Leseprobe Adel unter Verdacht

Kapitel 1

Der November in London war ausgesprochen bescheuert. Ja, ich weiß, dass eine Lady nicht so reden sollte, aber ich kann den feuchten, beißend kalten und undurchdringlichen Nebel nicht anders beschreiben, der schon die ganze Woche über dem Belgrave Square lag. Rannoch House, unser Londoner Stadthaus, war selbst zu seinen besten Zeiten nicht unbedingt warm und freundlich, aber wenn die Familie sich dort aufhielt, es voller Bediensteter war und die Feuer im Kamin fröhlich brannten, war es wenigstens erträglich. Aber außer mir war niemand im Haus und weit und breit waren keine Bediensteten in Sicht. So war das Haus unmöglich zu heizen. Denkt bloß nicht, dass ich eine schwache und zarte Person war, der Kälte normalerweise etwas ausmachte. Zuhause auf Castle Rannoch war ich sogar eine der Abgehärtetsten. An frostkalten Morgen unternahm ich lange Ausritte und ich war es gewohnt, stets bei offenem Fenster zu schlafen. Aber diese Londoner Kälte war anders als alles, was ich kannte. Sie ging bis auf die Knochen. Ich war versucht, den ganzen Tag im Bett zu bleiben.

Nicht, dass es im Augenblick viele Gründe gegeben hätte das Bett zu verlassen. Es war nur der strengen Erziehung meines Kindermädchens zu verdanken, die Bettruhe nur in Fällen von doppelseitiger Lungenentzündung erlaubte, dass ich morgens aufstand, drei Pullover übereinander anzog und nach unten in die vergleichsweise warme Küche eilte.

An diesem Morgen hockte ich in der Küche und trank eine Tasse Tee, als ich hörte, wie die Morgenpost auf die Fußmatte im oberen Flur fiel. Da kaum jemand wusste, dass ich mich in London aufhielt, war das ein großes Ereignis. Ich rannte die Treppe hoch und fand nicht einen, sondern gleich zwei Briefe auf der Matte vor der Eingangstür vor. Zwei Briefe, wie aufregend, dachte ich, dann erkannte ich die gestochene Handschrift meiner Schwägerin auf einem der beiden. Oh, Mist, was um Himmels willen wollte sie von mir? Fig war niemand, der Briefe schrieb, wenn es nicht dringend war. Sie hätte niemals eine Briefmarke verschwendet.

Der zweite Brief ließ mein Herz noch schneller schlagen. Er trug das königliche Wappen und kam vom Buckingham Palace. Ich wartete nicht einmal ab, bis ich die warme Küche erreicht hatte, sondern riss ihn sofort auf. Er stammte von dem Privatsekretär Ihrer Majestät.

Liebe Lady Georgiana,

Ihre Majestät Königin Mary bittet mich ihre herzlichsten Wünsche zu überbringen und hofft, Sie sind abkömmlich, um ihr am Donnerstag, dem 8. November, im Palace zum Mittagsmahl Gesellschaft zu leisten. Sie wünscht, dass Sie vielleicht ein bisschen früher kommen könnten, gegen elf Uhr fünfundvierzig, da sie ein wichtiges Anliegen hat, das sie mit Ihnen besprechen möchte.

„Du liebes bisschen“, murmelte ich. Ich würde mir solche mädchenhaften Sprüche abgewöhnen müssen. Vielleicht würde ich mir sogar einige Kraftausdrücke angewöhnen, natürlich nur zum persönlichen Gebrauch. Man sollte meinen, dass eine Einladung in den Buckingham Palace zum Mittagsmahl mit der Königin eine Ehre wäre. Aber es kam für meinen Geschmack zu oft vor. Ihr müsst wissen, dass König George mein Cousin zweiten Grades ist und Königin Mary eine Reihe kleiner Aufgaben für mich gehabt hatte, seit ich in London lebte. Um ehrlich zu sein, waren die Aufgaben gar nicht so klein. Zum Beispiel der neuen amerikanischen Freundin des Prince of Wales nachzuspionieren. Und vor ein paar Monaten hatte sie mir eine deutsche Prinzessin und ihr Gefolge aufgehalst – ziemlich heikel, da ich weder Bedienstete noch Geld für Essen gehabt hatte. Aber natürlich schlägt man der Königin nichts ab.

