Das Erbe von Pollard Creek

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Kapitel 1

Der kalte Dezemberwind blies mir das Haar ins Gesicht. Ich wickelte mir meinen blauen Wollschal enger um den Hals und schlug den Mantelkragen hoch. Das Taxi, das mich abgesetzt hatte, war längst davongerauscht. Die Umstände meines Besuchs drängten sich mir auf, und mich überkam eine Gänsehaut, die mich in der Einfahrt stehend erstarren ließ. Wehmütig überblickte ich die Pollard Ranch. Das alte Bauernhaus mit dem schneebedeckten Dach, davor die breite Holzveranda, die rundherum verlief. Der wolkenverhangene Himmel darüber tauchte alles in ein tristes Grau. Sicher würde neuer Schneefall nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die kanadischen Winter waren hart und lang. Temperaturen von minus zwanzig Grad waren da keine Seltenheit. Der Schnee, der sich zu den Seiten der Auffahrt zum Haus befand, war nicht weniger als einen halben Meter hoch. Seine pulverig-glitzernde Oberfläche verriet, dass er erst wenige Stunden alt war. Jemand hatte ihn aufgetürmt, um die Einfahrt befahrbar zu machen. Meinetwegen?
Es fiel mir schwer zu glauben, dass ich diesmal von niemandem erwartet wurde. Zwölf Jahre waren seit meinem letzten Besuch vergangen. Hätte ich zu der Zeit gewusst, was die Zukunft bringen würde, wäre ich nicht im Streit mit Tante Christa auseinandergegangen. Vermutlich hätte ich Kelowna im traumhaften Okanagan Valley sogar nie verlassen.
Jetzt war ich an einen Ort zurückgekehrt, in dem ich mich wie eine Fremde fühlte. Die vorherrschende Stille war kaum zu ertragen.
„Jetzt nur keine Panik“, sprach ich mir Mut zu, als ich merkte, dass mir schwindelig wurde. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Der Wind wirbelte den Schnee auf. Wie eine Wolke aus Eis verschleierte er für einen Moment die blaue Hausfassade, und mein Herz fühlte sich furchtbar schwer an. Denn unvermittelt wurde ich daran erinnert, wie es war, als ich die Ranch im Alter von siebzehn Jahren zum ersten Mal betreten hatte. Meine Mutter und mein Stiefvater hatten mich damals hergeschickt, in der Hoffnung, ein Aufenthalt in der Abgeschiedenheit Kanadas würde mir meine rebellische Art austreiben. Ich hatte nie viel von Regeln gehalten, hatte die Schule geschwänzt, gegenüber Lehrern keinen Respekt gezeigt und war von zu Hause ausgerissen, wann immer ich konnte. Ich war ein typisches Problemkind, das sich nicht mit der eigenen Zukunft befasste. Kurz gesagt, ich war anstrengend. Wahrscheinlich hatte Mutter mich deshalb zu ihrer Schwester geschickt, von der sie nie viel gehalten hatte und die für mich eine Fremde gewesen war. Heute beharrte meine Mutter darauf, dass sie sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen hatte, weil sie geglaubt hatte, mir würde ein wenig Abstand von Deutschland guttun. In Wahrheit war sie es jedoch gewesen, die Abstand von mir und meinem schlechten Benehmen gebraucht hatte. Das hatte ich zu der Zeit bereits gewusst, es aber nie angesprochen. Fest entschlossen, meiner Tante Christa das Leben zur Hölle zu machen, hatte ich mich meinem Schicksal ergeben. Ich hatte ja nicht ahnen können, dass ich mir an ihr die Zähne ausbeißen würde. Christa hatte nicht das Geringste mit meiner Mutter gemein. Bei ihr erfuhr ich ein Vertrauen und eine Fürsorge, die mir vollkommen neu waren.
Ich stand immer noch wie angewurzelt in der Einfahrt und sah mich als das junge Mädchen, das ich einst gewesen war. Den Duft von frischem Heu und Christas köstlichen, mit Ahornsirup getränkten Pancakes in der Nase. Ohne dass ich es wollte, wanderte mein Blick an die Stelle, an der sie mich an meinem allerersten Tag auf der Ranch empfangen hatte, auf dem Kopf ihren geliebten beigen Cowboyhut, ihr rotes Dreieckstuch um den Hals. An jenem lauwarmen Junimorgen war ich zum ersten Mal mit Pferden in Berührung gekommen. Erst durch Christa hatte ich deren beruhigende Wirkung kennen und schätzen gelernt. Jetzt war die Koppel neben dem Haus verwaist. Das Tor stand offen.
Vergeblich versuchte ich das Vertraute an diesem Ort mit allen Sinnen zu erfassen. Nichts hatte mir mehr Geborgenheit geschenkt, als die Gerüche und Geräusche, die auf der Ranch zugegen gewesen waren. Alles, was ich nun wahrnahm, war eine schmerzende Leere.
Während ich auf Christas Nachbarn wartete, der mir die Hausschlüssel überbringen wollte, dachte ich unwillkürlich an die Weihnachtsfeste zurück, die ich hier verbracht hatte. Die Gemütlichkeit der warmen Stube, das festlich geschmückte Haus und die Lebkuchenmänner, die Christa auf der Arbeitsplatte vor dem Küchenfenster verziert hatte. Wie gerne hatte ich sie von der Waldgrenze aus durch das mit bunten Papiersternen gezierte Sprossenfenster dabei beobachtet. Bei der Erinnerung daran flammte ein schwaches Lächeln bei mir auf, das sogleich von der nachfolgenden Wehmut erstickt wurde, die sich einstellte, als mein Blick die nun dunklen, leeren Fenster erfasste. Nichts deutete mehr darauf hin, dass die Ranch einst voller Leben gewesen war. Ein wunderbarer Ort, dem ich viel zu verdanken hatte – genau wie Christa. Erneut füllten sich meine Augen mit Tränen, sodass alles vor ihnen verschwamm.
Ich konnte immer noch nicht glauben, dass meine Tante nicht mehr da war. Für mich war sie ein Vorbild gewesen. Eine Frau, die niemals aufgegeben hatte, ganz egal wie schwierig es auch gewesen war. In den sechziger Jahren war sie allein und planlos von Deutschland hergekommen. Im Wald, der an ihr Grundstück grenzte, hatte sie eine Begegnung mit einem Grizzlybär gehabt, nach der sie entschied, das Okanagan Valley zu ihrer Heimat zu machen. Immer wieder hatte sie mir davon erzählt, wie ihr das riesige Tier direkt in die Augen geblickt hatte, bevor es friedlich weitergezogen war. Später habe sie dann von einem in der Gegend lebenden Inuit-Schamanen erfahren, dass jene Begegnung kein Zufall, sondern von den Naturgeistern vorherbestimmt gewesen war. Laut der kanadischen Ureinwohner kann die Seele eines Menschen wandern und sich in Tieren wiederfinden.
Auch wenn mich die Legenden der Inuit nie so erreichen konnten wie meine Tante, war es dennoch eine schöne Vorstellung, dass ihre Seele weiterlebte.
Die Tränen hatten meine Wangen eiskalt werden lassen. Mit dem Handrücken wischte ich sie fort. Ich griff nach meinem Koffer und ging auf das Haus zu. Noch einmal sog ich die frostige Luft tief ein und lauschte dabei meinem Atem, denn er war das Einzige, das ich hörte. Die unangenehme Stille, in die die Ranch gehüllt war, wurde bedrückender, je näher ich dem Haus kam. Es war, als hätte Christas Tod alles Leben von hier fortgejagt.
Endlich bog ein Auto in die Einfahrt ein. Der Schnee knirschte unter den Reifen, als es hinter mir zum Stehen kam. Mit einem quietschenden Geräusch öffnete sich die Fahrertür, und ein stämmiger Mann mit grauem Kinnbart und dunkler Wollmütze stieg aus.
„Ellie Fischer!“, begrüßte er mich und lächelte freundlich.
„Mister McLerk?“, vermutete ich in ihm den Nachbarn zu erkennen, mit dem ich von Deutschland aus telefoniert hatte.
„So ist es.“ Sein britischer Akzent war unüberhörbar. Auch er war ein Auswanderer, jemand, dem die Schönheit der unberührten Natur in diesem Land gefiel. Fünf Kilometer lag seine Farm von Christas Grundstück entfernt, trotzdem war er der nächstgelegene Anwohner. In diesem weiten Land war das nicht ungewöhnlich.
„Schön, Sie persönlich kennenzulernen.“ Ich reichte ihm die Hand. Unwillkürlich zuckte ich bei seiner Berührung zusammen, weil ich mich daran erinnerte, dass er derjenige gewesen war, der Christa gefunden hatte.
„Nennen Sie mich ruhig Tobias.“
„Ellie.“
„Es ist recht ruhig geworden hier“, sagte er, und ich seufzte, gerührt darüber, dass auch ihm die befremdliche Stille aufgefallen war.
„Deine Tante war eine außergewöhnliche Frau. Ihr Tod ist ein großer Verlust.“
Seine Anteilnahme hatte er bereits am Telefon zum Ausdruck gebracht. Ich winkte ab, denn mir schnürte sich dabei erneut das Herz zu.
„Das ist wahr“, hauchte ich.
Er kam an meine Seite, stemmte seine Hände in die Hüfte und schaute gemeinsam mit mir auf das Haus. „Christas ganzer Stolz.“
Ich nickte wie in Trance.
„Hier.“ Tobias hielt mir einen einzelnen Schlüssel hin. „Den hatte sie mir gegeben – für den Notfall. Falls sich einer von uns mal nicht mehr melden sollte.“ Er zog die Nase hoch. Ich nahm den Schlüssel an mich.
„Und das sind die restlichen Schlüssel vom Haus und von der Scheune.“ Er überreicht mir einen Bund mit mehreren unterschiedlich großen Schlüsseln.
„Seit meine liebe Clara vor zwei Jahren gestorben ist, bin ich allein und das Alter … nun ja.“ Er machte eine Pause und schnaufte durch. „Es birgt immer ein gewisses Risiko, wenn man allein ist.“
„Ich verstehe. Du und Christa habt aufeinander aufgepasst.“
Er betrachtete mich abwartend, als wäre er nicht sicher, ob das die richtige Formulierung war. „Mein einziger Sohn lebt in Australien, andere Verwandte gibt es nicht mehr. Christa ging es da ähnlich. Sie hatte zwar Kontakte in der Stadt, aber in den letzten Jahren sind einige weggestorben. Nach der Diagnose lebte deine Tante sehr zurückgezogen. Sie ist kaum noch vor die Tür gegangen, hat niemanden mehr so richtig an sich herangelassen. Sie wollte kein Mitleid.“
„Klingt nach ihr.“ Ich seufzte schwer.
„Wir haben gegenseitig aufeinander geachtet – als Nachbarn, als Freunde.“
„Natürlich. Es ist schön zu wissen, dass sie nicht vollkommen allein war.“
„Das war sie nicht.“
Ich nickte dankbar. Nach wie vor kämpfte ich mit Schuldgefühlen, weil ich vor mehr als zehn Jahren gegangen war, obwohl sie mich gewarnt hatte. Sie hatte gewollt, dass ich bleibe, aber ich war uneinsichtig gewesen, hatte ihr vorgeworfen, mich halten zu wollen, um nicht einsam zu sein. „Ich wünschte, ich hätte noch einmal mit ihr reden können. Wir sind damals nicht im Guten auseinandergegangen“, gestand ich.
Tobias musterte mich mitleidig. „Ja, sie hat es mir erzählt.“
„Ich war schrecklich eigensinnig als ich jung war. Egoistisch und dickköpfig. Am Tag meiner Abreise war ich gemein zu ihr, habe furchtbare Dinge gesagt …“ Mir blieb die Stimme weg. Bekümmert senkte ich den Blick.
„Christa hat gewusst, dass du es nicht so gemeint hast.“
Langsam schaute ich zu ihm auf. Er lächelte ermutigend.
Ich wollte ihm glauben, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob er das nur behauptete, um mich aufzuheitern. Immerhin, es war tröstlich zu wissen, dass Christa in Tobias einen Freund gehabt hatte. Dennoch machte ich mir den Vorwurf, mich nie für meinen Ausbruch entschuldigt zu haben und nicht für sie dagewesen zu sein, als sie mich am meisten brauchte.
