Leseprobe Alles, was ich an dir liebe

Kapitel Eins

Liya

Meine Mutter war total verrückt nach WhatsApp. Chatten konnte sie zwar nicht, aber alle anderen Funktionen der App hatte sie drauf. So konnte sie mir auch ein halbes Dutzend Bilder von dem Kerl schicken, den sie und mein Vater für mich auserwählt hatten. Genau genommen war er der Einzige, der überhaupt bereit gewesen war, mich kennenzulernen. Und fairerweise muss man sagen, dass das allein schon ein Triumph war. Er wusste wohl nicht, mit wem er es zu tun bekommen würde.

Nun waren meine Eltern überzeugt, dass er der Richtige sein musste, weil er eben nicht wie die anderen bei der leisesten Erwähnung des Namens Liya Thakkar sofort abgehauen war.

Ich hatte nicht das geringste Interesse daran, meinen Vater eine Ehe für mich arrangieren zu lassen. Meine Freundinnen waren letztendlich mit ihren Partnern sehr zufrieden, aber ich wollte mich dieser veralteten Tradition einfach nicht beugen. Ich wollte überhaupt nicht heiraten. Feste Bindungen jeglicher Art waren einfach nichts für mich. Nur über meine Leiche.

Wenn ich Lust hätte, für den Rest meines Lebens einem Mann hörig zu sein, könnte ich genauso gut bei meinem Vater bleiben. In einer Kultur, in der man in seinen Zwanzigern ständig von strengen Aunties behelligt wird, die sich als Kupplerinnen aufspielen, musste ich mich der widerlichen Vorstellung einer lebenslangen festen Bindung widersetzen.

Wenn man vom Teufel spricht – in diesem Falle dem, dessen Lenden ich entsprungen war: Dads Name blinkte auf meinem Handydisplay auf. Zum zwanzigsten Mal in dieser Woche schaltete ich daraufhin auf stumm. Er wollte mich doch sowieso nur wieder dazu nötigen, diesen so sorgsam ausgewählten Verehrer kennenzulernen. Wie er schon in mehreren Sprachnachrichten betont hatte, legte er sich schließlich seit bereits fünf Jahren ins Zeug, um einen geeigneten Mann aufzutreiben, bei dem ich mit meinem Ruf und auch sonst überhaupt eine Chance hatte. Wir müssten uns den Kerl schnell schnappen, bevor ihm eine andere Frau schöne Augen machen könnte. Von mir aus durfte sie ihn gern geschenkt haben. Eine Sorge weniger für mich!

Doch dann kam der Abend, an dem ich bei meinen Eltern eingeladen war. Momma hatte mir ein ganz normales Abendessen versprochen, nur für uns drei, nichts Besonderes.

Auf meiner Fahrt zu ihrem Haus im Houstoner Vorort The Woodlands blickte ich in den Rückspiegel meines grauen Lexus. Das Auto hatte ich mir gegönnt, um mir immer wieder vor Augen führen zu können, wie weit ich es im Leben schon gebracht hatte. Zum Beispiel war ich gerade erst befördert worden. Außerdem war der Wagen ein Symbol für meine Unabhängigkeit von Männern.

Obwohl die Sonne schien, überschattete das Blattwerk der hoch aufragenden Bäume fast jeden Zentimeter der bezaubernden Straße, in der meine Eltern wohnten. Beim Bau der Siedlung vor vielen Jahren hatte der Bauunternehmer auf ein Konzept aus ziemlich moderner Architektur im Grünen gesetzt und deswegen darauf bestanden, so wenige Bäume wie möglich zu fällen.

Obwohl mir als Kind das Zusammenleben mit meinen Eltern nicht immer gefallen hatte, liebte ich diese Nachbarschaft. Plötzlich packte mich die Nostalgie und versetzte mich zurück in jene Zeit, in der ich vormittags mit den anderen Kindern herumgetobt hatte – Wind im Haar, Zedern- und Zypressenduft und kichernde Mädchen.

Ich schwelgte gern in der Vergangenheit. Die Gegenwart sah anders aus. Das sah man schon daran, dass ich mein Auto auf der breiten Straße parkte, die mir die beste Fluchtmöglichkeit bot. Warum? Weil ich mit meinem Dad nicht zurechtkam. Ich schnaufte tief durch und besann mich darauf, dass ich heute nur wegen Momma gekommen war. Sie war der Ruhepol, die Fürsorgliche, die einzige Person in meiner Familie, deren Gesellschaft etwas taugte, und der Ursprung meiner bedingungslosen Liebe.

Der Weg über die Kiesel auf der betonierten Einfahrt war viel zu kurz. Blätter knirschten unter meinen braunen Prada-Bikerboots und die Luft war irgendwie eisig, wie eine unheilvolle Mahnung zum Umkehren.

Fröstelnd zog ich den Schal um meinen Hals enger und klopfte an die frisch polierte Eichenholztür, die sogleich schwungvoll von Momma aufgerissen wurde. Obwohl mir die Frau kaum bis ans Kinn reichte, umarmte sie stürmisch meine Schultern, sodass ich mich zu ihr hinunter bücken musste. Ich liebte es, dabei ihr Kokos-Haaröl und ihr Rosenwasserparfüm zu riechen. Das war der Duft von Zuhause.

Wir umarmten uns noch ein wenig länger. Es tat mir immer leid sie loszulassen, weil solche Umarmungen vielleicht meine einzige Möglichkeit waren, sie vor dem Verkümmern zu bewahren.

Sie löste sich aus meiner Umarmung und fächelte sich mit feuchten Augen Luft zu. „Warum klopfst du jedes Mal? Du hast doch einen Schlüssel.“

Ich zog meine Stiefel vor der Tür aus und folgte ihr in Socken auf dem kalten Schmuckfliesenboden nach drinnen. „Ja schon, aber es ist euer Haus, eure Privatsphäre.“

„Wir wussten, dass du kommen würdest. Wobei hättest du uns denn stören sollen?“ Sie lächelte auf ihre besondere unverfälschte und warmherzige Art. Es versetzte mir einen Stich, wenn sie das tat, weil dieser Anblick in den letzten Jahren so selten geworden war.

Der würzige Duft von Gemüsecurry und gebuttertem Roti zog von der Küche durch den Flur und begrüßte mich in der Diele. Sofort lief mir das Wasser im Mund zusammen. Wer schmilzt nicht ein wenig dahin, wenn er das Essen seiner Mutter riecht?

Als ich durch den Flur ging, sah ich Dad im Wohnzimmer gegenüber der Küche auf dem Sofa sitzen. Er hatte seine in Khakihosen steckenden Beine übergeschlagen und blätterte in einer Zeitung. Bis auf das Rascheln der Seiten war es ganz still im Raum und ich fragte mich, wann er mich wohl bemerken würde. Nach ein paar Sekunden begrüßte ich ihn einfach: „Hallo Dad.“

„Ach Liya, du bist es“, stellte er in seinem üblichen teilnahmslosen, leeren Tonfall fest.

