Scherbenkrone

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Prolog

»Sei stark, meine Tochter. Sei stark und räche mich. Kämpfe für unser Volk, für unsere Freiheit. Stelle dich dem Wahnsinn und verzage nicht, denn schlussendlich wirst du siegen. Lass ihn niemals sehen, wie deine Hoffnung schwindet …«
»Sieh es dir an, Calista. Ist dieser Anblick nicht herrlich? Wie der Pöbel vor Angst zittert und die Knie vor mir beugt?«
»Wunderschön, Vater.« Die Stimme der Prinzessin zitterte kaum merklich, während Soldaten ihre Mutter mit zwei dicken Eisenketten fesselten. Unentwegt sah Königin Feenya zu ihr auf. Zärtlich und liebevoll, wie sie es immer gewesen war. Calista spürte noch den zarten Hauch der vollen Lippen auf ihrer Stirn zum abendlichen Kuss. Sie vernahm die Stimme der Königin, die von Fabelmärchen erzählte, eines dunkler als das andere. Calista hörte sie gerne. Solange nur in den Geschichten Blut floss, war alles in Ordnung.
Nun lechzte das Volk selbst nach Blut. Immer lauter schrien die Bewohner Dormientas, getrieben von der Angst, selbst an der Stelle der Königin zu enden, wenn der Herrscher mit ihrem Spektakel nicht zufrieden war. König Ignas fackelte niemals lang und bestrafte selbst kleinste Vergehen hart.
Calista wandte den Blick ab von den Lippen ihrer Mutter, die sie schon vor Jahren zu lesen gelernt hatte. Ihr Vater hörte zu viel, so hatten sie lernen müssen, im Stillen zu kommunizieren. Ihrer Mutter drohte nun keine weitere Gefahr mehr als das Beil des Henkers, doch Königin Feenyas Sorge galt dem Schutz der Prinzessin. Und so entwich ihren Lippen ein stummes Gebet, während nur Calista die tröstenden Worte verstand.
»Sei stark, meine Tochter.«
Das Mädchen krallte die Hände in sein blaues Kleid, bis die Knöchel sich weiß vom dunklen Stoff abhoben. Der Hochverräterin gebührte keine schwarze Trauerkleidung. Ebenso wenig würde ihre Mutter eine Beerdigung erhalten oder in die Familiengruft der Königsfamilie gebracht werden. Stattdessen würden ihre Überreste nach der Enthauptung eingeäschert und außerhalb der Schlossmauern auf den Feldern verstreut werden.
Calista kannte diese Abläufe zu gut. Nie hätte sie jedoch erwartet, eines Tages ihre zarte, sanfte Mutter dort vor dem Holzblock knien zu sehen.
Ihr Atem ging schneller, bildete kleine Wölkchen vor ihrer kalten Nase. Unter dem muffigen Pelzmantel war sie jedoch schweißgebadet. Gleich war es so weit und sie durfte den Blick nicht abwenden. Feenya hatte es ihr eingetrichtert – bloß nicht den Blick abwenden. Keine Schwäche zeigen. Mach ihn stolz, Calista. Schütze dich und mach ihn stolz, bis die Zeit deiner Freiheit gekommen ist.
Sie dachte an die Krone ihrer Mutter, die nun in einem Kästchen auf ihrem Nachtschrank stand, und sofort wurde ihr wärmer um das klamme Herz. Wenigstens eine Erinnerung an Feenya würde sie behalten dürfen, wenn schon alle Gemälde mit dem Antlitz der Königin auf Geheiß ihres Gatten verbrannt worden waren. Calista dachte an den beißenden Geruch von Farbe und Leinwänden auf dem Scheiterhaufen. Ein solcher würde auch auf das leblose Fleisch ihrer Mutter warten. Sie erinnerte sich an die wärmende Hitze der Flammen auf ihrer Haut und schloss die Augen.
Gleich war es vorbei. Wenige Minuten noch, dann hatte sie es geschafft.
Als die Menge immer lauter brüllte, schlug Calista die Augen auf. Ihr Vater hob die Hand, um das nach Blut geifernde Publikum zum Schweigen zu bringen.
»Die Verhandlungen sind vorbei. Die Richter haben gesprochen.«
Nein, dachte Calista. Du hast gesprochen. Du hast ihr Todesurteil besiegelt. Du bist das Monster, Vater.
»Diese Hochverräterin plante den Mord am Träger der Krone. Und so übergeben wir sie ihrer gerechten Strafe: dem Tod!«
Die Menge schrie auf, jubelte ohrenbetäubend laut, als wollte sie diesen dunklen Tag mit den tausend Stimmen erhellen. Calista holte tief Luft, spürte die klirrende Kälte in ihrer Lunge. Hoffentlich werde ich nicht krank. Wer erzählt mir nun stundenlang Geschichten, wenn ich krank werde?, dachte sie und schalt sich gleich darauf dafür, in einer solchen Situation an ihren eigenen Kummer zu denken.
Vorsichtig beugte sie sich vor und suchte die Tribünen im Schlosshof mit ihrem Blick ab. Wo waren die Freunde ihrer Mutter? Ihre Familie? Wieso war keiner von ihnen gekommen, als Feenya ihre letzten Hilferufe ausgesandt hatte?
Der Blick aus den grauen Augen ihrer Mutter traf auf ihren, die blassen Lippen verzog sie zu einem Lächeln. Calista erwiderte es nicht. Zu groß war die Furcht, ihr Vater würde die letzte Geste des Abschieds bemerken.
»Sei stark, meine Tochter. Sei stark und räche mi…«
Das Sirren des Beils durchschnitt die stummen Worte. Mühelos durchtrennte die Klinge die ersten Schichten aus Haut und Fleisch. Sie traf auf Knochen, zerschmetterte sie mit einem widerlichen Knirschen. Blut spritzte hoch, funkelte auf der Klinge und floss daran hinab. Die Menge verstummte für einen endlosen Moment, bevor das Freudengebrüll nur noch lauter von den steinernen Wänden des Hofs widerhallte.
Calista wandte den Blick nicht ab. Ihr Magen rebellierte wie bei jeder Hinrichtung, die sie in den acht Jahren ihres Lebens hatte ansehen müssen, doch sie wagte es nicht. Dabei hätte sie sich gern vor der Gewalt abgeschirmt. Wollte nicht länger mitansehen, wie ihre Mutter mit jedem Schlag des Beils weiter von ihr getrennt wurde. Es gab kein Zurück mehr. So schloss sie den Schmerz weg, erlaubte sich keinen Zusammenbruch vor den Augen ihres Vaters und Volkes.
Eine warme Hand drückte auf ihre Schulter nieder. Sie spürte, wie sie schwankte, wie ihr Blickfeld von dunklen Punkten durchzogen wurde, während der Kopf ihrer Mutter auf den blutüberzogenen Steinen aufschlug. Nicht umkippen, ermahnte sie sich. Sei stark, Calista.
»Du verstehst das doch, Tochter, nicht wahr?« Der feste Griff ihres Vaters schickte einen heftigen Schmerz durch ihre Schulter. »Hochverrat darf nicht ungesühnt bleiben. Ich musste es tun.«
»Ja, Vater«, erwiderte sie tonlos. Ihre Stimme brach nicht. Zitterte nicht einmal. »Ich verstehe.«

1.    Lang lebe die Verräterin

Laut hallten Calistas Schritte von den steinernen Wänden wider, doch das kümmerte sie nicht. Sie musste sich nicht anschleichen. Ihr Weg lag klar und deutlich vor ihr, sie war ihn schon Hunderte Male gegangen. Keine Angst verlangsamte ihre Schritte, die eher an den selbstbewussten Marsch von Soldaten erinnerten als an die grazilen Bewegungen, die ihre Tanzlehrer stets von ihr verlangten.
Sie schnaubte. Als wäre sie jemals grazil gewesen, wenn es nicht nötig war. Sie war die Prinzessin. Ihre Schritte sollten gehört werden. Jeder in diesen verdammten Mauern sollte vernehmen, wohin sie unterwegs war!
