämmernden Tageslicht angestrahlt wurden, sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, inzwischen in Dunkelheit getaucht und nur die flirrenden Lichter der Autos, Ampeln und Anzeigetafeln der Geschäfte auf der Flinders Street sind zu sehen. Ab und zu zieht ein Flieger über dem Taylor Tower vorbei und der große Park gegenüber ist nur durch das schwache Licht der Laternen erkennbar. Laura hat diesen Ausblick geliebt. Oft hat sie an dem Fenster in meinem Büro gestanden und fasziniert hinausgeblickt. Alle paar Minuten hat sie etwas Neues entdeckt. Sie war eine beeindruckende Persönlichkeit, die ich mit jeder Faser meines Körpers geliebt habe. Manchmal spielt mein Gehirn mir einen Streich, wenn ich so spät arbeite und eigentlich bereits völlig übermüdet bin. Dann sehe ich sie hin und wieder immer noch an meinem Fenster stehen. Doch heute nicht.

Ich wende mich wieder dem Computer zu und starre auf den Test des Exposés, das Ethan mir rübergemailt hat. Mit schmerzverzerrtem Gesicht greife ich mir mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und drücke sie leicht zusammen. Dieses Bauland bereitet mir Kopfschmerzen. Es liegt perfekt für unser Vorhaben, dort einen Industriekomplex zu errichten. Abseits der Stadt, mit genügend Platz für Lagerhallen. So etwas mitten in Melbourne zu bauen, würde dem Ansehen unserer prunkvollen Stadt schaden. Also weichen wir auf ein Waldgebiet aus. Eigentlich ein guter Plan, wenn da nicht diese Naturschützerfreaks wären. Noch sind sie friedlich, aber sobald die ersten Bagger anrücken, könnte die Situation schwierig werden. Darauf muss ich mich gründlich vorbereiten mit einem Plan A, B und C. Aber heute nicht mehr. Antriebslos und matt fahre ich den Computer herunter und erhebe mich von meinem Platz. Lethargisch schleiche ich auf das Fenster zu. Der Mann, der mir in der Spiegelung des Glases entgegenblickt, ist schon lange nicht mehr der, der er einst war. Der feine Anzug, der Façon-Schnitt meines mittelblonden Haares und der akkurat getrimmte Dreitagebart sind gleichgeblieben, der Ausdruck meiner Augen jedoch hat sich verändert. Laura meinte immer, meine Augen hätten ein leuchtendes Blau, wie der prächtige Ozean, doch ich sehe in ihnen nur noch ein trübes Sumpfloch. Meine Welt, meine Seele und all das, was mein Leben erfüllt und lebenswert gemacht hat, ist mit einem betrunkenen Autofahrer verschwunden. Dieser Scheißkerl hat mir alles genommen! Wir wollten heiraten und eine Familie gründen.

Ein eiskalter Schauer jagt mir über den Rücken, als ich daran denke, wie mein Handy geklingelt hat, als ich mit dem Verlobungsring in der Tasche aus der Tür des Juweliers getreten war. Die Nachricht von Lauras Unfall, an dem sie noch an Ort und Stelle verstarb, hat mein Leben zerstört und dieser Wichser hat eine viel zu milde Strafe bekommen, weil sein Anwalt auf Unfähigkeit wegen seiner Alkoholkrankheit plädiert hat. Immer wieder schleicht sich das Bild vor mein inneres Auge, wie Laura ganz allein gestorben sein muss. Ohne mich an ihrer Seite. Ich hätte alles getan, um sie zu retten. Und wenn ich mein Leben für sie hätte geben müssen – ich hätte keine Sekunde gezögert.

Leicht zitternd schnappe ich nach Luft, als sich mir die Kehle zuschnürt, atme geräuschvoll aus und gehe zum Schreibtisch zurück. Ich greife nach dem Autoschlüssel und schnappe mir meinen Mantel vom Garderobenhaken neben der Tür. Den weichen Wollmantel hatte mir Laura mal zum Geburtstag geschenkt. Ich schmecke immer noch den schokoladigen Geschmack der Torte, die sie mir damals gebacken und eine neunundzwanzig mit Smarties auf die Glasur gelegt hat.

Es fröstelt mich – allerdings nicht vor Kälte. Schnell schlüpfe ich in den Mantel, schalte das Licht aus und ziehe die Bürotür hinter mir zu. Über den schmalen Gang flaniere ich verbittert in Richtung der Aufzüge gegenüber dem Empfangstresen. Die offenstehenden Bürotüren zu meiner rechten und linken sind leer und dunkel. Die Mitarbeiter sind jetzt garantiert alle in den Kreisen ihrer Familie. Sitzen vor einem Spielfilm auf der Couch oder sind beim Essen.

