Sprecher Sebastian Fuchs im Interview

Bitte stelle dich und deinen Beruf als Sprecher kurz vor:

Eigentlich komme ich von der Bühne. Angefangen habe ich mit Poetry Slam. Daraus wurde ein Format, mit dem ich eine zeitlang getourt bin: „Geräuschgeschichten“. Erzählkunst mit vokalen Soundeffekten. Dazwischen habe ich Sprechkunst studiert.
Jetzt ist mein Beruf ein bunter Flickenteppich. Wenn ich nicht gerade in meinem Studio vor dem Mikrofon stehe, führe ich Sprachregie, schreibe Sound- und Stimmkonzepte oder verwirkliche digitale Bühnenprojekte, zusammen mit meinem wunderbaren Kollektiv, dem Neuen Künstlertheater Berlin.

Wolltest du schon immer Sprecher werden?

Es lief alles darauf hinaus. Mit 7 Jahren begann ich mich mit Geräuschen und Sprachlauten zu beschäftigen, besaß mit 14 mein erstes eigenes Mikrofon. Schon bald waren Bühne und Studio die Orte, an denen ich mich am wohlsten fühlte.

Was magst du besonders an deinem Job?

In der Vorbereitung: Das Phantasieren und Bauen, im Ernstfall: Das Freidrehen.

Gibt es eine Szene aus dem Hörbuch Leichenfänger, die dir besonders im Kopf geblieben ist?

Einige. Ich möchte aber nicht zu viel verraten. Der Einstieg ist stark. Dann gibt es Stellen, in denen der Sturm tobt und Panik ausbricht an Bord der „Leviathan“. Die sind sehr schnell und intensiv. Dann wiederum gibt es ruhigere Stellen, in denen Rosa Bach mit den potentiell verdächtigen Passagieren Einzelinterviews führt. Die sind ein Genuss, weil die Charaktere fein gezeichnet sind und man bis kurz vor Schluss nicht ahnt, von wem nun diese schleichende Gefahr ausgeht.

Welcher Charakter aus Leichenfänger hat am meisten Spaß gemacht einzusprechen?

In seinem Temperament: Der Schiffskoch!
In seiner Vielschichtigkeit: Der Gastgeber des Schiffes und Leiter des Anti-Stress-Seminars: Roland Hertz. An der Oberfläche hat er einen ruhig-professionellen Coaching-Ton, der im Verlauf der Geschichte immer wieder kippt, wenn er die Fassung verliert.

 

Kann jede/r Sprecher*in werden? Hast du einen Tipp für Berufseinsteiger*innen?

Sprechen kommt zuallererst aus dem Zuhören. Hör genau hin. Hör zwischen die Worte, hör die Musik, den Rhythmus, die Atmosphäre und alles, was die Stimme über sich verrät. Sprechen kommt auch aus dem Vorstellungsvermögen. Je leichter es dir gelingt, spezifisch zu sein und dein Gegenüber zu adressieren, desto besser. Und nicht zuletzt kommt Sprechen aus der Körperwahrnehmung. Nimm deinen Atem wahr, deine Fußsohlen, deine Muskulatur, die Vibration deiner Stimme …

Denjenigen, die neu beginnen wollen, kann ich zwei Dinge raten:

Sprich mit professionellen Sprecher*innen und begleite sie ins Studio (sobald die Situation das wieder zulässt).

Und probier dich selbst aus: Nimm 5 bis 10 Stunden privaten Sprechunterricht mit dem Ziel, sobald wie möglich ein erstes Demo mit 2-3 verschiedenen Texten einzusprechen.

Welche Charaktere und Genres liegen dir am meisten?

Ich liebe es, meine Stimme zu verstellen und Charaktere zu überzeichnen.
Gleichzeitig ist es für mich ein Genuss, in einen atmosphärischen Erzähltext einzutauchen.

Welchen Roman würdest du am liebsten Mal einsprechen?

Doktor Faustus von Thomas Mann.

Und welchen niemals? ;-)

Splatter überlasse ich gerne anderen.

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch?

Émile von Rousseau.