Mordsmäßig verkatert

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Kapitel 1

Es gab schreckliche Dinge auf der Welt.
Krieg. Die Pest. Donald Trumps Frisur. Atombomben. Analog-Käse.
Eines furchtbarer als das andere. Doch hätte man mich an diesem Morgen gefragt, was sofort abgeschafft werden sollte, hätte ich Sonnenlicht geantwortet. Ich war nicht stolz darauf, aber es war die Wahrheit.
„Scheiße“, stöhnte ich und hielt mir die Hände vors Gesicht, um die lästigen Strahlen davon abzuhalten, mir die Augen aus dem Kopf zu brennen. Meine Schläfen schmerzten, als hätte eine Horde Sumoringer die ganze Nacht darauf Steppen geübt.
Ich rollte nach links, um meinen Kopf im Kissen zu vergraben, und stieß gegen etwas Warmes, Knittriges. Stirnrunzelnd tastete ich danach. Es fühlte sich nach einem riesigen, labbrigen Laib Toast an. Unter großer Anstrengung öffnete ich ein Auge. Erneut blendete mich das Licht und ein Schwall Übelkeit schwappte gegen meine Magenwände. Ich schluckte und musste würgen, weil mein Mund sich anfühlte, als habe es sich eine besonders haarige Katze dort drin gemütlich gemacht. Eine Katze, die lange nicht gewaschen worden war. Gott, war das ekelig.
Mein Gesicht vom Licht abschirmend, öffnete ich auch das andere Auge, um die Teigware neben mir näher betrachten zu können. Interessant. Das Toastbrot war pink und hatte Trudis Gesicht. Ich blinzelte mehrmals, bis die Konturen meiner 72-jährigen Angestellten aufhörten, Wellen zu schlagen. Waren ihre Haare schon gestern so rosarot gewesen?
Ich wusste es nicht mehr. Wenn ich raten müsste, hätte ich jedoch Nein getippt.
Moment, welcher Tag war heute? Sonntag, oder nicht? Das hieß, gestern war … richtig, Emilys Junggesellinnenabschied gewesen. Langsam kam die Erinnerung zurück. Wir waren in diese schäbige Bar gegangen, mit dem noch schäbigeren Namen und den schäbigen Möbeln und dem schäbigen Barkeeper und dann …
Ich schloss die Augen, denn mein Magen gab mir zu verstehen, dass er Licht noch immer scheiße fand.
Dann … dann hatten wir irgendetwas anderes getan. Mit Alkohol.
Mist, ich hatte keinen Schimmer mehr, mein Gedächtnis war wie ausgelöscht. Ich hatte ein komplettes Blackout. Wie viel zum Teufel hatte ich getrunken? Ich hatte es bei einem Glas Wein belassen wollen, doch dann waren wir bei diesem Burlesque-Tanzkurs gewesen, den Emily schon immer unbedingt hatte besuchen wollen. Trudi hatte begeistert mitgemacht, ein Kleidungsstück nach dem anderen ausgezogen – und sich nicht die Kante zu geben, war auf einmal keine Option mehr gewesen.
Es musste ein aufregender Abend gewesen sein.
Ich war irgendwie froh, ihn vergessen zu haben. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich betrunken äußerst peinlich werden konnte.
Mit der Zungenspitze befeuchtete ich meine Lippen und bemerkte mit einem Mal, wie furchtbar trocken mein Mund war. Die Katze war verschwunden und hatte die Sahara zurückgelassen. Ich brauchte Wasser. Und einen neuen Kopf.
Seufzend rollte ich mich zurück auf den Rücken und strampelte die Decke von meinen Beinen. Der nächste Versuch, die Augen zu öffnen, verlief besser. Die Übelkeit turnte zwar noch immer in meinem Magen, wurde aber langsam müde. Wenigstens war ich bekleidet. Ich sollte mich auf die positiven Dinge konzentrieren.
„Scheiße“, wiederholte ich krächzend und schwang die Beine von der Matratze. Ein lautes Uff-Geräusch erklang, als meine Füße auf etwas Weiches trafen.
„Hör auf, mich zu treten“, murmelte eine griesgrämige Stimme.
Ich verzog das Gesicht und beugte mich vor. Emmi lag auf meinem Bettvorleger. „Hör auf, auf meinem Boden zu liegen“, gab ich zurück.
Meine Schwester sah zugegebenermaßen etwas schwach aus … aber ihre Hand heben und mir den Mittelfinger zeigen, das konnte sie noch. „Du hast mich aus dem Bett geschmissen, weil deine Hüften zu gebärfreudig sind“, erklärte sie, zog das Handtuch, das sie als Decke missbrauchte, höher ihre Schultern hinauf, drehte sich von mir weg und schlief weiter.
Ich rieb mir mit der Hand über die Stirn und atmete mehrmals tief ein, bevor ich mich dazu imstande fühlte, aufzustehen.
Wasser. Ich brauchte Wasser. Umständlich stieg ich über Emmi hinweg und stolperte in den Flur. Eine pinke Spur aus Glitzer führte in mein Wohnzimmer mit Einbauküche, und wie angewurzelt blieb ich ihm Türrahmen stehen.
Die Küche war ein einziges Schlachtfeld. So schlimm hatte es hier nicht mehr ausgesehen, seitdem ich Twinky, meinem verhaltensgestörten Kater, zu viel Kaffee gegeben hatte und er die Wände hochgegangen war. Er mochte sich zwar für einen Hund halten, aber seine Krallen waren noch immer die einer Katze.
Die Arbeitsfläche war mit Mehl und Schokoflocken gepflastert, so als habe eine betrunkene Meute Kinder versucht, etwas zu backen. Bierflaschen stapelten sich auf dem Herd, vier abgebrannte Wunderkerzen thronten in einem zerpflückten Salatkopf mit Sonnenbrille, und weiße Pillen – von denen ich sehr hoffte, dass sie Tic Tacs waren – lagen verstreut auf dem Boden vor mir. Kopfschüttelnd wandte ich mich um, um auch den Rest des Raumes zu bewundern. Zwei meiner Zimmerpflanzen lagen umgestoßen vor der Fensterbank, drei Handtaschen auf meiner Anrichte und eine bleiche Schaufensterpuppe auf meinem Sofa.
Wo hatten wir die denn her? Waren wir bei H & M eingebrochen? Ich würde es mir zutrauen, ich war sehr wütend auf das Geschäft, weil mir dessen Hosen nie passten!
Schnaubend tapste ich über die Hoffentlich-Tic-Tacs hinweg und verteilte den an meinen Fußsohlen klebenden Glitzer weiter in meiner Küche. Ich griff nach einem Glas und füllte es mit Wasser, bevor ich es gierig hinunterstürzte und gleich noch einmal unter den Hahn hielt.
Twinky strich um meine Knöchel und schnurrte auffordernd. Er hatte heute Morgen noch kein Futter bekommen und offensichtlich Angst, dass ich ihn vergessen hatte.
„Du kriegst gleich was“, murmelte ich müde lächelnd und hockte mich hin, um ihn zu streicheln.
Zufrieden rieb er seinen Kopf an meinem Schienenbein … und hinterließ dabei eine klebrige Spur auf meiner Haut.
Ich verzog das Gesicht. „Twinky, hast du dich am Bier vergriffen?“, wollte ich wissen und sah an mir hinunter. Doch es war kein Bier, das an meinem Bein haftete. Dafür war es zu dickflüssig … und zu rot. Stirnrunzelnd beugte ich mich weiter vor und nahm vorsichtig Twinkys Gesicht in meine Hände. „Was hast du da, Twinky?“, fragte ich leise und betrachtete seine rot getünchten Schnurrhaare, seine rosa Schnauze …
Erschrocken richtete ich mich auf. Ich war in meinem Leben oft genug hingefallen, um Blut zu erkennen, wenn ich es sah.
„Scheiße“, wisperte ich und ein beklemmendes Gefühl setzte sich in meiner Brust fest, drückte auf Zwerchfell und Lunge. „Wo hast du das her Twinky? Wo …“ Mein Blick schweifte über seinen Kopf hinweg, den Boden entlang, bis zu meiner Couch … neben der sich eine spiegelglatte, rote Blutlache gebildet hatte. Mit trockenem Hals, aufgerissenen Augen und heftig klopfendem Herzen starrte ich die Schaufensterpuppe auf dem Sofapolster an, das gestern noch nicht im Batiklook rot eingefärbt gewesen war.
Die Puppe lag auf dem Rücken. Ihr einer Arm hing über den Rand des Sofas und berührte mit den Fingerspitzen die rote Lache. Der andere war an die Seite ihres Körpers gepresst. Sie hatte lange rote Haare, die ihr Gesicht noch bleicher aussehen ließen, trug ein weißes Sommerkleid und bei näherem Hinsehen … ragte ein Küchenmesser aus ihrer Brust.
Mein Küchenmesser.
„Nein“, hauchte ich und schlug schockiert die Hand vor den Mund. Das konnte nicht sein!
Neue Übelkeit wallte in mir auf, während ich das ausdruckslose Gesicht der fremden Frau betrachtete. Das Blut floss aus meinem Kopf, meine Hände fingen an zu zittern und jeder Atemzug brannte auf einmal in meiner Lunge. Keuchend beugte ich mich nach vorn und stützte mich mit den Händen auf meinen Oberschenkeln ab.
Das konnte doch nicht … warum sollte … was zum …?!
„Meine Güte, ich hab nicht mehr so viel gesoffen, seit mein Günter unter die Erde gelassen wurde. Gott hab ihn selig – und Tequila.“
Trudi wehte durch die Tür. Ihre pinken Haare strahlten mit ihrem Lächeln um die Wette und sie sah nicht aus, als habe sie gestern getrunken. Sie sah aus, als habe sie gestern den schönsten Kindergeburtstag ihres Lebens gefeiert.
Ich sah sie an, blickte zur Leiche, sah zurück zu Trudi – wandte mich um und übergab mich in mein Waschbecken.
„Du hättest mir auch sagen können, dass dir das Pink nicht gefällt“, murrte die alte Dame pikiert. „Ich finde, ich sehe fesch aus. Wie diese Sängerin, diese April Lawine in jungen Jahren. Die, die mit diesem Skater-Jungen abgehauen ist.“
„Avril Lavigne“, korrigierte ich sie mechanisch, spuckte aus, gurgelte mit Wasser … und vermied es, mich wieder umzudrehen. Vielleicht hatte ich mir die Leiche nur eingebildet. Vielleicht hatte mir jemand Drogen untergemischt und ich halluzinierte. Vielleicht musste ich nur kurz die Augen schließen und tief durchatmen. Wenn ich sie wieder öffnete, wäre die Tote vielleicht doch nur aus Plastik.
„Sag ich doch. April Lawine“, bestätigte Trudi. „Weißt du, mir geht es gut, aber ich fühle mich schon sehr merkwürdig, ich …“
„Trudi“, unterbrach ich sie heiser. „Liegt …“ Ich räusperte mich. „Liegt sie immer noch da?“
„Woher soll ich wissen, wo April liegt?“
„Die meine ich nicht. Ich spreche von der … von der Leiche“, stellte ich mit zitternder Stimme klar, die Augen fest zusammengekniffen.
„Eine Leiche?“, fragte Trudi begeistert. „Wo?“
„Auf meiner Couch.“
Einige Momente lang hörte ich nur das Blut in meinen Ohren rauschen, dann murmelte Trudi: „Na, da erschieß mich doch ein Pferd, da liegt tatsächlich jemand!“
Ich vernahm Schritte und wirbelte alarmiert herum. Wie erwartet, hatte die alte Dame neugierig ein paar Schritte nach vorn gemacht, um sich über den toten Körper zu beugen.
„Nein, Trudi! Fass sie nicht an. Das hier ist ein Tatort, wir … wir dürfen nichts berühren.“
„Tatort, papperlapapp“, sagte Trudi schnaubend, trat jedoch von der Leiche zurück. „Das hier ist dein Wohnzimmer, nicht CSI: Miami.“
Ja, genau das war es, was mich beunruhigte.
„Sie sieht nicht echt aus“, bemerkte sie noch immer skeptisch und kniff die Augen zusammen. „Ich sollte sie einmal anfassen, nur um sicherzugehen.“
„Das ist keine gute Idee.“
„Aber vielleicht ist es eine Wachsfigur, Louisa. Dann würden wir die Polizei vollkommen umsonst anrufen.“
„Warum sollte eine blutende Wachsfigur bei mir auf der Couch liegen, Trudi?“
„Warum eine Leiche?“
Guter Punkt. „Fuck“, fluchte ich, fuhr mir mit den Händen in die Haare und konzentrierte mich auf meine Atmung. Es war schwieriger als sonst, genug Sauerstoff in meinen Körper zu pumpen. Möglicherweise weil Panik meine Luftröhre verengte. „Fuck, Scheiße, Fuck. Ich weiß noch nicht einmal, wer sie ist! Ich meine: Kennst du sie, Trudi?“ Hilfesuchend wandte ich mich an die pinkhaarige Frau.
