Verhängnisvolle Leidenschaft

Weitere kostenlose Leseproben unserer Liebesromane

Prolog

Hamburg, Mai 2011

Die Sonne schiebt sich über den Rand des Horizonts und ein neuer Tag bricht an. Ich liege neben Konstantin auf einer Schönwetterwolke, zart und weich. Wir schweben in einer dünnen, silbernen Schicht mit Goldrand. Die ersten Sonnenstrahlen überfluten den Himmel und wärmen meine Haut. Wir lieben uns leidenschaftlich und bemerken nicht, dass wir weit nach Süden driften, wo die gleißende Sonne unser weiches Liebesnest auflöst. Wir fallen eng aneinandergeklammert durch das Gespinst aus zarten Fasern in Richtung Erde. Wie durch ein Wunder gleitet unter uns ein Phönix. Sein Gefieder glänzt im Licht der Sonne, es schimmert wie die Perlen der Winde. Mit seinen ausgebreiteten Schwingen fängt er uns auf. Zwischen den Federn auf seinem Rücken finden wir Halt und lassen Berge und Täler zurück. Der Vogel trägt uns weiter nach Süden, über ein großes Meer zu den Wüsten, die bis zum Horizont reichen. Immer weiter der Sonne entgegen. Dann ist seine Zeit gekommen. Der Vogel verbrennt in der Glut, um aus seiner Asche wieder aufzuerstehen. Die Asche verweht im Wind, während der Vogel in den gleißenden Strahlen der Sonne erneut seine Flügel entfaltet, um verjüngt davonzufliegen. Jetzt gibt es nichts mehr, das uns hält. Doch wir stürzen nicht in die Tiefe. In gleichbleibender Höhe schießen wir unter dem strahlend blauen Himmel durch die Luft. Konstantin schließt seine Arme fest um mich. Ich bin wie berauscht vom Tosen des Windes, der Konstantins Kleider wie eine zweite Haut an seinen Körper presst. Ich sehe ihn an, meine Augen hängen gebannt an seinen Lippen. Er senkt den Kopf und lächelt, seine Lippen legen sich auf meine. Ich öffne den Mund und stöhne, als ich seine Zunge, spüre süß und zärtlich. Es ist elektrisierend, in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft zu rauschen und einander zu berühren. Konstantins sinnlicher Kuss nimmt mich so sehr gefangen, dass ich das kleine Flugzeug, das sich uns nähert, viel zu spät wahrnehme. Es trennen uns nur noch wenige Meter von dem Flieger, als wir vom Luftstrom erfasst und nach unten geschleudert werden. Eng umschlungen rasen wir auf die Erde zu. Unter uns nichts als Sand. Ein Mann steht mit erhobenen Händen auf einer Düne und scheint uns zuzuwinken. Ich erkenne sein Gesicht. Es ist …
Ich erwache von meinem eigenen Schrei. Ich fühle mich für einen Moment wie gelähmt, öffne die Augen und streiche erleichtert mit der Hand über die kühlen Laken. Ich liege in meinem Bett. Es war nur ein Traum, sage ich mir. Ein furchtbarer Traum, aber nur ein Traum.
In der Regel sind meine Träume von Konstantin wunderschön. Wir liegen im Gras, Konstantin küsst mich, die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und ihre Strahlen wärmen meine Haut. Alles ist hell und freundlich. Wenn ich aus so einem Traum erwache, freue ich mich auf den Tag.
In meiner Kindheit hatte ich oft aufregende Visionen. Doch ich habe schon lange keine mehr gehabt, so dass ich sie vollständig vergessen habe. Nein, korrigiere ich mich. Nicht vergessen, ich habe sie nur aus meinem Gedächtnis gelöscht, weil ich verrückte Dinge wahrgenommen habe, die es nicht gab.
Die Visionen sind einem Gespür für gewisse Strömungen gewichen. Ich fühle Bedrohungen, Leiden, Leben und Tod, aber auch das Glück und Begehren der Menschen. Doch auch diese Empfindungen habe ich schon seit längerer Zeit nicht mehr wahrgenommen. Warum jetzt? Eine unangenehme Erinnerung bricht über mich herein. Beängstigende Gefühle, die mir nur allzu vertraut sind, machen sich in mir breit. Sollte der Albtraum in der letzten Nacht ein Vorbote für eine drohende Gefahr in der Zukunft sein? Mein Vater hat meine Fähigkeit nie ernst genommen, im Gegensatz zu mir. Denn meine Ahnungen haben sich in der Vergangenheit immer bewahrheitet.

