Das Leben passt in keine Liste

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1

„Das ist nicht dein Ernst!“

Ich funkelte Arno an, nicht ganz sicher, ob er sich nicht doch einen Scherz mit mir erlaubte. Mein Mann hielt den neu erworbenen Tiegel mit der ökologisch korrekten Feuchtigkeitsemulsion in die Höhe wie ein Corpus Delicti. Zielsicher hatte er sich genau diesen aus den Einkäufen herausgefischt, die ich auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte.

„Hanna, das ist mein Ernst! Du hast tatsächlich zwölf Euro für eine schnöde Creme ausgegeben?“

Seine inquisitorische Frage ließ meinen Blutdruck ansteigen. Ich war hier diejenige, die das Geld verdiente.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, kniff die Augen zusammen und fixierte ihn:

„Du willst mir jetzt nicht wirklich zu verstehen geben, dass …“

„Doch! Verdammt, Johanna! Was soll der Kosmetik-Quatsch? Wirst du im Alter zur Spießerin?“

Okay. Das reichte. Auch wenn ich kommunikationspsychologisch geschult war, Tritte unter die Gürtellinie mussten gekontert werden. Möglichst lautstark. Gerade holte ich Luft, als sich die Küchentür öffnete und Nele den Raum betrat. Mit einem Blick erfasste unsere Tochter die Situation.

„Moment!“, ordnete sie an, eilte zum Fenster und schloss es. Mit ihren knapp fünfzehn Jahren war ihr so gut wie alles peinlich. Vor allem die Eltern. Vor allem, wenn diese schreiend die Nachbarschaft beschallten.

Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Unterarm:

„Könnten wir jetzt bitte in Ruhe weiterstreiten?“

Nele schüttelte entnervt den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Mein Blick heftete sich erneut auf Arno.

Mein Mann. Mein geliebter Ehemann. 186 Zentimeter Sturheit, dichte, dunkelblonde Haare, eine immer noch beneidenswert athletische Figur, trotz weitgehender sportlicher Abstinenz, grau-blauer Blick, temporär auf Minusgrade heruntergekühlt. Wir waren uns so nah. Gedanklich, gefühlsmäßig und auch körperlich. Und dennoch schafften wir es immer wieder, uns gegenseitig zu verletzen. Niemand kann das so gut wie Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Wenn keine sachlichen Argumente mehr halfen, ging es meist auf der persönlichen Ebene weiter, und die wunden Punkte, die der liebende Partner eigentlich schützen, aufpäppeln und möglichst unangetastet lassen sollte, wurden zu willkommenen Angriffspunkten. Treffer. Versenkt.

Dafür hasste ich Arno gelegentlich.

„Noch mal von vorne“, knurrte ich.

„Du hast mich sehr wohl verstanden!“

„Aber DU verstehst MICH nicht!“, brüllte ich.

Inzwischen hatten wir eine Phonstärke erreicht, die Karl Marx dazu veranlasste, seine Rute einzuklemmen und unter dem Küchentisch Deckung zu suchen.

„OH DOCH! Mein Verständnis reicht durchaus, um dich als fehlgeleitetes Werbeopfer zu identifizieren!“

„Weil ich eine FEUCHTIGKEITSCREME kaufe?“

„Weil du ein horrendes GELD dafür ausgibst!“

„Mann, das waren zwölf Euro! ZWÖLF! Nicht 120! Du bist so ein Geizhals!!!“

„Wie verzweifelt muss man sein, um sich dermaßen von der Kosmetikindustrie blenden zu lassen?“

Ich hyperventilierte fast. „ICH BIN NICHT VERZWEIFELT!“

Abends stand mir der Schaum vor dem Mund wie einem tollwütigen Tier. Ich stand im Bad und traktierte meine Zähne. Es grummelte immer noch in mir. Unser so häufig aus dem Ruder laufendes Streitritual machte mich fertig. Es kostete Kraft und Halsschmerztabletten und führte zu nichts. Ich wischte mir den hervorquellenden Schaum vom Kinn und begann die Putzrunde unten rechts von vorne. Plötzlich schob sich Arno von hinten heran und legte mir seine Arme um den Bauch.