Die gesamte Etage ist verlassen. Ebenso der Tresen. Ein merkwürdiger und zugleich befriedigender Anblick. Keine Leute, die einem auf den Nerv gehen. Es gibt nur die Stille und mich. Ich nehme den Lift nach unten und laufe beim Rausgehen durch die große Halle am Glaskastenbüro der Security vorbei. „Schönen Feierabend, Mister Taylor“, sagt James, der Mann mit Hut und Uniform hinter dem Glas, der mir freundlich zunickt. Er ist einer der längsten Mitarbeiter und war schon vor meiner Zeit, als meine Eltern noch das Unternehmen geleitet haben, hier. Die beiden sind jetzt im Ruhestand, wobei meine Mutter das Wort Ruhe nicht sonderlich wörtlich nimmt und sich nach wie vor bei jeder bietenden Gelegenheit einmischt.

Unter meinem stets ernsten Blick nicke ich James zurück und trete nach draußen, wo mich die kalte Abendluft einhüllt. Während ich die Stufen der großen Treppe vor dem Tower nach unten nehme, knöpfe ich mir den Mantel zu und überlege, ob ich in mein Apartment oder in eine Bar fahren soll, um mir noch ein wenig die Zeit zu vertreiben. Als ich meinen dunklen Mercedes erreiche und den Knopf für die Zentralverriegelung drücke, holt mich die Müdigkeit ein, die mich dazu überredet, doch nach Hause zu fahren – auch, wenn es das bereits eine schier endlose Zeit nicht mehr ist.

Kapitel 2

Arinya

Der Straßenlärm kommt mir ungewöhnlich laut vor, als ich am Vormittag aus der Bahn steige. Das kommt wohl davon, wenn man sich die meiste Zeit im Wald aufhält. Schon immer war ich ein absolutes Naturkind. Die Verbundenheit zu Mutter Erde habe ich wohl von meinem Vater, einem waschechten Aborigine. Meine Eltern lernten sich bei einer Expedition kennen. Mom kommt ursprünglich aus London, ist aber in den Neunzigern nach Australien ausgewandert. Nach ihrer Studienzeit hat sie sich mit der Evolutionsbiologie Australiens beschäftigt und hat sogar eine Doktorarbeit darüber geschrieben. Für ihre Abschlussarbeit hat sie ein kleines Aboriginedorf besucht, wo sie schließlich meinen Vater kennengelernt und sich rettungslos in ihn verliebt hat.

Ich bin immer noch Feuer und Flamme für die Liebesgeschichte der beiden. Auch, wenn sie ein trauriges Ende hat. Denn eines Tages ist Dad verschwunden. Ohne ein Wort zu mir oder meiner Mom.

Seitdem ich mit meiner Kolonne durch die Wälder Australiens streife, scheint mein verborgenes Aborigine-Ich immer mehr zum Vorschein zu kommen und ich bin mir ganz sicher, dass ich irgendwann meinen Vater finden werde.

Verträumt flaniere ich an einigen Geschäften vorbei und stelle mir die Umgebung untermalt mit Vogelgezwitscher und Grillenzirpen vor. Schon viel besser. Die Flinders Street in Melbourne ist ziemlich belaufen. Von allen Seiten kommen Menschen zusammen, um sich dicht gedrängt und in hektischem Tempo über den Gehweg zu quetschen. Bin ich die Einzige hier, die keinen Zeitdruck hat?

Kurz schweifen meine Gedanken zu Sam, für den ich vorhin auf der Polizeiwache eine Aussage machen musste. Er ist in einer dreitägigen Sicherheitsverwahrung, weil er sich bei einer Demo an die Bahngleise gekettet hat, der Trottel. Ich habe ihm gleich gesagt, er soll es bleiben lassen, aber auf mich hört ja wieder keiner. Die Leute aus der Kolonne, die ich mittlerweile Freunde und Familie nenne, sind manchmal ziemlich dickköpfig, haben aber das Herz am rechten Fleck.

