Leseprobe Das verschlossene Herz des Earls

Prolog

Miss Prudence Anna Merriweather musste nicht des Geldes wegen heiraten. Das wurde mit jedem Detail ihrer Kleidung an diesem Abend deutlich, von den juwelenbesetzten Nadeln in ihrem goldgesträhnten dunkelbraunen Haar bis hin zu den eleganten Stickereien auf ihrem weißen Kleid und den Schuhen. Ihr Vater hätte sie ebenso gut auf einem Samtkissen platzieren und so den Mitgiftjägern des ton präsentieren können. Denn von ihr wurde erwartet, dass sie einen von ihnen heiratete.

Nicht des Geldes wegen. Nicht der Liebe wegen, obwohl ihr Vater ihre Mutter ganz öffentlich abgöttisch liebte. Nein. Ähnlich wie ihre ältere Schwester, Mrs Temperance Walters, an einen bekannten Geschäftsmann aus den Kreisen ihres Vaters verheiratet worden war, wurde von Prue erwartet, ihr Herz zu ignorieren und mit irgendeinem Mann, der bereit war, einer Erbin mit wenig hochrangigem Stammbaum einen Titel zu verschaffen, vor den Altar zu treten.

Es irritierte sie, dass etwas so Dauerhaftes wie eine Eheschließung lediglich als die Ausführung eines gewöhnlichen Geschäftsabschlusses betrachtet wurde. Eine solche arrangierte Ehe war für Prue unerträglich. Sie würde nie in der Lage sein, einen Gentleman zu respektieren, der allein des Geldes wegen eine Ehe einging. Hielten die Gentlemen, die den Damen nur aufgrund ihres Reichtums hinterherjagten, je inne und berücksichtigten die Vorlieben und Abneigungen einer Frau? Ihr war während der letzten Wochen eingeschärft worden, welche Qualitäten sie vor der Annahme eines Heiratsantrags zu beachten hatte. Es ging ausschließlich um die Beziehungen, den Titel und den Stammbaum eines Verehrers. Diese mussten das Gegenteil von ihren sein.

Sie rief sich die Anweisungen ihrer Mutter und ihrer unbeugsamen Tante in Erinnerung, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz.

Oh, aber ich will so viel mehr!

Prue würde sich nicht in einem solchen Ballsaal verlieben, während die Haie sie umkreisten. So betrachtete sie ihre Möchtegern-Verehrer mit ihren einwandfreien Manieren und den strahlend weißen Zähnen. Ihre Augen glichen denen von berechnenden Raubtieren, und sie hatte wenig Interesse an ihrer angeblich schmeichelhaften Aufmerksamkeit. Zwischen ihrem Debüt zwei Veranstaltungen zuvor und diesem Ball hatten sich die Informationen darüber, wie tief die Taschen ihres Vaters waren und wie viel er ihr hinterlassen würde, verbreitet. An diesem Abend hatte sie bereits einige Spekulationen über die Höhe ihrer Mitgift mitangehört. Es war beschämend. Sie konnte nicht zwei Schritte gehen, ohne dass irgendein Dandy ihren Weg kreuzte und ihr ein Getränk, eine Führung durch den Saal oder einen Tanz anbot. Aber keiner von ihnen blickte sie dabei direkt an. Sie schauten an ihr vorbei, suchten das Einverständnis ihrer Tante Beatrice – einer Baroness, die Prues Debüt gefördert hatte – und hängten sie sich an den Arm wie das hübsche Schmuckstück, das sie an diesem Abend zu sein hatte.

Mein Debüt hätte anders sein sollen als das hier.

Mit einem Seufzen verdrängte Prue die enttäuschten Gedanken. Nach Temperance’ arrangierter Heirat hätte sie wohl nichts anderes erwarten sollen. Und dennoch hatte sie es getan.

Wie durch ein Wunder war es ihr gelungen, den erstickenden Bemühungen der Männer und dem ablehnenden Verhalten der Frauen auszuweichen, und sie hatte einen friedlichen Moment allein in der Nähe einer halb geöffneten Tür zur Terrasse gefunden. Noch immer innerhalb des Saals, aber nah genug, dass die Luft ihren überhitzten Körper abkühlte, verbarg Prue sich hinter einem als Versteck nicht ganz ausreichenden Topffarn.

Ich bin siebzehn und kein Kind mehr. Ich sollte in der Lage sein, einen weiteren Abend zu ertragen.

Und wie viele danach noch?

Zu ihrer Linken befand sich eine Reihe von Stühlen, auf denen mehrere Anstandsdamen mit den unter ihrer Obhut stehenden Ladys auf ihre Möglichkeit auf einen Tanzpartner warteten. Unter ihnen war eine Frau in ihren frühen Zwanzigern mit feuerrotem Haar und entweder zu vielen Sommersprossen oder zu scharfer Zunge, um einen Gentleman anzulocken, der es mit ihr aufnehmen würde. Ein paar Ladys hatten sie flüsternd als Mauerblümchen bezeichnet, nur um sie zu verletzen. Diese Damen hatten hinter ihren Fächern getuschelt und gekichert, aber die rothaarige Lady hatte ihre Gemeinheiten unerschütterlich ignoriert. Prue hatte sich ihr den ganzen Abend schon vorstellen wollen in der Hoffnung, eine Person zu finden, die sich als genauso große Außenseiterin auf dieser Veranstaltung fühlte, wie sie es tat. Vielleicht war das ihre Gelegenheit.

Prue strich mit behandschuhten Händen ihr Kleid glatt und richtete ihre Frisur. Sie war nicht so schlank wie die meisten Mädchen in diesem Raum. Nicht dass das irgendeinen der Gentlemen, die ein Auge auf sie geworfen hatten, abgeschreckt hätte. Gerade als sie den Mut gefasst hatte, einen Schritt nach vorn zu treten und sich zu den Damen zu gesellen, die ihre Anwesenheit potenziell übergehen würden, trat er aus der Menge hervor.

Prues Herz geriet bedenklich ins Stocken, und ihr ganzer Körper errötete. Zu ihrem Entsetzen reagierte sie immer so, wenn sie einen Blick auf den Mann erhaschte. Natürlich wusste Prue, wer er war, auch wenn sie einander noch nicht vorgestellt worden waren. Jeder kannte den verheerend gut aussehenden und besonders heiratswürdigen Earl of Wycliffe. Sein schwarzes Haar fiel ihm in üppigen Locken in die Stirn, gerade weit genug, um seine Augenfarbe zu verdunkeln, aber sein schelmisches Lächeln und das Grübchen in seinem Kinn reichten bereits aus, um ihn unvergesslich zu machen. Die Art, wie seine Schultern seinen Abendmantel ausfüllten, war genug, um Prues Mund auszutrocknen.

Leider hatte er nicht zu den Männern gehört, die sich um sie geschart hatten. Ebenso wenig war sie an diesem Abend sein Ziel, wie sie feststellte, als er abbog und an ihr vorbeiging.

Stattdessen sprach er die junge Frau mit dem feuerroten Haar an, die seit ihrer Ankunft allein dort gesessen hatte. Bei seiner Annäherung, seiner wortgewandten Zunge und der Hand, die er nach ihr ausstreckte, erhellte sich das Gesicht der Frau.

Prue spürte, wie sich unterhalb ihres Brustbeines ein warmer Knoten löste. Lord Wycliffe hätte jede Frau im Saal von sich überzeugen können. Er konnte aus den Diamanten erster Güte wählen. Prue wusste jedoch, dass sie mit ihrem runden Gesicht und der leicht fülligen Figur nicht zu diesen Schönheiten zählte. Ein „Gentleman“ hatte ihr unverblümt ins Gesicht gesagt, dass ihn ihr Äußeres nicht gerade reizte, dass sie das aber mit ihrem Vermögen ausglich. Seine herablassende Art hatte sie schockiert. Ausnahmsweise hatte sie sich danach gesehnt, zu erfahren, dass ein Mann sie und nicht ihr Geld auf seinem Anwesen brauchte.

Prues Familie besaß vielleicht keinen Titel. Vermutlich war Prue trotz der Erziehung, die ihr Vater versucht hatte, ihr zukommen zu lassen, in Aussehen und Vornehmheit auch nicht vergleichbar mit den zierlichen englischen Schönheiten. Was jedoch das Geld anbelangte … Sie war die reichste Erbin im Saal.

Wenn der Earl of Wycliffe dich deines Geldes wegen wollte, würdest du ihn nicht wollen.

Als der betreffende Gentleman der feurigen jungen Frau den Arm bot, warf er Prue einen flüchtigen Blick zu. Von der Mitte des Ballsaals aus wurde sie von dem Topffarn und dem eleganten Säulengang, der das Parkett umrahmte, halb verdeckt. Aus Richtung der Stühle, auf denen die Anstandsdamen saßen, war sie vollständig zu sehen.