„Wollen wir hineingehen?“ Tobias stieg die Stufen zur Veranda hinauf.
Zögerlich folgte ich ihm, zückte den Schlüssel und öffnete mit zittriger Hand die Tür. Drinnen war es dunkel und kalt. Hier hatten die befremdliche Stille und die Leere ihren Ursprung. Als ich den grünen Ohrensessel neben dem offenen Kamin sah, erschauderte ich. Tobias entging nicht, dass ich das Möbelstück anstarrte. „Ähm, ja. Dort habe ich sie gefunden.“
„Ihr Lieblingsplatz.“
„Zuerst dachte ich, sie würde schlafen. So friedlich saß sie da.“ Er legte ein paar Holzscheite in den Kamin.
Ich lächelte trübsinnig. „Ob sie wohl noch glücklich gewesen ist?“
„Hm …“, Tobias hielt einen Moment inne. „Ich denke schon.“
Endlich konnte ich mich vom Anblick des Sessels losmachen. Ich sah Tobias zu, wie er das Feuer anzündete, um die Kälte aus Christas Haus zu vertreiben.
„Sie war an dem Ort, an dem sie sein wollte“, fuhr er überzeugt fort. „Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so sehr mit seinem Land verbunden war wie sie. Die Ranch war ihr Leben. Ein Leben, das sie sich selbst ausgesucht hatte. Ich denke … nein, ich weiß, dass sie glücklich war – für ihre Verhältnisse.“
„Dann hat ihr gar nichts im Leben gefehlt?“ Ich betrachtete ihn verunsichert, wohl wissend, dass er mir darauf wahrscheinlich keine Antwort geben konnte.
Nachdenklich zog er sich die Mütze vom Kopf. „Nun, das ist eine schwierige Frage. Das war es zumindest, was sie immer behauptet hat. Sie war ein sehr positiver Mensch. Aber meiner Meinung nach war deine Tante auch eine Frau, die viel weggelächelt hat. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es etwas gab, das ihr fehlte. Etwas, das ihr aus irgendeinem Grund nicht vergönnt war.“
Ich legte den Kopf schief. „Wie kommst du darauf?“
„Mit zunehmendem Alter lernt man, hinter die Fassaden zu blicken und die Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind. Deine Tante konnte es gut verbergen, doch hin und wieder blitzte etwas in ihren Augen auf. Etwas das unerfüllt, unerreichbar für sie blieb.“
„Ja.“ Er konnte recht haben. „Ja, vielleicht.“
„Was immer es auch war“, Tobias zuckte die Schultern, „es wird wohl ihr Geheimnis bleiben.“
„Christa hat es nie gesagt, aber ich denke, sie hätte gerne eigene Kinder gehabt. Zumindest wäre sie eine großartige Mutter gewesen.“
„Möglicherweise war es am Ende die Einsicht, die uns alle irgendwann überkommt.“ Tobias machte ein ernstes Gesicht.
„Die wäre?“
„Dass alles ein Ablaufdatum hat. Bei dem einen kommt diese Einsicht früher, bei dem anderen später. Doch irgendwann fangen wir alle an zu begreifen, dass wir keine Zeit mehr haben. Und diese Tatsache ist für viele nur schwer hinzunehmen.“
Ich verstand, was er meinte. Seine Worte riefen in mir eine ungeahnte Angst wach. Die Angst davor, etwas Wesentliches zu versäumen. Irgendwann zu sterben, ohne wirklich gelebt zu haben.
Doch Christa hatte gelebt. Nach allem, was ich wusste, hatte sie keinen ihrer Träume vor sich hergeschoben, keinen einzigen kampflos aufgegeben. Sie war Risiken eingegangen, hatte nichts unversucht gelassen, ihre Wünsche zu verwirklichen, und viele davon hatten, in ihrem unerschütterlichen Streben, tatsächlich Gestalt angenommen. Früher hatte ich nicht den Eindruck gehabt, dass es ihr viel ausgemacht hatte, keine eigenen Kinder zu haben. Stets hatte sie beteuert, dass ihr ihre Tiere und ich genug seien. War es am Ende doch die Einsamkeit, die ihr zugesetzt hatte? Ich dachte einen Augenblick darüber nach und spürte die Traurigkeit intensiver denn je in mir aufsteigen.
„So, das hätten wir“, durchbrach Tobias meine Überlegungen, und mein Blick verlor sich in den züngelnden Flammen, deren Wärme sich nun in den Raum tastete.
„Gleich wird es angenehmer.“ Kurz bewunderte Tobias das lodernde Feuer, das er gekonnt entfacht hatte, dann stemmte er sich auf die Beine. „Ab und zu einen Scheit nachzuwerfen, das müsste genügen.“
„Danke.“
„Keine Ursache. Wirst du zurechtkommen?“
„Na klar. Ich meine, ich werde mich erst an alles gewöhnen müssen, aber … das wird schon werden. Es gibt genug für mich zu tun. Ich weiß mich abzulenken. Christas Sachen durchzugehen, wird mich fürs Erste beschäftigen.“
Er lächelte matt. „Und solltest du hier irgendwo einen Schatz finden, dann verrate es besser niemandem.“
„Dann hält sich dieses Gerücht immer noch?“
„Wir sind hier auf dem Land. Und die Geschichte von Christas Schatz zählt wahrscheinlich schon zu den Volksmärchen. Die Legende der geheimnisvollen Deutschen, die das Gold der Nibelungen mit nach Kanada brachte. Klingt nach einer spannenden Geschichte.“
„Als Jugendliche habe ich hier jeden Winkel durchforstet. Glaub mir, wenn es hier so etwas wie einen Schatz gäbe, hätte ich ihn längst gefunden.“
Er lachte, und ich fiel mit ein.
„Die Vorstellung, Christa habe einen Schatz besessen, beruht einzig und allein darauf, dass sich hier niemand erklären kann, wie eine alleinstehende Frau eine solche Ranch aufbauen konnte. Meine Tante hat nie im Bergwerk Gold geschürft. Keine Ahnung, wer das erzählt hat, aber ich weiß noch, dass es sie immer sehr belustigt hat, Dinge über sich zu hören, von denen sie selbst nichts wusste.“
„Da haben sich die Leute in all den Jahren nicht verändert.“
„Das werden sie auch nie.“
„Eine der wenigen Eigenschaften, die auf der ganzen Welt gleichermaßen verbreitet ist.“
Dem konnte ich nur zustimmen. Christa hatte das Gerede der Menschen mit Humor genommen, und ich gab mir Mühe, dies auch zu tun.
Einen Augenblick lang ließen Tobias und ich diese Erkenntnis in uns nachhallen. Als unser Lachen verflogen war, tippte er sich an die Stirn. „Ah, jetzt hätte ich das Wichtigste fast vergessen.“ Eilig verschwand er zur Tür hinaus. Wenig später kehrte er mit einem Pappkarton auf den Händen zurück.
„Was ist das?“
Er stellte die Kiste auf dem Couchtisch ab und holte einen weißen Briefumschlag aus seiner Jackentasche. „Christas letzter Wille. Sie wollte, dass du …“, seine Stimme brach ab, „… naja. Lies den Brief in aller Ruhe. Ich lass dich jetzt allein.“ Er lächelte leicht, dann zog er seine Mütze auf und wandte sich zum Gehen.
Ich begleitete ihn noch bis zur Tür. Bevor er hinaustrat, hielt er noch einmal inne. „Es kann hier draußen sehr einsam sein. Lass dich nicht ärgern von den wilden Tieren. In der Regel kommen die nicht so nah ans Haus.“
„Das weiß ich doch. Ist ja nicht so, als wäre ich zum ersten Mal hier.“
Er machte ein ernstes Gesicht, und ich glaubte zu wissen warum.
„Aber ich bin zum ersten Mal allein“, sagte ich einsichtig.
„Wenn ich noch irgendetwas tun kann, dann ruf mich einfach an. Ich war für Christa da, und es versteht sich von selbst, dass ich auch für dich da bin.“
„Das mach ich. Danke nochmals … für alles.“
Er nickte und ging die Stufen der Veranda hinunter, hinein in ein kleines Schneegestöber, das begonnen haben musste, während wir im Haus waren. Leise schloss ich die Tür hinter ihm, dann drehte ich mich im Stand herum. Noch immer fröstelte ich. Das Feuer würde noch eine Weile brauchen, um das Haus aufzuheizen.
Ich fühlte mich schlecht, weil ich nicht schon eher hergeflogen war. Zum Jahresende hin war es fast unmöglich, in einer Versicherungsfirma Urlaub zu bekommen. Neukunden rannten uns förmlich die Hütte ein, um noch schnell einen Vertrag abzuschließen. Ein nahendes Ende, ganz gleich, um welches es sich handelte, schien in den Menschen eine Art Torschlusspanik auszulösen. Ich war heilfroh, dass ich meinen Jahresurlaub hatte durchsetzen können, nachdem meinem Chef klargeworden war, dass ich eine Auszeit dringend nötig hatte – aber eben erst Wochen nach Christas Tod.
Mit vor der Brust gekreuzten Armen näherte ich mich dem Karton. Ich legte den Brief daneben und klappte den Deckel auf. Vorsichtig lugte ich hinein, holte das Keramikgefäß heraus und stellte es neben die Kiste auf den Tisch. In dem Moment, als ich begriff, was mir Tobias mitgebracht hatte, schnellte mein Puls in die Höhe, sodass mir mein Herzschlag in den Ohren dröhnte. Ich ließ mich rückwärts auf das Sofa fallen, presste kurz, aber intensiv die Lider aufeinander und nahm einen tiefen Atemzug.
„Hallo, Tante Christa“, murmelte ich, um mich weniger unwohl zu fühlen. „Da sind wir also.“
Ich spiegelte mich auf der glatten Oberfläche des Urnendeckels und seufzte bitter. Mir war klar gewesen, dass dieser Augenblick kommen würde. Während meiner Abwesenheit hatte Tobias sich um die Einäscherung gekümmert, so wie es Christas Wunsch gewesen war. Nun hatte er sie mir übergeben. Ich war an der Reihe.
Betrübt lehnte ich mich vor, stützte die Unterarme auf die Knie und vergrub das Gesicht unter meinen Händen.
„Was soll ich denn jetzt nur machen, ohne dich?“ Ich zog die Nase hoch und ließ die Hände in den Schoß fallen. Der Kummer schnürte mir die Kehle zu. Mit aller Kraft schluckte ich ihn hinunter, wandte den Blick für einen Moment von der Urne ab. Verzweifelt suchte ich nach etwas im Raum, das mir Halt gab. Während mein Blick über die Bücherregale glitt, lauschte ich dem knisternden Feuer und dem monotonen Ticken der Uhr auf dem Kaminsims. Neben der Regalwand hing das Bild von Christa, das ich immer so mochte. Es zeigte sie, wie sie als junge Frau im ägyptischen Wüstensand stand. Hinter ihr ragte die Cheopspyramide in den Himmel. Christa war eine Schönheit gewesen, mit dunklen, lockigen Haaren, einer zierlichen, jedoch weiblichen Figur. In der Vergangenheit hatte ich selbst erlebt, wie sehr ihr die Männerwelt zu Füßen gelegen hatte. Christa hätte jeden haben können, entschied sich aber bewusst gegen eine Heirat, weil ihr die Freiheit heilig gewesen war. In diesem Punkt war meine Tante knallhart gewesen. Einem Mann zuliebe die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, das kam für sie nie infrage
„Es tut mir so leid“, säuselte ich. Ich sprach mit einer Urne! Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich jetzt endgültig den Verstand verloren hatte. Bei dem Gedanken musste ich lachen. Wenigstens war niemand da, der meinen Wahnsinn mitbekommen konnte. Offensichtlich war ich allein. Merkwürdigerweise fühlte es sich aber nicht so an. Lag es daran, dass ich Christas Tod einfach nicht wahrhaben wollte?
Ich horchte in mich hinein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie noch immer hier war. Dass sie dieses Haus nie verlassen hatte. Ich schüttelte diesen bizarren Gedanken ab und griff nach dem Brief, der neben der Urne auf dem Tisch lag. Gespannt öffnete ich ihn. Als ich Christas Handschrift erkannte, die unordentlich wie eh und je, dabei aber so makellos schön war, war ich wieder von Kummer erfüllt.

