Leseprobe Das kalte Herz des Dukes

Kapitel 1

Yorkshire, England

1795

Edward Andrew Richard Stanhope, sechzehnter Duke of Thornfield, tat stets das Richtige, selbst wenn das nicht der leichte Weg war.

Als also einer seiner Gäste, eine junge Frau, an deren Namen er sich nicht erinnerte, aus ihrem Damensattel kippte und in den Graben am Feld zu stürzen drohte, trieb Edward seinen Hengst an und sprang aus dem Sattel, um sie aufzufangen, ehe sie sich das Genick brechen konnte.

Leider glitt sie ihm durch die behandschuhten Hände und schon hatte die Schwerkraft sie beide in ihrem Griff. Sie landeten im Schlamm einer erstaunlich tiefen Pfütze von fragwürdiger Herkunft. Allgemeine Ausrufe des Schreckens und der Besorgnis erhoben sich vom Rest der berittenen Gruppe, doch kein einziger Lord, keine einzige Lady eilte ihnen zu Hilfe. Nein, sie beobachteten in vornehmem Entsetzen, wie sich Edward und die junge Lady im Schlamm suhlten und versuchten, wieder auf die Füße zu kommen. Abgesehen von ihm waren sich offensichtlich alle zu gut für solch eine ritterliche Rettung.

Sehr pragmatisch, das musste er ihnen zugestehen, wenn auch nicht galant.

Da er keinen anderen Halt fand, war Edward gezwungen, sie festhalten, auf dass sie nicht bis in alle Ewigkeit ausrutschen würden.

Als er sie in einem sicheren Griff hatte, blickte die junge Frau mit großen, braunen Augen zu ihm herauf, während ihr das nasse Haar an den blassen Wangen klebte.

„Geht es Euch gut?“, fragte er eindringlich. „Habt Ihr Euch verletzt?“

„Nein.“ Ihre Stimme klang leicht und sanft. Sie schaute ihn mit einem Aufschlag ihrer langen, blonden Wimpern an und zwinkerte. „Oh, Euer Gnaden, Ihr habt mich gerettet.“

Edward starrte sie an und versuchte, ihre Mimik zu deuten. Was meinte sie?

Er dachte noch einmal über ihre Worte und ihr Zwinkern nach. Das Zwinkern bedeutete, dass sie schäkerte. Das hatte er schon vor einer Weile verstanden und sich gut gemerkt. Damen zwinkerten ihm zu, wenn sie seine Aufmerksamkeit erregen wollten – oder genauer gesagt, die Aufmerksamkeit eines unverheirateten Dukes.

Langsam dämmerte ihm die Erkenntnis.

Edward wollte laut ächzen, ob der Dreistigkeit dieser jungen Lady. Er verkniff es sich. Doch innerlich regte er sich über solcherlei Mätzchen zielstrebiger Debütantinnen auf.

Er neigte nicht dazu, fremde Menschen als schlecht einzuschätzen. Nein, er wollte glauben, dass Menschen im Allgemeinen nicht manipulativ waren. Doch so, wie sie ihn nun ansah und ihm plötzlich die Hände um den Hals legte, als würde sie ihn nie wieder loslassen wollen, regte sich in Edward der ernste Verdacht, sie würde darauf hoffen, die nächste Duchess of Thornfield zu werden.

Tatsächlich klammerte sie sich so fest an ihn, dass er sich fragte, ob sie glaubte, dass die Berührung allein schon neun Zehntel des Weges darstellte. Als könnte sie den Titel erreichen, wenn sie sich nur lange genug an ihm festhielt.

Da irrte sie natürlich.

Er hatte kein Interesse daran, ein junges Gänschen zu heiraten, das sich nicht im Sattel halten konnte. Wobei er mittlerweile bezweifelte, dass sie aus Versehen vom Pferd gefallen war. Er blickte noch einmal in das Gesicht, das viele wohl als attraktiv bezeichnen würden. Doch gutes Aussehen machte eine Frau nicht automatisch zu einer guten Duchess.

„Freut mich, dass es Euch gutgeht.“ Mit seinen durchweichten Handschuhen versuchte er, sich aus ihren Fängen zu befreien. „Bitte lasst mich los, damit wir aus diesem nasskalten Loch herauskommen.“

„Oh, Euer Gnaden, natürlich!“ Sie lockerte ihre Umarmung, hob sich dann aber eine zitternde Hand an die Stirn. Ihre Augenlider flatterten. „Mir ist so schwindelig“, flüsterte sie theatralisch.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu, dann setzte er einen neutralen Gesichtsausdruck auf, während er gegen seinen überraschend starken Ärger ankämpfte. Er fiel für gewöhnlich nicht in Ohnmacht, weder echt noch gespielt. „Ich werde Euch aus diesem Graben heraushelfen, aber mehr nicht.“

„Könntet Ihr mich denn nicht zur Burg tragen?“, hakte sie nach. Ihre Stimme klang immer noch sanft, beinahe gehaucht, was ihn verblüffte.

Er saß da, zwischen den Tälern, die er so liebte, in einer guten Handbreit Yorkshire-Regenwasser und fror. Seine Kniehose war nass. Sein Mantel völlig durchgeweicht. Zu allem Übel war er noch mit Schlamm bedeckt, und sie auch. Sie sahen beide schrecklich aus; er sollte ihr wohl etwas mehr Hilfe anbieten. Doch das musste ja nicht bedeuten, dass er es sein musste, der sie tragen würde.

Ein forscher Nordwind blies durch das Tal, ließ die unglaublich saubere Kleidung seiner Gäste flattern und Edward noch stärker frieren.