Nachdenklich rümpfte Trudi die Nase. „Ich glaube nicht. Aber meine Augen sind auch nicht mehr die Besten. Wenn du mich etwas nach vorn gehen lassen würdest, um …“
„Nein!“, sagte ich scharf und hob warnend einen Zeigefinger. Ich hatte jetzt keine Zeit dafür, Trudis irrationalen Wunsch, eine Tote zu berühren, zu berücksichtigen. „Trudi, eine tote Frau macht es sich auf meiner Couch gemütlich. Falls du es noch nicht wusstest: Das ist nicht gut!“
Betreten wiegte die alte Dame ihren Kopf von der einen Seite zur anderen. „Es hätte schlimmer kommen können“, versuchte sie mich zu beschwichtigen und tätschelte meinen Arm.
Ungläubig sah ich sie an, während ich mir mit dem Handrücken über den Mund wischte. „Ach ja? Wie?“
„Nun … deine Couch hätte ein teures Designerstück sein können.“
Ich lachte trocken auf. Gegen die Logik konnte ich nicht argumentieren.
Die Tür zum Wohnzimmer ging erneut auf und heraus trat eine sehr zerknautscht aussehende Emily. „Hey, Loubalou, wusstest du, dass ein Goldfisch in deiner Badewanne lebt?“
Die Lippen zusammengepresst schüttelte ich steif den Kopf.
Irritiert sah meine Schwester erst in mein entsetztes und dann in Trudis unsicheres Gesicht. „Wer ist denn hier gestorben?“, wollte sie wissen.
Ich streckte zitternd den Arm aus und deutete auf die tote Rothaarige. „Sie dort.“
„Ist nicht wahr.“ Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starrte Emily zu der Leiche. Einige Momente lang schien sie sprachlos – und wäre die Frau auf dem Sofa nicht tot gewesen, hätte ich ihr für diese Leistung gratuliert – schließlich flüsterte sie ehrfürchtig: „Aber … aber die ist doch nicht echt, oder?“ Ihr Blick wanderte panisch zu mir. „Ich meine, sie sieht aus wie eine Wachsfigur.“
„Mein Reden“, unterstützte Trudi sie. „Ich war in Berlin in dieser Wachsfigurenausstellung und die sahen alle genauso aus wie die Frau auf dem Sofa.“
Ich schüttelte nur immer wieder den Kopf. „Glaubt mir einfach. Ich habe in meinem Leben schon genug Leichen gesehen, um … nein, Twinky! Aus! Aus!“ Mein Kater war mitten in die Blutlache spaziert und hatte angefangen, die Flüssigkeit vom Boden aufzulecken. „Du kannst dich nicht für einen Hund und eine Mücke gleichzeitig halten, Twinky“, fuhr ich meinen Kater an, der schuldbewusst innehielt.
„Ich glaube, Lou rastet aus“, murmelte Emmi laut hörbar aus ihren Mundwinkeln heraus.
„Eine Frau wurde in meinem Wohnzimmer ermordet“, herrschte ich sie an. „Natürlich raste ich aus!“
„Das weißt du doch gar nicht. Vielleicht wurde sie draußen umgebracht und dann erst hier hochgeschleppt.“ Sie sah zur Tür. „Fragt sich nur, wie der Mörder sie durch die verschlossene Tür bekommen hat.“
Das war gerade tatsächlich meine geringste Sorge. „Kennst du sie, Emmi?“, fragte ich fahrig. „Weißt du, wer sie ist?“
„Keinen Schimmer. Aber sie hat einen hübschen Nasenring. Frag mich, wo sie den hat machen lassen. Ich hatte nämlich überlegt –“
„Emmi, konzentrier dich!“
Sie verdrehte die Augen. „Ja, sorry! Ich bin schockiert, wirklich. Aber ehrlich gesagt ist der ganze gestrige Abend etwas nebelig, und mein Körper fühlt sich noch immer taub an. Ich erinnere mich nur noch an den Burlesque-Kurs und das Dreieck.“
Richtig, das war der Name der Bar gewesen. „Trudi? Was ist mit dir? Was weißt du noch?“
„Wir waren nach dem Tanzen noch in irgendeiner komischen Bar?“, fragte die alte Dame verwirrt.
Zischend stieß ich die Luft aus und legte den Kopf in den Nacken, bevor ich mit den Händen meine Taschen abtastete. Wo war mein Handy?
Ich zwang meinen Blick nach unten, blickte mich in der Küche um, konnte das Mistding jedoch nirgendwo finden.
„Emmi, gib mir dein Telefon.“
„Wen rufst du an?“, fragte sie unsicher, reichte mir jedoch ihr Handy.
„Was glaubst du denn?“, erwiderte ich schnaubend, suchte in ihren Kontakten nach dem R und betätigte den grünen Hörer. Ich hatte schließlich so etwas wie eine Tradition, wenn ich Leichen oder Körperteile fand.
Nach dem dritten Klingeln hob jemand ab. „Egal, wer du bist, ich hasse dich.“
Ich runzelte die Stirn. Das war nicht Joshs Stimme.
„Finn?“, fragte ich verwirrt. „Bist du das?“
„Natürlich bin ich das! Du hast mich angerufen.“
„Du hast Finn unter Rispo eingespeichert?“, fragte ich Emily verwirrt.
„Na, so heißt er doch.“
„Mit Nachnamen!“
„Und? Ich hatte seinen Vornamen vergessen.“
„Du willst ihn nächsten Samstag heiraten! Er ist dein Verlobter!“
„Ja, aber als ich ihn eingespeichert habe, war er das noch nicht.“
„Egal“, sagte ich kopfschüttelnd. Ich musste mich auf das Wesentliche konzentrieren. „Finn, bist du zufällig gerade bei Josh? Ist er in deiner Nähe?“
„Ja, ich bin bei ihm. Wir haben gestern Junggesellenab–“
„Ist mir egal“, unterbrach ich ihn. „Gib mir Josh. Wo ist er?“
„Louisa, es ist elf Uhr an einem Sonntag!“, quengelte Finn. „Jeder weiß, dass man nicht so früh anruft. Ich kann nicht klar denken.“
Es war schon elf? Den Sonntagsbrunch bei meiner Mutter würden wir heute wohl verpassen.
„Finn“, sagte ich scharf und meine Stimme zitterte wie ein Fähnchen im Wind. „Das ist kein Spaß, gib mir deinen Bruder.“
„Ich glaube, der steht unter der Dusche, zumindest läuft das Wasser, aber …“
„Hol ihn.“
„Nein! Ich will ihn nicht nackt sehen“, beschwerte Finn sich.
„Dann mach halt deine beschissenen Augen zu. Wir stecken in Schwierigkeiten und ich brauche Josh.“
„Schön!“, murrte er, dann knackte es in der Leitung und im nächsten Moment war es still. Vielleicht hatte Finn das Handy abgelegt.
„Sie ist sehr hübsch, oder?“, sinnierte Trudi verträumt und starrte die Tote an. „Das Blutrot steht ihr. Passt zu den Haaren. Und ihr Körper ist sehr ästhetisch über deine Couch drapiert. Der Mörder muss eine künstlerische Ader haben. Wenn ich irgendwann getötet werden sollte, dann bitte von so jemandem.“
Interessiert sah Emily sie an. „Du bist eher der Glas-Halbvoll-Typ, oder, Trudi?“
Ich ignorierte die beiden und konzentrierte mich wieder darauf, nicht zu hyperventilieren. Ich war nicht gut darin, Blut zu sehen, war in den letzten Jahren jedoch etwas abgehärtet worden. Ein abgetrennter Finger, ein Paketbote mit einer Stricknadel im Hals, ein Vergiftungsopfer, ein zerfleischter Tierpfleger … man lernte, sich zu kontrollieren.
„Was ist los, Lou?“, drang eine dunkle Stimme durch den Hörer.
„Josh“, quietschte ich panisch. „Josh, hier liegt eine tote Frau in meinem Wohnzimmer.“
Stille.
„Das ist nicht witzig, Lou.“
„Ich weiß, dass das nicht witzig ist“, erwiderte ich, meine Stimme so hoch wie mein Puls. „Mir ist gerade auch überhaupt nicht zum Lachen zumute – genauso wenig wie der Rothaarigen auf meiner Couch, der ein Messer aus der Brust ragt!“
Einige Herzschläge lang konnte ich nur seinen Atem durch die Ohrmuschel hören, schließlich meinte er leise: „Weißt du, was ich mich frage, Lou? Warum rufst du mich nie an und sagst: Josh, ich habe heute eine vollkommen lebendige Frau im Zoo kennengelernt. Sie hatte noch alle ihre Finger, hat gestrickt und mir vom Eishockey erzählt und wird wohl noch über hundert Jahre alt. Die Sätze würde ich gerne mal hören! Nicht den ganzen anderen Scheiß.“
Ich lachte hysterisch auf. „Das nächste Mal, wenn ich jemand Lebendigen sehe, werde ich dran denken. Aber jetzt … jetzt brauche ich jemanden, der mir sagt, dass es keine gute Idee ist, ihn Ohnmacht zu fallen und darauf zu hoffen, dass die Frau weg ist, sobald ich wieder aufwache.“
„Warte. Moment“, sagte er fahrig. „Du machst wirklich keine Witze?“
„Nein!“
„Scheiße“, fasste Rispo die Situation passend zusammen. „Was zum Teufel ist passiert, Lou?“
„Ich weiß es nicht!“, rief ich aufgebracht und fuhr mit einer Hand in meine Haare. „Ich erinnere mich an nichts mehr. Irgendwer muss uns was untergemischt haben. Wir wissen alle nicht mehr, was wir gestern Nacht getan haben! Trudi und Emmi sind auch hier und haben keine Ahnung. Wir … wir waren auf dem Junggesellinnenabschied und dann anscheinend hier und dann …“ Ich schluckte. „Dann lag da plötzlich eine Tote in meinem Wohnzimmer.“
„Okay … okay“, murmelte Josh, und meiner inneren Ruhe half es überhaupt nicht, dass er sich dabei sehr nervös anhörte. Rispo wurde nicht nervös! Er war ein eiskalter Bulle. Er hatte sich immer unter Kontrolle. Wenn er schon durchdrehte …
„Josh, was mach ich denn jetzt?“, wisperte ich ängstlich. „Ich kenne die Frau nicht! Und das Blut ist in meine Couch gesickert und Twinky hat es, glaube ich, getrunken und …“
„Beruhige dich.“
„Ich kann mich nicht beruhigen!“, fuhr ich ihn an. „Mein Kater ist womöglich ein Vampir und ich will Nutella, keine tote Frau zum Frühstück. Und offensichtlich habe ich auch noch einen Fisch in meiner Badewanne! Ich mag Fische nicht einmal. Sie sind dämlich.“
„Ja, der Fisch ist tatsächlich beunruhigender als die Leiche in deinem Wohnzimmer.“
„Josh!“
„Ich weiß. Okay.“ Er sog zischend Luft ein. „Lou, pass auf: Fass nichts mehr an, atme tief durch – und ruf die Polizei. Es kommt besser, wenn du es bist, die die Tote meldet, und nicht ich.“
„Warum das?“
Einige Momente lang war es still auf der anderen Leitung, dann murmelte er: „Weil es dich als primäre Mordverdächtige entlasten könnte.“
„Primäre was?“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme unnatürlich laut wurde. „Nur weil es mein Messer ist, das aus ihrer Brust ragt, heißt das doch noch lange nicht, dass ich sie umgebracht habe! Ich kann kein Blut sehen. Wie dumm wäre es von mir, ihr ein Messer in die Brust zu rammen? Womöglich wäre ich über ihr kollabiert.“
„Es ist … dein Messer?“, fragte Rispo zögerlich, seine Stimme ungewohnt hoch.
„Ja, aber … warum klingst du so alarmiert?“
„Weil das nicht gut ist, Lou!“
Als ob mir das nicht klar wäre! „Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weiß!“, blaffte ich zurück.
Wieder atmete er tief durch. „Ruf die Polizei, Lou … und sieh zu, dass Emily, Trudi und du gleich exakt dieselbe Geschichte zum Besten gebt. Und sag den beiden, dass heute nicht der Tag ist, an dem sie ihre Erlebnisse übertrieben darstellen oder hübsch ausschmücken sollten.“
„Sie würden nie …“
„Bestimmt steckt die Mafia dahinter“, sagte Trudi leise an Emily gewandt. „Ihnen scheinen die Pferdeköpfe ausgegangen zu sein. Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Ich meine, mich daran erinnern zu können, in der Bar gestern einen Haufen zwielichtige Anzugträger gesehen zu haben, die mir schäbige Blicke zugeworfen haben. Erst dachte ich, sie wären an meinem Körper interessiert. Jetzt, da ich wieder vergeben bin, reihen sich die wollüstigen Kerle bei mir vor der Tür. Aber mit der toten Frau und allem …“ Vielsagend hob sie die Augenbrauen.
Scheiße. Josh hatte recht.
„Ich kümmere mich darum“, sagte ich und rang die kalte Panik nieder, die durch meine Adern kroch. „Bitte, komm einfach her.“
„Bin unterwegs“, sagte Josh und legte auf.