Meine Ellie,

wenn du diesen Brief liest, heißt das, dass mein Herz aufgehört hat zu schlagen. Es bedeutet aber auch, dass du zurückgekehrt bist – nach Hause. Denn das war das Okanagan Valley für dich, so wie es dieses Land für mich gewesen war, vom ersten Augenblick an, an dem ich es sah.
Das Leben ist ein Abenteuer, Ellie! Das habe ich dir immer gesagt. Für jeden von uns kommt aber einmal die Zeit, in der wir uns zurückziehen müssen, um Ruhe und Zufriedenheit zu finden, die doch eigentlich das wahre Glück bedeuten. In den letzten Jahren habe ich gemerkt, wie alles an mir vorbeizog – so schnell, dass ich es kaum schaffte mitzugehen. Irgendwann haben wir einfach genug gesehen, erlebt, gefühlt und nachgedacht. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem es für mich nichts mehr zu erleben gibt. Was bleibt, ist zurückzuschauen auf das, was ich meine größten Abenteuer nenne. Ich will, dass alles dir gehört. Du bist der einzige Mensch, der die Ranch ebenso liebt wie ich. Jeden einzelnen Stein, jeden Grashalm, jeden Baum. Du kannst damit machen, was du möchtest. Was auch immer dich erfüllt – denn ich weiß, du hast deine eigenen Träume. Vielleicht glaubst du, sie wären bereits ausgeträumt. Vertrau mir, wenn ich dir sage, dass sie es niemals sein werden, es sei denn, du entschließt dich sie aufzugeben. Suche danach, was dich glücklich macht. Tu das, was deine Seele strahlen lässt.
Solange dein Traum noch darauf wartet, dass du ihn wahr machst, möchte ich dir meinen schenken. Du kannst die Ranch verkaufen, wenn es deinem Traum dient. Oder du bleibst, lässt alles in Deutschland hinter dir und machst da weiter, wo du damals aufgehört hast. Ich weiß, du wirst dich richtig entscheiden. Lass dich von deinem Herzen leiten. Es kennt dich am besten.