Ihr fragt euch also, warum jemand, der mit der Königin verwandt ist, allein ohne Bedienstete oder Geld für Essen lebt. Die traurige Wahrheit ist, dass unser Zweig der Familie ziemlich verarmt war. Mein Vater hatte fast unser gesamtes Vermögen verspielt und den Rest im Börsencrash von ’29 verloren. Mein Bruder, Binky, der gegenwärtige Duke, lebte auf dem Familiensitz in Schottland. Ich schätze, ich hätte bei ihm wohnen können, aber seine liebe Gattin Fig hatte deutlich gemacht, dass ich dort eigentlich nicht erwünscht war.

Ich schaute Figs Brief an und seufzte. Was um alles in der Welt konnte sie von mir wollen? Es war zu kalt, um noch länger im Eingangsflur zu bleiben. Ich ging mit dem Brief in die Küche und setzte mich auf meinen Platz neben den Herd, bevor ich ihn öffnete.

Liebe Georgiana,

ich hoffe, dir geht es gut und das Londoner Wetter ist milder als die Stürme, die wir gerade erleben. Ich schreibe, um dich von unseren Plänen in Kenntnis zu setzen. Wir haben beschlossen, diesen Winter hinunter ins Londoner Haus zu kommen. Binky ist noch geschwächt, nachdem er durch seinen Unfall so lange ans Bett gefesselt war, und Podge hatte eine schlimme Erkältung nach der anderen, also denke ich, dass ein bisschen Wärme und Kultur angebracht sind. Wir werden in etwa einer Woche im Rannoch House eintreffen. Binky hat mir von deinem geschickten Händchen für Haushaltsführung erzählt, also sehe ich keinen Anlass, zusätzlich Geld dafür auszugeben Bedienstete vorauszuschicken, da ich weiß, dass du das Haus wunderbar für uns vorbereiten wirst. Ich kann doch auf dich zählen, Georgiana? Und Binky findet, wir sollten ein paar Partys für dich geben, wenn wir ankommen, obwohl ich ihn an die beträchtliche Summe erinnert habe, die wir bereits für deine Saison ausgegeben haben. Er möchte dich unbedingt gut versorgt wissen und ich stimme ihm zu, dass die Familie in dieser kräftezehrenden Zeit dann eine Sorge weniger hätte. Ich hoffe, du wirst deinen Teil dazu beitragen, Georgiana, und die jungen Männer, die wir für dich aussuchen, nicht so abweisen wie du es bei dem armen Prinz Siegfried getan hast, der wirklich ein äußerst manierlicher junger Mann zu sein scheint und eines Tages vielleicht sogar ein Königreich erben wird. Darf ich dich daran erinnern, dass du auch nicht jünger wirst. Denk daran, dass eine Frau, sobald sie über vierundzwanzig ist, worauf du zusteuerst, aufs Abstellgleis kommt. Ihre Blüte ist vorbei.

Also bereite das Haus bitte für unsere Ankunft vor. Wir werden nur die geringstmögliche Anzahl an Bediensteten mitnehmen, da das Reisen heutzutage so teuer ist. Dein Bruder bittet mich, dir seine besten Wünsche zu übermitteln.

Deine ergebene Schwägerin

Hilda Rannoch

Es wunderte mich, dass sie nicht noch „Duchess“ hinzugefügt hatte. Ihr richtiger Name war nämlich Hilda, obwohl sie sonst von allen Fig genannt wurde. Würde ich Hilda heißen, fände ich Fig ehrlich gesagt sogar besser. Der Gedanke, dass sie in naher Zukunft eintreffen würde, rüttelte mich wach. Ich musste eine Betätigung finden, damit ich nicht im Haus festsitzen und mir anhören müsste, welche Last ich für die Familie war.

