Leseprobe Todesrichter

Teil I

ZAEHRINGEN BEI FREIBURG, 1495

Er sah das Blut und in seinen Augen blitzte Misstrauen auf.

Sie griff nach seiner Hand. „Ich bin nicht verflucht.“

Er zog seine Hand weg, musterte die roten Flecken auf dem Waldboden. Er biss sich auf die Lippe, sein Blick wanderte höher zu ihren blutverschmierten Ledersandalen, ihren Knöcheln, dem Rock. Das Neugeborene hingegen schaute er nicht an. „Wir müssen weiter“, sagte er und ließ sie stehen.

Selma legte ihre Hand auf die Stirn des Säuglings. Sein Kopf fühlte sich fiebrig heiß an. Die Wolldecke, die den kleinen Körper umschloss, schimmerte schweißnass. Selma öffnete die Decke ein wenig, sprach ein Stoßgebet und folgte ihrem Mann den Hang hinauf. Die Kälte schnitt in ihre Sandalen. „Wie weit ist es noch bis zum Priester?“, fragte sie.

Bartholomä deutete auf ein Gehöft abseits des Weges. „Das Haus des Baders liegt auf dem Weg.“

Sie drückte den Säugling näher an sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Er wird uns nicht mehr helfen können.“

Bartholomä lief schneller. „Der Bader hat schon manches Wunder vollbracht.“

„Wir haben kein Geld.“

Er wartete auf sie, doch er nahm sie nicht in den Arm.

„Ich spüre es“, flüsterte sie, als sei verboten, was sie aussprach. „Er gibt auf.“

„Er darf nicht sterben!“ Bartholomä richtete seinen Blick gen Himmel. „Nicht bevor er getauft wurde. Sie würden unser Hab und Gut verbrennen, uns aus dem Dorf jagen. Wenn sie uns nicht gleich töten.“

„Ich habe alles genauso gemacht, wie die Hebamme es mir aufgetragen hat.“

„Ich weiß“, sagt er, doch er lief weiter.

Eine Träne kullerte ihre Backe hinunter, benetzte ihre trockenen Lippen und fiel hinab auf den eiskalten Boden. Sie atmete tief ein, schaute nach vorn und stapfte ihm hinterher.

Endlich erreichten sie die Anhöhe. Bartholomä atmete nicht einmal durch, sondern eilte den Weg nach Freiburg hinab.

Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und folgte ihm. So wie sie es immer getan hatte.

An der Abzweigung zum Haus des Baders blieb Bartholomä stehen und wartete auf sie. Mit tränenüberströmten Augen bedeutete sie ihm, weiterzugehen.

Nach quälend langen Minuten erblickte sie endlich die Silhouette des Kirchturms. Im Dunkel des Morgens wirkte er unheimlich, fast geisterhaft.

Sie musste rennen, um mit ihrem Mann Schritt zu halten. Bartholomä erreichte die Kirche, lief zum Eingang des Pfarrhauses und schlug den Türklopfer auf das Holz.

Noch bevor er dreimal geschlagen hatte, stand Selma neben ihm.

Der Türriegel wurde aufgeschoben und eine Frau lugte durch den Türspalt. Sie trug eine weiße Haube, ihre Augen verrieten Müdigkeit. Und Mitgefühl.

Selma hielt ihr den Säugling hin. „Der Priester muss unseren Erstgeborenen taufen.“

Die Frau nickte, schloss die Eingangstür, ihre Schritte entfernten sich schnell. Selma hörte zwei Stimmen, jemand stapfte zur Tür und riss sie auf.

Der Priester musterte sie wie Eindringlinge und ließ sie nur soweit in sein Heim hinein, dass sie von der Dorfstraße aus nicht mehr zu sehen waren. „Was macht ihr hier um diese Zeit?“ Sein unerbittlicher Blick traf Selma mitten ins Herz.

„Unser Sohn muss getauft werden.“ Selma ging in die Knie, bot ihm den Säugling dar wie ein Opfer.