„Na, Hannchen“, hauchte er an meinem Ohr.

Ich ignorierte ihn, so gut es ging.

Er verfolgte belustigt meine Zahnputzschaumschlacht.

„Komm, wir vertragen uns.“

Skeptisch hob ich meine Augenbrauen.

„Was hältst du von einem Versöhnungsquickie?“

„NICHTS!“, fauchte ich und der Spiegel war gesprenkelt wie eine Windschutzscheibe bei Schneesturm.

„Ach komm schon, Schatz.“ Arno begann, an meinem Ohr zu knabbern.

Ich wand mich aus seinen Armen.

„Ich bin doch keine Masochistin! Erst verletzt du mich bis in die Grundfeste meiner Existenz, rammst mir ein Messer in meine verwundbarsten Teile, in meine Ängste, mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl …“

Arno seufzte.

„… und dann soll ich dir schon wieder mein Herz und meinen Körper öffnen?“

Er verdrehte die Augen.

„Nun sei doch nicht immer so melodramatisch!“

Ich schob ihn von mir und zielte mit der Zahnbürste auf ihn.

„Ich bin so, wie ich bin. Und eins sag ich dir: Ich bin keine Spießerin, ich bin nicht alt und ich bin nicht verzweifelt!“

„Schon gut“, lenkte er ein. „Du bist jung wie der Frühling und frisch wie Morgentau.“

Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ Wasser in meine Hände laufen und tauchte mit dem Gesicht hinein. Die Badezimmeraudienz war beendet. Tatsächlich zog Arno Leine, nicht ohne mir im Weggehen in den Hintern zu kneifen.

Was mir die gnadenlosen Strahlen der aufgehenden Sonne dann einige Tage später offenbarten, traf mich wie ein Schlag: Ich wurde doch alt! Mein Körper war einfach nicht mehr der einer Zwanzigjährigen … noch nicht einmal der einer Fünfunddreißigjährigen!

Ich stand morgens vor dem Spiegel im Bad und freute mich über das wundervoll rotgoldene Licht der Morgensonne, das ab nun wieder meine Vorbereitungen auf den Arbeitstag geheimnisvoll beleuchten würde und endlich die dunkle Jahreszeit und das Lampenlicht vertrieben hatte. Deshalb sah ich diesmal auch etwas länger in den Spiegel – und mit aller Klarheit erkannte ich plötzlich die Zeichen körperlichen Verfalls.

Nun gehörte ich nicht zu den Frauen, für die Schönheit oberstes Gebot war. Schon aus Prinzip nicht, aus feministischer Überzeugung, die es ablehnt, sich einzig und allein für den anerkennenden Blick von Männern aufzuhübschen. Aus diesem Grund benutzte ich auch kein Make-up. Ich war ungeschminkt – immer! Dafür fasste ich mir auch viel zu häufig ins Gesicht, rieb mir die Augen oder die Nase, klopfte mir beim Nachdenken an die Lippen. Mit einer Farbpallette im Gesicht hätte ich wahrscheinlich in kürzester Zeit wie ein Inferno ausgesehen. Hätte ich damals roten Lippenstift und Nagellack getragen, wäre ich bestimmt auch heute noch nicht verheiratet. Denn Arno mag Frauen nur naturbelassen – was es auch für Nele nicht einfach machte, wenn sie hin und wieder die Segnungen der Kosmetikindustrie ausprobierte. Trotzdem war mir mein Äußeres natürlich nicht egal. Schon aufgrund meiner Lehrerinnentätigkeit war es notwendig, irgendwie passabel auszusehen, wenn man/frau vor den Schülerinnen und Schülern nicht zur Lachnummer werden wollte. Aber ich hatte etwas dagegen, mich der Willkürherrschaft sogenannter Modeexperten zu unterwerfen, genauso wie der Diktatur der heilsversprechenden Kosmetikindustrie oder der Bauch-Beine-Po-Folterbranche – so als bräuchten Frauen keine Armmuskeln. Ich wollte einfach so herumlaufen, dass ich mich selber mochte und wohlfühlte.