Eine Anstellung zu finden wäre wunderbar, aber ich hatte die Hoffnung darauf fast schon aufgegeben. Einige der arbeitslosen Männer, die immer an den Straßenecken standen, hatten alle möglichen Abschlüsse und Qualifikationen. Meiner Ausbildung an einem schrecklich vornehmen Mädcheninternat in der Schweiz hatte ich lediglich zu verdanken, dass ich mit einem Buch auf dem Kopf herumlaufen konnte, gutes Französisch sprach und wusste, welchen Platz ein Bischof bei einer Dinnergesellschaft hatte. Ich war für die Ehe ausgebildet worden, das war alles. Außerdem waren die meisten Anstellungen für jemanden meines Rangs verpönt. Ich würde meine Familie enttäuschen, wenn ich an der Kasse im Woolworths oder beim Ale-Ausschank im örtlichen Pub gesehen würde.

Eine Einladung an einen weit entfernten Ort – das war genau das, was ich brauchte. Vorzugsweise nach Timbuktu oder wenigstens in eine Villa am Mittelmeer. Dadurch könnte ich auch den kleinen Aufträgen der Königin entkommen. „Es tut mir so leid, Ma’am. Ich würde liebend gern Mrs Simpson für Euch ausspionieren, aber man erwartet mich Ende der Woche in Monte Carlo.“

Es gab in London nur eine Person, an die ich mich in einer so misslichen Lage wenden konnte – meine alte Schulfreundin Belinda Warburton-Stoke. Belinda gehört zu den Menschen, die immer wieder auf den Füßen landen – oder in ihrem Fall auf dem Rücken. Sie wird ständig zu Hauspartys und Jachtausflügen eingeladen – weil sie, müsst ihr wissen, schrecklich verrucht und sexy ist, anders als ich. Ich hatte noch nie Gelegenheit, verrucht oder sexy zu sein.

Nachdem ich vor ein paar Wochen von Castle Rannoch in Schottland nach London zurückgekehrt war, hatte ich ihrem kleinen Cottage in Knightsbridge einen Besuch abgestattet, es aber verschlossen und ohne eine Spur von Belinda vorgefunden. Ich nahm an, dass sie mit ihrer neuesten Errungenschaft, einem hinreißenden italienischen Grafen, der leider mit jemand anderem verlobt war, nach Italien gereist war. Es war durchaus möglich, dass sie inzwischen zurückgekehrt war, und die Situation war dringlich genug, um mich in den schlimmsten Nebel hinauszuwagen. Wenn mich jemand vor der drohenden Gefahr namens Fig retten konnte, dann Belinda. Also wickelte ich mich in mehrere Lagen Schals ein und trat nach draußen in den undurchdringlichen Nebel. Du meine Güte, dort draußen war es unheimlich. Alle Geräusche waren gedämpft und die Luft war vom Rauch tausender Kohlenfeuer durchdrungen, was einen ekelerregenden metallischen Geschmack in meinem Mund hinterließ. Die Häuser rund um den Belgrave Square waren von der Düsternis verschluckt worden und ich konnte gerade so das Geländer um die Parkanlage inmitten des Platzes ausmachen. Niemand sonst schien unterwegs zu sein, als ich vorsichtig den Platz umrundete.

Mehrmals war ich kurz davor aufzugeben und sagte mir, dass umtriebige junge Menschen wie Belinda bei Wetter wie diesem unmöglich in London waren und ich meine Zeit vergeudete. Aber ich ging beharrlich weiter. Wir Rannochs sind dafür bekannt nicht aufzugeben, komme was wolle. Also dachte ich an Robert Bruce Rannoch, der unbeirrbar die Heights of Abraham in Quebec erklomm, nachdem er mehrmals angeschossen worden war. Am Gipfel angekommen, hatte er mehr Löcher im Körper als ein Sieb und schaffte es, fünf weitere Feinde zu töten, bevor er starb. Keine aufmunternde Geschichte, schätze ich. Die meisten Geschichten meiner tapferen Vorfahren endeten damit, dass der jeweilige Vorfahr aus dem Leben schied.

Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass ich mich hoffnungslos verirrt hatte. Das Cottage von Belinda lag nur ein paar Straßen weiter und ich war schon seit einer Ewigkeit unterwegs. Mir war klar, dass ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen musste, wobei ich mit der Hand zur Sicherheit die Geländer vor den Häusern berührte, aber ich musste irgendwo falsch abgebogen sein.

Keine Panik, sagte ich mir. Irgendwann würde ich auf eine mir vertraute Umgebung stoßen und ich wäre gerettet. Das Problem war, dass niemand sonst unterwegs und es unmöglich war, die Straßenschilder zu erkennen. Auch sie waren von der Finsternis über mir verschluckt worden. Ich hatte keine andere Wahl als weiterzugehen. Sicherlich würde ich irgendwann nach Knightsbridge und zu Harrods kommen. Ich würde die Lichter in den Schaufenstern sehen. Harrods würde wegen des bisschen Nebels nicht schließen. In London gab es genügend Leute, die nicht auf ihre Gänseleberpastete und ihre Trüffel verzichten konnten, egal, wie das Wetter war. Aber Harrods tauchte nicht auf. Schließlich gelangte ich zu einer Art Parkanlage. Ich war mir nicht sicher, welche es wohl war. Ich hatte doch nicht Knightsbridge durchquert und befand mich nun am Hyde Park?

So langsam wurde mir schrecklich mulmig zumute. Da bemerkte ich die Schritte hinter mir - langsame, gleichmäßige Schritte, die mit mir mithielten. Ich drehte mich um, konnte aber niemanden sehen. Sei nicht so albern, sagte ich mir. Die Schritte waren bestimmt nur ein merkwürdiges Echo, das durch den Nebel erzeugt wurde. Ich fing wieder an zu laufen, blieb plötzlich stehen und hörte, wie die Schritte noch etwas weiterliefen, bevor sie ebenfalls anhielten. Ich begann immer schneller zu laufen und vor meinem inneren Auge spielte sich ab, was bei Nebel in Sherlock-Holmes-Geschichten geschah. Ich stolperte über etwas, das wohl ein Bordstein war, lief weiter und spürte plötzlich eine große gähnende Leere vor mir, bevor ich gegen ein hartes Hindernis stieß.

Wo zum Teufel war ich? Ich tastete wieder nach dem Hindernis und versuchte, mir ein Bild davon zu machen. Es bestand aus rauem, kaltem Stein. Gab es eine Mauer um den Serpentine-Fluss im Hyde Park? Ich fühlte, wie mir kalte, feuchte Luft entgegenschlug, und konnte den unangenehmen Geruch von verfaulenden Pflanzen wahrnehmen. Außerdem hörte ich ein Plätschern. Ich lehnte mich nach vorn und versuchte herauszufinden, was das Geräusch war, das ich unter meinen Füßen hörte. Ich überlegte, ob ich über die Mauer klettern sollte, um meinem Verfolger zu entkommen. Dann fuhr ich plötzlich zusammen, als ich von hinten an der Schulter gepackt wurde. 

Kapitel 2

„Das würde ich nicht tun, Miss“, sagte eine tiefe Stimme mit Cockney-Akzent.

„Was tun?“ Ich wirbelte herum und konnte gerade so den Umriss eines Polizeihelms erkennen.

„Ich weiß, was Sie vorhatten“, sagte er. „Sie wollten in den Fluss springen, stimmt’s? Ich bin Ihnen gefolgt. Ich hab’ gesehen, dass Sie über die Brüstung klettern wollten. Sie hätten sich das Leben genommen.“

Ich verarbeitete noch immer die Information, dass ich irgendwie den ganzen Weg zur Themse gelaufen war, in die völlig falsche Richtung, und es dauerte einen Moment, bis ich verstand. „Mir das Leben nehmen? Keineswegs, Constable.“