Ihre zwei Leibwachen hielten Schritt, auch wenn sie betont hatte, dass sich Alexos und Mireille nicht einzumischen hatten. Das war ihr Triumph. Sie hatte jahrelang gewartet, um es endlich zu beenden. Sie spürte das Kribbeln der Vorfreude auf ihrer Haut. Konnte den Sieg schon beinahe schmecken.
Aus dem Schlosshof drangen Schreie zu ihr herauf. Wahrscheinlich wieder ein armer Bauer, der gefoltert wurde, weil er ein Lamm oder einen Sack Getreide zu wenig abgegeben hatte. Calista hatte gelernt, die Schreie auszublenden, ansonsten könnte sie in diesen Mauern nie zur Ruhe kommen. Doch das machte sie nicht erträglicher. Heute grub sich der Ton in ihr Herz hinein, unerträglich und schmerzhaft. Heute gelang es ihr nicht, das Leid ihres Volkes auszublenden.
So viel Qual. So viele sinnlose Tode. Sie erinnerte sich kaum an die Zeit, in der es ruhig gewesen war. In der das Volk seinen Herrscher geliebt hatte.
Die Liebe war mit ihrer Mutter gestorben. Sollte sie in Frieden ruhen. Calista war auf dem Weg, sie zu rächen, wie sie es schon seit elf Jahren vorhatte. Seit dem Tag, als sie die Asche ihrer Mutter verstreut hatte und weinend zusammengebrochen war. Nur das höchste Ratsmitglied ihres Vaters hatte ihr an dem Tag die Hand gereicht.
Heute würde die Zeit der Tyrannei endlich ein Ende nehmen. Die Menschen in diesem Reich würden wieder ruhig schlafen können, denn sie würde das Leiden beenden. Es hatte bereits zu lang angehalten und es brachte nichts mehr, nur Einzelnen zu helfen, wie sie es bisher versucht hatte. An diesem Tag würde sie alle befreien, die auf ihre Prinzessin zählten, wie sie es mit Minister Razniak geplant hatte.
Calista stieß die Flügeltüren zum Thronsaal auf. Wie immer schwebte eine seltsame Ruhe über dem Raum, dessen seitliche Wände vollkommen aus bunten Glasscherben bestanden. Das Licht der Sonne warf faszinierende Muster auf den glatten, weißen Steinboden. Als Kind hatte Calista ewig hier sitzen und den Farbspielen zusehen können. Doch das war vor langer Zeit gewesen. Vor den wahnsinnigen Anwandlungen ihres Vaters, die ihr Leben in einen Albtraum verwandelt hatten. Vor Feenyas Verrat.
Bevor Calista in ihrem goldenen Käfig Tag für Tag erstickt war.
Jetzt hatte sie für das Farbenspiel der Nachmittagssonne keinen Blick übrig. Alexos schloss die Türen hinter ihr. Sie wusste, dass er sie diskret verriegelte, damit niemand sie störte. Mireille sah sich im Thronsaal um, der um diese Zeit beinahe ausgestorben vor ihnen lag. Calista bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Mireille die Fingerspitzen an den Dolch an ihrer Seite legte, doch ein leises Räuspern der Prinzessin reichte aus, um die Wächterin stillstehen zu lassen.
Calista wandte den Blick ihrem Vater zu. Auf seinem üppig geschmückten Thron sah er verloren aus. Alt, schwach, verrückt. Allem Anschein nach hatte er heute zumindest die Bediensteten rangelassen, die seine blutunterlaufenen Augen mit Salben und Tinkturen behandelt und die starken Ringe darunter mit Schminke bedeckt hatten. Gesünder sah der König trotzdem nicht aus. Calista war sich nicht sicher, ob ihr Vater je gesund gewesen war. Das Volk tuschelte, dass ihm der Thron die Eier vergiftet hatte. Dabei sollte der reiche Blumenschmuck über all dem Gold doch Fruchtbarkeit symbolisieren.
Calista tuschelte nicht. Sie wagte es, das laut zu sagen. Nicht selten hatte sie sich von Gerald, dem Leibwächter ihres Vaters, dafür eine gefangen. Aber es kümmerte sie nicht.
Schon in dem Jahr vor dem Tod ihrer Mutter hatte er unter zunehmendem Verfolgungswahn gelitten und hinter jeder Ecke einen Angriff erwartet. Dabei wandte er als Einziger übermäßige Gewalt an, wann auch immer es ihm gefiel. Mit der Zeit waren seine Foltermethoden grausamer geworden – besonders schätzte er die Hetzjagden auf unschuldige Bauern, deren Steuerabgaben in seinen Augen nicht hoch genug waren.
Von seinem Rat ließ er sich inzwischen nichts mehr sagen. Die adligen Berater hielten die Fäden des Königreichs im Geheimen zusammen, doch öffentlich war es allein König Ignas, dem die Treue des Volkes gelten sollte. Jegliche Abweichung davon wurde mit dem Tode bestraft. Genau wie jeder Angriff auf ihn, sei er real oder nur seinem kranken Verstand entsprungen.
Sie war der lebende Beweis dafür, dass der König keine Thronerben mehr zeugen konnte. Drei Frauen nach ihrer Mutter hatten es nicht geschafft, ihm einen Sohn zu schenken. Wäre einer bei seinen Aktivitäten rumgekommen, stünde Calista nicht im Thronsaal.
Sie wäre längst unter der Erde.
Ihr Vater verzog den bleichen Mund zu einem Grinsen, als er seine Tochter entdeckte. »War deine Jagd erfolgreich, Frettchen?«
Frettchen. Niemand außer ihm nannte sie ungestraft so. Nur aus dem Mund ihres Vaters duldete Calista die Beleidigung, und auch von ihm widerwillig. Bisher hatte sie keine andere Wahl gehabt. Sie hätte es vorgezogen, ihn diskret bei einem Jagdunfall verschwinden zu lassen, sobald sich die Gelegenheit ergab. Seine neuesten Pläne würde sie jedoch nicht abwarten.
Jetzt schloss sie die Hand um das gezackte Jagdmesser an ihrer Seite. Das Messer ihrer Mutter. Sie ging die dreißig langen Schritte bis zum Thron, kletterte die zehn Stufen hinauf und warf es ihrem Vater vor die Füße.
»Dein Blutzoll.« Ihre Stimme klang hässlich kalt in der weiten Halle nach. »Es waren zwei Kinder. Sie wollten deine räudige Töle nur mal ausführen. Mit ihr spielen.«
Die Augen ihres Vaters leuchteten auf. Er leckte sich die Lippen, als könnte er das Blut der Kinder schmecken, auf die er die Jagd angeordnet hatte. Calista hatte die zwei Bälger in den Wald treiben und sie dort aus dem Weg räumen sollen. Wegen eines dämlichen entlaufenen Hundes, der nicht einmal zu Schaden gekommen war. Aber Ignas konnte nicht verkraften, dass jemand sein Eigentum kontrollierte. Selbst wenn es sich nur um seinen Jagdhund handelte.
Calistas Magen drehte sich um. Purer Hass fraß sich durch ihre Adern, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie würde ihren Moment bekommen. Sie musste lediglich ein wenig ausharren.
»Hast du ihre Köpfe mitgebracht? Oder zumindest die Herzen?«
Calista legte den Kopf schief und sah ihren Vater beherrscht an. Sie durfte nicht ausrasten. Nicht zu viele Gefühle zeigen … aber sich vorzustellen, wie sie die Hände um seinen Hals legte und zudrückte, war nicht verboten. Und wie gut es tat!
»Nein, Vater.« Sie lächelte zuckersüß und spuckte ihm die Worte vor die Füße. »Deine kranke Töle hat sie angefallen. Ich habe beide zu den Heilern gebracht und das Vieh zu den Köchen. Ich weiß, du magst dein Fleisch gern frisch.«
Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen und Calista genoss den Schock darin. Die Erkenntnis in seinem Blick, dass sie ihn hintergangen hatte. Seinen Auftrag verdreht und gegen ihn gerichtet, sich seinem Befehl widersetzt hatte. Wie er das hasste. Und auch das tat gut. Sie konnte die Augenblicke zählen, bevor er aufsprang und sie aus seinen hervorquellenden Augen anfunkelte.
