Leseprobe Eine Hochzeit und ein Todesfall

Prolog

Ich bin nicht abergläubisch. War ich nie. Ich gehe absichtlich unter Leitern durch und ich ermutige schwarze Katzen meinen Weg zu kreuzen. Meine alte Partnerin auf der Streife, Helen, hatte darüber gelacht und mir immer gesagt, dass ich das Schicksal herausfordern würde, als würde ich dastehen, die Fäuste erhoben und schreien Komm schon, ist das alles, was du zu bieten hast? Aber das habe ich nicht. Nicht wirklich. Ich habe das Schicksal nie herausgefordert; ich kann nur manchmal nicht anders, als es ein bisschen zu stupsen. Wenn ich sehe, dass etwas falsch läuft, muss ich mich einmischen.

Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe ein paar Rituale, die eher mehr damit zu tun haben, schlechtes Karma zu vermeiden oder Murphys Gesetz. Das machen viele Bullen. Dinge wie, dass, wenn man in ein Café oder Restaurant geht, sich immer der Tür gegenüber setzt, damit man jeden sehen kann, der hereinkommt und es verlässt (was das Leben erheblich erschwert, wenn man mit einem anderen Polizisten ausgeht, denn man findet nie den richtigen Tisch und keiner von beiden gibt nach, weshalb man nebeneinander sitzend endet). Oder, dass man seine Schuhe vor einer Freitag- oder Samstagnacht-Schicht nicht putzt, denn, wenn man es tut, trifft man garantiert auf einen Junggesellinnenabschied, die sich, um drei Uhr nachts, versuchen vor einem Nachtclub gegenseitig mit ihren Stilettos zu erstechen und eine von ihnen wird definitiv sieben Bacardi Breezer und einen Döner Kebab auf deinem glänzenden Schuhwerk entleeren, während du sie in den Wagen verfrachtest. So was in der Art.

Die andere Sache, die ich mache, ist immer eine Glückwunschkarte für die Nachmieter zu hinterlassen, wenn ich umziehe. Ich war schon oft umgezogen. Da gab es die schmuddelige Einzimmerwohnung, in der ich unterkam, als ich nach London gezogen bin. Ich habe sie geliebt, weil es die erste Wohnung war, die meine war (wenn auch bloß gemietet), und ich war ein erwachsener Mensch und mein Leben hatte gerade begonnen und alles war so aufregend. Ich lebte nicht mehr bei meinen Eltern und trat in die Fußstapfen meines Vaters, ohne endlich mal in seinem Schatten zu stehen. All das trotz des heiß und kalt beeinflussten Schimmels und der furchtbaren Zugluft durch das einzige Fenster und einem Vermieter, der sich weigerte, irgendetwas zu reparieren, bis ich sagte, dass ich ein Bulle war. Und dann reparierte er immer noch nichts; er erhöhte die Miete nur jede Woche um einen Hunderter, bis ich auszog. Dann gab es die Wohngemeinschaften – meistens mit anderen Polizisten von derselben Wache – was sinnvoll war, bis wir alle andere Schichten bekamen, denn danach machte es keinen Unterschied mehr, welche Tageszeit war, es gab immer jemanden, der versuchte zu schlafen und jemand anderen, der alle aufweckte, wenn er nach Hause kam und jemanden, der sich fertig machte, um wieder rauszugehen. Das war besonders stressig. Dann war da die schöne Wohnung, in der ich mich wiederfand, kurz bevor ich Richard kennenlernte; sie war klein, aber perfekt geschnitten und ruhig. Ich hatte ein billiges Poster eines bekannten Gemäldes der Küste meiner Heimatstadt in Cornwall gekauft und saß davor, in meiner wunderschönen, friedvollen Wohnung, starrte das Bild an und dachte daran, wie sich das Licht auf dem Meer zu Hause brach, und weinte, weil ich so verdammt alleine war und Heimweh hatte, wenn ich nicht gerade auf der Arbeit war, aber ich würde nicht aufgeben, zurückgehen und zugeben, dass es falsch war zu gehen.