Ich bin Archäologin. Schon immer haben mich Reisen, ferne Länder und fremde Kulturen fasziniert. Doch mein größtes Abenteuer begann, als ich mit meiner Tochter Pauline während einer Ausgrabungsexpedition die sagenumwobene Höhle des Ajios Prodhromos Klosters in Gortis erkundete. Inmitten dieser griechischen Eremitenhöhle, um die sich zahlreiche Sagen ranken, geriet ich in einen mysteriösen Sturm und entkam nur knapp dem Tod. Dennoch verspürte ich den Drang, die Höhle ein zweites Mal aufzusuchen. Auf dem felsigen Grund der Höhle fand ich vier Perlen, eine weiße, eine blaue, eine rote und eine braune. Später erfuhr ich, dass ihnen nachgesagt wird, dass sie die sagenumwobenen Perlen der Winde seien. Im Eingang der Höhle zeigte sich mir Despoina, die Göttin der Mysterien von Lykosura, in ihrem weißen Gewand. Glaubst du, ich weiß nicht, wie verwirrt du jetzt bist?, sagte sie zu mir. Dass du nicht glauben willst, dass der Fluss der Magie durch dich hindurch fließt? Du hast eine ganz besondere Gabe. Du wirst Zeit und Raum überwinden. Doch wenn du meine Hilfe suchst, Catherine, musst du mir ein Opfer bringen. Und hüte dich vor Anytos. Er ist einer der Kureten. Vor ihm kann ich dich nicht beschützen.
Und ich begegnete Konstantin, der Liebe meines Lebens. Er behauptete, durch eine Spalte in der Zeit aus dem Jahr 1821 in das Jahr 2005 gereist zu sein, und tatsächlich erwies sich seine Geschichte als wahr. Konstantin hat mir gezeigt, was Liebe bedeutet und mir das Gefühl gegeben, nie mehr allein sein zu müssen. Seitdem besteht die Welt für mich aus Magie, Zauber und Romantik.
Ich setze mich auf und schlage die Decke zurück. Mein Blick schweift zu dem hohen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Ich sehe müde und verstrubbelt aus und gar nicht wie ich selbst.
Energisch schiebe ich meine Erinnerungen beiseite. Es hilft alles nichts, Catherine, du musst aufstehen.
Ich gehe ins Badezimmer, steige unter die Dusche und drehe den Wasserhahn auf die höchste Stufe. Das Wasser prasselt auf meinen Kopf, rinnt über meinen Körper und ich stelle mir vor, wie der Albtraum aus meinem Unterbewusstsein mit dem Wasser im Abfluss verrinnt. Bevor ich mich in ein großes Badetuch hülle, drehe ich mich vor dem Spiegel ein paar Mal hin und her. Mein Körper ist noch immer schlank und sportlich. Gar nicht so übel für eine Frau von Anfang vierzig. Ich zwinkere mir zu, föhne meine schulterlangen blonden Haare und ziehe mich an. In der Küche setze ich Teewasser auf, zupfe vier Blätter Minze von den Stielen, gieße das kochende Wasser darüber und lasse den Tee einige Minuten ziehen.
Langsam breitet sich der aromatische Duft in der Küche aus. Unwillkürlich denke ich an Merle, der ich es zu verdanken habe, dass ich meinen Tee jetzt aus frischer Minze zubereite und keine Teebeutel mehr verwende. Merle ist die Großmutter von Paulines Freund Wassili. Damals in ihrem Haus etwas außerhalb von Gortis hat sie mir gezeigt, wie man frischen Minztee zubereitet, während sie uns eine Geschichte über die Perlen der Winde erzählte. Eine Geschichte, die besagt, dass der Zeitreisende, wenn er in seine Zeit zurückkehren möchte, noch eine fünfte, eine schwarze Perle benötigt. Die wir leider nicht hatten.
Mit der Tasse in der Hand gehe ich in die Bibliothek, öffne die Tür, die zu meinem Garten führt, und betrete die Terrasse. Der Frühling bringt die vertrauten Düfte mit sich. Die Tulpenmagnolie drüben im Hof der Nachbarin und bunte Frühblüher wie Maiglöckchen, Jasmin und Pfingstrosen öffnen ihre prächtigen Blüten und verströmen ihren betörenden Duft. Unter den japanischen Kirschbäumen, die ich vor vielen Jahren gepflanzt habe, liegt ein rosaroter Blütenteppich. Die laue Frühlingsluft lässt die Knospen des Blauregens schwellen. Seine Ranken sind längst über die Backsteinmauer des Gartens auf die andere Seite hinübergeklettert. Binnen einer Woche wird die lavendelfarbene Pracht mit einem Schlag aufgehen und den Garten in seine Duftwolken hüllen. Ich summe ein Lied vor mich hin, nippe von meinem Tee und genieße noch ein paar Minuten die Sonnenstrahlen, die nach Monaten der Heizungswärme endlich wieder meine Haut berühren.
Lächelnd gehe ich zurück in die Küche, schon ganz in Gedanken bei Noel Bretagne, den ich heute Morgen zum Frühstück erwarte. Ich trage das Frühstückstablett auf die Terrasse und arrangiere bunte Frühlingsblumen in einer Vase, als es auch schon klingelt. Schnell eile ich zur Tür und öffne. „Guten Morgen, Catherine. Bin ich zu früh?“
„Guten Morgen, Noel. Nein, Sie sind nicht zu früh.“ Ich gehe einen Schritt zur Seite. „Kommen Sie doch herein.“
Er folgt meiner Bitte. Noel Bretagne ist als Ermittler für das Ägyptische Museum in Kairo tätig und fahndet weltweit nach Menschen, die Kunstgegenstände stehlen, damit handeln oder sie aus dem Land schmuggeln. Er hatte mich Anfang des Jahres das erste Mal aufgesucht, in der Hoffnung, dass ich ihm bei der Aufklärung eines Falles behilflich sein könnte, in den der ägyptische Kunstsammler Edwin Cousteau verwickelt ist. Edwin Cousteau ist ein vermögender Ägypter, ein Teufel in Menschengestalt, der Mordaufträge erteilt, Menschen manipuliert, entführen lässt und sich nimmt, was immer seine finstere Seele begehrt.
Vielleicht kann ich Noel ja tatsächlich helfen. Nur aus diesem Grund habe ich mich bereit erklärt, ihm die abenteuerliche Geschichte von Konstantin und mir zu erzählen.