Sehr nett. Nicht einmal ein Lächeln oder Augenkontakt waren drin. In dieser raschelnden Zeitung musste wohl irgendwas total Wichtiges stehen.

Ich ging zum Herd, guckte in die Töpfe und Pfannen und schnupperte gierig die wundervollen Düfte. Momma holte Teller und Tassen aus dem Küchenschrank und deckte den Tisch. Da wir uns normalerweise nicht an den Esstisch setzten, hätte ich bereits stutzig werden müssen.

„Du hast dich selbst übertroffen“, sagte ich und schob mir ein mariniertes Stück Rettich in den Mund. Der salzige Geschmack bitzelte auf meiner Zunge. Gemüsecurry in matten Grün- und Orangetönen türmte sich in einer Schüssel. Scharfes Dhal mit einer schimmernden, paprikaroten Schicht obenauf köchelte in einem Topf neben einer Platte mit gelbem Safranreis. Auf der Granitarbeitsfläche stapelten sich knusprige Poppadums mit scharfen Fenchelsamen auf einem Metallteller neben einem Behälter voll cremigem Raita mit leuchtend grünen Minzblättern. Mein Magen knurrte heftig.

„Ach, das ist doch was ganz Alltägliches.“

„Ich kann nicht glauben, dass du jeden Tag zweimal so kochst.“ Ich tunkte ein Stück Gurke in den Raita und ließ es mir im Mund zergehen. Die Kombination aus der knackigen Frische und dem pikanten Joghurt war irgendwie wohltuend.

„Du solltest mehr Zeit in der Küche verbringen und lernen, wie man kocht“, sagte Dad, dessen Blick immer noch auf die Zeitung geheftet war. „Was willst du bloß deinem Ehemann und deinen Kindern später mal zu essen geben?“

„Nahrung“, antwortete ich, schnappte mir einen Löffel, tauchte ihn in das kochend heiße Dhal und kostete vorsichtig von der intensiv nach Tomaten schmeckenden süß-sauren Suppe.

Er schnaubte verächtlich. „Von der Imbissbude? Eine Frau sollte in der Lage sein, drei frische Mahlzeiten pro Tag zuzubereiten. Oder soll dein Ehemann vielleicht verhungern?“

„Er wird sich schon zu helfen wissen, bevor es so weit kommt“, antwortete ich. Es ärgerte mich, dass er mich mit seinen Bemerkungen von Mommas wunderbaren Kochkünsten ablenkte.

„Nach einem langen Arbeitstag wäre er dafür zu müde. Es ist doch das Mindestmaß an Wertschätzung, ihm ein warmes Essen auf den Tisch zu stellen, wenn er nach Hause kommt.“

„Du weißt aber schon noch, dass ich einen MBA habe und gerade erst eine Führungsposition in meiner Abteilung übernommen habe, oder? Das heißt, dass ich auch lange arbeite. Vielleicht sollte eher er das Abendessen für mich machen.“

„Papperlapapp. Die Misere der Frauen ist, dass sie Geld verdienen müssen, obwohl ihre Bestimmung eigentlich darin besteht, ihrem Mann den Haushalt zu besorgen und seine Bedürfnisse zu befriedigen ...“, sagte er in seinem üblichen vorwurfsvollen Ton.

Ich schaltete ab, als er weiter über die Rolle der Frau palaverte. Doch leider konnte ich nicht mehr weghören, als er sagte: „Ist es dir eigentlich egal, dass uns die Leute im Mandir die Hölle heiß machen, weil unsere Tochter nicht verheiratet ist und alleine lebt?“

„Darüber diskutiere ich nicht mit dir; und genauso wenig werde ich wieder bei euch einziehen. Ich lebe seit dem ersten Jahr am College allein.“

„Miss Independent. Dass ich nicht lache“, höhnte er. Dann wandte er sich an Momma und kommandierte: „Mach mir einen Cha.“

Momma, die nervös letzte Hand an ihr Festmahl legte, holte sofort noch einen Kochtopf herbei, um darin den geforderten Gewürztee zuzubereiten. Währenddessen griff ich mir hastig einen Deckel, um das brodelnde Dhal vor dem Überkochen zu bewahren. „Kann ich das ausschalten?“

Sie nickte mir flüchtig zu, während sie anmutig durch die Küche schwebte, um Milch, Zucker, Cha, Minze, Masala und Wasser – alle Zutaten für das warme, aromatische Getränk – zu holen.

„Und beeil dich“, fügte Dad hinzu. „Du weißt, dass ich um diese Tageszeit meinen Tee haben will.“

Während Momma sich also abhetzte, um ein fürstliches Mahl auf den Tisch zu bringen – und darauf achtete, dass die Temperatur genau stimmte, wenn Dad zum Essen kam – hockte er bloß untätig rum und schmökerte sinnlos in der Zeitung.

Ich vermied es Momma anzusehen, weil sie mir mit einem energischen Kopfschütteln zu verstehen gegeben hatte, dass ich mich nicht einmischen sollte.

Das hielt ich ganze zwei Minuten durch.

Bis Dad auch noch nach Wasser verlangte und mir dabei direkt in die Augen schaute.

Das würde ich mir nicht bieten lassen. Wieder einmal machte ich meiner eigensinnigen, widerspenstigen Seite alle Ehre: „Du greifst mich an, weil ich nicht dreimal am Tag Indisch kochen kann, kriegst aber selbst nicht den Hintern hoch, um dir einen Tee zu machen oder Wasser zu holen? Bedien dich ruhig. Das Wasser kommt sogar direkt aus dem Kühlschrank.“

Dad starrte mich mit einem vernichtenden Blick an. Momma gab mir einen Klaps auf den Arm, während ich den Tisch deckte.

„Pass auf, was du sagst“, knurrte er.

„Tu nicht so scheinheilig. Die arme Momma kocht so viel, weil du keine Reste magst. Du könntest ihr wenigstens ein bisschen helfen, indem du dir deinen Cha selbst machst.“

Dad zerknüllte die Zeitung. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor. „Liya, du bist ein Mädchen, und zwar wohl das aufmüpfigste, das mir je begegnet ist. Du solltest deine Zunge im Zaum halten. Ich weiß nicht, was ich in meinen früheren Leben verbrochen habe, um von den Göttern mit dir gestraft zu werden.“

Ich schaute ihn kampflustig an, die Hand mit dem Armreif in die Hüfte gestemmt. „Keine Ahnung, was in deinen früheren Leben passiert ist, aber in diesem Leben hast du dir dein Pech redlich verdient.“

Momma neben mir erbleichte. Sie stand angespannt da und schaute auf ihre Füße, während Dad mich wutentbrannt anstierte. Er begriff verdammt genau, was ich meinte, doch in seiner stereotypen Weltsicht hielt er sein Verhalten offenbar für gerechtfertigt.