Und dann war da dieses Haus hier. Es war das erste Haus, das mir tatsächlich gehört hatte – uns gehört hatte, mir und Richard –, und obwohl es nicht perfekt war, war es doch voller Erinnerungen. Erinnerungen an Richard, wie er mich über die Schwelle trug, nachdem wir geheiratet hatten, und meinen Kopf dabei an den Türrahmen knallte. Das war schlechtes Karma und hätte mich, im Hinblick auf die Zukunft misstrauisch werden lassen sollen. Wie wir unsere Tochter Daisy aus dem Krankenhaus brachten, nach endlos langen Wehen, welche mir das Kinderkriegen für mindestens ein Jahr versaute, Richard hatte es schon da ganz abgeschrieben. Es dauerte noch ein paar Jahre, bevor ich herausfand, warum.

Die Glückwunschkarte lag auf dem Küchentresen, der vor einem Tag noch voll mit Kochbüchern und Küchengeräten gewesen, heute aber leer geräumt war. Sie waren in einem Karton, in einem Umzugswagen, der schon längst weggefahren war. Das Bild vorne war ein schönes Landhaus aus Stein, um dessen Tür Rosen wuchsen. Ironischerweise sah es überhaupt nicht wie dieses Haus aus, sondern eher wie das, in welches wir nun ziehen würden. Ich nahm den Stift auf und formulierte in meinem Kopf einen Text.

Viel Glück in Ihrem neuen Zuhause. Ich hoffe, Sie werden hier so glücklich, wie ich es war.

… oder so glücklich, wie ich war, bevor ich herausfand, dass mein dummer, nutzloser Kann-es-nicht-in-seiner-Hose-behalten-Ehemann mich betrog.

Ich hoffe, Sie werden so glücklich, wie ich es war, als ich ihn aus diesem Haus und aus unseren Leben jagte, bevor er mit seiner neuen Freundin in eine Wohnung nur zehn Minuten entfernt zusammenzog, aber seine Tochter TROTZDEM ständig hängen ließ, indem er zu spät auftauchte, obwohl er ihr versprochen hatte, etwas mit ihr zu unternehmen (wenn er überhaupt auftauchte). Wenn wir meilenweit weg wohnen, würde er sie nicht mehr hängen lassen können, da sie nichts mehr von ihm erwarten würde (sie weiß es eigentlich jetzt schon besser, aber sie ist erst zwölf, also hofft sie natürlich immer noch).

Ich hoffe, Sie werden hier so glücklich, wie ich es war, als ich es mir noch leisten konnte, die Hypothek abzubezahlen, bevor er anfing sich darüber zu beschweren, dass er Unterhaltszahlungen leisten sollte, und bevor ich meinen Job verließ, den ich so liebte, aber meine Tochter (nach einem besonders hässlichen Vorfall) nicht. Ich konnte sie verstehen. Wenn mir etwas passierte, würde sie bei ihrem Vater leben müssen, der, wie wir jetzt wissen, eine totale Verschwendung von Platz, Sauerstoff und den natürlichen Ressourcen der Erde war. Also kündigte ich, schulte um und jetzt sind wir beide bereit, woanders neu zu starten.

Ich hoffe, Sie werden hier glücklich, wenn Sie ein Vermögen ausgeben für dieses winzige Haus mit seinem kleinen Garten, lauten Nachbarn und der geschäftigen Straße, während ich wesentlich weniger für etwas Größeres zahlen werde, mit schöner Aussicht aufs Meer und Nachbarn, die mich eher um sechs Uhr mit ihrem Määäh aufwecken werden als um drei Uhr nachts, wenn sie von einer feuchtfröhlichen Nacht im Club heimkehren.

Hm. Vielleicht dachte ich zu viel darüber nach. Ich öffnete die Karte und schrieb.

Viel Glück.

Es war definitiv Zeit, nach Hause zu gehen.

Kapitel 1

Lustig, wie sich die Dinge manchmal entwickeln. Ich wollte eigentlich nur ein Sofa kaufen.