Eine der vielen Boutiquen zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Im Schaufenster ist ein Boho-Kleid ausgestellt. Ein Korallenrot mit Weinrot und Blumenmuster gemixt. Vor dem Kleid stoppen meine Beine und wie von Geisterhand wandern meine Hände zu den Gurten meines kleinen, beigen Häkelrucksacks. „Nein, Ari. Das kannst du dir ohnehin nicht leisten“, erinnert mich meine innere Stimme, auf die ich öfter hören sollte, als mir lieb ist und ein Blick auf das Preisschild lässt meine Hand erstarren. „Okay, okay“, murmele ich zu mir selbst und sehe ein, dass dieses Kleid unerschwinglich für meinen aktuellen Kontostand ist. Aber mit einem Kaffee könnte ich mich darüber hinwegtrösten. Mit diesem Kompromiss kann ich erst einmal leben. Aber ich bin festentschlossen, für dieses Kleid zu sparen. Mein Blick wandert von dem viel zu teuren Kleid zu der zierlichen Frau mit den mittelblonden, langen Haaren in der Spiegelung des Glases. Das beigefarbene Häkeltop zu dem langen, orange-roten Floral-Rock sieht doch auch ganz gut aus. Ich lächele meinem Spiegelbild zu und fahre mir mit den Fingern durch mein brustlanges Haar mit den hellblonden Spitzen. Weiter geht’s.

Das Starbucks ist mein Ziel, denn wenigstens den Kaffee möchte ich mir gönnen. Völlig in Gedanken versunken, setze ich meinen Weg fort, bin abgelenkt von dem Lärm der Stadt und den wunderschönen Farben des Schaufensterkleides. Unvorhergesehen gerate ich ins Stolpern. Verwundert blicke ich auf meine Füße und stelle fest, dass sich einer meiner Schuhe in einem Abflussgitter verhakt hat. Ich rudere mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten und zucke zusammen, als mich etwas am Arm packt und zurückzieht.

„Vorsicht, junge Lady“, höre ich neben mir eine dunkle Männerstimme, die zu der Hand gehören muss, die meinen Arm stützt.

Der Fremde geht in die Knie und ein Paar großer Hände befreit meinen Schuh aus dem Kanalgitter. Der Mann trägt eine Bluejeans und eine ziemlich schicke Uhr am Handgelenk.

„Das Ding hätten die ruhig mit engeren Gittern ausstatten können“, stellt der Fremde zu meiner Verteidigung fest und löst meinen Fuß, samt Schuh. Statt ihn sofort freizugeben, hält er ihn noch einige Sekunden fest. Dann blickt er zu mir auf und lässt zeitgleich los. „So, das wäre geschafft.“

„Danke“, stammele ich, als ich in die kristallblauen Augen des Fremden mit dem Façon-Schnitt und dem gepflegten Dreitagebart schaue. Er hat mittelblondes Haar, wie ich, und ein verhaltenes, aber aufrichtiges Lächeln.

Fahrig streiche ich mit den Händen über meinen Rock, der dem Fremden dank des Vokuhila-Schnitts einen Blick auf meine Knie gewährt. Mein Retter richtet sich auf, blickt noch einmal auf meine Füße, als ob er sich davon überzeugt, dass nun wieder alles in bester Ordnung ist und nickt mir schließlich zu. „Einen schönen Tag noch.“

„Danke, gleichfalls“, antworte ich immer noch wie erschlagen, denn der Mann entspricht zu einhundert Prozent meinem Geschmack: groß, blond und gutaussehend. Meine Knie sind butterweich, als er mir zulächelt, bevor er seinen Weg fortsetzt und mich wie zu einer Salzsäule erstarrt stehenlässt.

Perplex sehe ich ihm hinterher, wie er galant über den Gehweg flaniert und kurz darauf zwischen den Köpfen der anderen Fußgänger verschwindet. Wow, was für ein Mann.

Leider muss ich mir eingestehen, dass er wie dieses Kleid im Schaufenster ist: Unerschwinglich, denn die schicke Uhr an seinem Handgelenk hat eine deutliche Sprache gesprochen und die ist ganz sicher nicht die meine.

Als ich mich wieder gefangen habe und ihm nicht mehr dümmlich lächelnd hinterher gaffe, fällt mir wieder ein, wo ich hinwollte. Erst der Kaffee und dann nach Hause.

Ein Café, das vor allem für seine Nachhaltigkeit und seinen Fairtrade-Kaffee bekannt ist, gelangt in mein Sichtfeld. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich mich ins Café setzen oder mir einen Coffee to go holen soll.

Ein Blick auf die Anzeige einer digitalen Straßenreklame, auf der man die Uhrzeit ablesen kann, nimmt mir die Entscheidung ab.

Kopflos laufe ich an den Menschen vorbei, die sich auf den Stühlen niedergelassen haben und trete über die Schwelle des Cafés. Das laute Zischen des Kaffeevollautomaten lässt mich kurz zusammenzucken, als ich mich in der Reihe anstelle. Ich gerate ins Straucheln, da ich den kleinen Treppenabsatz hinter mir völlig übersehen habe, und rudere mit den Armen. Plötzlich greift mir jemand von hinten an den Arm.

