Leseprobe Am Ende das Nichts

Prolog

Eiskalt. Der Regen. Die Tränen.

Kälte ist die einzige Empfindung, die es vermag zu mir durchzudringen.

„Asche zu Asche, Staub zu Staub...“ Die Worte des Pfarrers erreichen mich nicht. Sie prallen an mir ab wie die Regentropfen auf den Schirmen der Trauergäste und zerrinnen im Nichts. Unaufhörlich stelle ich mir dieselbe Frage.

Warum? Warum stehe ich hier? Warum geht das Leben so seltsame Wege? Warum musste es an diesem Ort enden? Warum? Ich kann nicht denken, finde keine Antworten.

Alles scheint erstarrt zu sein. Die Trauernden, die ihre Schirme krampfhaft festhalten, meine Gefühle, das ganze Leben.

Ich spüre, wie mich jemand ansieht. Für ein paar Sekunden verfangen sich unsere Blicke, fressen sich aneinander fest. Das Unausgesprochene lässt mich frösteln: Es gibt kein Zurück, keine Möglichkeit das Vergangene zu ändern. Was bleibt ist Erinnerung, Qual und der Blick in eine ungewisse Zukunft.

1 – Neubeginn

Verhängnisvolle Ereignisse kündigen sich nicht an. Sie kommen langsam, schleichend, unbemerkt. Eine einzige Entscheidung kann genügen, um sie ins Rollen zu bringen. In meinem Fall war es der Entschluss wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Die Idee, meinem beschaulichen Leben als Hausfrau und Mutter den Rücken zu kehren, kam mir eines Tages beim Zubereiten des Abendessens in den Sinn.

„Immer das Gleiche!“, dachte ich, während sich eine Tomate durch mein scharfes Messer in kleine Stücke verwandelte. „Ich mache immer das Gleiche, seit neun Jahren. Haushalt, shoppen, Freundinnen treffen, Babs in der Galerie helfen, mich um Sascha kümmern. Und der braucht mich auch immer weniger. Er verbringt mehr Zeit mit seinen Freunden als mit mir.“

Mit Schwung landeten die Tomatenstücke auf den Salatblättern.

„Ich brauche eine Herausforderung, eine eigene Aufgabe. Vielleicht sollte ich ja wieder unterrichten“, überlegte ich.

Voller Energie zerkleinerte ich eine Salatgurke. Je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde das Verlangen, wieder mit Schülern zu arbeiten, bis der feste Entschluss fiel, mich für den Schuldienst zu bewerben. Ich schob die Gurkenstücke vom Schneidebrett in die Schüssel und konnte es kaum erwarten, bis Alex, mein Mann, von der Klinik nach Hause kam, um ihm mein Vorhaben mitzuteilen. Während ich Olivenöl über den Tunfischsalat verteilte, stellte ich mir bildlich vor, wie er begeistert meinem Ansinnen lauschen und erfreut zustimmen würde, so wie er bisher mit fast allen meinen Ideen einverstanden gewesen war. Mein Mann liebte mich so sehr, dass er mir kaum etwas abschlagen konnte.

Ein Lied aus dem Radio mitträllernd, durchmischte ich alle Zutaten und dachte keine Sekunde daran, dass es dieses Mal anders sein könnte. Ich hörte, wie die Haustür aufgesperrt wurde, und ließ alles liegen, um Alex entgegenzulaufen.

„Hallo Liebling!“, rief ich und umarmte ihn.

„Hallo meine Süße“, antwortete er mit müder Stimme und gab mir einen zärtlichen Kuss.

Ich blickte in sein Gesicht und erkannte darin nur grenzenlose Erschöpfung.

„Harter Tag?“

„Unglaublich hart. Ich brauche jetzt erst einmal etwas zum Trinken und dann muss ich mich kurz hinlegen, sonst kipp’ ich um!“

Ich streichelte bedauernd seinen Oberarm und zog ihn untergehakt in die Küche. Zähneknirschend musste ich mir eingestehen, dass der Zeitpunkt, ihm meinen folgenreichen Entschluss mitzuteilen, ungünstig gewählt war. Doch ich brannte so sehr darauf, ihm die Neuigkeit mitzuteilen, dass ich den fatalen Satz „Übrigens, ich habe beschlossen wieder als Lehrerin zu arbeiten!“ trotzdem aussprach. Alex setzte sein Trinkglas ab und warf mir einen verständnislosen Blick zu, als ob ich chinesisch mit ihm gesprochen hätte.