Ich schnaufte tief durch. Niemand auf der Welt schaffte es, mich so auf die Palme zu bringen wie Dad. Und manchmal war ich mir sicher, dass er es mit Absicht tat. Er wirkte auf mich wie ätzende Säure, Momma hingegen wie wohltuender Tigerbalsam für meine Wunden. Mit ihrer sanften Art bewirkte sie, dass ich mich beruhigte und wenigstens ihr zuliebe klein beigab.

„Komm schon, Dad. Es wird dir schon nicht schaden, wenn du dir ab und zu selbst ein Glas Wasser holst, während Momma sich abhetzt. Du würdest in der Küche nie einen Finger krumm machen, aber doch wohl wenigstens, wenn du was trinken möchtest.“

Anstatt darauf einzugehen, sagte er: „Wir kriegen gleich Besuch. Mach dich frisch. Du siehst scheußlich aus.“

Im nächsten Moment läutete es auch schon an der Tür. Da dieser Besuch scheinbar schon freudig erwartet wurde, ließ Dad ihn selbst herein, anstatt Momma vorzuschicken.

Ich öffnete meine schmerzenden Fäuste und schaute sie an, um das Gespräch über die „verbotenen Dinge“ zu eröffnen, doch sie vermied meinen Blick und trug einen Krug Wasser an den Esstisch. Der Tisch, den nun fünf Gedecke zierten, erklärte, warum Momma so viel zu essen gemacht hatte.

Sie tätschelte meinen Arm. „Warum musst du ihn so provozieren?“

„Und was ist mit seinem Verhalten mir gegenüber? Findest du seine Haltung nicht erniedrigend?“

„Er hat doch recht. Du kannst nicht einfach sagen, was dir gerade in den Sinn kommt, und frech zu Respektspersonen sein. Schon gar nicht zu deinen Eltern.“

Irgendwie machte mich das sprachlos. Viele Leute behaupteten, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Klar. Zum Beispiel, wenn Dad Momma gegenüber handgreiflich werden würde. Spätestens dann würden bei mir alle Sicherungen durchbrennen, aber die jetzige Situation war auch alles andere als rosig.

Dads überfreundliche Stimme schallte durch den Flur, begleitet vom fröhlichen Gelächter seiner Begleitung: ein Mann und eine Frau.

Ich steckte mir noch ein Rettichscheibchen in den Mund. „Ich dachte, wir wären heute unter uns. Wer sind diese Leute, und muss ich mit ihnen am Tisch sitzen?“

„Jayesh Shah und seine Mutter. Und ja, du musst mit ihnen zusammen essen.“

Geschockt begriff ich, dass Jayesh der Kerl aus Mommas zahllosen WhatsApp-Nachrichten war. „Ist das dein Ernst?“

Ihr Gesicht nahm einen flehenden Ausdruck an. Normalerweise konnte ich ihr keinen Wunsch abschlagen, aber das hier ging entschieden zu weit. „Momma, bitte“, flüsterte ich. „Ich habe dir gesagt, dass ich diesen Kerl nicht kennenlernen will.“

Sie umklammerte meinen Arm, und ich spürte eindringlich, dass ich alles dafür tun musste, um sie glücklich zu machen. Sie brauchte jemanden, der zu ihr hielt.

„Bitte schau ihn dir doch erst mal an. Nach dem Abendessen kannst du ihn immer noch ablehnen. Allerdings wirst du das bestimmt nicht mehr wollen, sobald ihr euch kennengelernt habt. Hast du die Fotos von ihm gesehen? Ist das nicht ein hübscher Kerl? Ich dachte, er würde dir gefallen.“

„Du weißt doch, dass es nicht so läuft. Wenn man sich persönlich kennt, wird man noch viel schneller vor den Altar geschleift. Bitte zwing mich nicht auf so eine passiv-aggressive Art, jemanden zu heiraten.“

Verächtlich lauschte ich dem Stimmengewirr in der Diele. Ich hatte noch genug Zeit, mir meine Tasche zu schnappen und durch den Hintereingang zu verduften.

„Bitte geh nicht!“, flehte Momma mit zittriger Stimme. „Du weißt, wie böse er sonst wird.“

Die Vorstellung, dass Dad Momma meinetwegen in die Mangel nehmen würde, fand ich unerträglich.

„Er soll mich nicht bei jedem Besuch manipulieren. Ich habe Nein gesagt. Tut mir leid“, wisperte ich. Die Worte brachen mir das Herz, noch während ich sie aussprach.

Bevor die Schatten im Flur ins Wohnzimmer fielen, flüchtete ich durch die Hintertür. Ohne mich an meinen sofort feuchten Socken zu stören, rannte ich schnurstracks durchs Gartentor und durch den Vorgarten auf die Veranda, wo ich sofort in meinen ersten Stiefel schlüpfte und dann ungeschickt auf einem Fuß hüpfte, um mir den zweiten anzuziehen. Ich raste um die Granitsäule am Rand der Veranda und achtete mehr auf die blöden Kiesel in meinem rechten Stiefel als mich darauf zu konzentrieren, wo ich hinlief.

Meine perfekt geplante Flucht endete an einer Mauer – einer sehr harten, robusten Mauer aus Fleisch und Blut, um genau zu sein. Ich nietete den elegant gekleideten Prachtkerl glatt auf dem Rasen um. Es wäre schön gewesen, anmutig zu stürzen oder wenigstens nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als ich ihn zu Boden riss. Doch Fehlanzeige. Ich landete volle Kanne auf diesem Fremden und musste nach Luft schnappen. Süße Laddoos und Safrankekse kullerten durch den Garten.

Der Typ unter mir hatte eine Hand um meine Taille gelegt und hielt mit der anderen eine aufgeplatzte rot-goldene Schachtel über den Kopf. Sein maßgeschneidertes blaues Hemd klaffte am Kragen auf.

Momma hatte recht gehabt. Mit seinem pechschwarzen Haar, dem leuchtend hellbraunen Teint, den funkelnden dunkelbraunen Augen und der messerscharf geschnittenen Kinnpartie war er wirklich ein hübscher Kerl.

Mein Herz wummerte in meiner Brust, aber nicht, weil ich mich auf einen Schlag verknallt hatte. So hatte es früher geschlagen, wenn ich nur ganz knapp die Bestnote verpasst hatte. Es schlug so, wie wenn man gleich Ärger bekommt, wenn man bei einer bösen Tat ertappt wird.

Und dieses Gefühl konnte ich gar nicht leiden.

„Du bist sicher Liya. Möchtest du was Süßes?“, fragte er mit einer tiefen, grollenden Stimme, von der ich sonst weiche Knie bekommen hätte. Im Stehen natürlich.

Er hielt mir die zerknautschte Schachtel vor die Nase.

Ähm ...

Naja ...

Okay. Dies war der ultimative Beweis für meine Sturheit. In jeder anderen Situation hätte ich lachend zugegriffen. Wer kann schon indischen Süßigkeiten widerstehen? Aber nicht heute. Ich schüttelte den Kopf.

