Love in the City – Herzklopfen in der Oxford Street

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2

Saublödes MBA-Studium. Jen knallte vier riesige Lehrbücher und zwei Ordner auf den Küchentisch und schüttelte die Arme aus. Sie zitterten vor Anstrengung, weil sie die schwere Last den ganzen Weg von der U-Bahn hatte nach Hause schleppen müssen. Niemand hatte sie davor gewarnt, was für ein gigantisches Lesepensum in diesem Kurs auf sie zukommen würde. Und was für eine gigantische Traglast. Vergesst die Auswahlgespräche, die sollten die potenziellen Kandidaten lieber einem Fitnesstest unterziehen. Grundlagen der Unternehmensführung durch die Gegend zu bugsieren war kein Pappenstiel.

Sie steuerte geradewegs auf die Flasche Wein zu, die sie am Abend zuvor aufgemacht hatte, goss sich ein Glas ein, setzte sich und funkelte wutentbrannt die Bücher auf dem Tisch vor sich an. Fünf Stunden Vorlesungen hatte sie über sich ergehen lassen müssen. Die halbe Stunde »Teambildung« nicht mitgerechnet, in der sie und Lara und Alan zusammen in einen Raum gehen und drei Dinge übereinander in Erfahrung bringen mussten, die sie vorher nicht gewusst hatten. Herrje, das war einfach so was von nervtötend. Warum um alles in der Welt musste sie erfahren, dass Alan Geschichtsbücher mochte, in Hampshire auf die Welt gekommen war und seine Kindheit in Wales verbracht hatte? Und obwohl es ganz interessant war, dass Lara BH-Größe 75 DD hatte, war es ihr doch ziemlich unangenehm gewesen, diese Information an den ganzen Kurs weitergeben zu müssen.

Vor allem, weil sie selbst eher 75 B trug und sich lebhaft vorstellen konnte, wie die anderen sie daraufhin insgeheim mit Lara verglichen.

Jen seufzte. Es war gerade mal der erste Tag. Sicher würde es noch besser werden.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn es nur noch schlimmer wurde? Was, wenn sie den ganzen Tag Teambildungsübungen machen musste und nicht mal ansatzweise dazu kam, das zu tun, wofür sie eigentlich dort war — nämlich, um eine Verschwörung aufzudecken und ihren Vater als den Mistkerl bloßzustellen, der er ihrer Meinung nach war. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie es anstellen sollte, überhaupt an Informationen zu kommen, und den ganzen Tag im Hörsaal zu sitzen war dabei nicht unbedingt eine große Hilfe.

Jen trank den Wein in einem Zug aus und schenkte sich gleich noch ein Glas ein. Vielleicht sollte sie Alkoholikerin werden, überlegte sie. Wenn sie dauernd betrunken war, würde es ihr vielleicht nicht so viel ausmachen, den ganzen Tag in hirntötenden Vorlesungen über Firmenstrategien zu sitzen.

Sie verzog das Gesicht. Oder auch nicht.

Ganz langsam stand sie auf und trottete durch die Hintertür zu dem kleinen Areal, das sie als Garten bezeichnete, das aber eigentlich viel zu klein war, um diesen hochtrabenden Namen zu verdienen. Das Ganze maß drei Meter mal eineinhalb Meter, ein winzig kleines Fleckchen Erde, das sie in den letzten paar Monaten in einen wunderschönen Ort zum draußen Sitzen verwandelt hatte, inklusive Kräutern und Kletterpflanzen, die sich überall hochrankten.

Ob sie sich bloß etwas vormachte, sich einzureden, wirklich etwas erreichen zu können, indem sie sich bei Bell Consulting herumtrieb? Ging es hier wirklich um Firmenspionage und darum, ihren Vater der Justiz zu übergeben, oder musste sie sich bloß selbst etwas beweisen? Sie wusste, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich von Gavin zu trennen, und auch, dass sie sich ein eigenes Leben aufbauen musste. Aber ob das wirklich der richtige Weg war? Hoffte sie nicht insgeheim, dass er davon erfahren würde? Dass er beeindruckt wäre? Dass er einsehen würde, dass er kein Monopol auf Heldentaten hatte?

Jen musste über sich selbst lachen. Einen MBA-Abschluss zu machen sollte eine Heldentat sein? Das grenzte ja schon fast an Wahnvorstellungen.

Etwas irritiert schaute sie sich um. Hier geriet alles ein wenig aus der Kontrolle. Die Clematis fing an, alles zu überwuchern, am Jasmin mussten die vertrockneten Blüten abgeknipst werden, das arme Basilikum war ganz welk geworden und der Rosmarin schon völlig vertrocknet. Es wunderte sie nicht — ihre Pflanzen waren nicht dafür gerüstet, sich ganz allein im rauen Londoner Klima, der dreckigen Luft und dem wechselhaften Wetter zu behaupten. Allerdings war sie auch nicht davon überzeugt, dass es bei ihr selbst anders war.

»Was meint ihr, sollen wir zusammen nach Südfrankreich abhauen?«, fragte sie ihre Pflanzen in lockerem Plauderton und streifte sich die Gartenhandschuhe über.

