Untergetaucht

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Kapitel eins

Es war genau zwölf Minuten nach Mitternacht, als die Scheibe zerbarst. Ein knirschendes Splittern, ein Knall, der mein Trommelfell erzittern ließ, und ein Regen von Glasscherben. Es ist wohlgemerkt nicht von allein zersprungen, sondern dank eines hohlen, perfekt ausbalancierten Zweihundert-Dollar-Golfschlägers. Eines Callaways. Ich wusste das, weil es meiner war. Oder zumindest war er das gewesen.
Ich wusste die genaue Zeit, weil mich die umherfliegenden Glassplitter aus dem Schlaf gerissen hatten. Mein Kopf war nach vorn gefallen und befand sich genau gegenüber der Uhr auf dem Armaturenbrett. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich kapiert hatte, was geschehen war.
Schlafen war natürlich nicht Bestandteil des Jobs. Das Haus auf der anderen Straßenseite zu beobachten hingegen schon. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass sich im Haus nichts bewegt hatte. Auch nicht auf der Straße, die sich durch das Viertel der Gutbetuchten schlängelte. Zumindest nicht in den letzten Stunden. Aber als ich im Dunkeln saß, hinter dem Steuer meines Wagens, tat die Langeweile ihr Übriges. Einen guten Teil einer Bourbon-Flasche hinunterzukippen war auch nicht gerade hilfreich gewesen. Observierungen betäubten irgendwie das Hirn. Und ein bisschen mehr Hirnbetäubung konnte ja nicht schaden, oder?
„Jake, was zum Teufel machst du da?“ Die Ursache der zerborstenen Scheibe kreischte durch das gezackte Loch.
Das war nicht irgendeine Scheibe. Es war ein Originalteil. Deshalb war sie auch zersplittert, anstatt nur zu reißen. Es war das originale Beifahrerfenster meines ansonsten makellosen 1965er Mustangs. Weinrot mit Black-Pony-Innenausstattung, aktuell von Glassplittern übersät. Es würde schwierig werden einen Ersatz zu finden.
Wo wir gerade von schwierig sprechen – ich erkannte die kratzige Stimme, noch bevor ich meiner Ex ins Gesicht sah. Sie hieß Tammy und war ziemlich verrückt. Ich hatte vier wertvolle Jahre damit verschwendet dieser Stimme zuzuhören. Meistens war sie am Jammern und beschwerte sich, manchmal, wie gerade jetzt, schrie sie vor Wut. Sie hatte einen Hang zur Wut. Schien sie zu brauchen, um durch den Tag zu kommen.
Der Golfschläger lag mit dem Eisen nach oben auf ihrer Schulter, bereit noch mehr Zerstörung anzurichten. Sie hielt den Griff mit beiden Händen so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Wenn mich die Vergangenheit eines gelehrt hatte, dann dass sie vermutlich nach dem Seitenfenster mit der Windschutzscheibe fortfahren würde, bis sie auf meiner Seite angelangt war. Tammy hatte keine Bremsen. Und auch keinen Rückwärtsgang.
Alle, außer wahrscheinlich mir, fanden sie süß. Sie war eine Strandblondine mit strahlend blauen Augen, einem magischen Lächeln und einer perfekten Nase. Einige plastische Chirurgen waren wirklich begabt. Teuer, aber begabt. Ich wusste das. Ich hatte die Nase bezahlt.
Aber die süße Tammy hatte eine kurze Zündschnur. Sie brauchte nur eine Nanosekunde von Null auf C4.
Wie jetzt.
„Lustig, ich wollte dich gerade dasselbe fragen“, sagte ich.
Ich versuchte immer noch, den Schlaf abzuschütteln und mich auf die Person vor mir, den Ort und die Situation zu fokussieren. Ich schaffte es ziemlich schnell, einen Überblick zu bekommen. Der Anblick eines Golfschlägers in den Händen meiner Ex half dabei sehr gut. Der Ort fiel mir sofort wieder ein. Peppermill Road. Eine Schleife, die vom Perdido Beach Boulevard abging, der wiederum durch The Point führte, ein Wohngebiet für Superreiche, das in eine weitere teure Wohngegend eingebettet war, die als Perdido Beach bekannt war. Die Bewohner von The Point waren sehr weit oben in der finanziellen Nahrungskette angesiedelt. Das Gebiet bestand aus einer Reihe von Stelzenhäusern, jedes mit einem Wert im siebenstelligen Bereich, die wie Anhänger an einem Armband an der Peppermill Road hingen. Jedes dieser Häuser hatte einen Ausblick über den Golf und einen breiten Strand mit zuckerweißem Sand.
Okay. Zwei hatte ich, eines musste ich noch herausfinden.
Person – klar. Ort – klar. Es war die Situation, die mir Probleme bereitete.
„Warum parkst du vor meinem Haus?“, fragte sie, das Kinn vorgeschoben und mit mir wohlbekannten, wutsprühenden Augen.
Nun, so viel dazu.
„Tu ich nicht. Ich parke auf der anderen Straßenseite.“
Der Golfschläger hob sich noch ein paar Zentimeter. Ihre Knöchel wurden noch weißer und ihre vom Pilates aufgepumpten Unterarme spannten sich an.
„Verarsch mich nicht, Jake. Was zur Hölle machst du hier?“
„Ist das mein Golfschläger?“
Tammy stieg die Röte ins Gesicht, und die Wut, die sich in ihrer Brust bildete, war fast greifbar. Ich wusste, dass ich sie auf die Palme bringen konnte. Ich konnte emotionslos ihre Knöpfe drücken wie sonst niemand. Sie hatte es mir Gott weiß wie oft gesagt. Die Wahrheit war, dass ich es irgendwie genoss. Sie war süß, wenn sie wütend war. Gefährlich, aber süß.
Die kleine Ader auf ihrer Stirn trat hervor, als sie den Schläger in die linke Hand wechselte und das kleine Rückfenster auf der Beifahrerseite des Mustangs zerschmetterte. Ebenfalls ein Originalteil. Womöglich noch schwerer zu ersetzen.
„Hey, hey, hey! Was stimmt nicht mit dir?“ Ich war schlau genug, nicht „abgesehen vom Üblichen“ hinzuzufügen, aber es kam mir in den Sinn. Hatte ich erwähnt, dass diese Frau nie ihr eigenes Bremspedal fand?
Sie zeigte mit dem Golfschläger auf mich. „Warum spionierst du mir hinterher?“
Ich bemerkte, dass sie schwarze Trainingshosen und ein abgeschnittenes, pinkfarbenes T-Shirt trug, das ihren straffen Bauch frei ließ. Sie wäre heiß, wenn sie nicht so durchgeknallt wäre. Ich hatte die Heiße geheiratet und mich von der Irren scheiden lassen.