Sie spürte, wie sich sein Blick in ihre Haut einbrannte. Sie öffnete die Lippen. Ihre Finger schlossen sich um den Kopf ihres Fächers, wobei sich das Holz fast schmerzhaft durch ihre Handschuhe bohrte, und sie strengte sich an, ihr Gesicht zu verbergen. Nicht ein einziger Gentleman hatte ihr an diesem Abend mehr als nur einen oberflächlichen Blick zugeworfen, nicht einmal diejenigen, die um ihre Aufmerksamkeit konkurriert hatten. Aber Lord Wycliffe schaute sie an. Sie nahm an, dass er sich bemühte, dabei diskret zu bleiben, aber sein Blick wanderte von ihren kompliziert frisierten Locken bis hinunter zu ihren silbernen Tanzschuhen. Und er verweilte, so als könnte der Gentleman sich nicht helfen. Prue wurde sich ihres Körpers bewusst, ein Schauer überlief ihren Rücken, und tief in ihrem Magen rumorte es.

Prue versuchte sich abzuwenden. Stattdessen stand sie nur da und erwiderte hilflos seinen Blick. Seine Tanzpartnerin hatte sich mittlerweile erhoben, und dennoch lag seine Aufmerksamkeit noch immer auf Prue. Als die junge Frau das Wort ergriff, drehte er sich um. Die Verbindung brach ab, was Prue mit einem unerwartet beraubten Gefühl zurückließ. Auch wenn der Moment nur kurz angehalten hatte, hatte der Earl Prue wie ein völlig verzauberter Mann angestarrt. Plötzlich fiel ihr das Atmen schwer, und sie ging blind in Richtung der Terrasse und der kühleren Nachtluft dahinter. Der Himmel war bewölkt, und statt kühl zu sein, war die Luft nur schwer und drückend von der Sommerhitze, aber es war immer noch besser als das Gefühl, als Köder vor Tigern angebunden zu sein. Ohne nachzudenken, ging Prue an den Paaren, die sich auf der kleinen Terrasse aufhielten, vorbei. Ihre Schuhe klackerten auf den Steinstufen. Das Geräusch wich dem Knirschen von Kies, als sie den Gartenpfad erreichte. Er war gut beleuchtet. Die in regelmäßigen Abständen aufgestellten Laternen hatten gerade die ersten Insekten angelockt. Sie bog in einen Durchgang zwischen zwei hohen Hecken ab und fand eine Bank. Sie stand einer runden Blumenanpflanzung gegenüber. Sowohl die Zweige als auch die Blütenblätter waren sorgsam beschnitten und angeordnet, sodass kein Teil der Blumen über die als Umrandung dienenden Steine ragte. Das Beet war wunderschön und oberflächlich, wie alles, was sie an diesem Abend gesehen hatte.

Sie passte genau dazu.

„Da bist du ja!“

Beim Klang der Stimme ihrer älteren Schwester zuckte Prue zusammen. Sie presste sich die Hand auf die Brust und versuchte so, ihr schnell schlagendes Herz zu beruhigen. Vermutlich verkörperte Temperance das Bild von genau der erwachsenen Frau, zu der Prue werden sollte. Einen Hauch schlanker, einige Zentimeter größer, aber mit dem gleichen goldbraunen Haar, das sich nicht kräuseln ließ, egal wie lange man es frisierte, dem gleichen spitzen Kinn und der kessen Stupsnase. Prue besaß jedoch Grübchen, die ihrer Schwester fehlten – eine Tatsache, die sie Temperance nie vergessen lassen würde.

Gerade stand Prue aber nicht der Sinn nach Neckereien. Vor allem nicht, da ihre ältere Schwester so ausgelassen aussah. Mit Gelassenheit und Selbstsicherheit, um die Prue sie beneidete, schritt Temperance zu der Bank und setzte sich Hüfte an Hüfte neben Prue. Widerwillig rückte Prue ein Stück zur Seite, um ihr etwas mehr Platz zu machen.

„Hier draußen wird dir nie jemand einen Heiratsantrag machen.“

Prue seufzte. „Ich muss nicht einmal dort drinnen sein. Ich könnte mir genauso gut ein Plakat mit der Höhe meiner Mitgift vor das Gesicht halten. Die Männer beginnen sowohl mit mir als auch ohne mich damit, auf mich zu bieten.“

Unverdrossen streckte Temperance die Hand nach Prue aus und drückte ihre fest. „So schlimm ist es nicht.“

Sie klang so, als würde sie es glauben.

Prue schnaubte. „Ich glaube nicht, dass mich an diesem Abend ein Gentleman angesehen hat, außer um die Qualität meines Kleides oder meines Schmucks zu beurteilen. Ganz sicher hat keiner von ihnen daran gedacht, mich nach meiner Stimmung oder meiner Persönlichkeit zu fragen. Die Hälfte von ihnen fischt nach meinen Beziehungen zum ton und ist nicht zufrieden, ehe ich nicht Datum und Uhrzeit von Tante Beatrice’ Hochzeit nenne. Und Papa erwartet, dass ich einen von ihnen heirate? Oh, Temperance, ich will so viel mehr.“

„Deine Beliebtheit ist ein Segen.“

Daraufhin seufzte Prue. Dieses Mal war nicht einmal Temperance auf ihrer Seite.

Temperance beugte sich weit genug nach vorn, sodass sie ihre Schulter freundschaftlich gegen die von Prue stoßen konnte. „Es stimmt“, beharrte sie. „Es bedeutet, dass du eine Wahl hast. Es bedeutet, dass du mitreden darfst.“

Zum ersten Mal seit Monaten erinnerte Prue sich daran, wie verängstigt Temperance gewesen war, weil sie bei ihrer eigenen Heirat keine Wahl gehabt hatte. Obwohl sie damit gedroht hatte, war sie nicht davongelaufen, sondern hatte den Tag mit Anmut durchgestanden.

Mit sanfter Stimme flüsterte Prue: „Ich will keine arrangierte Ehe. Ganz sicher will ich nicht, dass ein Mann mich nur wegen meines Reichtums heiratet. Ich will der Liebe wegen heiraten. Wir müssen uns lieben. Ist es nicht das, worauf eine Verbindung – insbesondere eine so dauerhafte – beruhen sollte?“

Das Geständnis hing schwer zwischen ihnen in der Luft. Temperance brachte ein Lächeln hervor. „Es ist nicht alles schlecht. Es wird sich gut um dich gekümmert werden. Schließlich wirst du eine Lady mit einem richtigen Titel und all dem sein.“ Sie richtete eine Haarsträhne, die sich aus einer von Prues Haarnadeln gelöst hatte. „Du wirst das Juwel der Familie sein.“

„Mir wäre es lieber gewesen, wenn du es geworden wärst.“

Temperance ließ ihre Hand los. „Papa brauchte meine Heirat, um das Geschäft abzusichern, das dich zu der Erbin gemacht hat, die du nun bist. Rümpfe nun nicht die Nase über mein Opfer.“

Trotz des verdrießlichen Themas hob Temperance die Mundwinkel zu einem verschlagenen Lächeln und sprach mit schon fast spielerischer Stimme.

Prue blickte ihr direkt in die Augen. „Bist du glücklich?“

Vermutlich hätte sie ihr die Frage schon früher stellen sollen, aber sie hatte sich so sehr vor der Antwort gefürchtet.

Temperance wirkte nachdenklich, und dann legte sich ein unerwartetes, verträumtes Lächeln auf ihre Lippen. „Erstaunlicherweise … ja.“ Sie ließ das Wort über ihre Zunge gleiten, so als wäre sie schockiert, es laut ausgesprochen zu hören. „Ich habe Glück gehabt.“

Prues Kehle wurde wieder eng. „Mir könnte es anders ergehen.“

Temperance schüttelte den Kopf. „Ich weigere mich, das zu glauben. Du hast eine Wahl. Sag mir: Gibt es wirklich keinen Mann, der dir gefällt?“

Als Prue nicht antwortete, wurde Temperance noch deutlicher.

„Ich habe beobachtet, wie du dem Earl of Wycliffe den ganzen Abend lang verstohlene Blicke zugeworfen hast, Prue. Du kannst es genauso gut zugeben.“

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. War ihre Bewunderung so offensichtlich gewesen? Verlegenheit überschwemmte Prue, und ihre Wangen wurden ungewollt ganz heiß. „Er ist … gut aussehend.“

Wissend fragte ihre Schwester: „Nur gut aussehend?“

Um ihr Lächeln zu verbergen, biss Prue sich auf die Lippe. „Mehr als gut aussehend“, gab sie zu. „Auch freundlich. Er hat sich gerade zu einer Frau gesellt, die von allen Gentlemen heute Abend ignoriert wurde. Ich gebe zu, dass er mein Herz zum Rasen bringt. Aber er ist weder auf mich noch auf Tante Beatrice zugekommen.“

„Vielleicht solltest du dann auf ihn zugehen.“

Prue warf ihrer Schwester einen finsteren Blick zu. „Das ist nicht hilfreich. Du und ich kennen uns beide mit der Etikette des ton aus. Es gehört sich nicht.“

Temperance öffnete den Mund, aber Prue ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Wir streben nach etwas Höherem, als es in unserer Stellung angemessen wäre, allein dadurch, dass wir hier sind. Wir können nicht hoffen, uns auf eine Stufe mit einem Earl zu stellen. Vielleicht mit einem Baronet oder einem Baron, wenn wir Glück haben. Ich könnte den Erfolg von Tante Beatrice wiederholen.“

Temperance drehte den Kopf, und einen Augenblick lang glaubte Prue, sie würde etwas erwidern. Stattdessen stand sie auf, strich ihr Kleid glatt und bot Prue die Hand. „Ich denke, du solltest wohl am besten wieder zurückgehen.“

Prue wusste, dass ihre Schwester recht hatte, auch wenn sie sich nicht gerade auf einen weiteren unerträglichen Abend freute.

