Leseprobe Aimée & Cyrus

Prolog

Der Mann kauerte auf dem kalten Steinboden. Er war am Ende seiner Kräfte und blickte teilnahmslos auf sein Blut, das aus unzähligen kleinen Wunden auf den Boden tropfte. Sie hatten mit ihm gespielt, ihre Klauen immer wieder in sein Fleisch geschlagen. Aber das Spiel würde bald sein grausiges Ende finden. Er sehnte den Moment fast herbei. 

Mehrere finstere Gestalten standen in einem Halbkreis um ihn herum und betrachteten ihn mit eisigen Blicken. 

„Du bist armselig, Rupert. Hast du wirklich geglaubt, du könntest mit uns handeln?“, fragte die sonore Stimme eines zwei Meter großen Hünen vor ihm. Er trug einen langen schwarzen Ledermantel, und sein schulterlanges Haar fiel ihm ins Gesicht. 

Rupert hob mühsam den Kopf. Seine Stimme zitterte leicht. „Aber das war doch der Deal.“

Sein Gegenüber lachte kalt. „Du bist anscheinend wirklich so dumm wie alle aus deiner Sippe. Es wird Zeit, dem Ganzen ein Ende zu setzen.“ Dann wandte sich der Mann einem seiner Gefährten zu. „Man gebe mir das Schwert.“ 

Der Angesprochene verneigte sich kurz und reichte dem Wortführer ein goldenes Schwert. Es schien von innen heraus zu leuchten und ließ diesen dunklen Ort für einen Moment erstrahlen. Rupert starrte fast ehrfürchtig auf das riesige Schwert, bis es herniedersauste und alles in ewige Finsternis hüllte.

 

Kapitel 1 

Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände.

Franz Grillparzer

 

Dunkle Wolken türmten sich am Horizont auf. In der schwülen Spätsommerluft hing schon den ganzen Tag über der Hauch eines nahenden Gewitters. Die Luft in dem Zugabteil war allerdings noch erdrückender. Unruhig zwirbelte Aimée eine Strähne ihres Haares um ihren Zeigefinger, während sie angstvoll den Bahnsteig beobachtete. Bei jedem Halt beschleunigte sich ihr Herzschlag. Nun bestätigte sich ihre Befürchtung. Ihre kopflose Flucht aus dem herrschaftlichen Anwesen ihrer Familie in Buckinghamshire war nicht lange verborgen geblieben.

Als sie in Dorking in den Zug gestiegen war, hatte sie noch die Hoffnung gehabt, unentdeckt bis ins Zentrum von London zu gelangen, um dort im bunten Gewirr der Menschen und Geschäfte unterzutauchen, bis sich ihre Spur verlor. Aber Nathans neue Bodyguards hatten sie erstaunlich schnell aufgestöbert. Viel zu schnell. Als Aimée die beiden bulligen Männer einsteigen und durch den Waggon auf sich zukommen sah, griff sie ihre Tasche, kämpfte sich hastig einen Weg durch den vollen Waggon auf den hinteren Ausgang zu und verließ fluchtartig den Zug. Die Türen schlossen sich direkt hinter ihr und die Bodyguards versuchten vergeblich, die Zugtüren noch einmal zu öffnen. 

Manche Dinge lassen sich auch mit grober Gewalt nicht lösen, dachte Aimée und verkniff sich ein Lächeln. 

Eilig lief sie über den Bahnsteig von Clapham Junction. „Verdammt“, entfuhr es Aimée, als sie hinter sich hörte, wie der Zug quietschend hielt. Ihre Verfolger hatten anscheinend die Notbremse gezogen. Vor dem Bahnhof stand kein einziges Taxi, und Aimée sprang in ihrer Verzweiflung einfach auf die Straße, um ein Auto zu stoppen. Sie riss die Beifahrertür auf und schrie den Fahrer panisch an: „Nehmen Sie mich bitte mit, Sir, es ist ein Notfall!“ 

Der Fahrer, ein älterer Herr mit rotem Gesicht, legte die Stirn in Falten. „Mädel, sag mal, bist du lebensmüde? Du kannst mir doch nicht einfach vors Auto springen!“

„Bitte, nehmen Sie mich mit. Ich gebe Ihnen zwanzig Pfund. Das ist fast alles, was ich habe, aber lassen Sie mich mitfahren.“

Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah, wie ihre Verfolger aus dem Schatten des Bahnhofs kamen und auf die Straße liefen. Hastig zog sie ihr Portemonnaie aus ihrer Tasche und holte einige Pfundnoten heraus. „Bitte!“

Der Mann überlegte einen Augenblick und griff dann gierig nach den Scheinen. „Also gut, steig ein. Wohin willst du überhaupt?“

„Erst mal nur hier weg. Aber soweit wie möglich ins Zentrum.“ 

„Ich fahre nur bis Brixton“, erwiderte der Mann mürrisch. „Bis dahin kann ich dich mitnehmen. Von der Brixton High Street solltest du gut weiterkommen. Wo immer du auch hinwillst.“ 

„Okay, aber bitte fahren sie endlich los.“

„Ich hoffe, du hast nichts angestellt, Mädchen. Ich will keinen Ärger haben.“ Der Fahrer sah Aimée von der Seite kritisch an und gab Gas. 

Aimée schüttelte den Kopf und schwieg. Das schien dem Mann nur recht, und der größte Teil der Fahrt verlief schweigend, bis der Fahrer einen Blick in den Rückspiegel warf und sagte: „Sieht so aus, als würde uns ein Wagen verfolgen. Ein blauer Bentley.“

Hastig drehte Aimée sich um und entdeckte die Limousine, die in einigem Abstand hinter ihnen herfuhr. Wie waren ihre Verfolger nur so schnell an ein Auto gekommen? Aimée murmelte unsicher: „Vielleicht ist es nur Zufall, dass der Wagen hinter uns herfährt.“ 

Unvermittelt bog der Fahrer in eine Seitenstraße ein, und vor einem schäbigen Häuserblock hielt er den Wagen plötzlich an. „So, Kleine, hier musst du raus.“

„Aber warum schon hier? Wo sind wir überhaupt?“ Panik hatte Aimée ergriffen. Dieser Typ wollte Aimée in dieser finsteren Gegend einfach aus dem Auto werfen! Mittlerweile hatte es heftig angefangen zu regnen. In der Ferne grollte Donner.

„Wir sind in Angell Town. Ich habe dir gesagt, ich bringe dich bis Brixton. Da sind wir. Bis zur Brixton High ist es nicht weit, und jetzt raus aus meinem Wagen! Ich habe gesagt, ich will keinen Ärger, und du riechst verdammt danach!“

Wenig später stand Aimée hilflos auf der Straße, und schon kurz darauf tauchte der Bentley auf. Aimée zögerte keine Sekunde und rannte los. 

 

Das Sommergewitter entlud sich nun mit aller Kraft über der Stadt. Aimée lief eine gefühlte Ewigkeit kreuz und quer durch die dunklen Straßen, und als sie die Puste verließ, drückte sie sich völlig durchnässt in einen Türeingang. Ihre nassen Sachen klebten auf ihrer Haut und ihr war kalt. Zitternd verharrte Aimée einen Augenblick im Schatten und versuchte ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Waren diese Kerle immer noch hinter ihr her? Vorsichtig spähte sie aus ihrem Versteck hervor. Für einen Moment wog sie sich in Sicherheit. Von ihren Verfolgern war nichts zu sehen. Die kleine, schmuddelige Einkaufsstraße war menschenleer, da die wenigen Geschäfte bereits geschlossen hatten. 

Vielleicht sollte ich Kira anrufen und sie bitten, mir zu helfen, überlegte Aimée. Doch schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Sie durfte ihre Freundin nicht in Gefahr bringen. Sie wusste, zu welchen Methoden ihr Bruder Nathan zu greifen bereit war, wenn man sich seinen Plänen in den Weg stellte.

Aimée wusste nicht, wie es weitergehen sollte. An die Polizei konnte sie sich auch nicht wenden. Das war ihr klar. Niemand würde ihr glauben, was sie im Kellergewölbe des Anwesens mit angesehen hatte. Man würde sie für verrückt erklären und zu ihrem Bruder zurückbringen. Immerhin war er ihr Vormund. Bis zu ihrem 18. Geburtstag dauerte es noch knapp vier Monate – erst dann wäre sie endlich frei. Bis dahin musste sie sich Nathans Zugriff entziehen. Aimée seufzte. Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und wollte gerade mithilfe der Navifunktion den Weg zur Brixton High oder der nächstgelegenen Underground Station suchen, als die blaue Limousine erneut um die Ecke bog. Sie fuhr im Schritttempo die Straße entlang. Aimée stockte der Atem, als der Wagen plötzlich hielt und ein Mann ausstieg. Sie erkannte eindeutig Matthew, einen von Nathans Schlägern. 