»Ich sollte dich hängen lassen! Du kleiner Wurm, du Ungeziefer … Wie deine Mutter! Scher dich fort, Frettchen, geh mir aus dem Bli… Nein. Warte.« Sein Zorn verflog so schnell, wie er gekommen war.
Calista unterdrückte ein Gähnen. Immer wieder dasselbe Spiel. Wie viele Schläge würde er ihr diesmal androhen? Wenn sie ehrlich war, kümmerte es sie nicht sonderlich.
»Gerald, kümmere dich um sie. Fünf Hiebe mit dem Gürtel … und danach suchst du dir einen von denen aus.« Fahrig deutete er mit seiner knöchrigen Hand zu Calistas Leibwächtern. Alexos versteifte sich augenblicklich, doch Mireille zuckte nicht einmal mit dem kleinen Finger. Calista wunderte es nicht. Wäre Gerald wirklich dumm genug, sich Mireille auszusuchen, würde ihm der Schwanz fehlen, sobald er seine Rüstung ablegte.
»Vater.« Calista seufzte schwer und griff sich theatralisch ans Herz. »Oh bitte, tu das nicht. Fünf Hiebe, wie soll ich das nur ertragen? Ich könnte mir nie verzeihen, wenn ich Gerald dafür häuten müsste.«
Sie genoss es, wie der bleiche Totenschädel vor ihr langsam eine puterrote Farbe annahm. Er war so einfach zu reizen. Wie hatte er überhaupt so lang König bleiben können?
»Dass du es wagst, dich gegen mich aufzulehnen! Zehn Hiebe, ach, was sag ich, zwanzig! Gera…«
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Noch bevor seine Leibwache zum Schwert greifen konnte, hatte Calista ihres gezückt. Ein einzelner Hieb reichte aus und sie hörte Rippen knackend splittern. Sie überwand den harten Widerstand und bohrte die Klinge durch das weiche Fleisch tief in seine Lunge. Die Worte ihres Vaters gingen in seinem Gurgeln unter. Zufrieden zog sie ihr Schwert hervor. Glänzendes Blut blieb daran haften und sank schwer zu Boden.
Er hob eine Hand, drückte sie an seine Kehle, suchte vergeblich nach Luft zum Atmen. Calista zog die mageren Knöchel schnalzend wieder weg, während sie auf den Tumult des Kampfes hinter ihr lauschte. Sie brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Mireille und Alexos sie vor Gerald abschirmten. Ihre Leibwachen kannten ihren Plan und würden effizient dafür sorgen, dass sie ihn beenden konnte. Gerald war nicht einmal ein richtiges Hindernis.
Calista richtete währenddessen ihre volle Aufmerksamkeit auf ihren Vater, der vor ihr zu Boden sank und auf dem weißen Stein liegen blieb. Die Unterwürfigkeit dieser Bewegung gefiel ihr. Langsam, quälend langsam blutete er zu ihren Füßen aus. Eine perverse Form der Freude wallte in ihr auf und zauberte ein Lächeln auf ihre Züge. Diesen Anblick könnte sie öfter vertragen, wenn es ihr nicht widerstreben würde, ihn am Leben zu lassen.
»Ja, mein König?«, flüsterte sie, als sie sich zu ihm hinabbeugte. Ihr blondes Haar fiel auf seine Brust, färbte sich an den Spitzen rot von seinem Blut. Der metallische Geruch erfüllte sie mit purer Freude. So oft hatte sie ihn gerochen und verabscheut, aber dieses Mal schreckte sie nicht davor zurück. Sein Röcheln klang verzweifelter und die ersten Vorboten des Todes verschleierten seinen Blick. Äderchen platzten in seinen Augen. Sie lächelte. Dieser Moment war schöner, als sie ihn sich in ihren Träumen ausgemalt hatte. »Wollt Ihr noch etwas sagen, geheiligter Herrscher? Wenn nicht, dann hört gut zu.«
Sie erhob sich und ließ ihr Schwert niedersausen, rammte es in seinen Unterleib, weidete sich am Geruch des Blutes, dunkel und so schnell verronnen. Seinen animalischen Schrei nahm sie nur am Rande wahr. Zu stark war der Rausch, in den der Moment des Triumphes sie versetzte. »Das ist für Mutter«, erklärte sie kühl, während Gerald hinter ihr unter Todesqualen schrie. Sie verübelte es ihm ein wenig, dass er die Atmosphäre ihres Auftritts zerstörte. Konnte er sich nicht einmal zusammenreißen und ihr den langersehnten Triumph gönnen? Elender Wichtigtuer.
Wieder stieß sie ihr Schwert in den Körper ihres sterbenden Vaters, durchbohrte seinen Magen und stöhnte genüsslich auf. »Das ist für mein Volk.«
Ja, ihr Volk. Endlich hatte sie es erlöst und ihm die Gerechtigkeit zukommen lassen, die es verdiente.
»Und das …« Sie zog ihr Schwert aus seinem Körper und ließ es erneut hinabfahren, schlug es in seinen Hals, dass das Blut spritzte und den weißen Stein besudelte. Rote Tropfen mischten sich in das farbenfrohe Schauspiel der Lichtreflexionen. Es entlockte ihr ein Lachen. »Das ist für mich.«
Es brauchte einige Schläge voller Muskelkraft, doch als sein Kopf die Stufen zum Thron hinabrollte, ließ Calista keuchend von der Leiche ihres Vaters ab. Sie blickte auf die Überreste des Mannes, der sie in den letzten elf Jahren ihres Lebens in die Verzweiflung getrieben hatte. Der sie gezwungen hatte, den Tod ihrer Mutter mitanzusehen. Tief sog sie die Luft ein, legte mit geschlossenen Augen den Kopf in den Nacken und lachte, dass es von all den Glasscherben widerhallte.
Endlich war sie frei. Frei von einem Tyrannen, frei von dem Leben in seinem Schatten, frei von allen Verpflichtungen, die er ihr auferlegt hatte. Jetzt war ihre Zeit gekommen.
»Lang lebe die Königin!«
Der Satz hallte von den Wänden wider, als sie sich immer noch lachend zu ihren Leibwächtern umwandte. Alexos öffnete die schweren Türen des Thronsaals.
»Und so ist des einen Tod des anderen Erlösung«, stieß sie hervor und zwang sich dazu, tief Luft zu holen. Ihr breites Grinsen konnte sie jedoch nicht vom Gesicht wischen, als sie Minister Razniak vor der Tür stehen sah.
Ihr Mentor hatte wie vereinbart sein Gefolge dabei. Alle zwölf Minister der Gebiete Dormientas starrten zu ihr herauf.
Mit einem großen Schritt stieg Calista über ihren toten Vater hinweg zum Thron der Fruchtbarkeit und nahm Platz, legte das blutbesudelte Schwert auf den Knien ab. Ignas und die Blutlache um ihn herum zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Jemand sollte seine Überbleibsel schnellstmöglich wegräumen.
Immer noch wagte niemand, ein Wort zu sprechen. Sie realisierte, dass all diese Männer Angst in ihren Blicken hatten – alle bis auf Razniak.
Natürlich, er hatte gewusst, was passieren würde. Hatte gewartet wie sie. Elf Jahre lang hatte er sie unterwiesen, in die Kunst der Politik und Diplomatie eingeführt und ihre kriegerische Ausbildung vorangetrieben. Elf Jahre, die sie letzten Endes auf diesen Moment vorbereitet hatten – immer in der Sorge, jemand könnte den Hintergrund ihrer Lehrstunden erkennen.
Jetzt war auch seine Stunde gekommen, mit einer neuen Königin auf dem Thron, die Razniak leiten und beraten konnte. Eine neue Herrscherin, die dem Land die wohlverdiente Ruhe bringen konnte, die all seine Bewohner so dringend brauchten. So lange hatte sie auf diesen Augenblick hingearbeitet und mit Razniaks Hilfe den Wiederaufbau ihres gebeutelten Reiches geplant. Sie hatte sich voll und ganz auf seine Unterstützung verlassen, um diesen glorreichen Tag zu erreichen. Nun würden sie gemeinsam eine Zeit des Friedens einleiten.
»Verräterin.«
Calistas Blut gefror zu Eis. Was sagte er da?