Er legte seine Hand wieder auf meine Schulter, diesmal sanfter. „Kommen Sie schon, meine Liebe. Sie können mir die Wahrheit sagen. Warum sind Sie sonst an einem Tag wie diesem unterwegs und haben versucht, in den Fluss zu klettern? Kopf hoch. Ich erlebe so etwas ständig, meine Liebe. Diese Wirtschaftskrise schlägt allen auf die Stimmung, aber ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass das Leben trotzdem lebenswert ist, was auch immer passiert. Kommen Sie mit mir zurück zur Polizeiwache und ich mache Ihnen eine schöne Tasse Tee.“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder empört sein sollte. Letzteres gewann. „Hören Sie mal, Officer“, sagte ich, „ich habe nur versucht, eine Freundin zu besuchen, und muss falsch abgebogen sein. Ich hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt in der Nähe des Flusses war.“

„Wenn Sie meinen, Miss“, sagte er.

Ich war versucht, ihm zu sagen, dass ich „Mylady“ und nicht „Miss“ war, aber inzwischen fühlte ich mich so unwohl, dass ich nur noch wegwollte. „Wenn Sie mir einfach den Weg zurück in Richtung Knightsbridge zeigen könnten“, sagte ich. „Oder Belgravia. Ich kam vom Belgrave Square.“

„Menschenskinder, dann sind Sie ja völlig falsch. Sie sind an der Chelsea Bridge.“ Er nahm meinen Arm und geleitete mich zurück über das Embankment und dann eine Straße entlang, bei der es sich laut ihm um die Sloane Street handelte, die zum Sloane Square führte. Ich lehnte sein erneutes Angebot einer Tasse Tee im Polizeirevier ab und sagte ihm, ich käme zurecht. Nun wüsste ich ja, in welcher Straße ich mich befand.

„Wenn ich Sie wäre, würde ich auf direktem Weg nach Hause gehen“, sagte er. „Bei diesem Wetter sollte man nicht vor die Tür gehen. Reden Sie mit ihrer Freundin über den guten alten Fernsprechapparat.“

Natürlich hatte er recht, aber ich benutzte das Telefon nur in Notfällen, da Fig es ablehnte, die Rechnung zu bezahlen und ich dafür kein Geld hatte. Mir wurde klar, dass es heute vernünftiger gewesen wäre, aber ich sehnte mich nach der Gesellschaft eines anderen Menschen. Es ist schrecklich einsam, sein Lager in einem großen Haus aufzuschlagen, wenn man nicht einmal ein Dienstmädchen hat, mit dem man reden kann, und ich bin jemand, der Gesellschaft mag. Also ging ich vom Sloane Square aus los und erreichte Belindas Cottage schließlich ohne weitere Zwischenfälle, wo allerdings meine Befürchtung bestätigt wurde, dass sie nicht zu Hause war.

Ich versuchte den Weg zum Belgrave Square wiederzufinden und wünschte mir wirklich, ich hätte den Rat des Polizisten befolgt und wäre direkt nach Hause gegangen. Dann hörte ich im Nebel ein Geräusch, das mir bekannt vorkam – das Pfeifen eines Zuges. Also fuhren trotz des Nebels noch einige Züge und die Victoria Station lag direkt vor mir. Wenn ich den Bahnhof fand, würde ich mich recht einfach zurechtfinden können. Plötzlich stieß ich auf eine Reihe von Menschen, überwiegend Männer, die niedergeschlagen mit vor die Münder gewickelten Schals dastanden, die Hände in den Taschen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie hier taten, bis ich gekochten Kohl roch und mir klar wurde, dass sie vor der Suppenküche des Bahnhofs anstanden. Es würde meiner Familie gefallen, wenn ich dort ehrenamtlich arbeitete, und die Königin hatte sogar selbst vorgeschlagen, dass ich mich wohltätig engagierte. Wenigstens würde ich so eine ordentliche Mahlzeit am Tag bekommen, bis Binky und Fig eintrafen. Ich hatte nämlich ein furchtbar leeres, flaues Gefühl im Magen. Ich wollte an der Schlange vorbeigehen, um jemanden zu finden, der zuständig war, als eine Hand vorschoss und mich packte.

