Autor Arvid Heubner im Interview

Worum geht es in deinem Thriller Totenstill?

In den verschneiten Harzer Bergen verschwinden Schülerinnen eines Eliteinternats nach einem Wochenendausflug spurlos. Tinus Geving – den es von Europol nach Sachsen-Anhalt verschlagen hat – übernimmt Ermittlungen, die zunächst wie reine Routine erscheinen. Doch schon bald stößt er in ein Wespennest und wird mit seiner eigenen traumatischen Vergangenheit konfrontiert.

Ein österreichischer Regisseur meinte zu Totenstill einmal, es sei „eine Bestandsaufnahme über das Leben und Sterben im deutschen Osten“. Dabei ist der Tod für mich eher eine Nebensache ohne größeren Belang. In meinen Geschichten geht es mir darum, zu ergründen, was außergewöhnliche Situationen aus und mit an sich ganz gewöhnlichen Menschen machen. Denn hinter der Fassade unserer „Zivilisation“ lauern düsterste Abgründe.


Was macht Tinus Geving zu einem guten Ermittler? Und wie steht er sich selbst im Weg?

Die Kurzantwort auf beide Fragen lautet: Tinus Geving ist gebürtiger Westfale. Und Westfalen wird ja eine gewisse Sturheit nachgesagt.

Rein emotional verfügt Geving über die Robustheit eines Artilleriepferdes. Er ist eher ein Mann der leisen Töne, der nicht viel Gewese um die eigene Person macht. Zum Graus seiner Widersacher verbeißt er sich mit deutscher Effektivität in einen Fall. Dabei nimmt er keine Rücksicht auf etwaige Befindlichkeiten.
Allerdings ist Geving nicht frei von Eitelkeiten. Er ist hochintelligent und zögert keine Sekunde, diese Überlegenheit auszuspielen. Dabei kann er demütigend bis grausam sein. Insbesondere im persönlichen Umgang lässt ihn das immer wieder Grenzen überschreiten.
Diese inneren Widersprüche werden im Laufe der Geschichten zunehmend zu einem Problem.


Wie kamst du auf die Idee für den ersten Fall?

Ich bin bekennender Fan dänischer Krimi- und Thriller-Serien wie Forbrydelsen (Kommissarin Lund) und Borgen (Gefährliche Seilschaften). Die Skandinavier haben vorgemacht, wie Suspense funktioniert, als der Rest Europas noch im kriminalistischen Tiefschlaf lag. Dort kam mir die Idee für Gevings ersten Fall.
Grundsätzlich soll man über das schreiben, was einem am nächsten liegt. Für mich als gebürtigen Magdeburger und langjährigen Harzer war die Szenerie dann schnell ausgemacht.


Wie sah deine Recherche für den Thriller dafür aus?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Recherche macht etwa die Hälfte des Schreibprozesses aus.

Für Totenstill war es relativ einfach, weil ich über eine Welt geschrieben habe, die mir wohlvertraut war. Mein Debüt halt, zu Studienzeiten entstanden. Und Debüts sind wie erster Sex: Ziemlich geil, aber im Prinzip weiß man noch gar nicht so richtig, was man da tut.
Mit den Fortsetzungen hat sich mein Schreiben zunehmend professionalisiert. Recherche und Plotting gehen Hand in Hand, BEVOR ich auch nur eine Zeile schreibe. Das ist eine Frage zeiteffektiven Arbeitens. Wenn man im Beruf steht, hat man nur begrenzte Kreativspielräume.
Recherche bezieht außerdem Sightspotting mit ein. Das ist ein nicht zu unterschätzender Teil der Gleichung. Oftmals merkt man erst bei der Begehung möglicher Handlungsorte, ob das, was man sich ausgedacht hat, funktionieren könnte.


Aber wenn man das Buch so liest, kommen einem schon gewisse Parallelen zur Realität …

… bedeutet, zu den aktuellen Verwerfungen in Magdeburg?


Genau.

Na, vielleicht haben Herr Haseloff und Herr Stahlknecht die Geschichte ja gelesen und sich gedacht: „So kann man’s natürlich auch machen.“ Wer weiß …

Also, was ich eigentlich sagen möchte: Die Geschichte ist zu einer Zeit entstanden, da war das Problem des Medienstaatsvertrags noch Quark im Schaufenster. Für mich ist das jedenfalls eine völlig neue Situation, mal einer Meinung mit dem Ex-Landesinnenminister von Sachsen-Anhalt zu sein. Ich muss mich aber schon darüber wundern, wie es nach dreißig Jahren der Wiedervereinigung immer noch sein kann, dass die Berichterstattung über den Osten derart von Ressentiments geprägt ist. Geradezu symptomatisch, dass selbst diese handfeste Regierungskrise kaum Platz in den Hauptmedien findet.
Wir leben im Kapitalismus. Warum für eine Schlechtleistung der Öffentlich-Rechtlichen mehr bezahlen? Das ist wohl die eigentliche Frage. Und, mal ganz ehrlich, wer schaut in Zeiten von Netflix, Amazon Prime und Co. noch das Abendprogramm der ARD?


Wenn die Reihe verfilmt werden würde, welche Schauspieler*innen möchtest du dabei haben?

Ähm … Gute Frage, nächste Frage.