„Ratschläge von außen ignorierst du scheinbar gekonnt“, raunt eine mir bekannte Stimme und richtet mich diskret wieder auf.

Ohne mich umzudrehen, weiß ich, dass es mein Retter von vorhin ist. Wie ein James Bond ist er zur Stelle und hilft mir mit Stil und unauffällig wieder in meine Ursprungsposition.

„Immerhin hast du einen guten Geschmack für Kaffee“, schmunzelt er.

„Scheint so. Und danke fürs Auffangen.“ Peinlich berührt sehe ich mich um und stelle beruhigt fest, dass niemand zu uns sieht. Mein Fauxpas ist keinem aufgefallen.

„Mhm“, brummt er gutmütig und ich rücke in der Schlange auf.

Der Mann hinter mir hüllt sich wie die restlichen beiden Kunden, die vor mir dran sind, in eisernes Schweigen, was mir irgendwie unangenehm ist, weil ich mich von ihm beobachtet fühle. In der lauten Stadt bin ich ziemlich unkonzentriert und hinter jeder Ecke könnte bereits das nächste Fettnäpfchen lauern. Seitdem ich nicht mehr bei meiner Mutter, sondern fast ausschließlich im Freien lebe, kommt mir Melbourne jedes Mal lauter und fremder vor, wenn ich hier bin.

„Bitte schön, was darf es für Sie sein?“, fragt mich die Stimme der Frau hinter dem Tresen.

„Einen White Chocolate Mocha, bitte.” Eine geheime Leidenschaft, die ich niemals ablegen werde.

Die Frau nickt, stellt mir kurze Zeit später den fertigen Kaffee auf den Tresen und nimmt das Geld entgegen, das ich ihr passend hinlege.

Durch einen vorsichtigen Blick über meine Schulter stelle ich fest, dass der Mann verschwunden ist. Auch gut. So fühle ich mich wenigstens nicht länger beobachtet. Obwohl ... diese Rettungsaktion war schon verdammt süß und gentlemanlike.

Eigentlich wollte ich den Kaffee mitnehmen, überlege es mir im letzten Augenblick dann doch anders, als ich durch die Tür trete und mit dem Becher in der Hand bei den Tischen vor dem Café stehenbleibe. Spontan suche ich mir einen freien Platz und stelle den heißen Becher vor mir auf dem kleinen Tisch ab.

Langsam stört mich der Lärm nicht mehr. Zwar würde ich den Kaffee am liebsten im Wald trinken, doch bis ich dort angekommen bin, wird er kalt sein.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, drücke meinen Rücken in das weiche Polster und nippe an meinem Heißgetränk. Es ist noch brühheiß, aber schmeckt köstlich. Hier gibt es für meinen Geschmack wirklich den besten Kaffee. Ich schließe die Augen und lasse jede einzelne meiner Geschmacksknospen das Aroma des Kaffees zelebrieren.

„Schmeckt gut, was?“

Ich zucke zusammen, reiße die Augen auf und verschlucke mich beinahe. „Du hast es heute aber auf mich abgesehen, kann das sein?“, entgegne ich frech, nachdem ich den Kaffee heruntergeschluckt habe.

Der Blonde lächelt smart und deutet auf seinen recyclebaren Kaffeebecher.

„Setz dich doch, wenn du schon mal hier bist.“ Mit der Hand deute ich auf den freien Stuhl an meinem Tisch. In der Kolonne habe ich gelernt, dass wenn das Schicksal jemanden drei Mal zu einem schickt, man ihn zu sich einladen soll, um herauszufinden, warum.

„Danke, aber ich habe gleich noch ein Meeting.“

„Oh. Du bist wohl jemand Wichtiges, was?“, bemerke ich spöttisch und bewundernd zugleich.

„Quatsch, bin ich nicht.“ Er sieht auf seine Uhr. „Obwohl ... ein paar Minuten habe ich noch“, entgegnet er und setzt sich zu mir. „Ich bin Liam.“

Freundlich halte ich ihm die Hand hin. Das macht man doch so bei wichtigen Leuten, oder? „Freut mich, Liam.“

„Und wie ist dein Name?“

„An manchen Tagen Tollpatsch“, antworte ich mit einem verhaltenen Grinsen und puste vorsichtig auf meinen Kaffee, um ihn auf eine trinkbare Temperatur abzukühlen.

Liam sieht mich wartend an. Das Blau seiner Iriden leuchtet so unfassbar schön, dass ich wegsehen muss, um nicht an Ort und Stelle zu erröten.

