Interview David Gordon im Interview

Worum geht es in deinem Buch Blutige Rache?

Ich möchte, wenn möglich, nicht zu viel verraten, aber soviel sei gesagt: Es ist ein Buch, dass die Frage aufwirft, was geschehen würde, wenn alle Kriminellen New Yorks – von der italienischen und russischen Mafia über dominikanische und schwarze Gangster sogar bis zu jüdisch-chassidischen Gangsterbossen – beschließen würden, ihre Stadt mit vereinten Kräften vor einem terroristischen Angriff zu schützen. Zum einen, weil sich die Polizei in ihre Geschäfte einmischt und überall nach Verdächtigen sucht, zum anderen, weil New York ihre Heimat ist. Die Frage ist: Wen bittest du um Hilfe, wenn du ein Verbrecher bist?

Was können deine deutschen Leser von dem Roman erwarten?

Aufregende Unterhaltung, hoffe ich. Für mich hat jedes gute Buch, egal ob Thriller oder nicht, eine aufregende Wirkung, dieses Gefühl, dass der Inhalt dich mitreißt. Ich hoffe also, dass ich das meinen Lesern vermitteln kann.

Wie würdest du deine Charaktere Joe und Donna beschreiben? Was sind ihre Stärken und Schwächen?

In gewisser Hinsicht verschmelzen Joes Stärken und Schwächen miteinander, beinahe wie zwei Seiten einer Medaille: Die Eigenschaften, die ihn abgebrüht, schlau, mutig und tödlich machen, machen ihn auch verletzlich, besonders für seine inneren Dämonen. Er ist jemand, der selbst sein größter Feind ist.
Donna ist ganz anders, mit ihr kann sich der Leser vielleicht besser identifizieren. Sie ist eine FBI-Agentin, sehr ehrgeizig und muss sich als Frau in dieser Welt behaupten. Aber sie ist auch Mutter, Tochter, Freundin und so weiter. Sie jongliert ständig diese vielen Verpflichtungen und weil sie ein so großes Bedürfnis nach Kontrolle und Klarheit hat, blendet ihre rationale Seite vielleicht ein bisschen aus, dass ihr Gefühlsleben weniger geordnet und instinktiver ist. Sie ist jemand, bei dem Herz und Kopf im Widerstreit liegen. Sie unterscheidet sich von Joe auch dadurch stark, dass sie extrem verantwortungsbewusst und darauf bedacht ist, das Richtige zu tun. Joe ist einigen wenigen Leuten gegenüber zutiefst loyal (seiner Großmutter, seinem Freund Gio), doch das Gesetz, kulturelle Konventionen und alles, was mit gesellschaftlichen Normen zu tun hat, kümmert ihn nicht. Ihm ist es nicht wichtig, einer von den Guten zu sein.

Erzählst du uns etwas über deine Recherche? Wir sind sehr neugierig! Nun ja, vielleicht nicht alle streng geheimen Details, aber wir wollen mehr über deine Ideenfindung wissen: deine Inspiration, deine Routine, deine Recherche. Erzähl uns so viel, wie du deinen deutschen Lesern verraten möchtest.

Tja, alle Details wären eine ganze Menge – denn für mich kann ein Buch mit einer winzigen Idee beginnen, wie ein Samen, der Jahre braucht, bis er heranwächst. Bei Blutige Rache war es so: Damals, als ich als Reporter gearbeitet habe, erzählte mir eine Stripperin, dass sie in einem Club arbeitete, in dem es eine große Schlägerei gegeben hatte. Sie hatte geglaubt, der Betreiber würde die Polizei rufen, aber stattdessen lief es so: „Ein Cadillac fuhr vor und ein dicker Typ mit einer Knarre schlug alle in die Flucht.“ Ihr wurde klar, dass der Club der Mafia gehörte, und sie meinte: „Wahrscheinlich ist er unsere Polizei.“ Das brachte mich auf die Idee eines Terrorangriffs: ein Notruf für Verbrecher. Ich bin außerdem großer Fan von Gaunergeschichten oder „heist stories“, wie wir sie auf Englisch nennen. Das sind Geschichten über Kriminelle, die Coups planen und ausführen, und ich sah es als Möglichkeit, das mit einem weiteren Lieblingsgenre zu verbinden, dem Spionageroman.
Meine Routine besteht einfach daraus, mich jeden Tag an meinen Schreibtisch zu setzen und zu schreiben. Manchmal schaffe ich viel, manchmal gar nichts – obwohl ich aus irgendeinem Grund die Rohfassung von Blutige Rache sehr schnell geschrieben habe – etwa 50.000 Wörter in vierzehn Tagen, was davor oder seitdem nicht vorgekommen ist. Also habe ich jahrelang darüber nachgedacht und es in wenigen Wochen niedergeschrieben!
Was die Recherche angeht – ich recherchiere viel, bin aber zu bequem oder zu ungeduldig, um mich monatelang einzulesen, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Ich lege meist direkt mit der Geschichte los, merke dann, dass ich etwas in Erfahrung bringen muss, und fange damit an, zu lesen oder mit Leuten zu sprechen.