Der Priester seufzte unwillig, legte seine Hand auf das Kind und betastete dessen Kopf. Er hielt inne, ein, zwei Sekunden. Dann, mit einem Ruck zog er seine Hand fort. „Ihr wagt es?“ Der Priester bekreuzigte sich, seine Augen flammten auf vor Zorn.

„Was ist?“, fragte Bartholomä.

„Hinweg mit euch!“, rief der Priester und drängte sie hinaus auf die Straße. „Seht ihr nicht, dass er schon tot ist?“

1

Erik Lindberg blickte in den Lauf eines entsicherten Sturmgewehrs. „Aus dem Weg!“, rief der Mann und kam einen Schritt auf ihn zu. „Oder ich knall dich ab!“

Kommissar Lindberg hielt seine Hände in die Höhe. Seine Dienstwaffe lag im Büro, die Schutzweste ebenso; kein Wunder, noch vor einer halben Stunde hatte er im Basler Hirscheneck ein Feierabendbier getrunken und einem alten Schulfreund zugehört, wie toll, frei und abwechslungsreich das Leben als Single war.

Der Schulfreund hatte dabei beinah geweint.

Dann war diese Frau gekommen und hatte Lindberg um Hilfe angefleht. Obwohl er sie nicht kannte, hatte er ihr zugehört.

Und jetzt stand er in ihrer Wohnung vor der Schlafzimmertür und ein Mann richtete ein Sturmgewehr auf ihn. Aus zwei Metern Entfernung. Die Augen des Mannes waren trüb von zu viel Alkohol, von Verzweiflung und Wahnsinn. „Ich will zu meiner Frau und meinem Sohn!“

Lindberg blieb in der Tür stehen. „Ihre Frau hat Angst vor Ihnen.“

„Ich will nur mit ihr reden!“

„Das können Sie, wenn Sie mir Ihre Waffe geben.“

„Du hast mir gar nichts zu befehlen!“ Der Mann machte zwei Schritte auf Lindberg zu und zielte mit diesem verdammten Gewehr direkt auf sein Herz. Eine SIG 550, das übliche Modell der Schweizer Armee, vollautomatisch, 20-Schuss-Magazin. Nahezu jeder ehemalige Schweizer Soldat besaß eines davon, Milizarmee nannte man das. Und die hielt man immer noch für notwendig, denn wie jeder wusste, war die Schweiz ja von so unglaublich vielen Feinden umgeben.

Es war völlig paranoid. Und zog die Wahnsinnigen an wie kostenloses Koks auf einem Züricher Nachtclubklo.

Alle zeigten immer mit dem Finger auf die USA, aber hier, in der kleinen Schweiz starben jedes Jahr über dreihundert Menschen durch Armeewaffen. Und die Polizei durfte die Überreste einsammeln.

So wie die Kollegen ihn einsammeln würden, wenn der Mann abdrückte.

„Ihr wollt sie mir nur wegnehmen!“ Der Mann spuckte auf den Boden. Sein Atem stank nach Korn und Bier. „Du auch!“

„Ich kenne Ihre Frau gar nicht“, entgegnete Lindberg.

„Und warum bist du dann hier?“

„Sie hat mich um Hilfe gebeten. In der Kneipe gegenüber.“

„Und kaum kennst du sie fünf Minuten, riskierst du schon dein Leben für sie?“

Lindberg atmete tief aus. Wie war es soweit gekommen?

Die Frau hatte erzählt, ihr siebenjähriger Sohn habe sich im Bad eingeschlossen, aus Angst vor seinem Vater. Dieser habe schon mehrfach gedroht, sich umzubringen und alle mitzunehmen, doch es sei noch nie so eskaliert wie heute. Er habe sie geschlagen, ihr Handy und Geld abgenommen und sie mit einer Waffe bedroht.

In ihrer Verzweiflung sei sie in die gegenüberliegende Kneipe geflüchtet, habe den Barkeeper gebeten, die Polizei zu rufen und der habe ihr erzählt, dieser Schwarzhaarige am Tisch neben der Garderobe sei Kriminalkommissar.

