Königliche Verschwörung

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Kapitel 1

Rannoch House, Belgrave Square, London W.1.
12. August 1932

Meiner Meinung nach gab es auf der ganzen Welt keinen ungemütlicheren Ort als London während einer Hitzewelle. Wahrscheinlich sollte ich eines klarstellen: Ich gebe zu, dass ich noch nie mit Conrad den Kongo hinauf ins Herz der Finsternis gereist bin. Und ich habe noch nie die Sahara auf einem Kamel durchquert. Aber wenigstens waren die Leute, die sich in diese Gegenden wagten, darauf vorbereitet, dass es ungemütlich werden würde. In London wurde es selten auch nur annähernd warm, sodass wir davon immer völlig überrascht wurden. Dann ähnelte die U-Bahn dem berüchtigten Schwarzen Loch von Kalkutta: Man war mit dem Gesicht nur wenige Zoll von den ungewaschenen Achselhöhlen der Leute entfernt, die sich an den Haltegriffen festhielten. Der Gestank war überwältigend.
Ihr fragt euch vielleicht, ob Mitglieder der Königsfamilie häufig die U-Bahn nehmen. Die Antwort lautet natürlich nein. Meine Verwandten König George und Königin Mary, die alles immer sehr ernst nehmen, haben nur eine vage Vorstellung davon, was eine U-Bahn ist. Natürlich bin ich nur die Vierunddreißigste in der Thronfolge und wahrscheinlich das einzige Mitglied meiner Familie, das in diesem Augenblick mittellos ist und versucht, sich allein und ohne Bedienstete in London durchzuschlagen. Also lasst mich meine Wenigkeit vorstellen, bevor wir fortfahren. Mein ganzer Name lautet Lady Victoria Georgiana Charlotte Eugenie von Glen Garry und Rannoch. Meine Großmutter war die unattraktivste von Königin Victorias vielen Töchtern, wenn man nach den frühen Fotografien geht, die ich von ihr gesehen habe. Aber schaut nicht fast jeder auf diesen alten Bildern griesgrämig drein? Jedenfalls erhielt sie keine Anträge von Kaisern oder Königen, also wurde sie mit einem schottischen Duke verheiratet und verbrachte ihre Tage im abgelegensten Winkel Schottlands auf Castle Rannoch, bis sie an zu viel frischer Luft und Langeweile starb.
Inzwischen ist mein Bruder Binky der neue Duke. Er ist auch mehr oder weniger mittellos, da unser Vater den letzten Rest unseres Familienvermögens im großen Börsencrash von ’29 verlor, bevor er sich im Moor die Kugel gab und Binky mit horrenden Erbschaftssteuern zurückließ. Wenigstens hat Binky das Anwesen mitsamt dem Bauernhof bekommen und kann nach Tradition des Landadels jagen, fischen und schießen, also nagt er nicht gerade am Hungertuch. Ich hingegen habe in letzter Zeit von Baked Beans, Toast und Tee gelebt. Mir wurde nichts beigebracht außer passablem Französisch und der Fähigkeit, ein Buch auf dem Kopf zu balancieren, und ich weiß, wo man einen Bischof am Dinnertisch platziert. Das reicht kaum aus, um einen potenziellen Arbeitgeber zu überzeugen, selbst wenn es in meinen Kreisen nicht verpönt wäre, einer gewöhnlichen Tätigkeit nachzugehen. Ich habe es einmal versucht – an der Kosmetiktheke bei Harrods. Ich habe ganze vier Stunden durchgehalten.
Und natürlich steckt England mitten in einer Wirtschaftskrise. Man muss sich nur eine beliebige Straßenecke ansehen, an der diese tragischen Gestalten stehen und Schilder hochhalten, auf denen steht nehme jede Arbeit an, um zu wissen, dass die meisten Menschen finstere Zeiten durchmachen. Nicht so der Großteil meiner gesellschaftlichen Schicht. Für die meisten von ihnen geht das Leben unverändert weiter, mit Jachtausflügen auf dem Mittelmeer und ausschweifenden Partys. Sie wissen vermutlich nicht einmal, wie schlecht es um das Land bestellt ist.