„So ein scheiß Wetter“, fluchte Matthew laut. „Bist du sicher, dass wir die Göre hier finden?“

Sein Kollege im Wagen hatte das Fenster heruntergekurbelt. Er knurrte: „Die Kleine muss hier irgendwo sein, such die Hauseingänge ab. Sie kann nur diese Straße entlanggelaufen sein.“

Aimée wusste, dass man sie auf jeden Fall entdecken würde, wenn sie hier stehen blieb. Doch wenn sie jetzt ihre Deckung verließ, würde Matthew sie sofort erwischen. 

In diesem Moment kamen mehrere Jugendliche die Straße entlang und blieben beim Bentley stehen. 

„Na sieh mal, was wir hier haben“, rief einer der Jungen. „Ihr habt euch wohl verfahren?“ 

„Nee, der Opa will uns seinen Schlitten schenken“, lachte ein anderer. Er spuckte auf den Bordstein direkt vor Matthews Füße.

„Haut ab!“, schnauzte Matthew. 

„Mal langsam, Alter. Das hier ist unser Revier.“ Einer der Typen zückte ein Messer. 

Es entstand ein Handgemenge. Nun stieg auch der zweite Mann aus. Aimée erkannte Calvin – und ihre Chance. Sie zog die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf und rannte los. An der nächsten Kreuzung wandte sie sich nach rechts und entdeckte in einiger Entfernung eine schmale Gasse, durch die kein Auto passte. Sie hoffte, dass der Durchgang sie zur nächstgrößeren Parallelstraße führte, was ihr einen entscheidenden Vorsprung verschaffen könnte, und rannte hinein. Doch der Weg entpuppte sich als Sackgasse. 

„Oh, so ein Mist!“, entfuhr es Aimée. Verzweiflung stieg in ihr auf. Sie musste wieder zurücklaufen und konnte nur hoffen, dass Matthew und Calvin immer noch mit der Gang beschäftigt waren. 

Als sich Aimée umdrehte, entdeckte sie zu ihrer Rechten das verschmutzte Schaufenster eines kleinen Geschäfts. „Seltsam“, murmelte Aimée. Sie konnte sich nicht entsinnen, den Laden auf ihrem Weg in die Gasse gesehen zu haben. Vielleicht konnte man ihr dort helfen. Immerhin brannte drinnen Licht. Über der Ladentür hing ein Schild: Artkis Ramschus – Trödel und mehr. Aimée zögerte einen Moment, dann öffnete sie die Tür und betrat den Trödelladen.  

 

Kapitel 2

Ganz bestimmt gibt es Zauberer, aber wir lernen leider nur die Lehrlinge kennen.

Art van Rheyn

 

Der kleine Laden war vollgestopft mit allem möglichem Krempel. Deckenhohe Regale unterteilten das Geschäft in dunkle Nischen. Aimée entdeckte rostige Töpfe, Pfannen, Plastikteller, Puppenköpfe, diversen Porzellannippes und struppige Stofftiere. Die Luft roch staubig und abgestanden. Neben einem altmodischen Monster von Registrierkasse stand auf dem Verkaufstresen eine Leselampe, die den vorderen Teil des Ladens in ein funzeliges Licht tauchte. Auch hinter dem Verkaufstresen ragten dunkle Regale auf, in denen in Leder gebundene Bücher standen. Seitlich am Verkaufstresen fiel Aimée eine lebensgroße Schaufensterpuppe ins Auge, die in einen alten Frack gekleidet war. Hinter der Verkaufstheke stand eine weitere Figur. Diese sah aus wie eine Wachsfigur aus der Schreckenskammer von Madame Tussauds. Es war ein hagerer alter Mann mit fast schwarzen Augen und fahler Haut. Das graue Haar hing ihm wirr um sein Gesicht und gelbe schiefe Zähne verliehen seinem Lächeln etwas Bedrohliches. In diesem Moment verzog sich der Mund des Mannes noch etwas mehr, und Aimée erkannte mit Schrecken, dass dieser unheimliche Mann gar keine Puppe war!

