Leseprobe Eine Braut für den Duke of Hollinburgh

Kapitel 1

Manche Männer werden dazu geboren, ihre Pflicht zu erfüllen. Anderen wird sie auferlegt, ob nun gewollt oder nicht. Nicholas Radnor, der Duke of Hollinburgh, zählte sich selbst zu letzterer Kategorie. Sein Onkel, von dem er den Titel geerbt hatte, war vor seinem Tod noch jung genug gewesen, um eine zweite Ehe eingehen und einen männlichen Erben hervorbringen zu können. Dass Onkel Frederick es versäumt hatte, sich rechtzeitig um seine Nachfolge zu kümmern, war in Nicholas Augen eine Pflichtverletzung höchsten Ranges.

Noch vor einem Jahr hätte er die Angelegenheit weitaus gelassener betrachtet, aber die Übernahme eines Titels brachte immer neue Sichtweisen mit sich. Mittlerweile trauerte er den sorgenfreien Tagen seiner Vergangenheit nicht länger hinterher, und auch seine Zwiespältigkeit hinsichtlich des Erbes hatte sich zerschlagen. Sein Pfad in die Zukunft, der ihm noch vor wenigen Monaten düster und verschleiert erschienen war, lag nun klar und deutlich vor ihm, gekennzeichnet von Erwartungen und Meilensteinen, die es einzuhalten galt.

Einer dieser Meilensteine beschäftigte ihn, während er eines schönen Morgens Ende April seine Korrespondenz durchging. Er hatte sich die Briefe, die nun vor ihm lagen, bis nach dem Frühstück aufgehoben, um sich nicht den Appetit zu verderben. Zwei Briefe, zwei elegante Handschriften, zwei weibliche Angehörige. Die Nachrichten enthielten vertraulichen Rat bezüglich junger Damen, die nach Meinung eben jener Angehörigen als geeignete Ehefrauen infrage kamen.

Nicholas hatte zwar nie öffentlich verkündet, auf der Suche nach einer Gemahlin zu sein, aber auch dies gehörte nun einmal zu den Pflichten eines jungen Dukes. Nachdem er eine gewisse Zeit damit verbracht hatte, in Erinnerungen an sein unbeschwertes Junggesellendasein zu schwelgen, zu dem regelmäßiges Glücksspiel und die Verführung schöner Frauen gehörten, entschloss er sich, während der kommenden Ballsaison nach einer geeigneten Braut Ausschau zu halten. In einem der Briefe wurde eine junge Dame erwähnt, deren Charakter von Sanftmut und Sittsamkeit geprägt war. Früher hätten diese Eigenschaften ihn umgehend in die Flucht geschlagen, aber als Duke war es seine Pflicht, eine Gemahlin zu wählen, die den gesellschaftlichen Erwartungen entsprach, selbst wenn er sich zu Tode würde langweilen müssen. Ob mit sittsam ihr Erscheinungsbild und öffentliches Auftreten gemeint waren? Oder ihr Verhalten im Schlafgemach?

„Euer Gnaden, ich hätte jetzt die Geschäftsbücher fertig.“

Als er aufblickte, sah er Mr Withers, seinen Verwalter, im Türrahmen stehen und mit einem Stapel Unterlagen gestikulieren. Der Anblick der Dokumente war noch entmutigender als die Vorstellung einer prüden Ehefrau.

Pflichten, nichts als Pflichten. „Kommen Sie in einer Stunde wieder, dann können wir uns das Desaster näher ansehen.“

Withers bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. „Es ist bei Weitem nicht so schlimm, wie wir annahmen. Allerdings ist der Bericht der Textilfabrik noch nicht vollständig.“

Bei Weitem nicht so schlimm bedeutete dennoch nichts Gutes, und die vermaledeite Fabrik war zu einem erheblichen Ärgernis geworden. „In einer Stunde, Withers.“

Sein Verwalter zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich. Nicholas hatte sich gerade in seinem Sessel zurückgelehnt, um sich die nächste Stunde seinen Tagträumen hinzugeben, als die Tür erneut aufflog und sein Cousin Chase hereinstürmte.

„Du hast mich herbeizitiert?“ Seine blauen Augen spiegelten unverkennbaren Unmut wider.

„Ich hatte dich gebeten, vorbeizuschauen, wenn du Zeit hast.“

„Barone sprechen Einladungen aus, Herzöge beordern andere zu sich.“

„Das ist doch albern.“

„Na schön, da es nicht dringend zu sein scheint, komme ich wann anders wieder.“ Chase wandte sich zum Gehen.

„Nun, da du schon mal hier bist …“

„Weil ich deiner Aufforderung gefolgt bin.“

„Wie dem auch sei, jedenfalls bist du hier und ich habe etwas zu besprechen.“

„Deine zukünftige Gemahlin?“

„Gütiger Himmel, das darf doch nicht …“

„Unsere Tanten reden über nichts anderes. Sie sitzen in ihrer Theaterloge …“

Meiner Loge.“

„Jedenfalls sitzen sie dort und beobachten während der Vorstellung sämtliche anwesenden Damen, tauschen Gerüchte über sie aus und erstellen Listen mit ihren Vorzügen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen damit aufhören, aber sie behaupten, du hättest sie um Hilfe gebeten.“

„Habe ich nicht.“

„Dann musst du aufgehört haben, dich über ihr ständiges Einmischen zu beschweren, was sie als Einverständnis werten.“

Genau so hatte es sich mehr oder weniger abgespielt. „Ihnen kommen Dinge zu Ohren, die du oder ich niemals mitkriegen würden.“

Chase seufzte tief. „Bitte verlange nicht von mir, dass ich Nachforschungen über irgendeine Frau anstelle. Ich habe Ansprüche.“

Unter seinen Cousins war Chase derjenige, dem er am nächsten stand, und der Einzige, den er wegen einer Partnerin um Rat fragen würde, sollte der Tag jemals eintreffen. Zudem war Chase ein erfolgreicher Privatermittler, der sich darauf verstand, diskrete Nachforschungen anzustellen.

„Keine Sorge … Obwohl das keine so schlechte Idee ist. Ich werde sie mir für die Zukunft merken. Heute möchte ich aber über den Tod unseres Onkels sprechen. Wir sollten nochmals die Details durchgehen.“

Chase warf ihm einen ernsten Blick zu. „Bist du dir sicher, dass du das tun willst? Überleg es dir gut. Wenn es sich so zugetragen hat, wie wir vermuten, befindet sich die schuldige Person wahrscheinlich unter uns. Nicht Kevin, aber jemand anderes aus unseren Reihen.“

„Ich habe mir lange genug den Kopf darüber zerbrochen. Deine Nachforschungen unmittelbar nach Onkel Fredericks Tod liefen doch ziemlich gut, bis sie eingestellt wurden. Ich denke, du solltest die verstaubten Akten erneut öffnen. Wenn sich ein Mörder unter uns befindet, wüsste ich gern, wer es ist.“

„Und was geschieht, wenn du es herausgefunden hast?“

Nicholas richtete sich in seinem Sessel auf. „Das entscheide ich, wenn es so weit ist.“

„Es ist undenkbar, dass ein Mitglied der Herzogsfamilie für das Verbrechen gehängt wird.“

Das war von Anfang an eines der Hauptprobleme gewesen. Eigentlich sollte die Gerichtsbarkeit den Stammbaum eines Angeklagten außer Acht lassen, aber dem war nicht so. Womöglich würde ein Richter vom Galgen absehen, wenn die Geschworenen einen seiner anderen Cousins für schuldig befinden sollten. Wozu es aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht kommen würde, da auch Geschworene sich den Vorrechten eines Dukes zu beugen pflegten.

„Ungeachtet des Gerichtsverfahrens und der Bestrafung muss ich es einfach wissen“, erwiderte Nicholas. „Bist du denn gar nicht neugierig?“

Chase zögerte kurz, bevor er antwortete. „Doch, natürlich. Vielleicht war es ja ein unbekannter Geschäftspartner … Wenn es überhaupt jemand war.“

Es war zwar umsichtig von Chase, die Todesursache als offene Frage darzustellen, aber keiner von ihnen glaubte, dass ihr Onkel vor vierzehn Monaten versehentlich vom Dach gestürzt oder aus eigenem Antrieb gesprungen war, wie manche munkelten. Jemand hatte ihn hinuntergestoßen.

Chase trat näher an den Schreibtisch heran und betrachtete die Briefe, bevor er Nicholas ein verschmitztes Lächeln zuwarf. Dann griff er nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag.