„Ich bin Ari.“

„Interessant.“ Mein Gegenüber lehnt sich im Stuhl zurück und überschlägt galant, aber männlich breit die Beine. „Und das steht für was?“

„Ich schätze dich als einen sehr klugen Kopf ein. Du wirst es sicher erraten“, entgegne ich frech.

„Ari ...“ Er legt grübelnd den Zeigefinger an das Kinn und gibt brummende Laute von sich. „Arielle?“

Sofort muss ich lachen. „Ganz bestimmt.“ Der Sarkasmus meiner Stimme ist für Liam nicht zu überhören.

„Mein Bruder Noah hat sich eine Meerjungfrau tätowieren müssen.“

„Interessant. Warum das?“ Ich lehne mich vor, stütze die Ellbogen auf den Tisch, kreuze die Handflächen übereinander und lege das Kinn darauf ab. Ich liebe außergewöhnliche Geschichten. Sam aus meiner Kolonne kann auch super welche erzählen, wenn wir abends am Feuer, in Decken eingekuschelt, zusammensitzen und er mal nicht voll wie eine Kneipe ist. Er ist der Freund von Myra – einer meiner engsten Freundinnen, seitdem ich Teil der Gemeinschaft geworden bin.

„Er hat eine Wette verloren. Eigentlich wir beide.“

Suchend scanne ich seine nicht von Kleidung bedeckten Körperstellen ab, sehe aber kein Tattoo. „Und wo ist deine Arielle?“ Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee.

Liam lacht auf. „Ich bin zum Glück noch einmal davongekommen.“

„Du hast dich gedrückt“, fahre ich ihm dazwischen, bevor er sich weiter erklären kann.

„Quasi“, lacht er.

„Worum ging es bei der Wette?“, will ich wissen und verliere mich in Liams blauen Augen, während er zu erzählen beginnt.

„Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Also Noah ist der jüngste von uns dreien. Danach kommt Ethan und ich bin der Älteste. Wir arbeiten zusammen und haben gewettet, dass Ethan einen wichtigen Geschäftsabschluss verpatzt.“

„Aha“, ich nicke und habe nur noch Augen für Liams hübsches Gesicht, das wie in Stein gemeißelt scheint, weil es so perfekt ist.

„Zugegeben, ich habe Ethan unterschätzt. Er hat die Wette gewonnen. Und da Noah sowieso schon am ganzen Körper tätowiert ist, hat ihm das eine Tattoo mehr nichts ausgemacht und ich blieb verschont.“

„Warum? Eine Arielle ist doch süß.“

„Nicht, wenn sie Ethans Gesicht trägt“, bemerkt Liam schmunzelnd.

„Warum? Ist er so hässlich?“ Kann ich mir gar nicht vorstellen, wenn ich mir dich so ansehe. Da liegen die guten Gene bestimmt in der Familie.

Liam lacht und ich stimme mit ein. „Nein, er ist ein Hübscher. Trotzdem ist das nur eines von Noahs bescheuerten Tattoos. Leider gibt es davon noch einige mehr.“

„Klingt doch sympathisch. Ich wünschte, ich hätte auch Geschwister.“ Das habe ich mir als Kind wirklich immer gewünscht.

„Du bist ein Einzelkind?“

Wer weiß. Wenn mein Dad neu geheiratet haben sollte, dann vielleicht nicht. „Ja, leider“, antworte ich und schiebe ein unbekümmertes Lächeln hinterher.

„Sei froh“, sagt Liam und trinkt von seinem Kaffee. „Die beiden können manchmal wirklich nerven.“

„Das kann ich mir vorstellen“, entgegne ich, während Liam mich interessiert mustert. Ich glaube, er scheint mich genauso anziehend zu finden, wie ich ihn, weil er mir immer wieder so tief in die Augen schaut, dass sich in meinem Bauch ein aufgeregtes Kribbeln ausbreitet. In seiner Gegenwart fühle ich mich irgendwie wohl.

Er wirft einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Oh, ich muss gleich los.“

Auch ich achte auf das Ziffernblatt und zucke zusammen, weil die Zeit nur so verflogen ist. „Oh, ich auch, sonst verpasse ich den Bus.“

„Wo musst du denn hin?“

„Nach Norden.“

„Nach Norden?“, er lächelt perplex, weil er mit meiner Info offenbar nichts anfangen kann.