„Ich werde meinen Männern auftragen, Euch zum Haus zurückzubringen.“ Er biss die Zähne zusammen, um nichts zu sagen, das er später bereuen oder das seinen Ruf als eiskalten Mistkerl bestärken würde. Es hatte über die Jahre eine Menge Übung gebraucht, um nicht mehr jeden Gedanken gleich auszusprechen, der ihm in den Kopf kam. Im Augenblick unterzog er all sein Training einer ernsten Prüfung. „Wir können gewiss Eure Mutter ausfindig machen, damit sie sich um Euch kümmert.“

„Oh, aber Euer Gnaden. Ihr seid mein Held und müsst mir gestatten, Euch angemessen zu danken.“ Die junge Dame lehnte sich vor und besaß die recht schockierende Verwegenheit, seinen Arm zu berühren. „Kommt mit mir.“

Edward musterte die Hand auf seinem Unterarm. Er mochte es nicht, ohne seine Zustimmung von Fremden angefasst zu werden, auch wenn es nur eine leichte Berührung war. Er hob eine Augenbraue und sagte, ehe er es sich verkneifen konnte: „Ihr seht aus wie ein begossener Pudel.“

Ein leichter Schrei des Entsetzens kam ihr über die geschwungenen Lippen, die ihn in ihrer Form an Armors Bogen erinnerten.

Sie war es eindeutig nicht gewohnt, dass man ihr so unverblümt die Wahrheit sagte. Er hoffte nur, ihr würde jemand erklären, dass man sich nicht in Gräben warf, um die Aufmerksamkeit eines Dukes zu erringen.

Er hatte ihr geholfen, selbstverständlich, weil er eben nicht der eiskalte Mistkerl war, für den ihn alle hielten, doch eine solche Farce war nicht der Weg zum Ehegelübde. Zumindest nicht für ihn.

Edward half ihr auf, wobei das Wasser aus den schweren Röcken ihrer Reitkleidung strömte. Er führte sie vorsichtig zu seinem Lakaien. „Bringen Sie die junge Dame zum Haus zurück, Hobbs. Sorgen Sie dafür, dass sie sich abtrocknen kann und ihre Familie aufgetrieben wird.“

Sie gab mehrere Protestlaute von sich, doch Edward ignorierte sie alle, entfernte sich und griff nach dem Zaumzeug seines Hengstes, den er zurückgelassen hatte, um sie zu retten.

Ja, zu retten.

Solche Machenschaften kamen unangenehm häufig vor.

Es gehörte wohl zum Leben eines Dukes dazu. Man stopfte ihm Taschentücher in den Gehrock, stürzte in Gräben und trieb ihn in Raumecken in die Enge. Wer konnte schon wissen, was man sich als Nächstes einfallen lassen würde?

Als er vortrat, verspürte er einen alarmierenden Luftzug und zuckte zusammen. Verdammter Mist. Seine Kniehose war an einer höchst indiskreten Stelle gerissen. Edward hielt sich den Stoff seines langen Reitmantels vor die Beine, um zu verhindern, dass das halbe Land seine Genitalien zu Gesicht bekam.

Weg hier. Er musste verschwinden.

Er schwang sich rasch wieder auf seinen Hengst und galoppierte in Richtung der Ställe, ohne noch ein Wort an den Rest der Gruppe zu richten. Er hatte wirklich kein Verlangen, in dieser Manier weiterzumachen; nicht nach einem solchen Zwischenfall. Und bald würden sich alle für den Ball versammeln – er musste sich waschen und umziehen.

Edward war erleichtert, allein zu sein, als er zu den Stallungen zurückritt, wo er Ersatzkleidung finden würde, auch wenn ihm nichts davon passen dürfte. Er war deutlich größer als all seine Stallknechte, doch es würde genügen müssen, bis er nach oben zu seinen Gemächern gelangte und sich richtig umziehen konnte.

Allerdings brauchte er eine trockene Hose, damit er allen aus dem Weg gehen konnte, inklusive der Bediensteten. Er wollte sich in seiner Privatbibliothek einen Moment der Ruhe gönnen – und dafür brauchte er seinen Lieblingssessel. Der würde ihm dabei helfen, die Anspannung in seinem Körper zu lockern. Und er brauchte die Ruhe, wenn er sich dem heutigen Abend stellen wollte.

Edward übergab einem Stallknecht die Zügel seines Pferdes und begab sich zur Sattelkammer, wo er sich die nächstbeste Ersatzhose eines Stallknechts schnappte. Er riss sich seine durchweichte Kniehose von den Beinen und zog rasch die raue Wollhose an. Sie saß nicht gut und an manchen Stellen entdeckte er getrocknete Schlammflecken, doch sie würde genügen müssen.

Als er den Zustand seiner Kleidung begutachtete, seufzte er. Vielleicht war es in mehr als einer Hinsicht das Richtige gewesen, die junge Frau zu ‚retten‘. So hatte er auch ein wenig Zeit für sich, um sich zu sammeln. Edward stieg die Kalksteinstufen der Dienstbotentreppe von Thornfield Castle hinauf.

Captain, sein grauer, drahtiger Wolfshund, entdeckte ihn und stürmte ihm mit wedelndem Schwanz entgegen. „Da ist ja mein guter Junge.“ Edward kraulte ihm kräftig den Kopf. Die Gesellschaft des Hundes verschaffte ihm eine gewisse Linderung. Keine vollständige Entspannung, doch es war ein Anfang.