Jetzt wisst ihr also, warum kein Bentley und kein Chauffeur vor Rannoch House stehen, dem Stadthaus meiner Familie am Londoner Belgrave Square, und warum ich mir nur selten ein Taxi leisten kann. Ich versuche aber normalerweise die U-Bahn zu vermeiden. Für ein Mädchen vom Lande wie mich ist es beängstigend, in dieses dunkle Loch hinabzusteigen – und erst recht, seit ich beinahe von einem Mann, der mich umbringen wollte, vor einen Zug gestoßen worden wäre.
Aber heute hatte ich keine Wahl. In Central London war es so unerträglich stickig, dass ich beschlossen hatte, meinen Großvater zu besuchen, der in den Ausläufern von London in Essex lebt, und deswegen musste ich die District Line nehmen. Oh, und ich schätze, ich sollte klarstellen, dass ich nicht meinen Großvater, den schottischen Duke meine, dessen Geist der Legende nach noch immer auf den Schlossmauern unseres Familiensitzes Castle Rannoch im schottischen Perthshire Dudelsack spielt. Ich spreche von meinem bürgerlichen Großvater, der außerhalb von London in einem bescheidenen Reihenhaus mit Gartenzwergen im Vorgarten lebt. Ihr müsst wissen, dass meine Mutter die Tochter eines Londoner Polizisten ist und Schauspielerin war. Sie ist außerdem berüchtigt dafür, es nie lange an einem Ort auszuhalten. Sie verließ meinen Vater, als ich erst zwei Jahre alt war, und hangelte sich von einem argentinischen Polospieler über einen Rennfahrer aus Monte Carlo bis zu einem texanischen Ölmillionär. Ihre Romanzen gingen wirklich um die ganze Welt, wohingegen ihre Tochter noch nie eine Romanze hatte.
Nachdem sie sich aus dem Staub gemacht hatte, wuchs ich auf Castle Rannoch auf. Ich wurde während meiner Jugend gut von der mütterlichen Seite meiner Familie abgeschirmt, also habe ich meinen Großvater erst vor kurzem kennengelernt und um ehrlich zu sein habe ich ihn sofort ins Herz geschlossen. Er ist die einzige Person auf der ganzen Welt, bei der ich ich selbst sein kann. Es fühlt sich so an, als hätte ich endlich eine richtige Familie!
Zu meiner großen Enttäuschung war mein Großvater nicht zu Hause. Auch die Witwe von nebenan, mit der ihn eine enge Freundschaft verband, war nicht da. Wenn Großvater ein Telefon besäße, hätte ich mir die Reise sparen können. Aber im tiefsten Essex hatte man noch keine Ahnung von Kommunikation über das Telefon. Ich stand in Großvaters Vorgarten, die Gartenzwerge starrten mich missbilligend an und ich hatte keine Ahnung, was ich als nächstes tun sollte, als ein älterer Mann mit einem betagten Hund an der Leine vorbeiging. Er sah mich an, dann schüttelte er den Kopf.
„Er is’ nich’ da, Schätzchen. Er is’ fort.“
„Fort? Wohin?“, fragte ich alarmiert, während mir Bilder von Krankenhäusern oder Schlimmerem im Kopf herumspukten. Um Großvaters Gesundheit war es in letzter Zeit nicht allzu rosig bestellt gewesen.
„Clacton runter.“
Ich hatte weder eine Ahnung, was ein Clacton war, noch, wie man ihn herunterkam. „Clacton runter?“, wiederholte ich hoffnungsvoll.
Er nickte. „Jep. Ausflug des Arbeiterclubs. Im Kremser. Die nebenan ist mitgekommen.“ Und er zwinkerte mir vielsagend zu. Ich seufzte erleichtert. Ein Ausflug in einer Kutsche. Wahrscheinlich zur Küste. Also hatte selbst mein Großvater es geschafft, der Hitze zu entkommen. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Zug zurück in die Stadt zu nehmen. Alle meine Freunde hatten London verlassen, um ihre Landsitze, ihre Jachten oder das Festland aufzusuchen. Und hier war ich, in einem Abteil voller schwitzender Leiber, überhitzt und zunehmend verzweifelt.
„Was mache ich hier?“, fragte ich mich. Ich besaß keine besonderen Fähigkeiten, keine Aussicht auf eine Anstellung und keine Ahnung, was ich nun tun sollte. Niemand mit Vernunft und Geld verbrachte den August in London. Und was Darcy anging, den wilden Sohn eines irischen Adligen, den ich für meinen Freund hielt … Ich hatte nichts von ihm gehört, seit er wieder einmal verschwunden war, angeblich, um sich zu Hause in Irland von seiner Schussverletzung zu erholen. Das mochte stimmen oder auch nicht. Bei Darcy konnte man nie wissen.