„He, wo willst du denn hin?“, wollte ein großer, kräftiger Mann wissen. „Wolltest dich vordrängeln, was? Du gehst ans Ende der Schlange und wartest wie wir anderen auch.“

„Aber ich wollte nur mit den Leuten sprechen, die die Küche betreiben“, sagte ich. „Ich wollte dort ehrenamtlich arbeiten.“

„Pah – ich hab’ schon jede Ausrede gehört. Na los, zum Ende der Schlange.“

Ich drehte mich peinlich berührt um und wollte gerade nach Hause schleichen, als der Mann hinter ihm vortrat. „Schau sie dir an, Harry. Sie ist nur Haut und Knochen und jeder kann sehen, dass sie schwere Zeiten durchmacht. Gehen Sie ruhig vor, Küken. Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment in Ohnmacht fallen, wenn Sie nicht bald eine ordentliche Mahlzeit bekommen.“

Ich wollte dieses freundliche Angebot gerade ablehnen, aber dann stieg mir der Geruch der Suppe in die Nase. Man kann sich denken, wie hungrig ich war, wenn ich sogar gekochten Kohl wohlriechend fand. Was konnte es schon schaden, wenn ich die Ware testete, bevor ich meine Dienste anbot? Ich schenkte dem Mann ein dankbares Lächeln und schlüpfte in die Schlange. Wir bewegten uns langsam vorwärts und kamen schließlich ins Bahnhofsgebäude. Es machte einen unnatürlich verlassenen Eindruck, aber ich hörte das Zischen von Dampf, der aus einer Lokomotive ausgestoßen wurde und eine körperlose Stimme kündigte die Abfahrt des Fährzugs nach Dover an, was ein sehnsüchtiges Gefühl in mir weckte. Auf dem Fährzug nach Dover in Richtung Festland zu sein – wäre das nicht fantastisch?

Aber meine Reise endete ein paar Meter weiter an einem mit Wachstuch bedeckten Tisch neben den Bahnsteigen. Mir wurden ein Teller und ein Löffel gereicht. Ein Kanten Brot wurde auf den Teller geworfen und dann ging ich weiter zu einem der großen Töpfe mit Eintopf. Ich konnte Fleischstücke und Karotten sehen, die in einer reichhaltigen braunen Soße schwammen. Ich sah zu, wie sich die Schöpfkelle hob und über meinen Teller senkte, dann verharrte sie in der Luft.

Ich blickte verärgert auf und schaute in Darcy O'Maras eindringliche Augen. Sein dunkles, lockiges Haar war noch widerspenstiger als sonst und er trug einen weiten königsblauen Sherman-Pullover, der perfekt zum Blau seiner Augen passte. Kurz gesagt, er war so wunderschön wie immer. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.

„Georgie!“ Er hätte nicht schockierter klingen können, wenn ich ohne Kleidung dagestanden hätte. Wie ich Darcy kannte, hätte er es vielleicht sogar genossen, mich nackt in der Victoria Station zu sehen.

Ich spürte, wie ich rot anlief und versuchte mich locker zu geben. „Hallöchen Darcy. Lange nicht gesehen.“

„Georgie, was hast du dir dabei gedacht?“ Er schnappte mir den Teller weg, als wäre er glühend heiß.

„Es ist nicht so, wie es aussieht, Darcy.“ Ich versuchte zu lachen, was missglückte. „Ich kam hierher, um herauszufinden, ob ich in der Suppenküche aushelfen könnte, und einer der Männer in der Schlange dachte, ich wäre zum Essen hier und bestand darauf, dass ich seinen Platz einnehme. Er war so freundlich, dass ich ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte.“

Während ich sprach, wurde mir bewusst, dass hinter mir in der Schlange Gemurmel laut wurde. Die Wohlgerüche drangen offensichtlich auch zu ihnen. „Dann geh zur Seite“, sagte eine wütende Stimme. Darcy nahm die weite blaue Schürze ab, die er getragen hatte. „Übernimm für mich, Wilson, ja?“, rief er einem anderen Helfer zu. „Ich muss diese junge Lady hier herausbringen, bevor sie in Ohnmacht fällt.“

Dann sprang er beinahe über den Tisch, um mich zu stützen, nahm meinen Arm und führte mich mit festem Griff davon.