„Organ-Pipes-Nationalpark. Ich bin dort mit Freunden verabredet.“

„Aha. Was gibt es denn da Spannendes?“

Ich verstehe seine Frage nicht. Wie kann die Natur nicht spannend sein? „Wir treffen uns einfach“, erkläre ich lächelnd, ohne näher auf unser Kolonnendasein einzugehen. Auch, wenn Liam und ich uns gut verstehen – wir kennen uns nicht. Also braucht er gar nicht so viel über mich zu erfahren. Ich werde ihn ohnehin nie wiedersehen. Wir leben auf unterschiedlichen Planeten. Eine zweite Kreuzung unserer Wege hat das Universum garantiert nicht vorgesehen.

„Ich kann dich fahren, wenn du willst“, bietet er mir unerwartet an und bedenkt mich mit einem hoffnungsvollen Blick.

„Nein, schon gut. Ich schaffe es ja noch rechtzeitig, wenn ich jetzt losgehe“, stelle ich fest und stehe von meinem Stuhl auf. Den inzwischen leeren Becher lasse ich auf dem Tisch stehen.

Liam erhebt sich ebenfalls und kneift die Augen leicht zusammen, während sein Kiefer arbeitet.

„War schön, dich kennengelernt zu haben, Liam.“ Mein Herz tanzt plötzlich Tango in meiner Brust, als ich seinen vollen Namen ausspreche. Liam – das klingt so melodisch und verheißungsvoll.

„Es war mir ebenfalls eine Freude, Ari - mit oder ohne Elle“, feixt er und sieht mich an, als wünsche er sich, dass ich mich doch noch von ihm fahren lasse. Aber das kann ich nicht machen. Er ist ein Fremder. Meine Mutter hätte mich eindringlich davor gewarnt, obwohl mir mein Herz etwas anderes sagt. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns wiedersehen, wenn das Schicksal es so will. Und wenn nicht, wird es einen guten Grund dafür geben. Daher kann ich nun guten Gewissens gehen.

Verhalten streckt Liam mir die Hand entgegen, doch ich werfe mich einfach in seinen Arm und schmiege mich wie ein Kätzchen an ihn. Verdutzt frage ich mich selbst, warum ich das getan habe, doch als sein herb-männlicher Duft mir entgegen dringt, werden meine Gedanken so matschig, dass ich keinen weiteren daran verliere. Ich spüre seinen Hals ganz nah an meinen Lippen, als ich meinen Kopf an ihn kuschle und mein Körper von einem heftigen Kribbeln durchflutet wird. Liam gibt mir das Gefühl, als würden wir uns ewig kennen und raubt mir beinahe den Atem. Was zur Hölle passiert hier und was hat das zu bedeuten?

Langsam lösen wir uns voneinander und verlieren uns in einem tief reichenden Blick, der mir Gänsehaut beschert.

Meine Lippen beben und ich wage es nicht, die seinen anzusehen. Anderenfalls könnte ich die Kontrolle verlieren und ihn womöglich einfach küssen, denn alles in mir schreit so sehr danach.

Liam hat die Anziehungskraft eines Magneten, gegen die ich mich kaum wehren kann. Außer mit hinreichendem Abstand.

Auch er scheint kurzzeitig irritiert, denn seine Mundwinkel zucken, bevor er sich das Haar rauft.

Um es nicht noch komplizierter zu machen, entscheide ich mich für einen schnellen Abschied. „Mach es gut. Liam.“

Er nickt und sein Kiefer malmt erneut. „Sehen wir uns wieder?“

„Wer weiß“, antworte ich mit einem Zwinkern.

„Eins noch ...“, sagt er und greift nach meiner Hand.

„Was denn?“, frage ich verunsichert, denn das Kribbeln wird zu übermächtig.

„Verrate mir noch deinen richtigen Namen.“

Ich lasse seine Hand los und mache drei Schritte zurück, denn mein Bus wird gleich kommen. Wenn ich ihn schaffen will, muss ich mich beeilen.

„Bitte“, schiebt Liam eindringlich nach.

„Ari. Einfach Ari“, sage ich mit einem Lächeln und drehe mich um. Ich lasse ihn stehen, im Wissen, dass er mir nachsieht, und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Ich werde angestupst. „Ari?“

„Hm?“ Ich drehe mich um, doch das Bild der Gestalt verschwimmt. Als sie sich aufklärt, hockt Sam über mir. Sein lockiges Haar fällt ihm ins Gesicht und seine Augen wirken im Zelt noch dunkler, obwohl er eine Laterne dabeihat.

„Was schläfst du denn schon? Wir wollten doch noch unsere Besprechung abhalten.“

„Sorry, ich war total platt vom Tag. Ich komme gleich“, antworte ich gähnend und strecke mich. Was für ein seltsamer Traum.