Langsam und systematisch machte Jen sich daran, ihre Pflanzen zu gießen und zu beschneiden, behutsam die Erde zu lockern, Kompost und Dünger einzuarbeiten und wieder eine gewisse Ordnung in ihrer kleinen Enklave herzustellen. Das war das Einzige, wofür sie sich immer genügend Zeit nahm. Das Einzige, was sie immer ganz in Ruhe und ohne Hast erledigte. Und das Einzige, worauf sie wirklich richtig stolz war. Es war zwar keine herausragende Leistung, schließlich handelte es sich nur um ein paar Quadratmeter Erde mit ein paar Pflänzchen, aber jedes einzelne davon hatte sie mit ihren eigenen Händen gepflanzt. Niemand hatte hier mitgeredet oder sich eingemischt — ja, eigentlich wusste niemand außer ihr von der Existenz dieses Gartens. Der zudem auch noch ziemlich praktisch war, wenn man gerade einen Tomaten-Mozzarella-Salat mit Basilikum zubereitete.

Sie lehnte sich zurück und begutachtete ihre Arbeit. Den Kräutergarten hatte sie ganz links in der Ecke angelegt, rechts davon, wo es am sonnigsten war, hatte sie Jasmin und Clematis gepflanzt, die den ramponierten Zaun zum Nachbargrundstück verdeckten. Und ganz vorne, seitlich neben dem kleinen gepflasterten Stück, auf das sie einen winzigen Tisch und zwei Stühle gequetscht hatte, standen Unmengen von Töpfen mit himmlisch duftendem Lavendel.

Alles ziemlich zähe Gewächse. Nichts, was dem durchschnittlichen Hobbygärtner Ärger machte. Aber nichtsdestotrotz eine reife Leistung. Und gut riechen tat es auch.

Zufrieden flitzte sie hinein, schnappte sich den Wein, ging dann wieder nach draußen und setzte sich auf einen der wackligen Stühle. Das Leben erschien einem so einfach, wenn man hier draußen war, dachte Jen. So elementar — Leben, Erneuerung und Tod waren die einzig beherrschenden Prinzipien. Pflanzen mussten sich keine Gedanken über Exfreunde, entfremdete Elternteile und strategische Ausrichtung machen. Sie lebten einfach, wuchsen der Sonne entgegen und trieben auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen ihre Wurzeln in den Boden. Und zäh waren sie auch noch — Jen sah kaum etwas lieber als das kleine Unkraut, das sich durch den Asphalt bohrte und damit eindrucksvoll die Kraft der Natur unter Beweis stellte. Und das erinnerte sie immer wieder daran, dass die Menschen, trotz aller Häuser, Straßen und Computer, die sie gebaut hatten, Mutter Natur nie ganz würden zähmen können.

Jen seufzte und trank noch einen Schluck Wein. Ihre eigene Mutter zu zähmen war mindestens genauso schwer, musste sie sich eingestehen, während ihr Blick für einen Moment auf der Clematis ruhte. Sie runzelte die Stirn. Die Pflanze hatte sich um die Drähte gerankt, die sie eigens zu diesem Zweck gespannt hatte, wickelte sich aber auch schon um seinen Nachbarn, den Jasmin, der sich im Gegenzug in und um den Zaun geschlungen hatte und jede Spalte und jedes Loch gnadenlos ausnutzte. Und dort, zu Füßen dieser beiden Pflanzen, stand eine kleine Gardenie, deren zaghafte Wachstumsversuche von den beiden rücksichtslosen Kletterern zunichtegemacht wurden.

Die Gardenie hatte sie noch nie gesehen — gepflanzt hatte sie die jedenfalls nicht. Schnell nahm sie ihre Pflanzkelle und grub, mit den bloßen Händen tastend, behutsam die Wurzeln aus und hob dann die Pflanze aus ihrem Loch.

Sie grübelte, wie und durch wen sie wohl dort gelandet sein mochte. Die linke Seite ihres Gartens war zu schattig, und auf der rechten wäre sie auf Gedeih und Verderb den Kletterpflanzen ausgeliefert, die in ihrem ungehemmten Wachstum unbarmherzig alles überwucherten.

»Wohin würde ich gerne gepflanzt werden?«, fragte sie sich laut. »Lieber in den Schatten oder in die Sonne? Allein oder da, wo ich um meinen Platz kämpfen müsste?«

Schließlich entschied sie sich für einen kleinen Flecken unweit der Clematis und grub ein Loch. Das füllte sie mit Kompost und Erde, setzte die kleine Pflanze vorsichtig hinein und begoss sie kurz mit einem ordentlichen Schluck Wasser. Dann setzte sie sich wieder hin und genoss die letzten Minuten der warmen Herbstsonne auf dem Gesicht, bevor diese wieder hinter der Mauer verschwand.

Gerade als sie anfing, sich zu entspannen, und die Gedanken wegschweifen ließ von ihrer Mutter und Gavin, klingelte das Telefon und zerriss ihre friedlichen Tagträumereien. Widerstrebend ging Jen hinein und griff nach dem Hörer.

»Und, wie war’s?«, tönte ihr die Stimme ihrer Mutter entgegen und beinahe wünschte Jen sich, sie wäre nicht drangegangen. Vielleicht sollte sie sich ein Beispiel an der Gardenie nehmen — hätte sie Harriets Anrufe etwas häufiger ignoriert, würde sie vermutlich gar nicht erst diesen Kurs machen müssen und hätte jetzt auch keine malträtierten Arme und keine Kopfschmerzen.