Der Hund hielt mit ihm Schritt, als sie den schmalen hinteren Flur entlangeilten. Er beschleunigte seine Schritte weiter, damit ihn niemand aufhalten konnte, während er dem verwinkelten Weg zu seiner Privatbibliothek folgte. Sie war sein Zufluchtsort und stand nur ihm allein zur Verfügung. Er hatte sie so eingerichtet, dass er sich sammeln konnte, wann immer ihm die Gegenwart anderer schlicht zu viel wurde und er drohte, die Kontrolle über seine seit der Kindheit aufrechterhaltene Fassade zu verlieren.

Es tat nichts zur Sache, dass er einer der mächtigsten Männer des Landes war; er erzitterte immer noch innerlich, wenn er in einer Menschenmenge oder auch nur in der Nähe von einer solchen sein musste. Und am heutigen Abend stand ihm ein wirklich dichtes Gedränge bevor. Seine Tante hatte eine ganze Horde von Debütantinnen eingeladen, die sich ihm präsentieren sollten, mit der Absicht, seine Ehefrau zu werden.

Er würde die Wildheit überstehen, die so viel Krach und reges Treiben in ihm hervorrufen würden, doch zuerst würde er sich einen Moment Zeit nehmen und sich in den Sessel setzen, den er eigens für sich hatte anfertigen lassen. Der Ohrensessel mit der schmalen, hohen Lehne war in eine Ecke gedreht, sodass er den Rest der Welt ausschließen konnte, dieses ständige, summende Gemurmel; und verdammt noch mal, als Duke war man von einer Menge Wirbel umgeben.

Edward bog um die letzte Ecke in dem dunklen Flur, ballte die Hände zu Fäusten und entspannte sie wieder. Sein Blut pulsierte in ihm, als würde es vom Takt einer Paradetrommel angetrieben. Irgendwie musste er Tante Agatha Einhalt gebieten. Doch sie war fest entschlossen, ihn vor den Traualtar zu bringen, aus den üblichen Gründen. Ein Erbe sollte her, natürlich. Immerhin gab es schon seit beinahe eintausend Jahren Dukes of Thornfield. Doch die alte Frau schien auch besorgt zu sein, er würde allein und einsam bleiben.

Für ihn klang es perfekt, allein zu sein.

Er erreichte endlich die kleine, unscheinbare Tür zu seiner Bibliothek, öffnete sie und atmete tief durch, während die Flammen im Kamin seinen ausgekühlten Körper wärmten.

Ein langes, erleichtertes Seufzen kam ihm über die Lippen. Captain trottete hinter ihm her und machte sich auf die Suche nach seinem grünen Kissen am lodernden Kaminfeuer. Edward ließ die Tür einen Spaltbreit offen, für den Fall, dass Captain schnell verschwinden musste.

Edward zog sich den durchnässten und schlammbefleckten Mantel aus. Er ließ ihn zu Boden fallen, wo er sich als nasse, schmutzige Masse sammelte. Er lockerte methodisch seine Krawatte und band sie auf, während er den Geruch des Eichenholzfeuers einsog. Er spürte mit jedem Schritt in sein Allerheiligstes, wie all die Anspannung von ihm abfiel.

Ja, genau das hatte er gebraucht.

Er öffnete die oberen Knöpfe seines Leinenhemdes und nahm sich die Zeit, einmal tief durchzuatmen, ehe er die Hände zum Feuer ausstreckte. Die Kälte des Yorkshire-Moors hatte seinen ganzen Körper durchdrungen. Doch er liebte seine Ländereien. Man hatte ihn förmlich um den Ausritt angefleht und er wäre nur zu gern den ganzen Tag geritten, da er am liebsten draußen aktiv war; eins mit der Natur und der Wildnis. Wann immer das nicht möglich war, war die Bibliothek sein anderer Lieblingsort.

Während er versuchte, seine rasenden Gedanken zu beruhigen, lief er langsam zu dem runden Holztisch, um sich ein Glas Brandy einzuschenken. Er nahm den kühlen Dekanter, genoss das leise Klingen des Kristallglases und das Gefühl des eingravierten Musters unter seinen Fingern, während er sich von der geschmeidigen, bernsteinfarbenen Flüssigkeit einschenkte.

Er nahm das Glas, legte die Hand darum und genoss diese einfache Sache, die er so liebte. Denn Brandy war, im Gegensatz zu Menschen, nicht voller Unklarheiten. Als er gerade den ersten Schluck trank, drängte sich das Knarren von Leder in seine Tagträumerei.

Er verkrampfte sich.

Er drehte sich um.

Und starrte auf seinen Sessel.

Das konnte nicht sein. Es war unmöglich. Das Betreten dieses Zimmers war allen verboten. Jeder wusste das. Und doch …

Er trat einen Schritt vor. Captain stellte die Ohren auf, da er spürte, dass etwas nicht stimmte, dann sprang er auf und trottete zur Vorderseite des Sessels. Der Hund pflanzte den Hintern mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden und fing augenblicklich an, mit dem Schwanz zu wedeln.

Eine überraschend enthusiastische Stimme mit einem eindeutigen Yorkshire-Akzent erklang: „Na, hallo, mein hübscher Kerl.“

Hübscher Kerl?

Er stellte sein Glas ab und trat neben den Sessel. „Wer zum Teufel sind Sie?“, brüllte er, dann hielt er inne, als er in die verblüffendsten blauen Augen schaute, die er je gesehen hatte.

Sie hatten eine Tiefe an sich, während ihr Blick kristallscharf wirkte, was ihm beinahe den Atem nahm. Die Unbekannte blickte zu ihm herauf, als würde sie in der Falle sitzen, doch sie war kein Geschöpf der Ängstlichkeit.

Oh, nein, nachdem er sie einen Moment beobachtet hatte, war er sich sicher, dass sie aufsässig wirkte.

