Interview Thriller-Autorin Antonia Richter im Interview

Worum geht es in deinem Buch Ich sehe, was du tust?

In Ich sehe, was du tust geht es um die junge Schauspielerin Hazel Karelius. Nach mehreren erfolgreichen Jahren am Theater befindet sie sich in einer Lebenskrise. Vor nicht allzu langer Zeit ist ihre Mutter, dominant-behütend und ihre wichtigste Vertrauensperson, verstorben, und sie kommt nicht recht darüber hinweg. In dieser Situation ist sie besonders empfindsam, wird von Albträumen und Migräneattacken heimgesucht, und auch ihre Kollegen scheinen es auf sie abgesehen zu haben. Just als Hazel beschlossen hat, dem Theater den Rücken zu kehren, häufen sich unheimliche Geschehnisse. Sie erhält auf verschiedenen Wegen bedrohliche Botschaften und auch zu Hause ist sie vor den beunruhigenden Nachstellungen nicht mehr sicher. Um die Situation unter Kontrolle zu bringen, muss Hazel über ihren Schatten springen und sich ihren Ängsten stellen. Ob und falls ja, wie ihr das gelingt, davon handelt dieses Buch.

 

Dein neuer Roman dreht sich um Hazel Karelius, die von einer Person, die vor nichts zurückschreckt, gestalkt wird. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Hier haben mich besonders das systematische Vorgehen und die Handlungsmuster der stalkenden Person interessiert. Auf der Opferseite war die Polarität zwischen Lähmung und Alarmiertheit reizvoll. Das Gefühl, dass das personifizierte Böse Schritt für Schritt näherkommt. Dass die Schlaufe um Hazels Hals sich unweigerlich immer enger zusammenzieht und sie, starr vor Angst, nichts dagegen tun kann.

 

Wie würdest du die Protagonistin Hazel Karelius in wenigen Sätzen beschreiben?

Hazel ist eine ruhige, introvertierte junge Frau, der es nur auf der Bühne und unter dem Schutz ihrer zahlreichen Rollen gelingt, ihre Emotionen auszuleben. Ein einziges Mal in ihrem Leben musste sie sich gegen ihre liebevoll-strenge Mutter durchsetzen und sie von ihrer Berufswahl überzeugen. Ansonsten ist Hazel konfliktscheu und im Kreis ihrer Kollegen sogar eher schüchtern, obwohl sie in den vergangenen Jahren von ihnen allen wohl am erfolgreichsten war. Ängste und Zweifel sind ihre Dämonen, aber sie wird ihnen nicht kampflos nachgeben.

Antonia Richter Interview Urlaubsbild
© Privat

Du hast einen Doktor in Psychologie und hast auch im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie gearbeitet. Konntest du einige Erfahrungen aus deiner Arbeit in den Roman einfließen lassen?

Das ist ganz sicher so, wobei es für mich schwierig ist, einzuschätzen, wie ich Geschichten ohne diese unmittelbare Erfahrung konzipieren würde. Was ich in jedem Fall zu vermeiden versuche, ist, Geschichten von Klienten „nachzuerzählen“ – darin liegt für mich keinerlei Reiz. Viel interessanter finde ich es, aus dem riesigen Pool an psychischen Abweichungen, die ich während und nach meinem Studium von der fachlichen Seite kennengelernt habe, zu schöpfen und Verbindungen zu Themen herzustellen, die wir alle aus dem täglichen Leben kennen. Dabei den einen Schritt aus der Norm herauszutreten und zu sehen, was passiert …

 

Bist du schon einmal bei deiner Arbeit dem Thema Stalking begegnet?

Damit habe ich persönlich in der therapeutischen Arbeit noch keine Berührung gehabt. Das ist jedoch Zufall, das Thema ist durchaus von Relevanz, etwa in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen.

 

Wenn du Thriller schreibst, gibt es Szenen, die dir nahe gehen? Wie schaffst du es nach dem Schreiben abzuschalten?

Beim Schreiben gibt es immer wieder Szenen, die mich berühren. Ich glaube sogar, dass es mich misstrauisch stimmen würde, wenn dem nicht so wäre. Der Gedanke, ob ich vielleicht nicht alles in die jeweilige Textstelle gegeben habe und dem, genau hier aber notwendigen, Schmerz ausgewichen bin, läge in diesem Fall nahe. Somit ist das Gefühl der Bewegtheit beim Schreiben zugleich auch mit einer gewissen Beruhigung verbunden. Abschalten kann ich nach dem Schreiben emotional aufwühlender Szenen gut, nicht zuletzt sorgt mein Mann, der immer mein erster Leser und mit der Geschichte vertraut ist, für eventuell notwendige Ablenkung.

 

Wie lange hast du an dem Roman geschrieben?

An Ich sehe, was du tust habe ich ziemlich genau sechs Monate gearbeitet. Die erste Idee hatte ich allerdings schon einige Zeit vorher, sodass die Geschichte, quasi nebenbei, bereits wachsen konnte, bevor ich zu schreiben begonnen habe.

 

Du schreibst vor allem Krimis und Thriller. Was gefällt dir an diesen Genres und was macht für dich einen guten (Psycho-) Thriller aus?

Kurz gesagt reizt mich an diesem Genre die Tiefe der Emotion. Ich glaube ohnehin, dass es beim Schreiben immer, wirklich immer, über alle Genres hinweg, um Emotion geht! Während in Spannungsromanen häufig Mord und Totschlag im Vordergrund zu stehen scheinen, ist das Thema, das ich beim Schreiben am intensivsten spüre, in Wahrheit Verlust. Daher sind für mich schaurige Tatorte, kreative Mordmethoden und dislozierte Organe im Thriller nachrangig. Vielmehr muss eine Geschichte in diesem Genre mich berühren, verstören, an den Grundfesten meines Vertrauens rütteln.

 

Antonia Richter Interview Bühnenfoto
Autorin Antonia Richter auf der Bühne; © Stephan Schröpel

Womit beschäftigst du dich neben der Schriftstellerei?

Meine zweite große Leidenschaft neben der Bücherwelt ist von klein auf die Musik, sowohl aktiv als auch rezeptiv. Ansonsten verbringe ich die Zeit am liebsten mit meinem Mann, der Nase in einem spannenden Roman oder bei ausgedehnten Spaziergängen in der Natur. 

 

Liest du selbst gerne Thriller? Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Ja, als Thrillerautorin lese ich mein Genre natürlich auch selbst mit Begeisterung. Empfehlen möchte ich Das Haus am Rand der Klippen von Lucy Clarke. Obwohl vom Verlag als „Roman“ betitelt, handelt es sich hierbei um einen waschechten Psychothriller.