Ich strich zermahlenes Glas von meinem Hemd und schüttelte es aus meinen Haaren. „Tu ich nicht.“
„Tatsächlich? Und du denkst, ich glaube dir das?“ Wenigstens hatte sie den Golfschläger heruntergenommen. „Du parkst gegenüber von meinem Haus mit einer guten Sicht auf mein Wohnzimmer und hast dein perverses Fernglas dabei.“ Sie nickte in Richtung des Geräts auf dem Beifahrersitz, das ebenfalls von Glassplittern übersät war.
„Nachtsicht. Brauche ich für meine Arbeit.“
„Arbeit?“ Sie versuchte nicht einmal, den Sarkasmus in ihrer Stimme zu verbergen.
„Ich bin an einem Fall. Für Ray.“
„Einfach toll. Die einzige Person, die ich kenne, die dich schlau wirken lässt.“
Ray, mein Vater, war wirklich schlau, manchmal sogar beängstigend, aber Tammy und er haben nie einen Draht zueinander gefunden. Ray konnte mit den meisten Menschen nicht besonders gut umgehen. Tammy auch nicht. Also interagierten sie in einer Öl und Wasser-, Hund und Katze-, Feuer und Eis-Art.
„Du erinnerst dich an ihn?“, sagte ich. „Er wird sich freuen, das zu hören.“
Wieder einen Knopf gedrückt.
„Sei kein Arsch. Ich habe vier Jahre lang versucht, ihn mit dem Müll hinauszubringen, aber manche Wollmäuse wird man einfach nicht los.“
Ich lächelte. „Und er spricht immer so freundlich von dir.“
Sie beugte sich nach vorn und ihre Augen waren nun auf gleicher Höhe mit meinen.
„Gut. Also warum arbeitest du für Ray?“
„Er brauchte jemanden für ein bisschen Überwachungsarbeit.“
Ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass sie mir nicht glaubte. Als ob ich lügen würde. Wie kam sie bloß darauf? Sie schnaubte leise, als würde sie ein Ausrufezeichen hinzufügen. „Warum fragt er nicht diesen rothaarigen Riesen, der ihm überall hin folgt?“
„Pancake hat zu tun.“
Ein weiteres Schnauben. „Essen wahrscheinlich.“
„Oder schlafen. Er pflegt das um diese Uhrzeit jede Nacht zu tun.“
Sie schüttelte den Kopf. Es war eine Art angewidertes Schütteln. „Und ich dachte, du hättest geschworen, niemals für Ray zu arbeiten.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, damit verhält es sich wie mit jedem Versprechen, das du je gemacht hast.“
„Ein bisschen Überwachung zu machen fällt nicht wirklich unter ‚für ihn arbeiten’.“
„Überwachung? Ein großes Wort für ein bisschen Herumschnüffeln.“ Ich wollte gerade etwas Aufschlussreiches über das Sammeln von Beweisen sagen, aber Tammy war noch nicht fertig. „Es interessiert mich wirklich einen feuchten Kehricht, wem du hinterherschnüffelst, solange ich es nicht bin.“
„Du bist es nicht.“
„Gut.“ Sie trat einen Schritt zurück und hob wieder den Golfschläger. Sie sah sich nach einem neuen Ziel um. Ihr Blick blieb an der Windschutzscheibe kleben.
„Nimm den Schläger runter und hör zu.“ Sie ließ ihn ein kleines Stück sinken, hielt ihre Zähne aber fest zusammengebissen. „Ich weiß, dass sich in deiner Welt fast alles um dich dreht, aber das hier hat nichts mit dir zu tun.“
Ihr Kopf drehte sich von einer Seite zur anderen. „Mit wem dann? Was hat er gemacht?“ Nun war sie voll in Tratschlaune. Sie liebte Gerüchte. „Ich wette, es ist Betsy Friedman, richtig?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. „Hat sie eine Affäre?“ Sie sah zu einem grauen Haus mit einem Springbrunnen davor hinüber, das genau neben meinem Parkplatz lag. „Bestimmt hat sie eine.“
„Ich kann nicht darüber reden.“
„Natürlich kannst du.“
„Nein, kann ich nicht.“
„Okay. Also das ganze ‚Privatsphäre zum Schutz des Klienten’-Zeugs?“
„Genau.“
Longly Investigations war die Privatdetektei meines Vaters. Ray Longly war Anwalt und früherer FBI-Spezialagent gewesen, bevor er irgendetwas Unheimliches für das FBI gemacht hatte, über das er nie sprach. Seit fünf Jahren war er nun Privatdetektiv und hob sich mehr und mehr von den anderen Agenturen ab. Oder besser gesagt hoben sich die anderen von ihm ab. Ein Resultat von Rays Abneigung gegen andere Menschen.
„Und deine Spielchen bringen die Ermittlung nicht gerade voran“, sagte ich.
Ein kurzes Lachen kam über ihre kollagenverstärkten Lippen.
„Nimm den Mund nicht so voll. Du könntest nicht einmal einen platten Reifen untersuchen. Du bist ein Idiot.“
Das erklärte irgendwie die Scheidung, oder nicht? Zum Teil zumindest. Früher, als ich noch in der Major League Baseball gespielt hatte, dachte sie, ich hätte den Mond für sie aufgehängt. Ich konnte nichts falsch machen. Ich führte sie in die besten Restaurants und Nachtclubs aus und machte mit ihr Urlaub am South Beach und manchmal auch in Europa. Tammy liebte Paris. Und sie liebte es, eine Major League-Frau zu spielen. Sie liebte das Händeschütteln mit großen Sportlern und glaubte daran, ein Sports-Illustrated-Bademodenmodel werden zu können. Tatsächlich könnte sie das werden. Sogar heute noch, mit einunddreißig.
Aber vor vier Jahren, als meine Karriere beendet war, nachdem ich elf Innings in einer kalten Oktobernacht in Cleveland geworfen und mich nie mehr von der Schulterverletzung erholt hatte, die ich mir dabei zuzog, und nachdem die Gehaltsschecks zu nichts zusammengeschrumpft waren, zog Tammy weiter. Zu einem Anwalt. Zu dem Typen, dem der Klotz aus Stahl, Glas, Marmor und Designermöbeln auf der anderen Straßenseite gehörte.
Der Lauf des Lebens an der Riviera. Nicht an dieser. An der Proleten-Riviera. Golf Coast Style.
„Wenn es nicht um Betsy geht, um wen dann?“, fragte Tammy.
Ich schüttelte den Kopf. „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ich kann es dir nicht sagen.“
„Du kannst nicht oder du willst nicht?“
„Such’s dir aus, mir ist es egal.“
Sie hob wieder den Golfschläger. Ich schlängelte meinen Einsneunzig-Körper aus dem Auto und sah sie über das Dach hinweg an.