„Was tust du da?“, wollte ich wissen und war mir der vielen Blicke, die auf mich gerichtet waren, bewusst.

„Ich bringe dich hier raus, bevor dich jemand erkennt, was sonst“, zischte er mir ins Ohr.

„Ich verstehe nicht, warum du so viel Aufhebens darum machst“, sagte ich. „Wenn du nicht so reagiert hättest, hätte mich niemand bemerkt. Und ich bin wirklich gekommen, um meine Dienste anzubieten, weißt du.“

„Das mag schon sein, aber es kommt nicht selten vor, dass die Gentlemen von der Presse in den großen Londoner Bahnhöfen herumschleichen in der Hoffnung, eine Berühmtheit zu erwischen“, sagte er mit seiner rauen Stimme, in der eine Spur Irisch mitschwang, während er mich immer noch schnellen Schritts mit sich zog. „Es ist nicht schwer dich zu erkennen, Mylady. Ich selbst habe dich in einem Londoner Teeladen erkannt, weißt du noch? Und kannst du dir vorstellen, was für ein gefundenes Fressen das für sie wäre? Ein Mitglied der Königsfamilie unter den Glücklosen? ‚Vom Buckingham Palace zur Bettlerin‘? Denk an die Peinlichkeit, die das deinen königlichen Verwandten bescheren würde.“

„Ich verstehe nicht, warum ich mir darüber Sorgen machen sollte, was sie denken“, sagte ich. „Sie bezahlen nicht für mein Essen.“

Wir verließen das rußige Bahnhofsgebäude durch eine Seitentür. Er ließ meinen Arm los und fixierte mich mit seinem Blick. „Wolltest du wirklich diese ekelhafte Brühe essen, die sie Suppe nennen?“

„Wenn du es genau wissen willst, ja. Das wollte ich wirklich. Seit meinem letzten Karriereversuch vergangenen Sommer – eine Karriere, die du übrigens vorzeitig beendet hast – habe ich kein Geld verdient und soweit ich weiß, braucht man Geld, um Essen zu kaufen.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und wurde weicher. „Mein armes, liebes Mädchen. Warum hast du niemandem Bescheid gesagt? Warum hast du mir nichts erzählt?“

„Darcy, ich weiß nie, wo ich dich finden kann. Außerdem scheinst du selbst die meiste Zeit pleite zu sein.“

„Aber im Gegensatz zu dir weiß ich, wie man überlebt“, sagte er. „Ich passe im Moment auf das Haus eines Freundes in Kensington auf. Er besitzt einen außerordentlich guten Weinkeller und hat die Hälfte seiner Bediensteten dort gelassen, also kann ich mich nicht beklagen. Du bist also noch immer allein im Rannoch House?“

„Ganz allein“, sagte ich. Nun, da der Schreck darüber, dass ich ihm in einer so aufwühlenden Situation begegnet war, nachließ und er mich zärtlich ansah, war mir zum Weinen zumute.

Er brachte mich zu einer Straßenecke und machte ein Taxi ausfindig, das dort stand.

„Glauben Sie, Sie schaffen es, den Belgrave Square zu finden?“, fragte er.

„Werd’ mir verdammt viel Mühe geben, Kumpel“, antwortete der Taxifahrer, der offensichtlich nur zu froh war, etwas zu verdienen. „Wenigstens müssen wir nich’ befürchten, im Stau zu stehen, was?“

Darcy half mir einzusteigen und wir fuhren los.