Natürlich könnte ich nach Schottland heimkehren, sagte ich mir, während die Luft in der U-Bahn drückend heiß wurde. Die Erinnerung an den kalten Wind, der über den Loch fegte, und die ebenso kalten Luftzüge in den Korridoren von Castle Rannoch führte mich in Versuchung, während ich die Rolltreppe der U-Bahn-Station St. James’ hinauffuhr und vergeblich versuchte, die Schweißperlen, die mir übers Gesicht liefen, wegzutupfen. Und ja, ich weiß, dass Ladys niemals schwitzen, aber irgendetwas lief mir in Strömen übers Gesicht.
Ich war kurz davor, nach Hause zum Belgrave Square zu eilen, meinen Koffer zu packen und den nächsten Zug nach Edinburgh zu nehmen, als ich mir wieder ins Gedächtnis rief, warum ich überhaupt erst mein Zuhause verlassen hatte. Die Antwort lautete Fig, meine Schwägerin und die gegenwärtige Duchess – geizig, voreingenommen und einfach unausstehlich. Fig hatte unmissverständlich klargemacht, dass ich eine Belastung für sie war und auf Castle Rannoch nicht länger willkommen war und dass sie nicht wollte, dass ich ihnen das Essen wegaß. Wenn ich also die Wahl hatte, entweder die Hitze und Einsamkeit in London oder Fig zu ertragen, gewann die Hitze.
Nur noch zwei Wochen, sagte ich mir, als ich durch den Hyde Park nach Hause ging. In zwei Wochen war ich in Schottland eingeladen, nicht auf meinem Familiensitz, sondern auf Balmoral. Der König und die Königin waren bereits auf ihrem schottischen Schloss, nur wenige Meilen von unserem entfernt, rechtzeitig zum „ruhmreichen Zwölften“, der den Beginn der Jagdsaison markiert. Dort würden sie bleiben und einen Monat lang Jagd auf alles machen, was Fell oder Federn besaß. Sie erwarteten, dass ihre zahlreichen Verwandten anreisten und zumindest eine Weile blieben. Die meisten versuchten, sich dem zu entziehen: Sie fanden die Dudelsackklänge im Morgengrauen, den Wind, der durch den Kamin jaulte, die Highland-Tänze und die Schottentapete unerträglich. Ich war das alles gewohnt. Es war genau wie auf Castle Rannoch.
Die Aussicht auf die gute, frische Luft der Highlands in nicht allzu ferner Zukunft munterte mich auf und ich ging vorsichtig an den Körpern im Green Park vorbei. Es sah aus wie nach einer besonders üblen Schlacht – überall lagen halbnackte Leiber. Tatsächlich waren es Londoner Büroangestellte, die das Wetter ausnutzten und sich mit entblößten Oberkörpern sonnten. Ein erschreckender Anblick – ihre Haut war weiß-rot gestreift, je nachdem, welche Teile der Sonne ausgesetzt gewesen waren. Ich hatte den Park zur Hälfte durchquert, als sich die Leiber zu bewegen begannen. Ich bemerkte, dass die Sonne verschwunden war und genau in dem Moment, als ich aufsah, erklang ein unheilverkündendes Donnergrollen.
Schnell verdunkelte sich der Himmel, als Gewitterwolken aufzogen. Die Sonnenanbeter zogen eilig ihre Hemden an und suchten Schutz. Ich begann ebenfalls mich zu beeilen. Allerdings nicht schnell genug. Ohne Warnung öffnete der Himmel seine Schleusen und es schüttete in Strömen. Mädchen liefen schreiend in den Schutz der Bäume, was wahrscheinlich unklug war, da das Donnergrollen näherkam. Ich war bereits bis auf die Haut durchnässt und es waren nur wenige Minuten bis nach Hause. Also rannte ich los und als ich die Stufen zum Rannoch House hinauftaumelte, klebte mein Haar an meinem Gesicht und mein Sommerkleid schmiegte sich unzüchtig an meinen Körper.