»Ich fürchte, ich habe Euch nicht verstanden, Minister.« Kälte durchdrang ihre Stimme, als sie ihn mit einem scharfen Blick taxierte. Er verdarb ihren glanzvollen Augenblick, zu dem er ihr selbst verholfen hatte.
»Verräterin! Hochverrat!« Zorn flammte in Razniaks Miene auf, ließ ihn so viel älter und seine Züge durchtriebener wirken. Er verzog die sonst so weichen braunen Augen mit dem väterlichen Ausdruck zu schmalen Schlitzen. Zorn und … Berechnung brannten darin. Calistas Herz begann in einem irrsinnigen Takt zu rasen, drehte vor Entsetzen durch. Zu spät erkannte sie seine Absicht, bevor sich der Minister zu den anderen umwandte und sein entsetztes Zetern fortsetzte. »Ergreift sie! Sie hat ihren Vater getötet! Dreckiges Blag, eine Hochverräterin wie die Mutter! Verdorbenes Blut setzt sich immer durch. Oh König Ignas, der König …«
Calista sprang auf. Wachen stürmten in den Saal und direkt auf sie zu. Gezückte Schwerter, glänzendes Metall. Zu viele. So viele sollten gar nicht in diesem Teil des Schlosses stationiert sein. Außer …
Nein. Das darf nicht sein. Und doch hatte sich die Erkenntnis schon in ihrem Herzen festgesetzt, sandte eine lähmende Angst durch sie hindurch. Raus, sie musste hier raus. Razniak wusste genau, dass sie keine Verräterin war. Aber wer würde ihr glauben? Er besaß all die Dokumente, die ihre Pläne gegen den König beinhalteten. Aufzeichnungen über seine Tagesabläufe, seine bevorzugten Jagdwege, die Routine der Schlosswachen und in welchem Wochentakt er zu seiner Sicherheit die Gemächer wechselte. Sie konnte nicht beweisen, was sie hinter verschlossenen Türen besprochen hatten.
»Ihr habt diesen Plan ausgeheckt!«, rief sie trotzdem, ihre Stimme rau von der in ihr schwelenden Wut. Wie konnte er es wagen, sich jetzt gegen sie zu stellen, wenn er sie doch noch gestern zur Eile gedrängt hatte? Er hatte ihr mitgeteilt, ihr Vater wolle wieder heiraten. Eine neue Ehefrau, jünger als die anderen drei, mit denen er ihre Mutter hatte ersetzen wollen. Weitere schreiende Kinder, die er verschwinden lassen würde, wenn sie dank ihres Geschlechts nicht für die Thronfolge geeignet waren.
Sie zitterte vor Wut, konnte ihre Hände kaum still halten. Hatte Razniak sie angelogen? Ihr ein Märchen aufgetischt, um sie zum Handeln zu bringen, wohlwissend, dass sie es nicht ertragen würde, erneut zuzusehen, wie ihr Vater einen derartigen Fehler beging?
»Ihr wolltet mich auf dem Thron sehen!«, schrie sie zu Razniak hinunter, während die Wachen näher kamen. »Ihr habt mit mir auf den Tod meines Vaters hingearbeitet!«
»Sie redet wirr, hört ihr? Das Kind ist traumatisiert. Und doch war es Verrat, nehmt sie fest!«
Calista wich zurück, als die Soldaten sie umzingelten. Sie rammte einer Wache ihr Schwert in den Hals, einer anderen den Dolch. Ihr Herz raste unkontrolliert, ihre Handflächen waren schweißnass, aber sie erlaubte sich keine Schwäche.
Das war nichts, was sie nicht korrigieren konnte. Sie würde Razniak überführen. Wenn sie stürzte, würde sie ihn mit sich in den Abgrund ziehen. Sie konnte nur daran denken, dass er sie betrogen hatte, er, der sich als ihr Mentor bezeichnete, als ihr Freund. Er, der diesen Plan mit ihr geschmiedet und sie zur Eile angetrieben hatte. Er, der ihr die Füße geküsst und sie seine neue Königin genannt hatte.
Ich werde ihn umbringen. Der Gedanke ließ ihr Herz in Flammen aufgehen, fachte den Kampfeswillen in ihr an, ließ sie vor Zorn lichterloh brennen. Sie wusste, dass sie nicht allein mit all diesen Gegnern fertig werden würde. Aber sie würde sich keine Schwäche erlauben. Sie würde nicht aufgeben!
Einer Soldatin in blankpolierter Rüstung rammte sie ihr Schwert ins Auge, trat einem anderen gleich darauf gegen die Brust. Sie spürte die Macht durch ihr Inneres fließen, den Sog der Magie, der sie erfasste und in einen Abgrund aus blutroter Sicht zog. All ihre Sinne waren auf den Kampf eingestellt, ihre verschärften Reflexe auf Höchstleistung.
Eine weitere Schlosswache stürzte auf sie zu, blieb lauernd mit etwas Abstand vor ihr stehen. Sie umkreisten einander. Schließlich schnellte die Frau vor und täuschte von unten an, nur um kurz darauf ihr Stilett hochzuziehen und auf Calistas blanken Hals zu zielen. Sie riss ihre Waffe nach oben und parierte geschickt, verpasste der Wache einen Schlag mit dem Knauf ihres Schwerts auf die Hand. Das Stilett fiel zu Boden, durch den Blutrausch dröhnte das Klirren des Stahls auf dem Stein deutlich verstärkt in Calistas Ohren. Mit einer fließenden Bewegung rückte sie zur Seite und beobachtete, wie ihre Gegnerin einen Dolch vom Gürtel zog. Ohne zu zögern rammte sie ihr das Schwert in die Seite und durchbohrte ihre Milz, gerade als ihre Gegnerin den Dolch hob und warf. Die Klinge durchschnitt zischend die Luft, tausendfach verstärkt von ihren magisch verschärften Sinnen, und blieb in ihrem Oberarm stecken.
Calista spürte den Schmerz nur wie durch einen dichten Nebel. Kaum existent, am Rande ihres Bewusstseins. Es war die überquellende Wut, die sie dazu brachte, ihre Angreiferin schreiend von sich zu stoßen, den Dolch herauszuziehen und mit voller Härte weiterzukämpfen. Die Frau stolperte ein paar Schritte zurück und tastete nach einer weiteren Waffe an ihrem Gürtel, doch Calista war schneller.
Die Magie in ihren Adern ließ sie unmenschlich schnell herumwirbeln. Sie packte sie von hinten, nahm sie in den Würgegriff und schnitt ihr mit eiskalter Routine die Kehle auf, noch bevor sie ihre Arme umklammern konnte. Heißes Blut rann ihr über die Hand, während sie ihre Gegnerin erneut von sich schubste.
Siegessicher wirbelte sie herum und wollte sich den anderen Wachen stellen – als das Lächeln auf ihren Lippen gefror.
Es waren zu viele. Was sie zuvor durch den Blutrausch ausgeblendet hatte, den die Magie in ihr entfachte, kehrte nun mit schmerzhafter Realität zurück.
Auf der anderen Seite des Saals erhaschte sie einen Blick auf Mireille, die gegen Alexos kämpfte. Ihr Magen drehte sich um bei diesem Anblick, doch lange wurde ihr dieser ohnehin nicht gewährt.
Eine Reihe aus Soldaten kam im Gleichschritt auf sie zu, alle bis an die Zähne bewaffnet. Sie hatte keine Möglichkeit auszuweichen, denn sie zogen den Kreis enger und enger, wie um ein Tier in der Falle. Allein mit ihrem Schwert käme sie nie gegen diese Übermacht an. So visierte sie einen an, rannte los, in der Hoffnung, die Linie zu durchbrechen, doch schon schlossen seine Nebenmänner die Lücke und die drei Wachen stießen sie kraftvoll zurück. Zwei Männer hinter ihr packten ihre Arme und verdrehten sie hinter ihren Rücken, ein weiterer trat ihr mit solcher Kraft in die Kniekehle, dass sie einknickte. Sie zwangen Calista auf die Knie, drückten sie nieder, bis auch ihre magische Stärke nicht mehr nützte. Jegliches Aufbäumen, jedes Treten und Beißen ihrerseits war zwecklos. Dennoch waren vier Männer nötig, um ihre Arme und Beine mit groben Seilen zu fesseln. Sie spürte Hände in ihrem langen Haar, wurde über den Boden gezerrt. Ihr Schrei hallte im Saal wider, ein entsetzter, grausiger Laut.
