Interview Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek im Autoreninterview zu Schwesterntod

Worum geht es in eurem Buch Schwesterntod?

E-MS: Um einen lange zurückliegenden Doppelmord, basierend auf dem Fall Weimar. Zwei kleine Mädchen verschwinden an einem wunderschönen Sommertag und werden drei Tage später tot aufgefunden. Schnell fokussieren sich die Ermittler auf die Eltern, noch schneller auf die Mutter, die in unserem Fall ein Verhältnis mit einem in Deutschland stationierten britischen Soldaten hat. Sie verwickelt sich im Laufe der Ermittlungen in Widersprüche, wird wiederholt der Lüge überführt, bis sie plötzlich ihren Ehemann beschuldigt. Aber: wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Wer aber die falsche Lüge vorbringt, der wird am Ende verurteilt. Und bleibt es auch. Alles nur auf der Basis von Indizien. Unsere „Ermittlerinnen“, zwei pensionierte Richterinnen, rollen den Fall nach amerikanischem Vorbild wieder auf. Auch deswegen, weil eine von ihnen in der Sache noch eine persönliche Rechnung offen hat.

Quelle: © Eva-Maria Silber

Das Besondere an dem Thriller ist, dass die Geschichte tatsächlich so passiert ist. Wie seid ihr auf die Idee gekommen zusammen ein True Crime zu schreiben?

KW: Das war Evs Idee.

E-MS: Ich bin über einen Zeitungsartikel gestolpert, in dem von den Judges for Justice berichtet wurde, eine amerikanische Organisation von Richtern, die sich fragwürdige Urteile vornehmen und die Wahrheit suchen. Wir haben hier zwar ein anderes Straf- und Strafprozessrecht als in den USA. Trotzdem gibt es auch bei uns heiß umstrittene Urteile, insbesondere in Indizienprozessen, die durchaus Zweifel wecken, ob der oder die Richtige verurteilt worden ist. Ich finde die Suche nach der „Wahrheit“ deutlich spannender, auch für die Autoren, als sich eine fiktive Geschichte auszudenken. Und hier standen uns sogar Auszüge aus den Originalakten zur Verfügung. Wir hatten also genug Stoff, uns einen eigenen Reim auf den Fall zu machen.

Warum habt ihr euch für diesen Fall entschieden?

E-MS: Ich habe meine Kindheit nur 15 Kilometer von dem Tatort entfernt verbracht. 1986, als die Morde geschahen, war ich bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main im Referendariat. Am 4. August war ich auf der Fahrt zu meinen Eltern auf der A4 kurz vor Bad Hersfeld unterwegs, als die Suchmeldung nach den zwei Mädchen durchs Radio kam. Seitdem verfolge ich den Fall. Nein, verfolgt mich der Fall!

KW: Als der Doppelmord geschah, war ich Anfang Zwanzig und hatte gerade mit dem Jurastudium in Köln begonnen. Mich bewegte die Monstrosität der Tat und später die Frage, ob das Gericht in dem reinen Indizienprozess die Wahrheit gefunden hat. War die Verurteilung der Mutter richtig? Ich war schnell für Evs Vorschlag zu haben, diesen Fall aufzugreifen.

Quelle: © Kirsten Wilczek

Beim Lesen merkt man, dass ihr euch mit der Materie sehr gut auskennt. Könnt ihr uns etwas darüber erzählen, wo diese Expertise herkommt (Hintergründe, Vita usw.)

KW: Wir beide bringen es zusammen auf vier juristische Staatsexamen. Und dann kommen in Addition noch mehr als vier Jahrzehnte Anwaltstätigkeit dazu.

Worin liegt der größte Unterscheid einen True Crime statt eines fiktiven Spannungsromans zu schreiben?

KW: Die Opfer und der Tatablauf sind in der Regel bekannt. Die Figurenaufstellung ist vorgegeben. Man bewegt sich in einem festen Rahmen, allerdings mit eigenem „Personal“, das sich unsere Gedanken macht und unsere Sprache spricht. Der Fall Weimar gibt die Puzzleteile vor, die wir zu einem eigenen Bild zusammensetzen.

E-MS: Bei dem Schreiben und Recherchieren eines solchen Falles wird es richtig spannend. Wir haben uns stundenlang die Köppe heißgemailt, bis wir eine Lösung hatten, die wir beide vertreten konnten.

Gemailt?