»Ach, Mum. Hi. Ja, es war … na ja, du weißt schon. Es war ganz okay.«

»Hast du deinen Vater gesehen? Hast du irgendwas herausgefunden?«

Jen seufzte. »Mum, das war gerade mein erster Tag. Nein, ich habe ihn nicht gesehen, und nein, ich habe auch noch nichts herausgefunden. Ich habe den ganzen Tag in völlig bescheuerten Vorlesungen gesessen. Und ehrlich gesagt bin ich todmüde und bekomme gerade schreckliche Kopfschmerzen …«

»Ach herrje«, rief Harriet, aber Jen fand nicht, dass sie dabei besonders mitfühlend klang.

»Na ja, wie dem auch sei, wie steht’s denn bei dir? Irgendwas Neues im Büro?«, fragte Jen betont locker. Sie wollte irgendetwas hören, das überhaupt nichts mit Firmenstrategie zu tun hatte, und wäre sogar so weit gegangen, sich die Märchengeschichten ihrer Mutter anzuhören, wenn schon nichts anderes zur Wahl stand.

»Ach, weißt du, das Übliche. Nächste Woche haben wir eine Sitzung, zu der du vielleicht auch kommen solltest — zum Thema heilige Weiblichkeit. Weißt du noch, darauf sind wir in unserem Buchclub gekommen, als wir Sakrileg gelesen haben. Wir treffen uns, um Strategien auszuarbeiten, wie man wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann, indem man die heilige Weiblichkeit in uns allen — auch in unseren Kunden — stärkt. Ich glaube, das könnte eine ganz große Sache für uns werden.«

Jen rümpfte die Nase. So ein Gespräch hatte sie nicht gerade im Sinn gehabt.

»Die heilige Weiblichkeit?«, fragte sie ungläubig, betrachtete ihre Fingernägel und fragte sich, wie Lara es schaffte, dass ihre Fingernägel so lang und glänzend waren. Jen war noch nie der Typ für lange, glänzende Fingernägel gewesen, und eigentlich wollte sie es auch nicht werden, aber interessiert hätte es sie trotzdem. »Ich dachte, Sakrileg sei eine erfundene Geschichte.«

Jen hörte ihre Mutter verächtlich schnauben.

»Erfunden? Glaubst du das wirklich? Die größte Verschwörung aller Zeiten wird endlich aufgedeckt und du glaubst, das sei alles bloß erfunden?«

Jen musste grinsen, als ihre Mutter zu einer leidenschaftlichen Verteidigung des Romans und seiner Theorien ansetzte.

»Und du meinst, das würde helfen, wieder mehr Kunden anzulocken?«, frage Jen schließlich.

»Da bin ich mir ganz sicher. Die Idee ist mir gekommen, als ich gerade mit Paul Kristalle aussuchte, und es war beinahe wie eine Vision, so klar habe ich alles vor mir gesehen.«

Jen stöhnte auf. Die Marotten ihrer Mutter waren eine Sache, aber die Marotten von Paul »der Nervensäge« Song, Feng Shui-Experte und Harriets neuester Guru, waren etwas ganz anderes. Jen wusste, sie sollte wohl etwas nachsichtiger sein, aber jemand, der in langen, wallenden Hosen herumlief und über Kristalle und Meditation schwadronierte, der verdiente es ihrer Meinung nach nicht, ernst genommen zu werden. Ihre Mutter kannte ihn erst seit ein paar Wochen, aber schon jetzt ließ sie seinen Namen im Gespräch so häufig fallen, als kenne sie ihn schon ihr ganzes Leben lang.

»Jetzt suchst du schon Kristalle mit ihm aus. Wie romantisch«, bemerkte Jen sarkastisch. Harriet entging ihr Tonfall nicht.

»Ich weiß, in deinem Alter glaubt man, alles dreht sich nur um Sex, Liebes, aber manche Menschen lassen das Körperliche irgendwann hinter sich und wenden sich dem Geistigen zu«, erklärte sie schnippisch. »Ich weiß nicht, warum du Paul nicht magst, aber ich finde, das wirft kein gutes Licht auf dich. Er ist mir eine große Stütze, wirklich. Und er versteht mich, wie niemand anderes mich versteht …«

»Du meinst, weil er dich länger quasseln lässt als alle anderen«, gab Jen betont liebenswürdig zurück. »Sieh mal, ich bin mir sicher, dass deine Idee mit der heiligen Weiblichkeit ein Knaller ist, aber ich fürchte, ich habe alle Hände voll mit diesem kleinen MBA-Studium zu tun, das ich mir da aufgehalst habe. Du wirst also wohl leider auf mich verzichten müssen.«

»Gut«, erwiderte Harriet abweisend. »Ach, und habe ich schon erwähnt, dass ich uns einen Tisch bei der Tsunami-Spendengala reserviert habe? Du kommst doch mit, oder?«

»Nein, das hast du noch nicht erwähnt«, erwiderte Jen bestimmt. Wohltätigkeitsabende hatte sie schon einige erlebt, und die reichten ihr für alle Zeiten. Da liefen lauter Leute herum, die dachten, bloß weil sie 80 Pfund für eine Karte bezahlt hatten, seien sie die weltgrößten Experten für das jeweilige Anliegen, und außerdem war kaum einer der Anwesenden unter fünfzig.

»Doch, habe ich ganz bestimmt. Schon am kommenden Freitag. Die Karten waren sehr teuer.«

»Tja, dann hättest du mal was sagen sollen. Ich bin am Freitag mit Angel verabredet …«

Und außerdem bin ich, glaube ich, etwas zu alt, um freitags abends noch mit meiner Mutter auszugehen, hätte sie am liebsten hinzugefügt, verkniff es sich aber lieber.