So hatte sie sich diesen Tag nicht vorgestellt. Ihre Kopfhaut brannte, Fesseln schnitten in ihre Haut, so eng gespannt, dass sie ihr das Blut abschnürten und ihre Hände taub wurden. Sie spürte die tiefen Schnitte, die die Waffen der Soldaten hinterlassen hatten.
»Meine Königin …«
Das Krächzen zog ihren Blick nach rechts. Mireille war neben ihr auf die Knie gedrückt worden, Alexos’ Dolch glänzte blutrot an ihrem Hals. Calista sah wutentbrannt auf zu ihrem Leibwächter, der den Blick abwandte. Feigling. Sie spuckte ihm vor die Füße, doch ihren Hass besänftigte das nicht, zumal er keine Reaktion zeigte. Wie konnte er sie nach zehn Jahren in ihrem Dienst hintergehen? Wie konnte er Mireille verletzen, die stets jeglichen Herausforderern getrotzt hatte?
Es widerte sie an. Dieses ganze verlogene Pack – sie empfand nichts als Abscheu für sie alle. Dieses Schloss war voll von Verrätern und Calista graute vor der Erkenntnis, dass sie nicht die Klügste unter ihnen war.
Razniak trat vor sie und legte eine faltige Hand unter ihr Kinn. Sie kannte seine Berührung, aber nicht den Zwang, der nun darin steckte. In den letzten Jahren hatte er sie auch mal zusammengeflickt, wenn sie sich wieder während des Trainings verletzt hatte, oder ihren Kopf getätschelt, wenn sie um ein abgebranntes Dorf weinte, das zu wenig Abgaben geleistet hatte und dem Zorn ihres Vaters zum Opfer gefallen war. Er hatte sie ermutigt, sich um das Volk zu kümmern, während er die Politik verwaltete und ihren Vater in Schach hielt. Waren das auch nur Lügen gewesen, um sie ruhig zu halten, weit weg von den Plänen, die gesponnen wurden und bereits ihren eigenen Sturz forderten?
Nun war sie das Opfer und der Minister starrte in ihre dunklen Augen. Unnachgiebig und hart war sein Blick, ganz anders als früher. So kannte sie ihn nur, wenn er sich über lästige Dienstboten echauffierte, die ihre Gespräche abhören wollten.
Hätte es mal einer getan. Hätte sie bloß mehr Zeugen gehabt, die seinen Anteil am Verrat bestätigen konnten. Was wog ihr Wort gegen seines, wenn sie es gewesen war, die dem König den Kopf abgeschlagen hatte?
»Prinzessin Calista, Ihr seid eine Hochverräterin. Bis zu Eurer Anhörung werdet Ihr im Kerker bleiben. Und Eure Mittäterin … Nimm ihr den Arm, Alexos. Sie hat ohnehin zwei davon.«
Calistas Schreie des Protests erstarben nicht einmal, als man sie in eine dunkle Zelle warf, weit unterhalb der Erde, wo das Tageslicht sie nicht mehr fand. Mireilles Stimme hallte in ihren Ohren nach, der qualvolle Klang, als die Klinge in ihr Fleisch fuhr. Calista wusste nicht, was schlimmer war – Mireilles Schmerz, den sie vorher nie offen gezeigt hatte und der damit noch schwerer wog, oder die Demütigung, die sie heute erlitten hatten. Sie und ihre beste Freundin aus Kindertagen, beide ausgeliefert, beide verraten, ihr ehrgeiziger Plan – dahin.
Sie schrie und schrie, als könnte sie jemand hören, als würde es jemanden interessieren, dass man sie, die rechtmäßige Königin, hintergangen hatte.
Als ihr Rufen schließlich erstarb, brannte die Flamme in Calistas Herzen nur noch spärlich. Und als sie in einen albtraumbehafteten Schlaf glitt, inmitten von nach Pisse stinkendem Stroh und Rattenkot, erlosch der letzte Funken Hoffnung auf bessere Tage.

2.    Blut und Rache

Ihr Nacken war steif und knackte laut, als sie aus ihrem unruhigen Schlummer erwachte. Zu gern hätte Calista sich den Schlaf aus den Augen gewischt, doch ihre Handgelenke waren immer noch hinter dem Rücken gefesselt. Sie stöhnte laut auf und blickte zu der fest verschlossenen Tür, die nur ein schmales Gitter zum Hindurchsehen hatte.
Ächzend erhob Calista sich und wankte an das massive Holz heran. Mit dem Fuß trat sie dagegen, lauschte auf Schritte aus dem spärlich beleuchteten Gang davor – nichts. Kein Laut zu hören. Wieder trat sie zu, diesmal fester.
»He!« Sie spürte ein Kratzen im Hals und ihre Stimme klang, als hätte sie Nägel geschluckt. »Ich bin immer noch die Königin. Ich brauche Wasser … und ihr glaubt nicht ernsthaft, ich würde mich hier erleichtern? Macht die Zelle auf! Hört ihr nicht, aufmachen!«
Niemand antwortete. Verärgert spähte sie zu beiden Seiten in den dämmrigen Gang, doch viel erkannte sie nicht. Auch ihre Fesseln ließen sich nicht abstreifen, und nachdem sie die Zelle genauestens untersucht hatte, stellte sie fest, dass es nicht einmal einen rostigen Nagel gab, mit dem sie die Seile hätte durchtrennen können.
Würde überhaupt jemand kommen und nach ihr sehen, oder ließ man sie einfach hier verrotten?
Calista schnaubte. Natürlich würde jemand kommen. Sie durfte sich keine Angst erlauben – Angst war ihr größter Feind in der derzeitigen Situation. Sie hatte den Fehler gemacht, jemandem zu vertrauen, der eben dieses Vertrauen ausgenutzt hatte. Doch das würde ihr nicht erneut passieren. Früher oder später würde man sie holen, damit das Volk nicht nach ihr fragte. Sie hatte nicht umsonst so viel Zeit auf vollen Marktplätzen und in dunklen Hütten der Ärmsten verbracht, beladen mit Essen und Medizin aus dem Schloss für Kranke und Schwache. Ihr Volk würde sich an seine Prinzessin erinnern – hoffentlich im Positiven.
Königin, verbesserte sie sich in Gedanken. Ich bin die Königin. Ich lasse mir von niemandem etwas anderes einreden. Warum sollten sie meine Autorität anerkennen, wenn nicht einmal ich selbst es tue?
Gerade als sie überlegte, wie sie ihre Hose trotz der Fesseln abstreifen konnte, um sich zu erleichtern, erklangen Schritte und ein Schleifen auf dem Gang. Rasch trat Calista wieder an das Gitterfenster heran und lugte hinaus.
Zwei Wachen in königlicher Rüstung schleiften ein stöhnendes Bündel hinter sich her. Erst als sie in den Schein einer Fackel traten, erkannte Calista die menschliche Form des Bündels – und Mireilles schmerzverhangene Augen. Hilflos sah ihre Freundin zu ihr auf. Calista nickte ihr stumm zu. Kein Wort würde sie mit Mireille tauschen, bis diese Wachen verschwunden waren. Aber vorher …
»Findet ihr es nicht ungehörig, eure Königin in einer stinkenden Zelle unterzubringen? Ich verlange mit Razniak zu sprechen. Und bindet mich los, beschafft mir einen Nachttopf und etwas zu trinken, wenn euch eure Leben lieb sind. Ich merke mir eure Gesichter. Ihr werdet die Ersten sein, die ich töten lasse, wenn ich frei bin und dieses Missverständnis aufgeklärt ist!« Sie hatten es ohnehin nicht besser verdient. Keiner, der sich auf Razniaks Seite stellte, auf die Seite des Verräters, verdiente eine angenehmere Behandlung. Trotzdem wusste Calista, dass sie jeder Seele in diesem Schloss einen fairen Prozess garantieren würde, wenn sie nur wieder freikam. Sie war nicht wie ihr Vater, der aufgrund leiser Ängste und Hörensagens Menschen abschlachtete. Jeder musste die Gelegenheit erhalten, sich zu seinen Verfehlungen zu äußern und sie zu erklären.