„Durchatmen, Tammy.“
In diesem Moment rollte ein Polizeiwagen die Straße entlang und hielt am Bordstein, nicht weit von meinem Mustang entfernt. Ein uniformierter Polizist stieg aus und blieb hinter der geöffneten Wagentür stehen, die Hand auf der Dienstwaffe an seiner Hüfte. Er wirkte gut trainiert und fit in seiner perfekt sitzenden Uniform und sprach mit einer ruhigen, gleichförmigen Stimme.
„Könnten Sie wohl ein wenig leiser sein?“, fragte er. „Vielleicht erzählen Sie mir, was hier eigentlich los ist?“
Nach den Nettigkeiten und Vorstellungen, er – Officer Blake Cooper, ich – Jake Longly, sie – Tammy, die Irre, erzählte sie ihre Version der Geschichte. Erstaunlich, wie weit sie von der Wahrheit entfernt war. Sie fing langsam an, nahm dann aber schnell Fahrt auf und erzählte dem guten Officer, ich sei Abschaum – ihre Worte – ich sei ein unsägliches Stück Scheiße – ebenfalls ihre Worte. Es folgten ein paar weitere Namen, die besser ungesagt blieben. Schließlich behauptete sie, ich würde ihr nachspionieren. Mitten in der Nacht.
Willkommen in Tammys Welt.
Während sie sprach, wanderte Coopers Blick über ihren Körper und verweilte an den interessantesten Stellen. Als er sich schließlich losreißen konnte, sah er mich an. „Sir, haben Sie ihr nachspioniert?“
„Wenn ich das getan hätte, bin ich nicht sicher, ob es die klügste Entscheidung gewesen wäre, direkt vor ihrem Haus zu parken.“
„Würden Sie das erklären?“
Ich erklärte.
„Überwachung? Wen überwachen Sie?“
„Kann ich nicht sagen. Eine Privatangelegenheit.“
Cooper ging um die geöffnete Autotür herum nach vorn, die Hand nicht mehr auf der Waffe, beide Daumen in den Gürtel gehakt. „Leben Sie hier? In der Nachbarschaft?“
„Dass ich nicht lache“, sagte Tammy. „Er lebt in einem Schuhkarton hinter dem Einkaufszentrum.“
Sie konnte so liebenswürdig sein.
„Nein, Sir, tue ich nicht. Ich mache gerade einen Job. Für Longly Investigations.“
„Ray Longly?“
„Genau.“
„Sie arbeiten für ihn?“
„Er ist mein Vater.“
Cooper nickte. „Das erklärt einiges.“
Ray hatte sich nicht auf die Abschussliste des FBI beschränkt. Er und die lokale Polizei kamen auch nicht besonders gut miteinander aus. Offenbar geriet er häufig wegen irgendetwas mit ihnen aneinander. Üblicherweise weil er in ihrem Gebiet wilderte. Oder zumindest sahen sie das so. Und meistens traf diese Sichtweise auch zu.
Tammy sprang vor. „Siehst du, ich bin nicht die Einzige, die deinen Vater für einen Spinner hält.“
Cooper drehte sich zu ihr herum. „Ma’am, das habe ich nicht gesagt.“
Sie stemmte eine Faust in die Hüfte und starrte ihn an. „Hörte sich für mich so an.“
Er besah sie abermals von oben bis unten, bevor er sich wieder mir zuwandte.
„Würden Sie mir erklären, worum es hier eigentlich geht?“
Junge, das habe ich doch schon. „Ich bin bei einem Job. Ich mache Überwachungsarbeit für eine lizenzierte Privatdetektei. Ich habe überhaupt nichts gemacht, bis sie wie Tiger Woods auf mein Auto losgegangen ist.“
„Ich nehme an, Sie beide kennen sich“, sagte Cooper. Es war keine Frage.
„Wir waren verheiratet“, sagte ich. „Es ist wahrscheinlich nicht schwer herauszufinden, warum es nicht funktioniert hat.“
Wieder hob Tammy den Golfschläger.
„Ma’am, bitte tun Sie das nicht“, sagte Cooper.
Sie schüttelte den Kopf und nahm den Schläger herunter. „Ich möchte, dass Sie ihn festnehmen.“
„Ich denke nicht, dass das nötig ist.“ Cooper sah mich an. „Also sind Sie Longlys Sohn? Der Baseballspieler?“
„Ex-Baseballspieler“, sagte Tammy.
„Das bin ich“, sagte ich.
„Sie waren großartig damals.“
„Damals ist lang vorbei.“ Tammy wieder.
Cooper holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, wobei seine Wangen sich nach außen wölbten. Ich glaube, er begriff langsam, wie kompliziert es sein konnte, mit Tammy zu kommunizieren. Als er sprach, klangen seine Worte ruhig und gesetzt. „Ich habe einen Anruf bekommen. Einer Ihrer Nachbarn sagte, es gäbe einen Streit auf der Straße. Er hat sich über den Lärm beschwert.“
„Also, dann nehmen Sie ihn wegen Ruhestörung fest“, sagte Tammy. „Oder für sowas in der Art.“
Cooper seufzte. „Ich denke, ich habe eine bessere Lösung. Warum gehen Sie nicht wieder nach Hause?“, sagte er zu Tammy. Und dann zu mir: „Vielleicht sollten Sie Ihre Überwachung für heute Nacht beenden.“
Tammy hob das Kinn und straffte die Schultern. „Und verschwinde aus meiner Straße!“ Immer das letzte Wort.
„Wird gemacht“, sagte ich.
„Ma’am?“ Cooper wies mit der Hand in Richtung ihres Hauses.
Sie zögerte, drehte sich dann um und ging über die Straße.
„Kann ich meinen Golfschläger haben?“
„Leck mich, Jake.“ Sie streckte einen Mittelfinger aus, ohne sich umzudrehen, überquerte die Straße, ging die Auffahrt hinauf und verschwand in ihrem Haus. Die Tür fiel laut ins Schloss.
„Was für ein Spaß“, sagte ich.
„Soll ich irgendetwas aufnehmen?“, fragte Cooper und deutete mit seinem Kinn auf meinen Mustang. „Wegen des Schadens?“
„Würde nicht viel bringen. Ihr neuer Ehemann ist Anwalt.“
Er nickte. „Verstehe.“ Er sah sich um. „Passiert hier irgendetwas, wovon ich wissen sollte?“
„Nicht wirklich. Es ist eine häusliche Angelegenheit.“
Er nickte wieder. „Ich kann nicht viel tun, denn es sieht so aus, als hätten Sie kein Gesetz gebrochen, aber ich würde vorschlagen, dass Sie das Wohngebiet verlassen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Um weitere Probleme zu vermeiden.“
„Genau meine Gedanken.“
„Eine Frage“, sagte Cooper. „Wie sind Sie hier hereingekommen? An der Torwache vorbei?“
„Ich habe ein nettes Lächeln.“ Ich lächelte. Cooper nicht. „Sie kennen mich.“
Cooper zögerte, nickte dann und gab mir seine Karte. Er stieg in seinen Wagen und verschwand.

