Tod zur Tea Time

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2

Der Termin, auf den Dennis Brinkley bereits hingewiesen hatte, war um zehn Uhr dreißig. Um zehn war Polly immer noch nicht auf. Sie war zweimal gerufen worden und zweimal hatte sie geantwortet, sie sei dabei sich anzuziehen. Schließlich ging Kate in ihr Zimmer und fand Polly immer noch im Bett. Sie tat nicht einmal so, als schliefe sie, sondern lag auf dem Rücken und starrte an die Decke.

»Du weißt ganz genau, dass wir um halb elf in Causton sein müssen.«

»Nein, wusste ich nicht.«

»Ich habe es dir gesagt, als ich dir den Tee gebracht habe.«

»Ach so?« Polly setzte sich auf und schüttelte ihre dunklen Locken. Kratzte sich am Kopf. Seufzte. »Warum muss ich überhaupt mitkommen?«

»Weil deine Tante dich in ihrem Testament bedacht hat.«

»Testament.« Das Wort war ein zorniges Schnauben. »Ich wette, ich kriege diese wertlose Brosche –«

»Hör zu!« Kate packte ihre Tochter am Arm und zog sie halb aus dem Bett. »Sprich nie wieder so über Carey oder ihre Sachen. Vor allem nicht vor deinem Vater.«

»Schon gut … Schon gut.«

»Du weißt, wie sehr er sie geliebt hat.« Kate, erschöpft vom Trubel des vergangenen Tages und einer schlaflosen Nacht, in der sie ihren Mann trösten musste, hatte Mühe, Tränen der Schwäche zurückzuhalten. »Ich will, dass du in zehn Minuten fix und fertig unten bist.«

Und tatsächlich kamen sie nur ein ganz klein wenig zu spät. Es war zehn Uhr fünfunddreißig, als sie den hellen eleganten Empfangsbereich betraten und von einer drallen Schönheit in schicker Kleidung eine Spur zu liebenswürdig willkommen geheißen wurden. Eine Inschrift auf einem hölzernen Namensschild in Form einer Toblerone wies sie als Gail Fuller aus. Daneben stand ein großer Strauß Rosen und Lilien in einer Kristallvase. Polly war beeindruckt. Sie hatte sich Dennis ganz allein in einem schäbigen kleinen Loch vorgestellt, umgeben von staubigen Aktenschränken und einem prähistorischen Radio.

Sie staunte umso mehr, als sie durch das Hauptbüro geführt wurden, das sich groß und offen über die ganze Etage erstreckte. Hier standen zahlreiche Schreibtische, jeder mit einem persönlichen Touch, sei es eine Fotografie, ein pfiffiges Spielzeug, eine Pflanze, ein Stofftier oder ein Cartoon. Auf jedem stand ein iMac, auf dessen Tastatur emsig geschrieben wurde. Ein Kopierer summte. In den beiden sich gegenüberliegenden Ecken waren zwei recht große, abgetrennte Büros hinter Glas. Gail Fuller öffnete die Tür, auf der Dennis’ Name stand und meldete sie an.

Sobald sie saßen, entschuldigte sich Polly artig bei Dennis. Sie erklärte, dass die Verspätung allein ihre Schuld sei und er ihr verzeihen möge. Das Ganze wurde mit heftigem Augen-klimpern vorgetragen, was Dennis, zu Kates heimlicher Zufriedenheit, anscheinend kaum wahrnahm.

»Das ist ja so aufregend«, trällerte Polly und schätzte, dass Dennis wohl älter sein müsse, als er aussah. Natürlich erinnerte sie sich an ihn. Als Kind hatte sie seine rotblonden, kurz geschnittenen Haare, sein sommersprossiges Antlitz und seinen kastanienbraunen Schnauzer richtig bewundert. Er hatte sie an das Eichhörnchen Nutkin in den Büchern von Beatrix Potter erinnert. Jetzt öffneten die braunen Eichhörnchenpfoten einen großen tiefroten Umschlag und holten das Testament heraus. Dennis glättete das schwere Pergamentpapier und klemmte es unter einen Schmetterlingsbriefbeschwerer. Trotz ihrer absolut minimalen Erwartungen konnte Polly nicht verhindern, dass sich in ihrem Hals ein Kloß bildete. Es war wie eine Szene in einem dieser altmodischen Krimis, die manchmal im Fernsehen kamen. Allerdings wäre da vorher ein Mord geschehen. Das würde das Ganze beleben. Dennis hatte angefangen zu sprechen.

»Wie du bereits weißt«, Dennis lächelte Mallory direkt an,

»gehen Appleby House und der gesamte Besitz ohne Einschränkungen direkt an dich. Ich hoffe, die Vereinbarungen mit Pippins Direct gelten weiterhin.«

»Wir haben bereits miteinander gesprochen«, sagte Mallory.