Harriet seufzte theatralisch. »Ich dachte, es sei dir wichtig, Jennifer. Ehrlich, ich kaufe dir eine Karte für das Tsunami-Dinner, im Wissen, dass Bell Consulting auch einen Tisch hat, und dir ist es zu viel —«

»Dad kommt auch?«, unterbrach Jen sie und war augenblicklich ganz ernst.

»Nein, dein Vater nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er an einer Wohltätigkeitsveranstaltung teilnimmt. Aber ein paar seiner Berater gehen hin. Ich kenne die Veranstalter, musst du wissen. Und die haben mir freundlicherweise einen kleinen Blick auf die Gästeliste gestattet. Aber wenn dir deine privaten Verabredungen wichtiger sind, dann habe ich dafür vollstes Verständnis.«

»Ich glaube, ich sehe diese Woche mehr von Bell, als mit lieb ist«, meinte Jen widerwillig. Sie hörte schon jetzt diese kleine Stimme im Kopf, die ihr einflüsterte, nicht gleich kategorisch auszuschließen, vielleicht doch hinzugehen.

»Und ich dachte, dir lägen diese armen Menschen, deren Leben in Trümmern liegt, wirklich am Herzen«, jammerte Harriet mit einem leichten Kieksen in der Stimme. »Meinst du nicht, ein festliches Abendessen, bei dem Wein und Champagner in Strömen fließen, wäre eine gute Gelegenheit, die Leute in ihrer Feierlaune zu überrumpeln? Gespräche zu belauschen, die sie vielleicht auf dem Gang im Büro nicht führen würden?«

Jen seufzte. Wie ihre Mutter das bloß immer wieder schaffte, fragte sie sich. Einem das Neinsagen beinahe unmöglich zu machen.

»Wann geht es los?«, fragte sie resigniert.

»Halb acht oder acht. Ach, das wird bestimmt ein Spaß!«

Was ich irgendwie ernsthaft bezweifle, dachte Jen und legte den Hörer auf.

 

3

Jen betrachtete sich missgelaunt im Spiegel. Es war Freitagabend und eigentlich würde sie jetzt lieber tanzen gehen. Aber statt die Stadt unsicher zu machen, hatte man sie gezwungen, ein lächerliches Kleid anzuziehen und mit ihrer Mutter, Paul »der Nervensäge« Song und einem Haufen Green-Futures-Typen zu einem Dinner zu gehen. Sie stöhnte. Als sie sich von Gavin getrennt hatte und wieder nach London gezogen war, hatte sie sich ihr neues Leben nicht unbedingt so vorgestellt.

Jen drehte sich um und betrachtete ihre Rückansicht. Sie trug ein Kleid, das sie seit beinahe acht Jahren besaß — normalerweise hatte sie kaum Verwendung für ein Cocktailkleid, und unter keinen Umständen würde sie sich dazu hinreißen lassen, ihr schwer verdientes Geld für ein Kleidungsstück auszugeben, das sie vermutlich nie im Leben wieder anziehen würde. Irgendwie spannte es an allen Stellen, an denen es früher ihre Kurven schmeichelhaft betont hatte. Hatte sie wirklich zugenommen, fragte Jen sich, oder war das Kleid womöglich doch in der Reinigung eingelaufen?

Um die wahrscheinlichere der beiden Antworten zu ignorieren, kramte sie schnell einen alten Pashmina-Schal hervor und drapierte ihn um das Kleid. Dann schlüpfte sie in die hochhackigsten Schuhe, die sie finden konnte. Toll war zwar etwas anderes, aber es würde reichen. Schließlich ging sie ja nicht richtig aus, es war bloß ein Geschäftsessen. Da kam es nicht so drauf an, wie man aussah.

Sie schnappte sich ihre Handtasche, trat auf die Straße und hielt ein Taxi an.

»Was für ein hübsches Kleid!« Harriet strahlte Jen an und wandte sich dann gleich wieder Paul zu. »Hab ich nicht recht?«

»Du siehst bezaubernd aus«, stimmte Paul ihr zu und Jen zwang sich zu einem Lächeln. Das Kleid war entsetzlich, aber ihr war inzwischen alles egal. Das Dinner fand im Lanesborough Hotel nahe Hyde Park Corner statt und die betuchten Londoner waren in Scharen erschienen, zumindest die mit den grauen Haaren, wie Jen feststellte. Überall roch es nach Puder und schwerem, süßem Parfum.

Jen versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass sie jetzt eigentlich mit Leuten in ihrem Alter in einer netten Bar sitzen sollte, und sah sich um. Es war ja für einen guten Zweck, sagte sie sich, obwohl sie genau wusste, dass Gavin sich totlachen würde, wenn er sie jetzt sähe. »Ja klar, dich in ein kleines Schwarzes zu zwängen wird garantiert die Welt retten«, würde er sarkastisch bemerken. »Ein Haufen alter aufgebrezelter Schachteln? Ich bitte dich …«

Und er hätte sogar recht, musste Jen sich mit einem Seufzen eingestehen. Aber wo sie jetzt schon mal da war, konnte sie ja auch das Beste daraus machen.

Sie erspähte einen Kellner, der mit einem vollen Tablett Champagnergläser vorbeiging, und nahm sich dankbar eins herunter.

»Jen!«

Sie grinste. Es war Tim, der Leiter der Finanzabteilung von Green Futures. »Hi, Tim, wie geht’s?«

Er lächelte gequält. Auch er hatte seine Hose offensichtlich bereits vor geraumer Zeit gekauft und darüber wölbte sich sein Bauch, passend zum Stiernacken, der aus dem Hemdkragen quoll. Bei diesem Anblick fiel Jen beunruhigt ihr enges Kleid wieder ein und sie zog den Pashmina-Schal enger.