„Herzlich willkommen in meinem bescheidenen Laden. Was kann ich für Sie tun, mein Fräulein? Brauchen Sie vielleicht eine Küchenreibe oder einen Kamm? Ich hätte auch fast neuwertige Reisigbesen im Angebot“, pries der Alte mit knarrender Stimme seine Waren an. 

Aimée blickte in die Richtung, in die der Mann wies, und sah mehrere an die Wand gelehnte Besen stehen, die kaum noch Borsten hatten. 

„Oder vielleicht etwas für die Schönheit?“, fuhr der Verkäufer fort, ohne auf eine Antwort von Aimée zu warten. 

„Nicht, dass Sie so etwas nötig hätten, aber vielleicht eine Tinktur, um ihre herrlichen Haare mit einem natürlichen Glanz zu versehen. Einem Schimmer, wie ihn nur die Sterne haben.“ Er schlurfte auf ein Regal zu und holte ein Tiegelchen hervor. Sorgfältig pustete er den Staub von dem Deckel und reichte ihr die kleine Dose. 

„Ähm, nein danke. Ich brauche nichts dergleichen“, fand Aimée ihre Worte wieder.

„Oh, wie gut für Sie, mein Fräulein. Was kann ich dann für Sie tun? Nun? Haben Sie eventuell Interesse an Keksen?“

„Nein, auch keine Kekse. Ich … ich brauche Hilfe. Die Sache ist die …“ Aimée stockte und überlegte, wie sie dem wunderlichen Verkäufer ihre Situation erklären sollte. 

„Hilfe? Soso!“ Der alte Mann ergriff plötzlich ihre Hand und hielt sie für einen Moment fest. „Ah, ich sehe schon!“ Er lächelte unergründlich. „Ich habe genau das Richtige für Sie!“ Er zog eine kleine Holzkiste unter dem Verkaufstresen hervor und wühlte darin herum. „Dies hier, nein, das! Das ist es!“, rief er erfreut und legte ein blaues Puppenauge auf die Theke. 

Aimée starrte verdutzt auf das Auge. Der Typ ist verrückt, schoss es ihr durch den Kopf.

Der alte Mann schüttelte energisch den Kopf, als hätte er ihre Gedanken gelesen, was natürlich unmöglich war. „Das ist ein starker Schutz. Genau das, was Sie brauchen. Nur 49 Pfund! Ein echtes Schnäppchen!“

„Ich fürchte, dieses Schnäppchen kann ich mir nicht leisten“, erklärte Aimée wahrheitsgemäß und lächelte entschuldigend. Verrückte sollte man bekanntlich nicht reizen.

„Also etwas Günstigeres. Hm, mal überlegen. Ah, natürlich!“ Er kicherte. „Es gibt eben nichts, was der alte Artkis nicht in seinem Laden hat.“ Damit zog er einen Besteckkasten aus einer Schublade, öffnete ihn und griff zielsicher nach einem kleinen Silberlöffel. Er reichte Aimée den Löffel und grinste. Sie nahm den Teelöffel verwirrt entgegen, und Artkis nickte zufrieden. „Ja, das ist es. Gratis und umsonst. Ein Geschenk des Hauses. Li-La-Löffelstiel, tanz herum, sieh nicht so viel!“

„Ah ja, danke. Ich werde damit jetzt immer meinen Tee umrühren“, beteuerte Aimée.

„Tee umrühren? Quatsch, was reden Sie denn da? Tragen Sie den Löffel bei sich. Aber bedenken Sie: Löffel halten nur begrenzt. Augen sind besser.“

„Da haben Sie sicherlich recht.“ Aimée steckte den Löffel gehorsam in ihre Tasche.

Die Klingel über der Eingangstür bimmelte, als ein weiterer Kunde den Laden betrat. Es war ein breitschultriger Typ in Trenchcoat und mit schwarzem Hut, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Der Kunde war so groß und stämmig, dass Matthew und Calvin neben ihm wie Chorknaben ausgesehen hätten.

„Sie entschuldigen mich, mein Fräulein. Vielleicht möchten Sie sich noch ein wenig weiter umsehen.“ Artkis wandte sich dem neuen Kunden zu. 