»Sie wollen gerne weitermachen. Und ich werde es Ende der Woche schriftlich bestätigen.«

»Die Pacht von zehntausend Pfund ist bescheiden, aber es ist ein kleines Unternehmen, sie arbeiten nach ökologischen Richtlinien und überaus gewissenhaft. Deine Tante wäre sehr zufrieden mit deiner Entscheidung.«

Polly fragte sich, wie viel Gewinn dieses »kleine Unternehmen« tatsächlich einheimste. Für sie klang es, als habe sich die alte Dame bequatschen lassen, und jetzt sahnte die Firma ab. Vielleicht sollte sie ihren Vater überreden, genauer hinzuschauen.

»Es folgen einige kleinere Vermächtnisse«, fuhr Dennis fort, »die ich als Testamentsvollstrecker gerne erfülle.«

Er begann in einem monotonen Singsang die Vermächtnisse aufzuzählen. Polly schaltete ab, fing an, sich umzuschauen und beobachtete die Aktivitäten außerhalb des gläsernen Büros. Sie stellte sich vor, wie sie selbst in einem Jahr, im Herzen der City, in genau so einer Umgebung saß und überlegte, was sie auf ihren Schreibtisch stellen würde. Mit Sicherheit etwas Cooles. Keine klackernden silbernen Kugeln – das stand fest. Auch keine Fotos – von wem sollte sie ein Foto wollen? Und wenn überhaupt Grünzeug, dann mit Sicherheit nicht so eine Nullachtfünfzehn-Pflanze aus einem dieser Gartencenter.

Während sie davon träumte, wie ihre seltene exotische Pflanze aussehen könnte – waren Orchideen nicht eher spießig? Und brauchten sie nicht eine bestimmte Umgebung? –, ging die Tür des anderen Büros auf. Ein Mann kam heraus und schlenderte durch den Raum. Eher klein, dunkel, jünger als Dennis und besser aussehend. Sie kannte ihn von der Beerdigung, wo er unangemessen laut gelacht und zu viel getrunken hatte. Er hatte Papiere in der Hand und Polly beobachtete ihn, als er sie mit einem breiten Lächeln einem Mädchen am Fotokopierer gab. All seine Bewegungen waren energisch und lebhaft, und doch hatten sie etwas Gekünsteltes, als täusche er diese Vitalität nur vor, die er in Wirklichkeit nicht empfand.

Polly dachte distanziert und im Grunde desinteressiert über ihn nach. Im Augenblick konnte sie kein Mann reizen. Über Nacht war sie immun gegen diesen speziellen Virus geworden.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Testamentseröffnung zu (sicher war sie gleich an der Reihe) und hörte Dennis sagen: »Nach der Erfüllung der Vermächtnisse beläuft sich der Wert des Nachlasses deiner Tante inklusive ihrer Wertpapiere auf etwas mehr als dreihunderttausend Pfund.«

»Ich hatte ja keine Ahnung …«, stotterte Mallory. »Das ist … Danke.«

»Was Benny Frayle betrifft –«

»Sollte sie nicht auch hier sein?«, fragte Kate.

»Ich habe bereits mit Benny geredet, gleich nach Miss Lawsons Tod. Carey hat zwar häufig versucht, ihr ihre Zukunftsängste auszureden, aber du weißt, wie … äh …«

Abgrundtief dumm, schlug Polly stumm vor. Oder dämlich wie ein Kamel.

»… besorgt sie sein kann. Ich konnte sie beruhigen. Sie kann in ihrer Wohnung über den Ställen wohnen bleiben, so lange sie will. Sollte es notwendig werden, das Haus zu verkaufen …« Dennis ließ den Satz als Frage in der Luft hängen, die Augenbrauen zu einem kastanienbraunen Halbmond gezogen.

»Davon kann keine Rede sein.« Kate griff nach der Hand ihres Mannes. »Wir haben Pläne.«

»Ausgezeichnet. Doch sollte es je dazu kommen, müssen Mittel und Wege gefunden werden, um eine vergleichbare Wohnung zu erwerben, die auf ihren Namen läuft.«

Mallory sagte: »Ich verstehe.« Polly pfiff leise.

Kate funkelte Polly an.

»Ihre Pension ist, selbst wenn man den unbeständigen Markt bedenkt, sehr großzügig. Sie sollte in der Lage sein, von ihrer Rente einen angemessenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Des Weiteren steht eine beträchtliche Summe in erstklassigen Aktien zur Verfügung. Im Falle ihres –« Dennis hielt inne und starrte einen Augenblick lang traurig in die Luft. Dann räusperte er sich und fuhr fort: »– sagen wir, Ablebens, fließt das Geld wieder dem Besitz zu.«

»Und nun zu Polly.« Er lächelte sie an und wartete einen Moment, bevor er weitersprach. Er sah aus, als habe er hinter seinem Rücken eine aufregende Überraschung versteckt. Wenn er nicht so nett wäre, könnte man ihn auch für verschlagen halten. Polly erwiderte sein Lächeln und spürte gegen ihren Willen wieder ein spannendes Kribbeln. Sie wusste, wie ihre Chancen standen, eine ernstzunehmende Summe zu erben, aber auch eine schäbige alte Kameenbrosche ließ sich sicher irgendwie zu Geld machen. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass es ein unglaublich seltenes und berühmtes Stück war, wie diese Uhr in Only Fools and Horses.