„Ich dachte, wir frühstücken auf der Terrasse, das Wetter ist so herrlich heute Morgen“, sage ich, schließe die Tür hinter ihm, gehe voraus und deute auf die gemütliche Ecklounge unter der Markise. „Nehmen Sie doch bitte Platz, Noel.“
„Danke, Catherine.“ Noel setzt sich und schlägt seine langen Beine übereinander. Ich stelle Brot, Butter, Schinken und Käse auf den Tisch und setze mich ihm gegenüber.
Seine Augen schweifen durch meinen Garten. „Es ist wunderschön hier. Ich freue mich, dass ich Ihren Garten jetzt zur Blütezeit bewundern darf. Als ich Anfang des Jahres hier war, war alles noch tief verschneit.“
„Ja, der Garten ist wunderschön geworden.“ Ich schenke uns Tee ein und fülle Saft in die Gläser. „Wie geht es Hannah und Ihrer Stieftochter Nadja?“
„Danke, gut. Beide wären gerne mitgekommen. Leider war es ihnen wieder nicht möglich.“
„Schade, ich hätte Hannah gerne einmal wiedergesehen. Für Sie nur ein Stück Zucker, ich habe es nicht vergessen.“
Ich betrachte den gutaussehenden Mann und entdecke erste graue Strähnen in dem ansonsten schwarzen Haar an seinen Schläfen. Die waren vor ein paar Monaten noch nicht da gewesen, doch es steht ihm. Es passt zu seiner olivfarbenen Haut und den goldbraunen Augen.
„Ich gehe davon aus, dass Sie mich auch heute nicht nur zum Teetrinken aufgesucht haben“, beginne ich unser Gespräch.
Bretagne neigt leicht den Kopf und lächelt. „Nein, ich möchte Ihre Geschichte hören.“
Meine Geschichte. Ich kann kaum glauben, dass die Ereignisse in Gortis schon sechs Jahre her sind. Mit einem Mal ist Konstantin wieder präsent. Jetzt an ihn zu denken löst in mir eine Sehnsucht von schmerzlicher Intensität aus.
„Darf ich?“, fragt Noel, zieht seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und legt ihn auf den Tisch. „So ist es etwas angenehmer beim Sitzen.
„Natürlich, machen Sie es sich bequem.“
„Also, Sie und Ihr Bekannter, Konstantin Kanaris, sind nach einem furchtbaren Kampf von Edwin Cousteaus Handlangern in Patra entführt worden“, beginnt Noel. „Sie wollten in Patra für Konstantin einen Pass fälschen lassen.“ Er schüttelt verwundert den Kopf. „Es ist mir immer noch unbegreiflich. Konstantin, ein Zeitreisender, der aus dem Jahr 1821 in unser Jahrhundert gereist ist. Das ist einzigartig.“
„Nein, einzigartig ist das nicht“, widerspreche ich. „Wassilis Großmutter hatte schon mehrere Menschen in der Höhle des Ajios Prodhromo Kloster in Gortis gefunden, nur haben sie die Zeitreise nicht überlebt.“
Er nickt und ich fahre fort. „Cousteau hatte die Entführung von langer Hand geplant. Meine Tochter Pauline wäre von einem seiner Männer beinahe vergewaltigt worden. Ihr Freund Wassili wurde mit einer Waffe bedroht und musste tatenlos zusehen. Und ich konnte Pauline nicht beistehen, weil man mich gezwungen hatte, in dieses Auto zu steigen. Konstantin hat sich sofort neben mich auf die Rückbank gesetzt. Er hätte mich niemals allein gelassen. Ich musste meine Tochter zurücklassen und wusste nicht, wann ich sie wiedersehen würde. Und was Cousteau in Wahrheit von Konstantin und mir wollte … wir hatten nicht die geringste Ahnung.“ Ich stehe auf, betätige den Schalter für die Markise und lasse die Sonnenblende hochfahren. In den kristallenen Saftgläsern, die auf dem Tisch stehen, bricht sich das Licht. Ein leiser Schauer überkommt mich bei dem Gedanken, was noch alles hätte passieren können.
„Wissen Sie, worüber ich mich sehr wundere, Noel?“
„Nein, worüber denn?“ Er nimmt sein Glas vom Tisch und drehte es langsam in den Händen.
„Nun ja, ich erzähle Ihnen eine fantastische, im Grunde genommen unglaubwürdige Geschichte und …“
„Ich …“ Er hebt eine Hand.
Doch ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. „Nein, das meine ich nicht.“ Ich glaube zu wissen, was er sagen will. „Ich weiß, dass Sie mir glauben. Aber das ist es nicht. Was mich viel mehr wundert, ist … Sie haben mir bis jetzt nicht eine einzige Frage dazu gestellt.“
Noel lächelt, trinkt sein Glas leer und stellt es auf den Tisch. „Ja, Ihre Verwunderung darüber kann ich verstehen, Catherine. Tatsächlich habe ich aber eine Menge Fragen.“ Und als ob er meine Gedanken erraten kann, fügt er schmunzelnd hinzu: „Ich frage mich nur, ob ich auch auf alle eine Antwort bekommen werde.“ Er legt seine schlanken, manikürten Hände lässig auf seine übereinandergeschlagenen Beine.
Ich lehne mich in dem Sessel zurück, verschränke die Arme vor der Brust und mustere ihn ernst. „Ich würde sagen, das kommt ganz auf die Fragen an.“ Ich schenke Saft nach und reiche Noel mit einem Lächeln das Glas.
„Danke“, sagt er ebenfalls lächelnd und nimmt es mir aus der Hand. „Allerdings möchte ich mir Ihre Geschichte erst bis zum Ende anhören.“
Ich schenke mir selbst ein, trinke in kleinen Schlucken und lasse den Blick durch den Garten schweifen. Es ist fast still. Nur das Rauschen der Bugwellen von den Schiffen auf der Alster und das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Ein Frösteln durchfährt mich.
„Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen einen weiteren Teil der Geschichte von Konstantin zu erzählen.“
Ich hole meine Erinnerung zurück in die Gegenwart. Seit meiner Rückkehr ist viel Zeit vergangen und doch erinnere ich mich an jede Minute mit Konstantin, so als hätten wir uns erst vor einer Stunde getrennt. Vielleicht, weil ich noch immer auf der Suche bin – nach dem Gefühl, das ich zum ersten Mal in der Höhle erfahren habe. Ich werde mich immer nach dieser Liebe sehnen, solange ich atme. Ich seufze, lehne mich in den Polstern zurück und schließe die Augen.
In meiner Erinnerung sehe ich die ägyptische Sonne deutlich vor mir. Ein großer roter Ball, der von Flammen umrundet ist.
„Konstantin und ich ahnten nicht, welche Gefahren wir noch zu bestehen hatten“, setze ich meine Geschichte fort.

 

Kapitel 1

Patra, April 2005

Die Saison der blutrünstigen Mücken hat schon längst begonnen. Zu hunderten schwirren sie durch das Scheinwerferlicht des Wagens. Der Fahrer biegt vom Freihafen rechts auf die Hauptstraße 55. Nach fünfzehn Minuten erreichen wir den Flughafen von Patra.
„Am Check-In-Eingang vorbei“, dirigiert Burvat den Fahrer. „Fahr zum Privatgelände des Flughafens.“
Wir halten vor einem großen Hangar, dessen Tor weit aufsteht.
„Frau Evans, Herr Kanaris, wir sind da. Steigen Sie bitte aus.“
Konstantin und ich verlassen den Wagen. Die Nachtluft ist kühl und frisch. Ich sehe mich alarmiert um. In der Halle steht ein Flugzeug, dessen Vordereinstieg geöffnet ist. Eine Treppe führt zu dem erhöhten Einstieg.
„Das ist fantastisch“, ruft Konstantin und läuft mit großen Schritten in den Hangar. Er bleibt unter dem Flugzeug stehen, dreht sich um und lächelt mir zu. „Es ist groß, ja. Aber … irgendwie habe ich es mir noch größer vorgestellt.“
„Die Flugzeuge, die hunderte Passagiere befördern, sind auch viel größer, Konstantin. Das hier ist ein Privatjet, er ist vielleicht für zehn oder zwölf Personen gedacht.“
Mit vor der Brust verschränkten Armen bleibe ich vor der Halle stehen und schaue in den Himmel. Funkelnde Sternbilder und die kleinen Sterne der Milchstraße verzaubern den Nachthimmel. „Despoina, kannst du mich hören?“, murmele ich. „Ich weiß zwar nicht, welche Gabe ich dir hier an diesem Ort darbringen könnte, aber ich brauche deine Hilfe.“
Opfere etwas von dir, wispert eine helle Stimme in meinem Kopf. Ich schließe für einen Moment meine Augen und denke nach. Etwas von mir? Dann habe ich eine Idee. Natürlich. Lächelnd zupfe ich mir einige Haare aus und lasse sie zu Boden fallen.
Ich danke dir für deine Gabe. Ich versichere dir, die Asche des Phönix wird dich retten. Sie wird wie eine Wand auf die Erde niedergehen und vieles sieht danach nicht mehr so aus, wie es einmal war. Schaue immer nach Norden auf den Polarstern, das ist deine Richtung zurück.
„Catherine?“, unterbricht Konstantin meine Gedanken. Ich zucke vor Schreck zusammen, als er plötzlich neben mir steht und einen Arm um meine Schulter legt. „Was meinst du, werden wir in dieses Flugzeug einsteigen?“
„Worauf du dich verlassen kannst. Ich habe nur keine Ahnung, wohin die Reise geht.“ Wir gehen ein paar Schritte bis zu dem Gitterzaun, der das Privatgelände vom öffentlichen Flughafen trennt. Zwischen den Drahtmaschen strahlen die Lichter des Flughafens. An den Flugzeugen auf der Rollbahn und am Gate blinken scheinbar willkürlich die Lampen auf. Was wollte mir Despoina damit sagen: Die Asche des Phönix wird dich retten? Und was meinte sie mit der Wand, die auf die Erde niedergehen wird?
Konstantin legt den Kopf in den Nacken. Sein Blick folgt einem Flugzeug, das über unseren Köpfen fliegt und immer mehr an Höhe gewinnt. Deutlich hört man das tiefe Dröhnen der Motoren.
Auch ich schaue nach oben und suche den Polarstern. Nach Norden, das ist die Richtung zurück. An der Schwanzspitze des Kleinen Bären erstrahlt er hell in all seiner Pracht.
Zeus und die schöne Kallisto. Ihre Liebe wurde durch die Geburt des Sohnes Arkas gekrönt. Doch Hera, Zeus Frau, hatte von der Liebschaft erfahren und verwandelte Kallisto in eine Bärin, die fast von ihrem eigenen Sohn getötet worden wäre. Zeus verhinderte die Tat und schleuderte sie in den Himmel. Er verwandelte Arkas in ein Bärenkind und warf ihn an die Seite seiner Mutter. Seitdem drehen Kallisto und Arkas als Großer und Kleiner Bär ihre ewigen Runden am Himmel.