„Informierst du dich etwa über die Forderungen der Fundamentalisten?“

„Ich lese viele Nachrichtenblätter. Dieses hier hatte Onkel Frederick abonniert. Ich habe es bislang nicht gekündigt.“

„Und du hast es gelesen.“

„Ich muss wissen, was behauptet und gedacht wird, selbst von denen, die anderer Meinung sind als ich. Immerhin bin ich ein Mitglied des Parlaments und trage Verantwortung.“

Chase schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. „Niemand erwartet, dass du so bist wie er.“

„Das hoffe ich doch. Immerhin bin ich nicht annähernd exzentrisch genug.“

„Ich meinte damit nicht Onkel Frederick.“

Nein, Chase hatte sich auf Nicholas’ Vater bezogen. Den wahren Erben. Denjenigen, der den Titel tragen sollte, der sich darauf vorbereitet hatte, während Nicholas seinem sorglosen Dasein als Lebemann frönte. Die Erinnerung an das letzte Mal, als er seinen Vater gesehen hatte, kam ihm in den Sinn. Warum war es ausgerechnet immer dieser letzte gemeinsame Moment, an den er sich erinnerte?

Er beschloss, Chases Bemerkung zu ignorieren. „Da wir gerade von Geschäftspartnern sprachen … Ich möchte, dass du dir einige der Teilhaberschaften ansiehst, die Onkel Frederick mir aufgebürdet hat. Ich glaube, zwei meiner Partner sind …“ Gerade, als er seinen Verdacht äußern wollte, öffnete die Tür seines Arbeitszimmers sich erneut. Powell, der Butler, trat mit einem Silbertablett ein, auf dem eine Visitenkarte lag. Der Angestellte wirkte so aufgeregt, dass Nicholas nicht umhinkam, sich zu fragen, ob der König höchstpersönlich sich angekündigt habe.

„Ich dachte, Sie würden Ihre Besucherin gerne empfangen, Euer Gnaden“, sagte Powell und hielt ihm das Tablett hin.

Nicholas nahm die Karte entgegen und überflog sie. Tatsächlich wäre ein Besuch des Königs weniger überraschend gewesen. Er warf Chase einen Blick zu. „Sie ist hier. Hier in diesem Haus. In diesem Augenblick.“

„Du schwafelst wirres Zeug. Wer ist hier?“

Nicholas reichte seinem Cousin die Karte. Als Chase den Namen darauf sah, trat ein schockierter Ausdruck in seine Augen. „Ich fasse es nicht. Iris Barrington.“

„Wir suchen seit über einem Jahr nach ihr, und jetzt spaziert sie einfach so hier herein?“

„Sie muss von dem Testament und ihrem Erbe erfahren haben. Wie sonst sollte sie so plötzlich auftauchen?“

„Nach einem Jahr? Die anderen beiden Erbinnen mussten wir in mühseliger Arbeit aufspüren, aber sie kreuzt einfach so auf? Das finde ich höchst verdächtig.“

„Viel zu einfach, meinst du.“

„Verdammt, ja.“ Nicholas richtete sein Krawattentuch und zupfte an seiner Weste herum.

„Du siehst sehr herzoglich aus“, sagte Chase. „Dein Kragen ist so gestärkt, dass du damit Eisen zerteilen könntest. Lass mich wissen, wie das Gespräch gelaufen ist.“ Er schlenderte hinüber zur Tür. „Warten Sie ein paar Minuten, bevor Sie hinuntergehen und sie holen“, sagte er über die Schulter, an den Butler gewandt. „Ich will erst noch einen ausgiebigen Blick auf sie erhaschen.“

Powell verharrte mit dem Tablett in Händen, während Chase durch die Tür verschwand. Nach etwa einer Minute warf der Butler Nicholas einen fragenden Blick zu, die stumme Bitte, sich entfernen zu dürfen. Nach einer weiteren Minute nickte Nicholas.

***

Iris hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass der Duke sie empfangen würde, aber es war zumindest einen Versuch wert gewesen. Sie hatte sich noch andere Pläne zurechtgelegt, falls er sie an diesem Tag abgewiesen hätte. Diese waren jedoch weitaus zeitaufwendiger und erforderten ein gewisses Maß an Tücke, weshalb der direkte Weg ihr zunächst am klügsten erschien.

Dass sie es bis in den Salon geschafft hatte, ermutigte sie. Mit ein wenig Glück wäre der Duke zumindest neugierig, und falls er, wie sein Großvater, ein Bücherfreund war, sollte ihre Visitenkarte sein Interesse wecken. Sie hatte die Karten speziell anfertigen lassen, mit kleinen Abbildungen von Büchern unter ihrem Namen, damit jeder sofort erkannte, woran er bei ihr war.

Im weitesten Sinne war sie auch aufgrund von Büchern hierhergekommen. Nicht, um welche zu verkaufen, obwohl es sicher nichts schaden würde, mit dem Duke ins Geschäft zu kommen. Immerhin bestand darin ihr Lebensunterhalt, durch den Verkauf von Büchern ernährte sie sich und finanzierte ihre Reisen und sonstigen Unternehmungen. Doch bei diesem Besuch ging es um etwas anderes, etwas weitaus Wichtigeres.

Wäre dieser Duke beinahe menschlich wie sein Vorgänger, oder vielmehr ein verlogener Schuft, ganz wie sein Großvater? Der Gedanke an letztere Möglichkeit ließ sie die Schultern straffen und ihren Mut zusammennehmen.

Als sie hörte, wie die Tür sich öffnete, drehte sie sich um, in der Erwartung, den Butler zu sehen. Stattdessen steckte ein dunkelhaariger – und äußerst attraktiver – Mann den Kopf ins Zimmer. Seine auffallend blauen Augen suchten den Raum ab, bis sein Blick schließlich auf ihr landete. Ihr entging nicht, wie scharf und gründlich er sie musterte.

Zweifellos war er nicht der Duke. Dieser würde Besucher niemals auf solch ungebührliche Art und Weise empfangen. Es musste sich um jemand anderen handeln, der sich für den Besuch Seiner Gnaden interessierte. Vielleicht ein Sekretär … obwohl er nicht wie einer aussah.

Der Mann entschuldigte sich für die Störung und verschwand ebenso plötzlich wieder, wie er erschienen war.

Wie seltsam.

Wenige Minuten später kehrte dann tatsächlich der Butler zurück und bat sie, ihm zu folgen. Während sie die Treppe hinaufstiegen, versuchte sie, ihre mit jedem Schritt wachsende Aufregung zu unterdrücken. Es hatte geklappt. Sie sollte ihre Audienz erhalten.

Der Butler führte sie in ein geräumiges Arbeitszimmer, das ganz im Stil der Chinoiserie dekoriert war, mit riesigen Vasen und kunstvoll geschnitztem Mobiliar. Nur der Schreibtisch des Dukes wirkte ziemlich schlicht. Er war recht groß und breit und bot Platz für zahlreiche Unterlagen sowie Bücher. Doch aktuell befanden sich lediglich ein Tintenfass, ein Füllhalter, ein Nachrichtenblatt, zwei Briefe und eine merkwürdige, kleine Schatulle aus gewebtem Stoff darauf. Der Tisch erweckte den Eindruck, als gehöre er jemandem, der sich in dem Raum noch nicht eingerichtet hatte, oder jemandem, der seine Arbeitsfläche nicht mit persönlichen Gegenständen überladen wollte.

Weitaus interessanter war jedoch der Mann, der neben dem Schreibtisch stand. Sein dunkles Haar und die dunklen Augen ließen sie erkennen, dass er sowohl mit dem Gentleman, der sie eben im Salon überrascht hatte, als auch mit dem vorherigen Duke verwandt sein musste. Er war ein äußerst gut aussehender Mann, dessen ebenmäßige Züge und stattliche Statur zweifelsohne die Aufmerksamkeit unzähliger Frauen erregte. Sein blütenreines Krawattentuch, der gestärkte Kragen und der makellose, dunkle Anzug spiegelten ein gewisses Maß an Korrektheit und – zu ihrem Bedauern – Eintönigkeit wider. Er war einen guten Kopf größer als sie und begrüßte sie mit einer steifen Förmlichkeit, die man von einem Mann seines Standes erwartete, der eine unangemeldete Fremde empfing.

Vermutlich blieben ihr etwa drei Minuten, um sein Interesse zu wecken, bevor er sie höflich entfernen ließ. Also knickste sie höflich, richtete sich dann zu ihrer vollen Größe auf und sah ihm geradewegs in die Augen.

„Mein Name ist Iris Barrington und ich bin gekommen, um Sie zu bitten … nein, vielmehr, um zu verlangen, dass Sie ein Versprechen einlösen, das Ihr Onkel mir gab.“

Zunächst zeigte er keinerlei Reaktion auf ihre Worte, sondern musterte sie nur eindringlich. Einen Augenblick lang erinnerte er sie an Count D’Ilio, einen Freund, dessen Zurückhaltung sie je nach Laune entweder als faszinierend und mysteriös oder als langweilig und irritierend empfand. Männer dieser Natur schienen sich stets zu ihr hingezogen zu fühlen. Sie bewunderten ihren Freigeist und genossen durch sie ein zügelloses, aufregendes Leben.