Meine Stimmung, die bereits gedrückt gewesen war, hatte nun ihren Tiefpunkt erreicht. Was würde noch alles schiefgehen? Ich war voller Hoffnung und Aufregung nach London gekommen und nichts lief wie geplant. Dann erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild in dem großen Spiegel im Flur und fuhr entsetzt zurück. „Schau dich nur an!“, rief ich laut. „Du siehst aus wie eine nasse Katze. Wenn dich jetzt die Königin sehen könnte.“ Dann fing ich an zu lachen. Ich lachte den ganzen Weg nach oben ins Badezimmer, wo ich ein langes Bad nahm. Als ich mich abgetrocknet hatte, fühlte ich mich wieder ziemlich normal. Und ich würde nicht noch einen tristen Abend allein im Rannoch House verbringen, wo mir nur das Radio Gesellschaft leistete. Irgendjemand außer mir musste in London sein. Und natürlich kam mir sofort Belinda in den Sinn. Sie gehörte zu den Menschen, die nie lang an einem Ort blieben. Als ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie auf dem Sprung zu einer Villa in Italien gewesen, aber es bestand eine geringe Chance, dass sie der Italiener überdrüssig geworden und zurückgekommen war.
Ich suchte das am wenigsten zerknitterte meiner Sommerkleider heraus (ich habe schon seit einer Weile kein Dienstmädchen mehr, das meine Kleider bügelt, und selbst wenig Ahnung vom Bügeln), versteckte mein nasses Haar unter einem sittsamen Glockenhut und machte mich auf den Weg zu Belindas umgebautem Cottage, das früher zu den Stallungen eines Herrenhauses gehört hatte und sich im nahegelegenen Knightsbridge befand. Anders als ich hatte Belinda eine Erbschaft erhalten, als sie einundzwanzig geworden war. Damit konnte sie sich ein niedliches kleines Cottage kaufen und ein Dienstmädchen einstellen. Außerdem lagen ihre Lebenshaltungskosten nahezu bei Null, wenn man bedachte, wie viel Zeit sie in den Häusern anderer Leute verbrachte, von den Betten anderer Leute ganz zu schweigen.
Das Gewitter war vorübergezogen und hatte die Abendluft ein wenig abgekühlt, aber es war noch immer schwül. Ich suchte mir einen Weg an den Pfützen vorbei und ging den Taxis aus dem Weg, die durch das Wasser in den Straßen pflügten. Ich stand am Eingang der ehemaligen Stallungen, als ich ein lautes, donnerndes Geräusch hinter mir vernahm. Ich nahm wahr, dass eine geschmeidige dunkle Silhouette auf mich zuraste und hatte gerade genug Zeit, mich zur Seite zu werfen, als ein Motorrad vorbeischoss. Es fuhr durch die riesige Pfütze, die sich am Eingang gesammelt hatte, und spritzte mich von oben bis unten mit schlammigem Wasser voll.
„Was soll das!“ Ich versuchte, mit meinem Rufen das Dröhnen des Motors zu übertönen, als das Motorrad ohne langsamer zu werden die Auffahrt entlangfuhr. Ich rannte kochend vor Wut hinterher und nahm mir nicht die Zeit, um darüber nachzudenken, ob die Motorradfahrer vielleicht Bankräuber oder Einbrecher auf der Flucht vor der Polizei waren. Das Motorrad kam auf halber Strecke die Auffahrt entlang schlitternd zum Stehen und zwei Männer in Lederjacken, Lederhelmen und Schutzbrillen schickten sich an abzusteigen.
„Was zum Teufel glaubt ihr, was ihr tut?“, rief ich forsch, während ich mich ihnen näherte. Meine Wut machte mich noch immer blind für die Tatsache, dass ich allein in einer Seitenstraße mit zwei eindeutig asozialen Gestalten war. „Schaut euch nur an, was ihr getan habt. Ich bin ganz durchnässt.“
„Ja, du scheinst eine Spur nass geworden zu sein“, sagte der erste Fahrer und brach zu meinem großen Ärger in Gelächter aus.
„Das ist nicht komisch!“, fuhr ich ihn an. „Du hast ein gutes Kleid ruiniert, und was meinen Hut angeht …“
Die Person, die auf dem Sozius gesessen hatte, stieg ab und schnallte ihren Helm auf. „Natürlich ist es nicht komisch, Paolo.“ Die Stimme war weiblich. Sie zog ihren Helm und ihre Schutzbrille mit einer schwungvollen Bewegung ab und schüttelte ihr glattes, dunkles Haar, das zu einem Bubikopf geschnitten war.