Penhaligons war eines dieser altmodischen, familiengeführten Kaufhäuser – die Art, die es vor langer Zeit beinahe in jeder Stadt gegeben hatte, die nun aber immer häufiger verschwanden (aus gutem Grund, um ehrlich zu sein; das meiste des Angebots sah aus, als wäre es aus den Fünfzigern übriggeblieben und wurde zu so einem exorbitanten Preis verkauft, dass man sich gezwungen fühlte, draußen nachzusehen, ob man nicht aus Versehen in das Harrods hereingestolpert war). Aber Penhaligon hatte es überstanden, blieb während eines Weltkrieges geöffnet, überlebte eine Wirtschaftskrise und den Aufstieg des Onlineshoppings. Die Zombie-Apokalypse könnte Cornwall überrollen (Ich weiß, ich weiß, würde das überhaupt jemand merken?) und Penhaligons würde immer noch da sein, sich stur an seinen Spitzenplatz auf der Fore Street klammern, und die Bedürfnisse sowohl der Einheimischen und auch der untoten, hirnfressenden Horde („Urlauber“, wie sie auch genannt werden) befriedigen. Ich hätte mich normalerweise nicht im Penhaligons aufgehalten, aber wir waren jetzt seit vier Tagen in unserem neuen Haus und Daisy und ich hatten es satt auf den alten Gartenstühlen meiner Mutter zu sitzen – die waren buchstäblich für den Arsch –, also ging ich kurz rein, weil ich vorbeikam.

Es hatte sich, seit ich das letzte Mal dort gewesen war, kaum verändert. Überhaupt hatte es sich, seit ich das erste Mal vor vierzig Jahren dort gewesen war, kaum verändert. Aber ich war angenehm überrascht, dass man der Möbelabteilung frischen Wind eingehaucht hatte und es ein paar Sitzmöbel gab, die aussahen, als wären sie tatsächlich nach dem Fall der Berliner Mauer entworfen worden (anstatt vor ihrem Bau).

Ich sank dankbar in ein großes, flauschiges Sofa, strich anerkennend über den Stoff und griff nach dem Preisschild. Die Zahlen ließen mich panisch nach Luft schnappen (und nach einer nichts ahnenden Fliege, die arglos vorbeischwebte), aber die Worte „Wir liefern am nächsten Tag!“ hatten sofort einen beruhigenden Effekt.

Ich erhob mich, um es mir noch einmal in seiner vollen Größe anzusehen und erschrak, als eine Stimme quer durch den Laden nach mir rief.

„Oh mein Gott, Jodie „Nosey“ Parker! Die neugierige Nosey! Bist du es wirklich?“

Ich drehte mich um, obwohl ich schon wusste, wer es war. Tony Penhaligon, Ururenkel des ersten Mr Penhaligon, alter Klassenkamerad und ehemaliger Freund (wir waren 1994 zwei Wochen zusammen, haben ein bisschen Händchen gehalten, geküsst, aber niemals – igitt – mit Zunge), stand vor mir, ein breites Grinsen im Gesicht. Wie das Familiengeschäft, hatte er sich auch über die letzten vierzig Jahre kaum verändert und jedes Mal, wenn ich ihn sah, konnte ich immer noch den kleinen, nervigen Jungen mit der laufenden Nase erkennen, der am ersten Schultag in Mrs Hobsons Klasse neben mir saß. Aber er hatte ein gutes Herz und es war so schön, ein freundliches Gesicht zu sehen.

Ich musste zweimal hinsehen, als ich ihn vor mir hatte. Moment mal; er hatte sich tatsächlich doch verändert. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, während einer meiner Besuche bei meiner Mutter, hatte er die typische Physis eines Familienvaters, ein kleines Bäuchlein von zu vielen Fleischpasteten und Bieren. Das war nun verschwunden und er sah recht schlank aus. Verschwunden war auch die wenig schmeichelhafte Arbeitskleidung, bestehend aus einem weißen Poloshirt und schwarzer Hose, und war ersetzt worden durch einen smarten, gut sitzenden und teuer aussehenden Anzug. Eine kleine Stimme in meinem Kopf sagte, jetzt dürfte er auf jeden Fall seine Zunge einsetzen, bevor ich sie mit einem inneren, verächtlichen Blick zum Schweigen bringen konnte.