 

Kapitel 2

Die Polizei traf noch vor Rispo ein. 

Ich vermutete, dass Josh absichtlich zu spät kam, damit es so aussah, als habe ich zuerst die Männer in Blau und dann ihn verständigt.
Innerhalb von wenigen Minuten war meine Wohnung zum Tatort erklärt worden. Rot-weißes Absperrband zierte meine offene Tür, zu der immer neue, in weißen Plastikanzügen verpackte Polizisten ein- und ausspazierten, die mich an dünne Michelin-Männchen erinnerten. Da die Polizei nicht auf ihre Sirene verzichtet hatte, lungerte mittlerweile die gesamte Nachbarschaft vorm Wohnungseingang herum, um zu sehen, was nun schon wieder bei der durchgeknallten Blumenladeninhaberin los war. Es war ein Wunder, dass meine Mutter noch nicht vorbeigekommen war, um mir Hausarrest dafür zu geben, unentschuldigt den Sonntagsbrunch verpasst zu haben. Ich konnte ihre schrille Stimme bereits hören: Louisa Josephine Manu, eine Leiche in deinem Wohnzimmer? Denkst du nicht, dass du es allmählich mit den toten Menschen übertreibst? Du brauchst dringend ein zeitintensives Hobby. Wie wäre es mit Golf?
Dabei war es nicht meine Schuld, dass ich so oft in Mordfälle stolperte! Meistens fanden die Toten mich, nicht andersherum.
Trudi, Emily und ich wurden simultan in unterschiedlichen Räumen der Wohnung befragt. Damit wir nicht die Zeit hatten, unsere Geschichten aufeinander abzustimmen.
Tja, zu spät, wenn man mich fragte. Wir hatten uns dank Rispos Hinweis schon längst darauf geeinigt, dass wir bis ins Dreieck gekommen waren, bevor die Gedächtnislücke einsetzte, was der Wahrheit entsprach.
Während ich fahrig, nervös und am Rande eines hysterischen Anfalls dem Polizisten erzählte, was ich wusste, hörte man Trudi im Nebenzimmer ab und zu: „Oh, wie spannend!“ ausrufen. Mein Freund befand sich derweil im Polizistenmodus und war nicht ansprechbar. Wenn ich ehrlich war, ärgerte ich mich darüber am meisten. Ich hatte wirklich dringend eine feste Umarmung nötig, und Joshua Rispo gab nun einmal die besten Umarmungen dieser Welt. Er war jedoch damit beschäftigt, die Leiche zu begutachten und meine gesamte Wohnung auf Spuren zu untersuchen.
Seine Stirn lag in tiefen Falten, seine Lippen waren zusammengepresst und er schwieg. Das war nicht ungewöhnlich für Rispo. Tatsächlich gehörte das skeptische, leicht düstere Stirnrunzeln zu seinen Lieblingsgesichtsausdrücken. Wir waren seit fast einem Jahr zusammen und der Blick, den er jetzt trug, war mir nur allzu bekannt. Und dennoch beunruhigte er mich. Denn er trug ihn nur, wenn ihn ein besonders kniffeliger Fall beschäftigte – und ich hatte noch immer die Hoffnung, dass irgendjemand einen Zettel fand, auf dem stand:

Hey, mein Name ist Max Mustermann, ich habe gestern Nacht diese Frau getötet, entschuldigt, dass ich sie auf diesem Sofa abgelegt habe. Ich hole sie am Montagmorgen um acht wieder ab.

Leider war der Mörder sehr unhöflich und hatte keine Telefonnummer oder Sonstiges hinterlassen.
Als der neugierige Beamte fertig war, mich zu fragen, ob ich mich denn wirklich nicht daran erinnern könne, was passiert sei – er fragte ganze viermal, bevor er aufgab –, bat er mich, zur weiteren Befragung und zum Unterschreiben meiner Aussage ins Präsidium zu kommen. Dieses Prozedere kannte ich bereits, schließlich hatte ich es schon mindestens viermal hinter mich gebracht. Ich war sicherlich die Zeugin des Jahres im Kölner Morddezernat. Sie hätten mir ruhig eine Karte schicken oder eine Plakette mit meinem Gesicht aufhängen können.
Ich schluckte und nickte. „Klar, ich komme mit. Lassen Sie mich nur meine Jacke holen.“ Es war Ende März, doch egal, wie warm es draußen war – ich wusste, dass ich heute frösteln würde.
Der Beamte nickte, bevor ich mich umwandte und im Flur verschwand, in dem sich meine Garderobe befand. Rispo stand mit den Armen verschränkt da und starrte konzentriert auf seine Füße.
Ich berührte ihn sacht am Arm. „Josh, ich gehe“, flüsterte ich.
„Was?“ Er sah irritiert vom mit Glitzer bedeckten Boden auf.
„Sie wollen mir ein paar weitere Fragen auf dem Präsidium stellen“, murmelte ich und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.
Augenblicklich wurde Joshs sonst so harter, aufmerksamer Blick weich. „Okay. Mach dir keine Sorgen. Das ist reine Routine.“
Das wusste ich. Angst hatte ich trotzdem.
Josh sah über meine Schulter, sein Blick flog von einer Seite des Wohnzimmers zur anderen, bevor er nach vorne trat und mich in den Arm nahm. „Alles wird gut, Lou“, raunte er und strich mir beruhigend über den Rücken. „Du bist keine Mörderin, die Polizei weiß das. Glaub mir. Erzähl dem Kollegen einfach alles, was du weißt. Und wenn sie fragen, ob sie eine Blutprobe von dir nehmen dürfen, sag Ja. Wenn dich wirklich jemand unter Drogen gesetzt hat, kann das nur von Vorteil sein.“
Dieser Satz kam mir auf mehreren Ebenen falsch vor, aber ich nickte nur zitternd und vergrub meine Nase in seiner Halsbeuge, um seinen vertrauten Geruch nach Vanille, Wald und Rispo einzuatmen.
Automatisch verlangsamte sich mein Herzschlag. Ich war nicht allein und Rispo glaubte, dass alles gut werden würde. Er würde mich nicht anlügen.
Josh löste sich von mir und schob mich an den Schultern ein Stück von sich weg. „Hol dir keinen Anwalt, Lou, das wirkt schuldig. Zeig, dass du nervös bist. Nur Psychopathen sind nicht nervös, wenn sie wegen eines Mordes befragt werden. Lass sie jeden Test machen, den sie wollen, und gib ihnen dein Handy, wenn sie es dir nicht schon abgenommen haben.“
„Ich weiß nicht, wo mein Handy ist“, sagte ich kopfschüttelnd. „Es war nicht in meiner Tasche.“
„Okay, wenn es hier ist, werden wir es finden.“
„Gut.“ Ich atmete tief durch die Nase ein und stieß die Luft durch den Mund wieder aus, bevor ich ihm in die dunklen Augen sah. „Ich habe Angst, Josh. Anders Angst als sonst.“
„Ich weiß. Aber alles wird gut“, wiederholte er und drückte meine Hand. „Fahr nach der Befragung einfach zu mir. Ich habe Bier und Schokoladenkuchen im Kühlschrank.“
„Seit wann kaufst du Schokoladenkuchen?“, fragte ich verwirrt und wischte mir ein, zwei Tränen von den Wangen. Rispo war einer dieser Männer, die der Religion angehörten, in der das Fitnessstudio der Tempel und Zucker der Teufel war. Ein bekennender Bescheuertist also.
Er hob einen Mundwinkel. „Seit ich mit dir zusammen bin.“
Ich lächelte wacklig. „Du bist ein guter Mann, Joshua Rispo.“
„Sag das nicht zu laut, ich habe einen Ruf zu wahren.“
„Natürlich“, bemerkte ich und zog meine Jacke vom Haken.
Alles würde gut werden. Und wirklich: Es hätte schlimmer kommen können. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht hätte sagen können, wie.