„Wie bitte? Darauf muss ich jetzt hoffentlich nicht antworten. Ich bin hundemüde“, meinte er nur und ging wortlos ins Wohnzimmer.

„Jetzt bleib doch hier! Ich möchte nur deine Meinung dazu hören!“, rief ich und lief ihm nach.

„Schatz, ich habe heute zwei wirklich lebensgefährliche Operationen am offenen Herzen absolviert! Ein Patient wäre beinahe gestorben. Denkst du tatsächlich, ich wäre jetzt in der Lage, mich mit so einem Thema zu beschäftigen?“ Er sah mich verdrießlich an.

„Versuch es wenigstens“, bettelte ich.

„Na gut, du willst es ja nicht anders. Die Idee, wieder als Paukerin zu arbeiten, solltest du schnellstens vergessen oder willst du etwa auch zu den 60 Prozent an Burnout-Syndrom leidenden Lehrern gehören, und irgendwann mit psychosomatischen Herz- und Kreislaufbeschwerden bei mir in der Klinik landen?“

Erschöpft ließ er seine 1,90 Meter große Statur in seinen Lederlehnsessel fallen und kippte ihn in Schlafposition. Ein unumstößliches Zeichen, dass er nicht gewillt war, länger über dieses Thema zu reden. Ernüchtert setzte ich mich auf die Couch. Alex’ stressiger Berufsalltag an einer großen Münchner Klinik machte die Momente, in denen er Kraft und Zeit genug hatte, sich mit unliebsamen Themen zu beschäftigen, ziemlich rar. Ich musste mich aber bald bewerben und konnte deshalb den richtigen Moment nicht abwarten.

„Alex“, sagte ich in beschwichtigendem Ton, „ich möchte es aber. Ich habe wieder Lust zu unterrichten! Ich möchte endlich etwas Sinnvolles tun und nicht immer nur im Haushalt arbeiten, die Familie organisieren und Freundinnen treffen. Ist auf Dauer nicht gerade erfüllend.“

Alex öffnete seine schwarz bewimperten braunen Augen und sah mich stirnrunzelnd an.

„Wer oder was hat dich eigentlich darauf gebracht, dass dein Leben sinnentleert sei?“

„Da muss mich niemand darauf bringen, das habe ich ganz alleine herausgefunden“, entgegnete ich pikiert. Mit einer ungeduldigen Bewegung fuhr er sich durch seinen kurz geschnittenen schwarzen Haarschopf, in den sich schon ein paar graue Exemplare eingeschlichen hatten.

„Unser Kind zu einem mündigen Bürger zu erziehen ist doch eine sehr wichtige Aufgabe, findest du nicht? - Na gut, ich habe ja nichts dagegen, wenn du deine imaginäre Sinnkrise bekämpfen willst. Aber muss es ausgerechnet die Schulmeisterei sein? Dich hat der Job doch schon ohne Kind gestresst, und außerdem bist du schon so lange weg vom Metier. Ich habe jedenfalls keine Lust darauf, dich wieder Tag und Nacht wegen der Schule herumrotieren zu sehen“, sagte er und schloss die Augen als Signal, dass er sich nicht weiter mit diesem Thema befassen wollte.

Ich betrachtete ihn verärgert. Was er da von sich gab, war vollkommen übertrieben. Während meiner Referendarzeit und in den fünf Jahren als fest angestellte Lehrerin war ich sehr engagiert und dementsprechend ausgelastet gewesen. Aber ich hatte nichtsdestoweniger Spaß an meinem Beruf gehabt.

„Natürlich wird es anfangs nicht leicht sein. Aber das ist in jedem Beruf so, wenn man nach längerer Zeit wieder einsteigt. Ich schaffe das, so wie ich es auch damals geschafft habe“, versuchte ich noch einmal die Diskussion anzuheizen.

„Lass uns bitte ein anderes Mal darüber reden, okay?“, entgegnete er mit gereiztem Unterton.

Nein, das war nicht okay. Seit wir zusammen waren, hatte immer eitel Harmonie geherrscht, hatten wir Entscheidungen stets gemeinsam getroffen, indem wir alle Für und Wider gegeneinander abwogen und unterschiedliche Meinungen ohne Streit austauschten. Wir hatten gemeinsam beschlossen eine alte Villa zu kaufen und zu renovieren. Wir hatten auch gemeinsam beschlossen kein weiteres Kind zu bekommen, nachdem die Geburt unseres Sohnes vor neun Jahren für mich sehr riskant verlaufen war. Und jetzt sollte es nicht möglich sein, über meinen Wiedereinstieg in den Beruf zu sprechen?