 Dein Romandebüt, The Serialist, hat eine spannende Übersetzungshistorie und wurde sogar verfilmt! Wen würdest du dir als Schauspieler für Joe, Donna und Gio wünschen, wenn man aus Blutige Rache einen Film machen würde?

Ja, das war außerordentlich. Es ist so spannend, dass mein Buch ein Eigenleben entwickelt und die Welt bereist hat, wobei es mit verschiedenen Menschen in Kontakt gekommen ist. Und viele meiner Lieblingsbücher wurden aus anderen Sprachen übersetzt, natürlich auch aus dem Deutschen. Also bin ich Übersetzern sehr dankbar, da sie eine wichtige Rolle spielen.
Was Filme angeht: Natürlich hoffe ich sehr, dass Blutige Rache als Film oder Serie adaptiert wird. Aber ich stelle mir bei meinen Charakteren nie Schauspieler oder Leute, die ich kenne, vor. Ich will sie mir als echte Menschen vorstellen können und sie dem Leser hoffentlich so näherbringen. Für mich sind Joe, Donna und Gio reale Personen, die in meiner Vorstellung zu Hause sind. Was Schauspieler angeht, bin ich also für Vorschläge von euren Lesern offen.

Wie findest du dein deutsches E-Book-Cover? (Wir hoffen wirklich sehr, dass es dir gefällt).

Ich finde, es sieht fantastisch aus! Ihr habt das Empire State Building und den Fluss, also ein klassisches New Yorker Bild. Natürlich versuche ich, herauszufinden, wo es aufgenommen wurde.

New York also. Der Schauplatz deines Romans ist eine der faszinierendsten Städte der Welt. Du selbst bist dort geboren und aufgewachsen. Was macht den Big Apple zu einem so reizvollen Schauplatz für Schriftsteller im Allgemeinen und für dich im Besonderen?

In mancher Hinsicht ist New York wie jede andere Großstadt – Berlin, Paris, Tokio. Sie alle haben viele Geschichten zu erzählen. Aber New York ist vielleicht eine Ausnahme, weil so viele Menschen überall auf der Welt sich der Stadt verbunden fühlen, durch Freunde oder Verwandte, die dort leben, oder einfach wegen Filmen, Büchern und dem Fernsehen. Für mich war es der Ort, an dem sich mein Alltag abgespielt hat, meine Schule, mein Familienleben. Aber ich habe die gleichen Filme und Serien wie alle anderen gesehen. Bei Comics genauso: Es wirkt albern, aber ich weiß noch, wie mir klar wurde, dass Gotham City in den Batman-Heften New York war und Spiderman genau wie ich aus Queens kam! In Blutige Rache versuche ich diese beiden Versionen von New York, meine New Yorks, zu kombinieren: Eine Stadt, die in den meisten Büchern und Filmen nicht vorkommt, die Touristen selten zu sehen bekommen. Sie ist alltäglicher, vielfältiger und mehr von der Arbeiterklasse geprägt. Aber auch ein geheimnisvoller, ja sogar mythischer Ort, an dem aufregende, seltsame und wundersame Dinge geschehen können.

 Jeder Leser möchte wissen, was ihr Lieblingsautor liest. Was also liest dieser Autor? Wir freuen uns über Buchtipps von dir ????

Nun, ich bin ein ungewöhnlicher Leser, da ich alles von Proust bis Sci-Fi und Comics lese, also sind meine Buchtipps ganz unterschiedlich. Ich unterrichte auch, also lese ich während des Schuljahrs vor allem das, was ich meinen Schülern aufgebe. Aber da wir über Thriller sprechen, in denen die Figuren Coups durchziehen, würde ich auf jeden Fall die großartigen Romane empfehlen, die Donald Westlake unter dem Namen Richard Stark über seinen Protagonisten Parker geschrieben hat. Er ist vielleicht der beste Autor von Gaunergeschichten, den es je gegeben hat. Elmore Leonard war einer meiner Helden. Und was New Yorker Krimis angeht, liebe ich die Bücher von Chester Himes, die im Harlem der 50er und 60er spielen. Sie sind fantastisch und ich kann sie nur empfehlen. Und Proust!