Drei Stunden später war ich bis auf die Knochen erschöpft.
Ich hatte so oft wiederholt, was ich erlebt hatte, dass ich keine Lust mehr hatte, zu reden – was ein durchaus besorgniserregender Zustand für mich war.
Ich war Tatverdächtige. Das hatten die beiden Polizisten, die mich vernommen hatten, mir direkt ins Gesicht gesagt. Meiner Meinung nach war das sehr unsensibel gewesen, ihrer Meinung nach schrieb ihnen das Protokoll vor, dass sie mich darüber informieren mussten. Nichtsdestotrotz dürfe ich gehen, solle aber die Stadt nicht verlassen. Ich hatte mich außerdem regelmäßig beim Präsidium zu melden, damit sie sichergehen konnten, dass ich nicht türmte. Sie ließen nicht gerade subtil durchblicken, dass mir damit eine Sonderbehandlung zuteilwurde. Dass es anderen, die nicht Louisa „Ach die schon wieder!“ Manu waren, schlechter erging. Und dennoch … Was zum Teufel? Ich war kein Schwerverbrecher. Ich ging ja noch nicht einmal bei Rot über die Ampel und jetzt hatten sie Angst, dass ich mich nach Kuba absetzte?
Ich trat nach draußen an die frische Luft, um dem mitleidigen Blick der Rezeptionistin zu entgehen, und atmete zitternd ein. Die Sonne schien verräterisch auf mein Gesicht und erinnerte mich daran, dass heute ein wundervoller Tag hätte sein können.
Im Grunde genommen war ich ein optimistischer Mensch. Aber selbst mir fiel es schwer, etwas Gutes an meiner derzeitigen Situation zu finden. Einige Herzschläge lang schloss ich die Augen und konzentrierte mich einzig und allein auf den Gedanken, dass ich unschuldig war. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen, ich … scheiße, ich hatte doch nichts getan, oder?
„Da bist du ja.“
Ich schrak zusammen, als mich jemand an der Schulter berührte. Es war Emily, die zusammen mit Trudi an der Hauswand neben dem Präsidium lehnte.
„Meine Güte, erschrick mich doch nicht so!“
„Also dafür, dass du selbsternannte Detektivin bist, bist du sehr unaufmerksam“, bemerkte Emily schnippisch. „Wir haben uns wahrlich nicht versteckt.“
„Entschuldige“, sagte ich seufzend. „Ich bin nur etwas … angespannt.“
Emmi winkte ab. „Jaja, kein Problem. Dabei solltest du dir doch am wenigsten Gedanken machen. Du bist nicht vorbestraft und schläfst mit einem Kommissar, der sehr wütend wird, wenn man dich schlecht behandelt. Ich hingegen bin schon im System. Gott, ich habe in meinem Leben noch nicht so geschwitzt. Es ist scheiße, von der Polizei vernommen zu werden. Wieso hast du mir das nie gesagt, Lou?“
„Ich dachte, es wäre allgemein bekannt, dass es unangenehm ist, des Mordes verdächtigt zu werden“, gab ich schulterzuckend zu.
„Ja, schon, aber sie waren alle so schrecklich sachlich! Ich mag es nicht, wenn Menschen nur nach Logik und gesundem Menschenverstand handeln. Das ist nicht normal.“
Natürlich nicht. Deswegen war sie ja mit Finn zusammen. „Wir sollten nicht weiter im Eingang der Polizei herumlungern“, schlug ich vor und zog Trudi und Emmi die zwei Stufen hinunter auf den davorliegenden Parkplatz.
„Ihr müsst euch beide beruhigen“, sagte Trudi großmütterlich und tätschelte mir den Kopf. „Ist doch alles halb so wild. Wir werden den Täter schon schnappen.“
„Wir?“, fragte ich besorgt.
„Natürlich wir“, sagte Trudi fröhlich. „Wer denn sonst? Etwa die Polizei?“
Ich kratzte mich am Kopf und zog eine Grimasse. „Nun … ja.“
Ungläubig sah Emmi mich an. „Ist das dein Ernst? Du, Miss Ich-mische-mich-überall-ein, willst nicht herausfinden, wer versucht, uns einen Mord anzuhängen?“
Unbehaglich verschränkte ich die Arme vor dem Körper. Natürlich würde ich mich kopfüber in den Fall stürzen. Was für eine dämliche Frage. Ich war sehr schlecht darin, persönliche Anliegen an andere Personen abzugeben. Gleichzeitig wollte ich jedoch nicht wie das letzte Mal an einen Stuhl gefesselt in einem Tierkäfig aufwachen. Todesangst war einfach kein Gefühl, das ich genoss. Ich liebte Trudi und Emily über alles. Aber mit ihnen auf Mörderjagd zu gehen, war, wie einen verpeilten, sehr alten Chihuahua, der zu viel Gras rauchte, gegen Godzilla antreten zu lassen. Einfach … keine gute Idee.
„Komm schon, Lou. Wir machen das wie in diesem Film“, sagte Trudi aufgeregt. „Weißt du, was ich meine? Der Film mit diesen Männern?“
„Was?“
„Na, der Film mit diesen Männern und dem Alkohol in dieser Stadt?“
„Was?“, wiederholte ich.
„Na, du weißt schon. Einer von den Männern war dunkelhaarig?“
„Ah, war einer der anderen Männer blond?“
„Ja, genau“, meinte Trudi begeistert. „Du weißt also, wovon ich rede?“
„Nein“, sagte ich trocken.
„Ist doch klar, dass sie von Hangover spricht“, schaltete sich Emily augenverdrehend ein. „Und du nennst dich Blumendetektivin.“
„Ich nenne mich überhaupt nicht so! Die Zeitung macht das. Und in Hangover sterben sie an die hundert Mal beinahe!“
„Ja, beinahe!“, sagte Trudi mit erhobenem Zeigefinger. „Und wir sind sehr viel klüger als die bescheuerten Männer. Also: Sehen wir uns den Fall gemeinsam an?“
Nein. „Ich weiß noch nicht“, sagte ich vage. „Ich warte erst einmal ab, was Rispo mir nachher erzählt. Vielleicht löst sich das Ganze ja in Wohlgefallen auf.“
Emily schnaubte und sah mich mitleidig an. „Ist es schön in deiner Welt? Mit all diesen Regenbögen und Einhörnern?“
Nein, die Einhörner wurden gerade nämlich reihenweise abgestochen. Mit meinen Messern!
„Ich versuche, positiv zu denken, Emmi“, sagte ich gereizt.
„Positive Gedanken werden die Frau auch nicht wieder zum Leben erwecken.“
Damit könnte sie recht haben. „Egal“, stieß ich aus und lief weiter über den Parkplatz zu meinem Passat. „Sagt mir lieber, was das Letzte ist, woran ihr euch erinnert.“
„An den Barkeeper im Dreieck, der mir zu meiner baldigen Hochzeit gratuliert hat“, sagte Emmi sofort.
„An zwei mit Glitzer besprenkelte, zwielichtig aussehende Anzugträger, die einen roten Jutebeutel gefüllt mit Geld ausgetauscht haben und eine weinende rothaarige Frau, die mir von der Toilette entgegengekommen ist … und verdächtig aussah wie die Tote, wenn ich darüber nachdenke“, erklärte Trudi langsam, den Kopf schiefgelegt.
Mit offenen Mündern wandten Emmi und ich uns zur älteren Frau um.
„Was?“, fragte ich verdattert.
Missbilligend schnalzte Trudi mit der Zunge. „Du bist heute wirklich schwer von Begriff, Louisa.“
„Aber du meintest, du würdest die Tote nicht kennen!“
„Tue ich ja auch nicht. Oder kennst du jeden, dem du auf der Toilette begegnest?“
„Nein, natürlich nicht“, erwiderte ich perplex. „Aber … bist du dir sicher, Trudi?“
Meine ehemalige Angestellte runzelte angestrengt die Stirn. „Nein. Der Jutebeutel könnte auch lila gewesen sein. Wie bereits erwähnt: Meine Augen sind nicht mehr die Besten.“
„Glitzernde Männer, die Geld ausgetauscht haben?“, wiederholte Emmi langsam. „Bist du sicher, dass du nicht halluziniert hast? Wenn ich zu viel Gras rauche, glitzert bei mir auch alles. Und woher willst du wissen, dass in dem Beutel Geld war?“