Aimée trat zu einem Regal und tat so, als würde sie sich interessiert eine Vasensammlung ansehen. Dabei lauschte sie der Unterhaltung, die Artkis Ramschus mit seinem Kunden führte. Dieser raunte mit tiefer Stimme: „Ich bin interessiert an Keksen.“

Artkis nickte eifrig und zischte: „Dunkel ist die Nacht!“, woraufhin der Kunde erwiderte: „Ein Stern fällt schnell in der Nacht“.

Daraufhin holte der alte Mann eines der Bücher aus dem Regal hinter sich und blätterte darin herum. Dann nahm er einen Notizzettel und schrieb etwas auf. Artkis reichte dem Kunden den Zettel, und dieser legte einen dicken Batzen Pfundnoten auf den Verkaufstresen. 

Der Alte lächelte sein gruseliges Lächeln, und der Kunde sagte zufrieden: „Ich liebe Schokoladenkekse.“

„Wissen ist Macht“, erwiderte Artkis.

Scheinbar war nicht nur der Inhaber dieses Ladens komplett verrückt. Aimée entschied, dass es besser war, diesen Laden schnellstmöglich wieder zu verlassen. Hier würde sie ganz gewiss keine Hilfe bekommen. Sie stürmte ohne ein Wort des Abschieds zur Tür und trat in die kühle Abendluft. Der Regen hatte nachgelassen und war in einen feinen Nieselregen übergegangen, der so typisch für London war. Aimée atmete erleichtert auf. Dieser Tag würde es definitiv nicht auf die Liste der besten Tage ihres Lebens schaffen. Zumindest lag die schmale Gasse nach wie vor still und verlassen da. Von Matthew und Calvin war nichts zu sehen. Ob die beiden Bodyguards ihre Spur verloren hatten? Doch sie wollte dem Frieden nicht trauen, und schlich leise den Weg zurück, den sie gekommen war. Vorsichtig warf sie einen Blick um die Hausecke auf die Querstraße. Verärgert pustete sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. In einiger Entfernung stand der Bentley am Straßenrand geparkt und Matthew und Calvin liefen noch immer die Straße entlang. Sie wurde diese Typen einfach nicht los. Aimée überlegte fieberhaft. Sollte sie zurückgehen? Sich so lange in dem Geschäft des kauzigen Artkis verstecken, bis Matthew und Calvin verschwunden waren?

In diesem Moment hörte sie Schritte hinter sich. Der bullige Kunde aus dem Laden kam die Gasse entlang. Gleich würde er bei ihr ankommen. Aimée fasste einen Entschluss. Er war ihre letzte Chance, ungesehen aus der Gasse zu entkommen. Aimée wandte sich um. „Sir, vielleicht könnten Sie mir helfen …“

Doch der Fremde blieb nicht stehen. Er stieß Aimée so rüde zur Seite, dass sie hart gegen die Mauer prallte. „Hey“, entfuhr es ihr ungewollt laut. Der Mann bog nach links ab und blickte nicht zurück. Wütend rappelte sich Aimée wieder auf. Was für ein rücksichtsloser Kerl! Und vermutlich hatte sie durch ihren Aufschrei auch noch ihre Verfolger auf sich aufmerksam gemacht. Sie warf einen erneuten Blick auf die Querstraße, doch die beiden Bodyguards schienen sie nicht gehört zu haben. Sie standen mitten auf der Straße und diskutierten miteinander. 

Dann habe ich wohl keine andere Chance, als mal wieder einen Sprint einzulegen, dachte Aimée. Sie wollte gerade loslaufen, als ihr Blick auf den Boden fiel. Dort lag ein kleiner gelber Zettel. Aimée bückte sich und hob das Notizblatt auf. Vermutlich war er dem unfreundlichen Typen bei ihrem Zusammenstoß aus der Tasche gefallen. 