„Ich will aber jetzt darüber reden!“, sagte ich eigensinnig. Alex gab einen tiefen Stoßseufzer von sich und kippte seinen Sessel in die Sitzposition zurück.

„Also gut, diskutieren wir es zu Ende. Was ist mit Sascha? Meinst du nicht, dass er dich noch braucht? Er ist doch erst neun.“

„Und ich schon 39. Ich will doch nicht erst dann wieder einsteigen, wenn andere anfangen an ihre Pensionierung zu denken!“

„Deine Eltern wohnen in Landshut und meine Mutter erträgt wegen ihrer Migräne kein Kindergeschrei. Du hast also niemanden, der auf ihn aufpasst, wenn du mal keine Zeit hast. Vernachlässigte Kinder geraten schnell auf die schiefe Bahn mit falschen Freunden, Drogen etc.“ Von Alex’ Müdigkeit war plötzlich nicht mehr viel zu bemerken.

„Also du übertreibst maßlos! Sascha hat seine Freunde, Leon und Max, bei denen er auch jetzt schon die meiste Zeit ist. Er ist sehr selbstständig geworden und braucht mich nicht mehr rund um die Uhr. So viele Frauen gehen arbeiten, auch mit zwei und drei Kindern. Stellen wir doch eine Haushaltshilfe ein, dann habe ich Zeit für Sascha und kann ihn vor dem sicheren Absturz bewahren!“, triumphierte ich und freute mich über meinen genialen Einfall.

„Haushaltshilfe!?“, rief Alex empört. „Das wird ja immer schöner! Die kramt dann in meinen Sachen, bringt meinen Schreibtisch in Unordnung und tunkt womöglich meine wertvollen Mercedesmodelle zum Abstauben in ein Seifenwasserbad!“

Ich bedauerte, dass ich ihm nicht seine verdiente Ruhe gegönnt und einen entspannten Moment abgewartet hatte. Die Diskussion würde ad absurdum geführt werden, wenn ich sie nicht schnellstens beendete.

„So ein Unsinn! Das macht doch niemand!“

„Doch, meine Oma hat es getan, mit meinen Segelschiffsmodellen. Schatz, du musst nicht arbeiten, ich verdiene genug Geld und …“

„Himmel noch mal!“, unterbrach ich ihn die Beherrschung verlierend. „Es geht doch hier nicht um Geld. Du hast mir überhaupt nicht zugehört! Ich will nicht mehr nur zu Hause sein, sondern wieder arbeiten gehen, Kontakt zu Kollegen haben. Ich habe nicht vor, wegen deiner Haushaltshilfephobie meinen Beruf aufzugeben. Ich werde genaue Anweisungen geben, was sie beim Saubermachen tun und bleibenlassen soll, dann klappt das alles wunderbar, du wirst sehen.“

Alex sank resigniert in die Sesselpolster zurück. „Ich glaube, für heute gehen mir die Argumente aus. Aber einen Vorschlag hätte ich noch: Warum fragst du nicht deine Freundin Babs, ob sie dich zur Teilhaberin ihrer Galerie macht! Du verbringst ohnehin einen Großteil deiner Zeit dort, um bei den Vernissagen zu helfen. Na, das wäre doch was, wo du so kunstbegeistert bist!“

Sein angeblicher Geistesblitz zauberte ein triumphierendes Lächeln auf sein Gesicht.

„Alex, du musst wirklich sehr müde sein, sonst kämst du nicht auf solche Schnapsideen. Ich werde wieder als Lehrerin arbeiten, das ist Fakt, und jetzt schlaf den Schlaf des Gerechten!“

„Morgen finde ich das schlagende Argument, das dich vor dem sicheren Untergang bewahrt“, murmelte er und schloss die Lider.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis er ins Reich der Träume abgedriftet war. Nachdenklich beobachtete ich, wie sich sein Brustkorb regelmäßig hob und senkte und seine Gesichtszüge sich immer mehr entspannten.