Kapitel zwei

Nachdem die zuckersüße Tammy und der dienstbeflissene Officer Blake Cooper die Straße verlassen hatten, inspizierte ich den Schaden an meinem Auto. Die zerschmetterten Scheiben waren im Prinzip unersetzlich. Ford produzierte anscheinend keine Scheiben mehr für fünfzig Jahre alte Autos. Die hatten Nerven. Ich klopfte die zahnartigen Reste der Scheiben von den Rahmen, sammelte die größeren Stücke von den Sitzen und legte sie auf den Boden. Die Bodenmatten waren ersetzbar, die Pony-Innenausstattung nicht.
Wie zum Beweis, dass jede schlimme Situation noch schlechter werden kann, frischte der Wind auf und brachte den Geruch von Regen mit sich. Draußen über dem Golf türmte sich eine dunkle Wolkenbank auf und bewegte sich auf die Küste zu, die Ränder silbern vom Mondlicht, das Innere von Blitzen grellweiß erhellt.
Einfach großartig. Zwanzig Meilen von Zuhause entfernt und keine Scheiben auf der rechten Seite. Sah nicht gut aus für meine Pony-Innenausstattung.
Scheinwerfer glitten über mich hinweg und ich sah auf die Straße. Was nun? Hatte Cooper noch etwas zu sagen? Vielleicht hatte er mit seinem Revier telefoniert und sein Boss hatte ihm grünes Licht gegeben, meinen Hintern in die Stadt zu verfrachten. Einfach nur, um Ray zu ärgern.
Ich hob eine Hand, um meine Augen vor dem gleißenden Scheinwerferlicht zu schützen. Das Auto, ein glänzender neuer, roter SL Mercedes, hielt an. Das stark verdunkelte Fenster glitt hinunter und gab den Blick auf eine junge Frau frei. Ihr glattes, blondes Haar fiel wie ein Seidenvorhang auf ihre Schultern hinab und umrahmte ein Gesicht, das das Titelblatt der Vogue zieren könnte. Definitiv nicht, was ich erwartet hatte.
„Das war interessant“, sagte sie.
„Sie haben das also gesehen, ja?“
Sie lachte. Sanft, fast melodisch. „Es ist schwierig eine Frau zu verpassen, die mit einem Golfschläger auf einen Mustang einschlägt.“
Ich sah die Straße hinauf, von wo sie gekommen war. „Sie leben hier, nehme ich an?“
Sie strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Gleich hinter der Kurve.“
„Wollen Sie gerade Bier holen oder so?“
Ein weiteres sanftes Lachen. „Ich besuche einen Freund.“
„Ein bisschen spät, nicht wahr?“
„Er ist Barkeeper. Er macht nicht vor eins Feierabend. Aber er ist nicht halb so interessant wie das hier.“
„Ich wette, er wäre erfreut das zu hören.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Er würde darüber hinwegkommen.“
Ich hatte die erste Antwort, die mir einfiel, bereits auf den Lippen. Dass eine so schöne Frau wie sie sich wahrscheinlich keine Gedanken machen musste, jemanden zu verärgern. Niemand würde ihr böse sein, wenn sie zu spät kam. Stattdessen lächelte ich.
„Worum ging es also?“, fragte sie.
„Meine Ex. Sie ist irre.“
„Offensichtlich.“
„Ich bin Jake.“
„Nicole.“
Sie streckte mir ihre Hand durch das Autofenster entgegen und ich schüttelte sie. Zarte Haut, fester Griff. Die ersten Regentropfen trafen mein Gesicht.
„Du bringst diese Schönheit besser unters Dach.“
„Genau meine Gedanken. Das Problem ist nur, dass das Dach zwanzig Meilen weit weg ist.“
Sie zögerte und sah mich an, als würde sie eine Entscheidung treffen wollen.
„Oder einfach die Straße rauf. Bei mir. Du kannst das Auto in die Garage stellen, bis der Regen vorbei ist.“
„Was ist mit deinem Freund?“
„Sean der Barkeeper? Wie ich schon sagte, das hier ist weitaus interessanter.“
Sie lächelte. Perfekte Zähne. Perfektes Lächeln. Einfach perfekt. Runter, Junge!
„Es freut mich, dass ich deinen Abend ein wenig erhellen konnte“, sagte ich.
„Ein Mädchen muss immer sehen, wo es Spaß findet.“
„Du hast eine merkwürdige Definition von Spaß.“
„Das höre ich oft.“
Der Regen wurde stärker. Dicke Tropfen klatschten auf das Dach und die Windschutzscheibe des Mustangs.
„Folge mir“, sagte sie.
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie an, machte einen U-Turn und jagte die Straße hinauf. Ich startete den Mustang und folgte, aber als ich gewendet hatte, war sie bereits hinter der Kurve verschwunden. Mir kam der Gedanke, dass das vielleicht alles nur ein Spiel sein konnte. Dass sie versuchte, mich sitzenzulassen. Und vielleicht, nur vielleicht, wäre das alles nur eine tolle Geschichte, die sie ihren Freundinnen morgen beim Mittagessen erzählen würde.
Mir wurde klar, dass das eine sehr düstere Sicht auf das schöne Geschlecht war, aber da dank eines Mitglieds dieser Damenvereinigung der Regen durch die zerschmetterten Fenster meines Mustangs hereindrang, nehme ich an, dass mein Gedanke entschuldbar war.
Ich steuerte den Mustang durch die weitläufige Kurve in einen ruhigeren Bereich der Peppermill Road. Keine Spur von dem Mercedes. Wo zur Hölle war sie hin?
Hier in The Point waren die Grundstücke sehr großzügig geschnitten und durch dreißig Meter breite Naturgebiete aus mit Strandhafer bewachsenen Dünen und Pinienwäldchen voneinander getrennt. „Bauliche Ausnutzung der Grundstücksfläche“ gehörte nicht zum Vokabular der Bewohner von The Point. Und hier, am Ende des Gebiets, waren die Grundstücke noch größer, die Straße noch dunkler.
Ich fuhr langsamer. Immer noch keine Spur von dem Mercedes. Dann blinkten Rücklichter zu meiner Linken durch den Strandhafer auf einem breiten, sandigen Hügel. Abseits einer weitläufigen Auffahrt wartete ihr Mercedes vor einem Garagentor, das sich gerade öffnete. Sie fuhr hinein. Ich stellte meinen Mustang neben dem SL ab.
„Hat dir schonmal jemand gesagt, dass du schwer zu verfolgen bist?“, fragte ich.