Sie nahm die Hand ihrer Schwester, und von dem Moment an war sie sich nicht mehr sicher, was genau passierte. Prue konnte bisweilen ein wenig ungeschickt sein, aber nie so sehr. Sie würde wohl nie wissen, wie sie gleichzeitig die Hand ihrer Schwester umklammern und über Temperance’ Fuß hatte stolpern können. Der erschütternde Schmerz in ihrem Knöchel und das wütende Pochen in ihren Knien, als sie auf dem Kies auftraf, waren jedoch Beweis genug. Ihr entfuhr ein leises Wimmern, und sie versuchte vergeblich, wieder aufzustehen. Das hier war eine Katastrophe.

Temperance sog schockiert die Luft ein und hockte sich neben sie. „Prue, geht es dir gut?“

Prue verzog das Gesicht. „Ja“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und griff erneut nach der Hand ihrer Schwester. Sie hatte keine Ahnung, welchen höllischen Unheilsbringer sie verärgert hatte, aber dieses Mal glitt ihre Hand ganz aus der von Temperance. Als Temperance blindlings nach ihr griff und sie dieses Mal an ihrem Ärmel zu fassen bekam, hörte Prue ein lautstarkes Zerreißen von Stoff.

Der plötzliche kalte Luftzug an ihrem Busen überraschte sie genug, um einen Blick nach unten zu werfen. Eine Naht ihres Mieders war quer über ihren gesamten Oberkörper aufgerissen, was dafür sorgte, dass nun Prues halbe Brust entblößt war. Sie saß dort mit offenem Mund und unfähig, sich zu einem Lachen durchzuringen. Und sie musste lachen, denn wenn sie nicht lachte, würde sie weinen.

Sie war nicht länger das begehrte Juwel. Angeschlagen und getrübt, zurückgelassen im Dreck. Sie könnte ebenso gut ruiniert worden sein. Was würden die Leute sagen, wenn sie sie so sehen würden?

Die Hände ihrer Schwester flogen an ihren Mund. „Bleib hier. Beweg dich nicht. Ich bin gleich zurück. Ich werde … ich werde deinen Mantel holen. Und Tante Beatrice. Bleib einfach hier, und dann gehen wir nach Hause.“

In diesem Moment wollte Prue nichts mehr als das. Sie nickte mit bebendem Kinn, und ihre Schwester eilte davon und ließ sie allein im Garten zurück.

Wenigstens war niemand in der Nähe, der diese erbärmliche Demütigung beobachtet hatte.

Das Knirschen von Schuhen auf dem Kies kam zu schnell, als dass Temperance hätte fortgehen und wieder zurückkehren können, aber Prue hob den Kopf dennoch.

Und blickte genau in die atemberaubenden dunkelbraunen Augen des Earls of Wycliffe.

***

Oscar sollte sich umdrehen. Er hatte einen anstrengenden Abend hinter sich, an dem er all die jungen Frauen mit nicht allzu bescheidenen Mitgiften hofiert hatte. Die meisten von ihnen stammten aus Familien mit Adelstiteln und kannten ihren Wert. Und vermutlich wussten sie sogar, wie verzweifelt er versuchte, seinen Grundbesitz zu erhalten, seit er ihn vor ein paar Jahren geerbt hatte. Er musste eine Erbin heiraten, und nun lag eine auf dem Boden zu seinen Füßen, und ihr Dekolleté war bereits halb entblößt.

Verdammter Mist.

Wenn sie doch nur nicht verfluchte siebzehn Jahre alt gewesen wäre. Siebzehn, vier Jahre jünger als seine jüngste Schwester, weshalb er sie nicht in Betracht ziehen konnte – sie nie in Betracht gezogen hatte. Sie sorgte dafür, dass er sich uralt fühlte. Egal wie umfangreich ihr Erbe war – wie sollte er eine so junge Braut heiraten? Er war neunundzwanzig Jahre alt!

Noch schlimmer war, wie wunderschön sie war. Hübsch auf eine schelmische Art mit dem leicht schiefen Mund und den Grübchen, die hin und wieder auf ihren Wangen erschienen, während sie die Komplimente ihrer hohlköpfigen Gefolgschaft entgegennahm. Er hasste sich für die kurzzeitige Anziehung, die er verspürt hatte – und noch mehr für die Welle der Anziehung, die er in diesem Moment verspürte. Sie ergoss sich mit einer erstaunlichen Kraft über ihn, und nachdem er scharf die Luft eingesogen hatte, wandte er den Blick von ihrer Schönheit ab. Und von ihrem prallen Dekolleté.

Schnell drehte sich Oscar mit dem Rücken zu ihr.

„Verzeihen Sie. Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.“

Das klang selbst in seinen Ohren wie eine schwache Ausrede. Ganz zu schweigen davon, dass sie auf dem Boden lag und ihr Kleid entzweigerissen war! Alle Gedanken an die Kurven, die von dem Kleid verdeckt wurden, verschwanden augenblicklich. Er hätte sich fast umgedreht, erinnerte sich aber an den Anblick, der ihn erwarten würde, wenn er es täte. Es wäre wohl besser, wenn er die Illusion der Sittsamkeit der jungen Frau bewahren würde.

„Sind Sie verletzt?“

„Nein“, erwiderte sie heiser. „Ich liege aus freien Stücken auf dem Boden.“

Zu seinem Entsetzen hörte er Tränen in ihrer Stimme. Oscar hatte nie gewusst, wie er mit weiblichen Tränen umgehen sollte, und seine Schwestern vergossen sie mit dem richtigen Maß an Theatralik ziemlich häufig.

Sie schniefte und sagte: „Oh, verdammt. Kann dieser Abend noch schlimmer werden?“

Und wie das Schicksal es wollte, setzte in diesem Moment der Regen ein.

Die junge Frau sog die Luft ein, als sie von den ersten Tropfen getroffen wurde. „Wirklich?“, fragte sie mit rauer Stimme.

Er schloss die Augen und stellte sich vor, sie hätte diese ungläubige Frage direkt in den Himmel gesandt. In welche Hölle war er nur unabsichtlich hineingeraten? Oscar wünschte, er wäre im Ballsaal geblieben. Und dennoch war er nun draußen und konnte sie nicht so zurücklassen. „Sind Sie in der Lage, zu gehen?“

Er hörte das Rascheln von Kleidung und dann ihre leise, dünne Stimme. „Ich denke nicht. Mein Knöchel schmerzt furchtbar und …“

Oscar fluchte leise. Mit schnellen Bewegungen entledigte er sich seines Jacketts und streckte es ihr entgegen. Er starrte in Richtung der Hecke über ihrem Kopf und wartete, bis sie das Jackett entgegennahm und es sich über die Schultern legte.

Mit schwacher Stimme flüsterte sie: „Vielen Dank, Mylord.“

„Sie dürfen mich Wycliffe nennen. Das tun die meisten meiner Freunde.“ Die meisten seiner Freunde waren die Männer, mit denen er sich in seinem Klub umgab. Dort sprachen sich alle gegenseitig mit ihren Titeln an, so als wären die Männer, die sie trugen, gar nicht mehr von Bedeutung. Selbst erwachsene Männer, mit denen er in Eton zur Schule gegangen war, nannten ihn nun Wycliffe anstatt Oscar. Aber es war ihm schließlich nicht möglich, sie zu bitten, ihn bei seinem Vornamen zu nennen. Auch wenn er die Antwort bereits kannte, fragte er: „Und Sie sind?“

„Prue.“

Ihre Wangen röteten sich, als sie realisierte, dass sie ihm ihren Vornamen und nicht ihren Familiennamen genannt hatte. Sie hob ihr eigensinniges Kinn. Sie nahm ihre Aussage nicht zurück. Der Regen wurde dichter, und ihr Kleid wurde nach und nach erschreckend durchsichtig. Zumindest bedeckte sein Jackett ihre Brust. Größtenteils.

„Darf ich Sie tragen, Miss?“ Er würde sie nicht Prue nennen, auch wenn ihn die Form ihrer Lippen beim Aussprechen des Wortes fasziniert hatte. „Sie können hier nicht bleiben.“

„Meine Schwester wird bald hier sein …“ Ihre Worte wurden immer leiser, und sie richtete das Gesicht gen Himmel, als der Regen noch stärker wurde.