Doch dieses eigentlich positive Körpergefühl geriet mit jenem denkwürdigen Blick in den Spiegel mächtig ins Wanken. Meine Güte! Ein paar Dellen an den Oberschenkeln hatte ich schon seit meiner Jugendzeit. Aber das hier? Ich hätte mich gut und gerne als Vorher-Model für eine Anti-Cellulite-Therapie zur Verfügung stellen können. Und mein Bauch? Mal dünner, mal dicker … okay, meist dicker, aber hing er an dieser Stelle nicht sogar etwas über? Und meine Brüste? Und die Oberarme? Ich suchte meinen ganzen Körper ab, und zum ersten Mal stieg so etwas wie Panik in mir auf. Wir wurden tatsächlich älter – mein Körper und ich. Was ich geistig an Reife und Erkenntnis hinzugewann und begrüßte, hinterließ deutlich negative Spuren an meinem Körper, unwillkommen und absolut überflüssig. Er verlor seine jugendliche Spannkraft. Mit einem Wort: Er wurde schlapp.

Ich sah mir in die Augen und versuchte ruhig zu atmen, um der Panikattacke Frau zu werden. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich sah mich plötzlich in dreißig, vierzig Jahren. Um zwanzig Zentimeter geschrumpft, zahnlos, o-beinig, einen Rollator schiebend. Wenn ich wenigstens geistig fit bleiben würde, aber auch Alzheimer war ja eine – noch denkbare –Zukunftsaussicht. Mir kam ein Spruch in den Sinn, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte: Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein.

Ja! Genauso war es! Ich wollte immer mindestens neunzig Jahre alt werden. Aber wie sollte ich es schaffen, mir beim Altern zuzusehen? Wenn Altern Verfall bedeutete, geistiger und körperlicher, wie ließe sich das nur aushalten? Wie sollte ich nicht täglich die Natur mit ihren scheinbar zwingenden biologischen Abläufen dafür verfluchen, dass sie mir das antat?

Eine Woge des Entsetzens und der Trauer überschwemmte mich. Mir stiegen Tränen in die Augen, und ich verfolgte, wie sie sich aus den Augenwinkeln lösten, an der Nase herunterliefen, die Lippen überquerten und vom Kinn tropften.

Andererseits … dies passierte ja nicht nur mir. War es nicht ein Trost, zu wissen, dass alle Menschen, die das Glück hatten, ein hohes Alter zu erreichen, diesen Alterungsprozess auch irgendwie meisterten? Und wie viele Menschen waren sogar erst in späten Jahren aufgeblüht – oder hatten bis ins hohe Alter Meisterleistungen vollbracht? Goethe zum Beispiel war zweiundachtzig, als er seinen Faust II beendete und kurz darauf starb. Es gab doch viele Menschen – Politikerinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen, Wissenschaftler – die vormachten, wie man in Würde altern konnte, auch wenn die körperlichen Fähigkeiten abnahmen.

Da fiel mir meine Oma ein. Sie war bis zum Schluss geistig fit geblieben, beweglich und voller Humor, und einundneunzig geworden. Na bitte. Vielleicht hatte ich ja ihre guten Gene geerbt. Das wäre ja schon mal ein kleiner Trost. Und hieß es nicht auch, man sei so alt, wie man sich fühle? So banal dieser Satz klang, es gab Untersuchungen, die dies zu bestätigen schienen.

Ich sah mich noch einmal konzentriert im Spiegel an und tippte mir vor die Brust. Nein, noch war ich nicht verzweifelt. Dafür war es noch zu früh. Aber ich sollte mein Problem zeitnah angehen. Wäre die Phrase nicht so abgedroschen, würde ich sagen: Ich hörte sie ticken, meine biologische Uhr. Jetzt musste ich zwar dringend in die Schule, aber mit diesem Thema war ich noch nicht fertig! Schnell warf ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, zog mir Jeans und irgendein Oberteil über und beschloss spontan, das Fahrrad zu nehmen. Ich würde zwar schweißnass und außer Atem ankommen, aber egal. So hatte ich wenigstens das Gefühl, lebendig zu sein.