Der Gentleman, der nun vor ihr stand, schien jedoch nicht zu dieser Sorte zu gehören. Sie bezweifelte, dass er sich in einer normalen Situation so reserviert zeigen würde. Der Duke in ihm vielleicht, aber nicht der Mann in ihm. Das verriet ihr das Funkeln in seinen Augen. Als Duke musterte er sie abschätzend, aber als einfachem Mann gefiel ihm offensichtlich, was er sah.

Wie interessant. Vielleicht sollte sie ihre Taktik ändern.

Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf und trat ein paar Schritte auf ihn zu, sodass ihm der Duft ihres teuren Parfüms in die Nase steigen würde. „Verzeihung, ich wollte Sie nicht auf so unhöfliche Weise damit überfallen. Leider befinde ich mich in einer misslichen Lage. Ich bin jedoch äußerst dankbar, dass Sie mich überhaupt empfangen haben. Das war sehr großzügig von Ihnen.“

„Sie hätten mich vorher schriftlich informieren können.“

„Ich bezweifelte, dass mein Brief es an Ihrem Sekretär vorbeigeschafft hätte, da ich weder Referenzen noch Familie in der Stadt habe. Folglich bin ich keine gewöhnliche Antragstellerin.“

Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. Er deutete auf ein Sofa und einen Sessel am anderen Ende des Zimmers. „Vielleicht wären Sie so freundlich, sich zu setzen und mir zu erklären, worum genau es sich bei diesem angeblichen Versprechen meines Onkels handelt.“

Sie ließ sich auf dem Sofa nieder, darauf bedacht, den Platz neben sich für den Duke freizuhalten. Dieser wählte jedoch den Sessel. So viel dazu, ihre Reize einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

„Sie sagten eben ‚angeblich‘. Vermutlich hören Sie von vielen Personen, der verstorbene Duke habe ihnen dies und jenes versprochen“, setzte sie erneut an.

„In der Tat.“

„Waren alle von ihnen Lügner?“

Er lächelte. Gütiger Himmel, wie attraktiv er dabei aussah! Sein Lächeln vermochte das Herz einer Frau höherschlagen zu lassen und jagte ihr einen elektrisierenden Schock durch den Körper …

„Einige von ihnen schon“, erwiderte er.

„Ich für meinen Teil lüge nicht. Kurz bevor Ihr Onkel starb, traf ich mich mit ihm und er versprach mir, etwas zu finden, von dem ich glaubte, dass es sich in seinem Besitz befand. Ein gut erhaltenes Manuskript aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert. Ein Psalter mit kunstvollen Illuminationen. Ich hörte, dass sein Vater – Ihr Großvater – es erworben hatte, und wollte wissen, ob es sich noch immer in der herzoglichen Sammlung befand.“

Er musterte sie ebenso neugierig wie wohlwollend. „Warum interessiert es Sie, wo sich das Schriftstück befindet?“

„Weil ich einen Käufer dafür gefunden habe. Es ist ein kleines Vermögen wert. Ich handle mit seltenen Büchern und Manuskripten, müssen Sie wissen, und in einem Fall wie diesem würde ich als Vermittlerin fungieren.“ Das war eine Lüge … zumindest weitgehend. Aber wenn sie ihm den wahren Grund für ihre Suche nach dem Psalter erklärte, würde er sich niemals darauf einlassen, ihr zu helfen.

„Hat er Ihnen auch erzählt, dass die Bibliothek meines Großvaters nach dessen Tod aufgeteilt wurde? Jeder seiner Söhne erhielt einen Anteil.“

„Das erwähnte er in der Tat, und er versprach mir, sich zu erkundigen, wer von ihnen den Psalter erhalten hatte. Als ich erfuhr, dass Ihr Onkel gestorben war … Ich hatte zwar lange Zeit nichts von ihm gehört, aber nie hätte ich diesen Grund hinter seinem Schweigen vermutet. Vielmehr dachte ich, er hätte es vielleicht nicht gefunden oder seine Meinung geändert, oder seine Briefe wären einfach noch nicht angekommen. Erst mit der Nachricht seines Todes realisierte ich, dass er womöglich noch überhaupt nicht mit den Nachforschungen begonnen hatte.“

Die Neugier im Blick des Dukes nahm eine schier unerträgliche Intensität an.

„Wann fand dieses Treffen zwischen Ihnen beiden statt?“

„Ende Februar oder Anfang März. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht.“

„War es hier in London?“

„Nein, er schrieb mir und bat mich, ihn auf seinem Anwesen in Sussex aufzusuchen. Melton Park.“

Darüber schien der Duke einen Augenblick lang nachdenken zu müssen. Er erhob sich und trat an eines der Fenster, aus dem er eine Weile hinaussah. Schließlich warf er ihr über die Schulter einen eindringlichen Blick zu. „Ist das der einzige Grund, aus dem Sie mich heute sehen wollten, Miss Barrington? Oder gibt es noch etwas anderes, das Sie zur Sprache bringen möchten?“

Seine Worte rissen sie aus den höchst ungebührlichen Gedanken, denen sie nachgehangen war, während sie sein perfektes Profil und seinen großen, schlanken Körper studiert hatte.

„Sonst gibt es nichts weiter“, brachte sie nach einem kurzen Moment des Zögerns hervor, wobei sie sich ein wenig einfältig vorkam.

Er richtete den Blick wieder aus dem Fenster. „Zu diesem Anwesen gehört ein weitläufiger Garten, und das Wetter ist recht angenehm. Würden Sie mich auf einen Spaziergang begleiten? Wie es der Zufall will, gibt es außer alten Büchern noch etwas anderes, über das ich gerne mit Ihnen sprechen würde.“

Da er sich dazu herabgelassen hatte, sie so kurzfristig zu empfangen, konnte sie seine Einladung wohl kaum ausschlagen. Während er sie die Treppe hinunter und hinaus in den Garten führte, kam ihr jedoch der Gedanke, dass er ein äußerst zielbewusster Mann sein musste, der ihr in der Tat ein Angebot unterbreiten könnte, das rein gar nichts mit alten Büchern zu tun hatte.

***

„Wo wohnen Sie?“, fragte Nicholas, nachdem sie einige Meter des Gartenpfads schweigend zurückgelegt hatten. Er bemühte sich, nicht zu neugierig zu klingen, doch in seinem Tonfall lag etwas Scharfes, als wolle er sie einem Verhör unterziehen. Seine Forschheit rührte daher, dass er sich unter großer Anstrengung auf das Gespräch konzentrieren musste, um sich nicht in erotischen Gedanken über diese Frau zu verlieren. Gedanken, die ihn plagten, seit sie sein Arbeitszimmer betreten hatte. Es war lange her, dass er eine Frau so unmittelbar, so vollständig, so gezielt begehrt hatte, und es kostete ihn jedes Maß an Selbstbeherrschung, sich nicht in den liederlichsten Lüstling Londons zu verwandeln.

„Ich verbringe den Großteil meiner Zeit in Europa. Dort bin ich aufgewachsen, und natürlich finden sich dort die besten Bibliotheken im Besitz der Adeligen. Meiner Familie gehört ein Anwesen in Florenz, aber ich bin viel unterwegs.“

„Kommen Sie oft nach England?“

„Nein, vielleicht einmal im Jahr. Meine Reisen führen mich meist in andere Länder und Hauptstädte.“

„Um nach alten Büchern zu suchen?“

„Das gehört zu meinem Beruf.“

Mittlerweile waren sie beinahe am anderen Ende des Gartens angelangt, nahe der Mauer, die ihn umgab. Nur wenige Häuser in London besaßen ein derart weitläufiges Grundstück. Noch seltener war der wilde, naturbelassene Bereich im nördlichen Teil des Anwesens. Am oberen Ende der Park Lane gelegen, mit Blick auf die Grünflächen des gegenüberliegenden Parks, bot es einen ländlichen Charme innerhalb der geschäftigen Stadt. Von allen Grundstücken, die Nicholas geerbt hatte, mochte er dieses hier am liebsten.

Miss Barrington ging entschlossen neben ihm her. Nach außen hin wirkte sie zurückhaltend, doch ihre dunklen Augen funkelten. Augen, in denen er sich verlieren konnte, wenn er nicht aufpasste. Sie zogen ihn in ihren Bann wie Sterne am samtenen Nachthimmel. Zusammen mit ihren dunklen Haaren und der blassen Haut verliehen sie ihr ein apartes, beinahe exotisches Aussehen. Auch die extravaganten Details ihrer Kleidung, wie etwa das venezianische Schultertuch in Ocker- und Grautönen, das die meisten Frauen zu einem Theaterbesuch tragen würden anstatt zu einer morgendlichen Audienz, zogen unweigerlich die Aufmerksamkeit anderer auf sich. Und was ihr Benehmen anbelangte … Nicht viele Frauen würden bei der ersten Begegnung mit einem Duke Ansprüche erheben.