Oscar unterdrückte ein Seufzen. Das Schicksal hatte sich gegen ihn verschworen. „Ihre Schwester wird es nicht ins Haus und mit Helfern wieder zu Ihnen zurückschaffen, bevor Sie bis auf die Haut durchnässt sind. Lassen Sie mich Sie zur Rückseite des Hauses tragen, damit Sie sich dort an einen trockenen Ort setzen können. Danach werde ich sie zu Ihnen bringen.“

Sie erwiderte seinen Blick nicht. Mit einer Hand umklammerte sie das Revers seines Jacketts, wandte das Gesicht ab und nickte. Er hob sie hoch und tat sein Bestes, ihrer Figur, die von ihrem Kleid nur spärlich verdeckt wurde, dabei wenig Beachtung zu schenken. Er versuchte sich abzulenken, indem er im Kopf alte Kinderreime aufsagte und den Kiefer zusammenpresste, und ging schnellen Schrittes in Richtung des Hauses.

Leider hatte er die Terrasse vergessen. Da ihm dieser spezielle Garten so unbekannt war, bestand seine einzige Möglichkeit, zum Haus zurückzugelangen, darin, denselben Weg zu nehmen, den er gekommen war. Das ermöglichte jedoch den beiden Frauen, die gerade aus der offenen Terrassentür heraustraten, eine klare Sicht auf sie. Prues Schwester und eine ältere Frau blieben abrupt stehen und sogen hörbar die Luft ein. Das Geräusch zog sich weiter durch die Menge hinter ihnen, was für noch mehr Aufmerksamkeit sorgte.

Die ältere Frau richtete sich so weit auf, wie es ihr bei ihrer bescheidenen Größe möglich war, und sagte scharf und in einem Tonfall, der so gebieterisch wie der einer Königin war: „Lord Wycliffe, was tut Ihr da mit meiner Nichte?“

Leider war ihre Stimme kräftig und gut hörbar. Und das durchaus bewusst. Das Funkeln in ihren Augen war berechnend, und aus irgendeinem Grund setzte sie auf seine Ehrenhaftigkeit. Prue drehte ihr Gesicht in Richtung seiner Schulter, aber dem Zittern ihres Körpers nach zu urteilen, waren ihr die Konsequenzen genauso schnell bewusst geworden wie ihm. Sein Ruf könnte vielleicht überleben – er war immerhin ein Earl –, aber ihrer war in genauso schlechtem Zustand wie ihr Kleid. Oscar kannte die Wahrheit. Würde er das arme Mädchen ruiniert zurücklassen, würde sie nur noch mehr an den Rand der vornehmen Gesellschaft gedrängt werden, als es ohnehin schon war. Das wäre jedoch wirklich unehrenhaft von ihm, und die alte Schachtel wartete nur darauf, dass dieser Gedanke sich in seinem Kopf ausbreitete. Diese Machenschaften derjenigen, die im matrimonialen Eifer gefangen waren, ärgerten ihn wirklich sehr. Es spielte für sie keine Rolle, dass die Ehe eine herrliche Verbindung erfüllt von Wohlbefinden und Respekt sein sollte. Oscar war verleitet, das entzückende Bündel in seinen Armen aufs Gesäß fallen zu lassen, fortzugehen und auf alles zu pfeifen.

„O Gott, ich bin ruiniert“, flüsterte sie eindeutig betroffen in seine Halsbeuge. „Bitte helft mir, zu erklären –“

„Schh“, brummte er, ohne das starke Verlangen, das in ihm aufstieg, zu verstehen. „Ich werde Sie beschützen.“

Sie zog ihr Gesicht von seinem Hals zurück und versuchte nach unten zu gleiten. „Ihr müsst mich nicht retten!“

Oscar verfestigte seinen Griff. „Denken Sie bitte an Ihren verletzten Knöchel, Miss.“

Er brauchte Geld, um seinen Grundbesitz in Ordnung zu bringen, und die Familie dieser Dame wollte sich ganz eindeutig einen Titel angeln. Eine beidseitig vorteilhafte Vereinbarung.

Mit entschlossener Stimme sagte er: „Vergeben Sie mir die Unanständigkeit, Madam. Ich hatte einen privaten Moment mit meiner Zukünftigen. Dabei ist sie gestürzt und hat sich den Knöchel verstaucht. Ich hatte keine Wahl, als sie zu tragen.“

Die Frau zog eine Augenbraue hoch und legte sich eine Hand auf die Brust. „Eure Zukünftige?“

Prues Schwester starrte ihn mit offenem Mund an. „Ihr werdet sie heiraten?“ Sie klang zugleich schockiert und begeistert.

Ohne auf die junge Frau in seinen Armen hinabzuschauen, die sich so anhörte, als würde sie ersticken, erwiderte Oscar: „Ja.“

Aber er sollte verflucht sein, wenn er das Mädchen berührte, bevor sie zur Frau geworden war, ob sie nun seine Ehefrau war oder nicht.

 

Drei Wochen später …

 

Sie war nicht länger Prue Merriweather, sondern Lady Prudence Campbell, Countess of Wycliffe. Das hatte der Pfarrer nur ein paar Stunden zuvor erklärt. Das Hochzeitsfrühstück war endlich vorbei, und die wenigen Gäste, die ihrer Eheschließung auf Gut Fairfax, dem Hauptanwesen des Earls in Hertfordshire, beigewohnt hatten, hatten sich wieder auf den Weg in ihre eigenen Häuser gemacht.

Prue war vor wenigen Minuten aus dem elegant dekorierten Speisesaal entkommen und saß nun auf einer Bank in den hübschen östlichen Gärten. Das Anwesen war größer als jedes Haus, das sie je gesehen hatte, und sie war nun seine Herrin. Sie verkrampfte sich vor Nervosität und presste sich eine behandschuhte Hand auf den Mund. Von ihr wurde erwartet, diesen gewaltigen Haushalt zu führen und sich zu bewähren. Dann würde sie dem Earl ziemlich schnell seinen Erben und Ersatzerben schenken müssen, wie es ihr die Dowager Countess am frühen Morgen geraten hatte. Für Prue stand fest, dass die Mutter ihres Ehemannes nicht mit ihr einverstanden war. Prues Verbindungen waren nicht das, was sie für ihre Familie erwartet hatte. Und trotzdem hatten die Dowager Countess und seine Schwestern Prue höflich in ihrer Familie willkommen geheißen.

Auch ihre Mutter hatte Prue vor einer Stunde zur Seite genommen und sie darüber informiert, dass es zwar beängstigend sein konnte, wenn sie in dieser Nacht ihre Pflicht erfüllen würde, dass es für sie jedoch auch angenehm werden konnte, wenn sie sich entspannte. Diese kryptische Nachricht hatte Prue verfolgt. Welche Pflicht musste sie erfüllen, die als beängstigend wahrgenommen werden konnte? Diese Frage hatte ihre Mama lediglich dazu gebracht, ihr Kinn zu heben und davonzugehen.

Ein Rascheln ertönte, und Prue wirbelte herum. Sie stieß scharf den Atem aus, als ihre Schwester in ihrem Blickfeld auftauchte. „Ich dachte, du wärst Wycliffe.“

Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob der Earl nach seiner neuen Braut suchen würde. Am Frühstückstisch hatte er ihr so gut wie keine Aufmerksamkeit geschenkt, und Prue wurde das Gefühl nicht los, dass er sie am Ende doch nur sehr ungern geheiratet hatte. Dieser verfluchte Mann. Sie hatte den Mut aufgebracht, ihm ein paar Tage nach ihrem Missgeschick im Garten einen Besuch in London abzustatten. Sie hatte ihn eindringlich gebeten, seine Entscheidung, sie zu heiraten, nur weil sie in Verruf geraten waren, noch einmal zu überdenken. Obwohl sie ihn sehr gut aussehend und anziehend fand, hatte sie eine genaue Vorstellung von dem Mann, den sie heiraten wollte. Es sollte ein Mann sein, der genau so für sie schwärmte wie sie für ihn, einer, der ihre Liebe für Poesie und das Theater teilte, einer, der gutmütig und umgänglich war.

Ihre Wangen brannten bei der Erinnerung daran, welche Gleichgültigkeit gepaart mit einem Hauch von Belustigung der Earl ihr entgegengebracht hatte, als sie ihm gestanden hatte, dass sie nur aus Liebe heiraten wollte.

„Liebe … wie naiv. Eine eheliche Verbindung hat nichts mit Liebe zu tun. Ihre beschränkten Ansichten und Ihr Verständnis davon, wie die Welt funktioniert, werden sich verändern, wenn Sie erwachsen werden. Sie sind noch immer grün hinter den Ohren, wenn Sie nicht verstehen, dass Ihr Ruf unwiederbringlich zerstört sein wird, sollten Sie die Verlobung zu diesem Zeitpunkt lösen. Unser Bündnis ist eines, das uns beiden zum Vorteil gereicht. Es besteht gewiss kein Grund für Ihr gekränktes Auftreten, so als würden Sie etwas verlieren, wenn Sie Countess werden!“

Die Erinnerung an diese Worte sorgte für ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Kehle. Er war eindeutig kein Mann, der an die Liebe glaubte. Ihre Familie hatte einen glanzvollen Titel gewollt und sie hatte ihn bekommen, aber welchen Vorteil hatte der Earl erlangt? Als Prue ihren Papa gefragt hatte, hatte er sie nur zum Schweigen gebracht und behauptet, dass es sich dabei um eine Angelegenheit für Männer handelte und sie ihren hübschen Kopf nicht mit dieser Sache belasten sollte. Und ihre Mutter hatte seine lächerlichen Behauptungen noch unterstützt.