Nun bitte ich dich noch um eins: Verstreu meine Asche auf dem Land, auf dem ich so glücklich gewesen bin.
In Liebe,
Christa

Tief gerührt atmete ich aus, faltete den Brief wieder zusammen und drückte ihn fest in der Hand. Christas Worte hatten mich sehr getroffen. Ihre Zeilen ließ ich mir noch einmal durch den Kopf gehen. Offensichtlich hatte sie nie daran gezweifelt, dass ich wiederkommen würde. Christa hatte mich gekannt wie sonst niemand. Sie hatte gewusst, was in mir vorging, und warum mich meine Emotionen manchmal überforderten.
Während ich diese Einsicht sacken ließ, schweifte mein Blick durch das Haus. Vor den Sprossenfenstern setzte bereits die Dämmerung ein. Die Wintertage in Kanada waren kurz. Ich war kein Freund von Dunkelheit oder Kälte, aber das Land verstand es durch seine atemberaubende Natur, jene Makel wettzumachen. Das Einzige, das ich fürchtete, war die Verbindung zur Einsamkeit.
Ich warf mir die Decke, die auf der Sofalehne gelegen hatte, über die Schultern und zog die Knie an den Körper. Allmählich spürte ich den Jetlag in meinen Knochen. Erschöpft sank ich aufs Kissen, kuschelte mich in die Decke und sah den Flammen zu, wie sie im Kamin tanzten. Das Knistern des Holzes hatte eine einschläfernde Wirkung auf mich. Mein letzter Gedanke, bevor ich die Augen schloss, galt Christa und ihrem bewegenden Abschiedsbrief an mich. Natürlich würde ich ihrem Wunsch nachkommen und ihre Asche auf der Ranch verstreuen. Doch zuerst musste ich bereit sein, sie endgültig gehen zu lassen.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad in die Vorstadt. Den alten Drahtesel hatte ich in der Scheune gefunden. Als hätte er all die Jahre auf meine Rückkehr gewartet, stand er an die Wand gelehnt auf seinem gewohnten Platz neben dem Trog. Verstaubt und voller Spinnweben, aber fahrbereit.
Seit gestern Abend hatte es nicht mehr geschneit, dafür war die Nacht mehr als frostig gewesen. Der Schnee am Straßenrand war zu einer einzigen Eismasse verschmolzen. Dick eingemummelt in meine Daunenjacke strampelte ich unter blauem Himmel im ersten Gang am Okanagan Lake entlang, der sich unterhalb der Straße durchs Tal schlängelte. Er ist mehr als doppelt so lang wie der Bodensee, erstreckt sich von Vernon bis Penticton, durch die Rocky Mountains, und hatte mit dem legendären Ogopogo sogar sein eigenes Monster.
Die Sonne schien mir aufs Gesicht, und ich genoss ihre Wärme. Vor mir verwandelte sich mein Atem in eine dichte Dunstwolke. Es war nicht weit bis zur Ortsmitte. Früher war ich die Strecke täglich geradelt. Aber jetzt fiel es mir deutlich schwerer, das Tempo zu halten. Offenbar hatte meine Kondition in der letzten Zeit ziemlich gelitten. Die kalte Luft brannte mir in der Kehle. Auf halber Strecke machte ich halt. An diesem Punkt zweigte die Straße in einen kleinen Weg ab. Er führte zum Wheaton, dem Restaurant, in dem ich früher gejobbt hatte. Im Winter waren nur wenige Touristen in der Gegend, weshalb es in der Nebensaison geschlossen hatte. Ich zog mir die Mütze noch tiefer ins Gesicht und wärmte meine Hände mit meinem Atem, bevor ich mich neben das Fahrrad stellte. Kurzerhand entschloss ich mich, den Weg zum Wheaton zu nehmen. Ich wollte vorbeischauen, sehen, ob sich die kleine Blockhütte am Seeufer verändert hatte. Vom Restaurant aus hatte man eine herrliche Aussicht auf das Wasser und die umliegenden Wälder.
Ich war froh festzustellen, dass das Wheaton noch genau so war, wie ich es in Erinnerung hatte. Die blauen Fensterläden, die blau-weiße Markise mit der Aufschrift Kokanee-Beer. Selbst die Stühle und Tische, die aufgestapelt und zusammengeschoben an der Seite standen, erkannte ich wieder.
Ich schaute durchs Fenster hinein. Auch drinnen hatte sich nichts verändert. Beim Anblick der Bar mit ihren Zapfhähnen fühlte ich mich an meinen ersten Tag als Aushilfskellnerin zurückerinnert. Es war eine kleine Katastrophe gewesen. Ich hatte keine zwei Stunden gebraucht um herauszufinden, dass ich vollkommen ungeeignet war. Tante Christa, die von meinen zwei linken Händen gewusst hatte, hatte mich von dem Job abhalten wollen. Nach drei Tagen hatte ich mir eingestehen müssen, dass ich eine hundsmiserable Bedienung war. Geschirr zu zerbrechen, schien alles zu sein, was ich zuverlässig konnte. Vermutlich hätte ich keine zwei Wochen durchgehalten, wäre da nicht Sean gewesen, der Sohn des Besitzers. Auf besonders einfühlsame Art hatte er versucht, mein letztes bisschen Selbstwertgefühl zu retten, indem er beteuerte, sie hätten schon weit schlimmere Bedienungen gehabt. Sean hatte stets eine ungeheure Geduld mit mir bewiesen. Mehr als einmal hatte er die Schuld auf sich genommen, wenn ich wieder einmal Bestellungen durcheinandergebracht hatte. Bei dem Gedanken an ihn musste ich lächeln. So lange lag der Sommer zurück, in dem ich der festen Überzeugung gewesen war, Kelowna nie wieder zu verlassen. Der Sommer, in dem ich zum ersten Mal erfahren hatte, wie sich Liebe anfühlte. Es war die beste meines Lebens – voll mit unersetzlichen Erfahrungen.
Das Restaurant lag idyllisch gelegen, an einem Uferstück, wo der See nicht zu tief und das Wasser klar war. Im Sommer kamen viele Gäste zum Schwimmen her. Dann bot auch der kleine Sandstrand einen herrlichen Platz zum Sonnen und Picknicken.
Ich verließ die Terrasse des Restaurants und ging zum Ufer. Die schmiedeeiserne Leiter, die von hier aus ins Wasser führte, war von Eis umschlossen. Der See war zugefroren. An einigen Stellen schimmerte das Wasser hindurch. Ich lehnte mich gegen das Geländer und ließ meinen Blick schweifen. Die Sonne schien durch die Wolken und brachte das Eis vor mir zum Glitzern. Auf einmal war ich von einer friedlichen Ruhe eingenommen. Einer fast magischen Ruhe, die die Natur an diesem Ort ausstrahlte. Ich schloss für einen Moment die Augen und ließ die Sonne auf mein Gesicht scheinen. Die Kälte nahm ich kaum noch wahr. Erfüllt von der atemberaubenden Landschaft, der frischen Luft und dem vertrauten Gefühl, das mir dieser Ort verlieh, glaubte ich mich in die unbeschwerten Tage meiner Jugend zurückversetzt. Ich atmete tief durch und spürte eine ungeahnte Erleichterung. Meine Rückkehr nach Kanada hatte mich schon nach kurzer Zeit wieder dem Menschen nähergebracht, der ich sein wollte. Mir war nicht klar gewesen, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verloren hatte. Die Wirkung, die dieses Land auf mich hatte, war außergewöhnlich. Unwillkürlich stellte ich mir erneut die Frage, die mich ständig ohne Vorwarnung einholte: Wie würde mein Leben jetzt wohl aussehen, wäre ich nie fortgegangen?
Ich lauschte dem Wind, der durch die hohen Rotfichten pfiff, und genoss die wohligen Sonnenstrahlen auf meinen geschlossenen Lidern.
Auf einmal hörte ich herannahende Schritte. Jemand stapfte hinter mir durch den Schnee, direkt auf mich zu. Ich fuhr herum und erstarrte augenblicklich.
„Sean?“ Ich traute meinen Augen nicht. Auch er schien überaus überrascht, mich zu sehen.
„Ellie!“ Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Mein Herz polterte wie damals, als ich ihn zum allerersten Mal gesehen hatte. Er hatte sich kaum verändert, wirkte jedoch reifer. Seine Schultern waren breiter geworden, sein dunkles Haar länger. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn hier anzutreffen. Und eigentlich hatte ich die Begegnung mit ihm, nach all den Jahren der Funkstille zwischen uns, sogar gefürchtet.
„Für einen Moment dachte ich, du wärst nur eine Erscheinung“, sagte er, und sein Lächeln wurde breiter. Er kam auf mich zu und umarmte mich, hielt mich ganz fest, als wäre nichts gewesen, das uns einst getrennt hatte. Sein Dreitagebart kratzte an meiner Wange. Sein Look war ungewohnt, aber er gefiel mir.
„Eben habe ich an dich gedacht“, gestand ich perplex, während wir uns langsam voneinander lösten.
„Ach ja?“ Er vergrub verlegen die Hände in den Jackentaschen. Seine Nähe fühlte sich gut an. Auch nach mehr als zehn Jahren hatte sich das nicht geändert. Wir waren immer ein unschlagbares Team gewesen. Trotzdem hatte es mit uns nicht sein sollen. Das bedauerte ich immer noch. Als meine Mutter mich damals zurück nach Deutschland geholt hatte, wussten wir, dass es mit uns schwierig werden würde. Sean hatte mich zum Bleiben bewegen wollen. Er hatte mir einen Antrag gemacht, da waren wir gerade einmal achtzehn. Zu der Zeit war ich noch nicht bereit mich festzulegen, weder auf einen Mann, noch auf ein Land. Damit hatte ich ihm das Herz gebrochen. Ich hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Lange hatte ich ihm nachgetrauert, und ich tat es in einer verqueren Art und Weise bis heute. Eigentlich hatte ich gehofft, ich wäre ein für alle Mal über ihn hinweg. Nun, da ich ihm gegenüberstand, wurde mir bewusst, dass ich das nie sein würde.
„Es ist schön, dass du wieder da bist.“ Sean blickte mich unentwegt an. „Wir hatten schon nicht mehr damit gerechnet, dass du noch kommen würdest. Seit wann bist du zurück?“
„Ich bin gestern Nachmittag gelandet.“
Er strahlte mich an, nickend, als könnte er immer noch nicht glauben, dass er mich tatsächlich vor sich hatte. Mir ging es mit ihm genauso.
„Es war leider nicht früher möglich“, fuhr ich fort. „Aus beruflichen Gründen.“
Er presste die Lippen aufeinander, als hätte ich ihn gerade daran erinnert, dass ich nicht zum Erholen nach Kanada gekommen war und auch nicht seinetwegen.
„Das mit Christa tut mir sehr leid. Ich konnte es nicht fassen, als ich es hörte. Deine coole Tante …“ Er lächelte schwelgend. Ich tat das Gleiche, denn ich wusste genau, worauf er hinauswollte. Tante Christa hatte uns immer alles durchgehen lassen. Einmal hatte sie ihm ein Alibi gegenüber seinen Eltern verschafft, damit wir auf ein Heavy Metal Konzert fahren konnten. Ein anderes Mal hatte sie einen Joint, den der Schulleiter in meinem Rucksack gefunden hatte, als ihren ausgegeben. Was mich damals sehr überrascht hatte. Schließlich war ich wegen einer solchen Aktion in Frankfurt von der Schule geflogen. Kelowna war meine letzte Hoffnung gewesen. Eigentlich hatte ich es nicht vermasseln wollen. Christa wusste das. Sie hatte mir die Augen geöffnet, mir eingebläut, dass nur ich Einfluss auf mein Leben nehmen konnte und mich so auf die richtige Spur gebracht. In gewisser Hinsicht hatte sie mich – den hoffnungslosen Fall – damit gerettet. Dafür würde ich ihr immer dankbar sein.
Sean wirkte auf einmal ganz weit weg. Ich glaubte zu wissen warum. Tobias hatte am Telefon erwähnt, dass auch die Wheatons einen Schicksalsschlag erlitten hatten.
„Ich hab das mit dem Autounfall von deiner Mum gehört“, sagte ich mitfühlend.
Er sah mich mit einem leichten Stirnrunzeln an.
„Das muss schwer für euch sein. Für dich und deinen Dad.“
„Wir kommen klar“, sagte er tonlos. Unser Gespräch hatte einen ziemlich wehmütigen Weg eingeschlagen.
„Und du?“, wechselte er das Thema.
„Ich muss“, antwortete ich schulterzuckend. „Das Letzte, das ich zu Christa gesagt habe, war, sie würde mich hier nie wieder sehen.“ Prustend schüttelte ich den Kopf. „So habe ich das allerdings nicht gewollt. Jetzt wird sie mir auf ewig fehlen.“
„Mir auch“, hauchte er. „Sie hat uns immer verstanden. Ganz egal, auf was für Ideen wir gekommen sind.“
„Das hat sie.“
„Stimmt es, was die Leute sagen?“
„Was sagen sie denn?“
„Na ja, dass dir jetzt die Ranch gehört?“
„Ja. Christa hat mir alles vermacht.“ Ich lachte kopfschüttelnd. „Sie muss verrückt gewesen sein.“
„Das war sie – wenn es nach einigen von den Leuten hier geht. Aber ich wüsste nicht, was so schlimm daran sein soll, ein bisschen verrückt zu sein. Außerdem finde ich, sie hat alles richtig gemacht. Ich kenne niemanden, der die Ranch mehr verdient hätte als du.“
„Ist das dein Ernst?“
„Na auf jeden Fall! Dein Herz schlägt für diese Ranch. Das hattet ihr, deine Tante und du, immer gemeinsam.“
Nachdenklich biss ich mir auf die Unterlippe. So ähnlich waren auch Christas Worte gewesen, die sie für ihren Abschiedsbrief an mich gewählt hatte. Ich war mir nicht so sicher, ob sie der Ranch mit mir einen Gefallen getan hatte. Eigentlich war ich doch mit dem Vorhaben hergekommen, alles so schnell wie möglich zu verkaufen. Seans kristallblaue Augen hafteten auf mir, und ich fühlte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Rasch wandte ich den Blick von ihm ab auf meine Schuhe. Das braune Leder hatte sich durch die Nässe dunkel verfärbt. Meine Füße fühlten sich eiskalt an.
„Du scheinst für einen echten kanadischen Winter nicht optimal gerüstet zu sein“, stellte Sean fest, der meinem Blick gefolgt war.
„Nein“, stimmte ich ihm zu. Es war schon merkwürdig, dass ich relativ planlos zu dieser Jahreszeit hergeflogen war. Aber darüber hatte ich mir gar keine Gedanken gemacht. Nun stand ich hier, mit durchnässten Schuhen und löcherigen Jeans. Zumindest war meine Jacke gefüttert, und auch die Handschuhe hatte ich nicht vergessen.
„Den Sommer hier mochte ich immer lieber“, brachte ich zu meiner Verteidigung vor. „Und auch den Frühling … und den Herbst.“
Sean grinste breit. „Das habe ich nicht vergessen.“
Einen Moment verlor ich mich in seinem Blick. Er betrachtete mich, als wäre seit unserem letzten Treffen keine Zeit vergangen. Und was noch viel merkwürdiger war: Mein Herz klopfte in seiner Nähe noch genauso schnell wie früher. Unmerklich schüttelte ich mich.
„Außerdem hatte ich keine Zeit mehr zum Einkaufen. Es war alles etwas kurzfristig, weißt du?“
„Ich verstehe“, sagte er, ohne den Blick von mir zu nehmen. Trotz der Minustemperaturen war mir auf einmal heiß.
„Was machst du eigentlich hier?“, fragte ich, damit er nicht merkte, wie sehr mich sein Blick verunsicherte. „Das Restaurant ist doch geschlossen.“
„Oh ja, eigentlich schon.“ Er sah sich nach der Blockhütte um und kratzte sich betreten am Hinterkopf. „Dieses Jahr machen wir an Dads Geburtstag eine Ausnahme. Er will zwar eigentlich etwas Ruhiges, aber ich habe ihm gesagt, dass er das vergessen kann. Man wird ja schließlich nur einmal im Leben siebzig.“
„Stimmt.“