Da lag er, der Mann, der mich in himmlische Sphären katapultiert hatte, als ich ihm vor siebzehn Jahren auf einem Rockkonzert begegnet war. Manchmal empfand ich es beinahe als Wunder, dass wir uns nach all diesen Jahren immer noch innig liebten und nicht ohne einander sein konnten. Es war damals die sagenumwobene Liebe auf den ersten Blick gewesen und zwischen uns hatte sofort eine tiefe Vertrautheit geherrscht, als hätten wir uns schon ein Leben lang gekannt. Ich war so verliebt gewesen in diesen gut aussehenden, sportlichen und humorvollen Medizinstudenten, dass ich kurz entschlossen meine ohnehin angeschlagene Beziehung zu meinem damaligen Partner löste. Bald darauf waren wir zusammengezogen, studierten und heirateten, nachdem er sein Studium beendet hatte. Als dann unser Sonnenschein Sascha geboren wurde, hatte ich mich beurlauben lassen, um Alex beruflich den Rücken zu stärken.

„Hallo Mama!“, riss mich eine Kinderstimme aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah Sascha, der fröhlich auf mich zugelaufen kam. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen.

„Pssst! Papa schläft!“, flüsterte ich, als Sascha auf meinen Schoß kroch.

„Och, schade. Glaubst du er hilft mir heute noch bei meinem Baukasten?“, flüsterte er zurück. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, dazu ist er heute zu müde. Morgen ist Samstag, da hat er bestimmt Zeit.“

„Papa wird sich freuen, wenn er sieht, wie weit ich schon gekommen bin!“, wisperte Sascha mit strahlenden Augen, die denen von Alex so ähnlich waren.

„Ganz bestimmt wird er das, mein Liebling“, meinte ich lächelnd und strich zärtlich mit der Hand durch seine schwarzen Locken, die er von seinem Opa väterlicherseits geerbt haben musste, denn sowohl ich als auch Alex waren mit so genannten Schnittlauchlocken gesegnet. Sascha wich mir aus.

„Mama, ich bin doch keine Ziege aus dem Streichelzoo!“, protestierte er.

Es passierte in letzter Zeit häufiger, dass er sich gegen zu viel Bemutterung und zärtliche Zuwendungen meinerseits wehrte. Als ausgebildete Pädagogin verstand ich das natürlich, hatte aber nichtsdestotrotz Schwierigkeiten mit dem beginnenden Abnabelungsprozess.

„Sag Papa, dass ich ihn ganz arg lieb habe. Ich gehe wieder basteln“, tuschelte er mir ins Ohr und lief davon. Ich musste lächeln und freute mich wieder einmal darüber, welch gutes Verhältnis die beiden zueinander hatten. Auch dafür liebte ich Alex. Man konnte ihn getrost als guten Vater bezeichnen. Obwohl seine Karriere viel Zeit in Anspruch nahm, hatte er sich in seiner Freizeit immer intensiv mit Klein-Sascha beschäftigt, Er war mit ihm auf den Spielplatz gegangen, Fahrrad gefahren, hatte ganze Burgen aus Legosteinen mit ihm gebaut. Aber nur unter der Voraussetzung, dass das Kind in bespielbarem Zustand war, sprich gewaschen, gefüttert, gewickelt und angekleidet. Ich zeigte Verständnis dafür, denn sein Job an der Klinik war mit viel Verantwortung und körperlicher Anstrengung verbunden. Auch für häusliche Tätigkeiten zeigte er wenig Talent und Interesse. Mein Mann verhielt sich eher so, wie die Evolution es für ihn vorgesehen hatte: in die raue Welt zum Jagen hinauszugehen, abends in die Höhle an das gut behütete Feuer zurückzukehren und freudestrahlend seinen Beutezug zu präsentieren. Sein größter Beutefang war die Ernennung zum Chefarzt vor knapp einem Jahr gewesen. Ich hatte bis dato immer Rücksicht auf ihn und seine anstrengende Karriere genommen, doch nun sah ich keine Notwendigkeit mehr, meine Bedürfnisse weiterhin zurückzustecken. Am nächsten Tag gab ich ein Stellengesuch für eine Haushaltshilfe auf. Gleichzeitig schickte ich den Antrag zur Wiederaufnahme in den Schuldienst weg, womit die dramatischen Verwicklungen unaufhaltsam ihren Lauf nahmen.

2 – Schrittweise

Auf das Geschehene zurückblicken, die Fehler erkennen, das Unabänderliche annehmen müssen – der Schmerz drückt mich fast zu Boden.

Entspannung, ich sehnte mich nach Entspannung! Langsam sank ich auf die Liege und schloss die Augen. Das gleichmäßige Meeresrauschen, die leichte, warme Brise, die über meinen Körper strich, der salzige Geruch in der Luft, das entfernte Lachen und Reden der anderen Badegäste waren Sinneseindrücke, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ich konnte endlich innerlich loslassen.

