Interview Amy Myers spricht über ihre neue Krimireihe

Worum geht es in deinem Buch Die Morde von Wickenham?

Marsh und Tochter untersuchen Kriminalfälle aus der Vergangenheit, bei denen sie offene Enden wittern. Es sind ungelöste Fälle, die in der Gegenwart allzu oft gefährlichen Staub aufwirbeln. Ein ehemaliger Polizist, der nach einer Schießerei im Rollstuhl sitzt, und seine Tochter Georgia stoßen auf einen Fall, als sie eine Kleinstadt in Kent im Südosten Englands besuchen, die durch Familienfehden entzweit ist. Im Wald wurde ein Skelett gefunden. Könnte das in einem Zusammenhang mit dem Mord an der Arzttochter Ada Proctor im Jahre 1929 stehen?

Kannst du Georgia und ihren Vater Peter Marsh in je drei Worten beschreiben?

Georgia: Mitte dreißig, sympathisch, entschlossen
Peter: heiter, unermüdlich, eigensinnig

Was macht die beiden zu so guten Detektiven?

Sie interessieren sich während ihrer Arbeit für die Opfer; sie haben denselben Sinn für Ungerechtigkeiten aus der Vergangenheit; sie funktionieren gut als Team, denn auch wenn sie vielleicht nicht einer Meinung sind, wenn ihre Nachforschungen sie in Neuland führen, verstehen sie, wie der Verstand des jeweils anderen arbeitet.

Was hat dich zu deiner Reihe inspiriert?

Ich denke, jeder Sherlock Holmes braucht seinen Dr. Watson, um mit ihm zu diskutieren und zu streiten. In der Serie, die ich vor Marsh & Daughter ermitteln geschrieben habe, ging es um einen viktorianischen Koch und einen Scotland-Yard-Detective. Für diese neue Serie habe ich etwas anderes probiert: Ich wollte keinen Protagonisten mit einem effizienten aber nicht gerade inspirierenden Sidekick, sondern zwei gleichwertige Partner, die einander auch verstehen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Also wurden Peter und Georgie Marsh geboren. Warum ich mich entschlossen habe, Verbrechen aus der Vergangenheit mit denen von heute zu verbinden? Ich liebe Lokalgeschichte.

Peter und Georgia untersuchen Verbrechen aus der Vergangenheit. Interessierst du dich auch für wahre Verbrechen? Warum?

Ja, ich interessiere mich für wahre Verbrechen, besonders für jene aus der Vergangenheit, obwohl ich niemals ein wahres Verbrechen für die Handlung meiner Geschichte benutze. Stattdessen verdienen Peter und Georgia ihren Lebensunterhalt, indem sie die „wahren Verbrechen“, die sie untersucht und aufgeklärt haben, niederschreiben und als Bücher veröffentlichen (der Verleger ist Georgies Partner, Luke Frost). Sie sind diejenigen, die über wahre Verbrechen schreiben, nicht ich. Mein Interesse daran ist eher genereller Natur und kein Werkzeug dafür.

Was für ein Ort ist Wickenham? Kannst du uns etwas über seine Einwohner erzählen?

Als ich das erste Mal daran gedacht habe, Die Morde von Wickenham zu schreiben, beschloss ich, die Geschichte in einem Dorf in Kent im Südosten Englands anzusiedeln, wo ich selbst auch lebe. Ich erinnerte mich an eines, in dem Freunde von mir lebten und das ich deshalb gut kannte. Doch Wickenham, das in derselben Gegend liegt, wie jenes Dorf, ist nicht nach dessen Vorbild entstanden. Ich finde es zu einschränkend, real existierende Orte zu benutzen. Ebensowenig habe ich real existierende Menschen im Kopf, wenn ich Handlungen und Charakter entwerfe.

Wickenham ist also von selbst entstanden. Es ist ein Dorf am Rande einer Reihe von Kreidefelsen (die in Kent verwirrenderweise „Downs“ genannt werden), das seine Anfänge als in ein paar Häusern um das so genannte Village Green nahm. Es handelt sich dabei um eine Grünfläche für Spiele, die auch als allgemeiner Treffpunkt diente und von ansässigen Bauern gepflegt wurde. Mit dem Fortschreiten des zwanzigsten Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl und ebenso die der Gebäude. Der Ortskern mit seinen mittelalterlichen Häusern und der Grünfläche blieb jedoch unberührt. Den Grundstein der Bevölkerung in allen Gesellschaftsschichten bilden immer noch die Familien, die bereits seit Generationen dort leben: Farmarbeiter, Ärzte, Gastwirte, Gutsherren und einflussreiche Bauern. In alten Familien schwelen alte Fehden und Vorbehalte vor sich hin und explodieren von Zeit zu Zeit – wie in den Morden von Wickenham.