Edward war völlig fassungslos. Die meisten Menschen wurden unter seinem strengen Blick auf der Stelle reumütig.

„Es geht Sie nichts an, wer ich bin“, entgegnete sie bissig und musterte ihn von oben bis unten, während sie eines seiner Lieblingsbücher in der Hand hielt: Pamela.

Das ging ihn nichts an? „Was machen Sie hier auf diesem Sessel?“, wollte er wissen.

„Ich sitze“, sagte sie. „Haben Sie keine Augen im Kopf?“

„Ich habe durchaus Augen“, knurrte er und war versucht, sie hochzuheben und irgendwo anders abzusetzen, egal wo, Hauptsache, nicht in seiner Bibliothek. „Ich sehe, dass Sie auf dem Sessel sitzen.“

„Sehr gut“, sagte sie mit einem kessen Nicken. „Sie sind in der Lage zu sehen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, wäre ich jetzt gern allein. Sie dürfen gehen.“

Er gaffte sie mit offenem Mund an und fragte sich, wann zum Teufel zuletzt jemand so mit ihm gesprochen hatte. Niemals. Das war die Antwort. „Sie sind unglaublich unverschämt“, knirschte er.

„Nein, bin ich nicht“, entgegnete sie und klappte das Buch zu, „aber Sie sind sehr unhöflich.“

Er sog Luft ein und entschied sich dagegen, physische Maßnahmen zu ergreifen. Er würde niemals gewaltvoll eine Frau angehen. Er hatte seine Standards, im Gegensatz zu der Frau vor ihm.

„Stehen Sie aus dem Sessel auf“, befahl er. Dann fügte er hinzu: „Bitte.“

„Warum?“, fragte sie. „Gehört er etwa Ihnen?“

„Tatsächlich tut er das.“

Ihr Blick wanderte an seinem Körper auf und ab, während sie jeden Zentimeter bewertete. „Sie werden mich nie davon überzeugen, dass einem Mann in dreckigen Hosen“, sie deutete auf seine Hüften, „die offensichtlich nicht einmal passen, dieser Sessel gehört.“

Edward suchte nach einer angemessenen Antwort. Er hatte noch nie in seinem Leben eine derart lächerliche Unterhaltung geführt. „Ich werde Sie nie davon überzeugen, ja?“

„Ganz recht.“ Sie lehnte sich vor und kraulte Captains Ohren. „Ich glaube Ihnen allerdings, dass dieser Hund Ihnen gehört. Ein wundervolles Tier. Ganz anders als Sie. Und er scheint mich zu mögen.“

Sein Hund war ein gemeiner Verräter. Es war offensichtlich, dass Captain sie für absolut großartig hielt. Er lächelte wie ein verflixter, verkappter Narr und lehnte sich in ihre Berührung.

„Captain, Küche“, sagte er.

Auf dieses Kommando hin schoss Captain gut gelaunt in die Höhe und eilte in den Flur, um sich von einem der Dienstmädchen eine Leckerei geben zu lassen.

„Meinetwegen hätten Sie das Tier nicht verbannen müssen.“ Sie schnaubte, schüttelte den Kopf und blickte zum Kamin. „Sind Sie hier, um Holz nachzulegen?“

„Holz nachzulegen?“, wiederholte er und konnte seinen eigenen Ohren nicht glauben.

„Ja.“ Sie erdreistete sich, zu lächeln. „Das Feuer scheint herunterzubrennen. Sie sehen aus, als könnten Sie eine Menge Holzscheite tragen.“

Sie hielt ihn für einen Bediensteten? Natürlich trug er nicht seine übliche Kleidung, doch sie musste doch die Autorität in seinem Gebaren wahrnehmen.

Manchmal fiel es ihm schwer, zu deuten, was eine Person wirklich dachte, von ihren Gefühlen ganz zu schweigen. Er zwang sich also, sie genau zu mustern. Ihre Wangen waren rosig. Ihre Augen funkelten. Ihr volles, goldenes Haar wallte offen rings um ihr Gesicht, als hätte sie sich keine Gedanken um die Frisur gemacht; so etwas kannte er von den Frauen, denen er sonst begegnete, ganz und gar nicht.

Üblicherweise hatten sie ordentliche, in kunstvollen Mustern arrangierte Locken.

Diese Frau nicht.

„Miss“, sagte er, „bitte stehen Sie auf und verlassen Sie den Raum.“

„Nein.“ Sie schlug das Buch wieder auf, um ihre Entschlossenheit zu unterstreichen.

„Warum denn bloß nicht?“, fragte er und weigerte sich, sie anzuflehen. Dukes bettelten nicht. Doch ihm gingen so langsam die Alternativen aus.

„Weil es mir da draußen nicht gefällt“, entgegnete sie erbittert.

„Es …“ Er fragte sich, ob sie wohl im Handumdrehen diesen neuen Befehlshaber der französischen Armee, Napoleon, erledigen würde, wenn sie die Gelegenheit hätte. „Sie mögen es nicht da draußen?“

„Nein, ganz und gar nicht“, sagte sie eisern.

„Nun, das tut für mich eigentlich nichts zur Sache. Wobei es mir da draußen auch nicht gefällt.“

„Hören Sie“, sagte sie. „Wenn Sie diesen Sessel unbedingt haben wollen, werde ich ihn natürlich freimachen. Ich bin kein schlechter Mensch, ich habe ihn bloß sehr genossen und möchte nicht wieder dort hinaus.“

„Dann gehen Sie eben nicht nach draußen“, sagte er. „Sie können in die Küche gehen.“

„Zusammen mit Ihrem Hund?“, fragte sie mit loderndem Blick.