„Jeder.“
Das riesige Haus bestand aus zwei Etagen Glas, Stein und Holz. Beachtlich war das Wort, das einem in den Sinn kam. Ebenso wie teuer. Vier breite, gebogene Steintreppen führten zu der mit aufwendigen Schnitzereien verzierten, zweiflügeligen Eingangstür. Ich folgte Nicole nach drinnen.
Die Einrichtung war gleichermaßen beeindruckend. Und beachtlich. Und teuer. Das Wohnzimmer schien so groß zu sein wie mein ganzes Zuhause. Tiefe Sofas, ein Feldsteinkamin, ein riesiger Flachbildfernseher, der den meisten Kinos Genüge tun würde, und eine Wand aus Fenstertüren, die auf eine großzügige Terrasse, den Strand und den jetzt schäumenden Golf hinausgingen. Regen hämmerte gegen die Scheiben. Blitze zuckten in der Ferne, gefolgt von tiefem Donnergrollen.
„Etwas zu trinken?“, fragte Nicole.
„Klar.“
Sie steuerte auf die Bar zu, eine handgeschnitzte Monstrosität, die eine Ecke des Raumes einnahm. Hinter dem Tresen standen Dutzende Flaschen wie Soldaten vor einem langen Spiegel. Nicole trug sorgfältig ausgefranste Jeans und ein rotes Ferrari-T-Shirt. Beide Kleidungsstücke klebten an ihrem Körper, als wäre sie darin eingeschweißt. Und was für ein Körper! Lang und schlank mit Kurven an den richtigen Stellen. Ein West-Coast-Gang, der aussah, als hätte sie Laufstegtraining gehabt.
„Du siehst aus wie ein Bourbon-Trinker“, sagte sie.
„Wie sieht ein Bourbon-Trinker aus?“
„Wild, hengstig.“
„Das bin ich wohl.“
Sie lachte. „Was soll es also sein? Bourbon?“
„Was immer du hast, ist in Ordnung.“
„Dann gibt es Tequila.“ Sie schnappte sich eine Flasche Patrón Silver und zwei Gläser, gab eine gesunde Portion in jedes davon und reichte mir eines. Sie stieß mit ihrem Glas an meines. „Willkommen.“
„Schönes Zuhause. Viel besser als meins.“
„Als meins auch.“ Sie nahm einen Schluck. „Das ist das Ferienhaus meines Onkels.“
Sie stellte die Tequilaflasche auf einen Kaffeetisch, der lang genug aussah, um als Landebahn für eine F-18 zu dienen.
„Ich kann mir nicht vorstellen, wie sein Hauptwohnsitz aussieht“, sagte ich.
„Größer.“
„Was macht er?“
„Filme. Produzent, Regisseur, Autor, all die üblichen Hollywood-Berufe.“
Ich sah mich ein weiteres Mal im Raum um. „Scheint gut bezahlt zu werden.“
„Besonders auf seinem Niveau. Hat ein paar Oscars gewonnen und ein halbes Dutzend Emmys.“
„Wieso hier? Wieso nicht Malibu oder so?“
Sie kickte ihre Sandalen fort. „Dort lebt er die meiste Zeit. Malibu. Die Kolonie. Er kommt ursprünglich aus Pensacola. Er möchte nicht bei den Hollywood-Leuten leben, deshalb kommt er hierher.“
„Und du?“
„Meine Wohnung ist in Kalifornien. Orange County. Newport Beach. Kennst du die Gegend?”
„War ein paarmal da. Sehr nett.“
„Zu überlaufen. Hier ist es viel besser.“
„Wo ist er jetzt? Dein Onkel?“ Mir kam der Gedanke, dass wir vielleicht nicht allein waren. Vielleicht war Onkel Joe, oder wie auch immer er heißen mochte, oben und schlief. Oder er lud eine Waffe.
Ihre feingliedrigen Finger hielten das Tequilaglas auf Höhe ihrer Brust, wodurch das Ferrari-Logo auf ihrem T-Shirt verzerrt aussah. „Europa. Er wird dort für ein paar Monate bleiben. Dreht einen neuen Film.“
„Also machst du hier Ferien?“
„So in der Art. Ich arbeite an einem Drehbuch.“
„Arbeitet nicht jeder in Kalifornien an einem Drehbuch?“
Sie lachte wieder. „Sieht so aus. Aber ich habe tatsächlich schon ein paar verkauft.“
„Ich bin beeindruckt.“
„Musst du nicht.“ Sie rührte den Tequila mit einem Finger um und leckte ihn dann sauber. „Es waren Kurzfilme. Aber einer wurde beim Sundance-Festival gezeigt.“
„Glückwunsch.“
„Jup. Damit und mit sechs Mäusen kann ich mir bei Starbucks einen Latte kaufen.“ Sie saß auf dem Sofa und klopfte auf das Kissen neben sich. „Komm. Setz dich.“
Mir fiel kein Grund ein, nicht zu gehorchen, und wenn ich einen gehabt hätte, hätte ich ihn hinfortgewischt. Ich setzte mich. Sie drehte sich zu mir und schlug ihre Beine unter, sodass ihre Knie meinen Oberschenkel berührten.
Der Regen schlug in Wellen an die Fenster. Ein langer, zuckender Blitz erhellte den Raum, gefolgt von einem spürbaren Donner.
Sie zuckte zusammen und sagte: „Sieht böse aus da draußen.“
„Es wird vorbeiziehen.“
„Ich schätze, bis dahin sitze ich mit dir hier fest.“ Sie grinste. „Aber da wir nun etwas Zeit haben, erzähl mir doch die Geschichte.“ Sie füllte unsere Gläser auf und stellte die Flasche auf den Tisch zurück.
„Welche Geschichte?“
„Die ganze Golfschläger-Angelegenheit.“
„Das Übliche. Hochzeit, Scheidung, irre Frau. Du lebst in Kalifornien. Ich bin sicher, das hast du schon gesehen.“
„Stimmt.“ Sie warf ihre Haare über ihre Schulter zurück. Sogar ihr Hals war schön. Vielleicht war es auch der Smaragd, der an einer gewundenen Goldkette hing. „Bist du ein Stalker oder so?“
„Nein. Aber das dachte sie. Allerdings dreht sich in ihrer Welt alles nur um sie.“
„Was hast du mitten in der Nacht in dieser Gegend gemacht?“
„Geschnüffelt. Nur nicht ihr hinterher.“
„Interessant. Ich wittere eine Story.“
Ihre Augen waren so tiefblau, dass sie bodenlos erschienen. Wie eine ruhige tropische Lagune. Vielleicht ein blauer Eisberg. Aber nicht kalt. Definitiv nicht kalt.