 

WG-Zimmer

Bayswater

27 Princes Square

Vermittlung durch

Artkis Ramschus

 

Ein WG-Zimmer? Das könnte die Antwort auf die Übernachtungsfrage sein. In einem Motelzimmer würde ihr Bruder sie sicherlich einfacher finden, als in einem privaten WG-Zimmer. Vor allem weil ihre spärliche Barschaft kaum für ein Motelzimmer reichen dürfte. Nun müsste sie nur noch ihre hartnäckigen Verfolger abschütteln und es zur nächsten Underground Station schaffen. Doch das erschien ihr mittlerweile fast unmöglich. Ganz davon abgesehen, dass sie kaum noch Kraft hatte, zu laufen. Einfach aufgeben wollte sie aber auf keinen Fall. Aimée stellte sich vor, was Nathan mit ihr anstellen würde, falls er sie wieder in die Finger bekam. Sie hatte keine andere Wahl. Aimée straffte die Schultern und lief los. Sie rechnete fest damit, dass Matthew und Calvin sie sehen und hinter ihr her laufen würden, oder wieder mit dem Wagen die Verfolgung aufnehmen und sie vermutlich schon an der nächsten Kreuzung stellen würden. In dieser graden, hell beleuchteten Straße hatte Aimée so gut wie keine Chance, unentdeckt zu fliehen. Doch zu ihrer Verwunderung hörte sie weder Schritte noch aufheulendes Motorengeräusch. Aber sie blieb nicht stehen. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust und ihr Atem ging stoßweise. Dennoch rannte sie weiter, immer weiter, bis sie endlich die Brixton High Street erreichte. 

Kapitel 3

Alle verrückt hier. Komm Einhorn, wir gehen. 

Der rote Stier

 

Als Aimée in Bayswater die Tube verließ, hatte es endlich aufgehört zu regnen. Die Luft roch so frisch und klar, wie sie nur nach einem Gewitter riechen konnte. Hier auf dem Queensway war deutlich mehr los als in Angell Town. Obwohl mittlerweile auch die Pubs geschlossen hatten, liefen noch genug Passanten umher, um Aimée ein Gefühl von Sicherheit zu geben. 

Der Princes Square war eine ruhige Seitenstraße mit herrschaftlichen Häusern im viktorianischen Stil. Aimée suchte nach der Nummer 27 und wurde schnell fündig. 

Unschlüssig stand sie vor der weißen Fassade des Hauses. Es war deutlich schmaler als die anderen Häuser der Straße und erweckte den Eindruck, als hätte es sich ungefragt zwischen die bestehenden Häuser gequetscht wie ein überzähliger Fahrgast auf dem Rücksitz eines Autos. Die Tür wurde von zwei eleganten Säulen eingerahmt und hinter den Fenstern im oberen Stockwerk konnte man einen Lichtschein erahnen. Obwohl dieses Haus durchaus einladend wirkte, stellte sich ein ungutes Gefühl in Aimées Magengegend ein. Sie fühlte sich wie eine Hochstaplerin. Immerhin hatte sie sich unrechtmäßig in den Besitz dieser Adresse gebracht. 

„Jetzt nur nicht nervös werden. Ich habe es bis hierher geschafft, dann schaffe ich den Rest auch noch. Atmen, einfach atmen“, redete sich Aimée gut zu. Sie straffte die Schultern und trat entschlossen auf die Tür zu. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, betätigte sie energisch den alten Türklopfer. 

Es geschah nichts. Im Haus war kein Laut zu hören. Nach einigen Minuten des Wartens schüttelte Aimée resigniert den Kopf und murmelte: „Ach, was soll’s. Es war sowieso eine blöde Idee.“ Sie wandte sich gerade zum Gehen, als die Haustür schwungvoll aufgerissen wurde. 

Aimée öffnete den Mund, um den Text aufzusagen, den sie sich auf dem Weg hierher zurechtgelegt hatte, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie starrte auf einen blond gelockten Knaben, der kaum älter als 13 oder 14 sein konnte. Er trug außer einer eng anliegenden weißen Shorts nichts am Leib. Er war schmächtig, und seine blasse Haut hatte die Farbe von Sahne. Er erinnerte Aimée an eine griechische Statur aus dem Kunstunterricht. Der Junge grinste sie schief an und lehnte sich lässig in den Türrahmen. „Na, Süße, was kann ich für dich tun?“, fragte er mit einer vollen, tiefen Stimme, die sein jugendliches Aussehen Lügen strafte. 

„Also … zunächst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass ich so spät noch klingel, aber …“, begann Aimée, vergaß jedoch, was sie sagen wollte, als sie die dicke kubanische Zigarre in der Hand des Jungen entdeckte. Er führte die Zigarre zum Mund und nahm einen Zug. Dann blies er Aimée den Rauch entgegen. 