„Warum versteckst du dich hier?“, fragte Temperance mit einem kurzen Stirnrunzeln und setzte sich auf die Bank.

„Ich verstecke mich nicht“, erwiderte Prue. „Ich atme durch.“

„Deine Gäste brechen auf, und du bist nicht an der Seite deines Ehemannes, um ihnen eine gute Fahrt zu wünschen.“

Prue seufzte. „Er hat gesagt, ich sehe ein wenig blass aus und solle mich zurückziehen. Ich nehme seinen Rat an.“

Ihre Schwester lächelte. „Ich glaube, dein Earl meinte, du solltest dich ins Schlafzimmer zurückziehen und dich für heute Nacht ausruhen.“

Heute Nacht? Prues Herz stolperte. Natürlich kannte ihre Schwester die Wahrheit darüber – auch sie war eine verheiratete Frau! „Mama hat erwähnt, dass diese Nacht beängstigend wird. Ich bin mir nicht sicher, warum sie das zu mir gesagt hat, Temp, aber ich fühle mich wirklich nicht wohl und bin sehr nervös. Was meint sie?“

Mit einer Handbewegung wischte Temperance Prues Worte fort. „Mama hat mir den gleichen Unsinn erzählt, und ich bitte dich inständig, ihre Worte zu vergessen. Es wird absolut nichts Furchterregendes geschehen.“ Trotz der ermutigenden Worte wirkte ihre Schwester besorgt.

„Da ist noch etwas, was du mir nicht sagst. Was ist es?“

Temperance blieb einige Sekunden lang still. Dann seufzte sie. „Es ist nur, dass du manchmal ein solches Mimöschen bist. Du fürchtest dich vor Schmerzen … und Blut und –“

Prue sprang auf, starrte ihre Schwester entsetzt an, taumelte dann aber zurück und nahm wieder auf der Steinbank Platz, weil sie befürchtete, ihre zitternden Beine würden sie nicht mehr tragen. „Es wird blutig? Mein Gott! Was plant er, mit mir anzustellen?“

„Es ist wirklich nicht so schlimm, wie du es dir vorstellst“, sagte Temperance und rutschte zu ihr herüber. „Bitte lass deiner Fantasie nicht freien Lauf.“

„Warum dann diese Geheimniskrämerei und die besorgniserregenden Warnungen?“ Prue strich sich eine lose Strähne hinters Ohr. „Du bist eine verheiratete Frau, Temperance. Bitte erzähl mir ganz genau, was die heutige Nacht für mich bereithält.“

Die Wangen ihrer Schwester begannen zu leuchten, und der Anblick fesselte Prue. Ihre Schwester war sehr selbstbewusst und unerschütterlich, und trotzdem errötete sie und schaffte es nicht, Prues Blick zu erwidern.

„Ich habe schon genug gesagt“, murmelte Temp.

„Ich denke, das hast du nicht! Du hast in mir größere Ängste ausgelöst als Mama!“ Prue hatte vor langer Zeit im Alter von sechs Jahren einen Unfall gehabt. Sie war von ihrem aufgeschreckten Pony gestürzt. Eine schreckliche klaffende Wunde an ihrem Bein hatte dafür gesorgt, dass sie viel Blut verloren hatte. Der Schmerz war qualvoll gewesen. Seitdem wurde sie schon beim bloßen Anblick von Blut ohnmächtig, und selbst der kleinste Schmerz war für sie unerträglich.

„Prue –“

„Bitte, Temperance“, flüsterte sie.

„Schließ die Augen.“

„Großer Gott, so grauenvoll kann es nicht sein. Alle verheirateten Frauen tun es, und sie laufen ziemlich lebendig herum.“

„Ich will nur nicht, dass du mein Gesicht und die fürchterliche Röte siehst!“

Prue musste tatsächlich lächeln, gab nach und schloss mit flatternden Lidern die Augen.

„Heute Nacht musst du dein Ehegelübde vollziehen, um wirklich verheiratet zu sein. Wenn es nicht vollzogen wird, bist du nicht … bist du nicht wirklich verheiratet.“

Prue biss sich auf die Unterlippe. „Ich verstehe. Und was beinhaltet dieser Vollzug?“

Temperance räusperte sich. „Der Earl wird in dein Schlafzimmer kommen, oder du gehst in seines. Das passiert, nachdem du ein Bad genommen und deine Haare gebürstet hast. Er wird dich aufs Bett legen und dein Nachthemd bis zu deiner Hüfte nach oben schieben.“

Prues Herz stolperte vor Entsetzen.

„Er wird eure Körper verbinden.“

„Was bedeutet das? Wie?“

„Du liebe Zeit, dies ist unerträglich“, murmelte Temperance. „Ich kann dir diesen Teil nicht im Detail erklären, aber wenn er es tut, wird es wehtun.“

Prue umklammerte die Kanten der Steinbank, bis ihre Fingerknöchel schmerzten. „Und bluten?“

„Ja, aber nicht stark.“

„Wie lange wird es dauern?“ Sie wappnete sich für die Antwort.

„Ich … Beim ersten Mal waren es nur ein paar Minuten.“

Prue riss die Augen auf. „Beim ersten Mal?“

Ihre Schwester wirkte so, als würde sie lieber Käfer essen, statt weiterzusprechen. „Es kommt darauf an, wie häufig dein Ehemann … dich zur Ausübung der ehelichen Verbindung in sein Bett holt. Ich verspreche dir, Prue, dass es nach dem ersten Mal wirklich angenehm wird. Und so werden Kinder gemacht.“

Oh! Sie glaubte ihrer Schwester nicht, dass diese eheliche Verbindung irgendwann angenehm werden würde. Und trotzdem wollte Prue nicht, dass der Earl sie für naiv oder närrisch hielt. Sie würde ihre Pflicht erfüllen, und sie würde es verdammt zufriedenstellend tun. Was sie betraf, würde es zu keiner Hysterie kommen. „Vielen Dank, dass du es mir erzählt hast“, sagte sie und beugte sich zu ihrer Schwester hinüber, um sie zu umarmen.

„Gern geschehen. Und nun versprich mir, dass du beim Anblick von Blut nicht in Ohnmacht fallen wirst.“

Prue schluckte die Übelkeit, die in ihr aufstieg, hinunter und antwortete: „Natürlich werde ich das nicht. Ich bin die Countess of Wycliffe und kein Kind mehr.“

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten länger, bevor Prue ins Haus und die Treppen nach oben ging, um sich auf ihren Ehemann vorzubereiten.

Mehrere Stunden später sah Prue ein, dass all ihre Vorbereitung vergebens gewesen war. Sie war in nach Rosen duftendem Wasser gebadet worden, und ihr waren die langen, dunkelbraunen Haare mit den goldenen Strähnen mit mehr als hundert Strichen gebürstet worden. Ihr Nachthemd war außerdem nicht aus der üblichen Baumwolle gemacht, sondern bestand aus hellblauer Seide, die mehr preisgab, als sie verdeckte. Als sie in dem ovalen Spiegel ihren Körper betrachtet hatte, hatten ihre dunkelgrünen Augen vor Nervosität und Erwartung geglitzert.

Sie erhob sich vom Bett, auf dem sie gesessen hatte, seit sie ihren Ehemann im Nebenraum gehört hatte, und schlich hinüber zur Verbindungstür. Temperance’ Worte hatten angedeutet, dass auch Prue diejenige sein könnte, die den Vollzug anstieß. Sie atmete einmal tief durch, öffnete die Tür, trat über die Schwelle und schloss die Tür schnell wieder hinter sich. Ihr Ehemann, der mit einem Glas in der Hand am Fenster stand, drehte sich eilig zu ihr um.

Ihre Kehle wurde trocken und in ihrem Bauch bildete sich eine fürchterliche Hitze. Er war nackt. Nun, zumindest waren es seine Schultern und sein Oberkörper. Prue war zu verängstigt, um den Blick zu senken und nachzusehen, ob er überall nackt war.

„Was tut Ihr hier?“

Verwirrung durchfuhr sie. „Ich bin hier, um unsere Gelübde zu vollziehen“, murmelte sie heiser.

In seinen Augen loderte Hitze auf, aber er beobachtete Prue nur mit diesem Blick wie ein Raubvogel. Was ging ihm durch den Kopf? Prue trat näher an ihn heran. Sie war dankbar, dass ihre Beine nicht zitterten und so ihre Unsicherheit verrieten. Sie stand nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt, inhalierte seinen sinnlichen, maskulinen Duft und spürte die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Sie bemerkte, dass seine Augen sich verdunkelt hatten und die goldbraunen Streifen, die normalerweise in seinen Iriden zu erkennen waren, vollkommen verschwunden waren. Seine langen Finger umschlossen ein Glas mit einer Flüssigkeit, die aussah wie Brandy, und an seiner Kehle zeichnete sich ein angestrengtes Schlucken ab.