»Ach, weißt du, eigentlich kann ich mich nicht beklagen«, erwiderte er leutselig. »Wusste gar nicht, dass du heute Abend auch hier bist. Aber andererseits, ich habe dich in letzter Zeit auch kaum gesehen. Warst du krank?«

Jen zuckte unbehaglich mit den Schultern. Anscheinend hatte Harriet tatsächlich niemandem gesagt, wo Jen die ganze Zeit gewesen war. Eigentlich war das ja gut, aber es hieß auch, dass sie sich nun schnellstens eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden aus den Fingern saugen musste. »Nein, also, ich hatte bloß, du weißt schon, ein paar Dinge zu erledigen«, erklärte sie vage. »Und bis Montag wusste ich selbst nicht, dass ich heute Abend herkommen würde, aber du kennst ja meine Mutter.«

Tim grinste. »Das kannst du laut sagen. Seit zwei Wochen versuche ich, sie abzufangen, damit wir unsere Einnahmen und Ausgaben mal gemeinsam durchgehen können, aber sie hat ja immer so wahnsinnig viel zu tun. Aber man braucht nur ein Wort über eine Wohltätigkeitsgala fallen zu lassen und plötzlich hat sie alle Zeit der Welt …«

Beide schauten hinüber zu Harriet, die Hof hielt und ein kleines Grüppchen mit ihren Geschichten fesselte. Ihr Blick fiel auf Jen und sie gab ihr ein Zeichen, herüberzukommen, doch Jen schüttelte den Kopf und winkte nur.

»Willst du dich nicht zu Ihrer Hoheit gesellen?«, fragte Tim und hob erstaunt eine Augenbraue.

Jen nahm einen großen Schluck Champagner. »Manchmal glaubt sie anscheinend, ich sei immer noch zwölf«, antwortete sie mit einem schiefen Lächeln. »Wenn ich rübergehe, muss ich befürchten, dass sie vor allen Anwesenden damit prahlt, was für einen tollen Schulabschluss ich gemacht habe oder so was in der Art …«

Tim rief einen Kellner heran, der Miniwürstchen und Blinis anbot, griff gierig nach beidem und schlang in Sekundenschnelle alles herunter.

»Wünschst du dir schon, du hättest nicht angefangen, in ihrer Firma zu arbeiten?« Tim war offenbar in Plauderlaune.

Jen dachte kurz nach. »Weiß nicht so genau. Ich hab mir schon gedacht, dass es nicht gerade die Ideallösung ist, aber ich war froh, überhaupt irgendwas zu haben.«

Tim nickte. »Na ja, wenn du sie mal kurz erwischst, sag ihr bitte, dass wir ein paar kleine Problemchen mit unserem Bargeldumlauf haben, wärst du so gut? Ich hab’s schon mit E-Mails versucht, aber ich glaube, wenn sie meinen Namen als Absender liest, löscht sie sie sofort.«

Jen schmunzelte. »So schlimm kann es aber doch nicht sein, oder?«

Tim legte die Stirn in besorgte Falten. »Deine Mutter«, sagte er und hielt kurz inne, um einen Schluck Champagner zu trinken, »ist die weltbeste Netzwerkerin, die weltbeste Verkäuferin und eine verdammt gute Geschichtenerzählerin. Aber wenn’s um Zahlen geht … Na ja, wie dem auch sei, sag ihr einfach, sie wird nicht drum herumkommen, sich mit mir hinzusetzen und sich alles genau erklären zu lassen, ja?«

Jen nickte, dann machte sich Tim auf die Suche nach noch mehr Essbarem und ließ eine stirnrunzelnde Jen zurück. Sie zuckte zusammen, als der Gong ertönte und alle gebeten wurden, sich zu Tisch zu begeben. Sie huschte hinüber zum Sitzplan, und ihre Laune hob sich nicht gerade, als sie sah, dass man sie zwischen Paul Song und Geoffrey platziert hatte, einem der Berater von Green Futures, der im Büro von allen nur »der bärtige Spinner« genannt wurde.

»Hübsches Kleid«, sagte Geoffrey dann auch noch mit einem breiten Lächeln, als sie sich setzte. »Meine Mutter hat genau das Gleiche.«

Jen lächelte dünn. Irgendwie hatte sie das Gefühl, es würde ein sehr langer Abend werden.

»Also habe ich ihn gefragt, ob er schon mal darüber nachgedacht hätte, Leute aus der Gegend anzuwerben. Und weißt du, was er da gesagt hat?«

Jen merkte irgendwie, dass Geoffrey aufgehört hatte zu reden und ihr vermutlich eine Frage gestellt hatte. Sie lächelte in der Hoffnung, er würde weitererzählen. Dieses Essen war ein einziger Witz gewesen und sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich dazu hatte bequatschen lassen. Sie würde rein gar nichts über Bell oder Axiom in Erfahrung bringen und auch sonst nichts halbwegs Interessantes. Außerdem fühlte sie sich in ihrem Kleid wie eine Vogelscheuche und schämte sich gleichzeitig, dass sie so eitel war. Eigentlich sollte es ihr doch egal sein, wie sie aussah, das wusste sie. Aber irgendwie war es das natürlich nicht.