Ich höre Burvat mit dem Fahrer reden. Gerade als ich ihn fragen will, wie es denn jetzt weitergeht, kommt er auf uns zu.
„Frau Evans, Herr Kanaris, kommen Sie. Es ist Zeit.“
„Wo bringen Sie uns hin?“, will ich wissen. Doch ich bekomme keine Antwort. Er tut so, als hätte er mich nicht gehört, und läuft mit großen Schritten auf das Flugzeug zu. Ich muss rennen, um mit ihm Schritt halten zu können, und packe seinen Arm.
„Ich möchte sofort wissen, wo Sie uns hinbringen!“
„Bitte steigen Sie ein, Frau Evans. Ich werde Ihre Fragen zu gegebener Zeit beantworten.“ Er deutet eine Verbeugung an und zeigt auf die geöffnete Tür. Ich bleibe vor der Treppe stehen und umklammere mit beiden Händen das Geländer.
Konstantin stellt sich neben mich an den Fuß der Treppe und legt seine Hand auf meinen Arm. „Komm, Liebling, steigen wir ein. Wir sollten lieber tun, was er sagt, und ich wollte ohnehin mit dir fliegen.“ Aufmunternd zwinkert er mir zu.
„Sehr vernünftig!“, antwortet Burvat und deutet auf die geöffnete Tür. „Sonst hätte ich Sie mit Gewalt hineinbringen müssen. Und ich verabscheue Gewalt.“
„Das sagten Sie bereits, als Sie uns hierher entführt haben“, gifte ich zurück und umklammere immer noch das Treppengeländer.
„Komm, Catherine!“ Schließlich lasse ich es zu, dass Konstantin meine Hand löst. Wir steigen gemeinsam die Treppe hinauf und betreten das Flugzeug. Burvat verriegelt sorgfältig die Tür hinter uns und verschwindet im Cockpit.
Ich sehe mich staunend um. Ich habe nicht das Gefühl, in einem Flugzeug zu sein, sondern in den noblen Räumen eines englischen Clubs. Im vorderen Bereich umrahmen elegante weiße Ledersessel und ein Diwan einen Tisch. Die Rauchglasplatte liegt auf den ausgebreiteten Schwingen einer aufrecht stehenden Pegasusstatue. Es gibt einen Essbereich mit verglasten Spirituosenschränken. Im mittleren Teil des Flugzeugs stehen ein Schreibtisch und ein wuchtiger Konferenztisch, der von vielen Stühlen umrahmt ist. Im Heck führen zwei Türen zu weiteren Zimmern.
„Lass dich nicht täuschen, Konstantin!“, sage ich leise. „Das ist kein normales Verkehrsflugzeug. So nobel geht es da nicht zu. Das ist ein Privatjet und der gehört …“
„Cousteau! Habe ich recht?“, unterbricht er mich.
„Ja.“ Plötzlich rast mein Herz und meine Knie zittern. Meine Hände suchen irgendwo einen Halt. Die Erkenntnis, dass wir uns in Cousteaus Privatjet befinden, lässt mich straucheln. Doch Konstantins starke Arme fangen mich auf und ziehen mich an seine Brust.
„Wir sind zusammen, Liebling“, flüstert er mir mit seiner weichen, dunklen Stimme ins Ohr. „Das ist alles, was zählt. Was auch immer geschieht, wir stehen das gemeinsam durch.“
Es ist tröstlich, seine Stimme zu hören und ihn bei mir zu wissen. Nach einer Weile lässt das Zittern nach. Sanft streicht mir Konstantin über das Haar.
„Was hat der Mann vor, Konstantin? Wo will er mit uns hin?“
„Das ist doch nicht schwer zu erraten! Wir fliegen nach Kairo. Dort wird Herr Cousteau zusteigen“, sagt Burvat und schließt hinter sich die Cockpittür.
Mir wird schlecht. Ich schließe für einen Moment die Augen. Entsetzen. Panik.
„Frau Evans, Herr Kanaris, machen Sie es sich bequem. Wir werden in ein paar Minuten starten.“
Ich drehe meinen Kopf ruckartig zur Tür. Doch sie ist verschlossen. Der Riegel am Schloss ist eingerastet.
„Zu spät, meine Liebe! Bleiben Sie ruhig und setzen Sie sich“, sagt Burvat, der meinen Blick zur Tür offensichtlich richtig gedeutet hat. „Herr Kanaris, da Sie ja aus verständlichen Gründen noch nie geflogen sind, nehme ich an, dass Sie einen Fensterplatz bevorzugen. Es ist tatsächlich immer wieder ein berauschendes Gefühl beim Start. Sogar für mich.“
Burvat drückt mich leicht, aber bestimmt, in einen der Ledersessel. Konstantin setzt sich ans Fenster und nimmt den Sicherheitsgurt in die Hand. „Wozu sind diese Bänder da?“
„Das sind Sicherheitsgurte, sie halten dich auf dem Sitz fest, falls etwas passieren sollte. Du musst dich damit an den Sessel anschnallen. Komm, ich helfe dir“, erwidere ich, im Begriff aufzustehen.
„Sie bleiben sitzen und schnallen sich an“, fährt Burvat dazwischen. „Ich mache das schon.“
Idiot! Was glaubt der eigentlich, was ich vorhabe? Die Tür einschlagen? Es fällt mir schwer, ruhig sitzen zu bleiben. In Burvats Miene liegt etwas Gerissenes.
Wut überfällt mich. Ich springe auf und packe ihn am Revers.
„Sie öffnen sofort diese Tür und lassen uns gehen“, fordere ich ihn auf.
Burvat hebt beschwichtigend die Hände, in seinen Augen glitzert Triumph. „Das, Frau Evans, ist leider nicht mehr möglich. Wir fahren schon aus dem Hangar auf die Rollbahn und befinden uns gleich in der Luft.“
Resigniert löse ich meine Hände von dem Stoff und werfe einen Blick aus dem Fenster. Burvat hat recht. Wir können nicht mehr zurück.
„Setzen Sie sich hin und schnallen sich an, Frau Evans. Und Sie, Herr Kanaris, schenken mir bitte einen kleinen Moment Ihre Aufmerksamkeit.“
Konstantins Miene zeigt keinerlei Regung.
„Sollten Sie oder Ihre reizende Begleiterin nochmals auf die Idee kommen, mich anzugreifen, sperre ich Sie in den Laderaum des Flugzeugs. Und glauben Sie mir, der Aufenthalt dort ist nicht sehr bequem.“
Das Flugzeug hat jetzt so viel Geschwindigkeit erreicht, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis es vom Boden abhebt.
Erschöpft lasse ich mich in den Sessel fallen. „Gut, den ersten Kampf haben Sie gewonnen.“
„Nicht nur den ersten, glauben Sie mir“, antwortet Burvat und grinst boshaft.
Obwohl vor uns die Dunkelheit einer ungewissen Zukunft liegt, ist Konstantin so aufgeregt wie ein kleiner Junge an seinem ersten Schultag. Er sieht unablässig aus dem Fenster. Als das Flugzeug vom Boden abhebt, strahlen seine Augen so hell wie die Sonne nach einem Sommergewitter.
„Catherine, das ist unglaublich! Ich sitze in einem Flugzeug. Ich kann es kaum fassen. Ich fliege wie ein Vogel durch die Luft!“
Ich kann seinen Enthusiasmus verstehen. Für ihn ist Fliegen wie ein kleines Wunder, auch wenn die Umstände seine Freude eigentlich nicht rechtfertigen.
Burvat deutet mit seinem ausgestreckten Arm in den hinteren Teil der Maschine. „Sobald wir die Reiseflughöhe erreicht haben, sollten Sie die Gelegenheit nutzen, um sich zu frisch zu machen. Hinter der linken Tür liegt das Bad.“