Schon seit drei Tagen befand ich mich mit Alex und Sascha in Spanien an der Costa Brava, einquartiert in einem schönen Ferienhaus mit Pool, und dennoch war es mir nicht gelungen, die Unruhe zu unterdrücken, die beim Gedanken an meinen beruflichen Neuanfang immer wieder aufflammte. Freudige und bange Gefühle hielten sich dabei die Waage.

Sei nicht dumm, hatte mich meine innere Stimme ermahnt, hör auf zu grübeln und genieße gefälligst die letzten drei Wochen vor dem Sturm! Und genau das tat ich jetzt. Ich atmete tief ein und gab einen wohligen Seufzer von mir. Kaltes Wasser platschte auf meinen Bauch und riss mich aus meiner Verzückung.

„Iiiiiiieh, Alex, du Fiesling, na warte!“ Lachend jagte ich ihn über den wenig belebten Strand und warf ihn im seichten Wasser zu Boden. Spielerisch kämpfend wälzten wir uns in den sanften Wellen, bis ich mich schließlich Alex’ innigen und überaus salzigen Küssen ergab.

„Ist das herrlich hier!“, schwärmte dieser in einer Kusspause. „Kein Stress, keine Pflichten, kein Piepsgerät weit und breit, viel Zeit zum Küssen …“

Seine Lippen verschmolzen wieder mit meinen.

„Ihr seid ja sooo peinlich! Immer die blöde Küsserei. Spielt lieber Frisbee mit mir!“, ertönte Saschas Stimme plötzlich. Seine Hände in beide Hüften gestemmt, stand er als personifizierte Empörung vor uns. Lachend setzten wir uns auf.

„Ach, Moralapostel Sascha! Schon gut, wir kommen!“, gluckste Alex amüsiert und zog mich schwungvoll mit sich in die Höhe.

„Die Peinlichkeiten müssen wir wohl auf heute Nacht verschieben, meine Süße“, raunte er mir neckisch zu und lief dann hinter Sascha her.

Es musste eine dunkle Vorahnung gewesen sein, die mich diese kostbaren Augenblicke vollkommenen Glücks bis in die letzte Faser auskosten ließ. Der Zauber der Unbeschwertheit, die während des gesamten Urlaubs zwischen uns geherrscht hatte, verflog schneller, als mir lieb sein konnte. Übergangslos ergriff der Alltag nach unserer Rückkehr von uns Besitz. Schon am nächsten Tag war ein Termin mit unserer neuen Haushaltshilfe Magdalena festgesetzt, um ihr alles Notwendige zeigen zu können. Lena, wie sie genannt werden wollte, war eine hübsche, dreißigjährige Spanierin, lebte seit ihrer Kindheit in Deutschland, war seit einem Jahr geschieden und hatte zwei Kinder im Grundschulalter.

Dass sie auch zwei Gesichter besaß, musste ich erschrocken feststellen, als ich sie höflich bat, das Rauchen in unserem Hause zu unterlassen. Beim Vorstellungsgespräch war sie die Freundlichkeit in Person gewesen und ich hatte sie sofort sympathisch gefunden. Doch heute erfuhr meine angeblich gute Menschenkenntnis einen enormen Tiefschlag.

„Heißt das auch nicht auf dem Balkon?“, schnarrte sie mich an. Ihr Zahnpastalächeln war augenblicklich verflogen und ihre Miene verfinsterte sich derart, dass ich unweigerlich zurückschreckte.

Ich war noch zu perplex, um souverän gegensteuern zu können, und stammelte nur: „Ähm, ich meine ja nur, ähm, wissen Sie, wir sind beide Nichtraucher und mein Sohn …“

„Kann ich jetzt oder nicht?“, unterbrach sie mich ungeduldig und in ihren Augen war mühsam unterdrückte Wut zu erkennen.

Ich raffte mich innerlich auf und sagte so selbstbewusst wie möglich: „Ich möchte nur, dass Sie während der Arbeitszeit gar nicht rauchen. Nach getaner Arbeit gerne, meinetwegen auch auf dem Balkon, Hauptsache außerhalb des Hauses.“

Ich lächelte sie dabei tapfer an, doch Lena fixierte mich immer noch mit zusammengezogenen Augenbrauen und gab schließlich einen knurrenden Laut von sich.