„Belinda!“, rief ich aus.

Kapitel 2

Belinda Warburton-Stokes Cottage
Knightsbridge, London W.1.
12. August 1932

Belindas Augen weiteten sich, als sie mich erkannte. „Georgie! Oh, du meine Güte, du armes Ding. Schau dich nur an. Paolo, du hast meine beste Freundin beinahe ertränkt.“
Der andere Motorradfahrer hatte nun seinerseits den Helm abgesetzt und stellte sich als absolut atemberaubender Mann von lateinamerikanischem Aussehen heraus. Er hatte blitzende dunkle Augen und volles glänzendschwarzes Haar. „Tut mir wirklich leid“, sagte er. „Ich habe dich im Schatten nicht gesehen, musst du wissen. Und wir sind ziemlich schnell gefahren.“ Er sprach mit einem ausgeprägten Akzent, der irgendwann mit einer englischen Schulbildung in Berührung gekommen war.
„Paolo liebt alles, was rasant ist“, sagte Belinda und sah ihn bewundernd an. Mir ging durch den Kopf, dass sie diesem Kriterium wahrscheinlich entsprach. Rasant und ungehemmt, das passte genau auf Belinda.
„Wir kommen gerade von Brooklands“, fuhr sie fort. „Paolo hat sich im Rennfahren geübt. Und er besitzt auch ein Flugzeug. Er hat mir versprochen, mich mitzunehmen.“
„Du solltest mich vorstellen, Belinda“, sagte Paolo, „und dann musst du deine Freundin hereinbitten, ihr einen Drink geben, um ihre Nerven zu beruhigen, und sie ein wenig saubermachen.“
„Natürlich, Liebling“, sagte Belinda. „Georgie, das ist Paolo.“
Paolo richtete seine dunklen, eindrucksvollen Augen auf mich. „Georgie? Ist das nicht ein Jungenname?“
„Es ist die Kurzform von Georgiana“, sagte ich.
„Oh, nun gut, ich schätze, ich sollte euch besser formell bekanntmachen“, sagte Belinda. „Darf ich Graf Paolo di Marola e Martini vorstellen. Paolo, das ist meine beste Freundin, Lady Georgiana von Glen Garry und Rannoch.“
Paolo richtete seinen umwerfenden Blick wieder auf mich. „Du bist Binkys Schwester?“, fragte er.
„Die bin ich. Woher kennst du Binky?“
„Wir sind ein grauenvolles Jahr lang gemeinsam zur Schule gegangen“, sagte Paolo. „Mein Vater wollte aus mir einen zivilisierten englischen Gentleman machen. Er hatte keinen Erfolg. Ich habe es gehasst. Diese ganzen kalten Bäder und handgreiflichen Rugbyspiele. Zum Glück hat man mich gebeten, die Schule zu verlassen, weil ich den Dienstmädchen in den Hintern gekniffen habe.“
„Ja, das klingt ganz nach dir“, sagte Belinda. Sie öffnete ihre Eingangstür und bedeutete uns, hineinzugehen. „Florrie“, rief sie. „Du musst sofort ein Bad einlassen.“ Sie drehte sich um und begutachtete mich. „Ich würde dich bitten, dich zu setzen, aber ehrlich gesagt, würdest du mein Sofa ruinieren. Aber du kannst ihr einen Drink mischen, Paolo. Einen richtig starken.“
„Ich fürchte, ich muss wieder los, cara mia“, sagte Paolo. „Ich werde euch zwei Mädchen alleinlassen, damit ihr tratschen könnt. Aber heute Abend gehen wir tanzen, sì? Oder ich nehme dich mit ins Crockford’s für ein bisschen Glücksspiel und dann in einen Nachtclub, wenn du magst.“
„Ich würde liebend gern zusagen“, sagte Belinda, „aber leider bin ich heute Abend beschäftigt.“
„Unsinn“, sagte Paolo. „Wer auch immer es ist, ruf die Person an und sag, deine verloren geglaubte Cousine ist gerade in der Stadt oder deine Schwester hat ein Kind zur Welt gebracht oder du hast die Masern bekommen.“
„Ich muss zugeben, dass es sehr verlockend klingt“, sagte Belinda. „Aber ich kann jetzt wirklich keinen Rückzieher machen. Der Arme wäre am Boden zerstört.“
„Ein anderer Mann?“, wollte Paolo mit blitzenden Augen wissen.