Einer der beiden schloss die Zellentür schräg gegenüber auf und hielt sie seinem Kumpanen offen. Mireilles zusammengesunkene Gestalt verschwand in der Dunkelhit, als sich die Wache zu Calista umwandte. »Wir haben strengsten Befehl, Euch nicht herauszulassen, Prinzessin. Nicht vor Eurer Verhandlung.«
»Was ist mit Minister Razniak?«, presste Calista zwischen den Zähnen hervor. Ihre feinen Sinne trugen das Rascheln von Kleidung zu ihr, das Schaben groben Stoffs, der über Haut glitt. Dann ein leises Wimmern, das sofort erstickt wurde. Zorn kochte in ihr hoch, wild und ungezähmt. »Fasst Mireille nicht an! Habt ihr keinen Anstand?«
»Sie ist eine Gefangene, Hoheit«, erklärte der Soldat und zuckte die Schultern. Calista erkannte nichts als Verachtung auf seinen grobschlächtigen Zügen. Sie prägte sich jede einzelne Linie seines Gesichts ein, seine Größe, seine Stimme und die Art, wie er die Zunge durch die Zähne stieß, während er redete. Sie würde ihn wiedererkennen. Vielleicht überlegte sie sich das mit den gerechten Prozessen doch noch einmal. Mireilles Wimmern, so schwach und hilfsbedürftig, wie sie ihre Leibwache sonst nie kannte, hallte in ihren Ohren wider.
Je öfter sie es hörte, desto mehr lag ihr an den blutigen Methoden ihres Vaters. In einigen Fällen waren sie doch durchaus angebracht.
»Minister Razniak ist beschäftigt. Aber er sagte, wir können uns mit ihr amüsieren. Nur Euch sollen wir nicht anfassen. Eure Fesseln können wir somit nicht abnehmen.«
»Und wenn ich ganz lieb Bitte sage?«
Der Mann verzog keine Miene. Als die zweite Wache aus der Zelle kam und sich die Hose wieder hochzog, schüttelte Calista verächtlich den Kopf. Wie konnte jemand nur derart dumm sein? Wenn sie frei war, würde sie ihn jagen. Würde ihn zu Boden ringen und Mireille die Rache überlassen. Ohne Prozess, aber mit einer hohen Prise Gerechtigkeit.
»Nun wartet doch!«, fauchte sie, als sich die zwei ohne ein weiteres Wort zum Gehen wandten. »Ich blute. Wollt ihr mir nicht helfen? Oder hat Razniak das auch verboten?«
Die Wache, die Mireille an die Wäsche gegangen war, drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um. »Ihr hattet nur eine Wunde am Arm, nichts Schwerwiegendes, Prinzessin. Wo soll nun etwas herkommen?«
Calista unterdrückte ein Grinsen und verzog unter gespielten Schmerzen das Gesicht. »Keine Wunde, ihr Idioten. Ich blute. Habt ihr noch nie mit einer Frau zu tun gehabt?«
Einfältig starrten beide sie an, ihre Gesichter von Überraschung geprägt. Dann hastete Mireilles Peiniger auf die Zelle zu und schloss sie mit hochrotem Kopf auf. »Steh nicht so dumm rum!«, ranzte er seinen Kumpanen an. »Kümmere dich um Stoffwickel und Wasser!«
Unschuldig lächelte Calista ihn an, als er ihre Fesseln gelöst hatte. »Herzlichen Dank«, flüsterte sie und rieb sich die wunden Handgelenke, während die hastigen Schritte des zweiten Soldaten in der Ferne verhallten. Solche Idioten. Dieser Trick funktioniert doch immer.
Trotzdem war ihr bewusst, dass sie nicht übermütig werden durfte. Mit leidender Miene, eine Hand auf den Bauch gepresst, setzte sie sich ins Stroh und sah zu der Wache auf. »Ihr sagtet, Razniak sei beschäftigt. Womit?«
»Wir haben strikten Befehl, Euch nichts über die politische Situation mitzuteilen, Prinzessin.«
Sie verkniff sich die Bemerkung, dass sie Königin war, keine Prinzessin. Sie war als Hochverräterin abgestempelt – ihr Rang kümmerte diesen Mann nicht. Stattdessen ließ sie ihre Stimme zarter klingen, weicher. Verlieh ihr die süßliche Melodie, die bisher jeden von ihrer Unschuld überzeugt hatte.
»Ich kann hier unten ohnehin nichts ausrichten. Ich kann nicht fliehen, auch wenn Ihr gerade den Fehler macht, nur ein Schwert zu tragen und die Tür meiner Zelle offen zu lassen – ich weiß, Ihr würdet mich mit Verstärkung der anderen Wachen einfangen. Also lasst mich wenigstens wissen, wie es meinem Volk geht. Wann Razniak meine Hinrichtung plant. Oder … wie wird er es wohl nennen … meinen gerechten Prozess.«
»Das kann ich Euch nicht sagen, Prinzessin. Mir ist nichts über Euren Prozess bekannt. Es steht kein Termin fest.«
Sie erkannte die Gesichtszüge der Wache in ihrer dunklen Zelle nicht. Nur die breite Silhouette des Mannes zeichnete sich vor der Steinwand in seinem Rücken ab. Calista verfluchte diesen Umstand, denn so wusste sie nicht, ob er die Wahrheit sagte.
Normalerweise sah sie Menschen ihre Lügen schon an feinsten Regungen an. Auch das hatte Razniak ihr beigebracht: andere zu durchschauen, um daraus Informationen und Vorteile zu ziehen. Wie bitter, dass sie ihn und seine Lügen nicht hatte durchschauen können. Aber noch einmal würde ihr ein solcher Fehler nicht unterlaufen.
Als endlich wieder Schritte im Gang ertönten, atmete Calista erleichtert auf. Der junge Soldat, der eine Fackel vor ihrer Zelle entzündete, trug ein Bündel Stoffwickel unter dem Arm, einen Nachttopf unter dem anderen und zwei dicke Trinkschläuche in den Händen. Er räusperte sich und überreichte Calista die Fracht, die sie dankend annahm. »Ich habe den Heilern Bescheid gegeben«, stellte er schnell fest. »Sie werden Euch noch Kräuter vorbeibringen, wenn Minister Razniak es genehmigt. Bis dahin sollt Ihr auf Eure Hygiene achten.«
Calista sah sich in der dreckigen Zelle um. »Ja … Ich könnte mir nichts Einfacheres vorstellen. Hier ist alles so blitzblank poliert.«
Der Kerl errötete, sagte aber nichts. Der Soldat zu seiner Rechten packte ihn am Arm, schob ihn aus der Zelle und schloss diese erneut ab. »Macht Euch sauber, Prinzessin. Irgendjemand wird bald Essen bringen.« Seine Stimme klang abweisend, als hätte er ihr zuvor keinerlei Informationen verraten.
Sie wartete ab, bis die zwei gegangen waren, bevor sie die Trinkschläuche in der Hand wog und schließlich hastig aus einem trank. Sie gönnte sich die Hälfte des Wassers, bevor sie einen Pfiff ausstieß. »Mireille? Wasser kommt.«
Ein leiser Schluchzer erklang aus der anderen Zelle, als Calista an das Gitter herantrat und die Augen verengte. Dank der Fackel, die nun den Gang vor ihr beleuchtete, erkannte sie die schmale Öffnung in der gegenüberliegenden Tür. Das konnte sie schaffen. Ihre Konzentration ruhte auf der Lücke zwischen den Gitterstäben, die sie treffen musste. Ihr Atem beruhigte sich, sie spannte sich an und warf. Der Schlauch traf sein Ziel und verschwand in der Dunkelheit von Mireilles Zelle. Das Schluchzen klang ab, stattdessen hörte Calista schnelles, angestrengtes Schlucken, bevor Mireilles Stimme zu ihr rüberwehte. Schwach, ängstlich, kummervoll, wie sie ihre Freundin noch nie gehört hatte.