Verärgert fixierte Trudi meine kleine Schwester. „Junge Dame, ich kann sehr wohl unterscheiden, ob jemand glitzert oder nicht. Und einen mit Geld gefüllten Beutel erkenne ich allein am Geruch. Diese Fähigkeit braucht man, wenn man reich heiraten möchte.“
Unschlüssig rang ich die Hände ineinander. Wenn ich ehrlich war, fiel es mir schwer, Trudis Worte für bare Münze zu nehmen. Das Gedächtnis der Zweiundsiebzigjährigen glich einem Schweizer Käse. Sie vergaß andauernd, ihre Herzmedikamente zu nehmen, und hatte letztens noch behauptet, mit einem Eichhörnchen gesprochen zu haben. Außerdem war sie halb blind.
„Hast du das der Polizei erzählt, Trudi?“, hakte ich vorsichtig nach.
„Natürlich“, sagte sie und reckte die Nase in die Höhe. „Aber die Herren Beamten schienen mich für senil zu halten.“
Ich konnte ihnen da wirklich keinen Vorwurf machen. Glitzernde Anzugträger? Waren wir in einem Travestieclub gewesen?
„Schön. Weißt du, wie die Anzugleute aussahen? Hast du ihre Gesichter gesehen?“
„Nein. Sie waren zu weit weg.“
Aber nah genug dran, um zu erkennen, dass sie Geld austauschten?
„Aber Moment.“ Ihr Gesicht erhellte sich. „Der eine hat mich an ein Pferd erinnert.“
Natürlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns wirklich jemand etwas in die Drinks gemischt hatte, stieg mit jeder Minute.
„Okay“, seufzte ich. „Falls dir noch irgendetwas einfällt …“
„… erzähle ich es dir morgen früh, wenn wir uns den Fall näher ansehen“, beendete Trudi meinen Satz und lächelte mich auffordernd an.
„Schön“, sagte ich. Nicht, weil ich vorhatte, Trudi in den Fall mit einzubeziehen, sondern einfach, weil ich furchtbar müde war und mich ins nächstbeste Bett legen wollte.
„Klasse“, sagte auch Emily, sichtlich zufrieden. „Treffen wir uns beim Laden?“
„Nein.“ Ich war mir noch nicht sicher, ob ich den Laden überhaupt öffnen würde. Ich konnte einen freien Tag gebrauchen. „Ich rufe euch an, okay?“
Beide nickten, und irgendwie fühlte ich mich schlecht dabei, sie anzulügen – aber noch schlechter fühlte ich mich bei dem Gedanken, mit ihnen auf Mörderjagd zu gehen. „Soll ich dich nach Hause bringen, Trudi?“
„Oh, nein. Mein Schnurzel holt mich ab. Aber danke“, sagte sie mit geröteten Wangen.
Ihr Schnurzel war Manfred. Ein ehemaliger Steuerberater Mitte siebzig, mit dem Trudi seit einigen Wochen ausging. Ich wusste nicht viel über ihn, außer dass er Trudis zwei Bedingungen erfüllen musste: Er war reich … und nicht allzu hübsch. Letzteres war sehr wichtig, damit ihre Freundinnen nicht eifersüchtig wurden. Allerdings konnte ich sein Aussehen noch nicht beurteilen, da ich noch nicht die Ehre gehabt hatte, ihn kennenzulernen.
„Mich darfst du mitnehmen“, sagte Emily. „Finn meint, er ist noch zu betrunken, um zu fahren.“ Sie lächelte fast schüchtern. „Er ist so verantwortungsbewusst.“
Das ließ ich mal unkommentiert.
Wir verabschiedeten uns von Trudi, die meinte, dass wir nicht auf sie warten sollten, und setzten uns ins Auto.
„Du musst echt schlechtes Karma haben“, bemerkte Emily kopfschüttelnd. „Langsam wird es auffällig, wie viele Leichen dir über den Weg … auf deinem Weg liegen.“
Langsam? „Ich weiß“, murmelte ich erschöpft und startete den Wagen. „Und das Schlimmste ist: Wir müssen Mama noch anrufen, um uns dafür zu entschuldigen, dass wir den Brunch verpasst haben.“
Emily verzog das Gesicht. „Willst du ihr von der Leiche erzählen?“
Von Wollen konnte hier nicht die Rede sein. Meine Mutter fand die Tatsache, dass ich als Hobby in Mordfällen herumstocherte, nicht sehr prickelnd. Ich hatte die Vermutung, dass es sich bei einer Leiche auf meinem Sofa ähnlich verhalten würde. „Besser sie erfährt es von uns, als aus der Zeitung, oder?“
„Wahrscheinlich.“
Ich fuhr Emily zu ihrer Wohnung, in der ihr Verlobter schon auf sie wartete. Bei dem Gedanken daran, dass meine kleine Schwester am Samstag heiraten wollte, stieg ein Schnauben in meinem Hals auf. Es erschien absurd, dass eine Frau, deren Bibel das Kamasutra war, vorhatte, in einer monogamen Ehe zu leben. Noch vor zwei Monaten hätte ich meinen kleinen Finger darauf verwettet, dass Finn und Emmi die Hochzeit bis zum heutigen Tag längst abgesagt hätten, aber dem war nicht so. Der Termin beim Standesamt stand fest, die Einladungen waren verschickt und ein annehmbar nuttiges Kleid gekauft worden. Und Emily war noch immer nicht in Panik ausgebrochen. Sie musste mehr Gras rauchen als sonst. Anders ließ sich ihre Gelassenheit nicht erklären.
Als ich vor ihrem Wohnungsblock hielt, reichte Emily mir wie selbstverständlich ihr Handy. „Ruf du an. Von dir ist sie es gewöhnt, dass du sie enttäuschst.“
„Na, vielen Dank auch.“
„Was denn? Es ist die Wahrheit.“
Ich verdrehte die Augen, tat jedoch, wie geheißen. Je länger ich das Telefonat vor mir herschob, desto schlimmer würde es werden. Ich wählte die Festnetznummer meiner Eltern und schaltete den Lautsprecher ein.
„Manu?“
„Hey, Mama“, sagte ich kleinlaut. Es war immer von Vorteil, möglichst schuldbewusst zu klingen.
„Louisa! Gott sei Dank. Alles in Ordnung? Ich habe tausendmal versucht, dich anzurufen. Wo wart ihr denn? Emily hat auch nicht abgehoben.“
„Ja, tut uns leid. Der gestrige Abend hat ein paar drastische Entwicklungen genommen und wir waren den ganzen Morgen beschäftigt. Wir sind aber wohlauf.“
Sie atmete erleichtert aus. „Gut.“
Mehr sagte sie nicht.
Ich hob die Augenbrauen in Emilys Richtung und wartete darauf, dass Mama fragte, was denn passiert sei. Als jedoch nach einer Minute noch immer nichts als Stille durch den Hörer drang, fuhr ich hastig fort: „Also, wir hatten heute Morgen einen kleinen Notfall. Eine Frau wurde auf meiner Couch erstochen und die Polizei denkt, dass wir es waren. Es ist aber sehr viel wahrscheinlicher, dass uns jemand unter Drogen gesetzt hat und wir überhaupt nichts getan haben. Ist auch egal. Auf jeden Fall konnten wir deswegen nicht kommen.“
Einige Momente lang herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Schließlich sagte meine Mutter: „Okay. Schlimme Dinge passieren, da kann man nichts machen. Ich hoffe, das klärt sich auf. Jetzt muss ich aber auch auflegen. Bis dann.“
Im nächsten Moment klickte es und unsere Verbindung war unterbrochen.
Ungläubig starrte ich auf das Handy. Was zum Teufel war gerade passiert? Ich hatte mit jeder Reaktion gerechnet – aber nicht damit. Meine Mutter ärgerte sich doch sonst immer schwarz darüber, wenn ich mal wieder gegen die nach der sozialen Norm anerkannte Anzahl von gefundenen Leichen verstieß.
Verwirrt wechselte ich einen Blick mit Emily. „Das war komisch, oder?“
„Nicht komischer als die tote Frau auf deiner Couch“, meinte meine Schwester achselzuckend, griff nach ihrem Handy und schnallte sich ab. Sie drückte mich kurz an sich und stieg dann aus.
Immer noch skeptisch sah ich ihr nach. Nein … die Reaktion meiner Mutter fand ich sehr viel merkwürdiger als die Tote auf meiner blutigen Couch.