„Lass dir deswegen keine grauen Haare wachsen“, sagte Belinda.
„Graue Haare? Was haben meine Haare damit zu tun?“
Belinda kicherte. „Es ist eine Redensart, Liebling. Es bedeutet, dass du dich nicht unnötig aufregen sollst.“
„Diese englischen Ausdrücke sind so albern“, sagte Paolo. „Warum sollte ich mich nicht aufregen, wenn du ein Rendezvous mit einem anderen Mann hast?“
„Mach dich nicht lächerlich. Natürlich habe ich kein Rendezvous mit einem anderen Mann“, sagte Belinda. „Ich tue meinem Bruder einen Gefallen und treffe einen alten Amerikaner, der eines seiner Rennpferde kaufen will.“
„Und das könntest du nicht für mich absagen?“ Paolo kam ihr gefährlich nahe und ließ seine Fingerspitzen über ihre Wange gleiten. Ich konnte sehen, wie ihr Widerstand bröckelte.
„Nein, ich kann meinen Bruder nicht im Stich lassen“, sagte Belinda.
„Ich bin am Boden zerstört“, stöhnte Paolo. „Mein Herz ist gebrochen. Soll ich etwa glauben, dass du mich gar nicht liebst?“
Ich fragte mich, warum Männer so etwas nie zu mir sagten.
„Weißt du was, mir kommt gerade ein genialer Einfall.“ Belinda wirbelte herum, um mich anzusehen. „Georgie könnte anstelle von mir hingehen, nicht wahr, Schätzchen?“
„Oh ja“, sagte ich bitter. „Ich bin ganz bestimmt dafür angezogen, amerikanische Besucher zu unterhalten.“
„Es ist erst um acht Uhr dreißig, Schätzchen“, sagte Belinda, „und du kannst hier baden und dich an meinem Kleiderschrank bedienen. Mein Dienstmädchen wird dir beim Anziehen helfen, nicht wahr, Florrie?“ Sie drehte sich zu dem Dienstmädchen um, das am Fuß der Treppe wartete.
Niemand wartete darauf, dass es antwortete.
„Wunderbar“, sagte Paolo und klatschte in die Hände. „Dann wünsche ich euch Ladys arrivederci und werde dich um neun Uhr abholen, cara mia.“
„Nicht mit dem Motorrad, Paolo“, sagte Belinda. „Ich weigere mich, in meinen Ausgehklamotten auf dem Sozius zu hocken.“
„Motten? Du willst Motten mitnehmen?“
„Klamotten, Liebling. Ein anderes Wort für Kleider.“
„Englisch ist so eine alberne Sprache“, wiederholte Paolo. Er verbeugte sich vor mir. „Arrivederci. Auf bald, Lady Georgiana.“ Dann war er weg.
„Belinda“, sagte ich, als sie sich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu mir umdrehte. „Du hast Nerven. Worüber soll ich mich mit diesem Gast aus Amerika unterhalten? Ich kenne mich kaum mit Rennpferden aus und er wird dich erwarten.“
„Sei nicht albern, Schätzchen.“ Belinda legte mir beruhigend eine Hand auf den Arm und führte mich in Richtung der Treppe. „Er ist eigentlich nicht hier, um Rennpferde zu kaufen. Er macht in Öl oder so. Ich habe ihn letzte Nacht im Crockford’s getroffen und aus einer Laune heraus zugestimmt, mit ihm zum Dinner zu gehen, weil das arme Lämmchen geschäftlich in der Stadt ist und es hasst, allein zu dinieren. Aber das konnte ich Paolo natürlich nicht erzählen. Er ist rasend eifersüchtig.“
„Also habe ich jetzt einen fremden Amerikaner am Hals, der enttäuscht sein wird, dass ich nicht du bin und vermutlich mehr als nur ein Dinner erwartet.“
„Natürlich nicht.“ Wir hatten das Badezimmer erreicht, aus dem Dampfschwaden drangen. „Er ist aus dem mittleren Westen und das einzige, was wahrscheinlich passieren wird, ist, dass du dich zu Tode langweilen wirst. Er wird schwer beeindruckt sein, wenn er erfährt, dass er mit der Cousine des Königs speist. Und du bekommst ein herrliches Dinner und guten Wein. Ich tue dir in Wahrheit einen Gefallen.“
Ich lachte. „Belinda, wann hast du jemals jemandem einen Gefallen getan? Du bist eine der besten Manipulatorinnen der Welt.“
„Vermutlich hast du recht.“ Sie seufzte. „Aber wirst du es für mich tun?“ Sie zerrte mich fast die letzten Stufen hoch.