E-MS: Ja, gemailt. Kirsten und ich haben uns noch nie getroffen und auch noch nie miteinander telefoniert, obwohl wir uns seit über acht Jahren kennen und beinahe täglich austauschen. Wegen meiner „an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit“ ist Mailen der einzige Weg. Bei uns passt das gerade bei einem gemeinsamen Schreibprojekt perfekt, auch weil Kirsten beruflich in ihrer Kanzlei ungeheuer eingespannt ist und ich ihr Fragen mailen kann, wenn sie anstehen, sie aber antworten, wenn es die Arbeit zulässt.

Habt ihr literarische Vorbilder?


KW: Ich nicht, denn ich lese wenig Krimis, was Ev die Arbeit mit mir nicht leicht gemacht hat. Ich fabuliere launig über die Fliege an der Wand und kriege jede Spannung kaputt.
E-MS: Genau. Und weil sie die Fliegen auf 1001 Arten beim Fabulieren umbringt, ist sie zuständig für die besonders blutigen Szenen…
KW: Ich??? Du bringst doch unterwegs immer noch irgendwen auf illustre Weise um, der den Ursprungsplot überlebt hätte …
E-MS: Stimmt schon, dass es bei mir immer viele Tote geben muss, breit grins. Und ja, ich lese fast nur Krimis und Thriller. Selten auch mal Hard Science Fiction. Da kommt man halt auf Ideen. Vorbilder habe ich viele: Mo Hayder, Camilla Sten, Sharon Bolton, Linda Castillo… Eben alle, die ungewöhnliche Geschichten schreiben.

Was macht ihr, wenn ihr nicht am Schreiben seid?

KW: Ich diene unter drei Rauhaardackeln, für die ich auch den Lebensunterhalt verdiene. Wenn ich nicht gerade arbeite, an der Schleppleine hänge oder meine Erdjäger nach dem Buddeln abdusche, lese ich und/oder höre WDR 2 bis 5.

E-MS: Lesen, lesen, lesen, gärtnern, wandern…

Ihr seid beide keine „unbeschriebenen Blätter“. Erzählt uns etwas über eure bereits veröffentlichen und vielleicht sogar kommenden Projekte.

KW: Ich schreibe Kurzgeschichten, die in diversen Anthologien veröffentlicht sind. Bei dp sind Clandestini und Ist, werde, würde unantastbar sein als booksnacks erschienen. Auf meiner eigenen Langstrecke geht es eher komisch zu, so in „Und wenn es getan werden muss“, einer satirischen Novelle.

E-MS: Das ist bereits mein 5. Krimi/Thriller. Alle handelten von tatsächlichen Fällen, die ich für mich aufgearbeitet habe: Endstation A4 (handelt von einer Frau, die angeblich auf der Autobahn entführt wurde); Niemandsmädchen (über Neugeborene, die von ihren eigenen Müttern getötet werden); Forgotten Girl, übrigens auch bei dp erschienen (erzählt von fünf Jugendlichen, die nachts an einem See verletzt und getötet werden) und Der Teufel vom Brocken (basiert auf dem Unglück am Dyatlov-Pass, bei dem 9 Studenten in den sicheren Erfrierungstod getrieben werden).

Und ja, wir arbeiten bereits am 2. Fall der Judges find Justice. Welchen echten Mordfall wir uns dabei vornehmen, wird noch nicht verraten!

KW: Nur so viel: wenn Ev plottet, gibt es garantiert eine Gruppenreise in den Tod.

E-MS: Hahaha… Hm, aber stimmt schon…

Seid ihr Fans von True Crime Romanen oder hört ihr True Crime Podcasts?

KW: Ich lese Evs Thriller und staune immer, was sie aus den recherchierten Tatsachen alles herausholen kann. Und bei True Crime Podcasts bin ich dabei.

E-MS: Eindeutig ja! Allerdings klappt das mit dem Hören bei mir ja schlecht, also lese ich klassisch alles, was ich über True Crimes in die Hände bekomme.

Und zu guter Letzt: Habt ihr einen Buch- und Filmtipp für uns?

KW: Ich fand zuletzt den ARD-Dreiteiler Das Geheimnis des Totenwaldes, der die Göhrde-Morde und das Verschwinden der Birgit Meier zum Gegenstand hat, gut nacherzählt, mit einem brillant aufgelegten Matthias Brandt.

E-MS: Und ich hätte mir die Göhrde-Morde zu gerne selbst vorgenommen… Aber gute Thriller-Leseempfehlungen habe ich: Die Sekte von Mo Hayder und Das Dorf der toten Seelen von Camilla Sten.