„Arme kleine Lady Georgie.“ Er legte seine Hand an meine Wange und streichelte sie sanft, was mich noch mehr durcheinanderbrachte. „Du hast wirklich nicht das Zeug dazu, in der großen, weiten Welt zu überleben, nicht wahr?“

„Ich gebe mir Mühe“, sagte ich. „Es ist nicht einfach.“

„Das letzte Mal, als ich von dir gehört habe, warst du mit deinem Bruder auf Castle Rannoch“, sagte er, „was nicht der fröhlichste Ort auf der Welt ist, da muss ich dir recht geben, aber wenigstens bekommst du dort drei anständige Mahlzeiten am Tag. Was in Gottes Namen hat dich dazu gebracht, um diese Jahreszeit fortzugehen und hier herunterzukommen?“

„Ein Wort: Fig. Sie ist wieder so fies wie eh und je geworden und hat immer wieder Bemerkungen darüber fallen lassen, dass sie zu viele Münder stopfen und auf ihre Marmelade von Fortnum’s verzichten müsste.“

„Es ist das Heim deiner Vorfahren, nicht ihrer“, sagte er. „Dein Bruder ist sicher dankbar für alles, was du für sie getan hast, oder? Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ihr Sohn tot und Binky vielleicht auch.“

„Du kennst doch Binky. Er ist ein liebenswürdiger Kerl, aber er ist zu nachgiebig. Fig hat die Hosen an. Und er war wegen dieser schrecklichen Entzündung an seinem Knöchel ans Bett gefesselt; sie hat ihn sehr geschwächt. Also war es alles in allem vernünftiger abzuhauen. Ich hatte gehofft, ich würde eine Arbeit finden.“

„Es gibt keine Arbeit“, sagte er. „Niemand verdient Geld, außer den Buchmachern bei den Pferderennen und den Spielclubs. Nicht, dass sie mein Geld bekommen würden.“ Er grinste selbstgefällig. „Letzte Woche beim Hindernisrennen in Newmarket habe ich fünfzig Mäuse gewonnen. Ich weiß vielleicht nicht viel, aber mit Pferden kenne ich mich aus. Wenn mein Vater den Rennstall nicht verkauft hätte, wäre ich jetzt zu Hause in Irland und würde ihn leiten. Aber wie die Dinge liegen, bin ich ein Heimatloser wie du.“

„Aber du arbeitest im Geheimen, nicht wahr, Darcy?“, sagte ich.

„Wie kommst du denn darauf?“ Er lächelte mir herausfordernd zu.

„Du verschwindest wochenlang und sagst mir nicht, wohin du gehst.“

„Vielleicht habe ich ja nebenher ein heißes junges Ding in Casablanca oder Jamaika“, sagte er.

„Darcy, du bist unverbesserlich.“ Ich schlug ihm auf die Finger. Er packte meine Hand und hielt sie fest.

„Es gibt gewisse Dinge, die ich nicht in Taxis bespreche“, sagte er.

„Ich glaube, das ist der Belgrave Square.“ Der Taxifahrer schob die gläserne Trennwand herunter. „Welches Haus?“

„In der Mitte der Längsseite“, sagte Darcy.

Wir hielten vor Rannoch House an. Darcy stieg aus und ging um den Wagen herum, um mir die Tür zu öffnen. „Weißt du, es ist sinnlos, in diesem Nebel irgendwohin zu gehen“, sagte er. „Es wird unmöglich sein, ein Taxi dazu zu bringen, uns nach Anbruch der Dunkelheit irgendwohin zu fahren. Aber morgen soll es ein wenig besser werden. Also hole ich dich um sieben ab.“

„Wohin gehen wir?“

„Wir werden natürlich ordentlich essen gehen“, sagte er. „Zieh dich schick an.“

„Wir schleichen uns nicht wieder heimlich auf die Hochzeit von irgendjemandem?“, fragte ich, weil wir genau das getan hatten, als wir das erste Mal zusammen ausgegangen waren.

„Natürlich nicht.“ Er hielt meine Hand fest, als ich die Stufen zur Eingangstür hinaufstieg. „Dieses Mal wird es das Dinner der Buchhaltergesellschaft.“ Dann sah er mein Gesicht und lachte. „Ich mache nur Spaß, altes Haus.“