Und so war sie zu Lindberg gekommen und er hatte sie in ihre Wohnung begleitet. Dort hatte er jeden Raum überprüft und dann den Jungen und die Frau ins Schlafzimmer geschickt, um das Nötigste zu packen. Plötzlich war dieser Mann aus dem Gartenschuppen gekommen und über die Terrasse ins Wohnzimmer gestürmt. Mit erhobenem Gewehr.

Lindberg hatte sich schützend vor die Schlafzimmertür gestellt. Was hätte er auch tun sollen, ohne Waffe?

Er konnte nur hoffen, dass er den Mann solange aufhalten konnte, bis die Frau und der Junge durch das Fenster geflüchtet waren.

Falls sie das überhaupt taten.

Er sah, wie der Mann zitterte, seinen Finger am Abzug krümmte. „Geh zur Seite!“

„Noch ist es nicht zu spät.“ Lindberg blickte dem Mann direkt in die Augen. „Noch ist nichts geschehen. Ich bin bei der Polizei …“

In dem Moment fiel der Schuss.

Er spaltete Lindbergs Satz in zwei Teile, von dem der zweite nie gesagt werden würde.

2

Antipas legte den Kopf auf den Kofferraum und lauschte.

Stille.

Sein Atem kondensierte in der kalten Novemberluft.

Nur noch wenige Tage, dann würde niemand mehr atmen.

Er stieg in den Wagen und fuhr los, ohne die Scheinwerfer anzuschalten.

Nichts sollte die Schwärze der Nacht stören. Er mochte sie. Schon als Kind hatte er sich in der Dunkelheit geborgen gefühlt.

Und Antipas mochte die Finsternis erst recht.

Nach wenigen Minuten parkte er den Wagen auf der anderen Seite des Waldes und zog den Zündschlüssel ab. Er holte die Drahtschlaufe aus dem Handschuhfach, eine Spezialkonstruktion, die man mit nur einer Hand zuziehen konnte und so stets die Kontrolle über den Gegner behielt. Er stieg aus dem Auto und lauschte wieder.

Wahrscheinlich war Eva noch bewusstlos.

Er wartete einen Moment, nahm dann den Autoschlüssel und öffnete den Kofferraum.

Evas Füße trafen ihn mit voller Wucht an der Brust. Er geriet ins Wanken, trat einen Schritt zurück und lächelte überlegen. Sie war eine Kämpferin. Selbst mit gefesselten Händen und einem Gaffer-Tape vor dem Mund. Und weil sie eine Kämpferin war, würde er sie retten.

Eva war ein guter Mensch. Er hatte viel von ihr gelernt. Früher.

Jetzt würde sie von ihm lernen.

Ihre hinter dem Rücken gefesselten Hände suchten am Kofferraum nach Orientierung. Er ging einen Schritt auf sie zu. Das Weiß ihrer Augen blitzte in der Dunkelheit auf. Er spannte die Drahtschlaufe zwischen seinen Fingern und beobachtete ihre suchenden Bewegungen.

Jetzt! Mit einem einzigen Handgriff legte er ihr die Schlinge um den Hals und zog zu. Die Drahtschlaufe brannte sich in jene Striemen, die er vor ein paar Stunden hinterlassen hatte. Eva trat erneut nach ihm, doch sie verfehlte ihn. Für ihre Augen war die Dunkelheit ein Feind. „Wenn du dich bewegst, machst du es nur schlimmer“, sagte er. „Du möchtest doch deinen Körper behalten, dort wo du hingehst, oder?“

Sie zerrte an ihren Fesseln.

„Ich will dir nicht wehtun“, flüsterte er. „Ich bringe dich an einen Ort, an dem es keine Schmerzen gibt. Keine Sünde. Und keine Versuchung. Du wirst glücklich sein.“

Sie trat noch verzweifelter um sich.

Er zog die Schlaufe enger zu. „Steh auf!“, befahl er.

Sie röchelte und in ihren Augen erkannte er Tränen.

Er gab dem Draht mehr Spiel. „Steh auf!“, befahl er erneut.

Taumelnd erhob sie sich.

„Und jetzt spring!“

Sie reagierte nicht, blickte ihn angsterfüllt an.