Vom gröbsten Schmutz befreit kehren wir zu der Sitzgruppe zurück.
„Sie haben gesagt, dass Cousteau in Kairo zusteigt. Fliegen wir etwa noch weiter?“, frage ich Burvat und setze mich wieder hin.
„Wir fliegen zu ihm nach Hause“, erwidert er knapp.
„Was meinen Sie damit? Wo ist dieses Zuhause?“
„Das werden Sie schon noch erfahren.“ Er wendet sich brüsk ab, steht auf und geht in den Essbereich. Aus dem eingebauten Wandschrank nimmt er drei Gläser. Dann öffnet er den Kühlschrank, holt Getränke, einen Eiswürfelbehälter und einen Teller mit Blutorangenschnitzen und stellt alles auf dem Tisch ab. Er gießt Saft in die aufwendig geschliffenen Gläser und wirft einen Eiswürfel hinein. „Auf einen angenehmen Flug.“ Burvat nimmt sein Glas und prostet uns damit zu. „Und …“, er trinkt einen Schluck, „auf dass es keine Komplikationen gibt, wo sich doch eine so kostbare Fracht an Bord befindet.“
„Was für eine kostbare Fracht?“ Ich habe Mühe, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.
„Nun, Ihr charmanter Begleiter hier. Halten Sie mich nicht für dumm, Frau Evans, das wäre ein großer Fehler. Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, dass es sich bei Herrn Kanaris um einen Zeitreisenden handelt?“
Ich bin für einen Moment schockiert. „Das glauben Sie doch selbst nicht!“
„Oh doch! Herr Cousteau hat viele Informanten. Nichts, was von Bedeutung ist, entgeht ihm. Das sollten Sie doch inzwischen wissen.“
„Woher haben Sie diese absurden Informationen?“, frage ich wütend.
„Wissen Sie, mit Geld kann man heutzutage alles kaufen. Vor allem Menschen.“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ein Hilfsarbeiter Ihres Teams hat gehört, dass Herr Kanaris unter sehr mysteriösen Umständen in Ihr Lager gekommen ist. Und mit der Zeit schnappte er noch dies und das auf …“
Burvat steckt sich ein Blutorangenstückchen in den Mund. Der rote Fruchtsaft läuft ihm aus beiden Mundwinkeln, so dass er aussieht wie ein Vampir. Mit einem schneeweißen Taschentuch wischt er sich über Mund und Kinn und hinterlässt dabei rote Flecken auf dem Stoff.
Ich schüttele mich innerlich. Wie Blut, es sieht aus wie Blut.
Nach etwas über einer halben Stunde geht die Maschine in den Sinkflug und nur wenig später rollen wir in einen Hangar auf dem Flughafen von Kairo.

 

Kapitel 2

Kairo, April 2005

Edwin Cousteau steht im Toyzimmer, das sich im dritten Stockwerk seines Anwesens in Kairo erhebt, und betrachtet lächelnd die Kostbarkeiten in den Glasvitrinen: fein ornamentierte Schnupftabaksdosen aus Lapislazuli und Aquamarin, chinesische Drachen-Figuren aus der Ming Dynastie, kobaltblaue Vasen mit Schwanenhalshenkeln aus der Porzellanmanufaktur Meissen, ein Schwert mit edelsteinbesetztem Griff aus dem 15. Jahrhundert, afrikanische Masken. Plötzlich hält er in seinen Betrachtungen inne, geht zu seinem Schreibtisch und schaltet den Monitor ein, auf dem er jeden Winkel seines Anwesens überwachen kann. Der Bildschirm leuchtet auf und schaltet in den Salon, wo Burvat, an einem Club Soda nippt. Der Detektiv hat den Flughafen so schnell wie möglich verlassen, um Cousteau persönlich die Nachricht der Ankunft von Catherine Evans und Konstantin Kanaris auf dem Kairoer Flughafen zu überbringen.
Cousteau kauft, hehlt, stiehlt. Er hortet seine Besitztümer. Sein Import-Export-Unternehmen läuft ausgesprochen erfolgreich, sein Nebenerwerb, das Schmuggeln, nicht minder. Letzteres stellt für ihn jedoch die größere Herausforderung dar. Es verlangt eine gewisse Finesse und skrupellose Erfindungsgabe. Cousteau schreckt, wenn es seinem Zweck dient, auch vor einer Entführung nicht zurück.
Als das Telefon klingelt, schaltet Cousteau den Monitor auf sein Sekretariat um, nimmt das Gespräch an und drückt die Lautsprecherfunktion. „Ja.“
„Sir, Herr Leroy ist am Apparat und möchte Sie sprechen“, informiert ihn seine Sekretärin. „Soll ich durchstellen?“
Cousteau setzt sich in den weichen Sessel aus Büffelleder und betätigt die Gegensprechanlage. „Nein, Madeline, sagen Sie ihm … ich bin nicht da. Und unsere Gäste werden nicht hier übernachten, ich habe es mir anders überlegt. Kümmern Sie sich um Burvat. Sie wissen schon. Ach ja, und lassen Sie den Royce vorfahren. Sorgen Sie dafür, dass Murad draußen auf mich wartet und sagen Sie alle Termine für die nächsten Tage ab. Ich werde verreisen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, schaltet er das Gerät aus, verlässt das Zimmer und geht zum Aufzug.
„Guten Tag, Herr Cousteau“, begrüßt ihn der Wachmann und tippt mit dem Zeigefinger an seine Mütze.
Cousteau nickt, betritt den Aufzug und drückt den Knopf zum Ausgang. Als er das Gebäude durch die gläserne Drehtür verlässt, steht Murat wartend neben dem Fahrer vor der Limousine. „Zum Flughafen“, ruft Cousteau dem Fahrer zu, der eilig die Wagentür aufreißt. Cousteau nimmt im Fond der Limousine Platz. Murad klettert auf den Beifahrersitz und nimmt mit einem eingebauten Funksprechgerät die Verbindung zu dem Wohnsitz in der Lybischen Wüste auf.
Nach knapp zwanzig Minuten erreicht der Wagen den Flugplatz. Der Pilot steht rauchend vor dem geschlossenen Hangar.
Cousteau steigt aus dem Wagen und knallt die Tür hinter sich zu. „Wo sind sie?“, ruft er. Seine Stimme zittert förmlich vor Erregung.
„Im Flugzeug, Sir.“
„Danke, gehen Sie zurück ins Cockpit. Wir fliegen zu meinem Anwesen in die Wüste. Murad und ich übernehmen ab hier.“