»Und, weißt du’s?«

Mist. Wie war noch mal die Frage, überlegte Jen verzweifelt. Angestrengt kramte sie in ihrem Kurzzeitgedächtnis, über was um alles in der Welt Geoffrey in den vergangenen beiden Stunden schwadroniert hatte, oder wie lange es auch immer gedauert hatte, die drei Gänge herunterzuwürgen.

»Ich wette, du verrätst es mir gleich«, gab sie schließlich zurück und war sehr erleichtert, als sich auf Geoffreys Gesicht ein zufriedenes Grinsen ausbreitete.

»Nein haben sie gesagt!«, erklärte er triumphierend. »Und da ist ihnen auf einmal aufgegangen, was sie die ganze Zeit über falsch gemacht haben. Natürlich konnten sie mir gar nicht genug danken, aber ich habe gesagt ›Danken Sie nicht mir, danken Sie sich selbst für Ihren Weitblick —‹.«

»Weißt du was, ich … hole mir mal schnell was zu trinken«, unterbrach Jen ihn mit einem kleinen Lächeln. »Kann ich … ähm … dir was mitbringen?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Ich will wochentags lieber nicht so viel trinken!«, erklärte er verschwörerisch.

»Es ist doch Freitag«, wendete Jen ein.

»Trotzdem …«

Jen zuckte die Achseln, schlenderte hinüber zur Bar und atmete erleichtert auf, dass sie seinem unaufhörlichen Redeschwall fürs Erste entkommen war. Im Grunde war er ein ganz netter Kerl, das war ihr schon klar. Und eigentlich, ganz tief im Innersten, mochte sie ihn ja auch. Allerdings nur, solange sie sich nicht allzu lange mit ihm im gleichen Raum aufhalten musste.

»Einen Wodka Tonic, bitte«, bestellte sie, als einer der Barkeeper zu ihr herüberkam. Mit dem Drink in der Hand kletterte sie dann auf einen der Barhocker, drehte sich um und ließ den Blick über die anwesenden Gäste schweifen. Da waren ungefähr zwanzig Tische, an jedem saßen zwölf Leute, machte … Jen runzelte angestrengt die Stirn, während sie das schnell durchrechnete … 240 Leute. Und an mindestens einem der Tische saßen die Bell-Mitarbeiter. Bloß an welchem?

Sie guckte starr geradeaus und fragte sich zum millionsten Mal, wo sie wohl unter normalen Umständen gerade mit Angel sein würde. Oder mit irgendwem, mit dem sie gerne ihre Zeit verbrachte.

»Und da sagt sie zu ihm, sie will ihn nicht mehr sehen, weil sie seit einem Jahr mit seinem besten Freund schläft.«

»Nein!«

Zwei Männer waren an die Bar getreten und unterhielten sich angeregt. Jen musterte sie flüchtig und wendete sich dann wieder ihrem Drink zu.

»Doch. Und da steht er nun in seiner Unterhose und guckt sie an und … oh, ‚tschuldigung …«

Jen hörte ein Handy klingeln und der Typ ging dran und presste das Ding an sein Ohr.

»Mr. Bell. Ja, ich bin gerade da. Nein, eigentlich nicht. Wir sind gerade dabei … Sie wissen schon … ein bisschen zu kontakten … Da haben Sie recht. Jep. Jep. Okay dann. Bye.«

Jen erstarrte und klammerte sich an ihrem Glas fest. Das mussten die Bell-Berater sein. Und sie standen direkt neben ihr! Sie ließ ihr Haar ins Gesicht fallen und versuchte unauffällig, ein bisschen näher heranzurutschen, während sie gleichzeitig stur geradeaus blickte.

»Okay, der Typ marschiert also los zu seinem Freund«, fuhr der Mann fort und steckte das Handy wieder in die Tasche.

»Er geht zu seinem Freund? Im Ernst?«

»Im Ernst. Er beschließt, die Sache mit ihm persönlich auszumachen.«

»Und seine Frau ist auch da?«

»Ja. Aber nicht mit seinem Freund. Sondern mit der Frau seines Freundes, ihrer kleinen Freundin.«

»Nein!«

Jen verdrehte sie Augen. So viel zum Thema etwas Nützliches herausfinden zu wollen, dachte sie, und versuchte sich einzureden, sie habe nicht das geringste Interesse an diesem Mann in der Unterhose.

»Wenn ich’s dir sage. Er kommt also in seinem Mercedes angeschaukelt. Steigt aus und schließt das Auto ab. Die Haustür geht auf, und er erschrickt zu Tode. Also, der Typ ist ein einziges Nervenbündel. Wie dem auch sei, er lässt den Autoschlüssel fallen, beugt sich runter und will ihn aufheben, aber der Schlüssel ist in den Gully gefallen.«

»In den Gully?«

»So wahr mir Gott helfe.«

»Und er steht immer noch in Unterhose da?«

»Ich schwör’s dir. Hör zu, ich muss mal pinkeln. Du besorgst was zu Trinken, und ich bin gleich wieder da.«

»Ich komme mit. Ich wollte dich doch auch noch nach dieser Geschichte mit Axiom fragen.«

Jen blickte zu den Männern hinüber und versenkte den Blick dann gleich wieder in ihrem Glas. Axiom? Das musste sie hören.

»Ach, das. Ja, ein echter Albtraum. Wo ist denn das Herrenklo?«

Der angesprochene Barkeeper wies zur anderen Seite des Saals. Als die beiden in diese Richtung davontrabten, schaute Jen sich verstohlen um, rutschte von ihrem Hocker und schlich hinter ihnen her aus dem Ballsaal und den Korridor entlang. Sie beobachtete, wie die beiden in der Herrentoilette verschwanden, drückte die Tür vorsichtig ein Stück weit auf und versuchte weiter ihr Gespräch zu belauschen.