Sie war durch und durch faszinierend. Ein Hauch von Sinnlichkeit umhüllte sie wie ein Schleier, der durch den Duft, der von ihr ausging, nur noch verstärkt wurde.

Er hatte sie vom ersten Augenblick an begehrt, was ihre Unterhaltung umso schwieriger machte. Wie sollte er distanziert bleiben, wenn er sich nichts sehnlicher wünschte, als sie zu berühren?

„Miss Barrington, ich muss Sie über etwas in Kenntnis setzen. Vermutlich wird es Sie verwirren, aber seien Sie versichert, mit dieser Reaktion stehen Sie nicht allein da.“

Er konnte die Anspannung, die von ihr ausging, förmlich spüren. Sie blieb stehen und wandte sich ihm zu. Ihre Miene verriet ihm, dass sie womöglich doch nicht so überrascht sein würde, wie er annahm. Erwartungsvoll hob sie eine Braue.

„Mein Onkel fügte seinem Testament einige ungewöhnliche Klauseln bei“, fuhr er fort. „Einen großen Teil seines persönlichen Vermögens vermachte er Personen, die weder zur Familie noch zu seinen Freunden oder zum Personal gehörten. Drei unbekannte Frauen erhielten das Meiste davon. Eine dieser Frauen trägt den Namen Iris Barrington.“

Sie blinzelte heftig. Dann runzelte sie die Stirn. Schließlich brach sie in schallendes Gelächter aus. „Sie scherzen doch. Gewiss wollen Sie mich zu Ihrem Vergnügen auf den Arm nehmen.“

„Keineswegs. Wir haben monatelang nach Ihnen gesucht. Zunächst nur hier in England, dann auch in Kontinentaleuropa. Vermutlich haben Ihre Reisen es uns zusätzlich erschwert, Sie zu finden.“

Ein Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. „Das ist es also, was Sie mir sagen wollten? Deshalb haben Sie mich zu diesem Spaziergang eingeladen?“

„In der Tat.“ Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche seiner Weste und reichte sie ihr. „Das hier ist der Name des Familienanwalts und Testamentsvollstreckers. Sie sollten sich so bald wie möglich mit ihm in Verbindung setzen.“

Sie nahm die Karte entgegen und betrachtete sie einen Augenblick lang, bevor sie erneut auflachte. „Ich fasse es nicht!“ Langsam hob sie den Kopf und sah ihn an. Die funkelnden Sterne in ihren Augen zogen ihn magisch an, forderten ihn auf, sich zu ihr in den Nachthimmel zu erheben. „Die ganze Zeit über nahm ich an, Sie hätten mich hierhergebracht, um mir ein unsittliches Angebot zu unterbreiten.“

Er lachte ebenfalls, als sei allein die Vorstellung absurd.

Während sie zurück in Richtung Haus schlenderten, siegte jedoch die Neugier.

„Geschieht das denn häufig? Dass Sie Angebote dieser Art erhalten?“, fragte er wie beiläufig.

Sie hielt den Blick auf die Visitenkarte gerichtet. „Ununterbrochen. Eine alleinstehende Frau auf Reisen … Sie können es sich sicher vorstellen. Aber ich war nie die Mätresse eines Mannes und werde es auch nie sein. Ich gehe meinen eigenen Weg. Diese Art der Unterstützung bringt gewisse Verpflichtungen mit sich, die ich nicht zu akzeptieren gewillt bin.“

„Das kann ich verstehen.“

Sie steuerte auf das vordere Gartentor zu, ein stummer Hinweis, dass sie ihn auf diesem Weg zu verlassen gedachte. Vor dem Tor hielt sie inne und wandte sich ihm abermals zu. Trotz ihrer nüchternen Miene lag ein verschmitztes Funkeln in ihren Augen. „Andererseits habe ich nichts dagegen, mir einen Liebhaber zu nehmen, wenn die Chemie stimmt. Das ist etwas anderes.“

Etwas völlig anderes. Er reagierte auf ihre Worte, als hätte sie eine Einladung ausgesprochen, obwohl es ebenso gut nur eine höhnische Bemerkung sein könnte.

Ihre sinnliche Aura schien sich wie ein Mantel um ihn zu legen. Wenn sie nicht augenblicklich verschwand, würde er seine Erregung nicht länger im Zaum halten können.

„Ich hätte noch eine Frage“, sagte sie. „Sterben die Versprechen eines Dukes mit ihm?“

„Die wichtigen nicht.“

„Ich würde diesen Psalter wirklich gerne finden.“

Verdammt, er würde ihr die Sterne vom Himmel holen, wenn sie ihn in diesem Augenblick darum bäte. „Ich werde sehen, ob ich etwas herausfinden kann. Am besten beginne ich mit der Bibliothek hier. Woran erkenne ich das Buch?“

„Wenn Sie es aufschlagen und ein Manuskript mit vielen farbenfrohen Bildern auf Pergament vorfinden, welche die Psalmen darstellen sollen, haben Sie wahrscheinlich ins Schwarze getroffen.“

Damit ließ sie ihn stehen und rauschte mit wehendem Schultertuch davon.

Kapitel 2

„Walter wird der Schlag treffen“, sagte Kevin, während er den Port in seinem Glas schwenkte. „Er hat bereits das gesamte Geld ausgegeben, das er zu erhalten glaubte, nachdem die dritte Erbin nicht aufgefunden werden konnte. Er und Felicity sind nach Paris gereist, wo sie sich mit einer komplett neuen Garderobe für die kommende Saison eingedeckt hat. Rosamund zufolge haben allein die Hauben ein Vermögen gekostet.“

Gemeinsam mit seinen Cousins, Kevin und Chase, saß Nicholas in der Bibliothek von Whiteford House. Sie hatten sich zusammengefunden, um das unerwartete Erscheinen von Iris Barrington zu besprechen.

„Keiner unserer Angehörigen wird erfreut sein, da ihr beachtliches Erbe unter uns aufgeteilt worden wäre. Verbarrikadiere die Türen, Nicholas. Die Neuigkeiten werden sich in Windeseile verbreiten, und dann werden sie alle hier antanzen mit ihren Beschwerden und Forderungen“, sagte Chase.

Ihre beiden Tanten sowie zahlreichen Cousins hatten die Klauseln im Testament ihres Onkels nicht gut aufgenommen. Keiner von ihnen hatte sonderlich viel geerbt, einschließlich Nicholas, dem als Nachfolger des Dukes zwar einige Ländereien und Häuser zugefallen waren, nicht jedoch das nötige Geld, um alles instand halten zu können. Der Unterschied war, wie er sich immer wieder ins Gedächtnis rief, dass er nichts erwartet hatte, während Walter und die anderen sich eine ansehnliche Summe erhofft und dementsprechend auf großem Fuß gelebt hatten. Nachdem zwei der drei unbekannten Erbinnen gefunden worden waren, wurde ihre Hoffnung gedämpft, verschwand jedoch nicht vollständig. Die traurige Wahrheit war, dass viele Menschen darauf gebaut hatten, dass Iris Barrington nicht mehr am Leben war.

Chase und Kevin zählten allerdings nicht dazu. Beide hatten sich in eine der anderen Erbinnen verliebt und führten eine glückliche, unbeschwerte Ehe, weshalb sie nun über den Dingen standen.

„Sanders prüft aktuell nach, ob sie wirklich diejenige ist, die sie zu sein behauptet“, fügte Chase hinzu.

„Sie schien nichts von dem Erbe zu wissen“, sagte Nicholas.

„Hast du ihr das geglaubt?“

Hatte er das? Jetzt, da er nicht länger unter dem Bann ihrer Augen und ihres Lächelns stand, kam ihm ihr Besuch zugegebenermaßen höchst ungewöhnlich vor. Die Tatsache, dass sie nach all den Monaten so unvermittelt bei ihm aufgetaucht war, verlangte nach einer besseren Erklärung als dem Wunsch, ein Manuskript zu verkaufen, das sich angeblich im Besitz seines Großvaters befand.

„Wenn sie Anspruch auf das Erbe hätte erheben wollen, wäre ihr Besuch bei mir nicht nötig gewesen“, sprach er seine Gedanken laut aus. „Sie hätte direkt zu Sanders gehen können. Als Testamentsverwalter ist er derjenige, dem sie ihre Identität beweisen muss.“

„Unsere Tanten werden mit Sicherheit darauf bestehen, dass sie nicht diejenige ist, die im Testament aufgeführt wurde“, warf Kevin ein. „Wenn sie herausfinden, dass auch die dritte Erbin einen Beruf ausübt, werden sie überzeugt sein, dass Onkel Frederick darauf aus war, sie vor der Gesellschaft bloßzustellen.“

„Da wir gerade davon sprechen … Ich glaube, Miss Barrington würden Rosamunds Hüte und Hauben gefallen. Sie selbst trug eine von ähnlichem Stil, wenn auch ein ziemlich auffälliges Modell. Allerdings passte es gut zum Rest ihres Ensembles. Ich kann mir gut vorstellen, dass Rosamund in ihr eine neue Kundin finden würde.“

Seine Cousins starrten ihn wortlos an.