 

Kapitel 3

Obwohl ich mit seinem Erscheinen gerechnet habe, kann ich Edwin Cousteau nur fassungslos anstarren.
Er trägt schwarze Wildlederschuhe mit gut drei Zentimeter hohen Absätzen. Seine hagere Gestalt steckt in einer hellgrauen Seidenhose. Dazu trägt er ein Hemd mit rosafarbenen Blüten, vermutlich von einem Spitzendesigner. Er kneift den Mund so fest zusammen, dass seine Lippen fast nicht mehr zu sehen sind. Dadurch ragt seine Nase, die die Form eines Geierschnabels hat, noch mehr hervor. Der Blazer ist dunkelgrau mit roten Satinaufschlägen. Er sieht einfach grotesk aus.
„Frau Evans, Herr Kanaris. So sieht man sich wieder“, schnarrt er mit seiner quietschenden Stimme.
Unsere Situation ist zwar alles andere als lustig, doch ich sehe, dass auch Konstantin innerlich schmunzelt. Cousteau kommt mit einer affektierten Handbewegung auf mich zu.
„Ich möchte Sie gleich mit Murad bekannt machen, meinem Leibwächter.“ Er tritt einen Schritt zur Seite, lächelt und gibt den Blick auf die Tür frei. „Murad, würdest du dich bitte den Herrschaften vorstellen?“
Der Rahmen der Flugzeugtür wird von einer massigen Gestalt ausgefüllt. Die Haut des Mannes ist so schwarz wie Kohle und er ist deutlich größer als Konstantin. Seine muskelbepackten Arme sind so dick wie Baumstämme und sein Gesicht ist mit zahlreichen Narben übersät.
Ach du meine Güte, ist das ein Zombie?
Murad verneigt sich kurz, nimmt aber ansonsten keinerlei Notiz von uns.
„Danke, Murad. Du kannst jetzt nach vorne gehen. Sag dem Piloten, dass er starten kann. Lybische Wüste.“
„Was?“, rufe ich entsetzt. „Sie bringen uns in die Lybische Wüste? Das ist nicht Ihr Ernst!“
Cousteau setzt sich immer noch lächelnd in einen der Sessel und schlägt die Beine übereinander. „Doch, ich habe ein Haus dort. Völlig abgeschieden und ruhig. Sie sind meine Gäste und ich möchte, dass Sie sich wohlfühlen.“
„Ihre Gäste“, schnaubt Konstantin. „Wir sind nichts anderes als Ihre Gefangenen. Sie haben uns entführt und schleppen uns in die Wüste.“
Plötzlich steigt erneut die Erinnerung in mir auf. Ich denke wieder an den Flug auf dem Rücken des Phönix. Der Vogel trug Konstantin und mich auf seinem Rücken über ein großes Meer nach Süden zu den Wüsten, die bis zum Horizont reichen. Es war nur ein Traum, ein Albtraum, den ich vor langer Zeit geträumt habe. Doch mein Gespür hat sich wieder einmal bewahrheitet. Oh Gott, lass es gut gehen! Lass uns nicht wie in meinem Traum vom Himmel stürzen!