 


 

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Kapitel 3

Rispos Wohnung war der Traum eines jeden OP-Teams.
Weiße und schwarze Möbel, saubere Oberflächen und kein Staubkorn weit und breit. Seit ich mit Josh zusammen war, hatte ich seine Wohnung kein einziges Mal im Chaos versinken sehen. Normalerweise beunruhigte mich diese Tatsache immer ein wenig, aber heute hieß ich die Ordnung und Reinlichkeit willkommen. Im Vergleich zu dem Durcheinander, das in meinem Kopf herrschte, war es eine echte Wohltat.
Ich schnappte mir ein Bier und den Schokoladenkuchen aus dem Kühlschrank und ließ mich auf Joshs Ledercouch fallen. Es erschien mir unsinnig, einen Teller dreckig zu machen, deswegen aß ich den Kuchen direkt aus dem Karton. Die Uhr zeigte kurz vor sechs an und die Sonne hing tief am Himmel, scheinbar unentschlossen, ob sie schon untergehen sollte.
Das letzte Adrenalin sickerte aus meinem Körper und ließ nichts als Erschöpfung und Angst zurück. Mir war irgendwie nach Weinen zumute, aber Rispo hatte keine Taschentücher, und Toilettenpapier tat meiner Nase weh, also ließ ich es. Verschmierte Mascara würde mir ohnehin nicht helfen. Zucker hingegen schon.
Ich hatte gerade ein Viertel des Kuchens in mich hineingestopft, als ich Rispos Schlüssel im Schloss hörte. Hastig stellte ich die Pappschachtel auf den gläsernen Couchtisch, dem ich einige Fettflecken hinzugefügt hatte – aber mal ehrlich: Glas war furchtbar unpraktisch! –, und sprang auf. Ich war an der Tür, bevor Rispo sie vollends geöffnet hatte.
„Hey“, sagte ich atemlos und betrachtete ihn von oben bis unten. Sein Hemd war verknittert, in seiner rechten Hand trug er eine Katzentransportbox, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und sein Bart war seit fünf Tagen kein Drei-Tage-Bart mehr. Kurzum: Er sah genauso erschöpft aus, wie ich mich fühlte.
„Hey“, antwortete er knapp und stellte den Korb ab, bevor er die Arme um mich legte und mich fest an sich drückte.
Obwohl mir die Luft aus den Lungen getrieben wurde, hatte ich augenblicklich das Gefühl, wieder frei atmen zu können.
„Wie geht’s dir?“, flüsterte er, seine Wange an meinen Scheitel gepresst.
„Jetzt besser“, murmelte ich wahrheitsgemäß, schloss die Augen und schluckte den Kloß hinunter, der sich wagemutig erneut in meinen Hals gestohlen hatte. Rispo flocht die Arme enger um mich und küsste mich auf die Schläfe.
„Haben sie dich gut behandelt?“
Ich nickte. „Ich wurde von Kramer befragt und er hat mir ein Snickers gegeben. Warum ist er noch nicht verheiratet? Er versteht die Frauen.“
„Kramer ist ein guter Polizist.“
„Ja. Gut, aber schwerhörig. Ich musste viermal sagen, dass ich mich nicht daran erinnere, was passiert ist, bevor er mich verstanden hat.“
Ich konnte spüren, wie Josh die Mundwinkel verzog. „Das ist leider die Lieblingsausrede eines jeden Verdächtigen.“
„Ich bin nicht jeder Verdächtige!“
„Das ist mir klar. So wie jedem anderen Polizisten Kölns. Mann, Mann, Mann. Als wärst du nicht schon berühmt genug im Präsidium.“
„Und trotzdem habe ich keine Weihnachtskarte bekommen.“
„Weihnachtskarten kann sich die Polizei nicht leisten. Wir geben all unser Geld für unnötigen Firlefanz wie Waffen und Kabelbinder aus.“
Ich nickte. Das ergab Sinn. Ich würde der Polizei großzügig verzeihen – solange sie so schnell wie möglich den echten Mörder der Rothaarigen fand.
„Tut mir übrigens leid, dass ich heute Morgen nicht für dich da war. Ich wollte mir den Tatort so gut wie möglich ansehen, bevor sie mich rausschmeißen.“
„Rausschmeißen?“, fragte ich verwirrt und zog widerstrebend den Kopf unter seiner Wange hervor, um ihn ansehen zu können. „Warum sollten sie das tun?“
„Na ja, sie haben mir den Fall selbstverständlich entzogen.“
Verdutzt blinzelte ich zu ihm hoch. „Was?“
„Ich bin nicht der leitende Ermittler des Mordfalls.“
Ich öffnete perplex die Lippen. „Du wirkst nicht überrascht.“
Schnaubend sah er mich an. „Natürlich nicht. Ich habe einen eindeutigen Interessenkonflikt. Mir war vollkommen klar, dass ich den Fall nicht übernehmen darf. Ich bin persönlich zu involviert.“
„Wie das?“
„Ich schlafe mit der Mordverdächtigen.“
Mein Mund klappte auf. „Oh mein Gott, das bin ich!“, sagte ich schockiert.
Ich war noch nie ein Interessenkonflikt gewesen, und ehrlich gesagt hätte mir ein anderer Spitzname besser zugesagt.
„Aber … wer kriegt dann den Fall?“, fragte ich beunruhigt. Mir gefiel es nicht, dass Josh nicht der Verantwortliche für die Mördersuche war. Ich vertraute ihm und seinen Fähigkeiten. Denen der anderen Polizisten … nicht so sehr.
„Keine Ahnung.“ Josh zuckte die Achseln. „Haben sie mir nicht gesagt. Alles, was ich gehört habe, war: Blabla, bla, bla, bla … du hast Sex mit Louisa Manu, blabla, sie ist die Hauptverdächtige, bla, du darfst den Fall nicht einmal mit dem kleinen Finger berühren.“
„Sie verdächtigen mich also immer noch?“, fragte ich unsicher. „Haben sie mein Blut nicht schon getestet? Ich muss unter Drogeneinfluss gestanden haben! Ich hatte in meinem Leben noch kein Blackout. Außerdem war ich es, die die Polizei gerufen hat! Zählt das denn gar nicht?“
Beruhigend strich Josh mir über den Rücken. „Es dauert bis zu vierundzwanzig Stunden, bis dein Blut getestet wurde und … nun, du bist eine hervorragende Verdächtige. Es ist deine Wohnung, deine Couch und es sind deine Fingerabdrücke auf dem Messer.“
„Natürlich sind meine Fingerabdrücke auf dem Messer! Es ist mein Messer! Ich koche damit.“
Skeptisch sah Josh mich an.
Ich verdrehte die Augen. „Na schön, ich öffne Briefumschläge damit. Ist doch egal. Es läuft auf dasselbe hinaus.“
Seufzend löste ich mich von ihm, um mir vom Couchtisch mein Bier zu holen. „Ich fühle mich überhaupt nicht wohl als Mordverdächtige“, gab ich zu.
„Das finde ich sehr beruhigend. Trudi scheint diese Rolle nämlich viel zu sehr zu genießen.“ Josh durchquerte sein Wohnzimmer und holte sich ebenfalls ein Getränk aus dem Kühlschrank. „Mein Kollege meinte, dass er noch nie mit jemandem geredet hätte, der so begeistert von einem Mord in seinem Wohnzimmer war.“
Na ja, es war ja auch mein Wohnzimmer, nicht ihres. „Hast du ihm gesagt, dass Trudi in der Hinsicht einfach ein bisschen übereifrig ist?“
Josh hob einen Mundwinkel und ließ sich neben mich auf die Couch sinken. „Ich glaub, das war ihm sehr schnell selbst klar.“
„Gut.“ Ich sackte zurück in das Polster und lehnte mich seitlich gegen Joshs Schulter. Ich brauchte die Nähe. „Weißt du, wann ich zurück in meine Wohnung kann?“ Und wie man Blutflecken aus einer Couch bekommt?
„Ich fürchte, das kann mehrere Tage dauern“, sagte er entschuldigend und legte einen Arm um meine Schultern. „Warum denkst du, habe ich deinen verhaltensgestörten Kater mitgebracht?“ Er nickte zum Transportkorb an der Tür.
Den hatte ich schon fast wieder vergessen. „Twinky ist nicht gestört, nur besonders“, verteidigte ich mein Haustier sofort und erhob mich wieder von der Couch, um ihn aus der Box zu lassen.
„Besonders gestört“, bestätigte Rispo. „Er hält sich für einen Hund und apportiert!“
„Jeder Kater braucht ein Hobby“, sagte ich verärgert und kniete mich auf den Boden, um Twinky zu streicheln. Der interessierte sich jedoch nicht für mich, sondern schoss direkt los, um die Wohnung zu erkunden. Ich konnte gerade noch sehen, dass seine Schnauze blutfrei war. „Hast du ihn gewaschen?“, wollte ich verdutzt wissen, bevor ich mich wieder neben Josh setzte.
„Nachdem die Spurensicherung mit ihm fertig war, ja. Ich dachte, du hättest ihn lieber ohne blutige Schnurrhaare.“
Damit hatte er richtig gelegen.
„Du kannst gerne bei mir einziehen, bis deine Wohnung kein Tatort mehr ist“, bot Josh an und küsste mich auf den Kopf, den ich auf seiner Schulter abgelegt hatte. „Einen Schlüssel hast du ja ohnehin schon.“
Ich nickte. „Danke.“
„Kein Problem“, murmelte er und malte Kreise auf meine Schulter. Einige Herzschläge lang saßen wir einfach nur so da. Starrten aus der Fensterfront gegenüber, die auf ein kleines Waldstück hinauszeigte, und bewegten uns nicht.
Schließlich flüsterte ich: „Josh. Was ist, wenn … wenn ich es war?“
Sofort spannten sich seine Schultern an. „Was?“