Ich seufzte. „Ich schätze schon. Was habe ich zu verlieren?“
„Ich weiß nicht, was hast du zu verlieren?“ Sie sah mich fragend an. Ich errötete. „Sag mir nicht, dass du es noch nicht getan hast! Georgiana, du bringst mich zur Verzweiflung. Das letzte Mal, als ich dich und Darcy gesehen habe, habt ihr einen sehr vertrauten Eindruck gemacht.“
„Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, dachte ich ebenfalls, dass wir sehr vertraut wären“, sagte ich, während sich eine dunkle Wolke der Verzweiflung über mir zusammenbraute. „Aber da lag er noch im Krankenhaus, erinnerst du dich? Er war geschwächt und erholte sich von einer Schusswunde. Sobald er aus dem Krankenhaus kam, fuhr er nach Hause nach Irland und seitdem habe ich nichts von ihm gesehen. Nicht einmal eine Postkarte.“
„Ich glaube nicht, dass er der Typ fürs Postkartenschreiben ist“, sagte Belinda. „Mach dir keine Sorgen, er taucht wieder auf, Unkraut vergeht nicht, wie das Sprichwort besagt. Darcy ist ein ebensolcher Opportunist wie ich. Er hat wahrscheinlich jemanden gefunden, der ihn auf eine Jacht an der französischen Riviera eingeladen hat.“
Ich kaute an meiner Lippe, eine schlechte Gewohnheit, die mir meine Gouvernante, Miss MacAlister, auszutreiben versucht hatte. Es war ihr nie ganz gelungen. „Das Problem ist, dass ich bald oben in Schottland sein muss. Das bedeutet, dass ich ihn den ganzen Sommer lang nicht sehen werde.“
„Du hättest bei der ersten Gelegenheit mit ihm ins Bett springen sollen“, sagte Belinda. „Männer wie Darcy warten nicht ewig.“
„Ich weiß“, sagte ich. „Es ist die Erziehung von Castle Rannoch. All die Vorfahren, die sich ehrenhaft verhalten haben. Ich muss immer an Robert Bruce Rannoch denken, der sich in der Schlacht bei Culloden behauptete und allein kämpfte, bis er in Stücke gehackt wurde.“
„Ich sehe nicht, was das mit dem Verlust deiner Jungfräulichkeit zu tun hat, Schätzchen.“
„Pflichtgefühl, schätze ich. Eine Rannoch scheut nie vor ihrer Pflicht zurück.“
„Und du denkst, es ist deine Pflicht, entweder als Jungfrau in die Ehe zu gehen oder zu sterben, nicht wahr?“
„Eigentlich nicht“, sagte ich. „Ehrlich gesagt klingt es ziemlich albern, wenn du es so sagst. Ich hatte nur dieses Bild von meiner Mutter im Kopf, die ihr ganzes Leben lang von einem Bett ins nächste hüpft, und ich wollte nicht so enden.“
„Aber denk an all den Spaß, den sie dabei hatte. Und diese wunderschönen Kleider, die sie dadurch angehäuft hat.“
„So bin ich nicht“, sagte ich. „Ich fürchte, ich schlage nach meiner Urgroßmutter, Königin Victoria. Ich will den Mann finden, den ich lieben und heiraten kann. Und die Kleider sind mir ziemlich egal.“
„Das sehe ich.“ Belinda beäugte mich kritisch. Sie drehte sich zu ihrem Dienstmädchen um, das geduldig mit den Armen voller Handtücher dastand. „Hilf Lady Georgiana aus diesen ekelhaften nassen Sachen, Florrie. Und dann bring sie weg, wasch sie und bring ihr einen Bademantel.“
Ich ließ mich ausziehen und setzte mich dann in die Badewanne, während Belinda sich auf dem Wannenrand niederließ.