2

Ich trat in die Pedale meines bequemen Hollandrades, dessen Schutzblech munter klapperte, und ließ den quadratisch-praktischen Betonklotz aus den siebziger Jahren hinter mir – mein Gymnasium, das sich nicht gerade durch aufregende Reformpädagogik profilierte. Die Sonne schien ungewöhnlich hell. An geschützten Stellen glitzerten die letzten Schneereste in unberührtem Weiß. Richtig schön, so Anfang März. Ich spürte die warmen Strahlen im Gesicht und erfreute mich an den gelben und lila Krokussen in den Vorgärten, die das unendliche Grau der letzten Monate fortlächelten.

In der Mitte des Lebens stellen sich die existentiellen Fragen neu, ging es mir durch den Kopf, während meine Beine gleichmäßig meditativ kreisten. Völlig in Gedanken, begann plötzlich mein Vorderrad unkontrolliert zu schlingern. Hilfe! Hart trat ich auf die Bremse, sprang vom Rad in die matschige Schneepampe und versuchte mit aller Kraft mein Gefährt daran zu hindern, in die braune Patsche zu kippen. Gerade so konnte ich es abfangen. Im gleichen Moment hupte ein Auto, als hätte ich geplant, mich mit meinem Drahtesel davorzuwerfen. Blödmann!

Mit hämmerndem Herzen überprüfte ich, ob meine Schultasche noch sicher im Fahrradkorb lag. Puh. Fast wäre ich hingefallen. Das hätte böse enden können. Okay. Großhirn an Stammhirn: Wir hatten verstanden! Die Beschäftigung mit bedeutsamen Fragen bedurfte einer risikoarmen Umgebung und vollster Konzentration. Vorsichtig stieg ich wieder auf und brachte mich sicher nach Hause.

Wir wohnten am Rande einer Kleinstadt in einer Straße, in der recht individuell gebaut werden durfte. Der Verkehr war verhältnismäßig ruhig. Nur von ferne hörte man bei entsprechender Windrichtung ein stärkeres Motorenrauschen der geschäftigen Innenstadt. Hinter unserer Häuserreihe, die die letzte war und es hoffentlich auch blieb, brauchten wir nur wenige Schritte zu gehen, um in der Natur zu sein. Zahlreiche Feldwege und – einen knappen Kilometer entfernt – ein kleines Waldstück vermittelten uns das Gefühl, fast in einer ländlichen Idylle zu leben. Für uns war dies der ideale Wohnort, städtisch angebunden und doch naturnah.

Zuhause angekommen begrüßte mich Karl Marx mit einem müden Schwanzwedeln. Unser gealterter, schwarz-weißer Labrador-Mix hielt es noch nicht mal für nötig, aufzuspringen und mir entgegenzulaufen! Als junger Hund war er der Weltmeister im Begrüßen gewesen. Jetzt zeigte er diesen Ehrgeiz nur noch bei völlig Fremden, die er wahrscheinlich beeindrucken wollte.

„Wirst halt auch älter, Kalli“, sagte ich, kniete mich an seinen Korb und wuschelte ihm durchs Fell, wodurch sich die Schwanzschlagfrequenz dramatisch erhöhte. Sein Fell war feucht, also hatte Arno mit ihm eine Runde gedreht und ich war von dieser Pflicht befreit.

Sehr gut! Hach, wie ich das liebte! Der Dienstag war der einzige Tag, an dem ich nur vier Stunden hatte, also am frühen Mittag nach Hause kam. Nele war noch bis sechzehn Uhr in der Schule und Arno, hauptberuflich Hausmann, nebenberuflich Softwareentwickler in seiner eigenen Ein-Mann-Firma, legte auf meine Bitte hin seine auswärtigen Kundengespräche auf diesen Tag. So hatte ich wenigstens ein Mal in der Woche das Haus ganz für mich alleine, jedenfalls wenn alles nach Plan lief und nicht etwa Konferenzen anstanden, der Unterricht unserer Tochter ausfiel oder Kunden ihre Termine versäumten.

Heute war so ein Tag, an dem mich unser Haus träumerisch still umfing. Die Frühlingssonne schien durch die Fenster und zauberte Lichtreflexe auf Möbel und Wände – die winterlichen Schmutzansammlungen, die sie gleichzeitig beleuchtete, übersah ich großzügig – und ich spürte, dass etwas ganz Besonderes aufkeimte: ein Aufbruch.

Ich ging nach oben, wusch mir gründlich die Hände, da Schulen ja bekanntlich Bakterienbrutstätten sind, zog mir wie immer bequeme Kleidung an und wusste, dass ich jetzt nicht – wie sonst – meinen Mittagsschlaf halten würde. Mit dieser Angewohnheit entsprach ich natürlich voll dem Lehrer-Klischee. Mein Lieblingswitz dazu lautete: Treffen sich zwei Lehrer mittags um zwei im Baumarkt. „Na? Kannst du auch nicht schlafen?“ Ich fand den schreiend komisch, auch wenn meine Tochter immer gähnte, wenn ich ihn erzählte. Aber es war wirklich so: Wenn man sich vorstellte, dass eine Lehrerin am Tag durchschnittlich sagen wir fünf Klassen mit jeweils durchschnittlich 25 Schülerinnen und Schülern unterrichtete, dann waren das etwa 125 kleine und größere Jungen und Mädchen, die alle in ihrer Individualität, in ihren Stärken und Schwächen wahrgenommen und gefördert werden wollten. Rechnete man noch durchschnittlich 10 Pausengespräche mit Kollegen über Schülerinnen und Schüler, Unterricht oder Privates hinzu und bedachte, dass jeder Lehrende mindestens zwei Fächer unterrichtete und am Tag in den fünf Klassen mindestens fünf Themen altersangemessen, höchst konzentriert und natürlich voll mitreißender Begeisterung präsentierte und gleichzeitig darauf achtete, dass Selina ganz vorne nicht ungerechterweise dreimal hintereinander drankam, während Max dort hinten, wenn er sich denn mal zaghaft meldete, übersehen wurde, und Lara und Michelle sowie Niclas und Yannic mit einem scharfen Blick oder vielleicht doch besser mit einer lauten Verwarnung bedacht werden mussten, weil sie tuschelten oder versuchten, unter dem Tisch Karten zu spielen – wenn man das alles zusammenrechnete, dann waren wir bei tausenden von Überlegungen, Entscheidungen und Interaktionen, die eine Lehrkraft im Sekundentakt durchzuführen hatte.

Ich fand, da hatte mein Hirn anschließend eine kleine Auszeit verdient, zumal ich sowieso nicht in der Lage gewesen wäre, mit diesem Synapsenaufruhr im Kopf einen einzigen neuen, klaren Gedanken für den Unterricht des nächsten Tages zu fassen.

Wer es sich als Lehrerin oder Lehrer also irgendwie einrichten konnte, der schlief nach der Schule. Dass dies schlicht vernünftig war und unser Überleben sicherte, darin bestärkten wir uns im Kollegium immer wieder gegenseitig.

An diesem Tag aber war es anders. Ich kochte mir einen Kaffee, setzte mich in die sonnendurchflutete Küche und blickte hinaus in den Vorgarten, der aus seinem Winterschlaf erwachte.

Ein Aufbruch. Ja. Gut. Woll’n wir doch mal sehen … Hmmm. Gar nicht so leicht, sich auf Kommando tiefgründige Gedanken um sich selbst zu machen …

Ich verfolgte mit den Augen die Katze unserer Nachbarn, wie sie am Zaun entlangpirschte, erfreute mich an den schüchternen Krokussen, sah in den Himmel, der überraschend blau war und an unbeschwerte Sommertage im Süden erinnerte, trank einen Schluck Kaffee, wippte mit dem Fuß, …

Nein. So ging das nicht. Ich brauchte etwas zu schreiben. Beim Schreiben formten sich die wabernden Gedanken zu Worten, und der chaotisch-assoziative Gedankenfluss ließ sich in eine systematische, lineare Ordnung bringen. Früher hatte ich sehr viel Tagebuch geschrieben. Auch als junge Erwachsene hin und wieder, wenn es mir schlecht ging. Jetzt beschränkten sich meine schriftlichen Ergüsse meist auf Kommentare, die ich unter die Klassenarbeiten setzte: Im Ansatz gelungen, achte aber noch mehr auf eine differenzierte Argumentation und eine präzise Wortwahl!

Ich holte eine alte Kladde aus meinem Arbeitszimmer, suchte einen Kuli und schrieb:

45 Jahre = Lebensmitte.

Das stimmte sogar ganz genau, denn ich hatte mir ja vorgenommen, neunzig Jahre alt zu werden.

Was will ich noch erreichen?

Nee, das „noch“ hörte sich voll deprimierend an, so als hätte ich nur noch kurze Zeit zu leben. Eigentlich ging es doch um mittelfristige Ziele, die in absehbarer Zeit zu erreichen waren. Wenn ich alt wäre – oder sagen wir älter, so ab Pensionsgrenze – würden sich ja wohl hoffentlich wieder neue Ziele und Perspektiven auftun. Also:

Mittelfristige Ziele (etwa 2 – 5 Jahre):

Körperlichen Verfall verhindern!
Meine Güte, das war zwar richtig, aber motivationstechnisch ja wohl total daneben. Ich strich die Zeile durch und schrieb:

Körperliche Attraktivität und Fitness ausbauen!
Jawoll! Und dann flossen die nächsten Ideen, Gedanken und Wünsche nur so aus der Feder. Nur beim letzten Punkt zögerte ich, fügte ihn dann aber doch entschlossen hinzu. Nach wenigen Minuten ließ ich den Stift sinken, lehnte mich zurück und atmete tief durch. Dann überflog ich nochmals meine Agenda, schloss zufrieden die Augen und spürte, wie mich eine Welle der Zuversicht durchströmte. Dies würde mir und meinem Leben einen neuen Schub verleihen!

3

Christiane Körner war meine beste Freundin, wenn frau das in unserem Alter noch so nennen wollte, und das Praktische war, sie wohnte gleich nebenan. Zuerst waren wir einfach nur Nachbarinnen gewesen. Aber als unsere Tochter Nele zur Welt kam, stand Tine uns mit Rat und Tat zur Seite, da sie uns als Mutter der damals fünfjährigen Franziska einiges an Erfahrung voraushatte. Wir stellten schnell fest, dass wir in der heiklen Frage der Kindererziehung sehr ähnliche Vorstellungen hatten, und so entwickelte sich eine Freundschaft, die mir sehr wichtig war. Wir teilten Freud und Leid des Alltags, schimpften über unsere Ehemänner, freuten uns über die Erfolge unserer Töchter und litten mit, wenn die nächste Fünf in Mathe die Ausgaben für die Nachhilfe wieder einmal nicht zu rechtfertigen schien.

Wenn es Christiane nicht gegeben hätte, hätte ich sie erfinden müssen, denn ich war nicht sehr gut darin, Freundschaften zu pflegen. Auch wenn es nach einer müden Ausrede klingt: Mein Beruf absorbierte mich so dermaßen, dass ich abends einfach keine Lust und Kraft mehr hatte, per Telefon soziale Kontaktpflege zu betreiben, geschweige denn mich irgendwo mit irgendwem zu treffen. Mit Tine war es dagegen völlig unkompliziert. Manchmal sahen wir uns tagelang nicht, dann war auch ein Hallo über den Gartenzaun in Ordnung, und dann gab es diese Nachmittage oder Abende, an denen wir zwei Frauen gemütlich zusammensaßen und über alles redeten – oder über fast alles.

Es gab nämlich ein Thema, das eigentlich nie angesprochen wurde. Entgegen allen Klischees und Fernsehserien über Frauenfreundschaften sprachen wir zwei Freundinnen niemals über Sex. Jedenfalls nicht mit uns in der Hauptrolle. Wenn es um unsere Töchter, ihr sexuelles Erwachen und angemessene elterliche Reaktionen darauf ging, war es durchaus ein Thema. Aber bislang hatte ich niemals das Bedürfnis verspürt, mit Tine mein eigenes Sexualleben zu erörtern. Vielleicht lag es daran, dass es wirklich gut, aber unspektakulär war. Wir hatten keine Probleme – jedenfalls fast keine. Und insgesamt sah ich mich als eine befriedigte Frau an – jedenfalls fast immer. An sich war das Sex-Thema für mich kein Tabu. Ich konnte ungeniert etwa die Bedeutung der sexuellen Selbstbestimmung für die Emanzipation der Frauen darlegen, mich differenziert zu den Debatten über Pornographie und Prostitution äußern, vehement die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einfordern oder über anzügliche Witze pubertierender Schüler augenzwinkernd hinweghören, ohne rot zu werden. Aber ich sah keinen Sinn darin, mit jemand anderem etwas zu teilen – wenn auch nur gesprächsweise – das ausschließlich meinen Mann und mich etwas anging. Es wäre mir wie ein Vertrauensbruch vorgekommen, die Augenblicke intensivsten körperlichen und emotionalen Zusammenseins zwischen Arno und mir vor anderen auszubreiten. Undenkbar.

Nun saß ich hier am Freitagabend in Christianes Wohnzimmer. Ihr Mann Klaus, ein selbstständiger Versicherungsagent, war über das Wochenende auf einer stinklangweiligen Versicherungsmesse. So hatten wir den Abend ganz für uns. Bei Tine fühlte ich mich ziemlich wohl. Das Wohnzimmer war durchgängig im Landhausstil eingerichtet – blaues Sofa, Kiefernmöbel und eine von Monets Seerosenvarianten an der Wand –, für meinen Geschmack allerdings mit zu viel Nippes ausstaffiert. Wenn es etwas gab, was ich dekorationstechnisch nicht ausstehen konnte, dann waren es Kunstblumen, Vasen und Schüsseln aus buntem, geschwungenem Glas und Tierfigürchen aus den verschiedensten Materialien (mal abgesehen von Zinnbechern, gestickten Bildern und solchen aus Puzzleteilen). Das Tragische war, dass Menschen solchen Geschmacks, meist ja leider Frauen – hier konnte ich meine Geschlechtsgenossinnen wirklich nicht in Schutz nehmen –, diese Scheußlichkeiten in üppiger Fülle ansammelten und ausstellten. Aber gut, jedem Tierchen sein Pläsierchen oder wie meine Mutter zu sagen pflegte: „Es wäre doch langweilig, wenn alle denselben Geschmack hätten.“

Nun entdeckte ich auf Tines Kiefernkommode ein neues Stillleben aus fünf grinsenden Keramik-Osterhasen in den verschiedensten Stellungen, mit bemalten Ostereiern, Schubkarre oder Kiepe ausgestattet … OMG.

„Na, bewunderst du meine neue Osterhasenkollektion?“ Tine kam vergnügt ins Zimmer, in der Hand eine Flasche Rotwein und zwei langstielige Gläser.

Ich lächelte gequält und sie kicherte. Unsere Geschmäcker waren nicht immer kompatibel. Das wussten wir beide und mussten uns nichts vormachen. Sie zeigte auf den Osterhasen in der Mitte.

„Hast du diesen gesehen?“

Ich trat näher und beäugte das Ding skeptisch. Es grinste noch breiter als die anderen und hielt etwas in der erhobenen Hand. Ein Schwert? Eine Kerze? Eine Gurke? Mir blieb die Spucke weg.

„Ist das etwa … ist das so ein …“

„Ein Dildo!!!“, jauchzte Tine und lachte sich kaputt.

Ich sah meine Freundin entgeistert an und wusste nicht, ob ich mitlachen oder über ihre fortgeschrittene Geschmacksverirrung besorgt sein sollte.

„Wie kommst du denn zu diesem … schmuddel … äh … schnuckeligen Tierchen?“, fragte ich verstört.

„Hat mir Klausi mitgebracht, von der Frühjahrsmesse. War zwar nur ein Werbegeschenk, aber ich fand’s süß. Ist doch süß, oder?“, fragte meine Freundin, klimperte mit ihren beneidenswert langen und dunklen Wimpern und sah mich erwartungsvoll an.

„Tja, es ist … es ist …“, ich holte tief Luft, „abgrundtief scheußlich!“, brach die Wahrheit aus mir heraus. Wir prusteten beide los und ließen uns aufs Sofa plumpsen. Tine öffnete die Weinflasche und füllte mit geübtem Schwung die Gläser.

„Auf uns!“, rief ich übermütig aus. Eine Freundin, bei der ich ehrlich sein durfte und die über unsere Geschmacksdivergenzen lachen konnte, erfüllte mich mit Dankbarkeit. Ich nahm einen langen Schluck.

„Und auf den Sex – mit und ohne Hilfsmittel!“, ergänzte Tine grinsend. Ich verschluckte mich so heftig, dass sie mir vorsichtshalber das Glas aus der Hand nahm.

„Was hast du denn?“, fragte sie scheinheilig, während ich versuchte Hustenanfall und Atemnot in den Griff zu bekommen. Noch konnte ich nicht sprechen, da warf sie mir doch tatsächlich an den Kopf, verklemmt und prüde zu sein. Ich! Heftig schüttelte ich meinen Kopf, der inzwischen rot angelaufen war und zu bersten drohte. Ich sprang auf und riss als Rettungsmaßnahme meine Arme in die Höhe. Ich brauchte Luft, um endlich diesem ungeheuerlichen Vorwurf entschieden entgegentreten zu können.

„Siehst du, verehrte Frau Studienrätin“, setzte sie unbarmherzig grinsend nach, „schlau daherreden über Politik und so, das kannst du. Aber Wörter wie ,Dildo‘ oder ,Sex‘ machen dich glatt sprachlos.“

Ich stand immer noch mit erhobenen Armen vor ihr und starrte sie ungläubig an. Da bemerkte ich plötzlich, wie erquickende Luft in meine Lungen einströmte und ich dem Erstickungstod noch einmal von der Schippe gesprungen war.

Ich holte tief Atem und wetterte los: „Also, erstens bin ich weder verklemmt noch prüde“, ich fuchtelte mit den Armen, „und zweitens nehme ich noch ganz andere Wörter in den Mund: Vibrator! Klitoris! Orgasmus! Bumsen, ficken, vögeln! Falls dich das irgendwie beruhigt.“

Obwohl: Die letzten drei Verben benutzte ich eigentlich nie. Ich lehnte sie sogar entschieden ab, weil sie den sexuellen Akt für mein Empfinden banalisierten und pornografisierten. Sie traten ihn in den Dreck. Und was Orgasmus und Klitoris anging, das waren zwar korrekte und neutrale Begriffe, aber sie verwiesen auf etwas derart Intimes, dass sie in meiner Alltagssprache kaum Verwendung fanden, zumindest nicht ohne ein leichtes Schamgefühl hervorzurufen. Ich setzte mich und sah Tine triumphierend an. Die hatte mich die ganze Zeit aufmerksam gemustert – und offenbar bemerkt, dass ich in Gedanken noch einiges hinzugefügt hatte. Sie zog ihre linke Augenbraue in die Höhe.

„Was willst du eigentlich?“, fragte ich genervt.

„Ich will über Sex sprechen.“

Okay. Ich gebe zu, ich war einigermaßen überrascht. Dass sie so direkt … und überhaupt, nach all den Jahren. Und ausgerechnet jetzt, wo ich auch ein Anliegen in dieser Richtung hatte …

„Also gut, heben wir unsere Freundschaft auf eine neue Stufe, tun wir, was angeblich alle Frauen mit ihren Freundinnen tun, entsprechen wir den modernen Frauenklischees.“ Feierlich erhob ich mein Glas und sah Tine tief in die Augen.

„Reden wir über Sex!“

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Klara Sinn ist Jahrgang 1967 und lebt mit Mann, Tochter und Hund in Hessen. Mit Mitte Vierzig hatte sie fast alles ausprobiert oder erreicht, was sie sich in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit so vorgenommen hatte: Sie hatte wissenschaftlich gearbeitet (u.a. Politologie, Germanistik und Pädagogik studiert), als freie Mitarbeiterin einer Lokalzeitung journalistische Erfahrungen gesammelt und sie war in ihrem Traumberuf als Lehrerin angekommen. Sollte es das nun gewesen sein? Plötzlich rückte ihr ein weiterer lang gehegter Wunsch wieder ins Bewusstsein: Das Schreiben.