Ich wollte nicht zuerst den Blick abwenden. Wir schauten einander fest in die Augen, und ich war erwachsen und vernünftig genug um zu wissen, dass jetzt eine Entschuldigung angebracht war.

Ich seufzte leise. Liya Thakkar war zwar ein radikal ehrlicher Mensch, aber kein Scheusal. Bevor ich meine Entschuldigung aussprechen konnte, passierten zwei Dinge:

Nummer eins: Er redete wieder. „Eine sehr verlockende Art sich kennenzulernen, findest du nicht?“

Wie bitte? Was sollte daran denn verlockend sein? Dass ich mich buchstäblich auf ihn gestürzt hatte? Hatte er irgendwelchen Tratsch gehört? Naja, sicherlich! Jetzt war mir auch klar, warum er mich kennenlernen wollte. Er wollte sehen, ob all die Gerüchte stimmten. Ich wusste, dass ich für einen anständigen konservativen Mann nicht als Ehefrau infrage kam. Aber es war einfach nur fies, die Tradition zu missbrauchen, um sich selbst davon zu überzeugen.

Nummer zwei: Er lächelte mich an. Was bildete der sich ein? Das war kein verlegenes Lächeln als Reaktion auf unser peinliches Kennenlernen, sondern ein angeberisches, verführerisches und total dreistes Grinsen. So eins, bei dem normalerweise die Frauen sofort ihr Höschen ausziehen. Und das erwartete er sicher auch von mir. Tja, er wusste scheinbar genau, was Sache war.

Ich wollte mich von meinem Verehrer aufrappeln, doch mein dünner Seidenschal strangulierte mich fast und riss mich auf ihn zurück. Mein Kinn landete auf seiner gestählten Brust.

„Pass doch auf!“, motzte ich in sein Gelächter hinein, während er den Arm hob, mit dem er auf meinem Schal gelegen hatte.

Ich riss den Schal an meine Brust und stand auf. In diesem Moment öffnete Dad die Haustür und schleuderte mir einen giftigen Blick entgegen. Mit verkniffenem Mund und geballten Fäusten stand er da. Ich konnte nicht hören, was er sagte, aber ganz sicher zischte er mir zu, dass ich gefälligst ins Haus gehen sollte, während er meinem Verehrer aufhalf.

Ich tat, was ich tun musste. Ich warf dem Typen, der Grashalme von seiner feinen Hose schnippte, einen verächtlichen Blick zu und winkte Dad, bevor ich in mein Auto sprang – ein letztes „Fuck You“ zum Abschied. Allein für Dads herrlichen fuchsteufelswilden Gesichtsausdruck lohnte sich die Sache, wobei mir natürlich klar war, dass diese Schmach nicht ungestraft bleiben würde.

Schließlich parkte ich das Auto vor meinem Haus und legte den Kopf aufs Lenkrad. Meistens freute ich mich auf mein leeres Apartment. Frieden. Ruhe. Freiheit. Ich musste weder meinen Eltern noch einem Typen gehorchen oder irgendwem schnell Abendessen machen, wenn ich nach Hause kam. Ich kaufte mir, was ich wollte, ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Verdammt. Ich hatte mich auf der zwanzigminütigen Fahrt nicht so gut abgeregt wie erhofft. Es war nicht gesund für mich, jemanden in meinem Umfeld zu haben, der mich zu so einem Häuflein Elend zusammenschrumpfen ließ. Wenn Momma und meine Freundinnen nicht wären, hätte ich Houston schon längst für immer verlassen. Tatsächlich hatte sich zwei Wochen vorher eine Gelegenheit dazu ergeben: eine Laborantenstelle bei einem Großkonzern in Dallas. Das Angebot ließ mir keine Ruhe: Es versprach ein ordentliches Gehalt und einen Grund, um Houston und all die damit verbundenen grauenhaften Erinnerungen hinter mir zu lassen.

Ich hatte meinem neuen Boss Sam davon erzählt. Er hatte mich zum Bleiben überredet, indem er mir eine Managementposition in Aussicht gestellt hatte. Diese Chance hatte ich ergriffen und profitierte in meiner derzeitigen Firma enorm davon. Endlich zahlte es sich aus, dass ich einen MBA gemacht hatte. Wenn ich es noch ein Jahr dort aushielt, würde ich vielleicht mit dieser Erfahrung auf dem Buckel dann woanders ins Management wechseln können.

Ich fuhr mit dem Lift in den zehnten Stock und betrat mein Loft. In der Diele schlüpfte ich schnell aus meinen Stiefeln, pfefferte meine dreckigen Socken in den Wäschekorb und ließ mich dann sofort mit einem Glas Rotwein in der Hand aufs Sofa fallen. Zeit zu relaxen und mich auf die kommende Arbeitswoche einzustellen. Doch zuerst nahm ich einen Gruppenanruf von Reema, Preeti und Sana entgegen.

„Hi, Liya! Ich wollte dich fragen, ob wir uns am Samstag mit den Mädels im Mandir treffen sollen“, erklang Reemas Stimme, als ich die Gruppe auf laut schaltete.

Die Vorstellung, den Tempel zu betreten, ließ mich erschauern. Das war der Ort, an dem sich strenge Aunties herumtrieben und wo perfide Gerüchte verbreitet wurden, die entweder Leuten zu höchstem Ansehen verhalfen oder ihren Ruf ruinierten. Aber Reema konnte ich keinen Wunsch abschlagen. „Na klar.“

„Geht’s dir gut?“

„Ja, wieso?“

„Du bist ruhiger als sonst.“

Ich setzte ein Lächeln auf, weil ja oft gesagt wird, dass man das am Telefon merkt. Dann erklärte ich: „Du kannst dir nicht vorstellen, was meine Eltern heute abziehen wollten.“

„Was?“

„Pscht!“, platzten Preeti und Sana gleichzeitig dazwischen.

„Ich habe ihnen doch gesagt, dass ich nicht verkuppelt werden will.“

„Genau ...“, sagte Reema.

„Trotzdem haben sie so einen Typ und seine Mutter eingeladen!“

„Also deswegen wollten sie, dass du vorbeikommst?!“ Preeti war ganz aus dem Häuschen.

„Freu dich bloß nicht zu früh, Süße. Dich erwischt es als Nächstes.“

„Oh Gott, stimmt, bald ist es soweit“, antwortete Preeti, deren Begeisterung plötzlich verflogen war.

„Hast du einen Typen kennengelernt?“, fragte Sana und lenkte damit das Gespräch auf Preeti, die leider sofort wieder mir den Ball zuspielte.