„Es ist ganz schön lange her, Tone. Ich habe dich nicht gesehen, seit –“

„Silvester, vor drei Jahren.“

Ich lachte. „Du hast ein gutes Gedächtnis.“

„Es war das letzte Mal, dass hier was Spannendes passiert ist. Hast du deinen Vorsatz eingehalten?“

„Das war das erste Weihnachten, nachdem Richard und ich uns getrennt hatten“, sagte ich. „Ich glaube, da habe ich im betrunkenen Zustand einige Vorsätze formuliert.“

Tony grinste. „Ja, da gab es ein oder zwei. Aber sag mal, hast du dich an deinen Hauptvorsatz gehalten? Dich von Idioten fernhalten?“

„Oh, nach diesem Motto lebe ich heutzutage. Was war deiner?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verkünde meine nie. So kann niemand wissen, ob ich mich daran gehalten habe oder nicht.“

„Und hast du?“

„Nein. Aber das ist jetzt sowieso egal. Also, was machst du hier? Besuchst du deine Mutter? Ich habe gehört, dass sie krank war.“

„Ich kaufe ein Sofa“, sagte ich.

„Du weißt aber, dass wir nicht nach London liefern“, sagte er.

„Das macht gar nichts, denn da wohne ich nicht mehr.“

Er sah überrascht aus. „Seit wann? Heißt das, du bist zurück?“

„Ja.“

Ich konnte sehen, dass er gerne mehr gefragt hätte, aber mich nicht zu sehr bedrängen und seine Kommission verlieren wollte, das wäre wohl zu viel für ihn. Außerdem wusste er, dass, wenn ich jetzt hierbleiben würde, er es irgendwann sowieso erfuhr.

„Also, was hältst du von diesem Sofa?“

Ich setzte mich wieder. „Ehrlich gesagt, es fühlt sich an, als wäre mein Hintern gestorben und in den Himmel aufgestiegen, wo er von den Flügeln eines Engels liebkost wird.“

Er lachte laut auf. „Willst du einen Job in unserer Marketingabteilung? Ich habe schon immer gesagt, du hättest Dichterin werden sollen und kein Bulle.“

„Bin ich auch nicht mehr“, sagte ich, suchte in meiner Handtasche herum und gab ihm eine meiner neuen Visitenkarten.

„‚Partys und Pasteten’“, las er. „Was ist das?“

„Mein neues Geschäft“, sagte ich. „Ich habe es gerade gegründet –“

„Warte, du bist jetzt Köchin? Arbeitest du auch auf Hochzeiten?“ Tony blickte mich hoffnungsvoll an.

„Hochzeiten, Taufen, Bar-Mizwa, was du willst. Wenn Leute dort Essen wollen, kann ich es liefern.“ Ich hoffte jedenfalls, ich könnte es; ich hatte bisher noch keine Kunden gehabt, aber in der Theorie …

„Das ist fantastisch!“, schrie Tony. „Das ist … Wie heißt dieses Wort noch mal? Serenpidität?“ Ich dachte daran, ihn zu korrigieren, entschied mich aber dagegen; wir würden uns beide nur schlecht fühlen. Er winkte ohnehin schon einer Frau auf der anderen Seite des Ladens, die argwöhnisch um eine Vitrine herumgeschlichen war, in der Kristallvasen präsentiert waren. „Cheryl! Komm mal rüber! Ich habe einen Caterer gefunden!“

Er hielt ihr meine Visitenkarte hin, als sie näher kam. Sie überflog sie, sah an mir rauf und runter, offensichtlich nicht beeindruckt von dem, was sie sah. Was ich ihr nicht übel nehmen konnte, denn ich war nur schnell, während die zweite Schicht Farbe trocknete, rausgegangen, um Teebeutel zu kaufen, und sah wohl mehr nach Michelin-Mann als Michelin-Sternekoch aus.