Inzwischen dröhnen die Turbinen des Flugzeugs. Die Maschine setzt sich langsam in Bewegung und wir rollen aus dem Hangar auf die Startbahn. Wir werden schneller, heben vom Boden ab, die Motoren brüllen auf und singen dann gleichmäßig auf einer Tonstufe. Schnell gewinnen wir an Höhe. Der Pilot steuert das Flugzeug durch wattige Cumuli nach Süden. In Sekundenschnelle fliegen die Wolken vorbei, dann haben wir wieder freie Sicht auf den beleuchteten Flughafen. Der Flieger gleitet wie auf Schienen auf einem festen Luftbett. Cousteau steht auf und geht in den Essbereich des Flugzeugs. Mit einer Flasche, in der eine rubinrote Flüssigkeit funkelt, und drei Gläsern kehrt er zu der Sitzgruppe zurück. Er setzt sich, öffnet die Flasche und schenkt ein. Das Aroma von reifen Pflaumen, Zedernholz und einer Spur Tabak mischt sich mit der Luft der Klimaanlage.
„Santé.“ Er hebt sein Glas, trinkt einen Schluck und stellt das Glas auf die Tischplatte.
Die Fragen brennen mir auf der Zunge. Cousteau könnte uns so viele Dinge erklären. Ich setze schon zum Sprechen an, als sich seine Augen plötzlich verändern. Wenn ich ihn nicht so wütend angestarrt hätte, wäre es mir gar nicht aufgefallen. Er blinzelt, kneift die Augen mehrmals fest zusammen und schlägt sie wieder auf. Doch jedes Mal, wenn er sie öffnet, sehe ich, dass seine Pupillen stärker flackern.
Seine Finger krallen sich in die Armstützen des Sessels, als müsse er sich mit Gewalt dazu zwingen, sitzen zu bleiben. Der Kopf pendelt wie von einer Schnur gezogen langsam von rechts nach links.
„Herr Cousteau!“, rufe ich entsetzt.
Verdammt! Was passiert mit uns, wenn der Mann hier einfach umkippt? „Geht’s Ihnen nicht gut?“
„Er hat einen Anfall“, sagt Konstantin, steht aus dem Sessel auf und beugt sich über Cousteau.
„Was für einen Anfall?“
Konstantin schüttelt den Kopf. „Ich weiß es nicht. Irgendein Anfall. Ich habe in Stemnitsa einmal gesehen, wie ein Mann auf der Straße mit wilden Zuckungen zusammengebrochen ist. Seine Pupillen haben geflackert wie bei Cousteau.“
„Der Mann hatte wahrscheinlich Epilepsie. Das ist eine Krankheit mit plötzlichen krampfähnlichen Anfällen. Aber Cousteau sieht aus, als stünde er unter Drogen.“
Konstantin schnaubt. „Nein, das glaube ich nicht.“ Er richtet sich wieder auf und stemmt die Hände in die Hüften. „Vielleicht ist er irre? Soll ich diesen Murad holen?“, fragt er.
„Nein, noch nicht. Vielleicht geht es ihm ja gleich wieder besser. Ich habe so etwas schon einmal gesehen … ich glaube … das ist pathologischer Nystagmus“, erkläre ich Konstantin und lasse Cousteau nicht aus den Augen. „Er wird durch die Schädigung des Gleichgewichtsnerv oder des Gleichgewichtsorgans ausgelöst. Deshalb das Augenzittern, das Festkrallen und die Pendelbewegung des Kopfes. Komisch, bei unserer letzten Begegnung, als er mir das Angebot für die Thorarolle unterbreitet hatte, schien er mir gesund zu sein.“
„Ich möchte den Mistkerl ja am liebsten eigenhändig umbringen“, murmelt Konstantin grimmig, „aber jetzt hoffe ich, dass sein Zustand sich bald bessert.“
Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und schließe die Augen, um Cousteaus beunruhigende Zuckungen nicht sehen zu müssen. Mit einem Mal überrollt mich die Hoffnungslosigkeit unserer Situation.
„Mein Gott, Konstantin, was sollen wir nur tun? Wer wird uns helfen? Pauline und Wassili haben doch keine Ahnung, ich kann sie nicht erreichen. Bei dem Kampf im Hafen habe ich mein Handy verloren. Die beiden werden uns suchen, das weiß ich. Aber doch niemals in Ägypten. Kein Mensch vermutet uns in Ägypten.“ Ich kralle meine Hand in Konstantins Arm, während Tränen über meine Wangen laufen.
Konstantin nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich sanft. „Wir schaffen das, Liebes. Wichtig ist, dass wir zusammenbleiben. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit und du kannst Pauline anrufen. Ich nehme doch an, Cousteau hat auch so ein Handy?“
„Bestimmt! Aber er wird es mir nicht freiwillig geben.“
„Nun, das lass mal meine Sorge sein!“
Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, normalisiert sich Cousteaus Zustand wieder. Das Kopfpendeln hört auf und seine Augäpfel kommen zur Ruhe. Er fährt sich mit beiden Händen durch sein Haar und sieht so aus, als wäre nichts passiert.
Erleichtert nicken Konstantin und ich uns zu und setzen uns wieder auf die Plätze.
„Haben Sie etwas gesagt, Herr Kanaris? Wenn ja, wären Sie so nett und würden Ihre Worte wiederholen?“
Konstantin und ich sehen uns verblüfft an. Ich kann nicht glauben, dass Cousteau von seinem ungewöhnlichen Zustand nichts bemerkt haben soll.
„Woher wissen Sie von Konstantin?“, frage ich ihn, „und wie kommen Sie überhaupt ins Spiel?“
„Ins Spiel ist gut!“ Er lacht laut auf und lässt seine Handflächen geräuschvoll auf seine Oberschenkel klatschen. „Ja, Frau Evans, Sie haben recht. Für mich ist das ein Spiel. Ein sehr unterhaltsames Spiel.“
Sein Lachen ist schrill und dröhnt in meinen Ohren.
„Ich habe dafür gesorgt, dass ein Spitzel bei den Grabungshelfern eingeschleust wurde und ich habe Sie von einem Detektiv überwachen lassen.“
„Michilis?“, frage ich nachdenklich.
„Ja, natürlich! Wie kommen Sie nur so schnell darauf?“
Ich nehme das Glas vom Tisch, trinke einen Schluck und streiche mit den Fingerspitzen über den langen, dünnen Stiel. „Erzählen Sie weiter, Herr Cousteau.“
Cousteau legt einen Zeigefinger an die Lippen. Anscheinend überlegt er, wieviel er Konstantin und mir gegenüber preisgeben soll.
Dann lacht er erneut auf und beugt sich in dem Sessel leicht nach vorne. „So viel kann ich Ihnen verraten: Burvat musste die alte Frau aus Stemnitsa töten und ich habe ihre Perlen. Ich besitze die Perlen der Winde, Frau Evans.“
Die alte Frau aus Stemnitsa, nicht aus Gortis, denke ich und schäme mich gleich dafür. Ein Mensch ist tot. Verdammt ja, er besitzt vier der Perlen. Aber weiß er auch von der fünften schwarzen Perle?
Konstantin ballt die Hände zu Fäusten. Alarmiert sehe ich ihn an und schüttele leicht den Kopf.
„Wenn ich gewusst hätte“, knurrt Konstantin, „dass Burvat die alte Frau …“
„Was hätten Sie dann getan? Ihn umgebracht? Machen Sie sich nicht lächerlich.“ Cousteau schnaubt verächtlich.
„Ihren Spitzel hätte ich fast erwischt. Doch ich bin leider gestürzt. Wo ist dieser Mann jetzt eigentlich? Immer noch im Ausgrabungscamp?“
„Sie werden ihn nicht mehr sehen. Er hat versagt. Obwohl er es ja geschafft hat, Sie nach Patra zu locken.“ Cousteau lacht, dass mir das Blut in den Adern gefriert.
„Wieso kommen Sie darauf, dass man uns nach Patra gelockt hat?“
„Stellen Sie sich nicht dumm, Herr Kanaris. Michilis hat Kontakt mit Andreas aufgenommen, von dem er wusste, dass er mit Wassili befreundet ist. Er erzählte ihm von den Fälschern. Andreas schickte Wassili daraufhin die Nachricht mit der Verabredung am Hafen. Nur, dass Andreas nicht erschien.“
„Was haben Sie mit ihm gemacht?“ Ich fürchte mich vor der Antwort.
„Halb so schlimm. Ich bin ja kein Unmensch.“
Kein Unmensch. Du bist ein Untier, Edwin Cousteau.
„Wir haben ihn in einem der verlassenen Lagerhäuser eingesperrt. Inzwischen dürfte er von seinen Freunden befreit worden sein.“
„Hoffentlich. Was ist mit dem Jungen und dem Straßenhändler? Was spielten die für eine Rolle?“
Cousteau wird einer Antwort enthoben, da der Goliath in der Tür erscheint. „In fünfzehn Minuten landen wir“, grummelt er und verschwindet wieder im Cockpit.
„Sie waren nicht einen Moment unbeobachtet“, sagt Cousteau. „Als ich erfuhr, dass Sie die Begleiterin von Herr Kanaris sind, war mir vollkommen klar, dass da wirklich etwas Besonderes hinter stecken musste. Sie geben sich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden.“
Cousteau droht mir mit dem Finger. „Ich habe Ihnen bis heute nicht verziehen, dass ich damals die Thorarolle nicht bekommen habe. Das war allein Ihre Schuld!“
„Ich habe den Fund nach der Registratur sofort nach London weitergeleitet.“
„Ja, das ist mir bekannt. Aber Sie taten das einen Tag früher als geplant.“
Cousteau beugt sich so weit nach vorne, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spüre. Seine Stimme überschlägt sich fast. Blanker Hass sprüht aus seinen Augen und sein Gesicht ist wutverzerrt. Ich ducke mich unwillkürlich und kauere mich in dem Sessel zusammen. Konstantin ist schon im Begriff aufzuspringen, um mir beizustehen, sollte der Mann handgreiflich werden.
„Sie, Herr Kanaris, bleiben wo Sie sind!“, droht Cousteau. „Sonst lasse ich Murad kommen! Und ich glaube, das würde Ihnen nicht gefallen.“ Wie eine Schlange zischt er die Worte zwischen den zusammengepressten Lippen hervor. „Von Ihnen, Frau Evans, erwarte ich immer noch eine Entschädigung. Aber da ich nun Herrn Kanaris habhaft werden konnte, sehe ich von weiteren Reklamationen ab. Sie konnten mir nicht entkommen. Ich wusste immer, wo Sie sich aufhielten.“
Was weiß der Mistkerl über Konstantin?
„Es passte nicht in Ihr Konzept, dass wir Ihnen in dem Lagerhaus entwischt sind?“, sage ich beiläufig.
„Ja, Sie haben meinen Zeitplan ganz schön durcheinandergebracht.“ Cousteau schlägt in einem eleganten Bogen die Beine übereinander, zupft an seiner hellgrauen Seidenhose herum und grinst sardonisch. Sein Wutausbruch ist so schnell vergangen, wie er gekommen ist, und er gibt sich wieder beherrscht, beinahe gleichgültig. Aber ich weiß nun, was sich hinter seiner Fassade verbirgt.
„Sie bekommen Konstantin nicht!“, fauche ich. „Dafür sorge ich!“
Er antwortet nicht und lacht nur.
Plötzlich fallen mir die Männer in dem Nissan ein.
„Ist Ihnen eigentlich klar, was mit Ihren Männern passiert ist? Ich meine die, die uns in dem Auto verfolgt haben? Sie sind tot.“
„Ich weiß. Aber sie haben es nicht anders verdient. Sie haben versagt. Und Versager kann ich nicht brauchen.“
„Sie sind ein sadistischer, gefühlloser Mensch!“, platze ich entsetzt heraus. „Sie erfreuen sich am Leid anderer und genießen es, Menschen zu demütigen und zu quälen.“
„Mein Geld hat mich inzwischen über so heikle Empfindungen hinausgehoben“, antwortet Cousteau kalt. „Menschliche Tragödien vermögen mich kaum noch zu berühren.“
Wut und Angst haben mich inzwischen völlig erschöpft. Außerdem habe ich Hunger. Ich schließe für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder aufschlage, richte ich meinen Blick auf Konstantin, um Cousteau nicht mehr ansehen zu müssen.
Konstantin schaut, obwohl es stockfinster ist, immer noch aus dem Fenster. Er wirkt ganz ruhig. Doch ich ahne, dass das Gegenteil der Fall ist. Seine Hände ruhen locker auf seinen Schenkeln, er sitzt kerzengerade, seine Schultermuskeln sind angespannt und ich sehe die Ader an seinem Hals heftig pulsieren. Ich bin mir sicher, wäre Murad nicht an Bord, würde Konstantin Edwin Cousteau eigenhändig erwürgen.
„Was ist das da unten?“, fragt Konstantin plötzlich und deutet auf dem Fensterglas mit seinem Finger auf die Erde. „Faszinierend! Sind das Lichtpunkte?“
„Das sind bestimmt die Feuer der Oase Kufra. Sicher nächtigt dort wieder eine Horde von Touristen, lästiges Pack“, ereifert sich Cousteau angewidert.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man ein Feuer von hier oben aus sehen kann.“
„Wir befinden uns schon im Landeanflug, und das ist nicht bloß ein kleines Lagerfeuer. Die Bewohner der Oase entzünden ein Feuer, das so groß wird wie ein Haus. Es ist pure Brennholzverschwendung.“
Ich werfe ebenfalls einen Blick aus dem Fenster. Es müssen riesige Feuer sein, die dort unten brennen.
Es ist kein Traum und es ist keine Fata Morgana.