Nein, im Ernst. Für die Antwort muss ich ein wenig ausholen.
Als bekannt wurde, dass unser Kooperationspartner Saga Egmont eine Hörbuchversion von Totenstill produzieren wollte, hat mich das kurzzeitig ins Schwitzen gebracht. Denn ich hatte darüber zu befinden, wer den Sprecher-Part übernehmen soll. Da sitzt man also und hört sich durch das Portfolio der vorgeschlagenen Sprecherinnen und Sprecher, wohlwissend, dass man sich entscheiden MUSS. Die getroffene Entscheidung habe ich auch möglichst professionell begründet. Schließlich soll es nicht wie bei Donald Trump heißen: „You’re hired, and you’re fired!“ Meine Entscheidung sorgte bei Francesca für Schmunzeln und die Rückmeldung, sie hätte wohl ebenso entschieden.
Jetzt glaube ich, offiziell sagen zu können, dass Franziska Grün als Sprecherin von Totenstill einen Wahnsinnsjob gemacht hat und ich würde mich riesig freuen (Daumen und große Zehen gedrückt haltend), wenn sie diese Arbeit in den Fortsetzungen … äh … fortsetzen könnte.

Zurück zur Frage: Casting für Film und Fernsehen ist ein Tanz auf dem heißen Blechdach. Auf der einen Seite Darsteller und Agenturen mit ihren Wünschen. Auf der anderen Seite die Programmredaktionen mit deutlichen Vorstellungen, wer in den relevanten Zielgruppen ankommt. Dazwischen der Caster, der das alles unter einen Hut bringen soll.
Ja, ich habe gewisse Besetzungsvorstellungen. Sollte es jemals soweit kommen und meine Meinung tatsächlich gefragt sein, dann würde ich die Casterin meines Vertrauens hinzuziehen. Sie kann das besser einschätzen, denn mir fehlt die kritische Distanz. Als Autor ist man also gut beraten, sich mit klaren Aussagen zur Besetzungsfrage wohlwollend zurückzuhalten.


Was erwartet uns in Tinus’ zweitem Fall?

Wenn ich das verraten würde, nähme ich unseren Leseratten die Vorfreude.
Nur ganz allgemein: Uns erwartet eine komplett andere Grundstimmung als in Totenstill. Es wird sehr viel rasanter. Und wir erleben – Oh, là, là! – den ersten Auftritt seiner französischen Ermittlungspartnerin Chloé Lambert.
Der Rest bleibt einstweilen das Geheimnis meiner Lektorin Nadine Buranaseda und von mir :-)


Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Kindern/Jugendlichen Musik bei- und näherbringen.


Hast du literarische Vorbilder?

Nicht in dem Sinne.

Ich liebe Sir Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes. Und ich bewundere den Jupiter am Literatenhimmel: Michel Houellebecq. Wie ein Musiker beherrscht er die Klaviatur des geschriebenen Wortes von „herzzerreißend einfühlsam“ bis „krass, einfach nur krass“.

Auswirkungen auf mein Schreiben hat das allerdings nicht. Vom Sternzeichen bin ich Steinbock. Steinböcken wird ähnlich wie westfälischen Ermittlern ein Hang zur Sturheit unterstellt. Und zur großen Klappe (die ich mit Sicherheit habe). Insofern gehe ich da meinen eigenen Weg, ohne groß nach links und rechts zu schauen.


Arbeitest du gerade an neuen Projekten, auf die wir uns freuen können?

Zunächst einmal befinden sich mit Totenstill insgesamt vier Geving-Fälle auf dem Weg. Davon einer brandneu.
Daneben habe ich für eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, das Genre gewechselt. Auch hier sei nur verraten, dass es eine Coming-of-Age-Story sein wird. Ein Projekt, das mit dazu beigetragen hat, warum ich als Autor mit meinen Büchern von München nach Stuttgart umgezogen bin. Bei meinem alten Verlag hätte ich es nie durchgesetzt bekommen. Aber es gibt ja euch Digital Publisher! Jünger, wilder, angriffslustiger.

Prinzipiell ist die Geschichte um Tinus Geving und Chloé Lambert längst nicht zu Ende erzählt. Sie steuert gerade auf ihren ersten Höhepunkt zu. So schnell gehen mir die Ideen nicht aus.
Nichtsdestotrotz gönne ich mir nach „Geving IV“ eine kleine Pause, um mich einem Drehbuchprojekt zuzuwenden, über das ich absolut NICHTS verraten werde.


Und zu guter Letzt: Hast du einen Buch- und Filmtipp für uns?

Momentan erfreue ich mich sehr an Orhan Pamuks Museum der Unschuld. Besagtes Museum gibt es in Istanbul wirklich. Das Buch gilt dort gleichzeitig als Eintrittskarte. Was meine zukünftigen Reisepläne verrät.

Zu allerletzter guter Letzt rühre ich die Werbetrommel für Unterm Birnbaum, eine zeitgemäße Neuadaption der Fontane-Novelle. Uli Edel – seines Zeichens in Hollywood anerkannter Regisseur von Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Letzte Ausfahrt Brooklyn, Baader Meinhof Komplex – hat ein hochspannendes, beklemmendes Drama abgeliefert. Neben Julia Koschitz und Fritz Karl sind Katharina und Nellie Thalbach zu erleben. Und wie der Casterin das Kunststück gelungen ist, Devid Striesow für eine Nebenrolle zu gewinnen … Anschauen!