„Aber?“, fragte er und musterte Aimée unverhohlen von oben bis unten. Sein intensiver Blick löste Unbehagen in ihr aus. Verlegen stammelte sie nur: „Ähm, darfst du überhaupt schon rauchen?“

„Soll das jetzt ʼne komische Anmache sein?“ 

Aimée wurde rot. „Nein, natürlich nicht. Ich, also … ich komme wegen dem WG-Zimmer.“

Der Junge zog die Augenbrauen hoch. „Dem Zimmer? Von wem autorisiert?“

Umständlich kramte Aimée in ihrer Tasche und förderte den Notizzettel zutage. Sie überreichte ihn ihm.

„Oha!“ Die Augenbrauen des Jünglings schossen noch mehr in die Höhe – sofern das überhaupt möglich war. Er fixierte Aimée erneut. „Wer hätte gedacht, dass der alte Artkis uns noch mal so ʼne heiße Schnecke schicken würde. Na, dann komm mal rein.“ 

Mit gemischten Gefühlen betrat Aimée den Hausflur und folgte dem Jungen eine steile Holztreppe hinauf. Während sie hinter ihm herlief, fielen ihr zwei parallel verlaufende lange Narben zwischen den Schulterblättern des Jungen auf. Eine Stimme in ihrem Inneren schrie förmlich: „Hier stimmt etwas nicht! Verschwinde, solange du noch kannst!“ 

Doch ihre Beine gingen wie von selbst die Stufen hoch, denn alles erschien Aimée besser, als sich zurück in die Fänge ihres Bruders zu begeben. 

Im ersten Stock führte der Junge sie in eine geräumige Wohnküche, die ohne die Berge dreckigen Geschirrs in der Spüle und auf der Ablage deutlich gemütlicher gewirkt hätte. Auf dem Küchentisch standen eine Flasche schottischer Whisky und ein halb gefülltes Glas. Der Junge bedeutete Aimée, Platz zu nehmen. 

„Willst du auch einen Schluck? 16-jähriger Single Malt. Wir müssten hier irgendwo noch ein sauberes Glas haben.“ Er grinste sie an. 

„Nein, danke“, lehnte Aimée ab. 

Der Junge zucke die Schultern. „Du weißt nicht, was du verpasst. Cheers!“ Er hob das Glas und nahm einen Schluck. „Ich bin übrigens George. Und wie ist dein Name?“

„Ich heiße Aimée“, stellte sie sich vor. 

„Amy?“, fragte George nach.

„Nein. Aimée“, korrigierte sie, indem sie das E in die Länge zog. 

„Ach, das ist mir zu kompliziert. Da sage ich lieber ‚Süße‘, denn das passt ja auch super zu dir.“ George grinste sie erneut frech an. 

Aimée hätte zu gerne gewusst, wie alt George wirklich war. Dass er nicht so jung sein konnte, wie sie zunächst gedacht hatte, war ihr mittlerweile klar. Doch sie verkniff sich die Frage nach seinem Alter. Stattdessen fragte sie: „Wer wohnt denn noch in dieser WG?“ 

„Ach, die anderen sind nicht wirklich von Bedeutung. Du wirst sie ja bald kennenlernen. Aber keine Angst, Chris, Cyrus und Frederic sind eigentlich ganz verträglich, wenn man sie zu nehmen weiß. Nur Jeremy ist ein echter Stimmungskiller. Der versaut jede Party.“ George lachte kehlig und trank sein Glas leer. 

„Alles Männer?“ Aimée wurde immer unbehaglicher. Sie spürte die Röte in ihr Gesicht ziehen. 

„Klar Süße, wir sind ʼne reine Männer-WG. Na ja, nun wohl nicht mehr.“ Er warf ihr einen amüsierten Blick zu. George schien ihre Unsicherheit zu spüren. 

„Du kannst übrigens schlafen, wo du willst. Nur nicht in Jeremys Zimmer, der ist so pingelig mit seinen Sachen. Aber sonst … Du kannst auch gerne bei mir pennen. Ich bin da ganz entspannt.“

„Ich habe kein eigenes Zimmer?“ Aimée entglitten für einen Moment die Gesichtszüge. 

