Interview Gerlinde Friewald im spannenden Autoreninterview

Worum geht es in Narbenfrau?

Im Zentrum steht der Kriminalpsychologe und Sonderermittler Nick Stein. In Narbenfrau, seinem ersten Fall, muss er einen Mord aufklären, der ihn in seine eigene Vergangenheit führt – was es ihm doppelt schwer macht, uns aber hilft, ihn und seine Eigenheiten besser kennenzulernen.
Je tiefer er im Umfeld des Opfers gräbt, desto bizarrere Fakten kommen an die Oberfläche. Nick ist mit Fetischen und psychischen Störungen konfrontiert, die sein gesamtes Wissen und auch seine innere Kraft fordern.


Nick Stein ist kein gewöhnlicher Ermittler. Kannst du ihn in drei Worten beschreiben?

Ui, nur drei: charismatisch, intelligent, empathisch … bitte doch ein viertes: zielorientiert


Nick wird während seiner Ermittlungen mit den Themen „Mobbing“ und „Schönheitswahn“ konfrontiert. Sind dir beide Themen ein besonderes Anliegen? Warum?

Oh ja, und ob. Beide Themen sind auch nicht selten eng miteinander verknüpft. Es ist erschreckend, wie früh es bereits einsetzt und sich durch alle Altersgruppen zieht. Gerade bei jungen Menschen sehe ich es als extrem gefährlich an, zumal Teenager charakterlich natürlich noch nicht gefestigt sind und keine Chance haben, sich abzugrenzen. Die Auswirkungen sind mitunter verheerend und beeinflussen womöglich das ganze weitere Leben. Das erste Opfer in Narbenfrau ist das beste Beispiel.


Welcher Schauspieler würde Nick in einer Verfilmung spielen?

Vielleicht Keanu Reeves. Leonardo diCaprio würde mir auch sehr gut gefallen. Oder Brad Pit, aber nicht seine Version aus 12 Monkeys. Wobei sie alle schon eine Spur zu alt sind, aber sie sind tolle Schauspieler. Außerdem ist Nick ja auch schon an die 40, das kommt fast hin ;-).


Wie sah die Recherche für deinen Krimi aus?

Sehr umfangreich. Es ist ein Teil des Prozesses, den ich echt über alles liebe. Mir ist enorm wichtig, dass wirklich alle in den Büchern verarbeiteten Fachthemen richtig sind. Die Geschichte ist Fiktion, aber was ich darüber hinaus vermittle, muss stimmen. Dabei reicht es nicht aus, ein bisschen zu googlen. Klar beginnt es mit einer Internet-Recherche, aber dann suche ich nach Personen, die sich wirklich auskennen.
Ein Beispiel aus Narbenfrau: Um viel über die Dämmerschlafnarkose zu erfahren, war es unumgänglich für mich, ausführlich mit einem Anästhesisten zu reden. Oder für Stille Schuld unter anderem mit einer Hautärztin. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen – wenn ich nur an Max Edelbacher, den ehemaligen Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, und seine wertvollen Informationen über die Polizeiarbeit denke …

 

Wie kommst du auf die Ideen und verarbeitest sie?

Sie kommen von überall her, oft reicht ein Satz von jemandem oder etwas, das ich sehe. Es wird dann im Gehirn abgelegt und bei Bedarf hervorgeholt. Ich nenne es gern den Auslöser, weil ich es nicht eins zu eins verarbeite, sondern mir nur die Inspiration für etwas hole. Die Frage, wer zuerst da war, Huhn oder Ei, ist in diesem Fall also einfach: zuerst die Idee, dann die Recherche.
Ich habe ein super Beispiel, das auch gut zur vorigen Frage nach der Recherche passt: Eine liebe Freundin und ich treffen uns auf einen Kaffee. Wir plaudern über unsere Arbeit – sie ist Make Up Artistin und Visagistin. Im Zuge des Gesprächs erzählt sie mir von einer Kollegin, die sich auf das Maskenbilden spezialisiert hat. Wenn sie gerade keinen Filmauftrag hat, erstellt sie Masken für Privatpersonen, und zwar hauptsächlich für einen einschlägigen Bereich: Hundemasken, Schweinemasken, und so weiter, ziemlich schräg. Jedenfalls kommt ein Mann zu ihr mit einer Menge Fotos von einem anderen Mann und möchte, dass sie eine Maske mit dessen Gesicht macht. Klar ist sie neugierig und fragt ihn danach. Jetzt kommt es. Er erklärt ihr, das sei der Ex seiner Freundin, und sie will, dass er dessen Maske beim Sex aufsetzt. Arg, nicht wahr? Wir haben herzlich gelacht, waren aber dann doch nachdenklich und haben überlegt, was einen Menschen zu so etwas bringen kann.
Nun ja, aus dieser Erzählung ist circa zwei Jahre später die Idee mit der Maskenszene in Narbenfrau entstanden. Ich habe meine Freundin gebeten, mir den Prozess der Maskenherstellung zu erklären. Bis dahin wusste ich nicht, wie komplex das ist. Sie hat mir sogar ein mehrseitiges Dokument verfasst, wo sie jeden Arbeitsschritt ganz genau erläutert.


Wie sieht dein perfekter Schreibplatz aus? Hast du ein Schreibritual?

Einen perfekten Schreibplatz im eigentlichen Sinn habe ich nicht. Ich schreibe überall. Genauso verhält es sich mit dem Schreibritual. Wann, wo, wie lange, worauf – Hauptsache ist, dass ich schreiben kann.


Narbenfrau ist der erste Fall für Nick Stein. Was erwartet uns in Stille Schuld, seinem zweiten Fall?

Wie bei Narbenfrau geht es in Stille Schuld tief hinein in die menschlichen Abgründe und in die Psyche der Menschen, aber das Thema ist ein gänzlich anderes. Ich muss zugeben, dass mich Stille Schuld sehr gepackt hat – generell ist jegliche Form der Gewalt gegen Schwächere für mich furchtbar und nur schwer zu verkraften.
In Stille Schuld dreht sich alles um Qualen, Leid, Glaube, Schuld und letztendlich um die düstere Frage, ob ein Verbrechen je gerechtfertigt sein kann. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten …


Hast du einen Krimi-Buchtipp für uns?

Ich hätte so viele, alte und neue, aber ich nenne bewusst zwei „alte“ Bücher aus den achtziger Jahren. Damals wie heute sind sie für mich einfach sensationell: Einmal das Das Parfum von Patrick Süskind. Und dann Der Name der Rose von Umberto Eco. Nebenbei bemerkt sind auch die Verfilmungen dieser beiden Romane gut gelungen, finde ich.