Er blickte zu ihr hinunter. Ihr Auftreten, die Kurven ihres Körpers und die Art, wie sich ihre Lippen öffneten, überwältigten ihn. Sie war genauso sehr in ihre intensive Unterhaltung vertieft wie er. Er hatte in seinem ganzen Leben noch keine Frau getroffen, die ihn gleichzeitig so wütend gemacht und so mit Verlangen erfüllt hatte.

Sie war verblüffend. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass ihm jemals jemand gesagt hätte, zu verschwinden.

Überraschenderweise gefiel es ihm.

Edward stand fassungslos da und wusste, dass es im Grunde nur Eines gab, was er tun konnte, um sie loszuwerden. Ein Lächeln zog langsam seine Mundwinkel in die Höhe. „Wenn Sie nicht gehen, werde ich Sie küssen.“

Bei dieser Androhung von Verführung und potenziellem Ruin würde gewiss jede anständige junge Dame die Flucht ergreifen. Und dann würde sein Sessel wieder ihm gehören. Das war immerhin das Einzige, wonach er sich sehnte. Oder?

Sie stand für einen Augenblick reglos da, als würde sie über dieses dreiste Angebot nachdenken, dann schluckte sie so schwer, dass er die Muskeln in ihrem Hals sehen konnte. Sie hob das Kinn und schaute ihn herausfordernd an. „Nur zu, wenn Sie so erpicht darauf sind.“

Kapitel 2

Etwas unglaublich Schreckliches war in Miss Georgiana Bly gefahren.

Sie stand da und starrte zu diesem riesigen Mann hinauf. Sie war völlig frei von Angst, wütend und überwältigt, weil er etwas an sich hatte, das es ihr unmöglich machte, seinem Befehl zu folgen und zu verschwinden – oder sich so zu verhalten, wie sie es sonst tun würde.

Er hatte irgendetwas mit ihr gemacht.

Aus irgendeinem Grund war sie fest entschlossen gewesen, ihren Platz in diesem Raum zu behalten und sich nicht wieder der glanzvollen Gesellschaft zu stellen.

Wer glaubte er, wer er war, sie derart herumzukommandieren? Sie hatte es satt, sich sagen zu lassen, was sie zu tun hatte. Von ihrer Mutter und ihrem Vater, über ihre älteste Schwester bis zu ihren Tanten, glaubten alle zu wissen, was das Beste für sie war.

Sie war natürlich bereit, anderen zuzuhören und Ratschläge zu befolgen, um in der Gesellschaft erfolgreicher zu werden, doch sie war immer wieder hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Und auch wenn dieser schroffe, attraktive Riese darauf bestand, dass sie sich zu den eleganten Massen zurückbegab, war oben im Ballsaal kein Platz für sie. Oh, ihre Familie war eingeladen; eine seltene Gelegenheit für die Blys, die zwar zur vornehmen Klasse gehörten, aber nur gerade so. Ihre älteste Schwester Elizabeth blühte vermutlich gerade auf. Sie war gewandt in gesellschaftlichen Unterhaltungen und liebte es, Veranstaltungen zu besuchen, doch Georgiana?

Georgiana neigte dazu, gegen Topfpflanzen zu laufen, oder gegen Bedienstete mit Weinflaschen, und ihre Tendenz dazu, das Falsche zu sagen, war in ihrem Haus zur Legende geworden. Sie musste sich immer noch die Geschichte über Lady Farthington und den unglücklichen Kommentar zu ihrer Perücke anhören.

Sie hatte diese Erfahrung schon mehr als einmal auf die harte Tour machen müssen. Gelegentlich mochte sie sich zwar wünschen, als Schwan elegant durch gesellschaftliche Gewässer zu gleiten, doch in Wahrheit war sie eher ein Entlein. Und sie wünschte sich, dass auch ihre Familie das endlich einsehen würde, damit sie aufhören konnten, etwas aus ihr machen zu wollen, das sie niemals sein würde.

Sie war nicht für die komplizierten Anforderungen eines Balls gemacht. Sie gehörte in kleine Büchereien, wie die, in der sie gerade stand; weshalb sie auch so ungern wieder gehen wollte.

Für einen Menschen wie sie war der Ballsaal der schlimmstmögliche Ort, und sie würde sich von einem angedrohten Kuss nicht aus diesem sicheren Schlupfwinkel vertreiben lassen.

Als dieser attraktive, anmaßende Mann ihr gesagt hatte, sie müsste verschwinden oder er würde sie küssen, hatte sie den Kuss gewählt, da er einfach bluffen musste. Was für ein Mann tat so etwas? In einen Raum marschieren, Befehle bellen und dann jemanden küssen?

Das alles schien nicht zu dem zu passen, was sie in Romanen gelesen oder im echten Leben gesehen hatte. Deshalb war sie selbst dann noch nicht ganz davon überzeugt, dass irgendetwas geschehen würde, als er seine muskulösen Arme um sie legte.

Dieser Schuft wollte sie bloß in die Flucht schlagen.

Nun, sie würde nicht weglaufen. So eine Frau war sie nicht. Und als sie seinen männlichen Duft einatmete, ignorierte sie das Kribbeln in ihrem Körper. Alles würde gutgehen. Sie hatte kein bisschen Angst. Auch wenn er sie überragte und seine Schultern so breit waren wie eine korinthische Säule. Er war einfach nicht furchteinflößend. War er anziehend? Ja. Tatsächlich kamen ihr seine Lippen unglaublich interessant vor und sie fragte sich, welche Wirkung sie wohl an ihren eigenen entfalten würden, da sie von dem angenehmen Erlebnis eines Kusses gelesen hatte …

Nein, nein, sie wollte sich gar nicht wirklich von ihm küssen lassen. Das war alles nur Teil ihrer Taktik, seine Drohung auf die Probe zu stellen. Eine junge Frau wie sie würde sich so etwas niemals wünschen. Doch als sie den Kopf nach hinten neigte, seine kräftige Gestalt betrachtete und in seine Augen schaute, die so dunkel wie die Sünde waren, fiel ihr das Atmen unglaublich schwer.