„Wir heiraten“, verkündete Tony stolz und ich konnte verstehen, warum. Trotz Cheryls momentanen Gesichtsausdrucks, der dem einer Bulldogge ähnelte, die an einer Zitrone gelutscht hatte, sah sie (wahrscheinlich, im richtigen Licht) recht attraktiv aus, und war etwa zehn Jahre jünger als er, obwohl sie sich eher wie Joan Collins während ihrer Denver-Clan-Ära anzog. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal Schulterpolster dieser Größe gesehen hatte, abgesehen von denen beim Super Bowl. Es erklärte sowohl den schicken Anzug, den Tony im Moment trug, als auch seine neuerlich schlanke Figur.

„Glückwunsch“, sagte ich. Er verdiente es, glücklich zu sein.

Tonys erste Frau hatte ihn für ihre Fahrlehrerin verlassen, ein Betrug, der nur noch durch die Tatsache verschlimmert wurde, dass Tony die Fahrstunden bezahlt und sie nicht den Anstand gehabt hatte, ihn zu verlassen, bevor sie ihre Prüfung bestand (nach drei Versuchen), einen Autobahn-Sicherheitskurs, einen Defensives-Fahren-Kurs und die Hälfte der Stunden für ihren LKW-Führerschein abgeleistet hatte. Die Beziehung zur Fahrlehrerin hielt auch nicht lange und, laut meiner Mutter, die ihre Mutter kannte, fuhr sie nun Kraftfahrzeuge rauf und runter durchs Land, begleitet von ihrem Hund – einem Zwergspitz namens Germaine.

Ich hoffte, dass er mich bitten würde, ihr Catering zu übernehmen – ich brauchte das Geld –, aber im selben Moment war ich mir dann doch nicht so sicher, ob ich es riskieren wollte, seine Hochzeitsfeier zu ruinieren. Ach, ich würde einfach nur alles sehr, sehr vorsichtig planen müssen.

„Unser Caterer hat uns hängen lassen und die Hochzeit ist schon nächstes Wochenende“, sagte er.

Nächstes Wochenende? Heilige –

„Ich sagte gerade zu Jodie“, er wandte sich an seine Verlobte, zeigte auf mich mit einer schnellen Handbewegung, „ich sagte gerade, das ist doch ein glücklicher Zufall, eine Serenpidität –“

„Serendipität“, korrigierte sie ihn, lächelte herablassend. Hmm. „Also – Jodie, richtig? – hast du Empfehlungsschreiben? Auf wie vielen Hochzeiten hast du schon gecatert? Wir haben einen sehr edlen Ort für die Feier – das Parkview Manor Hotel – kennst du es? – und es werden viele Gäste aus dem ganzen Land kommen.“

Ich öffnete gerade meinen Mund, um zu gestehen, dass ich tatsächlich noch nie eine Hochzeit versorgt hatte, aber dass sie, so kurz vor ihrem Hochzeitstag, Glück haben müssten, jemanden zu finden, der bereit wäre (oder so verzweifelt das Geld bräuchte) wie ich. Doch Tony war schneller.

„Ihre Referenzen sind, dass sie eine alte Freundin und ehemaliger Polizist ist und du keine bessere Empfehlung als das bekommst“, sagte er. Cheryl kräuselte ihre Lippen, widersprach aber nicht, denn offensichtlich war ihr bewusst, dass sie keine große Wahl hatte, wenn sie ihren anspruchsvollen Gästen nicht Pastete und Fritten im wenig anspruchsvollen Kings Arms auf dem Marktplatz servieren wollte. Ich lächelte.