»Sein Autoschlüssel ist also futsch …«

Sie verdrehte die Augen. Und was ist mit Axiom, hätte sie am liebsten gebrüllt. Wen interessierte schon der verdammte Kerl in Unterhose?

»… und er guckt hoch, und vor ihm steht …«

»Hallo.«

Verdutzt sah Jen sich um. Da stand jemand direkt hinter ihr und wollte offensichtlich in die Herrentoilette, und sie versperrte ihm den Weg. Er musterte sie befremdet, und sie fragte sich, wie lange er wohl schon dort stand.

»Hallo!«, brachte sie heraus. Sie wusste, dass sie eigentlich Platz machen sollte, aber weil er so dicht hinter ihr stand, war das gar nicht so einfach — vorwärts in die Herrentoilette konnte sie kaum gehen, und jetzt war auch noch der Rückweg blockiert.

»Ist das hier die … ähm, Begrüßungsparty?«, fragte er mit

einem verschmitzten Lächeln. Jen wurde rot. Was sie hier gerade machte, sah ganz und gar nicht gut aus. Sie stand halb in der Herrentoilette, und als sei das noch nicht genug, drückte sie auch noch das Ohr gegen die Tür.

Sie drehte sich zu ihm und wäre am liebsten im Boden versunken. Natürlich sah er umwerfend gut aus. Hätte sie gerade irgendetwas Normales getan und ein optimal sitzendes Kleid getragen, hätte es sich vermutlich um irgendeinen komischen alten Kauz gehandelt, klar.

»Entschuldigung. Ich habe gerade … ähm … jemanden gesucht«, stammelte sie, zog den Pashmina-Schal enger und hätte dabei fast ihren Drink über dem Unbekannten ausgekippt.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Nein!«, widersprach Jen etwas zu heftig. »Ich meine, nein danke.«

Er schaute sie noch immer leicht irritiert, aber dabei offensichtlich ziemlich amüsiert an, und ihr schien es ratsam, ihn endlich durchzulassen. Sonst würde er sie noch für eine vollkommen durchgeknallte Person halten.

»Entschuldigung«, stotterte sie noch mal und wollte sich ganz schnell an ihm vorbeidrücken. Was nur dazu führte, dass sich ihr Gesicht in seiner Achselhöhle verfing. Sie wich zurück, und dabei hätte ihre Wange beinahe seine gestreift, woraufhin sie nur noch tiefer errötete.

Ihre Blicke trafen sich und er zwinkerte ein bisschen. Und gerade als sie schon dachte, es könne nicht schlimmer kommen, sah sie Geoffrey den Flur entlangtappen und in seinen ausgelatschten braunen Schuhen zu Smoking und schwarzer Hose wirkte er so gänzlich fehl am Platze, dass es schon fast wieder komisch war.

»Hallo, Jennifer«, sagte er, und die bizarre Situation — sie in einen fremden Mann verwickelt in der Tür zum Herrenklo — schien ihm vollkommen zu entgehen. »Ich habe dich schon an der Bar gesucht, so ein Zufall.« Nun sank Jens Laune vollends in den Keller, denn der Fremde machte nun augenblicklich Platz, um sie durchzulassen.

»Na, wie’s aussieht, haben Sie die Gesuchte gerade gefunden«, bemerkte er mit einem schiefen Lächeln und verschwand in der Toilette. Jen schaute ihm nach und wandte sich dann zu Geoffrey, der da stand und albern grinste.

»Suchst du mich?«, fragte er strahlend. »Na, das war wohl ein kleines Missverständnis! Ich schlage vor, wir gehen zurück zu unserem Tisch, was meinst du? Es sei denn, du würdest lieber noch länger vor dem Männerklo herumstehen!«

Er lachte laut über seinen eigenen Witz, und Jen lächelte säuerlich. »Natürlich nicht«, antwortete sie lahm. »Warum um Himmels willen sollte ich das wollen?«

In Begleitung von Geoffrey ging Jen zum Tisch zurück und ließ sich auf ihren Stuhl sinken. Der heutige Abend würde als der schlimmste Freitagabend aller Zeiten in die Geschichte eingehen, dachte sie niedergeschlagen, starrte auf ihren Wodka Tonic und nippte dann daran. Sie hatte es total vermasselt, das Gespräch über Axiom verpasst und sich vor dem bestaussehendsten Mann im ganzen Raum bis auf die Knochen blamiert. Und jetzt war sie wieder da, wo sie eben schon mal gewesen war, gleich neben Geoffrey.

»Alles okay?«

Sie guckte hoch und erblickte Paul, der sie teilnahmsvoll ansah. Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie mit einem gezwungenen Lächeln. Jemand, der mir erzählt, ich solle einen Spiegel in meine Wohnung hängen und mit einem Schlag wird alles gut.

»Alles bestens«, erwiderte sie höflich. »Nur ein bisschen müde.«

»Vielleicht brauchst du jemanden zum Reden«, meinte er.

Sie sah ihn misstrauisch an. »Besten Dank, aber mir geht’s gut, wirklich. Eigentlich wollte ich heute Abend mit meinen Freunden ausgehen, das ist alles.«

Paul nickte mitfühlend. »Aber es ist gut, dass du deine Mutter unterstützt, oder nicht?«

»Vermutlich.« Jen zuckte gleichgültig die Achseln.