„Dir kann nichts passieren“, sagte er. „Ich bin bei dir.“

Eva wimmerte irgendetwas, das unter dem Gaffer-Tape nicht zu verstehen war.

Er zog fester zu und sie sprang aus dem Kofferraum.

Sie kam mit beiden Beinen auf dem Boden auf, verlor das Gleichgewicht, wollte sich trotz ihrer hinter dem Rücken gefesselten Hände instinktiv abstützen und fiel zur Seite. Ihr Oberkörper prallte auf den Waldboden. Regungslos blieb sie in den Laubblättern liegen.

Er ging in die Hocke und beugte sich über sie. „Eva?“

Ihr Tritt traf ihn dort, wo es wehtut.

Er fiel nach hinten, stützte sich ab, verlor dabei den Draht und fluchte. Sie sprang auf und rannte in die Dunkelheit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob er den Draht auf und folgte ihr.

Sie rannte so haarscharf an ein paar Bäumen vorbei, dass er sich fragte, ob sie diese in der Dunkelheit sah. Schon bald war er dicht hinter ihr, ihr keuchender Atem ganz nah. Mit einer einzigen Bewegung schwang er die Drahtschlaufe wieder um ihren Hals und zog zu.

Sie riss den Kopf nach hinten, wollte schreien, doch es kam nicht mal ein Röcheln aus ihrer Kehle. Er drängte sie tiefer in den Wald, ließ sie nicht mehr zu Atem kommen.

„Siehst du sie schon?“, fragte er.

Doch sie winselte nur um Gnade.

Er zog ihren Kopf nach oben und zeigte auf ein hölzernes Gebäude wenige Meter vor ihnen. „Das ist meine Kapelle“, erklärte er. „Du darfst sie leider nicht betreten.“ Er verstärkte den Druck auf die Drahtschlaufe. „Noch nicht.“

Sie versuchte sich zu wehren, zerrte panisch mit den Händen an den Handschellen.

Er zog den Draht fester zu, Eva zappelte, sie wollte keuchen, doch sie konnte nicht mal mehr das. Sie zuckte ein letztes Mal und erschlaffte in seinen Armen.

Er zählte bis dreißig und dann erst ließ er von ihr ab.

Er musste ihren Puls nicht überprüfen. Er wusste auch so, dass Eva tot war.

Jetzt musste er sie nur wieder zum Leben erwecken.

4

Das nächste was Lindberg mitbekam war, dass der Fahrer ihn antippte. „Wo müssen wir jetzt hin?“

Lindbergs Kopf schmerzte immer noch und ihm war hundselend. Sie standen vor dem riesigen Portal eines Barock-Klosters. „Sind wir schon in Einsiedeln?“

Der Taxifahrer nickte. „Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass in dem pompösen Ding nur Einsiedler leben.“

Lindberg holte sein Smartphone heraus und führte den Fahrer am Kloster vorbei zu einem Feldweg und auf diesem in Richtung Wald. Jede Bodenunebenheit schlug Lindberg direkt auf den ohnehin schon strapazierten Magen.

Er schaffte auf dem Feldweg nicht einmal hundert Meter. „Stopp!“, rief er.

Der Taxifahrer hielt an, Lindberg stürzte aus dem Wagen und beugte sich über die Gräser am Wegesrand.

Ich bin wohl der erste Kommissar, der schon vor dem Tatort kotzt. Lindberg wischte sich mit einem Taschentuch den Mund ab, deckte seine Hinterlassenschaft mit Herbstlaub ab, nahm dieses Mal gleich drei Fisherman’s und stieg wieder in das Taxi.

„Zu viel Alkohol ist nicht gut“, erklärte der Taxifahrer, als habe er die Weisheit mit Schaufelbaggern gefressen.

Sie fuhren in den Wald hinein und hielten neben mehreren Streifenwagen, die dort parkten. „Da können Sie ja froh sein, dass Sie nicht selbst gefahren sind“, sagte der Fahrer.

Lindberg antwortete nichts, sondern nickte nur.

Der Mann zeigte auf den Taxameter und bewies, dass er nicht zu viel versprochen hatte. Kein Wunder, das Leben in der Schweiz war eben teuer.