Sie empfand seine Reaktion als merkwürdig, und ihr Körper antwortete auf ihr unerklärliche Weise darauf. Prue spürte überall Wärme, und ihr Herz flatterte unterhalb ihres Brustbeins. Nachdem sie tief in sich nach dem Mut dafür gegraben hatte, presste sie ihre Hände flach auf seine Brust. Er atmete scharf ein, und dann lag nur noch Stille im Schlafzimmer. Das heitere Knistern des Kamins verspottete die bedrohlich in der Luft liegende Spannung.

„Ich hatte geplant, damit zu warten“, sagte er fast schon unfreundlich. Dabei waren seine kantigen und sehr eleganten Wangen in einem leichten Rot gefärbt.

Ihr seid wirklich gut aussehend, nicht wahr, mein Ehemann?

„Warten?“

„Ja, bis … bis Ihr bereit seid.“

„Ich bin jetzt bereit.“ Sie bekräftigte ihre Aussage, indem sie mit der Hand zögerlich nach oben über die verhärtete Wand aus Muskeln glitt.

„Wisst Ihr überhaupt, was es genau bedeutet, wenn wir miteinander das Bett teilen?“

„Ja.“

Ein sanftes Ächzen entfuhr seinen Lippen, und er stellte sein Getränk klirrend auf dem Fenstersims ab.

Er machte einen einzigen Schritt auf sie zu, und nun standen sie ganz dicht beieinander, sodass ihre Körper sich berührten. Sie musste den Kopf leicht anheben, um seinen Gesichtsausdruck zu erkennen. Er war größer … stattlicher, und plötzlich fühlte sie sich von ihm umgeben. Und dennoch war es kein unangenehmes Gefühl. Tief in ihrem Bauch machte sich ein verwirrendes Flattern breit, und ihre Brüste fühlten sich auf einmal ganz schwer und ein wenig empfindlich an.

Er fuhr mit den Fingern durch die Längen ihrer Haare und stupste sie leicht an, sodass sie seinen Blick erwidern musste.

„Ihr seid nur ein Mädchen …“, begann er schroff, so als würde er mit irgendetwas zu kämpfen haben.

„Ich bin eine Frau!“ Prue machte einen tiefen, zittrigen Atemzug, denn es war äußerst wichtig, dass er sie als Frau betrachtete … als seine Ehefrau! Nicht als Mädchen, von dem er glaubte, es sei noch grün hinter den Ohren. „Eure Frau“, sagte sie mit instinktiver Provokation in der Stimme.

Er spannte die Finger in ihren Haaren noch mehr an und drehte sich gemeinsam mit ihr um, um sie dann gegen die Wand zu drücken. Etwas Hartes grub sich in ihren Bauch, und sie wusste, dass es das war, was er benutzen würde, um sich während des Vollzugs mit ihr zu verbinden. Ein langsames, qualvolles Ziehen durchströmte sie, und sie atmete scharf ein.

Prue befeuchtete mit der Zunge eilig ihre trockenen Lippen. „Ich …“ Ihre Kehle wurde eng. Was sollte sie sagen? „Ich bin bereit.“

Er stöhnte, bündelte ihre Haare in seiner Hand und drehte ihren Kopf. O Gott, er würde sie küssen … und sie dann ins Bett bringen, wo dieses unmöglich harte Ding, das sich in ihren Bauch drückte, sie Schmerzen spüren und bluten lassen würde. Und seine Augen – in ihnen leuchtete etwas auf, das sich schon fast wild anfühlte. In seinem Blick lag nichts Liebevolles. Er war einfach nur … nur … Sie wusste nicht, was er war, aber es berauschte sie. In ihrem Kopf begann es zu dröhnen, und ihr gesamter Körper zitterte vor Nervosität, Furcht und Erwartung. Zu Prues Entsetzen verdunkelte sich langsam ihre Sicht.

„O nein“, flüsterte sie, bevor sie der Dunkelheit erlag und in eine tiefe Ohnmacht fiel.

Kapitel eins

Drei Jahre später

Wenn Lady Prudence Campbell, Countess of Wycliffe, nicht zu mehr als einem Juwel im Haus ihres Ehemannes bestimmt war, dann würde sie zumindest alle anderen bei Weitem überstrahlen. Sie hatte zwei Jahre auf dem Land verbracht, hatte die Renovierungsarbeiten und das Umdekorieren seines Hauses beaufsichtigt und sich mit seinen Schwestern – alle älter als sie – angefreundet, bis eine nach der anderen nach London gegangen war. Dort hatten sie, obwohl sie beharrlich behauptet hatten, allein bleiben zu wollen, geeignete Partner gefunden und eigene Abenteuer erlebt. Mittlerweile war sie seit drei Jahren mit ihrem Earl verheiratet, und es hatte nicht einmal einen Kuss oder irgendeine andere Art von Spaß zwischen ihnen gegeben, die das bewiesen hätten. Das züchtige Küsschen, das er ihr am Tag ihrer Hochzeit gegeben hatte, zählte eindeutig nicht. Nach all den Hoffnungen und Träumen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, hatte sich die Wirklichkeit als große Enttäuschung herausgestellt.

Aber anstatt auf dem Land dahinzuschmachten, war Prue in die Stadt gekommen, um sich dort zu behaupten. In welche Frau auch immer er sich offenbar verliebt hatte – mit ihren Reizen konnte Prue eindeutig nicht mithalten. Sie war eben keine weltgewandte, erfahrene Dame. Auch wenn ihre Figur seit ihrer Heirat an Weiblichkeit gewonnen hatte, hatte ihr Kinn nie seine Kantigkeit verloren. Ohne ihre Freundinnen am Berkeley Square 48 hätte sie die Sache wohl schon längst verloren gegeben.

Aber die Ladys am Berkeley Square 48 gaben nicht so schnell auf, genauso wenig wie Prue. Vielleicht war sie bei ihrer Hochzeit jung und naiv gewesen, aber die in der Zwischenzeit vergangenen Jahre hatten sie gelehrt, wie man eine Ehefrau war und wie man einen so großen Haushalt zu führen hatte. Alles, was ihr noch blieb, war, sich im Leben ihres Mannes so unverzichtbar wie möglich zu machen. So würde er, selbst wenn er es versuchen würde, es nicht schaffen, sie zu vertreiben. Das war auch der Grund, aus dem sie sich entschieden hatte, ihren ersten Londoner Ball zu geben.

An diesem Abend hatte sie ein Kleid in leuchtenden Farben und mit einem gewagten Schnitt gewählt in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – die Aufmerksamkeit eines ganz bestimmten Mannes: Oscar George Campbell, Earl of Wycliffe. Dieser Mann war jedoch leider nur an ihrer Seite geblieben, bis er seine Pflicht beim Empfang der Gäste erfüllt hatte. In dem Moment, in dem der Raum sich mit Menschen gefüllt hatte, hatte er sich ganz plötzlich unausweichlichen Dingen am anderen Ende des Ballsaals widmen müssen.

Irgendetwas stimmte in ihrer Ehe nicht, und nicht nur sie hegte den Verdacht, dass er in der Stadt eine Geliebte hatte. Immerhin war er, abgesehen von ein paar zu kurzen Monaten in der Sommerpause des Parlaments, nicht nach Hause auf ihr Landanwesen gekommen. Seit sie sich während dieser Saison in der Stadt aufhielt, hatte sie ihr Äußerstes gegeben, um eine Verbindung zu ihm herzustellen, eine Art Freundschaft zu formen und einen Weg zu finden, ihre Ehe ansprechender zu gestalten als diese karge Landschaft, die sie gerade war.

Und dennoch hatte er mehr Zeit im Parlament oder im Klub verbracht als mit ihr. Ihre Unterhaltungen waren … langweilig. Schrecklich banal und ermüdend. Sie sprachen ausschließlich über Nebensächlichkeiten und plauderten höflich über das Wetter und darüber, den Besuch welcher gesellschaftlichen Veranstaltung sie planten. An diesem Abend würde sich das ändern. Wenn es ihr anfangs gelungen war, seine Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie als Juwel aufgetreten war – nun, dadurch und mithilfe des Zufalls –, würde sie es noch einmal tun.

Außer dass ihr Ehemann nicht auf sie zugekommen war, auch wenn sie ihn gelegentlich dabei erwischt hatte, wie er in ihre Richtung geschaut hatte. Schon bald würde der Walzer angesagt werden. Alle Anwesenden würden erwarten, dass sie als Gastgeber des Balls zusammen tanzten. Was, wenn er sie nicht zum Tanz aufforderte? Prue glaubte nicht, dass ihr Herz diese Demütigung ertragen würde.