„Damit alles perfekt wird, muss ich noch ein paar Dinge vorbereiten. Die Musikanlage ist uralt, die wird ersetzt … und ich wollte auch noch neue Boxen einbauen.“
„Das ist toll!“
Er nickte. „Hey … du musst natürlich auch kommen. Dad würde sich bestimmt freuen.“
„Klar! Ich komme gerne.“
Er lächelte breit. „Schön. Wir feiern am Siebenundzwanzigsten. Du wirst doch dann noch hier sein, oder?“
„Oh, ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht. Aber ich kann erst abreisen, wenn hier alles erledigt ist. Die Ranch gebe ich nur in gute Hände. Ich verkaufe ausschließlich an jemanden, der sie zu schätzen weiß.“
Er machte große Augen. „Du willst sie also wirklich verkaufen?“ Er wirkte sehr überrascht.
„Das war der Plan.“ Ich zwirbelte an meinem Schal. „Wobei ich noch keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll. Ich bin noch immer ein organisatorisches Desaster.“
„Du hast es schwer, ne?“, neckte er mich.
„Kann man wohl sagen.“
„Naja, auch für schwierige Dinge findet sich eine Lösung.“
„Wahrscheinlich hast du recht. Gerade war ich auf dem Weg in die Stadt, um mich nach einer Immobilienfirma umzusehen, die den Verkauf für mich übernimmt. Ich kann das Geld gut gebrauchen.“
„Wenn du mir die Frage erlaubst: Was willst du damit machen?“
Ich zuckte die Schultern. „Eine Eigentumswohnung in Frankfurt kaufen vielleicht.“
„Dann bist du dort glücklich?“
Ich grübelte. „Glücklich. Hm, das ist schwierig zu sagen. Es ist eher so bei mir, dass ich … warte.“
„Aha.“ Er hob die Brauen. „Und? Worauf genau wartest du?“
„Auf eine Anstellung in einer führenden Position.“ Ich redete Blödsinn, nur um nicht sagen zu müssen, dass ich im Grunde nichts zu erwarten hatte.
„Ah“, machte er nur, „in dieser Versicherungsfirma?“
Ich schaute ihn verdattert an. Woher wusste er, wo ich arbeitete?
„Ich habe dich gegoogelt“, erklärte er verschwörerisch.
„Du bist ja gruselig.“
Grinsend zuckte er die Achseln. „War halt neugierig. Ich wollte wissen, was du so treibst.“
Sollte ich ihm jetzt sagen, dass auch ich ihn im Internet gesucht hatte? Nein. Stillschweigend genoss ich das Gefühl der Überlegenheit.
„Was ist mit dem Restaurant? Wirft es noch genug ab für dich und deinen Vater?“, sprach ich ein anderes Thema an.
„Oh ja, die Hauptsaison bringt uns ganz gut durch den Winter. Außerdem habe ich meinen Vater für einen Weinberg begeistern können.“
„Ihr baut euren eigenen Wein an?“
„Wir sind jetzt in der zweiten Saison, und es läuft bis jetzt ganz gut.“
„Das ist fantastisch, Sean.“ Er hatte schon früher davon geträumt, ins Weingeschäft, das im Okanagan Valley Tradition hatte, einzusteigen. Ich freute mich von Herzen für ihn, dass er seinen Traum endlich lebte.
„Genug von mir.“ Er legte den Kopf schief. „Wie ist es, in dem großen Haus allein zu sein? Hast du keine Angst?“
„Nein“, hauchte ich, auch wenn das nicht ganz stimmte. „Ich lenke mich ab, dann habe ich keine Zeit, groß drüber nachzudenken. Heute werde ich damit anfangen, Christas Sachen auszusortieren. Ich möchte ein paar Erinnerungsstücke mit nach Deutschland nehmen. Dafür werde ich sicher eine Weile brauchen. Ich will nichts übersehen oder vergessen.“
„Wenn ich irgendwie helfen kann …“, Sean blinzelte, „ich meine … damit alles schneller geht. Ich hätte gerade Zeit. Wir könnten zum Beispiel gemeinsam die Sachen sortieren. Das heißt, nur wenn du möchtest.“
Er war noch immer so charmant wie eh und je. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Lieb von dir. Aber ich kriege das schon hin. Trotzdem danke.“
„Hm, also … mein Angebot steht.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Also … falls du es dir anders überlegst: Du weißt ja, wo du mich findest.“
Ich nickte grinsend und drehte mich von ihm weg zum See. Er trat neben mich, legte die Hände aufs Geländer und schaute mit mir in die Ferne. Eine Weile standen wir einfach nur da und starrten gemeinsam auf die schneebedeckten Bäume am anderen Ufer. Ein seltsames Gefühl stieg in mir hoch. Es war, als wären wir nie voneinander getrennt gewesen. Unauffällig betrachtete ich ihn von der Seite. Für mich war er noch immer der schönste Mann auf der Welt – die Liebe meines Lebens.
„Ich kenne da eine Maklerin“, brach er plötzlich das Schweigen. „Wenn du dir wirklich sicher bist, dass du die Ranch verkaufen willst, dann ist sie genau die richtige dafür.“
Obwohl er mit meiner Entscheidung, die Ranch abzugeben, nicht einverstanden schien, wollte er mir helfen. Ich hatte keine Ahnung warum.
„Sean.“ Ohne darüber nachzudenken, fasste ich ihn am Arm und brachte ihn auf diese Weise dazu, mich anzusehen. „Ich habe keine andere Wahl als zu verkaufen“, erklärte ich ihm, auf Verständnis hoffend. Er sah mich mitleidsvoll an.
„Mein Leben findet in Frankfurt statt, es ist einfach zu weit weg, als dass ich mich regelmäßig um das Haus hier kümmern könnte. Es würde mir auch zu leidtun, es leerstehen zu lassen. Christa hätte nicht gewollt, dass es unbewohnt bleibt. Ich wünsche mir, dass jemand die Ranch wertschätzt. Vielleicht jemand, der auch Pferde züchtet. Zu wissen, dass Christas Traum weitergeführt wird, das fände ich wirklich schön.“
„Ich nehme an, du willst dieser Jemand nicht sein“, murmelte Sean leise.
Ich seufzte. „Bis auf Erinnerungen gibt es nichts, das mich hier hält.“
Seine Miene verfinsterte sich schlagartig. Er schob meine Hand von sich und ging auf Distanz. „Gut, dann sollten wir keine Zeit verlieren.“ Sein Ton war plötzlich ungewohnt scharf. „Wie passt es dir morgen früh? So gegen neun?“
Kurz dachte ich nach, dann nickte ich schulterzuckend. „Da habe ich nichts vor.“
„Wunderbar. Ich sage der Maklerin Bescheid. Ich weiß zufällig, dass sie schon lange ein Auge auf die Pollard Ranch geworfen hat. Also hättet ihr beide was davon. Sie wird es kaum abwarten können, die Ranch schätzen zu dürfen. Ich schicke sie morgen früh bei dir vorbei, dann wird sie sich ein Bild vom Haus und dem Land deiner Tante machen.“
Er klang seltsam unterkühlt.
„Wirst du auch kommen?“
Er zuckte die Schultern. „Wenn’s dir hilft.“
„Ich denke … ja … das würde es vielleicht.“
„Na schön.“
Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte er mir schon den Rücken zugedreht.
„Sean?“
„Was ist?“ Er blieb stehen, sah sich aber nicht nach mir um.
„Ich danke dir.“
„Schon okay.“
Ich sah zu, wie er ohne ein weiteres Wort die Stufen zum Wheaton hochstieg, die Tür aufschloss und im Restaurant verschwand. Als ich wenig später daran vorbeiging, sah ich durch ein Fenster, wie er die Stühle im Gastraum aufstellte. Zuletzt hatte er nachdenklich auf mich gewirkt. Irgendwie verärgert. Er konnte es mir doch nicht verübeln, dass ich mein gewohntes Leben weiterführen wollte, dass ich zurück nach Deutschland musste. Die Tatsache, dass er sich ohne Gruß ins Restaurant verzogen hatte, fand ich mehr als kindisch. Solch trotziges Verhalten hatte er schon früher an den Tag gelegt, und es ärgerte mich wie damals. Es war meine Entscheidung, was ich mit der Ranch machte. Genauso wie es vor mehr als zehn Jahren seine Entscheidung gewesen war, sich nicht mehr bei mir zu melden.