»Meine Königin … Ich konnte Euch nicht schützen. Es ist meine Schuld.«
»Schweig, Mireille«, entfuhr es Calista harsch, während sie den Gang mit Blicken nach nützlichen Gegenständen absuchte. »Das will ich nicht hören. Alexos und Razniak sind schuld. Sie haben uns betrogen. Mich hintergangen. Dafür werden sie ihre Strafe bekommen.«
Sie trat vom Gitter zurück und spürte, wie die Magie in ihr abklang, die sie für den Wurf gebraucht hatte. Das feine Kribbeln in ihrem Körper erlosch, stattdessen bahnten sich die Schmerzen in ihrem Unterleib an. Bevor sie die Stoffwickel anlegte, nutzte sie jedoch endlich den Nachttopf. Immerhin eine Bequemlichkeit in dieser verdammten Zelle.
»Mireille«, flüsterte sie schließlich in die Stille, während sie mit dem Stoff hantierte. »Hast du Informationen? Irgendetwas von Nutzen?«
»Nein, meine Königin. Niemand hat mit mir gesprochen. Nicht mal Alexos, nachdem er … er …«
Calista gefror das Blut in den Adern. Natürlich, wie hatte sie das vergessen können? Razniak hatte befohlen, ihren Arm abzutrennen. Wenn Mireille dennoch weiterhin am Leben war, musste jemand sie zu den Heilern gebracht haben. Dennoch … Dieser Schaden ließ sich nicht rückgängig machen.
»Welcher ist es, Mireille?«
»Der Rechte, Hoheit.« Ein abgehacktes Schluchzen entfuhr der Leibwache. »Verzeiht … Es tut weh …«
»Entschuldige dich nicht.« Calistas Stimme bebte vor Zorn, wie ihr ganzer Körper es tat. Allein der Gedanke an diese Verbrecher, die ihre Freundin verletzt und sie vorgeführt hatten, schürte die unbändige Wut in ihrem Inneren, den Reiz, sich wieder dem Blutrausch hinzugeben, der an ihren Sinnen zog und zerrte. Der sie in das wilde Tier verwandeln würde, das nur noch an das Vergießen der roten Pracht denken konnte. Sie musste sich zügeln und mehrfach tief durchatmen, um dem Drang zu widerstehen. Selbst die Magie, die in ihr schwelte, würde sie nicht stark genug machen, um aus ihrer Zelle hinauszukommen und an sämtlichen Wachen vorbei fliehen zu können. Hier und jetzt war es wichtiger, ihre wenigen Allianzen zu bewahren – allen voran die zu Mireille, die sie trotz ihrer Niederlage nicht allein lassen würde. Nicht wie Alexos, der feige Verräter. »Sie werden dafür büßen, Mireille. Ich verspreche es dir.«
»Ich danke Euch, Hoheit. Aber ich fürchte, dass es keine Hoffnung mehr gibt.«
»Das werden wir sehen.« Nein, so leicht würde Calista nicht aufgeben. Der Hass auf Razniak und sein Gefolge schwelte in ihr, fachte die Flamme der Hoffnung wieder an. Sie würde sie am Leben erhalten – für ihr Volk, für ihre Rache, für Mireille. Für die süße und zarte Mireille, die so viele Krieger besiegt, aber nicht mit Alexos’ Verrat gerechnet hatte. Die gegen ihn so manchen Kampf bestritten hatte. Wie oft hatte sich Calista in ihr Bett geschlichen, um jemandem nah zu sein? Jemandem, der sie verstand, den Zorn und den Schmerz in ihr, seit ihre Mutter fort war. Mireilles Eltern hatten sie als junges Mädchen weggeben müssen. Doch sie hatte sich geweigert, eine Hofdame zu werden, wie es alle von ihr erwarteten. Stattdessen war die Tochter Lord und Lady Dalwiks unter dem strengen militärischen Training gereift und zu Calistas Leibwache aufgestiegen. Und zu so viel mehr als das …
Sie würde nicht zulassen, dass auch nur eine Tat gegen ihre geliebte Freundin ungesühnt blieb. Calista schloss die Augen und betete zu Alas, dem Gott der Rache, wie sie es seit elf Jahren jeden Abend tat. Sie wusste, er würde sie erhören. Und wenn er es nicht tat, nahm sie ihr Schicksal eben selbst in die Hand.

*

Der Klang von Schritten weckte Calista aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie hörte Mireilles gleichmäßige Atemzüge, bevor sie das Stapfen der Füße auf dem Steinboden erkannte. Das leichte Abziehen der Ferse sagte ihr, dass Minister Razniak sich endlich herbequemt hatte. Er hatte Glück, dass eine solide Tür sie voneinander trennte. Sie kannte einige kreative Arten, ihm körperlichen Schaden zuzufügen und seinen Tod lange hinauszuzögern.
Langsam richtete sie sich auf und schüttelte das Stroh so gut wie möglich aus ihren Haaren. Sie musste aussehen wie eine Vogelscheuche. Nicht gerade einer Königin würdig, aber Razniak hatte sie bereits in solchen Zuständen gesehen, wenn sie nach einer mehrtägigen Jagd zurückgekommen war. Sie war nicht die liebe, zarte Prinzessin, die man früher aus ihr hatte machen wollen. Und es gab niemanden im Schloss, der das besser wusste als er.
Sie trat an das Sichtgitter in der Tür heran und starrte in die aufmerksamen braunen Augen ihres Mentors. Elender Aasgeier, schoss es ihr durch den Kopf. Kaum hatte sie einen Tyrannen beseitigt, krallte der Nächste seine widerwärtigen Finger in ihren Thron.
»Seid Ihr gekommen, um mich zu meinem neuen Schlafsaal zu beglückwünschen? Der Duft ist natürlicher als der dieser ekelhaften Räucherstäbchen, die ständig oben brennen. Wobei mir meine alte Aussicht besser gefallen hat.«
»Wie überaus witzig, Calista. Wie immer sehr charmant.«
»Ich hatte einen guten Lehrer.« Sie studierte seine Miene, die wie so oft nichts von seinen Gefühlen verriet. Darin war er ein Meister: Im Vertuschen und Verstecken, im Lügen und Betrügen.
Auf ihrem Herzen brannte immer noch eine Frage, die er ihr hoffentlich bald selbst beantworten würde. Sie war vor dem Schlafengehen so viele Möglichkeiten durchgegangen, eine absurder als die andere. Aber was Razniak wirklich von ihrem Sturz hatte, war ihr nicht klargeworden. Was gewann er ohne ein legitimes Mitglied der Königsfamilie? Wer würde den Thron besteigen, wenn das Gericht Calista für schuldig befand?
Razniak musterte sie eindringlich, bevor er die Mundwinkel zu einem väterlichen Lächeln hob. Seine Spezialität. Und sie hatte ihm auch noch geglaubt, wenn er ihr diesen warmen Blick geschenkt hatte! Wie hatte sie derart vertrauensvoll und naiv sein, seine Fassade der Scheinheiligkeit nicht durchblicken können? »Aber Calista, meine Teuerste, schau mich nicht so verbittert an. Ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen.«
»Und wenn ich kein Angebot hören will? Ich will hier raus, Razniak. Ihr habt mich zu Unrecht hier einsperren lassen und das werdet ihr bereuen. Ich schwöre es auf die Überreste meines Vaters, möge er auf ewig in Kejas Gefilden schmoren.«
»Das ist nicht nett, Calista.«
»Ich blute auf Euer nett, Razniak! Und auf alles, was Euch lieb ist! Ihr feiges Schwein habt mich hier einsperren lassen, nachdem ich Eure Drecksarbeit erledigt habe. Wer wollte meinen Vater denn tot sehen? Wer wollte mich auf den Thron setzen?«
Razniak hob eine fein gezupfte Augenbraue. »Prinzessin, ich habe niemals vorgehabt, Euch allein auf diesem schrecklich unbequemen Thron zu lassen. Aus diesem Grund möchte ich, dass Ihr einen Blick hierauf werft.«
Im Schein der Fackel glänzte die dunkle Tinte auf dem Pergament, das er entrollte. Doch was sie dort mühselig las, konnte unmöglich wahr sein. Ihre Augen spielten ihr mit Sicherheit einen Streich. Sie kannte die Stammbäume ihrer Familie, hatte sie oft und lange studiert. Und doch … Da prangte die Unterschrift ihres Vaters auf dem Dokument. Klar erkennbar, direkt unter der Abzweigung, die Razniak und seine zwei Söhne als Nebenlinie der Königsfamilie auswies.