„Wenn ich schuldig bin“, sprach ich die Angst aus, die sich innerhalb der letzten Stunden langsam, aber stetig durch mein Herz gefressen hatte. „Wenn ich die Frau wirklich … getötet habe, mich aber nicht mehr daran erinnere.“
„Schwachsinn. Niemand von euch hat sie umgebracht.“
Er sagte das so leicht. „Was ist daran Schwachsinn?“, beharrte ich. „Der halbe gestrige Abend ist ein schwarzes Loch! Vielleicht hat sie mich überrascht, als ich nachts in die Küche gegangen bin, um etwas zu trinken, und vor Schreck habe ich sie umgebracht! Dann bin ich wieder schlafen gegangen und habe es vergessen.“
„Lou“, sagte Rispo ernst und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände, um mich mit dunklem Blick zu fixieren. „Du bist unfähig dazu, jemanden zu töten.“
„Woher willst du das wissen?“
„Erstens: Weil dir die nötige Kraft und nicht zu vergessen der nötige Gleichgewichtssinn fehlt. Und zweitens: Weil ich sonst längst unter der Erde läge! Ich will mich ja nicht selbst loben, aber so gut wie ich ist niemand darin, dich wütend zu machen! Wenn jemand dran glauben müsste, dann wäre ich der Erste.“
Mhm. Da war etwas sehr Wahres dran. Dennoch … „Ich hätte aus Selbstverteidigung –“
„Wenn es Selbstverteidigung war, hast du dir nichts zuschulden kommen lassen“, sagte Josh eindringlich und strich sacht mit seinen Daumen über meine Wangen. „Aber ich bin davon überzeugt, dass weder Opfer noch Täter eingebrochen sind. Deine Tür war zu. Das Schloss unbeschädigt. Die Fenster geschlossen.“
Ich atmete tief durch, um meinen auf ein Neues in die Höhe geschossenen Puls zu beruhigen. „Was … was glaubst du dann?“
„Dass du zur falschen Zeit am falschen Ort warst. Und seien wir ehrlich: Das ist dein geheimer Fluch.“
Ich betrachtete diesen Umstand normalerweise eher als meine Superkraft, aber in diesem Kontext konnte ich ihm nicht widersprechen. „Aber wie kam die Leiche dann in mein Wohnzimmer, wenn die Tür verschlossen war?“
„Das weiß ich nicht … aber meine erste Frage an dich wäre: Wo sind deine Haustürschlüssel?“
„In meiner Handtasche.“
Josh ließ die Hände zu meinen Schultern gleiten und hob eine Augenbraue. „Bist du sicher?“
„Natürlich“, sagte ich sofort und lehnte mich über die Armlehne der Couch, um meine Tasche zu bergen. „Sie sind immer in meiner Seitentasche, sie …“, … waren nicht da. Fahrig öffnete ich auch den anderen Reißverschluss und durchsuchte den gesamten Inhalt, bevor ich die Tasche umstülpte und auf Joshs Glastisch verteilte. Tampons, Lipgloss, alte Kassenbelege … keine Schlüssel.
„Sie sind weg“, stellte ich verblüfft fest.
„Gut.“ Josh atmete erleichtert aus. „Dann denke ich, dass irgendjemand euch unter Drogen gesetzt, dir den Schlüssel entwendet, die Rothaarige getötet und dann auf deine Couch gepflanzt hat, um die Polizei von seiner eigentlichen Spur abzulenken.“
Ich schluckte. Nichts an diesem Satz gefiel mir. „Das hört sich … nach langer Hand geplant an.“
„Nicht unbedingt. Du warst vielleicht einfach ein leichtes Opfer und jemand hat seine Chance gesehen.“
„Du glaubst also nicht, dass es etwas Persönliches war?“
Ich hatte mir in den letzten zwei Jahren nicht unbedingt viele neue Freunde gemacht. Den ein oder anderen Menschen hatte ich durchaus zur Weißglut getrieben, nicht zu vergessen in den Knast verfrachtet. Auch wenn ich dafür nicht alle Lorbeeren einheimsen konnte.
Josh hob die Schultern. „Ich kann es nicht sagen. Aber willst du was Verrücktes hören?“
„Verrückter als Trudi mit pinken Haaren, ein Goldfisch in meiner Badewanne und eine tote Frau auf meinem Sofa?“
„Ähnlich verrückt.“
„Okay.“
„Ich kenne das Opfer.“
Abrupt fuhr ich von seiner Schulter hoch und starrte ihn mit offenem Mund an. „Was? Und das sagst du mir erst jetzt?“
Er kratzte sich mit dem Zeigefinger an der Schläfe. „Na ja, ich habe noch nicht ausgeschlossen, dass es ein dämlicher Zufall ist.“
Ich prustete ungläubig. „Wer ist sie?“
„Jorina Stelz. Eine Tänzerin, die Zeugin in einem Drogenkartell-Fall vor ein paar Monaten war.“
„Der extrem mühsame Fall, bei dem ihr nie irgendetwas erreicht habt?“, erinnerte ich mich stirnrunzelnd.
„Jap.“ Josh fuhr sich mit der Hand durch die Haare und stieß einen Schwall Luft aus. „Beschissener Fall. Die Täter waren uns immer einen Schritt voraus. Jeder Standort, den wir hochnehmen wollten, wurde frühzeitig geräumt. Jeder Hinweis ist ins Leere gelaufen. Jorina haben wir nie aktiv verdächtigt, aber …“ Er hielt inne und rieb sich nachdenklich mit der Faust übers Kinn. „Sagen wir einfach, ich hatte ein schlechtes Gefühl bei ihr. Egal, ich glaube, wenn überhaupt, war sie ohnehin nur ein kleiner Fisch im großen Haifischbecken. Sie hat höchstens vertickt, aber nicht importiert. Wie auch immer: Jetzt ist sie tot.“
Ich verengte die Augen und ein schaler Geschmack bildete sich in meinem Mund. Dieser Fall stank bereits jetzt wie ein ungewaschenes Stinktier, und auf einmal kribbelten meine Füße und Hände. Warum saß ich eigentlich noch untätig auf der Couch herum?
Ich streckte die Schultern durch. „Haben sie eigentlich mein Handy gefunden?“, fragte ich beiläufig.
Josh schüttelte den Kopf. „Soweit ich weiß nicht.“
„Also habe ich es gestern Nacht irgendwo verloren. Zusammen mit meinen Schlüsseln“, überlegte ich laut und mein Blick flackerte zur Wohnungstür. „Vielleicht sollte ich zu dieser Bar fahren, dem Dreieck, und nachfragen, ob sie mein Zeug gefunden haben.“
Josh presste die Lippen zusammen und sah mich finster an, die Hände in seinem Schoß verschränkt. „Du willst zu der Bar fahren, in der du gestern womöglich unter Drogen gesetzt wurdest?“
Ich gab mir wirklich Mühe dabei, das Blut daran zu hindern, in mein Gesicht zu fließen. Aber diese Macht besaß ich einfach nicht. „Ähm … ja“, sagte ich etwas dümmlich, friemelte mit den Fingern an meinem T-Shirtsaum herum und räusperte mich. „Um mein Handy zu suchen.“
„Natürlich.“ Rispo sagte das Wort so trocken, dass ich meinte, Staub aus seinem Mund kommen zu sehen. Schließlich atmete er tief durch und nickte. „Alles klar, ich zieh mich nur kurz um.“
„Was?“, fragte ich verblüfft. „Du musst nicht mitkommen. Ich kann allein den Boden nach meinem Telefon absuchen.“
„Bitte.“ Rispo schnaubte laut. „Sobald ich dich allein lasse, rennst du doch sowieso los, um dich kopfüber in Angelegenheiten zu stürzen, die viel zu gefährlich für dich sind. Oder noch schlimmer: Du rennst zusammen mit Emily und Trudi los! Den inkompetentesten Recherchepartnern der Weltgeschichte. Und dann wirst du dem Barkeeper einen Haufen wenig subtiler und noch dazu wahrscheinlich unangenehmer Fragen stellen, während der Mörder aus Versehen zuhört, Panik bekommt, dir ein paar Morddrohungen hinterlässt, die du mir natürlich verschweigst, bis er dich mit einer Harpune jagt und deinen Körper im Rhein verschwinden lässt. Und da mir eine tote Freundin nicht viel Freude, sondern nur einen Haufen Papierkram und Schuldgefühle bringen wird: Ja. Ich komme mit.“ Er stand auf und streckte sich.
„Weißt du, was ich an dir liebe?“, fragte ich seufzend und legte die Hand dramatisch auf meine Brust. „Du siehst immer den Silberstreif am Horizont.“
„Jaja, ich weiß. Ich bin das optimistische rosa Einhorn deiner Träume“, meinte er grimmig und winkte ab. „Wenn du einen positiveren Freund haben willst, musst du mit einem Glücksbärchi anbandeln.“
„Du kennst die Glücksbärchis?“, fragte ich zweifelnd. „Ich hätte fest damit gerechnet, dass sie in der dunklen, feuchten Höhle, in der du aufgewachsen sein musst, keinen Empfang hatten.“
Einer von Rispos Mundwinkeln zuckte. „Nein, die hatten eine Satellitenschüssel“, stellte er klar, beugte sich zu mir hinunter und küsste mich fest auf den Mund. „Gib mir fünf Minuten, dann kann ich dir auf der Autofahrt erklären, warum du dich nicht noch weiter reinreiten solltest, indem du selbst auf Mördersuche gehst.“
Ach, die Rede kannte ich schon. Sie war langweilig. „Oder: Du schweigst auf der Fahrt einfach und lässt mich stattdessen erzählen, woran genau ich mich von gestern Abend erinnere“, schlug ich vor.
„Schön“, knurrte Rispo. „Du würdest mir ja ohnehin nicht zuhören.“
Er kannte mich gut.