Um einen Kriminalroman zu schreiben, braucht man viel Hintergrundinformation. Wie betreibst du deine Recherche?

Ich lebe mit meinem Mann in Kent, wodurch die Schauplätze an sich nicht schwer zu recherchieren sind. Doch natürlich ist Recherche in anderen Aspekten unerlässlich. Ich besitze meine eigene Sammlung notwendiger Bücher, das Internet ist eine großartige Quelle und Bibliotheksarchive eine andere. Ich habe zwei Bücher über Lokalgeschichte geschrieben. Dafür habe ich mich mit Familien unterhalten, die schon sehr lange in unserem Dorf leben und auch für meine fiktionalen Werke wertvolle Quellen waren. Wie ich bereits erwähnte, schreibe ich in meinen Romanen nicht über real existierende Menschen und Orte, doch hier zu leben und mit den Menschen über ihre Vorfahren zu sprechen, beschwört die Atmosphäre der Vergangenheit herauf, und ich kann nachvollziehen, wie es gewesen sein muss, früher hier gelebt zu haben mit all den Problemen und Vorteilen des Dorflebens.


Was erwartet uns im zweiten Band?

Im Dorf Friday Street gibt es eine Legende, der zufolge ein Fehlurteil gesprochen worden ist, wenn eine gespenstische Melodie im Ort zu hören war. Als eine junge Frau in der Nähe eines verfallenen mittelalterlichen Turms tot aufgefunden wird und ihr Freund des Mordes an ihr angeklagt wird, ist diese Melodie wieder zu hören. Es hatte früher schon einen weiteren Mord gegeben, als die Melodie gehört wurde. 1968 war eine Rocksängerin ermordet und ihr Partner überführt worden. Peter und Georgia untersuchen die dunklen Geheimnisse von Friday Street. Im mittelalterlichen England bezeichnete „Friday Street“ die Straße, die zum Galgen führte.


Kannst du uns etwas über deinen historischen Krimi Der Tanz mit dem Tod erzählen?

Ich war schon immer von der Geschichte von Rosa Lewis, der so genannten „Königin der Köche“ fasziniert. Ihre Kochkunst rückte sie im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert in den Fokus (und vielleicht auch ins Bett) des damaligen Prince of Wales und späteren Königs Edward VII. Weibliche Köche waren damals etwas Außergewöhnliches, obwohl sie ihr eigenes Londoner Hotel betrieb: das Cavendish in der renommierten Jermyn Street, wo sie durch ihre Exzentrizität und ihre Kochkunst berühmt wurde. Als ich nach Marsh & Tochter mit den Planungen für eine historische Serie begann, fiel mir Rosa wieder ein. Und da die 1920er so eine interessante Zeit waren, erfüllt von wildem Optimismus und größeren sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen, wurden Wychbourne Court und seine weibliche Chefköchin Nell Drury geboren. Wychbourn liegt - wenig überraschend - in Kent, jedoch im fruchtbaren Westen des Countys, das The Weald genannt wird. Das Anwesen wird vom achten Marquess of Ansley geführt, der sich bemüht, alte Traditionen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig das Neue anzuerkennen.
Nell Drury ist nicht wie Rosa Lewis, obwohl auch sie aus bescheidenen Verhältnissen im östlichen London stammt. Sie wurde von Escoffier im Carlton Hotel in London ausgebildet und liebt ihre Arbeit in Wychbourne, wo sie ihre Küche fest im Griff und dabei viel Spaß hat. Der Spaß hat ein Ende, als Nell während der Geisterjagd, die ihren Abschluss im Maskenball von Wychbourne hat, die Leiche eines Gastes findet. Dadurch erscheint Detective Inspector Melbray von Scotland Yard auf der Bildfläche.


Zu guter Letzt: Hast du eine Buchempfehlung?

Ein Buch? Wenn ich eines wählen muss … The Complete Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle. Man kann es oft oder selten zur Hand nehmen und es bleibt so gut wie eh und je. Um einen häufig gebrauchten Satz in Kriminalromanen zu zitieren: „Wie hat er das gemacht?“