„Also, was hältst du von Paolo?“, wollte sie wissen. „Ist er nicht göttlich?“
„Ausgesprochen göttlich. Hast du ihn in Italien kennengelernt?“
„Er kam zu der Villa, in der ich mich aufhielt“ – sie legte eine dramatische Pause ein – „mit seiner Verlobten.“
„Seiner Verlobten? Belinda, wie konntest du nur?“
„Mach dir keine Sorgen, Liebes. Dort drüben ist es nicht so wie hier. Sie sind katholisch, musst du wissen. Er ist schon seit mindestens zehn Jahren mit diesem Mädchen verlobt. Sie ist sehr anständig und verbringt die Hälfte ihrer Zeit auf den Knien und betet den Rosenkranz herunter, aber seine Familie ist glücklich darüber, dass er irgendwann eine solche Person heiraten wird. In der Zwischenzeit …“ Sie warf mir ein durchtriebenes Lächeln zu.
Ich fühlte mich ziemlich merkwürdig, wie ich im heißen Wasser lag, während Belinda auf dem Wannenrand hockte, aber sie erweckte den Anschein, als sei das völlig normal. „Das ist wie in alten Zeiten, nicht wahr, Schätzchen?“, bemerkte sie. „Erinnerst du dich an die Gespräche, die wir in der Schule im Badezimmer hatten?“
Ich lächelte. „Ich erinnere mich. Es war der einzige Ort, an dem man uns nicht belauschen konnte.“
„Also, was hast du in letzter Zeit getrieben?“, fragte sie. „Wie läuft dein Putzfrauenbetrieb?“
„Es ist kein Putzfrauenbetrieb, Belinda. Es ist eine Haushaltshilfenagentur. Ich bereite Londoner Häuser für die Ankunft ihrer Besitzer vor. Und ich putze keine Böden oder so etwas.“
„Und die Verwandten im Palace haben es immer noch nicht herausgefunden?“
„Nein, Gott sei Dank. Aber um deine erste Frage zu beantworten: Es läuft überhaupt nicht. Ich habe seit Wochen keinen Auftrag bekommen.“
„Tja, das ist logisch, oder?“ Belinda streckte ihre langen Beine aus. „Niemand kommt im Sommer nach London. Jeder, der fliehen kann, tut es.“
Ich nickte. „Ich habe das Gefühl, dass ich die einzige Person bin, die noch hier ist. Sogar mein Großvater hat einen Ausflug nach Clacton-on-Sea gemacht.“
„Und wie hast du bisher überlebt?“
„Nicht besonders gut“, sagte ich. „Für mich heißt es ausschließlich Tee und Toast. Ich muss bald etwas ändern, sonst werde ich mich in die Schlangen vor den Suppenküchen einreihen.“
„Unsinn, Liebes. Du könntest dich auf beliebig viele Landhäuser einladen lassen, wenn du wolltest. Du bist vermutlich die heiratsfähigste alte Jungfer im ganzen Land, weißt du.“
„Ich bin nicht so mit den Leuten bekannt, wie du es bist, Belinda. Und ich wüsste nicht, wie ich mich selbst bei jemandem nach Hause einlade.“
„Ich kann das Einladen übernehmen, wenn du magst.“
Ich lächelte ihr zu. „Eigentlich lasse ich mich nicht gern von anderen Leuten aushalten.“
„Tja, du könntest immer noch nach Castle Rannoch zurück.“
„Das habe ich in Erwägung gezogen, was zeigt, wie verzweifelt ich mich gefühlt habe. Aber wenn ich die Wahl zwischen Fig und dem Hungertod hätte, würde der Hunger gewinnen, glaube ich.“
Sie sah mich besorgt an. „Meine arme, liebe Georgie: keine Arbeit, keine Freunde, kein Sex. Kein Wunder, dass du betrübt aussiehst. Wir müssen dich aufheitern. Heute Abend wirst du natürlich ein ordentliches Mahl bekommen und morgen kannst du mit mir nach Croydon kommen.“
„Croydon? Das soll mich aufheitern?“
„Der Aerodrome, Schätzchen. Ich werde Paolos neues Flugzeug anschauen. Vielleicht nimmt er uns sogar mit nach oben.“
Nachdem ich gesehen hatte, wie rücksichtslos Paolo Motorrad fuhr, war ich nicht allzu wild darauf, in seinem Flugzeug zu fliegen, aber ich brachte ein Lächeln zustande. „Famos“, sagte ich. Wenigstens wäre es besser als zu Hause herumzusitzen.

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Rhys Bowen wurde in Bath, England, geboren, studierte an der London University, heiratete in eine Familie mit historischen königlichen Verbindungen und verbringt nun ihre Zeit im Norden von Californien und Arizona. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet