In drei Schritten zu einem guten Manuskript Der Rohentwurf – was genau ist das eigentlich und wie sollte man damit umgehen? 03. September 2021

Quelle: Etienne Girardet/unsplash.com

Viele Autor:innen wissen nicht so genau, was ein Rohentwurf eigentlich sein soll, ob bzw. wofür man ihn eigentlich braucht oder wie man damit am besten umgeht. Für manche ist der Rohentwurf ein endloser ‚Work in Progress‘ an dem sie sich abarbeiten und nie fertig werden, für andere ist er wie ein Sprint zum Ziel, bei dem sie wie der Wind schreiben und nie zurückblicken. Nun – keiner dieser Ansätze ist optimal. Die Lösung liegt wie so oft irgendwo dazwischen. Wie der richtige Umgang mit einer Rohfassung gelingt? Wir haben ein paar Tipps:

Perfektionismus ist der Feind des Guten

Hast du das schon mal gehört? Manch einer braucht Jahre für ein Buch, arbeitet an jedem Satz, jedem Absatz, jedem Kapitel – ewig. Jede Wendung einer Handlung wird hundertmal durchgekaut, Dialoge werden dutzende Male neu geschrieben und Stunden damit verschwendet, ein Adjektiv gegen ein anderes auszutauschen, um das perfekte Flair zu finden. Der Prozess ist anstrengend, unproduktiv und macht keinen Spaß. Der Versuch, es perfekt zu machen, hindert einen daran, es gut zu machen. Was mich zum zweiten Punkt bringt …

Der erste Wurf ist dein Spielplatz

Wenn du deiner Fantasie nicht freien Lauf lässt, wie willst du dann neue, interessante Ideen generieren? Der erste Durchgang ist daher der Moment zum Experimentieren. Hole dir die ungefilterten Emotionen und Gedanken auf die Buchseiten. Die Prosa kannst du später noch verfeinern und polieren. Dieser erste Part ist nur dich und dich allein. Dein:e Lektor:in muss es nicht sehen und Beta-Leser:innen auch nicht. Diese Regel ist wichtig, denn ohne sie wirst du dich selbst die ganze Zeit überwachen und deine rohe, ungefilterte Stimme wird erstickt. Du wirst aus Angst vor Kritik keine Risiken eingehen. Gib dein Manuskript niemals jemandem, bevor du nicht genügend Gelegenheit hattest, dein:e eigene:r erste:r Kritiker:in zu sein. 

Der zweite Durchgang

Gerade habe ich noch gesagt, dass der erste Durchgang wie ein Spielplatz ist, auf dem man ungehemmt schreiben kann, und jetzt sage ich, der zweite Durchgang ist der Ort, an dem deine besten Ideen geboren werden. Das stimmt, ich habe mich nicht vertippt. Die Unterscheidung ist das Wort „beste“. Betrachte den zweiten Durchgang als Stresstest – bei dem du deine Geschichte, die Charaktere und den Höhepunkt mit einem wirklich kritischen Blick betrachtest. Ja, im ersten Durchgang werden die meisten deiner Story-Ideen und Handlungselemente geboren, aber die ersten Ideen sind selten die besten. Im zweiten Durchgang schiebst du dein Manuskript durch die sprichwörtliche Presse. Während des zweiten Durchgangs solltest du dein gesamtes Manuskript im Prinzip „neu schreiben“ und dir dabei die folgenden Fragen stellen:

  1. Wie mache ich es meinem Protagonist:innen schwerer?
  2. Wie mache ich meinen Bösewicht herzzerreißend hasserfüllt?
  3. Wie erhöhe ich die Einsätze?
  4. Wie maximiere ich zwischenmenschliche Konflikte zwischen meinen Charakteren?
  5. Wie füge ich mehr Spannung und Unsicherheit hinzu?

Und wenn du damit fertig bist, studiere deine Kapitelumbrüche. Sorge für Cliffhanger, um die Leser:innen dazu zu bringen, „die Seite umzublättern“ und das nächste Kapitel zu beginnen.

Das Geheimnis, wie man jede:n Leser:in zum Umblättern bringt besteht darin, ein Buch zu schreiben, das die fünf obigen Fragen maximiert und zahlreiche, gut ausgearbeitete „Hooks“ hat. Das kannst du erst im zweiten Durchgang machen … denn, bevor du etwas verbessern kannst, musst du etwas haben, womit du arbeiten kannst!

Im dritten Durchgang wird laut vorgelesen

Eine lustige Sache passiert, wenn du dir deine Arbeit laut vorliest. All diese unglaublich brillanten, unglaublich beschreibenden Sätze, auf die du so stolz warst, lassen plötzlich deine Zunge über die Zähne stolpern. Statt wie Shakespeare liest sich deine Prosa wie der Duden. Keine Angst, Vorlesen ist die Lösung. Wenn du dein Buch laut vorliest, kannst du Folgendes erkennen: 

  1. Stakkatos oder zu lange Sätze
  2. Klobige und verwirrende Prosa
  3. Fehlende Wörter und Tippfehler
  4. Unbeholfene und unnatürliche Dialoge

Dieser letzte Punkt auf der Liste – das laute Sprechen der Dialoge – ist der wertvollste Teil der Übung. Es ist natürlich, dass sich seltsame Prosa in den Dialog einschleicht und ihn unnatürlich klingen lässt. Nur wenn du dir die Dialoge laut vorliest, kannst du ihn so bearbeiten, dass er widerspiegelt, wie die Leute tatsächlich sprechen. 

Wenn du all dies tust, dann und nur dann, hast du einen richtigen Rohentwurf, der bereit ist, deinem:deiner Redakteur:in oder einem:einer Beta-Leser:in für Feedback vorgelegt zu werden.

Fertig!