„Mein Vater ist Privatdetektiv“, sagte ich. „Ich habe für ihn gearbeitet.“
„Die Geschichte wird besser. Nun bin ich wirklich fasziniert.“
„Eine weitere alte Geschichte. Ein Typ denkt, seine Frau trifft sich mit anderen Männern, sobald er die Stadt verlässt. Möchte sie beobachtet haben. Möchte wissen, mit wem sie herumspielt.“
„Das ist alltäglicher, als ich gedacht hatte.“
Von alltäglich war Nicole weit entfernt. Schmerzhaft schön, aber offensichtlich intelligent. Keine dieser Blondinen mit Vakuum im Kopf, die ich üblicherweise am Strand oder in meiner Bar traf.
„Detektivarbeit ist meist alltäglich“, sagte ich. „Und langweilig. Endlos lang isst du Junkfood und wartest darauf, dass etwas passiert.“
„Etwas wie die Zerstörung deiner Autoscheiben?“
„Das war das erste Mal.“
„Ich nehme an, echte Detektivarbeit ist nicht wie im Film? Sam Spade und so?“
„Nicht annähernd. Ich nehme an, dein Onkel würde dasselbe sagen.“
„Möglicherweise.“ Sie streckte sich und unterdrückte ein Gähnen.
„Halte ich dich davon ab, ins Bett zu gehen?“
„Du klaust meinen Text.“ Ein schelmisches Grinsen.
Ich schüttelte den Kopf. „Lustig.“
„Das wollte ich dich gerade fragen.“
„Wie heißt er?“, fragte ich. „Dein Onkel?“
„Charles Balfour.“
„Echt? Ich kenne ihn. Habe zumindest von ihm gehört.“
„Wer nicht? Er ist der Bruder meiner Mutter. Sie und Dad sind auch in dem Business. Mom ist Kostümdesignerin und Dad ist Cutter. Sie beide haben ebenfalls Preise gewonnen.“
„Und du bist Drehbuchautorin. Sehr talentierte Familie.“
Sie neigte mir ihr Glas zu und zuckte mit den Schultern.
„Du solltest Schauspielerin sein“, sagte ich. „Du siehst definitiv so aus.“
„Wie? Drogenabhängig und blöde?“
„Ich dachte eher an schön und fotogen.“
„Und ich dachte, meine Augen seien zu groß.“
Ich sah in diese blauen Augen. „Nicht groß. Tief vielleicht.“
Sie sah mich an, streckte dann ihre Hand aus und legte sie auf meinen Arm.
„Das ist süß.“ Ein sanftes Drücken. „Ich war Schauspielerin. Irgendwie. Hab ein paar Filme gemacht. Kleine Rollen. Das Mädchen im Bikini. Manchmal mit abgeschnittenen Jeans. Blickfang. Immer im Hintergrund.“
„Ich wette, du hast den anderen die Schau gestohlen.“
„Baggerst du mich an?“, fragte sie.
„Ich beobachte nur.“
„Schade. Ich würde jetzt gern angebaggert werden.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du an irgendeinem Tag einmal nicht angebaggert wirst.“
Sie lächelte. „Das ist sehr freundlich. Unglücklicherweise ziehe ich offenbar Versager an.“
„Tun wir das nicht alle?“
Sie griff nach dem Tequila und füllte unsere Gläser erneut. Die Flasche war halb leer. Es fühlte sich an, als würde der größte Teil des Inhalts in meinem Kopf herumwirbeln. Ich hätte mehr als einen Müsliriegel zu Abend essen sollen.
„Also, warum schreibst du Drehbücher und bist keine Schauspielerin?“, fragte ich.
„Bist du je an einem Filmset gewesen?“
„Nicht wirklich. Ein paar Fernsehinterviews und so.“
„Etwas ganz anderes. Filmsets sind langweilig. Ermüdend. Ein Haufen Leute, die hauptsächlich gar nichts tun. Ich bin nicht gut im Nichtstun.“
„Wie alt bist du?“, fragte ich.
Sie runzelte die Stirn. „Du solltest eine Lady niemals nach ihrem Alter fragen.“ Dann lachte sie, und ihre babyblauen Augen glitzerten. „Ich mache nur Spaß. Ich bin siebenundzwanzig. Warum?“
„Du siehst jünger aus, benimmst dich aber älter.“
„Das ist irgendwie ein Kompliment, nehme ich an.“
„Das ist es.“
„Und du?“
„Zweiunddreißig.“
„Warum die Scheidung?“, fragte sie.
„Wie ich bereits sagte, sie ist irre.“
„Verrücktheit kann in beide Richtungen gehen.“
Ich nickte. „Verrücktheit ist auch nicht schlecht. Erst, wenn sie das Niveau von echtem Irrsinn erreicht.“
„Und?“
„Und was?“
Wieder warf sie ihr Haar zurück. „Ich wette, zu der Geschichte gehört noch mehr.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich war nicht sehr taktvoll.“
„Hattest du nebenher eine Bikini-Blondine?“ Sie hob eine Augenbraue. „Oder mehrere?“
Ich zuckte wieder mit den Schultern. Ich wollte das Thema nicht vertiefen.
„Also bist du ein bekennender Bad Boy?“, sagte sie.
„Du hörst dich an wie sie.“
Das Telefon klingelte.
„Ich sollte da rangehen“, sagte sie. „Es ist möglicherweise Sean, der sich fragt, wo ich bleibe.“
Sie stand auf und ging zum Tresen, wo ihre Handtasche lag. Sie kramte ihr Mobiltelefon hervor und hielt es an ihr Ohr.
Der Teil der Unterhaltung, den ich hörte, ging so:
„Entschuldigung, ich bin eingeschlafen.“
„Ich habe es nicht gehört. Mein Handy war im anderen Raum.“
„Nein, es ist zu spät. Morgen?“
„Ich rufe dich an.“
Sie legte auf. „Entschuldige.“
„Ich hoffe, er ist nicht sauer.“
„Er wird darüber hinwegkommen.“ Sie setzte sich. „Oder auch nicht.“
In der folgenden Stunde ließ der Regen nicht nach, obwohl die Blitze in größeren Abständen aufleuchteten und der Donner weiter entfernt schien. Wir leerten die Tequilaflasche und erzählten uns Geschichten.
Sie war in Beverly Hills geboren worden; ich war ein Junge von hier, der abgesehen von ein paar Jahren in der Profiliga sein ganzes Leben am Golf verbracht hatte. Sie hatte einen Abschluss in Literatur von der University of California und einen Master of Arts von der University of Southern California; ich hatte mit einem Baseball-Stipendium zwei Jahre auf der University of South Alabama geschafft und einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Sie hatte in Hollywood herumgehangen, aber es nie geschafft, die große Welle zu reiten und war deshalb nach OC gezogen, um sich von dem LA-Wahnsinn zu distanzieren; ich hatte eine Strandbar gekauft und arbeitete gelegentlich für meinen Vater. Wie heute Nacht.