Calista wurde übel, je länger sie auf das Pergament starrte. Die volle Tragweite Razniaks Betrugs wurde ihr auf einen Schlag sonnenklar. Ihr Blick wanderte zu seinen Augen, die in dem dämmrigen Gang umso dunkler wirkten. Die sympathischen Lachfältchen schienen sie zu verhöhnen. Sie hatte ihre Zukunft vollkommen in seine Hände gelegt. Das hatte sie davon. Einen gestohlenen Thron und einen gefälschten Stammbaum.
»Wie Ihr seht, liebste Prinzessin, liegt einiges an Arbeit vor uns. Allein regiert es sich so schlecht, das hat Euer Vater bewiesen. Der Thron der Fruchtbarkeit verdirbt die Menschen, die ihn allein besteigen. Somit halten der Rat und ich es für das Klügste, wenn der nächste legitime Herrscher ihn nicht allein einnimmt. Und wer würde sich besser als Bräutigam für die vom Weg abgeratene, aber begnadigte Prinzessin eignen als mein Sohn, der die Politik und Diplomatie Dormientas von der Wiege an durch mich gelernt hat? Ihr werdet Erben produzieren und dem Hof Frieden schenken. Nur nicht allein regieren, wie Ihr es Euch vorgestellt habt.«
Calistas Miene gefror noch weiter. In ihrem Herzen breitete sich eine Taubheit aus, die ihren gesamten Körper lähmte. Das war ihre einzige Chance. Razniak würde sie nicht leben lassen, wenn sie diesen Handel ausschlug. Sie hatte keine andere Wahl, denn den Prozess würde er mit Leichtigkeit zu seinen Gunsten drehen. Alle Beweise sprachen gegen sie – sie hatte immerhin ihren Vater umgebracht.
Zitternd hob sie die Hand und umklammerte einen der Eisenstäbe so fest, als wollte sie ihn in ihrer Faust zermalmen. »Ich soll also Mirza heiraten, der laut dieses Dokuments mein … was auch immer ist?«
»Eure Verwandtschaft liegt zu weit auseinander, als dass es problematisch werden könnte.« Razniak schmunzelte, wobei die Grübchen in seinem Gesicht auftauchten, die ihn jünger wirken ließen. Doch diesmal empfand Calista nichts als Abscheu und Hass für ihn. Und vielleicht einen Funken Trauer – Trauer um die Zeiten, in denen er ihr zur Seite gestanden hatte, statt gegen sie zu agieren. Trauer um die väterliche Figur, die zum Verräter geworden war.
Sie zog die Nase kraus und tat, als müsste sie scharf überlegen. Dabei gab es nur einen Entschluss für sie, wenn ihr ihr Leben lieb war. »Wann?«
»Sobald Ihr begnadigt seid, Prinzessin.«
»Das heißt immer noch Königin«, zischte sie ungehemmt. »Königin Calista. Ich mag zwar noch nicht gekrönt sein, aber ich bin die Nächste in der Rangfolge.«
Razniak schüttelte den Kopf. Er streckte die Hand aus und legte seine weichen Finger um ihre, sandte mit dieser Berührung so viel Wärme in ihren vor Wut zitternden Körper, dass Calista es kaum ertrug. Sein unschuldiges Gehabe konnte er sich sonstwohin stecken. Diese Falschheit brauchte sie nicht als Trost. Konnte er nicht mit der geheuchelten Anteilnahme an ihrem Schicksal aufhören und einfach zur Sache kommen?
Calista sah ihn an, die Augen vor Zorn verengt. »Was macht Ihr, wenn ich Nein sage?«
Als hätte er diese Frage bereits erwartet, fiel das Lächeln von Razniaks Zügen ab und enthüllte seine eiskalte Geschäftsmiene, die er so oft bei Ratssitzungen oder während des Pläneschmiedens getragen hatte. Die Berechnung darin kannte Calista wenigstens und konnte damit umgehen. Zumindest hatte sie das bisher gedacht. Nun war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie einem politischen Gegner wie ihm gewachsen war. Er hatte die stärkeren und zahlreicheren Ressourcen, das Vertrauen der restlichen Minister und es war ein entscheidender Vorteil, dass er im Gegensatz zu ihr nicht in einem dreckigen, stinkenden Kerker eingesperrt war.
»In drei Tagen steht Eure Verhandlung an, Prinzessin«, ließ er sie leise wissen. »Ihr kennt die Prozedur. Fünfzig zufällig ausgewählte Bürger und der Rat werden über Euch richten, nachdem alle Seiten angehört wurden.« Er verengte die Augen und hob einen Mundwinkel. »Aber wir wissen doch beide, wem man Glauben schenken wird. Ich habe Beweise gegen Euch und es besteht kein Zweifel daran, dass Ihr Euren Vater getötet habt. Wenn Ihr mein Angebot nicht annehmt, werde ich Euch wohl leider nicht zur Seite stehen können. Es wäre doch fürchterlich schade, wenn Euer Kopf als nächstes rollt. Findet Ihr nicht auch?«
Genau das hatte sie befürchtet. Mit Bestechung war schon immer einiges möglich gewesen, das wusste Razniak ebenso gut wie sie. Sie war die Tochter des irren Tyrannenkönigs und noch dazu eine Mörderin. Selbst mit ihrer Beliebtheit beim einfachen Volk würde sie kaum gewinnen, wenn der Minister das nicht wollte. Geld sprach lauter als all die Hilfe, die sie ihrem Volk hatte zukommen lassen. Niemand würde für sie stimmen, aus Angst vor Bestrafung – es sei denn, sie ließ sich auf Razniaks Hilfe ein.
»Schön«, flüsterte Calista geschlagen. Sie wusste zu gut, wann es besser war, die Niederlage zu akzeptieren und ihre Kämpfe ein anderes Mal auszutragen, wenn die Chancen besser standen. »Ich heirate ihn. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass ich überlebe … und Mireille ebenfalls.«
Razniak lachte laut und ekelerregend auf. Seine tiefe Stimme trieb ihr die Galle hoch. »Lasst das meine Sorge sein, Prinzessin. Ich wusste, Ihr würdet zur Vernunft kommen.«
Lange nachdem seine Schritte verklungen waren und das Schweigen wieder Einzug in dem Kerker gehalten hatte, wurde es von Mireilles zarter Stimme gebrochen. »Ihr wollt ihn wirklich heiraten?«, fragte sie voller Bitterkeit.
»Nein«, gab Calista zurück. »Nein, das will ich nicht. Aber man bekommt nicht immer, was man will, nicht wahr? Ich werde einen Weg für uns finden, Mireille.« Sie starrte auf ihre Hände, rau von den vielen großen und kleinen Narben, die sie sich in Kämpfen zugezogen hatte. Sie waren nur ein Ausdruck für ihre Hartnäckigkeit.
Solange sie lebte, würde sie kämpfen. Auch wenn das bedeutete, den richtigen Moment abzupassen und sich auf eine furchtbare Hochzeit einzulassen. Razniak und seine Brut würden sehen, was sie von Abmachungen hatten, die in dunklen Kerkern ohne Zeugen getroffen wurden. Mit Königinnen, deren Kronen man geraubt hatte. Mit Mädchen voller Hass und mit Blut an den Händen. Mit den Monstern, die von Monstern erschaffen worden waren.

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1996 in einer Kleinstadt Ungarns geboren, fand Tessa May nach ihrem Umzug nach Deutschland schnell Gefallen daran, mit der Sprache zu spielen. Während sie in ihrer Freizeit unzählige Bücher verschlingt, ist auch das Schreiben ihre Passion. 2016 begann sie ihr Studium im Verlagswesen, um die Liebe zum geschriebenen Wort in ihren Alltag zu integrieren.