Ihre Lippen öffneten sich und ihr Körper schmolz auf verzückende Weise dahin. Zu ihrer eigenen Verwirrung wollte sie in seinen Armen liegen, und sie genoss es, mit ihm zu verschmelzen wie die Musterung im Marmor.

Sie war ganz von diesem Gefühl eingehüllt. Einem Zustand, den sie noch nie zuvor hatte erleben dürfen.

Männer ließen sich in der Regel nicht darauf ein, die Entlein zu küssen. Nein, sie wollten die Schwäne unter den Frauen, soweit sie das beurteilen konnte. So unglaublich attraktiv wie dieser Mann war, würde es ihm gewiss nicht anders gehen. Sie war es nicht gewohnt, die Aufmerksamkeit eines so lebensstrotzenden Mannes zu erhalten. Und das schien sie ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Er verdrängte auf jeden Fall den Großteil der Luft im Raum, und doch fühlte sie sich in seinem Armen irgendwie ermächtigt, als wäre sie so stark wie er.

Als er den Kopf zur Seite neigte und sein schwarzes Haar, das dem Flügel eines Raben glich, seine Wange berührte, passte sie die Neigung ihres Kopfes an und war bereit, seinen Kuss zu empfangen, sollte er ihn denn tatsächlich geben wollen.

Und das tat er.

Seine Lippen senkten sich auf ihre, mit einem verzehrenden Hunger, der sie nach Luft schnappen ließ, doch sie wollte nicht, dass er aufhörte. Oh nein. Sie wollte diesen Kuss niemals enden lassen. Seine Hand strich über ihren Rücken und führte sie näher an ihn heran, bis sie sich gegen seinen festen, verführerischen Körper wölbte.

Ihre Sinne verließen sie. Sie war nicht im Geringsten auf die Macht seiner Verführung vorbereitet gewesen. Und eigentlich hielt sie sich nicht für eine Frau, die sich so einfach von einem Menschen um den Verstand bringen ließ.

Wie aus eigenem Antrieb stahlen sich ihre Hände zu seinem Bizeps. Sie konnte die makellose Haut durch das Leinen seines feuchten, weißen Hemdes spüren. Georgiana schob die Hände über die muskulösen Arme hinauf zu seinen Schultern, dann zur muskulösen Wölbung seines Nackens, wo ihre Fingerspitzen über seidige Strähnen seines dicken Haars strichen.

Sie war im Himmel.

In einem unglaublich herrlichen, perfekten Himmel.

Sie stellte fest, dass sie keinen anderen Gedanken fassen konnte, als den Wunsch, weiter geküsst zu werden.

Seine Zunge strich sanft über die Linie zwischen ihren Lippen. Vor Überraschung öffnete sie sich ihm und seine Zunge berührte ihre. Es war, als würde sie einen unendlich süßen und würzigen Wein trinken, und sie wollte mehr davon. Während er sie mit einem wilden Hunger küsste, versuchte sie, den Kuss zu erwidern, obwohl sie immer noch kaum glauben konnte, dass das wirklich passierte.

Sie küsste ihn mit wachsendem Selbstvertrauen und immer größerer Lust, bis sie, Atemzug um Atemzug und Kuss um Kuss ahnte, dass sie in Gefahr war. Seine Hände erkundeten mittlerweile ihren Körper und legten sich an die Rundung ihrer Hüfte.

Es fühlte sich an, als würden sie zu einem einzigen Körper werden, als die Hitze zwischen ihnen zunahm. Sie hatte keine Ahnung, was als Nächstes geschehen würde; sie wusste nur, dass sie diesen Moment nicht enden lassen wollte, da sie sich noch nie so lebendig gefühlt hatte.

Bis plötzlich von der Tür eine Stimme zu hören war: „Wie es scheint, haben wir die zukünftige Duchess of Thornfield gefunden.“

Was? Wer?

Georgianas Blut gefror und sie erstarrte in seinen Armen zu Eis. Das ermattende Gefühl, das ihren ganzen Körper in warmen Honig zu verwandeln schien, wich der erdrückenden, eisigen Realität. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie wirklich erwischt worden waren.

„Hallo, Tante Agatha“, presste der Mann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Georgianas Blick richtete sich auf Tanta Agatha und ihre Brust schnürte sich vor Schreck zusammen, als sie ihre majestätische Gastgeberin vor sich sah, Lady Strathmore.

Das Gekicher mehrerer Damen erfüllte den Raum und plötzlich fügte sich alles zu einem Bild zusammen. Ihre Zukunft änderte so schlagartig die Richtung, dass sie beinahe ein Schleudertrauma davontrug.

Georgiana trat panisch einen Schritt zurück, wobei ihre Finger über die Arme des Duke of Thornfield glitten – ja, sie berührte den Duke of Thornfield –, sie starrte ihn mit offenem Mund an. In ihrem Verstand tobte unverstellbares Entsetzen. Das war unmöglich. Alles in ihr schrie, so unvorstellbar war dieses Szenario. Nie im Leben hatte sie gerade den Duke geküsst!

Doch so war es. Sie hatte es wirklich getan. Eine düstere Vorahnung löste die Angst ab, die in ihr gewütet hatte. Sie hätte nur zu gern dafür gesorgt, dass sich der Boden unter ihren Füßen öffnete und sie verschluckte.