Bald stellte sie ihr leeres Glas auf den Kaffeetisch und streckte sich auf dem Sofa aus, ihren Kopf auf meinem Schoß. „Es ist unkompliziert, mit dir zusammenzusein, Jake Longly“, sagte sie.
„So wie mit dir.“
Sie kuschelte sich tiefer in das Sofa und machte es sich bequem. Mein Kopf fiel in ein Kissen zurück und ich starrte zu der kupferbeschlagenen Deckehinauf. Sie umschloss meine Hand mit ihren beiden und schlang ihre Finger um meine. Ihre Atemzüge wurden sanft und tief. Meine Lider wurden schwer.
Das war das Letzte, woran ich mich erinnerte.

 

Kapitel drei

Am nächsten Morgen erwachte ich erschöpft und mehr als nur ein bisschen orientierungslos. Mein Kopf war in die tiefen Sofakissen gesunken, mein Blick ging hinauf zu einer Decke, die ich nicht kannte. Mein Herzschlag pulsierte in meinen Augäpfeln, und sogar meine Zähne und meine Kopfhaut taten mir weh. Ich versuchte mich zu bewegen, aber mein Rücken und mein Nacken protestierten. Ich brauchte ein paar Minuten, bis mir wieder einfiel, wo ich war. Ein Blick auf Nicole und alles war wieder da. Tequila. Des Teufels Lieblingsgetränk. Mit klarem Hochprozentigem komme ich nicht klar. Gin, Wodka und Tequila hinterließen stets ihre Spuren in meinem Kopf. Und jedes Mal, wie jetzt auch, schwor ich mir, künftig bei Bourbon und Bier zu bleiben. Warum erinnerte ich mich daran nie?
Weder Nicole noch ich hatten uns bewegt. Sie lag immer noch auf dem Sofa, auf einer Seite zusammengerollt, das wunderschöne Gesicht im Profil auf meinem Schoß. Sie hatte offenbar irgendwann in der Nacht einen afghanischen Überwurf über uns gezogen. Oder vielleicht war ich es gewesen. Ich hatte keine Erinnerung daran. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Acht Uhr morgens.
Ich glitt unter ihr heraus und schob ein Sofakissen unter ihren Kopf. Sie murmelte etwas, wachte aber nicht auf. Ich rückte die Decke über ihr zurecht und zog sie bis zu ihrem Hals hoch, dann trat ich zur Fensterfront. Klar und sonnig. Meine Augen fühlten sich an, als hätte sie jemand mit Sandpapier bearbeitet. Ich blinzelte ein paarmal, aber es half nichts. Der Golf lag ruhig da und der Strand war leer, abgesehen von ein paar Frühaufstehern, die sich ihren Platz für den Tag reservierten.
Nachdem ich meine Schuhe gefunden hatte – einen in der Nähe der Bar, den anderen an einen Sessel gelehnt, keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen waren –, zog ich sie an und küsste Nicole auf die Wange. Ich sagte irgendwas Blödes wie „Ich hatte eine schöne Zeit mit dir“. Komplett lahm. Aber verkatert wie ich war, fiel mir nichts Besseres ein. Sie öffnete ihre Augen nicht, lächelte aber schwach und murmelte: „Ruf mich später an.“
Wie hätte ich dieses Angebot ablehnen können? Aber ich hatte ihre Nummer nicht und sagte ihr das.
Sie sagte sie mir und ich nahm sie in die Kontaktliste meines Handys auf. Ich verließ das Haus.
Nächster Halt: Alberto’s Exotic and Vintage Cars. Alberto Garcia, der Eigentümer, war der beste Mechaniker in der Gegend. Er konnte alles reparieren. Und wenn irgendwer Scheiben für einen fünfundsechziger Mustang auftreiben konnte, dann war es Alberto. Seine Werkstatt war in Gulf Shores, eine Meile vom Strand entfernt in einem kleinen Gewerbegebiet. Der niedrige Betonblock war hellgelb gestrichen, hatte ein in die Jahre gekommenes Wellblechdach und vier Hebebühnen. Alberto war auf Exoten und Detroit Muscle-Cars spezialisiert.
Als ich auf den gekiesten Hof fuhr, kam Alberto gerade aus einer offenen Garage, in der ein hellblauer Chevy Malibu auf der Hebebühne stand und zwei seiner Leute versuchten, ein Teil an der Unterseite des Wagens zu lockern. Alberto grinste, während er seine Hände an einem fettfleckigen Handtuch abwischte.
„Jake. Wie geht’s?“
„Hab letzte Nacht ein paar Scheiben verloren.“
Er beugte sich in den Wagen und inspizierte die Glassplitter, die immer noch den Fußboden bedeckten. „Was ist passiert?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Eine Frau. Kann nicht anders gewesen sein.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Tammy.“
Er lachte. „Diese Frau wird das hier eines Tages mit deinem Kopf tun.“
Alberto kannte Tammy nur zu gut. Sie war ein paarmal ihm gegenüber ausgerastet, weil sie der Meinung war, er hätte ihr Auto nicht ordentlich repariert. Es stimmte nicht, aber sie ließ sich niemals von der Wahrheit einen guten Wutausbruch kaputtmachen.
„Wird wahrscheinlich schwer werden, Scheiben für das Ding zu finden“, sagte ich.
Er nickte. „Ich tätige ein paar Anrufe und sehe, was ich ausgraben kann.“
„Danke.“
„Brauchst du einen Ersatzwagen?“
„Vielleicht kann mich einfach jemand zu Ray bringen.“
Alberto rief einen seiner Jungs heran, einen jungen Mann namens Robbie, der mehr wie ein Surfer aussah als wie ein Mechaniker. Er hatte zottelige, blonde Haare, die ihm in die Augen fielen, und trug Jeans und ein verblasstes grünes T-Shirt, dessen Ärmel an den Schultern abgerissen waren und den Blick auf sehnige Arme freigaben. Wir kletterten in seinen roten Pick-Up und hielten zehn Minuten später vor dem zweigeschossigen Pfahlbau am Strand von Gulf Shores, das sowohl Rays Zuhause als auch das Büro von Longly Investigations war. Rays schwarzer sechsundsechziger Camaro SS und sein schwarzer Chevy Pick-up mit Doppelkabine waren zwischen die Pfähle gezwängt. Ich bedankte mich bei Robbie und stieg die Stufen zum ersten Stock hinauf.