„Lasst uns erst mal über Liya und ihren Hengst sprechen! War es wie in einer von diesen Bollywood-Schnulzen, wo sich ihr Dupatta in seinem Anzug verfängt und sich die beiden mit großen Augen anschauen und sofort ineinander verknallen?“

Ich prustete los. Meine Wut floss aus mir heraus wie das Fett aus einem Stück Bacon, das in der Pfanne brutzelt. Apropos Bacon: Das klang nach dem perfekten Dinner für heute Abend. Während ich den Mädels die ganze abenteuerliche Geschichte schilderte, bereitete ich alle Zutaten für meine Mac n’ Cheese mit Jalapeño und Bacon vor. Anders als viele glaubten, konnte ich nämlich sehr wohl kochen.

Kapitel Zwei

Jay

Ich fuhr im Bett hoch und spürte einen reißenden Schmerz am Rücken. Schweißgebadet warf ich die Decke beiseite und griff mir an die Schulter, während meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Mein Herz raste in einem irren Rhythmus und mein Körper glühte, als wäre ich von Feuer umgeben.

Moment mal. Ganz ruhig. Ich war zu Hause. Im Bett. Nicht in einem Flammenmeer.

„Scheißkerl ...“

Ich stolperte ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Ich hatte tiefe Augenringe und meine Mundwinkel hingen herab. Die Alpträume kamen und gingen, mit den Jahren zwar immer seltener, aber sie waren noch da. Das Schlimmste daran waren nicht der Schmerz oder die Erinnerungen, sondern der Anblick von Dads Gesicht. Ascheverschmiert, teilweise verbrannt und rot war es, als er die Hand ausstreckte und uns wegstieß. Um ihn herum wirbelten Funken, die sein Haar streiften und seine tränennassen Augen erleuchteten, die enorm von Liebe, vom Leben und von Aufopferung zeugten. Er hatte das ultimative Opfer erbracht, und das konnte ich mir bis heute nicht verzeihen.

Dad war meinetwegen gestorben. Ma sagte immer, dass ich ein erfülltes und glückliches Leben verdiente. Deswegen gab sie sich solche Mühe, eine gute Frau für mich zu finden. Aber eigentlich hatte ich überhaupt nichts verdient, schon gar nicht das Leben. Schließlich hatte Dad seines für mich gegeben. Aber wie sollte ich ihr das bloß beibringen?

Ich war eigentlich kein konservativer oder religiöser Typ. Es machte mir keine große Freude, jede Woche in den Mandir zu gehen. Ebenso wenig konnte ich mich mit der Vorstellung von einem beständigen Leben anfreunden. Aber nach Dads Tod wollte ich Ma keinesfalls noch mehr Sorgen machen. Er war die Liebe ihres Lebens gewesen, ein lieber und mitfühlender Mann. Ich würde immer zu ihr halten, aber könnte ich ihr jemals erklären, dass ich das Glück nicht verdiente, das sie mir wünschte?

Ich verrenkte mich kopfschüttelnd, um mir die Narben anzusehen, die meinen Rücken überzogen: „Du bist ein erwachsener Mann. Reiß dich zusammen.“

Weil ich nicht mehr einschlafen konnte, holte ich eine Bratpfanne und machte mir Eier und Toast. Während ich aß, las ich in ein paar juristischen Dokumenten für die Firma Reinli BioChem, mein neuer Mandant, und verschickte Erinnerungsmails für unser erstes Meeting am Montag. Das war nicht unbedingt mein Traumprojekt, aber immerhin konnte ich in Houston bleiben. Um etwas anderes machen zu können, hätte ich die Stadt verlassen müssen, also meine Familie, die sich seit Dads Tod für mich aufgeopfert hatte. Und das kam nicht infrage.

Als ich fertig war, machte ich mich auf den Weg zum Mandir, wo ich meine Kumpels auf eine Runde Basketball treffen wollte. Wenn ich schon in den Tempel gehen musste, sollte es wenigstens Spaß machen.

 

***

 

Der behelfsmäßige Basketballplatz war klein und der wacklige Korb ein Witz, aber der Raum kostete nichts, und diese Kerle sahen es einfach nicht ein, für ein Fitnessstudio zu bezahlen.

„Das wird mir langsam zu blöd“, sagte ich.

„Was meinst du?“, fragte mein Bruder Jahn.

„Dieses miese Möchtegern-Basketballfeld. Wir sind Mitglieder im Fitnessstudio und sollten dort spielen.“

„Und was ist mit uns?“, fragte Samir.

„Meld dich im Fitnessstudio an!“

„So schlimm ist es doch gar nicht“, sagte Jahn.

„Doch. Ich kann den Ball quer durch eine ganze Halle werfen. Wir müssen unsere Fähigkeiten einschränken, um uns an den kleinen Platz hier anzupassen. Das kann man doch nicht Sport nennen.“

„Sonst noch irgendwas zu meckern?“

„Eine Menge ...“, murrte ich. Meine Laune war wieder mal so schlecht, dass mich nichts aufheitern konnte.

Ich seufzte und schüttelte den Kopf.

Samir nahm das Spiel wieder auf. Er landete ein paar Würfe und dann ging der Ball wieder an mich. Ich liebte das Gefühl der rauen Gummioberfläche an den Händen. Ich konnte den Ball mit aller Kraft packen und meine Aggressionen loswerden, wenn ich ihn auf den Boden schleuderte.

Das Aufprallen des Balls hallte von den Wänden wider, als ich Rohan ausdribbelte, der mir den Weg zu versperren versuchte. Ich rammte mit dem Rücken seine Schulter, als ich aus der Hocke aufsprang, um einen Wurf zu landen.

„Bist du verrückt?“, fuhr Samir mich an.

Ich hörte gar nicht hin, sondern wartete kampflustig auf die nächste Gelegenheit, mir den Ball zu holen.

„Ich dachte, das hier ist ein freundliches Spiel“, sagte Rohan, während er den Ball zwischen den Händen hin und her springen ließ.

„Ja, sorry“, raunzte ich, bevor ich dem nichts ahnenden Rohan den Ball wegschnappte und einen weiteren Wurf landete. Sein Team stöhnte auf und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Hey, was ist los mit dir?“, fragte Jahn entgeistert.

Ich fuhr mir mit der Hand durch mein feuchtes Haar. „Tut mir leid, ich hab eine harte Nacht hinter mir. Das rechtfertigt nicht, dass ich euch fertigmache, aber ihr seid schon leichte Opfer.“

Und so gingen die Frotzeleien los, die die angespannte Stimmung auflockerten. Die Halle war erfüllt von lautem Gelächter und dem Quietschen von Turnschuhen. Wir führten keine Wertung, sondern spielten einfach zum Spaß. Das genügte, um meine Gedanken allmählich von den Albträumen abzulenken. Leider konnte so die Erinnerung an das verpatzte Kennenlernen mit Liya Thakkar wieder in mein Bewusstsein dringen.

Scheiße. Mit einem Schlag kehrte meine Wut zurück.

„Mal ehrlich, was hast du?“, fragte Jahn zum dritten Mal.