Und das Sterben auch.

Lindberg zückte seine Kreditkarte und verließ schwankend das Taxi. Ihm war immer noch schlecht, aber die frische Waldluft tat gut. Und wenigstens stand er jetzt am Tatort. Tatort? Was hatte Mia noch einmal gesagt?

Ein Streifenpolizist stand am Ende des Waldweges, Lindbergs Kehle brannte, als habe er Feuerwasser getrunken. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Ich brauche dringend ein Wasser.

Lindberg trottete zu dem Polizisten und zückte wortlos seinen Ausweis.

Der Kollege zeigte in den Wald. „Geht da hinten lang, fünfzig Meter und dann links. Ist nicht zu übersehen.“

Lindberg zog sich Schutzoverall und Handschuhe an. Auch das war ihm schon leichter gefallen. Doch irgendwie schaffte er es und ging los. Der Boden war mit Laub übersät, das dichte Gestrüpp war an einigen Stellen niedergetreten. Es mussten etliche Kollegen vor Ort sein. Wenn jemand hier entlanggekommen war, würde man kaum mehr Spuren von ihm finden.

Nach einigen Metern blieb Lindberg stehen. Hat der fünfzig oder hundertfünfzig Meter gesagt?

Der Pfad vor Lindberg verlor sich im Nichts. Links wucherten ein paar Büsche, nur rechts schien es weiterzugehen. Lindberg torkelte nach rechts, glaubte, ein paar Stimmen zu hören und lief schneller.

Dann sah er das Kreuz. Ein schlichtes, naturbelassenes Holzkreuz. Es ruhte auf einem aufgeschütteten Erdhaufen. Die Erde war noch frisch.

Lindberg lief von hinten auf das Kreuz zu, dann erst erkannte er seine Assistentin Mia Adam, deren knallroter Bubikopf selbst in der Morgendämmerung unverkennbar war. Neben ihr stand die Chefin der Kriminaltechnik Katharina Zach, sie lebte schon viele Jahre in der Schweiz, aber ihre Berliner Schnauze hatte sie nie abgelegt. Wie immer war sie ganz in Schwarz gekleidet, samt schwarzlackierten Fingernägeln. Nur den Einwegoverall der Spurensicherung trug die Mittvierzigerin notgedrungen in Weiß, angeblich hatte sie sich jedoch schon aus Japan ein schwarzes Modell bestellt.

Lindberg erkannte weitere Mitarbeiter der Bundespolizei, sowie eine Menge Kollegen, die er noch nie gesehen hatte, wahrscheinlich von der Kantonspolizei.

Normalerweise überließ die Bundespolizei den lokalen Behörden die Ermittlungen und schaltete sich nur bei Terrorismus ein oder wenn die Sicherheit der Schweiz bedroht war, sowie bei internationalen oder kantonsübergreifenden Fällen, dazu kamen Entführungen. Was also machten sie hier?

Mia Adam erblickte ihn als Erstes und ließ ein Lächeln aufblitzen. Selbst am frühen Morgen sah sie aus wie siebzehn, obwohl sie vierundzwanzig war. „Geht’s dir gut?“

Lindberg zuckte mit den Schultern, am besten er redete nicht viel.

„Erst dachte ich, das ist ein Scherz“, sagte Katharina Zach und zeigte auf das Grab mit dem Holzkreuz. „Aber der Täter hat wohl nicht meinen Humor.“

Ein Blick in ihre Augen verriet Lindberg, dass es nur der übliche Sarkasmus am Tatort war, reiner Selbstschutz. Jetzt erst sah er hinab in das Grab. Dort lag eine Frau. In einem weißen Totenhemd.

5

Lindberg blickte zur Seite und atmete tief ein. Wer begräbt eine Tote mitten im Wald, verziert mit einem Holzkreuz? Eva stand darauf.

Eva? Nur Eva?

Das Holzkreuz sah aus wie eines dieser provisorischen hüfthohen Kreuze, die man in der Schweiz auf das frische Grab stellte, bis der Grabstein gesetzt wurde. Wenn kein Geld für einen Grabstein oder ein Metallkreuz vorhanden war, blieb es auch stehen. Aber immer trug es den kompletten Namen. Außer bei Kindern.