Kapitel 3

Liam

Die feinen Tropfen des leichten Sommerregens benetzen die Windschutzscheibe meines Mercedes. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu treibt, die Straßen um das Café herum abzufahren und diese Frau an einer der Bushaltestellen erwischen zu wollen. Warum mache ich das?

Ari – dieser Name geht mir nicht mehr aus dem Kopf und ich bin mir sicher, dass es eine Abkürzung für einen besonderen Namen ist. Doch ganz bestimmt nicht für Arielle. Eine leise Vorahnung keimt in mir auf, dass ihr richtiger Name mich wie ein Schlag treffen und nicht mehr loslassen wird.

Wie konnte dieses hübsche und aufgeschlossene Wesen es nur schaffen, meine Aufmerksamkeit zu erregen, sodass ich selbst mein schlechtes Gewissen Laura gegenüber abschalten konnte? Wie hat sie mich so weich werden lassen, dass ich mich an ihren Tisch gesetzt und mit ihr gelacht habe? Das ist überhaupt nicht meine Art, denn seit Lauras Tod habe ich jeden Menschen, der in mein Leben treten wollte von mir weggestoßen und auf Abstand gehalten.

Ich fühle mich schlecht bei dem Gedanken, dass ich höchstwahrscheinlich gerade dabei bin, mit Laura abzuschließen. Doch ich bin mir sicher, dass sie nicht gewollt hätte, dass ich ewig alleine bleibe. Ich lenke den Wagen in die nächste Straße, finde aber nur eine leere Haltestelle vor. Was Ari wohl bei Regen in dem Park will?

Plötzlich zuckt ein Blitz vor meinen Augen und ich sehe den sich wiederholenden Unfall von Laura vor mir. Ich schreie, krampfe panisch die Hände zusammen und schrecke schließlich auf.

Schweiß perlt mir von der Stirn, als ich aus der Rückenlage hochschieße und mich kurz darauf in meinem Bett wiederfinde. Mein Atem geht hektisch. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen. Der Unfall, Ari, der Kaffee ... alles war so echt. Das kann doch kaum ein Traum gewesen sein, oder?

Verschlafen greife ich nach meinem Smartphone auf dem Nachttisch. Kurz nach vier Uhr in der Früh. Mit einem Seufzer lasse ich mich zurück ins Kissen fallen und drücke das Smartphone, auf dem mir Laura als Hintergrundbild zulächelt, an die Brust. Es tut immer noch so verdammt weh! Wann hört das nur auf? Doch will ich das überhaupt? Denn das würde bedeuten, dass Lauras Bild, das ohnehin Tag für Tag verblasst, allmählich ganz aus meinem Leben verschwindet und ich habe keine Ahnung, ob ich schon bereit dafür bin … ob ich jemals dazu bereit sein werde.

Ich beschließe, noch einmal die Augen zu schließen und wie geplant mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Sofort verschlingt mich die Dunkelheit und lässt mich erneut wegdämmern.

***

Schrill, unsanft und laut reißt mich der Wecker Punkt halb sechs aus dem tiefen Schlaf, in den ich gefallen bin. Das Erste, an das ich denke als ich mich aufrichte und die Arme ausstrecke, ist nicht, wie jeden Morgen, meine verstorbene Freundin Laura, sondern der Name, dessen drei Buchstaben ich nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Verwirrt steige ich aus den Federn und stapfe schwerfällig die Treppen hinab in Richtung Küche. Der Boden meines Apartments besteht aus schwarzen Fliesen, die nicht nur schick aussehen, sondern an manchen Morgen scheiße kalt sind. Zumindest, wenn man vergessen hat, die Fußbodenheizung einzuschalten. Trotz der kalten Fliesen halte ich barfuß durch den Flur geradewegs auf die Küche zu. Da ich noch nicht richtig wach bin, greife ich blind nach einer Tasse und erwische eine von Lauras aus dem Disneyland-Souvenirshop. „Arielle, war ja klar“, murmele ich und stelle sie auf die Ablage des Kaffeevollautomaten. Arielle. Kaffee. Ari. Was zur Hölle ...?

Dieser seltsame Traum, der mir so real vorgekommen ist, lässt mich einfach nicht los.

Die Kaffeemaschine surrt und kurz darauf steigt mir der herrliche Duft der Röstung aus Costa Rica in die Nase. Ich nippe am viel zu heißen Getränk und beschließe, doch noch schnell unter die Dusche zu springen und den Rest des Kaffees mit zur Arbeit zu nehmen. Zu warten, bis er eine angenehme Trinktemperatur hat, dauert mir zu lange. Schließlich steht heute wieder viel auf dem Terminplan. Gut so. Je mehr Ablenkung von meinem einsamen Privatleben, umso besser. Dann muss ich mich wenigstens nicht mit mir und meinem einsamen Leben auseinandersetzen.