„Wenn es unbedingt sein muss. Kann ich jetzt gehen?“

„Aber sicher. Kommen Sie am ersten Arbeitstag bitte um sieben Uhr, damit ich Sie noch einweisen kann. Also bis dann! Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.“

Lena reichte mir unwillig die Hand und verabschiedete sich brummelnd. Ziemlich ernüchtert schloss ich die Haustür und schenkte mir erst mal einen Orangenlikör ein. Hatte Lena mir die Superfreundliche nur vorgespielt, um diese Stelle zu bekommen? Wie hatte ich mich nur so täuschen können? Vor meinem geistigen Auge sah ich eine wütende Lena, die beim Staubwischen meine Designervase fallen ließ und genussvoll sämtliche Mercedessterne an Alex’ Automodellen abknickte. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, wie immer, wenn ich mich aufregte.

Das geht ja schon gut los, dachte ich und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses unfreundliche Gespräch nur ein winziger Keimling dessen war, was mich noch erwarten sollte.

Mit einem Schluck Likör spülte ich die unangenehmen Gedanken hinunter und begab mich an meinen Schreibtisch. Schließlich hatte ich Wichtigeres zu tun, als mir darüber Gedanken zu machen, wie man rebellierende Haushaltshilfen in Schach halten konnte. Doch kaum hatte ich begonnen, den Unterrichtsverlauf für den ersten Schultag zu planen, läutete das Telefon. Es war Babara, meine Freundin, die mir aufgeregt ins Ohr kreischte: „Isabel, wo bleibst du?“

„Hallo Babs! Was heißt hier wo bleibst du?“

„Aber du wolltest mir doch helfen Josefs Vernissage vorzubereiten! Das hast du mir fest zugesagt!“

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie hatte ich das nur vergessen können?!

Babs war die Frau eines Kollegen von Alex und besaß eine Kunstgalerie in der Innenstadt. Vor genau zehn Jahren hatten wir uns kennengelernt, als Alex ein paar Kollegen samt Frauen zu uns nach Hause eingeladen hatte. Seitdem pflegten wir eine enge Freundschaft, die auch bestens funktionierte, weil ich mich ebenfalls für Kunst interessierte. Wie oft hatte ich ihr schon bei der Gestaltung von Vernissagen geholfen und nicht einen einzigen Termin versäumt. Bis auf heute.

„Entschuldige vielmals! Ich habe es vor lauter Gedanken an den ersten Schultag total verschwitzt!“

Babs schnaubte entrüstet: „Erster Schultag? Aber ich habe auf dich gezählt! Du musst unbedingt noch kommen, sonst schaffe ich es nicht mehr!“

Sie klang so verzweifelt und vorwurfsvoll, dass ich ihr spontan zusagte, in einer halben Stunde bei ihr zu sein, obwohl es für mich die reinste Zeitverschwendung bedeutete.

In Windeseile tauschte ich meinen Jogginganzug gegen ein Kostüm, schminkte mich in weniger als zwei Minuten mit dem Ergebnis, dass ich danach aussah wie eine Zwölfjährige, die ihre Weiblichkeit entdeckt und sich an Mamas Schminktiegel vergriffen hatte. Nach einer notdürftigen Korrektur sagte ich Sascha Bescheid, dass wir zu Babs fahren mussten. Er protestierte lautstark, doch ich ignorierte sein Gezeter, drückte ihm ein Buch über Dinosaurier in die Hand und zog ihn mit zum Auto.

„Ich kann Ausstellungen nicht leiden und Babs und diesen doofen Maler auch nicht!“, rief er keifend vom Rücksitz nach vorne, als ich anfuhr.

„Ich weiß, Schätzchen, aber ich kann dich doch nicht alleine lassen!“

„Da sind nur Erwachsene, nichts darf man anfassen und hundert Mal fragen mich die doofen Leute, wie ich heiße und wo meine Mami ist. Das ist so blöd dort, Manno!“

Saschas Nörgelei begleitete mich, bis wir bei der Galerie ankamen. Bevor wir das Gebäude betraten, legte ich meine Hände auf seine Schultern und sagte: „Wenn dir wieder jemand eine dumme Frage stellt, dann sagst du einfach: ‚Bitte sprechen Sie mich nicht an, ich bin ein Kunstobjekt.‘“

Saschas Gesicht hellte sich auf. „Du bist echt cool, Mama!“

Als wir den Ausstellungsraum betraten, hielt ich sofort Ausschau nach Babs. Ein paar Angestellte vom Catering-Service liefen geschäftig hin und her, um das Buffet aufzubauen, und wir mussten aufpassen, dass wir ihnen nicht in die Quere kamen.