Seine Leidenschaft schwand so plötzlich, wie sie gekommen war. Jetzt blickte er mit bitterem Argwohn auf sie herab. Die Faszination und der Hunger, die gerade noch in seinem Blick gelegen hatten, waren verschwunden und von eisiger Kälte ersetzt worden.

„Da haben Sie bekommen, was Sie wollten, oder?“, sagte er schleppend, bevor er sich von ihr losmachte, als wäre sie ein Pestopfer. Er trat zügig einen Schritt zurück und verließ den Raum.

Sie wollte laut schreien: Nein! Doch das Wort blieb ihr im Halse stecken.

Wie sollte sie erklären, dass das Leben einer Duchess das Letzte war, was sie sich gewünscht hatte? Sie würde dabei schlicht versagen.

***

Kontrolle.

Edward musste sich beherrschen.

Er stürmte auf den Dienstbotenhof, an der Rückseite des großen Hauses. Er spürte die erfrischende Kühle einer Yorkshire-Nacht im Gesicht und genoss sie. Er war der erdrückenden Luft und den verurteilenden Blicken entkommen, legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den flackernden, silberfarbenen Punkten in der schwarzen Nacht hinauf.

Hier draußen konnte er seine Gedanken ordnen. Und er würde viel nachdenken müssen, gründlich nachdenken, um diesem Fiasko zumindest mit einem Anflug von Anstand zu begegnen.

Er atmete die kühle Luft tief ein, während er versuchte, die Gefühle zu bremsen, die sich in ihm zu entfesseln drohten. Er konzentrierte sich auf den kühlen, feuchten Inhalt seiner Lungen und die frische Brise, die über seine Haut strich.

Doch dann lief er los, stampfte mit seinen Stiefeln auf die Pflastersteine und machte sämtliche Beherrschung zunichte, die er sich eben noch erkämpft hatte. Wut pulsierte durch seinen Körper. Wieder und wieder ballte er die Hände zu Fäusten und entspannte sie wieder, während er nach einem Ventil für die aufgeladenen Gefühle suchte, die in ihm tosten.

Er war in die Falle getappt.

Er, der Duke of Thornfield. In eine verdammte Hochzeitsfalle.

Wie zur Hölle hatte das nur passieren können?

Er hatte nur für einen Moment allein sein wollen. Einen kleinen Augenblick haben wollen, um sich zu sammeln, bevor er sich all diesen heiratsverrückten Närrinnen stellte. Er hatte diese Zeit gebraucht, um sicherzugehen, dass er seine faktisch korrekten, aber anscheinend ungefälligen Gedanken nicht aussprach. Diese Zeit in seinem Sessel ließ ihn zur Ruhe kommen. So konnte er sich sammeln und das Summen und die überdrehte Energie derjenigen ertragen, die sich im Dunstfeld seiner Macht aufhalten wollten.

Jetzt war ihm nicht nur diese Zeit geraubt worden, sondern auch noch seine Zukunft.

Alles nur, weil sie sich geweigert hatte, zu gehen.

Weil sie ihm eine Falle gestellt hatte.

Weil er sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund geküsst hatte.

Alles um ihn herum drehte sich und er atmete mehrmals tief durch. Er musste sich unter Kontrolle bekommen, und diese Situation. Wenn er zuließ, dass er die Nerven verlor, würde ihm das auch nicht weiterhelfen.

Während er noch versuchte, zu akzeptieren, dass dieses junge Ding ohne Einladung in seine Räumlichkeiten eingedrungen war, schien der Kies unter seinen Füßen zu vibrieren. Die kalte Luft rings um ihn, die er so liebte, bebte förmlich.

Ihm kam knurrend ein Fluch über die Lippen. „Verfluchte Scheiße …“

„Mein lieber Junge, wir haben dich nicht nach Oxford geschickt, damit du dir eine solche Ausdrucksweise aneignest.“

Edward knirschte mit den Zähnen und schloss kurz die Augen. „Tante Agatha, nicht jetzt.“

„Au contraire“, verkündete sie mit fester, respekteinflößender Stimme hinter ihm, „jetzt ist der einzige Moment, den wir haben.“

„Das ist eine offensichtliche Lüge“, stieß er bissig aus und weigerte sich, sie anzusehen, da er sonst wohl die Beherrschung verlieren könnte. Dieser alte Drachen war sein einziger Ruhepol und seine Beraterin gewesen, seit dem unglücklichen, vorzeitigen Tod seiner Eltern. „Komm in fünf Minuten wieder.“

Sie machte ein tadelndes Geräusch. „In fünf Minuten wird das ganze Haus wissen, dass du dieser jungen Dame die Zunge in den Mund gesteckt hast.“

„Tante Agatha!“ Er drehte sich nun doch zu ihr um und musterte sie, wie sie als prächtige, modisch gekleidete Gestalt auf der Kalksteintreppe stand.

Selbst in seiner Frustration, und obwohl er gerade angedeutet hatte, dass er sie nicht brauchte, war er erleichtert, dass sie ihm gefolgt war. Sie war immerhin die einzige noch lebende Person, die auch nur ansatzweise verstand, welchen Herausforderungen er sich seit seiner Kindheit hatte stellen müssen.

Ihr silbergraues Haar war mit kunstvollen Locken versehen, aber dennoch dezent frisiert, und strahlte weiß im Mondlicht. Sie hatte schon vor Jahren dem Puder abgeschworen und ihr Gesicht war zwar faltig, aber immer noch wunderschön.

Es war das Gesicht einer Frau, die ihren Einfluss kannte und damit umzugehen wusste.