Sie war recht wohlbehütet aufgewachsen. Bis zum Tod ihres Vaters war Aimée auf eine private Mädchenschule gegangen und danach hatte Nathan sie von der Schule genommen und durch Privatlehrer unterrichten lassen. Das ganze letzte Jahr über hatte ihr Bruder sie quasi wie eine Gefangene auf Wotton Hall gehalten. Nachdem sie in diesem Sommer ihr A-Level bestanden hatte, wollte sie anfangen zu studieren, aber Nathan hatte nichts davon hören wollen. Er hätte andere Pläne. Wie diese Pläne aussahen, hatte er ihr allerdings nicht verraten. 

„Nun mach doch nicht so ein schockiertes Gesicht!“, riss George sie aus ihren Gedanken. „Klar hast du dein eigenes Zimmer. Es ist nur nicht besonders groß, aber für so ʼne kleine Schnecke wie dich wird es schon reichen. Ich zeige es dir nachher.“ George goss sich Whisky nach. 

„Okay, und was soll das Zimmer kosten?“, fragte Aimée weiter, während sie ihre Hände unter dem Tisch nervös knetete. Sie musste sich beruhigen, denn sie brauchte diese Unterkunft, zumindest bis sie einen Plan hatte, wie es weiter gehen konnte.

„Kosten? Ach so. Nichts, was du nicht bezahlen könntest. Immerhin hat dich der alte Artkis geschickt, nicht wahr?“ Er schenkte ihr erneut einen anzüglichen Blick. „Du kannst mit Naturalien bezahlen. Am besten, du fängst gleich damit an.“

„Bitte, was?“, Aimée riss die Augen auf und schob den Stuhl zurück. Das wurde ihr jetzt doch zu bunt.

„Ja, damit kannst du die Jungs von deinen Qualitäten überzeugen. Hier!“ Mit diesen Worten reichte George ihr die Spülbürste. 

Aimées Blick wanderte über die Berge von schmutzigem Geschirr. 

„Ich glaube, jetzt brauche ich doch einen Drink!“

 

Zwei Stunden später stand Aimée immer noch am Waschbecken und schrubbte Tassen, in denen die Kaffeereste ein ekliges Eigenleben entwickelt hatten. George leistete ihr zwar Gesellschaft, rührte aber keinen Finger, um ihr zu helfen. Allerdings unterhielt er sie mit kleinen Geschichten über den neuesten Klatsch aus der Filmbranche und sorgte dafür, dass ihre Gläser nicht leer wurden. Er war ein begeisterter Kinogänger und erzählte witzige Anekdoten von Filmpremieren, die er besucht hatte. Dennoch hoffte Aimée, dass seine Mitbewohner weniger machohaft waren und vielleicht auch mal selbst eine Tasse ausspülen würden, was angesichts der aufgetürmten Geschirrberge in der Höhe des Mount Everest aber wohl eher nicht der Fall war. 

 

Aimée war gerade dabei, die letzten Gläser abzutrocknen und in den Schrank zu stellen, als die Haustür aufgeschlossen wurde. Schritte näherten sich der Küche und Aimée hörte zwei männliche Stimmen. Sie sprachen von irgendeinem Auftrag, als George sich erhob und grinsend sagte: „Entschuldige mich einen Moment. Ich werde die Jungs besser mal schonend auf dich vorbereiten.“ 

Er eilte in den Flur hinaus und rief betont fröhlich: „Freddy, Cyrus, altes Haus, kommt und lernt unser neues WG-Mitglied kennen!“

„Wir haben einen neuen Mitbewohner?“, fragte eine warme, dunkle Stimme erfreut, die sich in Aimées Ohren wie Samt anhörte und ihr eine leichte Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. 

Sie drehte sich zur Tür um und blickte unvermittelt in die honigfarbenen Augen eines Jungen, der nur wenig älter als sie zu sein schien. Einige schwarze Haarsträhnen fielen ihm lässig ins Gesicht. Er starrte sie für einen Moment mit offenem Mund – im wahrsten Sinne des Wortes – an, bevor er seine Lippen so fest aufeinanderpresste, dass sie nur noch eine schmale Linie bildeten. Im Türrahmen erschien der blonde Haarschopf eines zweiten Typen. Er schaute ebenfalls ein wenig irritiert, aber in seiner Miene spiegelte sich eher überraschtes Interesse.

„Hi, ich bin …“, wollte Aimée sich vorstellen, doch bevor sie den Satz beendet hatte, drehte sich der dunkelhaarige Junge um und stürmte aus der Küche. 

„George!“, brüllte er. „Bist du von allen guten Dämonen verlassen?“