„Damit wollte ich nur sagen, dass …“

„Dass dir ihr Erscheinungsbild aufgefallen ist“, unterbrach Kevin ihn. „Vielleicht wäre es unter gegebenen Umständen klüger gewesen, wenn du dich auf ihren Charakter konzentriert hättest.“

„Ich glaube kaum, dass Nicholas etwas an Miss Barrington entgangen ist“, sagte Chase. „Obwohl ich nur einen flüchtigen Blick auf sie erhascht habe, gab es einiges an ihr, das die Aufmerksamkeit eines Mannes beansprucht. Nicht wahr, Nicholas?“

„Es ist meine Pflicht, sie genau in Augenschein zu nehmen. Immerhin ist sie die vermeintliche Erbin eines Vermögens, das andernfalls der Familie zustehen würde.“

„Mag sein. Und dennoch …“ Chase ließ seine Worte in der Luft hängen und hob die Brauen.

Kevin sah verwirrt zwischen seinen Cousins hin und her. „Was? Ihr verschweigt mir doch irgendetwas.“

„Ich habe euch alles über das Treffen erzählt. Mehr gibt es nicht zu berichten“, erwiderte Nicholas.

„Du hast ein paar wichtige Details ausgelassen. Zum Beispiel hast du es versäumt, sie zu beschreiben“, widersprach Chase, bevor er, an Kevin gewandt, hinzufügte: „Miss Barrington sieht ziemlich apart aus. Dunkle Augen, dunkle Haare. Sie besitzt einen ausländischen Flair. Ich würde sie als … lebhaft beschreiben.“

„Interessante Wortwahl“, sagte Kevin.

„Wenn du sie kennenlernst, wirst du wissen, was ich meine. Jedenfalls ist sie reizend. Findest du nicht auch, Nicholas?“

„Zweifellos besitzt sie eine gewisse Anmut.“

Zweifellos besitzt sie eine gewisse Anmut“, äffte Chase seinen brummenden, herzoglichen Tonfall nach.

„Als ich Rosamund zum ersten Mal begegnete, fühlte ich mich wie vom Blitz getroffen“, sagte Kevin. „Aber dir wird es kaum ähnlich ergangen sein. Wir wissen ja noch nicht einmal mit Sicherheit, wer sie ist.“

„Es gab weder Blitzschläge noch sonst irgendetwas. Wir führten ein höfliches Gespräch, nichts weiter.“

„Gott sei Dank. Andernfalls würden unsere Tanten Nachforschungen darüber anstellen, ob sie eine annehmbare Partie ist.“

„Oh, sie würden sie keinesfalls als annehmbare Partie erachten.“ Allein die Vorstellung, wie seine Tanten auf die Frau, die Iris Barrington zu sein behauptete, reagieren würden, entlockte ihm ein Grinsen. „Ihr Erscheinungsbild ist viel zu auffallend – Verzeihung, ich meinte natürlich lebhaft – und sie ist zweifellos eine Dame von Welt.“

Als er den vielsagenden Blick bemerkte, den Chase und Kevin wechselten, starrte er sie finster an. Jeder von ihnen nahm einen Schluck von seinem Port, und während das Gespräch sich anderen Themen zuwandte, verweilten Nicholas’ Gedanken bei der lebhaften Frau, über die sie sich so ausführlich unterhalten hatten.

Er sollte herausfinden, wann genau sie sich mit Onkel Frederick getroffen hatte. Berichten zufolge war er am Tag seines Todes mit einer unbekannten Dame im Garten seines Landsitzes gesehen worden. Er musste wissen, ob es sich bei dieser Person um Iris Barrington handelte. Und trotz der Wärme, die ihn erfüllte, wenn er an sie dachte, durfte er nicht vergessen, dass ihr Wort allein nicht ausreichte, um zu beweisen, dass sie nichts von dem Erbe gewusst hatte. Vielleicht wusste sie ja von Anfang an Bescheid, was in dem Testament stehen würde.

***

Völlig benommen verließ Iris das Büro von Mr Sanders. Die letzte halbe Stunde hatte erstaunliche Enthüllungen mit sich gebracht. Aus irgendeinem Grund hatte der ehemalige Duke ihr nicht nur eine finanzielle Zuwendung, sondern ein Vermögen hinterlassen. Berge von Geld, um genau zu sein. Sie hatte das Arbeitszimmer des Anwalts als Frau betreten, die sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt mit dem Handel seltener Bücher verdiente, es jedoch als reiche Erbin wieder verlassen.

Gewiss musste es sich um ein Missverständnis handeln. Sie wagte nicht zu hoffen, dass ihr Vermögen real sein könnte, denn dann wäre die Enttäuschung umso größer. Jeden Augenblick würde jemand sie kneifen und unsanft aus diesem Traum reißen.

Vorerst musste sie für eine Weile in London bleiben, während der freundliche Mr Sanders ihre Identität überprüfte. Zu diesem Zweck hatte sie ihm den Namen ihres Anwalts in Florenz genannt, dem Testamentsvollstrecker ihres Vaters und auch ihres Großvaters, sowie die Adresse ihres Familiensitzes, wo sie mit ihren Eltern und Großeltern gelebt hatte, bis sie einer nach dem anderen von ihr gegangen waren. Außerdem hatte sie Mr Sanders erklärt, warum ihr Vater den Mädchennamen seiner Frau, Borelli, verwendete, statt seines eigenen Namens, Barrington.

Nachdem sie das Anwaltsbüro verlassen hatte, nahm sie eine Droschke zum Britischen Museum. Dort angekommen, stand sie mehrere Augenblicke vor dem Montagu House und betrachtete es andächtig. An einer Seite schien angebaut zu werden, um das Gebäude zu vergrößern.

Üblicherweise ließen sich in Museumsnähe eine Reihe von Buchhandlungen finden. Sie spazierte die Straße entlang, wobei sie die Augen nach Unterkünften zur Kurzzeitmiete offen hielt.

Auf der Gilbert Street fand sie schließlich genau das, wonach sie suchte. Im Schaufenster eines kleinen Buchladens hing ein Schild, welches auf eine zu vermietende Wohnung im Obergeschoss hinwies. Sofort war sie von dem Charme des Geschäfts angetan, da es sie an ihr Zuhause in Florenz erinnerte, mit dem Schaufenster voller Bücher und dem Stockwerk darüber, in dem die Besitzer lebten.

Erinnerungen durchfluteten sie und füllten ihr Herz mit Wehmut. Sie stellte sich vor, wie sie durch die Tür ging und einen alten Mann vorfand, der trotz seiner weißen Haare nichts von seinem guten Aussehen verloren hatte. Er saß in einem bequemen Sessel und hatte ein offenes Buch auf dem Schoß. Neben ihm auf einem Holzstuhl, umringt von unzähligen Bücherstapeln, saß ein kleines Mädchen, das sich über die Armlehne des Sessels beugte und den Kopf an seine Schulter legte, während er ihr vorlas. Sein bezeichnender Duft aus Leder, Wein und Minze schien in ihrer Erinnerung lebendig zu werden. Sie schloss einen Moment lang die Augen, um in den Bildern und Gerüchen der Vergangenheit zu schwelgen, bevor sie sie wieder öffnete und auf die Eingangstür zuschritt.

Als sie das Geschäft betrat, schlug ihr die vertraute Mischung aus alten Büchern, Papier, Staub und Moder entgegen.

Eine Frau mit blasser Haut und roten Haaren trat zwischen den Regalen hervor. Ihr Gesicht war ebenso weich und füllig wie ihre Oberweite, und ihr Alter ließ sich nur schwer bestimmen. Sie hatte ihre Jugend hinter sich gelassen, besaß aber noch nicht die Gesetztheit und Würde einer Matrone. Sie begrüßte Iris mit einem starken, schottischen Akzent. Etwa dreißig, dachte diese. Ein paar Jahre älter als sie selbst.

„Suchen Sie nach was Praktischem oder Vergnüglichem?“

„Ich bin immer auf der Suche nach Vergnügen“, erwiderte Iris. „Sie haben hier eine hervorragende Auswahl.“ Ihr Blick wanderte zu einem Stapel Bücher nahe der Tür mit den unterschiedlichsten Einbänden. Schnell wurde ihr klar, dass dieses Geschäft sich auf alte Werke spezialisiert hatte. Unter den Titeln gab es wenige Neuveröffentlichungen, obwohl diese einen Ehrenplatz in einem hübschen, kleinen Schaukasten erhielten.