„Du weißt doch, dass Ma und ich uns mit einer Frau und ihren Eltern treffen wollten. Also rate mal.“

„Ma fand sie doof? Nein, sie fand sie super und du fandest sie doof? Halt, sie war toll, aber du konntest ihre Eltern nicht leiden? Nein, jetzt hab ich's –”

„Sehr witzig“, schnitt ich ihm das Wort ab.

„Ach ja, das hatten wir ja alles schon mal. Warum machst du dir überhaupt Gedanken? Du willst doch eh nicht heiraten.“

Jahn hatte recht. Ich wollte eigentlich nicht heiraten. Aber das war nebensächlich. Dann sagte ich: „Soll ich euch mal was erzählen, was ihr garantiert noch nie gehört habt?“

Die Jungs spielten in einem lässigen Tempo weiter. Rohan dribbelte den Ball auf der Stelle. Aller Augen waren auf mich gerichtet.

„In dem Moment, als wir ins Wohnzimmer kamen, ist sie abgehauen. Ich musste nochmal kurz raus, um unser Geschenk für sie zu holen, und da hat sie mich glatt umgenietet, so schnell ist sie gerannt. Zum Glück hat Ma das nicht gesehen.“

„Haha, schöne Scheiße!“, gluckste Jahn, der das Ausmaß der Katastrophe nicht zu begreifen schien. „Du hast sie mit deiner hässlichen Fresse verscheucht? Das ist neu.“

Die Jungs lachten.

„Das ist nicht lustig. Wisst ihr, es ist mir egal, ob sie mich hässlich oder komisch fand. Aber warum vereinbart man ein Kennenlernen und rennt dann weg? Das Schlimmste war, wie ihre Eltern versucht haben, ihr Verhalten wiedergutzumachen. Ma und mir tat das Ganze so leid, dass wir trotzdem zum Essen geblieben sind. Sie hätte doch nicht wegrennen müssen. Sie hätte einfach sagen können, dass sie mich nicht kennenlernen will. Ma hat sich so auf diese Einladung gefreut. Sie hat geglaubt, das Mädel ist ihretwegen weggerannt. Ma ist verzweifelt.“

Bei der Erinnerung an Mas tränennasse Augen und ihre vor Scham glühenden Wangen packte mich die Wut. Sie hatte nach Dads Tod schon genug durchgemacht; ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass irgendeine Fremde sie zum Weinen gebracht hatte.

„Ma kann sehr empfindlich sein. Vielleicht will sich die Frau noch mal mit dir treffen, wenn sie ihre Nervosität in den Griff gekriegt hat. Ist doch irgendwie süß.“

Jahn schnappte sich den Ball.

Ich warf ihm einen wütenden Blick zu. „Süß wäre es, wenn sie aus einem liebenswerten Grund weggelaufen wäre. Uns alle in der allerletzten Sekunde so was anzutun, ist egoistisch. Sie hätte doch einfach behaupten können, dass es ihr nicht gut geht oder so. Aber nein, stattdessen hat sie sich einfach durch den Hintereingang verzogen, wo wir zufällig aufeinander gestoßen sind. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ist gegen mich gerannt und hat mich umgenietet. Und trotzdem bin ich cool geblieben und hab versucht, die Situation zu entschärfen. Ich hab Witze gerissen und sie angelächelt, damit sie gelassen mit der Sache umgeht und wir miteinander reden können, aber sie hat nur die Augen verdreht und ist abgehauen. Hat keinen Ton gesagt. Keine Ausrede erfunden oder sich entschuldigt. Ist einfach gegangen.“ Dabei hatte ich sogar kurz den Eindruck gehabt, dass sie mir ihren Abgang erklären wollte. Für eine Millisekunde hatte sich ein Ausdruck verlegener Bestürzung auf ihrem hübschen Gesicht gezeigt, bevor ihre Miene versteinerte.

„Das ist doch sowieso das Beste. Mir sind da so ein paar Sachen zu Ohren gekommen.“

„Wieso? Was hast du gehört?“ Ich nahm Jahn den Ball ab, verlor ihn jedoch an Rohan.

Ganz außer Atem antwortete Jahn: „Im Mandir wird getratscht, dass sie ... naja, wie soll man das nett formulieren, leicht zu haben ist. Sie kommt herum.“

„Was?“ Mir verschlug es die Sprache. Inzwischen waren die anderen Jungs neugierig geworden und hatten das Spiel unterbrochen.

„Du weißt, dass ich nicht gern schlecht über andere Leute rede, vor allem dann nicht, wenn wir uns noch gar nicht kennen. Aber wenn wirklich alle Aunties sagen, dass sie respektlos ist, und manche Mädels erzählen, dass sie säuft und es mit jedem treibt, dann bin ich lieber erst mal misstrauisch, wenn man sie als mögliche Ehefrau für meinen Bruder in Betracht zieht.“

„Schon mal was von ‚Im Zweifel für den Angeklagten’ gehört? Dass sie uns bei dem Abendessen hängen gelassen hat ist das eine, aber das sind schlimme Anschuldigungen.“

„Die Gemeinschaft ist riesig. Hier kann unmöglich jeder jeden kennen. Aber wenn so viele Aunties ganz genau das Gleiche sagen, kommt man ins Grübeln. Fakt ist, dass ihre Eltern mit Ma in Kontakt getreten sind. Ihr ein Bild gegeben haben. Das Übliche. Ma hat gefragt, ob du Interesse hast. Du warst einverstanden. Wir sollten schon darauf hören, was die Leute sagen, die sie kennen. Ich behaupte nicht, dass das alles stimmt. Aber ich will auf dich aufpassen.“

„Hast du Ma erzählt, was du gehört hast?“ Ich wischte mir übers Gesicht. Ich war sauer auf diese Alte und ihre Eltern, aber irgendwie auch einfach nur so.

„Eigentlich nicht. Ich kann Ma sowas nicht erzählen. Sie würde Beweise verlangen.“

„Ma ist clever.“

„Ich sag’ nur, sei vorsichtig.“

Seine Worte brachten mich ins Grübeln. Ma war konservativ und das war auch in Ordnung so. Sie zwang mir nichts auf. Ich hatte von klein auf gelernt, worauf es ankommt: gute Noten. Ein renommiertes College. Eine ansehnliche Karriere. Hindu bleiben. Eine Hinduistin heiraten. Ein paar Hindu-Babys in die Welt setzen, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten. Ich ließ mir all diese Frauen vorstellen, damit meine Mutter zufrieden war. In Wirklichkeit hatte ich gar kein Interesse daran, sie richtig kennenzulernen, geschweige denn eine davon zu heiraten. Wahrscheinlich war ich keinen Deut besser als Liya.

„Um wen geht es hier eigentlich?“, fragte Ravi.

„Hör mal, ich will kein Drama draus machen, falls am Ende alles nur gelogen oder erfunden ist. Aber es geht um Liya Thakkar. Wisst ihr irgendwas Konkretes über sie?“

Ravi verdrehte die Augen. „Ja. Halt dich fest: Sie ist eine totale Nut...“

Rohan schleuderte Ravi den Ball direkt in den Bauch. Er krümmte sich stöhnend zusammen. „Nicht hier“, warnte Rohan. „Wir sind an einem heiligen Ort.“

„Was ist so schlimm an ihr?“, fragte ich.