Lady Theodosia, eine von Prues besten Freundinnen und die Frau, die in ihrem geheimen Damenklub am Berkeley Square 48 das Sagen hatte, legte eine Hand auf ihren Arm. „Du machst das großartig.“

Die Stimme ihrer Freundin war warm, und in ihrer Miene spiegelten sich Aufgeschlossenheit und Ermutigung wider. Prue fiel es leicht, Theo anzulächeln, auch wenn sie ihrem Zuspruch insgeheim nicht glauben konnte. Sie gab zu: „Ich bin ein wenig nervös. Ich habe alles geplant, aber –“

„Du hast keinen Grund, dir Sorgen zu machen. Alles wird wunderbar laufen.“

„Ich kann nicht glauben, dass so viele Leute gekommen sind“, sagte sie und lächelte breit. „Mein erster Ball ist ein Erfolg. Ich bin so froh, deine Herausforderung angenommen zu haben, Theo. Und du schuldest mir fünfzig Pfund, die ich an mein geliebtes Wohltätigkeitsprojekt spenden werde!“

Theo lächelte und wirkte so nur noch hübscher. „Ich wusste, dass es großartig werden würde. Du bist die Countess of Wycliffe. Es ist an der Zeit, dass der ton das auch erfährt. Und das gelingt nun mal am besten mit einem so aufwendigen Ball.“

„Es ist auch für meinen Lord an der Zeit, zu erkennen, dass ich seine Countess bin“, erwiderte Prue und bemühte sich, den flüchtigen Blick, den sie ihrem Ehemann zuwarf, nicht allzu offensichtlich wirken zu lassen.

Wie mächtig er doch erschien, während er die Menschenmenge betrachtete, und wie herrlich gut er doch dabei aussah. Sein Blick verweilte einen kurzen Augenblick lang auf ihr, und dann schaute er wieder weg. Es gab so viel, was sie Theo erzählen wollte, aber die Worte kamen einfach nicht.

„Seit seinem Eintreten hat er nicht aufgehört, dich anzustarren“, sagte Theo und lachte leise. „Das ist wohl das Glorreichste.“

Hatte er das? Sie wollte nachfragen, fürchtete dann jedoch, sie würde zugeben, dass ihr Mann sie noch nie geküsst oder Liebe mit ihr gemacht hatte. Noch nie. Vielleicht war das nicht der beste Zeitpunkt, all ihre Ängste vor ihrer Freundin darzulegen. Prue hatte jede Schlange eingeladen, die sie vor ihrer Hochzeit in Fetzen gerissen hätte. Sie hatte keinen Grund zur Annahme, dass ihre Meinungen über Prue sich geändert hatten, nur weil sie eine gute Partie gemacht hatte. Wenn nur ihre Schwester hier wäre. Aber Temperance war viel zu beschäftigt mit ihrem Neugeborenen, um so spät am Abend eine Veranstaltung zu besuchen.

Wenn der Earl seit ihrer überstürzten Heirat mehr getan hätte, als sie mit einer unbestimmten Art von Milde in den Augen anzuschauen, hätte Prue vielleicht mittlerweile auch schon ein Kind. Eine Welle der Sehnsucht überkam sie, und sie presste sich eine Hand auf den Bauch. Sie und ihre Schwester hätten diese Reise gemeinsam antreten können. Es wäre mehr wert gewesen als das Gefühl, sogar auf dem eigenen Ball nur am Rand zu stehen.

Vielleicht war es ein Segen, dass Theo an diesem Abend ein wenig abgelenkt war. Jede Sekunde, in der der erwartete Walzer näher rückte, verstärkte in Prue die Übelkeit. Sie unterhielten sich noch ein wenig länger, und dann bemerkte Prue zu ihrer Empörung, dass der Duke of Hartford, ein gut aussehender und absolut überheblicher Mann, mit unbeirrbarer Zielstrebigkeit auf sie zukam.

„Du liebe Zeit, es kommt jemand sehr Heiratswürdiges und ein wenig Böses auf uns zu.“

Prue hörte schockiert zu, als Theo den Grund zugab: Sie hatte Lady Perdita – einer jungen Dame, die sie alle mochten und bewunderten – kürzlich wegen dieses eingebildeten Tors verwehrt, weiterhin im Berkeley Square 48 zu verkehren. Und er war auch noch Perditas Bruder.

Das zwanzigköpfige Orchester erwachte zum Leben, als der Duke an Theo herantrat und sie um ihre Hand zum Tanz bat. Theo wirkte begeistert und ein wenig eingeschüchtert, als sie ihm gestattete, sie auf die Tanzfläche zu geleiten. Das hatte Prue nicht erwartet, dass Theo je von einem Gentleman so hingerissen sein würde

Nun, da die Aufmerksamkeit ihrer Freundin vollständig von dem arroganten Duke in Beschlag genommen wurde, war es Prue möglich, sich unbeobachtet von dem Geschwätz und Gedränge des Ballsaals in die kühle Frühlingsluft davonzustehlen.

Prue war häufig genug durch diese Gärten spaziert und kannte sie schon im Schlaf. Sie hatte Laternen aufstellen lassen für diejenigen, die zwischen den Hecken herumwandeln wollten. Dieser Ort war immer noch weit entfernt von der Herrlichkeit der Gärten auf Gut Fairfax, aber trotzdem ein kleiner Trost in London. In dem Moment, in dem Prue zwischen die Hecken trat, fühlte sie sich unsichtbar. Unbeobachtet. Die Anspannung, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie sie beherrscht hatte, fiel von ihren Schultern ab. Hier musste sie nicht so tun, als würden sie und ihr Mann eine perfekte Ehe führen. Hier konnte sie zugeben, wie kurz sie davorstand, in Stücke zu zerfallen.

Und trotzdem war es noch immer besser, sie würde die Fassung abseits des kleinen Weges verlieren. Nur eine Abzweigung vom Hauptweg entfernt befand sich eine leere Nische, die noch immer auf die Statue wartete, die Prue in Auftrag gegeben hatte. Sie war zu klein, als dass eine Bank hineingepasst hätte, aber groß genug, Prue in die Schatten zu hüllen und ihr den vorübergehenden Trost der Hecken zu schenken, an die sie sich mit dem Rücken anlehnte. Sie atmete den Duft der grünen Pflanzen ein, der den beißenden Gestank Londons fast zu verdrängen schien. Sie wünschte sich, die Sterne sehen zu können, die sie auf dem Land lieben gelernt hatte, schloss die Augen und stellte sich vor, sie wäre dort.

Aber wenn du dort wärst, wäre Oscar es nicht. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, im Hier und Jetzt zu bleiben.

Das Klackern von Schritten und entfernte Stimmen ließen ihren Atem flach werden. Sie blieb absolut regungslos stehen und wartete darauf, dass ihre Gäste auf dem Weg an ihr vorbeigingen. Stattdessen blieben sie stehen. Außer Sichtweite, aber nicht außer Hörweite.

„Komm schon, Wycliffe, du kannst nicht jeden Mann im Ballsaal anknurren“, erklang es von einer spöttischen Stimme.

Prue presste sich eine Hand auf den Mund, um beim Klang des Namens ihres Gatten ein Keuchen zu ersticken. Sie erkannte auch die Stimme des sprechenden Mannes. Ein enger Freund von Oscar, der Häufigkeit seiner Besuche im Haus nach zu urteilen: der Marquess of Trent.

„Ich knurre nicht“, entgegnete ihr Ehemann und stieß danach ein ganz eindeutiges Knurren aus.

Trent, ein immer sehr umgänglicher Kerl, lachte warm. „Du knurrst mich in diesem Moment an.“

Ihr Ehemann gab einen erstickten Laut von sich.

Trent fuhr fort: „Und das ist nicht das erste Mal in dieser Woche. Du hast die Hälfte der Parlamentsmitglieder aufs Korn genommen und dir mit diesem Gesetz, das du durchzudrücken versuchst, vielleicht sogar ein paar Feinde gemacht.“

Das Knirschen von Kies ertönte, so als würden die Männer ihren Weg fortsetzen. Als das Geräusch jedoch nicht leiser wurde, erkannte Prue, dass ihr Mann wohl auf und ab gehen musste. „Das Gesetz bedeutet verantwortungsbewusste Regierungsführung, und das weißt du auch. Was nützt uns das Geld, das sich in unseren Taschen stapelt, wenn die Leute, die unter unserer Obhut stehen, verhungern?“

„Das ist nicht der Grund für deine Gereiztheit. Und es ist auch eindeutig nicht der Grund dafür, dass du heute Abend so aussiehst, als würdest du jedem Mann, der deine Frau auch nur anschaut, gern ein blaues Auge verpassen.“

Eine unerwartete Erregung überkam Prue. Ihr Mann hatte sie an diesem Abend besitzgierig angesehen. Sie wartete atemlos darauf, dass er etwas erwiderte, aber er antwortete nicht.

Trent stieß ein tief aus der Kehle stammendes Geräusch aus. „Komm schon, Mann. Du musst eindeutig eine Frau besteigen. Wenn sich deine hübsche Ehefrau dir nicht fügt, warum nimmst du dann nicht die reizende Opernsängerin? Clarice hat schon seit Monaten ein Auge auf dich geworfen. Leider.“

Lieber Gott. Prue presste sich ihre Hand noch fester auf den Mund, damit ihr ihre Entrüstung und ihr Schmerz nicht entfuhren. Wie zwanglos Männer sich doch gegenseitig vorschlugen, andere Liebhaberinnen zu wählen, obwohl sie vor Gott ein Gelübde abgelegt hatten, sich ganz ihren Ehefrauen hinzugeben. Wo war ihre Ehre geblieben?