„Die wird’s nicht mehr lange geben“, erwiderte die Frau. „Der Laden gehörte meinem Onkel, und ich hab darüber nachgedacht, ihn weiterzuführen, aber ich glaube, es ist besser, wenn ich ihn verkaufe und zurück aufs Land ziehe. Diese Stadt ist nichts für Leute wie mich.“

„Das ist zu schade. Ich hatte gehofft, mir die Wohnräume anzusehen, die zu vermieten sind, aber das ist vermutlich keine so gute Idee. Wer weiß, was die neuen Besitzer damit vorhaben.“

„Was soll’n sie schon groß damit anstellen? Es ist eine Wohnstube. Nur ein Narr würde eine zahlende Mieterin rausschmeißen. Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen. Die Wohnung liegt im hinteren Teil des Hauses mit Blick auf den Garten. Sind die besten Zimmer im oberen Stockwerk.“

Da die Frau bereits auf halbem Weg die Treppe hinauf war, blieb Iris nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

„Hier wohne ich“, sagte sie und deutete auf eine Tür direkt neben dem Treppenabsatz. „Und das hier ist die Wohnung, die frei steht.“ Sie öffnete eine zweite Tür und trat hindurch.

Iris folgte ihr und fand sich in einem spärlich möblierten, aber gepflegten Wohnzimmer mit hoher Decke wieder. An einer Wand befanden sich zwei Fenster, die den Garten überblickten. Es gab ein separates Schlafgemach mit ähnlichem Ausblick.

„Die Matratze ist neu“, erklärte die Frau. „Und eine Straße weiter gibt es ein gutes Geschäft, falls Sie noch ein paar Möbel brauchen. Ein Tisch und ein paar Stühle könnten nichts schaden.“

Iris ging zurück ins Wohnzimmer und stellte sich vor, einen Winterabend in diesen Gemächern zu verbringen. „Zieht der Kamin richtig? Ich ertrage keinen Rauch im Zimmer.“

„Gab bisher nie ein Problem damit. Ich halte ihn sauber.“

In Gedanken konnte Iris den Tisch sowie den Polsterstuhl sehen, auf dem sie es sich mit einem Buch gemütlich machen würde. „Wie heißen Sie?“

„Bridget MacCallum. Mein Onkel hieß Liam MacCallum. Jeder hier auf der Straße kannte ihn. Er ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Wie viel kostet die Miete?“

„Zehn Schilling pro Monat. Dreizehn mit Verpflegung.“

„Da es keine Küche gibt, wäre es umständlich, die Räumlichkeiten ohne Verpflegung zu mieten.“

„Sie können die Küche im rückwärtigen Teil des Hauses benutzen, wenn Sie lieber für sich selbst kochen möchten.“

Iris schlüpfte an Bridget vorbei und verließ die Wohnung. „Wo kaufen Sie Ihre Bücher?“, fragte sie, während sie die Treppe hinunter zurück in den Laden gingen.

„Größtenteils über Auktionen. Ich bevorzuge diejenigen, die von privaten Sammlern abgehalten werden. Da sind die Preise besser als bei Auktionshäusern wie Christie’s.“

„Sie nehmen also regelmäßig an Auktionen teil? Kennen Sie die anderen Buchhändler, die ebenfalls bieten?“

„Wir kennen uns alle untereinander.“

Vor dem Schaufenster hielt Iris an und wandte sich Bridget zu. „Ich handle ebenfalls mit Büchern, hauptsächlich mit Raritäten. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Ich werde Ihnen acht Schilling pro Monat für die Unterkunft zahlen sowie zwei Schilling für die Verpflegung. Zudem werde ich Ihnen helfen, bei den Auktionen weniger für die Bücher zu bezahlen, wenn Sie mir im Gegenzug den gleichen Gefallen erweisen. Wenn wir es schlau genug anstellen, müssen Sie Ihr Geschäft vielleicht doch nicht verkaufen.“

Bridget bedachte sie mit einem argwöhnischen Blick. „An der Sache ist doch nichts Gesetzwidriges dran, oder? Mit dem gegenseitigen Helfen, meine ich.“

„Keineswegs. Die meisten in diesem Gewerbe tun dasselbe, direkt unter Ihrer Nase.“ Iris betrachtete den Stapel Bücher neben dem Eingang, bevor sie eines von weiter unten herauszog, das in sehr gutem Zustand war. „Sie sollten Einbände wie diesen besser zur Schau stellen. Es gibt Sammler, die weniger am Inhalt eines Werks interessiert sind als an dem Leder. Glauben Sie mir, wenn Sie dieses hier oben auf den Stapel legen, wird es innerhalb von ein bis zwei Tagen verkauft sein. Also, was sagen Sie zu meinem Vorschlag?“ Sie reichte Bridget das Buch.

Diese fuhr mit dem Ärmel über den staubigen Einband. „Wir können’s versuchen, wenn Sie gewillt sind, Ihre Mahlzeiten meinem Zeitplan anzupassen. Der Laden hat Vorrang.“

„Ich bin gerne bereit, hin und wieder zu kochen, wenn Sie damit einverstanden sind.“

„Das würde mir gefallen. Wann wollen Sie einziehen?“

„Noch heute Abend, wenn es Ihnen recht ist.“ Iris öffnete ihren Pompadour und holte zehn Schilling heraus. „Hier ist die Miete für den ersten Monat. Vermutlich werde ich ein paar Monate bleiben. Vielleicht verkaufen Sie ja erst, wenn ich wieder weg bin.“

Bridget nickte, und ihr rotes Haar glänzte im Sonnenlicht. Vor dem Schaufenster sah Iris die Fältchen auf ihrer blassen Haut, die ihr zuvor nicht aufgefallen waren. Fünfunddreißig kommt eher hin, dachte sie.

„Schon möglich. Wenn ich den Laden mit Ihrer Miete halten kann, würde ich durchaus gerne noch ein wenig hierbleiben.“

Iris verabschiedete sich und öffnete die Tür, hielt jedoch inne, bevor sie hinausging, und drehte sich noch einmal um. „Meine Geschäfte laufen privat ab. Ich werde meine Wohnung dazu nutzen, um mich mit meinen Verkäufern und Interessenten zu treffen, aber ich verspreche, dass Sie dadurch nicht gestört werden.“

Bridget musterte sie eindringlich. „Ihr Geschäft geht mich nichts an. Vor allem, wenn Sie zehn Schilling pro Monat zahlen und gelegentlich das Kochen übernehmen.“

„Dann haben wir eine Abmachung. Wir sehen uns heute Abend wieder. Ich freue mich darauf, über ihrem Laden zu wohnen. Zweifellos wird es sich ganz wie zu Hause anfühlen.“

***

Drei Tage später folgte Iris Bridget zu einem Gebäude auf der Dover Street. Darauf bedacht, Abstand zu halten, sahen sie einander weder an noch sprachen sie miteinander. Niemand würde vermuten, dass sie einander kannten.

Nachdem sie das Gebäude betreten hatten, wandte Iris sich nach links, während Bridget sich die Tische voller Bücher auf der rechten Seite vornahm. Iris erkannte auf einen Blick, dass ihre Vermieterin bei dieser Auktion weitaus erfolgreicher sein würde als sie selbst. Die zum Verkauf stehende Sammlung enthielt viele vorhersehbare Titel, die man in der Bibliothek eines respektablen Londoner Stadthauses erwarten würde. Die Einbände waren solide und ansehnlich, aber nicht gerade wertvoll.

Alles in allem war es jedoch eine so umfangreiche und angemessene Sammlung, dass sie sich fragte, warum keiner der größeren Buchhändler sie erworben und als Ganzes an einen neuen Haushalt weiterverkauft hatte. Wahrscheinlich erhofften die Erben dieses Hauses sich einen größeren Gewinn aus dem Verkauf der einzelnen Werke.

Daran zweifelte Iris jedoch stark. Vermutlich würden die Bücher, die nach der Auktion übrig blieben, gesammelt zu einem billigen Preis verhökert werden. Daran sollte sie Bridget erinnern. Da diese ein abwechslungsreiches Sortiment in ihrem Laden anbot, wäre eine bunt zusammengewürfelte, erschwingliche Sammlung wie bei dieser Auktion für sie von Vorteil.

Sie wandte sich von den größeren Tischen in der Mitte des Raumes ab und schlenderte zu den kleineren Auslagen an den Wänden hinüber. Hier fanden sich schlichtere, nicht in identisches Leder gebundene Bücher, die Bridget als praktische Literatur bezeichnete: Kochrezepte, Verhaltensratgeber und sogar Einführungen in die Landwirtschaft.