„Ich mach’s für denselben Preis, den euer letzter Caterer veranschlagt hatte, wenn du das Sofa drauflegst.“

***

So fand ich mich also sechs Tage später vor dem eindrucksvollen Eingang des Parkview Manor Hotels wieder. Es war früher Abend, der Tag vor der Hochzeit des Jahrhunderts™; viele der Gäste würden übernachten und Tony hatte mich (gegen Cheryls Wunsch, schätze ich) zum Willkommensempfang eingeladen. Ich zog mein Kleid herunter; ich hatte etwas zugelegt, seit ich die Polizei verlassen hatte, noch mehr seit meinem Catering-Kochkurs, und meine Ausgehkleider, die ich sowieso nur noch selten trug, begannen alle ein bisschen zu kneifen. Meine Schuhe drückten schon an meinen Zehen. Es waren keine Jimmy Choos, aber sie waren die einzigen in meiner Garderobe, die nicht von Dr. Marten oder Nike waren. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich morgen nur in der Küche verbringen und meine wesentlich vernünftigeren Jeans und Turnschuhe tragen würde, atmete tief durch und ging rein.

Das Foyer des Hotels wirkte sehr vornehm und hätte auch in London sein können, anstelle in der Idylle von Cornwall. Jede Ablagefläche war aus Marmor und ich bekam das Gefühl, wenn ich hier noch länger stehen und gaffen würde, würde ich auch zur Marmorsäule werden. Es gab große, exotische Farne und überall waren Strelitzien zu finden, und die Pflanzenkillerin in mir (ich hatte braune Daumen) vermutete sofort Plastikpflanzen. Ich strich unauffällig über ein Blatt, als ich daran vorbeiging (und verurteilte damit den armen ahnungslosen Farn zum Tode); sie waren echt und wurden gut gepflegt.

Ich konnte mich vage an die Dame hinter der Rezeption erinnern. Obwohl ich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in Penstowan gelebt hatte, war ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, und fünfundsiebzig Prozent der Einwohner waren entweder alte Klassenkameraden, deren Geschwister oder Eltern. Sie lächelte und neigte ihren Kopf in Richtung des Schildes „Penhaligon und Laity Hochzeit“, mit einem Foto des glücklichen Paares und einem Pfeil, der in Richtung des Veranstaltungssaals wies. Es war komischerweise sehr ruhig, nur ein wenig Musik und Geplapper waren im Foyer zu hören.

Im Saal waren nur ein paar Gäste, die an der Bar redeten, und Tony, der Audienz hielt. Er war offensichtlich sehr aufgeregt vor seinem großen Tag und plapperte mit jungenhaftem Enthusiasmus, der sehr liebenswert wirkte. Es war immer noch recht früh, also war das wohl noch nicht alles; Cheryl hatte gesagt, dass Gäste aus dem ganzen Land kommen würden, also waren die vielleicht einfach noch nicht da.

„Die neugierige Nosey!“, rief Tony. Also das war weniger liebenswert. Ich musste mit ihm noch mal ein Wörtchen über meinen Spitznamen aus der Kindheit reden. Ich setzte ein Lächeln auf und trottete hinüber, verzog das Gesicht aber angesichts der Blase, die sich bereits an meinem kleinen Zeh bildete.

Aber ich erreichte Tony und seine Kumpel nie, denn die Aufmerksamkeit aller wurde plötzlich zum Eingang des Veranstaltungssaals gezogen. Die Flügeltür war aufgestoßen worden und Cheryl stand dort, lächelte glückselig angesichts der versammelten Gäste. Sie war aufgetakelt und trug ein eng anliegendes Cocktailkleid aus tiefroter Seide, während ihr Haar seriös gestylt und mit Haarspray zementiert war. Sie rockte immer noch den Achtzigerjahre-Stil Stil und man konnte nicht leugnen, dass es sie es gut machte. Mein billiges Kleid aus dem Kaufhaus und die hässlichen Schuhe fühlten sich unter ihrem Blick noch unbequemer an und ich konnte es nicht erwarten, nach Hause zu kommen und meinen Pyjama anzuziehen.

Sie wartete noch einen Moment länger, ihren dramatischen Auftritt auskostend, und öffnete dann ihren Mund, um zu sprechen.

Ihre Worte erstarben sofort, als sie plötzlich aus dem Sichtfeld aller verschwand, umgerannt und zur Seite geworfen von einer kreischenden Harpyie in einem kakifarbenen Overall.