„Hallo, da bist du ja!“, hörte ich plötzlich Babs rufen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie sah blendend aus, gekleidet mit einem weinroten, figurnahen Kostüm, die mittellangen, glatten schwarzen Haare an den Seitenpartien perfekt in Stufen geschnitten und mit einem Make-up, von dem ich heute nur träumen konnte. Man sah ihr das Alter von 41 Jahren nicht an und niemand, der sie zum ersten Mal sah, würde vermuten, dass sie schon ziemlich harte Zeiten mit ihrem ersten Mann, der spielsüchtig war, hinter sich hatte. Ihr Leben hatte sich erst zum Besseren gewendet, als sie sich scheiden ließ und ihren jetzigen Mann Hugo, einen Kollegen von Alex, kennenlernte. Er hatte sie nach Kräften unterstützt und den Aufbau ihrer Galerie in der Münchner Innenstadt ermöglicht.

„Hallo, da bin ich wie versprochen!“, sagte ich und umarmte sie.

„Na Sascha, wolltest du deine Mami begleiten?“, sagte sie mit Blick auf ihn und wuschelte ihm durch das Lockenhaupt. Ich wusste natürlich, dass sie mich in ihren heiligen Hallen lieber ohne Anhängsel empfing. Sie selbst besaß keine Kinder und hatte auch nie den dringenden Wunsch gehabt, welche zu besitzen, wie sie mir einmal im Vertrauen gestand. Das Verständnis für kindliche Allüren hielt sich deshalb in Grenzen.

„Von wollen kann gar keine Rede sein!“, entgegnete ich schnell, bevor Sascha den Mund aufmachen konnte. „Ich habe alles liegen und stehen lassen, um zu dir zu kommen. So schnell hätte ich niemanden gefunden, der auf Sascha aufpasst.“

„Na das sieht man. Dein Make-up und deine Frisur! Du hast auch schon mal besser ausgesehen.“

Babs’ direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, war manchmal nur schwer zu verkraften.

„Vielen Dank für die Blumen. Ich kann auch wieder gehen, wenn ich nicht hierher passe. Ich habe sowieso keine Zeit“, meinte ich deshalb beleidigt.

„Aber nein, so habe ich das doch nicht gemeint. Wieso hast du denn keine Zeit?“

Bevor ich dazukam ihr vorzuhalten, wie ignorant sie zuweilen sein konnte, kam ein schlanker, groß gewachsener Mittvierziger mit ergrautem, aber gewelltem vollem Haar und einem charmanten Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen auf uns zugesteuert. Er umarmte Babs und begrüßte sie mit englischem Akzent.

„Darf ich vorstellen, das ist Henry Thompson, ein bedeutender Galerist aus London und guter alter Bekannter“, sagte sie zu mir gewandt, und auf mich deutend: „Isabel Seland, Grundschullehrerin und trotzdem meine beste Freundin.“

Mr Henry Thompson ergriff galant meine rechte Hand und lächelte mich dabei noch galanter an, so dass ich gar keine Zeit fand, mich über das ‚trotzdem‘ aufzuregen, geschweige denn etwas zu entgegnen.

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen!“, sagte er mit nach hinten gerolltem R, verneigte sich andeutungsweise und ließ seinen Blick wohlwollend auf mir ruhen. Aus welchem Film war der denn entsprungen? Solch ritterliches Verhalten konnte nicht real sein!

„Ganz meinerseits“, entgegnete ich mechanisch und lächelte zurück. Bevor er etwas sagen konnte, umarmte mich Sascha von hinten so heftig, dass ich beinahe auf Mr Thompson gefallen wäre. Er wich einen Schritt zurück und bedachte Sascha mit einem amüsierten Blick.

„Na junger Mann, nicht so stürmisch, sonst bleibt deine Mama nicht standhaft“, sagte er mit belustigtem Unterton in der Stimme. So viel Zweideutigkeit hätte ich diesem Gentleman gar nicht zugetraut.

Sascha legte sofort los: „Josef ist so gemein zu mir. Ich wollte ihm nur helfen!“

Mir schwante Schreckliches. „Wobei?!“

„Die Bilder wegräumen, die eh kein Mensch kauft.“

Bevor ich ihn zurechtweisen konnte, ergriff Babs das Wort.

„Saschaschätzchen, was habe ich dir letztes Mal gesagt, was mit bösen Buben passiert, die Bilder anfassen?“

Mit Entsetzen registrierte ich Saschas zitterndes Kinn als Zeichen eines nahenden Tränenausbruchs. So etwas passierte ihm nur in Extremsituationen. Die Löwenmutter in mir erwachte und ich fuhr Babs unwirsch an.