„Suchen Sie nach einem Ratgeber von älteren Damen mit Erfahrung?“, fragte plötzlich jemand neben ihr, und eine kräftige Hand griff nach einem kleinen, blauen Buch. „Wie wäre es mit dem hier? Benimmregeln für junge Damen. Die Gemahlin meines Cousins kennt die Autorin. Ich persönlich habe schon immer den Verdacht gehabt, dass es sich um meine Tante Agnes handelt.“

Als sie dem Mann neben sich einen schiefen Blick zuwarf, bemerkte sie dessen eleganten Gehrock und sein perfekt gebundenes Krawattentuch, bevor sie sein attraktives Profil studierte. Der Duke stach wie ein bunter Hund aus der Menge hervor, nicht zuletzt, weil er einen guten Kopf größer war als die meisten Anwesenden. Alles an ihm spiegelte seinen Status und seinen erhabenen Stammbaum wider.

„Ihre Tante schreibt gerne?“

„Keineswegs, aber sie liebt es, anderen unerwünschte Ratschläge zu erteilen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie beschlossen hätte, jungen Damen ihre Ansichten über angemessenes Verhalten aufzuzwängen.“

„Ich war stets davon überzeugt, diese Ratgeber seien von Frauen geschrieben worden, die sicherstellen wollten, dass nachfolgende Generationen ebenso wenig Spaß haben wie sie selbst in jungen Jahren.“

Während sie einander so nahe standen, nutzte sie die Gelegenheit, um dezent seinen Duft einzuatmen. Leder und Wolle, wie erwartet, aber darunter lag noch eine andere, leicht würzige Note, die ihm etwas Mysteriöses verlieh. Ob es an diesem Mann wohl eine verborgene, exotische Seite gab?

Sie setzte ihren Weg entlang der Tische an den Wänden fort, und er folgte ihr. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Bridget sie und ihren neuen Begleiter beobachtete.

„Sie erwähnten bei unserem Gespräch neulich nicht, dass Sie sich ebenfalls für Bücher interessieren“, sagte sie. „Warum haben Sie mir verschwiegen, dass wir etwas gemeinsam haben?“

„Hat nicht jeder ein gewisses Interesse an Büchern? Das erschien mir nicht sonderlich erwähnenswert.“

„Männer wie Sie mögen zum Vergnügen lesen, aber das ist nicht dasselbe wie Auktionen dieser Art zu besuchen.“

„Ich habe kurzfristig davon erfahren und beschlossen, vorbeizuschauen. Man sollte einen freien Nachmittag nicht vergeuden.“

„Und ich dachte, Sie wären gekommen, um nach mir zu suchen. Wie eingebildet von mir.“

„Warum sollte ich das tun?“

Sie blieb stehen und sah zu ihm auf. „Wir wissen beide, warum, aber wenn es Ihnen lieber ist, sich unwissend zu stellen, soll es mir recht sein.“

In einer der Ecken fand sie schließlich etwas von Interesse. Als hätte der Auktionator gewusst, dass niemand sie würde haben wollen, hatte er einige sehr alte Texte in fremden Sprachen im düstersten, abgelegensten Teil des Raumes ausgelegt. Entschlossen schob Iris sich die Zugbänder ihres Pompadours über die Schulter und begann, die schweren Wälzer zu durchforsten. Mit geübten Handgriffen schlug sie die Buchklappen auf, um auf dem Titelbild nach Erscheinungsjahr und Ort der Publikation zu suchen. Dabei bemühte sie sich, möglichst desinteressiert zu wirken.

Doch ihr hartnäckiger Begleiter ließ sich davon nicht täuschen. „Aha, Sie haben den verborgenen Schatz gefunden.“

„Wohl kaum. Diese Werke hier sind zwar interessant, aber keine Seltenheiten. Lassen Sie die Finger davon. Ich will nicht, dass jeder hier darauf aufmerksam wird.“

„Soll ich mich entfernen?“

„Vermeiden Sie es einfach, Aufmerksamkeit zu erregen, indem Sie versuchen, mir zu helfen. Geben Sie sich gelangweilt.“

„Nichts leichter als das.“ Er trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Es fehlte nur noch, dass er genervt seufzte. Vielleicht hätte er sich doch besser entfernen sollen. Nicht, dass sie das wirklich wollte. Die Gesellschaft eines gut aussehenden Mannes, insbesondere eines einflussreichen, war in der Regel immer angenehm.

Unter einem der Stapel stieß sie schließlich auf Gold. Sobald sie den Einband erblickte, wusste sie, dass dieses Buch die Mühe wert gewesen war. Es handelte sich um eine lateinische Abhandlung über Perspektive aus dem sechzehnten Jahrhundert. Wie es der Zufall wollte, suchte einer ihrer Freunde aus Lyon nach genau dieser Art von Text für seine Sammlung.

Unauffällig nahm sie das Werk genauer in Augenschein. Bis auf ein paar Stockflecken war es in einem guten Zustand.

„Das ist ein ziemlich beeindruckender Fund.“ Ihr Interesse hatte die Neugier des Dukes erregt, welcher erneut zu ihr getreten war und ihr über die Schulter blickte. Seine Nähe und sein warmer Atem jagten ihr ein Kribbeln über die Haut. „Die Bilder sind Kupferstiche, nicht wahr? Sie sind sehr scharf und dunkel, nicht so gräulich wie man es gewohnt ist.“

„Das bedeutet, sie wurden mit Platten gedruckt, die noch nicht oft benutzt wurden. Es handelt sich um einen Frühdruck.“

„Ist er etwas wert?“

„Etwas, ja.“ Mindestens vierzig Pfund. Nicht gerade ein Vermögen, aber doch eine ansehnliche Summe für ein Buch dieser Art. Mit vierzig Pfund würde sie gut ein halbes Jahr herumreisen können, wenn es nötig sein sollte.

Behutsam schob sie ihren Fund zurück unter den Stapel und trat beiseite, um sich in dem Auktionskatalog, den sie am Eingang erhalten hatte, neben dem Titel einen Vermerk zu machen.

„Kaufen Sie Ihre Bücher für gewöhnlich in England?“, fragte der Duke, während sie ihren Weg fortsetzten.

„Nein, für gewöhnlich verkaufe ich sie hier während meiner Aufenthalte. Allerdings werde ich wohl eine Weile in London bleiben müssen, solange Mr Sanders meine Identität überprüft. Wegen des Schriftverkehrs mit Florenz und wer weiß, was sonst noch, kann es einige Monate dauern, bis ich das Erbe erhalte. Sie hätten mich warnen können, dass es sich um eine enorme Summe handelt anstatt der paar tausend Pfund, die ich erwartet hatte. Als Mr Sanders mir die Einzelheiten nannte, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen.“

„Es ist ziemlich überwältigend, nicht wahr? Insgesamt gab es drei Erbinnen, denen der Großteil seines finanziellen Besitzes zufiel. Die anderen beiden haben zwar auch eine ansehnliche Summe erhalten, aber Ihr Anteil ist doppelt so groß.“ Einen Augenblick lang gingen sie schweigend nebeneinander her, bevor er hinzufügte: „Ich nehme an, meine Familie wird Sie kennenlernen wollen.“

„Warum denn das?“

„Um zu sehen, wem mein Onkel sein ganzes Geld vermacht hat. Tante Agnes wird Sie vermutlich zum Essen einladen, damit jeder Sie unhöflich anstarren und ausfragen kann.“

„Vielleicht sollte ich die Einladung dann besser ablehnen.“

„Das wäre vermutlich das Beste.“

„Es hat mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen, Euer Gnaden, aber ich werde wohl noch für die Auktion selbst hierbleiben. Zuerst muss ich mich jedoch kurz frisch machen. Diese Veranstaltungen ziehen sich in der Regel ewig hin und können ziemlich langweilig sein, daher verstehe ich, wenn Sie sich verabschieden möchten.“

„Nein, ich bleibe auch. Es interessiert mich zu erfahren, wie dieser ganze Prozess abläuft. Ich sichere uns Plätze, während ich auf Sie warte.“

Leise vor sich hin fluchend, begab Iris sich zum Gesellschaftszimmer der Damen, wo sie sich auf einer Bank niederließ und ein wenig ausruhte. Kurze Zeit später betrat Bridget den Raum und ließ sich auf dem anderen Ende der Bank nieder. Sie fächelte sich mit dem Auktionskatalog Luft zu, während sie die anderen Frauen beobachtete, die kamen und gingen und sich miteinander unterhielten.

„Ziemlich warm hier drin. Bei so vielen Gästen sollten sie die Fenster öffnen“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich denke, die Menge wird sich schnell auflösen“, erwiderte Iris. „Noch bevor sie die Restbestände in Bündel aufteilen. Die erhält man oft zu einem vernünftigen Preis. Da es sich bei dem Großteil der Käufer um Männer handelt, landen viele der praktischen Bücher für gewöhnlich in diesen Bündeln.“

„Sind Sie hier, um diese Bündel praktischer Literatur zu erwerben?“, fragte Bridget.