Paul runzelte die Stirn, und Jen dachte schon, er würde ihr eine Standpauke halten und ihr vorwerfen, sie zeige nicht genug Einsatz, um ihre Mutter zu unterstützen, aber er kramte bloß in seiner Tasche und zog ein Stückchen Papier hervor. Er lächelte entschuldigend, beugte den Kopf und stand auf.

»Entschuldige mich bitte«, sagte er, und Jen erwiderte sein Lächeln.

»Klar«, murmelte sie. »Wie auch immer …«

Geoffrey versuchte Blickkontakt herzustellen, also schaute Jen schnell weg und suchte stattdessen den Saal nach den Bell-Beratern ab. Oder dem gutaussehenden Typen von eben. Um ehrlich zu sein, interessierte der sie wesentlich mehr als die Bell-Leute, aber das hätte sie nie zugegeben.

Und außerdem war es sowieso egal, denn weder er noch die anderen Männer waren zu sehen. Sie ließ den Blick über jeden einzelnen Tisch schweifen, aber keine Spur von ihnen.

Doch als sie sich dann wieder umdrehte, sah sie ihn plötzlich. Der schnuckelige Typ ging schnurstracks Richtung Ausgang und sie musste sich beherrschen, nicht gleich hinterherzustürzen.

Keine gute Idee, ermahnte sie sich, konnte dabei aber den Blick nicht von seinem Rücken losreißen. Er hält mich ja jetzt schon für eine arme Irre, die vorm Herrenklo herumlungert.

Sie zwang sich, sich wieder zum Tisch umzudrehen. Geoffrey lachte sie an. »Jen, ich habe Hannah gerade von dem neuartigen Recyclingpapier erzählt, das eine Firma entwickelt hat, mit der wir zusammenarbeiten. Wusstest du, dass es fünfzehn verschiedene Methoden gibt, die Tinte zu behandeln, damit man …«

»Ich muss mal schnell aufs Klo«, unterbrach sie ihn rasch und sprang auf, ehe sie es sich wieder anders überlegen konnte. Sie flitzte aus dem Ballsaal, schlängelte sich an den Tischen vorbei, quetschte sich zwischen Stühlen hindurch und bahnte sich den Weg nach draußen. Aber als sie endlich den Ausgang erreicht hatte, war der Typ bereits verschwunden.

»Typisch«, schimpfte sie leise, lehnte sich gegen die steinerne Balustrade, die der Treppe folgend nach unten zur Straße führte, und guckte links und rechts, ob sie ihn nicht doch noch sah. Obwohl es ihr natürlich eigentlich egal war. Vermutlich ein gutes Zeichen, dass er nicht mehr da war. Was hätte sie auch sagen sollen, wenn sie ihn noch erwischt hätte? Wenigstens war sie erstmal dieser grässlichen Party entkommen.

Es war kühl, und sie zog ihren Paschmina-Schal fester um die Schultern, lauschte dem Verkehr um Hyde Park Corner und fragte sich, ob sie wirklich noch mal hineingehen musste. Sie könnte Kopfschmerzen vortäuschen und sich am nächsten Tag dafür entschuldigen, dass sie sich nicht verabschiedet hatte …

Ihr fiel auf, wie seltsam der Portier sie beäugte, also drehte sie sich um, stützte die Ellbogen auf die Balustrade und überlegte angestrengt, ob man es ihr durchgehen lassen würde, wenn sie sich jetzt einfach aus dem Staub machte. Es war schließlich schon ziemlich spät. Und da sie von dem Axiom-Gespräch keinen Pieps mitbekommen hatte, war es eigentlich sinnlos, noch länger hierzubleiben.

Sie atmete tief ein und genoss diesen Moment der Ruhe. Bis sie plötzlich stutzte und etwas bemerkte. Oder vielmehr jemanden. Einen Mann, weit unten auf der Straße, der aufgeregt redete. Ob sich da ein Liebespärchen stritt? Oder zwei Freunde sich überwarfen?

Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Dann riss sie die Augen vor Erstaunen weit auf. Der Mann, den sie gesehen hatte, war Paul Song. Und da war noch ein anderer Mann. Vielleicht ist er unzufrieden mit Pauls Auswahl der Kristalle, dachte Jen stirnrunzelnd. Obwohl er nicht wie jemand aussieht, der sich mit Kristallen abgibt.

Dann sah sie, wie Paul dem älteren Mann etwas übergab, das wie ein Briefumschlag aussah, woraufhin die beiden auseinandergingen. Was bedeutete, dass Paul wieder auf dem Weg zurück zur Party war, fiel Jen ein, und wenn sie weiter wie angewurzelt dort stehen blieb, dann würde sie mit ihm hineingehen müssen.

Mit einem Lächeln in Richtung Portier rannte Jen die Treppe hinunter, bog um die Ecke und verschwand in die U-Bahn-Station Hyde Park Corner.

 

 

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Gemma Townley, die Schwester der Autorin Sophie Kinsella, geht gerne eigene Wege: So gründete sie ein Konkurrenzblatt zur offiziellen Unizeitung ihrer Hochschule, schrieb Musikkritiken für Szenemagazine und – ganz seriös – Artikel für Wirtschaftszeitungen. Heute arbeitet sie als Wirtschaftsjournalistin und publiziert in namhaften Blättern wie dem Financial Management. Ganz nebenbei hat die leidenschaftliche Musikerin mit ihrer Band Blueboy zwei Alben aufgenommen. Gemma Townley lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in London.