„Was hast du letztes Mal zu ihm gesagt?“

„Ähm, so schlimm war das gar nicht gemeint …“

„Was?!!“

An ihrer Stelle antwortete der schluchzende Sascha: „Fffp, dass mir die, ffp, Hände abfallen!“

Ungläubig starrte ich Babs an und vernahm gleichzeitig ein leises Lachen von Mr Thompson. Ich konnte in diesem Augenblick wahrhaftig nichts Lustiges daran finden, dass mein Kind mit übler Struwwelpeterpädagogik zur Räson gebracht worden war. Empört warf ich ihm einen Blick zu.

„Ich kann darüber nicht lachen. Kinderseelen sind so verletzlich. Mein Sascha weint so gut wie nie und jetzt das! Komm, Sascha, wir gehen!“, sagte ich pikiert und streckte meine Hand nach ihm aus, doch ich griff ins Leere. Sascha hatte sich umgedreht und lief grinsend zu einer Angestellten vom Catering-Service, die ihm irgendein Schnittchen reichte.

„Siehst du, alles halb so schlimm!“, rief Babs erleichtert.

„Kinder vertragen mehr, als man glaubt. Das weiß ich von meinem Sohn aus erster Ehe“, bestätigte Mr Thompson. Ich gab mich geschlagen bei so viel geballter pädagogischer Überzeugungskraft. Als Sascha mir dann auch noch lachend zuwinkte, musste ich mir eingestehen überreagiert zu haben.

Henry Thompson verwickelte mich in ein Gespräch über zeitgenössische Künstler, die er für seine Galerie an Land zog, während wir Babs halfen ein paar von Josefs Bildern aufzuhängen. Anschließend tranken wir zusammen noch ein Glas Sekt. Ganz Gentleman erkundigte er sich zunächst nach meinem Leben, ohne dabei neugierig zu wirken, und hörte interessiert zu. Als er schließlich von sich erzählte, war es die etwas selbstverliebte Art, die mich störte. Sie versetzte meiner anfänglichen Sympathie für ihn einen empfindlichen Dämpfer. Ich sah auf meine Uhr.

„Oh, schon nach acht Uhr. Jetzt wird es aber Zeit zu gehen!“

„Wie schade, ich fand unsere Unterhaltung sehr angenehm“, meinte Henry und sah mich mit einem Ausdruck an, der das Gesagte noch unterstrich. So viel konzentrierter Charme war schon fast unheimlich und ich fragte mich, wo der Haken dabei war. War es vielleicht nur bodenlose Heuchelei?

„Tja, leider, die Pflicht ruft! War nett Sie kennenzulernen. Auf Wiedersehen!“

Ich reichte ihm die Hand. „Ganz meinerseits. Vielleicht können wir uns einmal wiedersehen. Ich bin für eine Weile in Deutschland. Wäre wirklich schön!“

Mit den Schultern zuckend sagte ich nur: „Ja vielleicht!“, und ging dann ins Nebenzimmer Sascha holen, der sich dort mit Babs Malutensilien künstlerisch verausgaben durfte.

Inzwischen hatte sich die Galerie mit den ersten Gästen gefüllt, die mit einem Sektglas in der Hand in Gruppen zusammenstanden oder Bilder betrachteten. Babs kam eiligen Schrittes herbei, um uns zu verabschieden. „Geht ihr schon? Du hast dich doch so prächtig mit Henry unterhalten.“

„Ja, aber ich muss noch Kreisspiele für den ersten Unterrichtstag heraussuchen!“

„Kreisspiele!? Und dafür lässt du diesen Ausbund an Charme einfach stehen?“

„Ich muss!“

„Aber er war offensichtlich ganz begeistert von dir. Wie findest du ihn denn? Wäre der nicht eine Sünde wert?“

Sie hatte sicherlich schon zu viel Champagner intus, sonst würde sie nicht solchen Unsinn reden.

„Wie bitte? Ich bin glücklich verheiratet! So etwas kommt für mich niemals in Frage! Und schon gar nicht mit diesem Obercharmeur!“

„Sag niemals nie! Es gibt Männer, die die standhaftesten Frauen zum Wanken bringen“, meinte sie augenzwinkernd.

„Niemals!“, versicherte ich noch einmal mit Nachdruck. Und glaubte auch daran.