„Hauptsächlich, ja. Glauben Sie, ich sollte ein paar davon ergattern? Was wäre Ihrer Meinung nach ein guter Preis?“

„Nicht mehr als ein Pfund pro Bündel, vorausgesetzt, es enthält mindestens zehn Bücher.“

„Danke für den Ratschlag. Ich kenne mich nicht besonders gut mit dem Ablauf von Auktionen hier in London aus.“

Bridget fächerte sich weiterhin Luft zu. „Haben Sie nichts von besonderem Interesse gefunden? Ich muss zugeben, ich selbst finde die Auswahl recht gewöhnlich.“

„Oh, da gab es schon ein paar Exemplare, die mir gefallen haben.“ Sie öffnete ihren Katalog und hielt Bridget die Seite hin.

Diese nahm ihn an sich, während sie ihren eigenen zwischen ihnen auf der Bank ablegte. Nachdem sie die Auswahl überflogen hatte, schnappte sie sich ihren Pompadour und erhob sich. „Ich gehe besser wieder zurück, damit ich einen guten Platz ergattere. Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu plaudern.“

„Ebenfalls. Und bon chance.“

Iris wartete einige Minuten, bevor sie Bridgets Katalog an sich nahm und dieser aus dem Zimmer folgte. Im Auktionssaal angekommen, erspähte sie den Duke, der sich vorne in der dritten Reihe niedergelassen hatte. Sie wartete, bis er sie bemerkte, bevor sie einen Platz weiter hinten wählte. Innerhalb weniger Minuten hatte er sich zu ihr gesellt. Zu ihrem Unmut stellte sie fest, dass Bridget ziemlich weit vorne saß. Wie sollte sie von dort aus mitbekommen, wer Gebote abgab? Alles, was von Bedeutung war, spielte sich hinter ihrem Rücken ab.

„Warum haben Sie sich nicht zu mir gesetzt?“, fragte der Duke, der die Blicke sämtlicher Anwesenden um sie herum auf sich zog. Gütiger Himmel, der Mann würde ihr am Ende noch ihre Pläne durchkreuzen. Aber wie gab man einem Duke höflich zu verstehen, dass er sich besser entfernen sollte?

„Weil ich von hier aus das Geschehen beobachten kann“, flüsterte sie zurück. „Ich habe bereits drei Gentlemen ausmachen können, die unter einer Decke stecken.“ Sie deutete unauffällig auf die drei Männer. „Passen Sie gut auf. Keiner von ihnen wird bei einem Gebot des jeweils anderen mitgehen. Sie haben sich vorab darauf geeinigt, wer welches Bündel ersteigern wird. Nur ein Außenstehender könnte ihnen ihre Wahl streitig machen, muss dafür allerdings eine ordentliche Summe hinlegen.“

„Das klingt äußerst unsportlich. Geradezu illegal.“

„Soweit ich weiß, wird man nicht dafür verhaftet, nur weil man nicht auf ein Buch bietet.“

Sie hob die Hand, wann immer Bridgets ausgewählte Bündel angeboten wurden, und schaffte es, vier von ihnen zu ergattern. Anschließend standen die übrigen Einzelwerke zum Verkauf. Zu diesem Zeitpunkt verließen die meisten der Anwesenden den Saal, einschließlich der Käufer, die gemeinsame Sache machten. Nur der Mann neben ihr blieb hartnäckig sitzen.

„Sehen Sie, da ist das Buch, an dem Sie Interesse hatten!“, sagte er in viel zu lautem Tonfall.

„In der Tat.“

„Wollen Sie denn nicht darauf bieten?“

„Ich denke nicht.“

„Es ist in ausgezeichnetem Zustand. Wäre es nicht schade, es sich wegen ein paar Schilling entgehen zu lassen?“

„Ich habe es mir eben anders überlegt.“

„Die rothaarige Frau da vorne schnappt es sich praktisch für umsonst! Wissen Sie was, mir hat es auch gefallen. Ich werde darauf bieten und … Autsch!“

„Lassen Sie bloß die Hand unten“, zischte sie, während sie ihren Ellbogen zurückzog.

„Aber die andere Frau …“

Genau.“

Er starrte erst Bridget, dann wieder sie an. „Oooh.“

„Genau.“

Der Auktionator verkaufte die Perspektivenstudie für gerade mal siebzehn Schilling an Bridget. Iris beschloss, dass es an der Zeit war zu gehen. Der Duke folgte ihr in Richtung Ausgang und wartete, während sie ihre ersteigerten Bücher bezahlte und die Lieferung arrangierte. Anschließend verließ er gemeinsam mit ihr das Gebäude.

„Sie können ziemlich arglistig sein“, sagte er. „Das muss ich mir merken.“

„Es ging nicht um dieses spezifische Werk. Ich hätte es für denselben Preis ersteigern können“, erklärte sie. „Aber ich will nicht, dass die Buchverkäufer früher als nötig auf mich aufmerksam werden. Sobald sich herumspricht, worauf ich mich spezialisiere, werden sie mir zu jeder Auktion folgen und auf die Exemplare bieten, die ich erwerben möchte. Dann werden sie für mich unerschwinglich sein. Daher ist es in meinem besten Interesse, mich möglichst unauffällig zu verhalten.“

„Ich verstehe. Andererseits können Sie bereits in wenigen Monaten jedes Buch erwerben, das Ihnen gefällt, ungeachtet des Preises.“

Sein Kommentar ließ sie abrupt stehen bleiben. „Stimmt … Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Es ist eine Sache, ein Vermögen vermacht zu bekommen, aber eine ganz andere zu lernen, damit umzugehen. Vielleicht sollte ich einen dieser praktischen Ratgeber darüber schreiben: Wie man sich damit abfindet, eine Neureiche zu sein.“

Lachend verließen sie das Grundstück und steuerten auf die Straße zu. Iris war fasziniert von den Lachfältchen, die sich um seine Augen bildeten. Versonnen fragte sie sich, ob sich seine Gesichtszüge auf dem Gipfel der Lust an- oder entspannten, und ob sich das verruchte Funkeln in seinen dunklen Augen vertiefte.

Plötzlich spürte sie einen kräftigen Arm um ihre Taille, und im nächsten Moment wurde sie in weitem Bogen durch die Luft gewirbelt. Als sie wieder Boden unter den Füßen hatte, fand sie sich in den Armen des Dukes wieder, der sie an seinen eleganten Gehrock gepresst hielt, während sie um sich herum Schreie vernahm.

Als sie den Kopf in Richtung des Tumults drehte, sah sie gerade noch, wie eine Kutsche in halsbrecherischem Tempo die Straße hinunterschlingerte.

„Geht es Ihnen gut?“, hörte sie die tiefe, leise Stimme des Dukes an ihrem Ohr. Sie sah zu ihm auf und bemerkte den besorgten Ausdruck in seinen Augen. „Sie wären beinahe vor diese Kutsche gelaufen. Das Pferd muss durchgegangen sein. Ich habe weder einen Fahrer noch Passagiere gesehen.“

Er hielt sie noch immer fest in den Armen, und ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Iris spürte, wie sie zu zittern begann, als sie langsam begriff, wie ernst die Lage gewesen war. Wäre der Duke nicht bei ihr gewesen …

„Was für ein Glück, dass Sie spontan beschlossen haben, die Auktion zu besuchen“, murmelte sie.

„Das war nicht der einzige Grund, weshalb ich herkam“, erwiderte er. „Es sei denn, Sie möchten weiterhin so tun.“

Am Ende der Straße war es einigen Männern gelungen, das ausgerissene Pferd aufzuhalten. Der Kutscher rannte mit vor Sorge und Anstrengung hochrotem Gesicht an ihnen vorbei, um sich seine Equipage zurückzuholen. In diesem Moment trat Bridget aus dem Haus, ein großes, flaches Paket unter dem Arm tragend. Sie hielt inne und musterte Iris.

Diese löste sich hastig aus der Umarmung des Dukes. „Ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Wirklich. Aber nun, da die Gefahr gebannt ist, sorgen wir für wesentlich mehr Aufmerksamkeit als wir sollten.“

Er trat einen Schritt zurück. „Dann überlasse ich Sie und Ihre Partnerin besser Ihren Geschäften. Ich selbst habe auch noch einige, leider weitaus weniger spannende Angelegenheiten zu erledigen.“

Während er davonging, kam Bridget, mit dem Paket an die Brust gedrückt, die Stufen herunter. „Wer war das?“

„Der Duke of Hollinburgh.“

Sie lachte. „Von wegen!“

„Doch, das ist er.“

Bridget starrte sie neugierig an. „Ist ja nicht zu glauben“, murmelte sie. „Sie haben einen Duke als Liebhaber? Warum mieten Sie dann das Kabuff über meinem Laden?“

„Das, meine neue Freundin, ist eine lange Geschichte.“