***

Auf dem Weg ins Büro fahre ich in meinem Mercedes durch die Innenstadt. Ich ärgere mich, weil sich die ersten Autos stauen, und verstehe nicht warum, denn die Ampeln stehen nicht einmal auf Rot. Erst als das Baustellenschild auftaucht, wird mir einiges klar. Ich nehme die ausgeschilderte Umleitung vorbei am Royal Botanic Garden und biege in Richtung Yarra River Linear Reserve ab, um eine Abkürzung zu nehmen. Hier ist die Straße kaum befahren und die Umgebung mutet so unberührt und friedlich an. So viel Grün auf einmal sieht man in dieser Weltstadt nur hier. Kurz vor Alexandra Gardens komme ich mit einer Vollbremsung zum Stehen, weil wie aus dem Nichts etwas über die Straße läuft. „Scheiße verdammt!“

Mein Arm zittert, als ich perplex die Hände vom Lenkrad nehme. Mit leicht zusammengekniffenen Augen blicke ich durch das Glas der Windschutzscheibe vor dem nicht wie erwartet ein Tier, sondern eine junge Frau steht. „Herrgott nochmal! Müssen diese Junkies einfach auf die Straße laufen?!“ Wutentbrannt schlage ich auf die Hupe, doch die Frau zuckt nicht einmal zusammen. Langsam dreht sie sich zu mir. Zuerst schießen die Bilder von Lauras Unfall durch meinen Kopf. Doch als die junge Frau, sich eine Strähne ihrer gold-blonden Haare hinter das Ohr streicht, die der Wind ihr ins Gesicht weht, trifft es mich ein Blitz. Mit festem Blick sieht sie mir direkt in die Augen, sodass ich nun am ganzen Körper zittere und ich mich für den Spruch mit dem Junkie verfluche. „Das gibt es doch nicht“, murmele ich verblüfft und kneife mir selbst ins Bein, um mich zu vergewissern, dass ich wirklich bei Sinnen bin und das nicht Teil meines Traums von letzter Nacht ist.

Die junge Frau reckt skeptisch dreinschauend das Kinn und löst den Blick von mir.

Ich schlucke hart, als sie sich seitlich dreht und mir ihr wunderschönes Profil zuwendet. Ihr langer Rock in einem warmen Rotton ist mit Blumen verziert und das cremefarbene Häkeltop schmeichelt ihrer zierlichen Figur.

In meiner Kehle wird es furchtbar eng und trocken, als sie einen Schritt nach vorn macht, und über die Straße spaziert, als wäre nichts gewesen.

Warum steige ich Idiot nicht aus und frage, ob es ihr gut geht? Ich bin kurz davor, denn meine Beine zucken bereits, als sie am Straßenrand stehenbleibt und mir ein weiteres Mal direkt in die Augen sieht.

Wie ein Blitz geht es mir durch Mark und Bein.

Obwohl ihr Blick finster ist, leuchten ihre Augen wie Sterne.

„Komm, steig aus und entschuldige dich!“, mahnt mich mein schlechtes Gewissen, doch ich fühle mich wie gelähmt. Okay, okay. Die Kapitulation siegt. Ich greife nach dem Schlüssel im Zündschloss und will ihn herumdrehen, um den Motor auszuschalten. Vielleicht steht die junge Frau doch unter Schock und braucht ärztliche Versorgung. Nicht zu helfen wäre unterlassene Hilfeleistung. Meine Hand greift schon nach der Tür, um sie zu öffnen, doch ich halte inne, als sie den Arm hebt und mir den Stinkefinger zeigt.

Der düstere Ausdruck in ihrem anmutigen Gesicht versetzt mir einen Schlag in die Magengrube.

„Na, super“, murmele ich und trete entrüstet das Gaspedal durch. Die sonderbare Anziehungskraft dieser Frau hat mit einer einzigen Geste nachgelassen und ich kann es gar nicht abwarten, hier schnell genug wegzukommen. Ich schäme mich plötzlich sehr und traue mich nicht einmal beim Weiterfahren, in den Rückspiegel zu sehen. Als ich es doch wage, ist die unbekannte Schönheit verschwunden. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinab, denn es war haargenau die Frau aus meinem Traum. Die Frau, deren Augen und deren Namen ich nicht vergessen kann: Ari.