»Vor etwas über fünf Jahren gab ich deiner Tante den Rat, ein Aktienpaket zu verkaufen, das nur mäßigen Gewinn abwarf, und den Erlös in Anteile einer Arzneimittelfirma zu investieren. Der Erfolg übertraf selbst meine kühnsten Erwartungen.« Dennis machte eine Pause. Niemand mochte fragen, wie kühn diese Erwartungen denn gewesen waren. Nicht einmal Polly.

 

»Deine Tante hat verfügt, dass diese Anteile mit dem Wert, den sie bei Börsenschluss am Tag ihres Todes haben, an ihre Großnichte gehen sollen, und zwar –«

Polly sog hörbar die Luft ein. Dann schlug sie entschuldigend die Hand vor den Mund. Sie atmete nicht aus.

»– an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Die Summe beläuft sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf etwas über sechzigtausend Pfund.«

Niemand sagte etwas. Dennis strahlte Polly freundlich an. Auch Mallory lächelte, überwältigt von der beispiellosen Großzügigkeit seiner Tante. Kate lächelte nicht. Obwohl sie sich innerlich tadelte, weil sie so schlecht über ihre Tochter dachte, wurde ihr das Herz schwer. Polly atmete mit einem lauten »Puuhh« aus, dann fing sie an zu lachen.

»Wahnsinn …« Sie warf triumphierend die Arme in die Luft, die Geste eines Gewinners, der nach der Krone greift.

»Das glaube ich nicht! Sechzig Riesen –«

»Gratuliere, meine Liebe«, sagte Dennis.

»Und da ich ja fast einundzwanzig bin –«

»Du bist vor einem Monat zwanzig geworden«, fauchte Kate.

Die anderen sahen sie an. Sogar Mallory konnte seine Enttäuschung über die absichtliche Zerstörung dieses aufregenden Augenblicks nicht verbergen. Er sagte: »Poll, das müssen wir feiern.«

»Auf dem Heimweg kaufen wir eine Flasche Champagner.« Polly hatte aufgehört zu lachen, aber ihre Stimme zitterte immer noch vor Glück. So, als könnte sie jeden Augenblick in ein hysterisches Kichern umschlagen. »Und heute Abend können wir richtig schick essen gehen.« Dann verstummte sie, vielleicht weil ihr bewusst wurde, dass ihre Freude für unsensibel gehalten werden könnte. Sie legte beide Hände in den Schoß und betrachtete sie nüchtern. Im Geiste zählte sie langsam bis fünf, dann schaute sie mit ernstem Gesicht auf.

»Es ist wirklich nett von Großtante Carey, mich so reichlich zu bedenken.«

Die plötzliche Kehrtwendung überzeugte selbst Mallory nicht und zog ein verlegenes Schweigen nach sich.

Dennis überbrückte geschickt die Pause. »Ihr habt vorhin erwähnt, dass ihr Pläne habt«, murmelte er und sah abwechselnd Kate und Mallory an. »Für das Haus?«

»Oh, ja«, sagte Kate, und ihr Gesicht erhellte sich langsam

wieder vor Freude. »Wir hatten schon immer diesen Traum –«

»Eigentlich ist es Kates Traum«, erklärte Mallory.

»– uns selbstständig zu machen. Wir wollen Bücher verlegen, wirklich gute Bücher.«

»Das haben wir schon seit einer Ewigkeit im Hinterkopf.«

»Wir dachten, es würde nie klappen.«

»Ein großer Schritt«, sagte Dennis. »Der gut geplant sein will. Und gute finanzielle Beratung braucht.«

»Nun, was das betrifft …«

Kate und Mallory schauten Dennis mit hoffnungsvollem Vertrauen an. Polly wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Außenwelt zu. Sie hatte den wunderbaren Traum ihrer Mutter bis zum Erbrechen gehört. Ein echter Schwachsinn. Polly musste über wichtigere Dinge nachdenken. Zum Beispiel, wie nah, wie wunderbar nah die Befreiung aus dem Würgegriff der Schulden war. Allerdings konnte sie es sich auf keinen Fall leisten, noch zehn Monate zu warten, nicht bei den Wucherzinsen von fünfundzwanzig Prozent. Wie also konnte sie so eine idiotische Verfügung umgehen?

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Caroline Graham wurde in Warwickshire geboren, hat Theaterwissenschaft in Birmingham studiert und zahlreiche Hörspiele sowie Theaterstücke verfasst. Berühmt wurde sie durch ihre Krimiserie mit Inspector Barnaby, die in England unter dem Titel Midsomer Murders für das Fernsehen verfilmt wurde und zu einer der populärsten britischen Krimiserien avancierte. Mittlerweile hat auch das ZDF mit der Ausstrahlung der Serie begonnen.