„Ich finde es übrigens sehr lobenswert von dir, dass du mich endlich bei meinem Hobby unterstützt“, informierte ich Josh eine Dreiviertelstunde später, als er in Nippes in einer Seitenstraße parkte, die von einem Rewe und einem McDonalds-Restaurant eingekesselt wurde.
„Das ist keine Unterstützung. Das ist Überwachung. Das verwechselst du“, meinte er und stellte den Motor ab. „Kennst du nicht den Spruch? Big Brother is …“
„… trusting you?“, beendete ich den Satz für ihn mit gehobenen Augenbrauen, bevor ich mich abschnallte. „Doch, der ist mir bekannt. Aber du solltest dich niemals als meinen großen Bruder bezeichnen, während du Nacktbilder von mir auf deinem Handy hast.“
Verwirrt runzelte Rispo die Stirn und sah in meine Richtung. „Ich habe keine Nacktbilder von dir.“
„Ach richtig. Ich bin es, die Bilder von dir hat“, bemerkte ich scheinheilig und öffnete die Tür. „Hoffen wir, dass die Polizei mein Handy, falls wir es finden, nicht allzu gründlich durchsucht.“
„Oh Gott“, stöhnte Josh und zog den Schlüssel ab.
Ich grinste. Er hatte schließlich keinen Grund, sich zu schämen.
Nippes war ein beschaulicher, multikultureller Kölner Stadtteil, der eine Reihe verschiedener Szenebars, normaler Bars, Hipster-Bars, altkölscher Bars, abgeranzter Bars, aber vor allem alte Wohnhäuser beherbergte. Das Dreieck gehörte in die Kategorie hipsterige Abranzbar. Kein Wunder, dass Emily unbedingt hierhergehen hatte wollen.
Eigentlich hatte meine Schwester einen größeren Junggesellinnenabschied geplant. Das Problem war, dass sie vergessen hatte, mir zu erzählen, dass ich ihre Brautjungfer war. Dementsprechend hatte ich nur genickt, als sie mir das Datum ihres Junggesellinnenabschieds genannt hatte, unwissend darüber, dass ich es war, die ihn organisieren sollte. Als sie mich Samstagfrüh fragte, wer denn alles am Abend mitkommen würde, hatte ich äußerst dumm aus der Wäsche geguckt und sie gefragt, woher ich das denn wissen solle.
Gott sei Dank war Emily ein sehr entspannter Mensch – vermutlich wegen all dem Gras, das sie rauchte – und hatte angesichts des Missverständnisses nur gelacht. Keine ihrer anderen Freundinnen hatte so spontan noch Zeit gehabt – bis auf Trudi, die sich mit dem Versprechen, Brownies mitzubringen, eine Karte für den Junggesellinnenabschied erkauft hatte.
„Wie war eigentlich Finns Ehrenabend?“, wollte ich von Josh wissen, als wir die dunkle Straße entlangwanderten, immer auf das rote Dreieck zu, das innovative Logo der Bar.
„Nicht ganz so ereignisreich wie Emilys, würde ich sagen. Wir haben gepokert und Bier getrunken.“
„Wie viel Bier?“, fragte ich betont beiläufig.
Rispo lächelte breit. „Ich war nicht betrunken, Lou, und nein, es gibt keine Videoaufzeichnung davon.“
Mist. In den letzten Monaten hatte ich ein neues Lebensziel für mich entdeckt: Josh einmal betrunken erleben.
Ich hatte die schlechte Angewohnheit, ihm peinliche Mailboxnachrichten zu hinterlassen, wenn ich trank, und war der Meinung, dass er mir den Gefallen erwidern sollte.
Doch er mochte es nicht, die Kontrolle zu verlieren, deswegen übertrieb er es nie. Seine Selbstbeherrschung war im Bett wirklich vorteilhaft, aber in all den anderen Lebensbereichen leicht nervig. Nur einmal wollte ich sehen, wie er Schwachsinn laberte und gegen einen Mülleimer lief, weil er nicht mehr geradeaus schauen konnte. War das zu viel verlangt?
„Nicht mehr in diesem Leben, Lou“, murmelte Josh entschuldigend, drückte mich an der Schulter kurz an sich und hielt mir dann die Tür zur Bar auf.
Der Geruch nach schalem Bier, Schweiß und Marihuana wehte mir entgegen. Meine Augen tränten und ich musste mehrfach blinzeln, bis meine Sehkraft wieder zur Gänze funktionstüchtig war. Ja, hieran erinnerte ich mich.
Der im Schlauch angelegte Innenraum hatte türkise Wände, eine mit Film- und Musikpostern plakatierte Bar und einen alten Holzboden, aus dem Splitter in der Größe von Kölschgläsern ragten. Große, bronzene Industrielampenschirme hingen von der Decke und farblich passende runde Barhocker säumten die Theke. Ich hatte nie ganz verstanden, warum, aber der Ranzchic war in. Ob Student, Hipster oder Männer Mitte vierzig, die ihrer verlorenen Jugend nachjagten, sie alle fühlten sich mit zerkratzten Vintage-Stühlen, aufdringlicher Musik und befleckten Blumenpolstern am wohlsten. Um es kurz zu sagen: Diese Bar sah genau wie ein Ort aus, an dem einen Drogen untergejubelt wurden.
Es war noch nicht ganz sieben, deswegen vergleichsweise leer. Einige Studenten saßen in einer der Polsternischen, die sich an den Wänden reihten, und ein Barkeeper mit fransigen blonden Haaren, die unter seinem roten Basecap hervorlugten, zapfte Kölsch hinter der Theke.
„Der Typ hat uns auch gestern bedient“, wisperte ich Rispo zu. „Ich erinnere mich an die Kappe. Ich habe ihn nämlich gefragt, für welches Sportteam das PD darauf steht und er konnte es mir nicht sagen.“
„Für die Philadelphia Delphies. Eine Baseballmannschaft“, murmelte Josh abwesend, dessen Blick aufmerksam durch den Raum flog. Sicherlich auf der Suche nach Hinweisen und Notausgängen.
„Aha“, meinte ich tonlos. „Ich werde nicht einmal so tun, als würde ich die kennen.“
„Hatte ich nicht erwartet. Du solltest mit dem Barmann reden. Du bist sympathischer als ich.“
Das war eine sehr wahre Aussage. Rispo strahlte eine etwas düstere Energie aus. Wie ein Glühwürmchen … nur in, nun, düster. Das brachte Frauen zwar dazu, sich an seinen Hals zu schmeißen – mein triebgesteuertes Ich miteingeschlossen –, aber den Rest der Weltbevölkerung verleitete es dazu, vor ihm zurückweichen. Und heute war Josh angespannter als sonst, was seinem ohnehin schon knapp bemessenen Geduldsfaden nicht zugutekommen würde. Es war schön, dass er reflektiert genug war, mir den Vortritt zu lassen.
„Alles klar“, meinte ich und zwängte mich zwischen zwei Barhockern zum Pseudo-Baseballfan durch. „Hey“, sagte ich und setzte mein freundlichstes Lächeln auf.
„Ah, hallo“, erwiderte der Barmann und seine Miene erhellte sich. „Dich kenne ich doch. Hast du nicht gestern bei uns Karaoke gesungen … obwohl wir keine Karaokemaschine haben?“
Richtig. „Das hört sich nach mir an“, bestätigte ich. „Ich habe etwas zu viel getrunken – muss aber eine fantastische Sängerin sein, wenn du dich noch an mich erinnerst. Ich bin Louisa Manu.“ Lächelnd reichte ich ihm die Hand über die Theke. „Und du?“
„Steffen Dürer“, meinte er und ergriff sie.
„Nett, dich kennenzulernen, Steffen. Da wir gerade bei betrunken sein waren … Alkohol ist tatsächlich der Grund, warum ich hier bin. Ich scheine mein Handy und meine Schlüssel verloren zu haben. Wurden sie zufällig hier gefunden?“
„Keine Ahnung“, meinte er achselzuckend. „Eine Kollegin von mir hat gestern aufgeräumt. Ich hatte Feierabend, kurz nachdem deine lustige Truppe weitergetorkelt ist. Aber vielleicht ist ja was in unserer Fundgrube gelandet. Lass mich mal nachsehen.“ Er nickte mir zu und verschwand durch eine Schwingtür in den hinteren Teil der Bar.
Ungeduldig ließ ich meine Finger auf das Holz prasseln, während ich mich an Rispo wandte, der noch immer den Blick schweifen ließ.
„Irgendetwas entdeckt?“, wollte ich wissen.
„Ja …“, sagte Josh langsam und verengte die Augen. „Der Typ da hinten hat zwei unterschiedliche Socken an. Warum tut jemand so etwas?“
Ich schnaubte. Rispo hatte nur schwarze Socken, alle von derselben Marke, damit ihm das nicht passieren konnte. Und da behauptete er immer, ich hätte Probleme. „Alle erzählen mir andauernd, was für ein hervorragender Polizist du bist … und du denkst nur an Socken.“
„Du denkst nur an Schokolade, was ist da der Unterschied?“, wollte er interessiert wissen.
Schockiert legte ich die Hand auf die Brust. „Also, wenn du behauptest, dass Socken und Schokolade von gleichem Wert sind, muss ich anfangen, unsere ganze Beziehung zu hinterfragen!“
Josh grinste und tätschelte mir beruhigend die Schulter. „Prioritäten, Lou. Prioritäten. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Nein. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken. Aber diese Bar ist recht klein und wenn eine Menge Leute hier drin sind, sicherlich sehr unübersichtlich. Es fällt mir nicht schwer, mir vorzustellen, dass jemand euch unbemerkt etwas untergemischt hat.“
Ja, mir auch nicht.
Die Klapptür ging auf und der blonde Nicht-Baseballfan kam zurück an die Theke. „Sorry“, sagte er und zog eine Grimasse. „Bei uns wurde nichts abgegeben. Weder Schlüssel noch Handy.“
Scheiße. Wo sollte ich denn bitte als Nächstes suchen, wenn ich mich nicht daran erinnern konnte, wo ich gewesen war?
„Schade“, sagte ich enttäuscht. „Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht mehr, wann ich die Sachen zuletzt gesehen habe … erinnerst du dich zufällig daran, ob ich das Handy noch in der Hand hatte?“
„Nee“, sagte der Typ sofort.
„Okay … und du hast auch nichts Auffälliges beobachtet?“
„Auffällig?“, wiederholte er zweifelnd und rückte sich die Kappe auf dem Kopf zurecht. „Was soll das heißen?“
„Na, ob jemand sich merkwürdig verhalten hat, mich intensiv angesehen hat, sehr nah an meiner Handtasche stand …“
Mein Gegenüber prustete. „Entschuldige. An einem Samstagabend sind hier alle so voll, dass jeder auffällig ist.“
Ich seufzte unzufrieden und wippte auf meine Fersen zurück. Der Typ war wirklich nicht hilfreich. „Ich weiß“, sagte ich leicht gereizt. „Aber es könnte ja sein, dass du dich dennoch daran erinnerst, ob …“
„Ich schwöre, ich habe keine Ahnung“, unterbrach der Jüngling mich nun sichtlich genervt. „Ich bin Barkeeper, ich schenke Drinks aus. Ich sehe Alkohol und Gläser. Alles andere um mich herum verwischt zu einer dicken, bunten Masse. Und wie gesagt: Es war gerappelt voll. Alle benehmen sich peinlich, alle drängen sich irgendwem auf, alle greifen in irgendwelche Taschen, die ihnen vielleicht gar nicht gehören und …“
Rispo schlug so fest mit der flachen Hand auf den Tresen, dass ich zusammenzuckte und rückwärts gegen seine Brust stolperte.
„Es reicht“, sagte er scharf, knackte mit dem Kiefer und visierte sein Gegenüber mit dunklem Blick. „Wenn der sympathische Weg nicht funktioniert, benutzt man einen effektiveren. Meiner Freundin wurde gestern etwas in den Drink gemischt – in deiner Bar – und das macht mich sehr, sehr ungehalten. Deswegen wirst du jetzt genau darüber nachdenken, was du gestern alles gesehen hast, und es mir so detailreich erzählen, dass ich das Gefühl habe, vor meinem HD-Fernseher zu sitzen, ist das klar? Und wenn ich nicht zufrieden damit bin, wie angestrengt du nachdenkst, wirst du vielleicht nicht mehr zufrieden damit sein, wie deine Nase aussieht.“
„Josh“, zischte ich ungläubig und zog seine Hand, die sich mittlerweile zur Faust geballt hatte, vom Tresen. „Du kannst ihm nicht drohen. Du bist Polizist!“
„Ja, und gerade nicht im Dienst“, sagte er abgehackt, den Blick weiterhin auf den Blonden gerichtet. „Also? Was ist los, Bubi?“
Der Barmann war so bleich geworden wie ein erschrockenes Gespenst und machte hastig einen Schritt zurück. „Es … es ist nicht meine Bar, Mann“, stotterte er.
„Ist mir scheißegal“, stellte Rispo freundlich lächelnd fest. „Warum denkst du noch nicht nach? Oder guckst du immer so dumm, wenn du dein Gehirn anstrengst?“
„Ich kann nicht!“, sagte der Barmann verzweifelt und sah Hilfe suchend zu mir. „Tut mir leid“, stotterte er. „Ich war gestern high. Ich habe wirklich nicht viel mitbekommen. Ich hab dich doch nur erkannt, weil du so scheiße gesungen hast!“
Rispo presste die Lippen zusammen und seufzte schwer. „Okay. Das klingt glaubhaft.“
„Hey!“, beschwerte ich mich verärgert. „Ich singe wunderbar. Ich bin die Nachtigall unter den Blumenladenbesitzerinnen!“
Rispo beachtete mich nicht. Stattdessen wandte er sich wieder an den Barmann. „Kennst du Jorina Stelz?“
Der Blonde blinzelte verwirrt, sah zu mir, zu Rispo und wieder zurück. Der Themenwechsel war ihm wohl zu abrupt gekommen. „Bitte was?“
„Jorina Stelz“, wiederholte Rispo und zeigte seinem Gegenüber ein Foto auf seinem Handy. „Kennst du sie?“
Stirnrunzelnd beugte sich der Blonde vor und begutachtete das Display. „Ja, doch. Die kommt mir bekannt vor. Ich glaub, sie ist öfter hier.“
„Du glaubst?“, meinte Rispo hart, und mit jedem Wort wurde seine Stimme lauter. „Weißt du, viele Menschen glauben auch an Gott – das heißt aber noch lange nicht, dass er existiert.“
„Ich … ich weiß es“, korrigierte der Barmann sich sofort fahrig. „Sie ist fast jedes Wochenende hier. Wieso …“ Er räusperte sich. „Wieso fragen Sie?“
„Nun, sie …“
„Sieh mal einer an“, ertönte plötzlich eine spöttische Stimme hinter uns. „Wenn das nicht der vom Fall abgezogene Kommissar des Monats ist, der hier absolut nichts verloren hat.“

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Saskia Louis kam 1993 mit einer Menge Fantasie zur Welt, die sie seit der vierten Klasse nutzt, um Geschichten zu schreiben. Heute wohnt sie in Köln und ihr größter Traum ist es, den Soundtrack zur Verfilmung eines ihrer Bücher zu schreiben.