Zwei Kriminaltechniker waren gerade dabei, die feuchte Erde zu beseitigen, die am Körper der Leiche und an ihrem Totenhemd klebte.

„Was machen wir hier?“, fragte Lindberg. Das sah eher nach einer illegalen Bestattung aus als nach ihren üblichen Fällen.

„Das ist Eva Rohner“, antwortete Mia Adam. „Wurde vor zwei Tagen entführt. Du erinnerst dich?“

Lindberg nickte, aber viel wusste er nicht über das Opfer. Lehrerin, Single, Ende dreißig, ein Zeuge hatte gesehen, wie sie beim Joggen von einem Mann überwältigt worden war. „Woher wisst ihr, dass sie es ist?“ Die Kollegen hatten die Leiche gerade mal freigelegt, da war es unwahrscheinlich, dass sie schon identifiziert war.

Mia Adam deutete auf ein weißes Jutesäckchen. „Der Täter hat ihre Kleider mit ihr bestattet, darin befand sich ein Ausweis.“

Lindberg blickte wieder hinab in die Gruft. Das brünette Haar der Toten setzte sich kaum von der Erde ab, ihre Augen waren geschlossen, Mund und Nase noch mit Erde bedeckt. Lindberg hätte am liebsten weggeschaut, denn jetzt hatte der Tod ein Gesicht. Ein bräunlich-roter Bluterguss zog sich quer über den Hals von Eva Rohner. „Stranguliert?“, fragte er.

Katharina Zach nickte. „Wahrscheinlich mit etwas Schmalem wie einer Drahtschlaufe.“

„Wer hat sie entdeckt?“, fragte Lindberg.

Mia Adam zeigte auf einen älteren Mann, der mit zwei Polizisten sprach. „Ein Spaziergänger.“

„Um die Uhrzeit?“

„Der Mann dreht immer morgens um fünf Uhr dreißig seine Runde. Sein Hund hat angeschlagen, ist in den Wald gelaufen und er hinterher. Tja, und dann stand er vor dem Grab.“

„Ist ihm etwas aufgefallen?“

Mia schüttelte den Kopf. „Keine merkwürdigen Spuren, kein Auto, er hat nichts gesehen.“

„Warum hier?“, fragte Lindberg. „Kam die Entführte nicht aus Zürich?“

„Das hab ich mich auch gefragt“, sagte Mia. „Vielleicht hat er den Ort gewählt, weil Einsiedeln der bekannteste Wallfahrtsort des Landes ist.“

„Und daher das Kreuz?“

Mia Adam nickte.

„War das Grab komplett zugeschaufelt?“

Mia nickte. „Wie auf dem Friedhof.“ Sie blickte Lindberg an. „Hast du so was schon mal gesehen?“

„Einen Täter, der sein Opfer bestattet?“ Lindberg schüttelte den Kopf. „Gibt’s hier irgendwo ein Wasser?“

Mia schaute ihn irritiert an.

„War ein Bier zu viel gestern“, flüsterte er.

„Ist nicht zu übersehen.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ist trotzdem gut, dass du gekommen bist.“ Sie kramte in ihrer übergroßen Handtasche, holte aber nur eine leere PET-Flasche heraus und schüttelte den Kopf. „Willst du eine Alka-Seltzer?“

„Ohne Wasser?“ Er winkte ab, nicht ohne ein ,Hicks‘ hinterherzuschieben. Verdammt, jetzt hab ich auch noch Schluckauf!

Katherina Zach lupfte eine Augenbraue, doch dann widmete sie sich wieder der Leiche. „Mach mal das Gesicht richtig frei!“, rief sie zu einem ihrer Mitarbeiter. „Über den Lippen liegt irgendetwas.“

Zach ging erst am Rand des Loches in die Knie und stieg dann doch selbst hinab.

Schließlich richtete sie sich wieder auf und drehte sich zu den Kommissaren. In ihrer Hand hielt sie eine weiße Daunenfeder.