Longly Investigations belegte den größten Teil des unteren Stockwerks und beanspruchte das ehemalige Wohnzimmer sowie das Esszimmer und den Vorratsraum. Die Küche befand sich am anderen Ende; Wohn- und Schlafzimmer waren im oberen Stock. Der Duft von gebratenem Speck und frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die Luft. In der Küche fand ich einen Teller mit zwei Streifen Speck und einer Scheibe Weizentoast. Ich goss mir Kaffee in eine Tasse und legte den Speck auf die Toastscheibe. Ich nahm einen Bissen, während ich hinaus auf den Balkon ging, auf dem Ray an einem Teaktisch unter einem Sonnenschirm den größten Teil seiner Arbeit verrichtete. In der Nähe seines Ellbogens stand ein Teller mit den Resten seines typischen Frühstücks: Eier, Speck und Toast. Er hielt sich ein Mobiltelefon ans Ohr und hatte eine Mountain-Dew-Limonade in seiner freien Hand. Immer eine Dew. Sie war Teil von Rays sogenanntem „Frühstück für Champions“.
Ich setzte mich ihm gegenüber.
Ray war ein harter Brocken. Achtundfünfzig, immer noch sehr fit, mit kurz geschnittenem, ergrauendem Haar und blassblauen Augen, die bei der kleinsten Provokation gefrieren konnten. Er joggte am Strand und stemmte jeden Tag Gewichte in einem Studio um die Ecke. Regen oder Sonne. Er war ein Marine gewesen vor der Juristenausbildung, dem FBI, der unheimlichen Geschichte und seiner Arbeit als Privatdetektiv. Er war geradeheraus, erzählte keinen Unsinn, und viele Leute mochten seine Direktheit nicht. Üblicherweise diejenigen, in deren Umfeld er ermittelte. Manchmal auch die Polizei. Er kam ihnen häufig in die Quere. Sie waren nicht gerade glücklich darüber. Aber wie sagte er immer: „Scheiß auf die. Wenn sie einen besseren Job machen würden, bräuchte man mich nicht.“
Ich gehörte zu jenen, die Rays aggressive und direkte Herangehensweise nicht tolerierten. Es war schon immer so gewesen. Er hatte die Familie immer wie eine Militäreinheit kommandiert. Wenn ich in der Schule nachlässig war, was oft der Fall war, ging Ray die Wände hoch. „Mach was aus dir, Junge“, war einer seiner am häufigsten benutzten Lehrsätze. Wäre mein Baseball-Talent nicht gewesen, hätten Ray und ich wahrscheinlich vor langer Zeit miteinander gebrochen. Aber athletisches Können machte in Rays Augen eine Menge Sünden wett, also verfielen wir in einen unbehaglichen Waffenstillstand. Nicht dass er nicht ständig versucht hätte, mich in sein Unternehmen zu ziehen, wo er dann wieder die Kontrolle über mich gehabt hätte. Aber ich widerstand. Dieses Mal hatte Ray jedoch das Wort Bitte benutzt, als er mich gefragt hatte, ob ich ein bisschen Observierungsarbeit für ihn machen könnte. Es gehörte nicht zu seinem üblichen Vokabular. Also entschied ich, es zu tun. Jetzt allerdings, um zwei Autoscheiben ärmer, wünschte ich, ich hätte abgelehnt. Zu spät.
Ray beendete sein Telefonat, indem er sagte: „Sag dem Hurensohn, ich komme nicht nach Miami. Auf keinen Fall.“ Er hörte zu und sagte: „Sag es ihm einfach.“ Er beendete den Anruf, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Probleme?“, fragte ich.
„Dieser Scheidungsfall unten in Coral Gables. Geht nächste Woche in Miami vor Gericht. Sie wollen mich als Zeugen vor Ort. Hab aber keine Lust, das zu bezahlen. Scheiß drauf.“ Er leerte die Dew. „Wie war’s letzte Nacht?“
„Interessant.“
„Ja?“
„Nicht mit Barbara Clammer. Da war nichts. Sah so aus, als wäre sie gegen zehn ins Bett gegangen. Zumindest gingen um die Zeit alle Lichter aus. Niemand kam vorbei.“
Barbara Clammer war die Zielperson unserer Ermittlung. Unserer? Ich meinte Rays. Henry Clammer, Barbaras Ehemann, ein reicher Softwareentwickler, der seine unzähligen Millionen in den Immobilienmarkt steckte, hatte Ray beauftragt, seine Frau beim Betrügen zu ertappen. Er war sich „absolut sicher“, dass sie es tat und er brauchte einen Beweis. Nicht für eine Scheidung oder etwas in der Art. Eher um „sie wieder in die Spur zu bekommen“, wie er sich ausdrückte.
„Das klingt nicht interessant.“
Ich erzählte ihm den Rest der Geschichte. Die Tammy-Geschichte. Nicht die Nicole-Geschichte. Es gab nichts zu verheimlichen, nicht wirklich, ich wollte nur nicht darüber reden. Wollte nicht Ray zuhören, wie er über meinen Schwanz schwadronierte, der mich steuerte. Ein alter und sich wiederholender Streit zwischen uns. Ray war der Meinung, dass es keine Karriere war, eine Bar zu betreiben und Bikinis hinterherzujagen. Ich war anderer Ansicht.
„Hättest nicht vor ihrem Haus parken sollen“, sagte Ray. „Weil sie so irre ist und so. Vielleicht wäre ein bisschen weiter entfernt besser gewesen.“
Ray wusste immer alles besser.
„Die Sicht auf das Haus der Clammers war besser dort wo ich war.“
Ray nickte und massierte seinen Nacken. „Ruf Pancake an. Henry wird noch ein paar Tage weg sein, und vielleicht findet er etwas über die liebe Ehefrau heraus. Ich habe gehört, sie hat heute Nacht einen Auftritt. Und als sie das letzte Mal einen hatte, hatte sie danach Besuch. Entweder geplant oder auf der Party aufgegabelt.“
„Mach ich.“
„Schätze, du willst den Pick-up fahren, bis dein Wagen repariert ist?“
„Danke.“
„Park ihn aber nicht vor Psycho-Tammys Haus.“
„Ich denke, der Strand wäre sowieso ein besserer Beobachtungspunkt“, sagte ich. „Von dort hat man einen guten Blick auf die Hintertür und die Schlafzimmer.“
„Du legst dich besser nochmal hin. Siehst scheiße aus.“
„Danke. Schön, dass es dir auffällt.“
„So sieht’s eben aus.“

 

 

 

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D. P. Lyle ist preisgekrönter Bestsellerautor von Belletristik und Sachbüchern. Das erste Buch der Jake Longley-Reihe, Untergetaucht, war Finalist des Shamus Award, des ForewordINDIES „Book of the Year“ Award und des USA Today Best Book Award. D.P. Lyle war Co-Moderator von Crime and Science Radio und moderiert derzeit die Podcast-Serie Criminal Mischief. Er gewann Macavity und Benjamin Franklin Awards und wurde für die Edgar, Agatha, Anthony, Scribe und Silver Falchion Awards nominiert.