Er liebte dieses Gesicht.

Denn auch wenn es streng war, war es eines der wenigen, die er zu verstehen gelernt hatte.

„Spiele vor mir nicht den Unschuldigen, mein Junge“, forderte sie und pochte mit ihrem Gehstock mit dem silbernen Knauf laut auf die Treppenstufe. „Ich weiß, dass du schon seit einigen Jahren auch andere Körperteile in Damen steckst.“ Sie zögerte und nur das Rascheln ihres silbrig violetten Kleides erfüllte die Stille. Nach einer Weile sagte sie: „Aber so eine junge Frau? Aus einer unbedeutenden Familie? Der ganze Adel wird über sie sprechen und sie wird ruiniert sein, wenn du nichts unternimmst. Oder … wirst du sie ruinieren?“

Seine Brust wurde eng, während er in ihr stoisches Gesicht blickte. „Du kennst die Antwort.“

„Ist das so?“

„Ich hoffe es“, sagte er und hob eine Augenbraue. Sein ganzes Leben lang hatte er stets das Richtige getan. Niemals den leichten Weg gewählt. Selbst wenn er dadurch Missfallen und Tadel der vergnügungshungrigeren Adelskreise geerntet hatte.

Sie rollte als Antwort mit den Augen. „Mein lieber Junge, ich weiß nur, dass du plötzlich aus deinem Zimmer gestürmt bist und sagtest, sie habe bekommen, was sie wollte.“ Sie zuckte mit ihren Schultern. „Ich nehme an, du meinst eine Ehe, doch ich mutmaße nicht gern. Man weiß nie, was im Verstand eines Mannes vorgeht.“

Er war sich sicher, dass sie übertrieb. Seine Tante kannte den männlichen Verstand sehr gut. Sie hatte über die Jahre ausreichend Männer angeleitet. Doch er wusste auch, dass er einen besonderen Platz in ihrem Herzen einnahm, wodurch sie unter den gegebenen Umständen möglicherweise das Gefühl bekam, blind für seine Fehler zu sein.

Sie liebte ihn bedingungslos, selbst wenn er sie enttäuschen würde, doch er war nicht im Begriff, etwas so Abscheuliches zu tun.

„Du weißt, was für ein Mann ich bin“, rief er ihr ins Gedächtnis.

„In der Tat.“ Sie nickte knapp, mit dem leichten Anflug eines erleichterten Lächelns. „Du hast dich nie vor der Pflicht gedrückt, Edward. Ich kann nicht schweigen und dich jetzt damit anfangen lassen.“

Es stimmte. Seine Eltern hatten dafür gesorgt, dass er geliebt und umsorgt wurde, und ihm beigebracht, wie bedeutend Respekt war, selbst wenn er sich manchmal schwer damit tat, das auf relevante Weise zu zeigen. Es wäre ein schwerwiegender Verrat an ihnen, sich vor irgendetwas zu drücken.

Edward ächzte. „Das ist eine Katastrophe.“

Seine Tante schaute ihn ohne Mitleid an. „Vielleicht hättest du darüber nachdenken sollen, bevor du sie geküsst hast.“

Er würde sich nicht mit Tante Agatha auf eine Unterhaltung über das Küssen einlassen, auch wenn sie beide nicht prüde waren. Er hatte Spaß an fleischlichen Freuden. Er hatte sich in Oxford einen Ruf als Lebemann erarbeitet. Doch eine junge, unschuldige Dame aus Yorkshire zu küssen, war nicht sein Stil.

Nein, das war glatt gelogen. Es hatte ihm gefallen, sie zu küssen. Gefallen war nicht einmal das richtige Wort. Er war völlig hingerissen gewesen. Sie war der Teufel, ganz ohne Frage. Dieser Kuss würde ihn ruinieren, nicht sie. Besser gesagt, dieser Kuss würde ihr Sprungbrett sein.

Ihrer beider Leben würden nicht mehr die gleichen sein.

„Du musst sie sofort finden und diese Situation auflösen, Edward“, drängte Agatha. „Gerüchte über diesen Kuss werden sich im ganzen Haus verbreiten, wenn du nicht schnell handelst.“

Er hasste es, wenn seine Tante recht und er unrecht hatte. Immerhin verbrachte er viel Zeit damit, sicherzustellen, dass er immer das Richtige tat. Er verabscheute Rückschritte. Und Fehler verabscheute er sogar noch mehr. Über die Jahre hatte er erbittert dafür gekämpft, sie zu vermeiden.

Einen so großen Fehler gemacht zu haben, ärgerte ihn maßlos.

„Dann werde ich es bekannt geben“, sagte er.

Seine Tante blinzelte. „Was willst du bekanntgeben?“

„Die Hochzeit, natürlich.“ Er verschränkte die Hände in seinem Rücken, fest entschlossen, Gleichmut statt Drama zu wählen. So wie es Tante Agatha getan hatte. So wie sie beide es immer tun würden.

„Oh je“, klagte sie. „Ich hatte wirklich gehofft, dich dieses Jahr heiraten zu sehen, mir aber nie ausgemalt, dass es so laufen würde. Und mit einer solchen Frau.“

„Das ist schlimm, oder?“, fragte er, während sich das Grauen in seinem Bauch ansammelte.

Ihre Lippen bogen sich nach unten und sie blickte finster drein. „Schlimmer, glaube ich.“

Nun, so war es eben. Es blieb nichts anderes zu tun als das, was er jetzt angehen würde … natürlich war es das Richtige.

Doch zuerst würde er nach oben eilen und sich eine Hose anziehen, die ihm verdammt noch mal passte.