Ravi hob einen Finger und verkündete: „Sie ist nach der High School bei ihren Eltern ausgezogen.“

„Um aufs College zu gehen“, mischte Rohan sich ein. „Aber in der heutigen Zeit bricht man doch kein Tabu mehr, wenn man allein lebt.“

„Sie ist nie wieder bei ihnen eingezogen. Sie wohnt in ihrer eigenen Wohnung und macht, was sie will. Sie hat nicht mal eine Mitbewohnerin.“

„Find ich nicht schlimm“, wiederholte Rohan gelassen.

„Ich war mit ihr auf der High School und am College. Schon ab der zehnten Klasse hatte sie ständig irgendeinen neuen Kerl. Außerdem redet sie kaum mit ihren Eltern, und wenn doch, ist sie unverschämt zu ihrem Vater. Du kannst jeden fragen, sogar ihre Eltern selbst.“

„Hast du sie wirklich mit diesen ganzen Typen gesehen? Oder weißt du sicher, dass sie ausgezogen ist, um ihre Eltern zu provozieren?“, fragte Rohan in offensichtlich verärgertem Ton.

„Ich hab sie mit haufenweise Typen gesehen, meistens Sportlern. Beim Mittagessen, nach der Schule, im Unterricht. Sie hat sich mit denen echt gut verstanden. Ich hab gehört, wie die sich gegenseitig erzählt haben, was sie mit ihnen gemacht hat. Das hat in der Zehnten plötzlich angefangen, als ob sich in ihr ein Schalter umgelegt hätte. Und am College ging es dann so weiter“, sagte Ravi.

„Vielleicht kam sie mit Typen besser zurecht als mit Mädchen, weil sie damals nicht die richtigen um sich hatte“, sagte Rohan. „Inzwischen hat sie einen engen weiblichen Freundeskreis, aber sie verschwendet keine Zeit mit Leuten, die ihr nicht guttun. Es hat also gar nichts zu bedeuten, dass du sie nicht zusammen mit anderen Frauen siehst. Auch wenn sie mal so drauf war, wie du es in Erinnerung hast, heißt das nicht, dass sie sich nicht inzwischen geändert hat. Oder dass wir über sie urteilen dürfen. Vielleicht lässt sie sich hier einfach nur nicht blicken, weil sie weiß, dass über sie geredet wird. Wer ist schon gern unter Leuten, die ständig über einen lästern?“

„Du scheinst sie ja sehr gut zu kennen“, bemerkte Ravi.

„Ja, stell dir vor“, schleuderte Rohan ihm entgegen. „Ich werde nicht lügen und behaupten, dass ich alles über sie weiß, aber ich kann dir mit Gewissheit sagen, dass sie eine gute Freundin sein kann, wenn du nett zu ihr bist. Wenn du dich scheiße benimmst oder anfängst, sie zu verurteilen, dann mach dich auf was gefasst. Liya ist eigenwillig und stark und lässt sich von niemandem was bieten. Vielleicht hast eher du ein Problem und nicht sie. Deine voreingenommenen, sexistischen Verleumdungen sagen viel mehr über dich aus als über sie.“ Sein Blick wanderte zu jedem in der Runde und landete schließlich bei mir. „Wenn du sie als schlechten Menschen abstempeln willst, dann mach erst deine eigenen Erfahrungen mit ihr und verlass dich nicht auf das, was irgendjemand anders sagt.“

„Sie scheint dir ja wirklich was zu bedeuten“, kommentierte ich. Ich fand es sowieso falsch, eine Frau als „böse“ oder „wertlos“ abzustempeln, weil sie nicht „anständig“ war. Diese Doppelmoral hatte mich schon immer gestört. Ich hatte genügend Freundinnen gehabt, und so manche davon war in meinem Bett gelandet. Trotzdem stempelte man mich nicht als unrein ab.

„Sie ist mit meiner Verlobten befreundet, und die ist ein Engel“, fuhr Rohan fort.

„Das stimmt. Reema ist toll.“ Ich kannte sie aus dem Mandir, und jeder wusste, wie liebenswürdig sie war.

„Siehst du, wenn Liya so ein schrecklicher Mensch wäre, wären Reema und sie wohl kaum beste Freundinnen. Lass uns mal weiterspielen.“

Während die Jungs, offensichtlich genervt von der Standpauke, das Spiel wieder aufnahmen, dachte ich über Rohans Worte nach. Er hatte recht. Ich durfte nicht über Liya urteilen, bevor ich meine eigenen Erfahrungen mit ihr gemacht hatte. Bisher kannte ich sie kaum. Dass sie gekniffen hatte, konnte ich verkraften. Aber dass sie Ma gegenüber so unhöflich und rücksichtslos gewesen war, war eine ganz andere Geschichte.

Wir spielten noch dreißig Minuten weiter, während meine Gedanken zwischen dem Spiel, Dad und Liya hin und her wanderten. Dann betrat eine Gruppe Frauen den Raum.

Einige von ihnen schienen den ein oder anderen von uns zu kennen und winkten. Doch die Letzte, die mit einem strahlenden, glamourösen Lächeln wie ein Bollywood-Starlet hereinstolzierte, würdigte uns kaum eines Blickes und stellte sich dann zu ihren Freundinnen an die Wand.

Das musste Liya Thakkar sein. Dieses umwerfend schöne Gesicht und der hochnäsige Blick ließen keinen Zweifel daran.

Ein paar Minuten später näherte sich eine der Frauen und fragte: „Seid ihr bald fertig? Der Raum ist seit fünf Minuten für uns reserviert.“

Ich war bereit, das Spiel abzubrechen, weil wir unsere Zeit überzogen hatten. Als ich gerade das Feld verlassen wollte, sagte Ravi: „Gebt uns noch zehn.“

Sie zuckte die Schultern und kehrte zu ihren Freundinnen zurück. Doch ein paar Minuten später kam Liya zu uns herüber. Sie hatte die Hände in ihre zierlichen Hüften gestemmt, tappte ungeduldig mit dem Fuß und fragte in scharfem Ton: „Wird’s bald?”

„Komm schon. Wie oft haben wir schon mittendrin ein Spiel abgebrochen, um euch in den Raum zu lassen?“, fragte Ravi.

„Woher soll ich das wissen? Ich hab hier noch nie reserviert.“ Sie blickte sich genervt im Raum um. „Wärt ihr dann bitte so nett, jetzt aufzuhören? Wie oft müssen wir euch noch fragen? Ihr wisst, dass wir warten.“

„Okay, okay.“ Ravi und Rohan zogen den Ständer mit dem Basketballkorb in die Ecke, während Jahn und die anderen den Boden fegten, wie es die Raumnutzungsregeln vorsahen.