Zum E-Book  oder direkt bei Amazon für deinen Kindle kaufen.

Du weißt nicht, was du lesen sollst? Wir helfen dir mit unserem E-Book Berater.

Die in den Niederlanden geborene Astrid Korten schrieb mit 13 Jahren bereits ihre erste Kriminalgeschichte. Doch bevor es zu Veröffentlichungen kam, sollten noch viele Jahre vergehen.
Nach dem Verkauf ihres Pharmaunternehmens machte sie das Schreiben zum Beruf.
Ihr Debütroman Eiskalte Umarmung avancierte sofort zum Platz-1-Bestseller. Seitdem folgten weitere spannende, erfolgreiche Thriller, Psychothriller und Romane.
Astrid Kortens Spezialgebiete als Autorin: Suspense-Thriller und Psychothriller. Bei ihrer akribischen Recherche lässt sie sich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Medizinern beraten. Sie schreibt außerdem Kurzgeschichten und Drehbücher.
Ihre Thriller erreichten alle die Top-Ten-Bestsellerlisten vieler E-Book-Plattformen und erhielten zahlreiche Nominierungen.
Die Autorin ist Mitglied im Syndikat, Mitglied der Mörderischen Schwestern und im Bundesverband junger Autoren und Autorinnen. In ihrer Freizeit spielt sie Tenor-Saxophon und malt Öl auf Leinen.

Rike Bartlitz stammt aus Essen. Nach einer Ausbildung als Groß- und Außenhandelskauffrau arbeitete sie viele Jahre für ein großes Kommunikationsunternehmen in Düsseldorf. Dank ihrer Mutter entdeckte sie schon früh ihre Liebe zu Büchern.

Ihr Genre ist der Fantasy-Roman. Wenn ihre Zeit es erlaubt, hört sie gern klassische Musik und malt Acryl auf Leinen.

Rike Bartlitz ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt in Essen.