Kapitel 3

Nachdem ich das Notwendigste eingekauft hatte und zurück auf der Pollard Ranch war, schien die Zeit einfach nicht vorbeizugehen. Der restliche Tag schlich nur so dahin. Die Ruhe im großen, leeren Haus machte mir zu schaffen. Christa hatte alles mit so viel Leben erfüllt, dass mir die neue Situation regelrecht unheimlich war.
Mir knurrte der Magen, aber ich hatte keinen Appetit. Es kam mir merkwürdig vor, im selben Haus zu essen, in dem Christa gestorben war, in dem ich ihre sterblichen Überreste aufbewahrte. Ich versuchte in der Küche zu bleiben, gab meinem hungrigen Bauch schließlich doch nach und machte mir ein Thunfischsandwich.
Um mich abzulenken, schaltete ich das Radio ein. Einen Fernseher gab es nicht. Christa hatte dessen Notwendigkeit nie gesehen und sich hartnäckig geweigert, einen anzuschaffen. Gelangweilt blätterte ich durch die neusten Nachrichten und Angebote lokaler Geschäfte, die ich nach meiner Rückkehr aus der Stadt im Briefkasten vorgefunden hatte. Draußen schneite es wieder. Die Flocken trafen lautlos auf das Küchenfenster. Eine Weile sah ich ihnen dabei zu, währenddessen kreisten meine Gedanken unaufhörlich um Sean. Warum war seine Herzlichkeit so schnell in Zurückhaltung umgeschlagen? Seit ich ihn wiedergesehen hatte, fühlte ich mich seltsam, und deswegen war ich wütend auf mich selbst. Nach all den Jahren hatte er es geschafft, dass ich mich innerlich immer noch mit ihm beschäftigte. Verbissen kämpfte ich gegen den Drang an, ihn anzurufen und nachzuhaken, ob er noch eingeschnappt war. Ich überlegte sogar mich zu entschuldigen, dabei wusste ich nicht einmal wofür. Die Begegnung mit ihm hatte mich vollkommen aus der Bahn geworfen. Zwischen all den Fragen, die er in mir hinterlassen hatte, spürte ich den intensiven Wunsch, ihn schnellstmöglich wiederzusehen. Das war verrückt! Ich war verrückt! Gerade erst hatte ich eine lange und anstrengende Beziehung hinter mir. Ich war noch nicht bereit für jemand Neuen. Andererseits war Sean niemand Neues. Aber wie meine Mutter immer zu sagen pflegte: Aufgewärmte Suppe schmeckt nicht.
Das schien vernünftig. Dennoch verzehrte ich mich förmlich nach einer zweiten Chance mit Sean. In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder an ihn denken müssen. Was ich auch getan hatte, er war mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Ich war dankbar, als mein Handy klingelte, denn es unterbrach mein lästiges Gedankenkreisen.
„Fischer“, meldete ich mich, ohne auf die Nummer auf dem Display geachtet zu haben. Am anderen Ende hörte ich ein erleichtertes Seufzen.
„Du solltest deine Mutter doch anrufen, sobald du gelandet bist!“
Ich schluckte eine Rechtfertigung herunter, stattdessen rollte ich mit den Augen.
„Sorry Mum, das hab ich wohl vergessen.“ Das war eine Lüge. Ich hatte sie absichtlich nicht angerufen, weil es mir einfach nur auf die Nerven ging, dass sie Kanada nach wie vor als Gefahr für unsere Mutter-Tochter-Beziehung ansah. In Deutschland hörten wir manchmal monatelang nichts voneinander. Kaum war ich hier, tat sie so, als wären wir unzertrennlich. Und das, obwohl keine Christa mehr da war, die ihr den Rang ablaufen konnte.
„Wie du hörst, bin ich heil eingetroffen.“ Ich gab mir alle Mühe, freundlich zu klingen.
Sie seufzte theatralisch. „Ach Ellie, ich habe mir doch nur Sorgen um dich gemacht. Kannst du das denn nicht verstehen?“
„Doch, schon.“
„Na siehst du. Erzähl, wie geht es dir in Kelowna? Hast du alles klären können?“
„Mutter, ich bin gerade mal einen Tag hier. Lass mich erst mal richtig ankommen.“
„Hm.“
Ihr Mangel an Einfühlungsvermögen war kaum auszuhalten.
„Du weißt, dass ich dich begleitet hätte, wenn es möglich gewesen wäre.“
„Ich weiß.“ Sie wiederholte sich.
„Aber im Moment habe ich einfach zu viel um die Ohren. Der Hund ist krank und Hermann hat es mal wieder mit der Bandscheibe. Der Arzt hat ihm verboten zu fliegen. Er zieht sein rechtes Bein nach. Kannst du dir vorstellen, wie das klingt? Als würde jemand eine Leiche durchs Haus ziehen.“
„Unheimlich.“
„Was du nicht sagst.“
Meine Mutter guckte definitiv zu viele Krimis.
„Muffin hat Durchfall. Ich komme mir hier vor wie in einem Sanatorium.“
„Tja …“ Ich wusste nichts dazu zu sagen. Das Leben meiner Mutter war ein ständiges Drama.
„Muffin bekommt jetzt Tabletten und Hermann jede Woche eine Spritze.“
Die Reihenfolge amüsierte mich. Der Hund kam für sie immer an erster Stelle. „Hört sich nach Stress an.“
„Oh ja!“
„Ich mach dir keine Vorwürfe“, beteuerte ich.
Wieder schluchzte sie. „Das sagst du so.“ Ich hörte sie weinen. „Ich weiß, dass du glaubst, mir wäre der Tod meiner Schwester egal, aber das stimmt nicht. Ich habe sie geliebt. Wirklich, das habe ich.“
In meiner Erinnerung sah alles ganz anders aus. Sie hatte Christa für alles kritisiert, was sie tat. Gleichzeitig war sie ihre härteste Konkurrentin – nicht nur wenn es um mich ging. Wo auch immer Christa aufgetaucht war, war ihr die Aufmerksamkeit der Menschen sicher gewesen. Meine Mutter hatte sich stets von ihr in den Schatten gestellt gefühlt.
„Hm.“ Mehr konnte ich darauf nicht antworten. Es war furchtbar, dass es meiner Mutter nicht gelungen war, sich mit ihrer Schwester auszusprechen, bevor diese gestorben war.
„Christa starb allein.“ Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. „Muss schrecklich gewesen sein.“
Meine Mutter weinte lauter. Es hatte ihr die Sprache verschlagen, sodass mein Stiefvater den Hörer übernahm.
„Ellie! Was hast du zu deiner Mutter gesagt?“ Es sah ihm ähnlich mir vorzuwerfen, dass ich meine Mutter schlecht behandelte. Schon früher hatte er sich ausschließlich auf ihre Seite geschlagen, ganz egal, was sie auch getan oder gesagt hatte.
„Gar nichts. Ich habe ihr nur die Wahrheit über Christas Tod erzählt. Aber das wusste sie doch schon.“
Er drosselte seine Lautstärke. „Würdest du dabei ein wenig mehr Verständnis für ihre Lage aufbringen? Es ist gerade alles sehr schwer für sie – dass sie jetzt nicht in Kanada sein kann, um bei der Beisetzung ihrer Schwester dabei zu sein, und dass Christa sich hat verbrennen lassen, macht es nicht besser – wo sie doch katholisch getauft ist.“
„Was hat denn das damit zu tun?“
„Die Auferstehung Jesu“, kreischte er, als läge das ja wohl auf der Hand. Schnell senkte er seine Lautstärke wieder. „Wie soll ein verbrannter Körper bitte auferstehen? Das musst du mir mal verraten.“
„Gar nicht. Wir sind hier schließlich nicht in The Walking Dead.“
„Ellie, das ist Blasphemie!“
Genervt verdrehte ich die Augen. Er und meine Mutter waren mit Abstand die größten Heuchler der Kirchengemeinde. Hermann rechnete täglich damit, wegen seiner sonntäglichen Bibellesungen in den Heiligenstand erhoben zu werden.
Ich schluckte eine Erwiderung hinunter. Es hatte keinen Zweck, ihn zu belehren. Obwohl ich inzwischen erwachsen war, fühlte er sich immer noch überlegen. Neben ihm wirkte meine Mutter wie ihr altersschwacher Yorkshire Terrier, den sie immer als Ausrede benutzte, um unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen. Sie war unfähig, sich Problemen zu stellen. Stattdessen schickte sie Hermann vor, der die Dinge mit einer absonderlichen Strenge für sie regelte.
„Gib mir noch mal Mum.“ Ich wollte nicht an ihrem Nervenzusammenbruch schuld sein.
Hermann atmete in den Hörer. Im Hintergrund schnäuzte sich meine Mutter.
„Sie ist völlig aufgelöst.“ Hermann klang unerbittlich.
„Ist schon gut. Wir machen Schluss für heute. Geh sie trösten. Ich melde mich in ein paar Tagen wieder.“
„Das wird das Beste sein. Und zögere nicht uns zu sagen, falls du irgendetwas benötigst.“
Ich schnalzte mit der Zunge, verstimmt über sein Angebot. Was sollten sie schon von Deutschland aus ausrichten können?
„Klar“, brummte ich endlich.
„Dann bis in ein paar Tagen.“
„Bis dann.“ Ich legte so resolut auf, dass mein Zeigefinger anschließend kribbelte. Mein Puls war auf hundertachtzig. Aufgewühlt ließ ich meinen Blick umherwandern. Am Kühlschrank hing noch immer das Bild, das Christa und mich an einem Sommertag beim Angeln am See zeigte. Sie hatte es in all den Jahren nicht abgenommen. Ich ging darauf zu, nahm es in die Hand und hielt es ganz fest. Mit den Fingerspitzen strich ich wehmütig über das Foto. Eine Mischung aus Wut und Trauer brodelte in meinem Innern. Ich öffnete eine Flasche von Christas Lieblingsrotwein, schenkte mir ein Glas ein und trank es in einem Zug leer. War es falsch zu denken, dass ich Christa mehr geliebt hatte als meine Mutter und dass ich sie jederzeit gegeneinander ausgetauscht hätte?
Ich atmete tief durch und befestigte das Bild wieder am Kühlschrank. Es war falsch. In jedem Fall. So etwas durfte ich nicht denken, und trotzdem konnte ich nichts dagegen tun. Der Gedanke war da und das nicht zum ersten Mal.
Um mich endlich abzulenken, begann ich damit, Christas Sachen zu sortieren. Ich stieß auf das Festtagsgeschirr mit den blauen Blumen, das meine Tante nur zu besonderen Anlässen hervorgeholt hatte, und brachte es zu den Sachen, die ich behalten wollte ins Wohnzimmer. Dinge, die weg konnten, stellte ich in die Küche. Drei Stunden später war das halbe Wohnzimmer vollgestellt, während die Küche, bis auf eine Kiste mit Kerzenresten und Ausgaben von Readers Digest leer geblieben war. Wenn das so weiterging, würde ich nie fertig werden.

Mittlerweile war es fast Mitternacht. Ich wollte versuchen, ein wenig zu schlafen, obwohl ich nicht müde war. Kurz nach meiner Ankunft hatte ich Christas Schlafzimmer gelüftet und das Bett frisch bezogen. Aber es blieb seltsam, in diesem Raum zu sein. Mein altes Zimmer wäre mir lieber gewesen, aber nachdem ich Christa Jahre nicht besucht hatte, hatte sie es in einen Hauswirtschaftsraum umgewandelt. Ich hatte also die Wahl zwischen einem altem, durchgesessenen Sofa und Christas Bett. Ich wählte Letzteres. Wie ich so dastand und mich in ihrem Reich umsah, überkamen mich erneut schmerzvolle Erinnerungen. Auf dem Nachttisch lag sogar noch das Buch, in dem Christa zuletzt gelesen hatte: Legenden der Inuit. Ich lächelte gedankenverloren. Mit den kanadischen Ureinwohnern hatte sie sich bis zuletzt verbunden gefühlt, mehr als mit den europäischen Einwanderern. Ich wünschte ihr, dass sie ihr einen Platz unter sich gewährt hatten. Sie hatte es verdient. Obwohl ich die Erschöpfung in den Gliedern spürte, war ich hellwach. Ich nahm einen kräftigen Schluck aus meinem Weinglas, das ich mit nach oben gebracht hatte, und stellte es auf den Nachttisch. Nachdenklich nahm ich das Buch in meine Hände, strich über den festen Einband und blätterte mich durch die Seiten, bis hin zu dem gefalteten Stück Papier, das das Kapitel über Nanuk, dem mythischen Bärenwesen, markierte. Ich legte das Buch auf meinem Schoß ab und faltete das Papier auseinander. Verwundert stellte ich fest, dass es ein Brief von Christa war. Ich las:

Mein Liebster,

ich habe deinen Brief bekommen. Verzeih mir, aber zuerst konnte ich nicht glauben, was ich las. Wenn man eine halbe Ewigkeit auf etwas wartet, immer wieder hofft, dass es endlich geschieht, ohne dass es eintrifft, fängt man an, vorsichtig zu sein. Bitte versteh mich nicht falsch. Ich habe lange, sehr lange auf diese Nachricht von dir gewartet, und ich freue mich, denn du scheinst dir sicher zu sein. Aber ich habe auch Angst. Was, wenn unsere Sehnsüchte alles sind, was das Schicksal für uns beide vorgesehen hat? Aus dem Schatten zu treten, wäre ein großer Schritt. Ein Schritt, den ich natürlich trotzdem wagen möchte. Für dich, für uns. Denn das sind wir uns schuldig.
Es gibt einiges, das ich dir sagen möchte, nicht in einem Brief, sondern persönlich, von Angesicht zu Angesicht.
Das letzte Mal, als wir allein waren, ist schon so lange her. Aber ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Wir waren gegen den Stamm des Mammutbaums gelehnt, am Ufer des Sees, unserem ganz speziellen Platz, und hielten einander fest. An diesem Morgen dachte ich, es könnte immer so sein. Oder zumindest irgendwann, wenn ich geduldig genug sein würde. Jetzt, da sich meine Möglichkeiten verändert haben, ist die Zeit mein schlimmster Feind geworden. Und unser „Irgendwann“ scheint in unerreichbare Ferne gerückt. Tausend ungesagte Worte schießen mir durch den Kopf. Es ist zu viel, als dass es auf ein Blatt Papier passen würde. Und ehrlich gesagt, ich bin es müde zu schreiben. Was haben wir aus unserem Leben gemacht? Hatten wir nicht einmal große Pläne? Wollten wir nicht die Welt gemeinsam bereisen? Wenn ich an dich denke, ist es, als wäre der Abend im Sturgess, an dem wir uns zum allerersten Mal begegnet sind, nur ein Wimpernschlag entfernt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten wir beide es tatsächlich geschafft, die Zeit anzuhalten. Zumindest ein Stückchen. Für uns. Doch ein Blick in den Spiegel zeigt mir, dass vieles an mir vorbeigegangen ist, ohne dass ich es gemerkt hatte. Und mir wurde klar, dass die Zeit sich nicht anhalten lässt. Sie zerrinnt in unseren Händen, jede Sekunde bringt sie uns dem Unvermeidlichen näher. Mein Arzt hat eine Herzschwäche bei mir festgestellt. Plötzlich soll ich mich zurückhalten, mich schonen, die Arbeit auf der Ranch anderen überlassen, doch ich weiß, dass ich das nicht kann. Ich lebe für dieses Haus und das Land, auf dem es steht. Auch wenn nichts mehr so ist wie früher, kann ich es nicht verlassen. Und selbst wenn ich es wollte, lässt es mein Körper nicht mehr zu. Ich weiß nicht, wie lange mir noch bleibt, aber lass mich dir sagen, dass ich dir auch die letzten Tage meines Lebens schenken möchte. Komm zu mir, mein Liebster. Bleib bei mir und halte meine Hand, wenn ich gehe …

An der Stelle brachen die Zeilen ab. Mit großen Augen betrachtete ich das unvollendete Schriftstück. Zweifellos stammte der Brief von Christa. Ich erkannte ihre Handschrift. Die Tinte war von derselben hellblauen Farbe wie die, mit der sie auch meinen Brief geschrieben hatte. Doch an wen war er gerichtet? Was hatte das zu bedeuten?
Das Licht der Nachttischlampe flackerte. Geistesgegenwärtig suchte ich nach dem Kabel. Die Lampe war uralt. Vermutlich hatte sie einen Wackelkontakt. Ich nahm sie hoch, rüttelte ein wenig am Kabel und sie ging aus.
„Na toll“, murrte ich im Dunklen. Plötzlich flackerte sie erneut auf und funktionierte wieder einwandfrei. Als ich sie zurück auf den Nachttisch stellen wollte, verfehlte ich ihn. Die Lampe rasselte herab und riss mit ihrem Schirm das Weinglas mit in die Tiefe. Polternd traf beides auf den weißen Teppichläufer vor dem Bett.
„So ein Mist!“, fluchte ich, steckte den Brief zurück ins Buch und hastete ins Bad. Dort holte ich ein Handtuch, das ich fest auf den roten tellergroßen Fleck presste. Es nützte nicht viel. Der Teppich war ruiniert. Christa wäre außer sich gewesen. Resigniert schüttelte ich den Kopf. Ich hatte keine zwei Tage in Kelowna verbracht, ohne etwas kaputtzumachen. Das passte wieder einmal zu mir. Ich war ein wandelndes Chaos. Was hatte sich Christa nur dabei gedacht, mir ihre Ranch zu vermachen?
Energisch presste ich das Handtuch weiter auf den Rotweinfleck. Darunter gab der Boden knarrend nach. Hatte sich der Wein etwa schon ins Holz gefressen? Mit klopfendem Herzen schlug ich den Teppich zurück, dabei fiel mir auf, dass eine der Holzdielen locker war. Ich sah sie mir genauer an. Es wirkte nicht so, als hätte mein Wein-Unfall etwas mit ihrer Beschaffenheit zu tun. Allerdings sah sie auch nicht aus, als wäre sie einfach nur defekt. Vielmehr wirkte es, als wäre sie absichtlich nicht richtig angebracht worden. Mit dem Fingernagel löste ich sie achtsam heraus und legte sie beiseite. Unter ihr kam ein kleiner Hohlraum zum Vorschein, in dem sich eine quadratische Metalldose befand.
„Das gibt’s doch nicht!“, murmelte ich vor mich hin. Sofort dachte ich an den Schatz, der im ganzen Tal bekannt war. Existierte er tatsächlich?
Mit vor Aufregung klopfendem Herzen hob ich die Dose heraus. Sie war völlig verstaubt, aber leicht, was gegen einen Goldschatz sprach. Ich pustete den Staub vom Deckel, bevor ich die Kiste aufgeregt öffnete. Ihr Inhalt überraschte mich. Kein Bargeld, kein Schmuck und auch keine Wertpapiere. Die Kiste war bis zum Rand mit Briefen gefüllt. Ich ging sie durch. Sie waren auf einer Schreibmaschine getippt worden, weshalb ich sie zunächst für irgendeine geschäftliche Korrespondenz hielt. Anhand der Anrede und der handgeschriebenen Signatur erkannte ich jedoch, dass es sich um sehr persönliche Schriftstücke handeln musste.
„Merkwürdig“, flüsterte ich, in Gedanken immer noch bei Christas Zeilen, die ich nur wenige Minuten zuvor gelesen hatte. Einige der Briefe in der Kiste waren in Umschlägen, andere lagen zusammengefaltet dazwischen. Neugierig faltete ich den obersten auseinander, dessen Ränder vergilbt waren. Was ich las, überraschte mich noch mehr. Denn das, was ich vor mir hatte, war nicht irgendein Schriftstück. Es war ein Liebesbrief.

11. Januar 1961

Liebste Chris,
ich muss immer wieder an den Abend im Sturgess denken. Du hast in deinem grünen Kleid mit den weißen Punkten so wunderschön ausgesehen. Und du hast getanzt wie ein Engel. Niemand konnte die Augen von dir lassen. An diesem Abend hast du wieder einmal alle verzaubert. Ich kann nicht aufhören, an dich zu denken und leide deswegen furchtbare Qualen. Bitte hab Mitleid mit mir und gib meinem Wunsch nach einem Treffen nach, denn deinetwegen kann ich weder schlafen noch essen. Was hast du nur mit mir gemacht? Bitte komm am Samstagabend zu unserem besonderen Platz. Ich muss dich wiedersehen! Sag ja!

Gez. M

Nachdenklich ließ ich den Brief sinken und schaute zwischen ihm und dem in Christas Buch hin und her. Gehörten sie zusammen? Hatte Christa an ihn geschrieben, diesen M? Warum hatte er seine Briefe getippt? Wer schrieb denn schon Liebesbriefe mit der Schreibmaschine?
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen den Bettrahmen und dachte nach. Ich war davon ausgegangen, alles über Christa gewusst zu haben, war der Überzeugung gewesen, dass sie weder romantisch noch melancholisch veranlagt gewesen war. Die Tatsache, dass sie eine Kiste mit Liebesbriefen unter einer Diele versteckt hatte, brachte das Bild, das ich von ihr hatte, ins Wanken. Auch die Zeilen, die sie geschrieben hatte, wühlten mich auf. Ich überflog die restlichen Briefe aus der Kiste. Sie waren nach Datum sortiert, und alle stammten vom selben Absender. Wer war dieser geheimnisvolle Mann, der jeden Brief mit einem kunstvoll geschwungenen M unterschrieben hatte?
Ich dachte angestrengt nach. Die Briefe ließen nur eine Schlussfolgerung zu: In Christas Leben hatte es wohl doch einen Mann gegeben, der ihr etwas bedeutet hatte. Warum sonst hätte sie seine Briefe aufheben sollen?

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Claudia Romes wurde 1984 als Kind eines belgischen Malers in Bonn geboren. Sie war schon immer eine begeisterte Leserin und liebte es, in fremde Welten einzutauchen. Mit neun Jahren begann sie, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und fasste den Entschluss, eines Tages Schriftstellerin zu werden. Heute lebt die Autorin mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Vulkaneifel.

Im Alter von neun Jahren begann Claudia Romes mit dem Schreiben ihrer ersten Kurzgeschichte. Es folgten eine Reihe von Gruselgeschichten im Stil von R.L. Stine, von denen später einige in Anthologien veröffentlicht wurden. Während ihrer Schulzeit schrieb sie für die Schülerzeitung. Danach, als Gesundheits-und Krankenpflegerin, für Klinikmagazine. In dieser Zeit festigte sich der Wunsch in ihr hauptberuflich zu schreiben. Nach einer Vielzahl veröffentlichter Kurzgeschichten folgte 2014 ihr erster Fantasyroman. Sie schreibt in verschiedenen Genres, hauptsächlich Fantasy und Romance. Anfang 2019 erschien ihr beliebtes Gruselbuch DANA MALLORY und das Haus der lebenden Schatten bei Planet im Thienemann-Esslinger Verlag, für das sich ein russischer Großverlag bereits die Übersetzungsrechte gesichert hat.