„Was habt ihr denn vor?“, fragte ich. Obwohl ich sauer auf sie war, wollte ich ihr noch eine letzte Chance geben. Vielleicht hatte sie ja einfach nur einen schlechten Tag gehabt und es gab einen witzigen Grund für ihre Flucht bei dem Dinner.

„Wir wollen üben“, antwortete sie, während sie sich ein genaueres Bild des Raumes machte.

„Was wollt ihr üben?“

Sie schaute sich weiter um, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Erkannte sie mich etwa nicht? „Wir wollen bei Rohan und Reemas Hochzeit ein paar Tänze aufführen.“

„Klingt cool. Könnt ihr dabei ein paar Typen gebrauchen?“

Sie hielt inne, einen rot schillernden Fingernagel an die Lippen gelegt. „Nein.“

„Bist du sicher? Ich kann ziemlich gut tanzen.“

„Kein Interesse.“

„Ich sag’s ja nur. Solche Tänze sind normalerweise besser, wenn Männer und Frauen mitmachen.“

Jedes Mal, wenn Ravi vorbeiging, warfen die beiden einander böse Blicke zu und Liya wurde immer gereizter.

„Seid ihr jetzt fertig? Euretwegen bleibt uns nicht mehr viel Zeit“, sagte sie schließlich.

Obwohl eigentlich Ravi und die anderen schuld waren, weil ich schließlich sofort aufgehört und mit dem Aufräumen begonnen hatte, lenkte ich ein: „Wir räumen doch schon auf. Sei nicht sauer.“

„Wie bitte? Wir haben diesen Raum reserviert, geduldig gewartet, euch höflich gebeten mit dem Spiel aufzuhören – und jetzt muss ich mir von irgendeinem Kerl sagen lassen, dass ich ... nicht sauer sein soll?“

„Naja, so war's nicht gemeint.“

„So, wie denn dann? Ich glaube nicht, dass ich zu viel verlange. Also, seid ihr fertig?“

„Hm, wenn ihr nicht mit uns spielen wollt ...“, scherzte ich, um die Stimmung aufzulockern. Vielleicht würde Liya sich abregen, wenn ich es mit Freundlichkeit probierte.

„Hör mal, du verschwendest unsere Probenzeit.“

„Ich hab’ eigentlich nur Spaß gemacht. Natürlich machen wir uns vom Acker.“

Ich fragte mich ernsthaft, ob das wirklich die Frau war, die Ma für mich vorgesehen hatte, die, deren Eltern sie so sehr lobten. Oder hatte ich sie einfach nur in einer sehr schlechten Woche erwischt?

„Könnt ihr mal ein bisschen schneller machen? Wir haben jetzt echt nicht mehr viel Zeit.“

„Wow. Du bist doch Liya, stimmt’s?”

„Ja. Wer sonst?“, raunzte sie. Das war der einzige Beweis, dass sie mich wirklich erkannte. „Ich möchte einfach nur, dass du und deine Freunde von hier verschwinden. Du verhältst dich gerade einfach nur wie ein überhebliches Arschloch.“

„So gut kennst du mich also? Ich wollte dir nur helfen.“

„Ich kenne solche Typen wie dich. Gut aussehende, arrogante Kerle, die rumlaufen und glauben, dass sie nur mit den Fingern schnipsen müssen, damit ihnen die Weiber zu Füßen liegen. Ich bitte dich. Allein schon, wie du mich so von oben herab anschaust – als würdest du dich für einen Gott oder sowas halten. Es fällt dir nicht mal auf. Du glaubst wohl, du musst mich nur anlächeln und dann bin ich hin und weg von dir?“

Während sich die beiden Gruppen im Raum nett miteinander unterhielten, keiften wir uns an. „Wie kommst du darauf, dass ich dich rumkriegen will?“

„Sag einfach, was du denkst.“

„Vielleicht hast du einfach einen Stock im Arsch. Brauchst du Hilfe beim Rausziehen oder hast du ihn gern da drin?“

Sie wackelte mit dem Hintern. „Ja. Fühlt sich richtig gut an.“

„Naja, tut beim Laufen sicher weh, aber das ist deine Sache. Übrigens heiße ich Jay Shah. Vielleicht hast du den Namen schon mal gehört. An das Gesicht erinnerst du dich ja sicher.“

Sie wollte irgendetwas kontern, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Vielleicht war es ihr ein klitzekleines bisschen peinlich, was sie bei ihren Eltern abgezogen hatte. Ich war gespannt, ob sie eine gute Ausrede parat hatte und sich entschuldigen würde.

Jetzt war der perfekte Moment dafür.

Aber sie sagte keinen Ton.

Die anderen Jungs waren schon auf dem Weg nach draußen, als plötzlich Rohan neben uns auf dem aufgeräumten Spielfeld auftauchte und Liya begrüßte: „Hey Liya, was macht ihr hier?“

Plötzlich strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie wirkte wie ausgewechselt. Ich fand ihr Lächeln atemberaubend, doch ihr Aussehen konnte ihre Kratzbürstigkeit nicht wettmachen.

„Rohan, das ist eine Überraschung zu deiner Hochzeit. Also raus mit dir!“, neckte sie ihn in einem liebevollen geschwisterlichen Ton.

Amüsiert erwiderte Rohan: „Ich hab’ einen ganz tollen überraschten Gesichtsausdruck drauf. Den kann ich ja dann aufsetzen, wenn’s soweit ist.“

Immer noch breit grinsend erwiderte sie: „Nein, sorry. Keine Chance. Aber wie geht’s dir eigentlich so? Ich hab dich seit Wochen nicht mehr gesehen.“

„Mir geht’s gut. Ich versuche, vor dem großen Tag in Form zu kommen.“

„Du siehst toll aus. Aber werd nicht zu dünn, denn wir haben keine Zeit, ein neues Sherwani aus Indien zu bestellen.“ Beide lachten ausgelassen. Ihre Wut schien völlig verraucht.

Was ging hier vor? Das Schäkern der beiden war kaum auszuhalten.

Er lachte und tätschelte seinen Bauch. „Na, wenn du das sagst, hau ich mir jetzt irgendeinen Tex-Mex-Fraß rein.“ Er wandte sich mir zu. „Kommst du mit?“

„Nachdem wir so hart ‚trainiert‘ haben?“, fragte ich, Anführungszeichen in die Luft zeichnend.

„Bitte schaff ihn hier raus“, sagte Liya, wobei mir nicht ganz klar war, mit wem sie gerade sprach.

Ich zuckte die Achseln und wir folgten den anderen nach draußen. Dann knuffte ich Rohan und fragte: „Das verstehst du also unter nett?“

„Du hast sie wohl irgendwie geärgert.“

„Sie ist wie ein Bär. Die kleinste Bewegung provoziert sie. Ich hab nur gelächelt.“

„Siehst du, daran lag’s“, witzelte er.