Ein tiefes Seufzen erklang. „Ich bin nicht an Clarice interessiert.“

„Du hast noch nie Interesse an einer Frau gezeigt, und genau das ist dein Problem. Nimm dir eine verdammte Geliebte.“

„Nein.“

Ihr Mann klang enttäuscht, und dieser Tonfall warf in ihr die Frage auf, ob sie sich eventuell geirrt hatte. Wenn er diese Opernsängerin nicht mit in sein Bett genommen hatte, wenn er nie eine Geliebte gehabt hatte, bedeutete das … dass er, genau wie sie, enthaltsam gewesen war. Prue presste die Hände gegeneinander, um sie vom Zittern abzuhalten. Um Himmels willen. Hatte sie seine Persönlichkeit und Ehre wirklich so falsch eingeschätzt? In ihrem Herzen breitete sich ein heftiges Ziehen aus. Sie hasste es, dass sie sich kaum kannten. Es war wirklich so absurd.

„Es wird erwartet. Niemand würde dich dafür verurteilen, Mann.“

„Mich erstaunt dein Bedürfnis, mich von einer Geliebten zu überzeugen, wenn ich doch kein Interesse habe.“

Trent antwortete etwas, das Prue nicht verstand. Danke, sagte sie im Stillen zu ihrem Gatten. Aber wie lange würde er es noch ohne Geliebte aushalten, wenn seine Freunde ihn anspornten, eine Affäre zu beginnen? Prue klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und biss zu, damit sie sich nicht bewegte.

Trent lachte erneut und sagte: „Clarice blickt nun schon seit Monaten in deine Richtung und wird keinen anderen Gönner akzeptieren. Sie mag ein Tiger sein, aber vertrau mir: Ein warmer und williger Tiger in deinem Bett ist deutlich besser als ein Kampf mit einer kratzbürstigen Ehefrau.“

Prue ballte die Hände zu Fäusten. Sie war nicht kratzbürstig! Sie war nichts als herzlich zu ihrem Mann. Tatsächlich sogar freiweg freundlich. Er war es, der die Distanz zwischen ihnen wahrte. Nicht sie.

Mit genau dem Knurren in der Stimme, dessen sein Freund ihn bezichtigt hatte, sagte Oscar: „Ich wäre dir dankbar, wenn du dir meine Frau weder in unserem Bett noch außerhalb davon vorstellen würdest, Trent. Ich werde nicht zögern, dir die Zähne auszuschlagen!“

Bei der beschützenden Art, in der ihr Mann gesprochen hatte, machte Prues Herz einen Satz.

„Ach, hör schon auf, Mann. Ich versuche nur zu helfen. Je mehr du mit dem Fuß aufstampfst, desto mehr Feinde machst du dir und desto schwerer wird es für dich, deine sentimentalen Gesetzesentwürfe durchzudrücken. Atme einmal tief durch. Rauch eine Zigarre. Lass uns zurückgehen, bevor deine Frau bemerkt, dass du mit mir verschwunden bist.“

Prue hörte das Rascheln von Kleidung und das Knarzen von Scharnieren. Nur einen Augenblick später erfüllte der bittere Geruch von Zigarrenrauch die Luft.

„Besser?“, fragte Trent. Er klang belustigt.

Ihr Gatte knurrte. „Du hast recht. Wir sollten zurückgehen, bevor der abendliche Walzer angesagt wird.“

Prue wartete, bis die Schritte verklungen waren, bevor sie aus der Nische heraustrat. Sie atmete mehrmals tief durch, um sich zu fangen und den Gefühlsstrudel, der noch immer versuchte, sie zu überschwemmen, zu verdrängen. Dazu gehörten Wut, Erschütterung – und Hoffnung.

Da ihr Ehemann in all den Jahren nie in ihr Bett gekommen war, hatte sie erwartet, er hätte sich eine Geliebte gesucht. Vielleicht eine Frau, die ihm mehr bedeutete, als sie es tat. Sie hatte tatsächlich sogar schon zu glauben begonnen, er müsste große Zuneigung zu einer anderen verspüren und nur seine Ehre hätte ihn gedrängt, stattdessen Prue zu heiraten. Nichts von dem, was sie gehört hatte, machte es wahrscheinlich, dass ihre Vermutungen der Wahrheit entsprachen.

Zumindest noch nicht.

Vielleicht hatte sie noch immer die Möglichkeit, ihre Ehe in Ordnung zu bringen, ohne dabei mit einer anderen Frau um seine Liebe und Zuneigung kämpfen zu müssen. Das war ihre meistgefürchtete Sorge gewesen. Dass Oscar in seinem Herzen keinen Platz für sie hatte, weil all der Platz bereits von einer anderen Frau besetzt wurde. Auch wenn er diese Phantomfrau in Wahrheit gar nicht liebte.

Wie dumm ich doch war.

Prue lächelte und schlang die Arme fest um ihren Körper. Was auch immer ihr Plan gewesen war – an diesem Abend würde sie ihn nicht umsetzen können. Sie würde ohne Fehl und Tadel sein müssen, und deshalb zupfte sie am tiefen Halsausschnitt ihres Kleides herum. Als sie sich wieder gelassen genug fühlte, kehrte sie zu ihrer Rolle als Gastgeberin zurück. Prue trat genau in dem Moment in den Ballsaal, in dem der abendliche Walzer angesagt wurde.

In ihrem Magen rumorte es. Sie hätte sich noch einen oder zwei Augenblicke länger im Garten verstecken sollen. Als die Gäste sich auf der Suche nach ihren Tanzpartnern wie Ameisen zerstreuten, blieb Prue einfach stehen. Sie wäre über alle Maßen beschämt, wenn ihr Gatte diesen Walzer nicht mit ihr tanzen würde, so wie alle es erwarteten. Das würde negative Spekulationen über den Zustand ihrer Ehe hervorrufen. Der verflixte Mann war nirgendwo zu sehen. Eine Wand der Emotionen baute sich um sie herum auf. Sie fühlte sich, als würde sie im Auge des Sturms stehen.

Und dann trat er aus der Menge hervor. Oscar, ihr Ehemann. Der Mann, der ihren Gedanken nie wirklich fernblieb, auch wenn sie sich selbst als naiv und dümmlich schalt. Vielleicht blieb ihr nicht die Chance auf eine so liebevolle Ehe, wie ihre Eltern sie führten, aber sie war weiterhin in der Lage, etwas zwischen ihnen zu retten.

Besonders, da sie bemerkte, dass er nicht vorhatte, an ihr vorbeizugehen, sondern direkt auf sie zukam. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Sein Haar fiel ihm noch immer ein wenig wüst in die Augen, so als würde er sich dahinter verstecken wollen. Aber mittlerweile kannte sie die Form und Farbe dieser Augen. Nun spürte sie seine Blicke, auch wenn ein ganzer Ballsaal zwischen ihnen lag.

Er blieb eine Armlänge von ihr entfernt stehen und bot ihr den Arm. „Ich hoffe, Ihr habt diesen Tanz für mich reserviert.“

Seine Stimme war rau, aber in ihr lag nicht dieses Knurren, das Prue im Garten gehört hatte. Sie leckte sich über die Lippen, und in ihr breitete sich Triumph aus, als sie bemerkte, dass sein Blick hinunter zu ihrem Mund gewandert war. Prue ließ ihre Hand in seine gleiten. Sie trugen beide Handschuhe, und trotzdem war die Berührung so heiß, dass sie sie durch die Seide hindurch spürte. Sie wollte etwas Niveauvolles sagen, etwas Verführerisches und Verlockendes.

Stattdessen war alles, was ihr entfuhr: „Ihr wisst, dass ich Euch gehöre.“ O nein, ich hätte etwas anderes sagen sollen!

Er schloss die Finger fester um ihre, bevor er sie auf die Tanzfläche führte. Sie fanden einen Platz in der Mitte, und obwohl sich die anderen um sie herum bereits in Positur gestellt hatten, konnte Prue nicht anders, als sich so zu fühlen, als wären sie allein in ihrer ganz eigenen Welt. Erstaunt stellte sie fest, dass dies ihr erster gemeinsamer Tanz sein würde. Der Gedanke brachte ihre Finger zum Zittern, als sie sie auf seinen Arm legte. Der Druck seiner Handfläche an ihrem Rücken sorgte dafür, dass sie sich danach sehnte, näher an ihn heranzutreten. Sie waren jedoch nicht allein. Sie befanden sich in einem Saal voller Menschen, und die meisten von ihnen suchten nach irgendeinem Anzeichen für einen Fehltritt oder einen Skandal. Prue bemühte sich verzweifelt, die Fassung zu bewahren, als die Musik zu spielen begann. Sie und Oscar bewegten sich gemeinsam, als hätten sie so schon während ihrer gesamten Ehe miteinander getanzt. Als hätten sie sogar noch enger getanzt.

Als Prues Wangen zu brennen anfingen und damit die Sehnsucht in anderen Teilen ihres Körpers widerspiegelten, wurde sie von dem Gedanken ereilt, wie sehr sie ihren Ehemann doch immer noch wollte.

Wenn er irgendeine Frau mit in sein Bett nahm, wollte Prue, dass sie es war … und nur sie.