Männerlügen maßgeschneidert

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1

 

Als Stefan Brandner in das glutheiße Licht der Scheinwerfer trat, folgte ihm der Applaus von rund siebenhundert exklusiv geladenen Gästen. Doch kaum hatten seine federnden Schritte die weitläufige Bühne der Festhalle erobert, musste er feststellen, dass ihn die VIPs aus der ersten Reihe mit zu Schlitzen verengten Augen und schmallippigen Mündern empfingen.

Diese körpersprachlich zum Ausdruck gebrachte Abneigung kümmerte Stefan nicht. Wie hatte seine Mutter immer gesagt: Mitleid bekommst du geschenkt, Neid musst du dir erst verdienen. Der Marketingprofi mit dem stadtbekannten knackigen Hintern hatte sich im Laufe seiner steilen Karriere bereits jede Menge Neid verdient. Genug, um den Grand Canyon damit zuzuschütten. Und das war gut so, glaubte er. Doch er sollte sich auf schmerzhafte Weise täuschen.

Die Moderatorin des Abends war eine in Rot gekleidete Blondine mit atemberaubenden Beinen und scharf geschnittenem Gesicht. Sie begrüßte Stefan neben sich auf dem Podium, blätterte in ihren Notizen, nannte ihn einen „Gott“ und zählte seine erfolgreichsten Projekte auf. Die Liste war länger als ein ausgewachsener Python. Niemand habe mit Anfang 30 schon so viel erreicht, sagte sie und fuhr sich durchs Haar. Stefan stand lässig daneben, eine Hand in die Tasche seines teuren JOOP-Sakkos gesteckt, das er wie immer mit zerrissenen Jeans trug. Den Blick aus den blauen Augen hatte er beiläufig auf die gepflegten Fingernägel der anderen Hand gerichtet, während er gedanklich weit weg war.

Der jährliche Werbepreis der Stadt stellte ein Muss-man-dabei-sein-Ding der Branche und reine Selbstvermarktung dar. Eigentlich ging Stefan diese Show ziemlich auf die Nerven. Nicht nur wegen der heißen Spotlights, die einem die Seele aus dem Leib brannten. Auch dieser ganze Szenesumpf, diese aufgetakelten Wichtigtuer, diese Kenner und Insider, die gelangweilt an ihren Champagnergläsern nippten, konnten ihm im Grunde gestohlen bleiben. Aber gut, es gab Schlimmeres – lange genug hatte er sich als Anfänger vergeblich abgemüht, Klinken geputzt, Präsentationen geschmiedet, ohne je wahrgenommen worden zu sein. Warum jetzt nicht den Hochglanz-Wahnsinn und den Hype hier genießen? Ihn für die eigenen Zwecke nutzen?

Während die Moderatorin weiter plapperte, sah Stefan ins Publikum. Dort unten saß Mara. Die junge Grafikerin von Extra:Punkt hatte sich für den Event so richtig herausgeputzt. Sie hatte leider übertrieben: Kirschrote Lippen. Tiefer Ausschnitt. Ein wenig zu einladend. Manchmal wurde ihre Funktion von den männlichen, aber besonders den weiblichen, Mitarbeitern der Agentur in moralisch sehr verwerflicher Weise als „Gra-FICKerin“ ausgesprochen. Stefan fand das nicht in Ordnung, das war nicht sein Stil. Mara warf Stefan, ganz in der Art wie ein Groupie einen Rockstar anhimmelt, ein Küsschen zu. Ihm fiel in diesem Moment wieder plastisch ein, was sie beide letzte Nacht so getrieben hatten. Diese nicht jugendfreien Bilder sollte er aber rasch aus dem Kopf bekommen. Immerhin saßen neben Mara rund um den Tisch auch noch der Chef seiner Agentur Extra:Punkt sowie eine Handvoll verdienter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was hätten die Kollegen denken sollen, wenn sich jetzt in seiner Hose sichtbar etwas regte? Auf der Bühne, vor allen Leuten! Andererseits: Neid musst du dir erst verdienen.

Stefan fiel auf, dass er nur noch erotisch aufgeladenen Unsinn dachte – stieg ihm die Preisverleihung doch langsam zu Kopf? Oder besser gesagt – in einen tiefer liegenden Körperteil? Bleib cool, sagte er sich, bleib cool. Die Erektionsgefahr legte sich.

„… und somit darf ich den Preis für die beste Kampagne auch dieses Jahr wieder an Stefan Brandner von Extra:Punkt überreichen“, hatte die Blondine eben gesagt.

Stefan war jetzt wieder bei der Sache. Die Trophäe bestand in einer kleinen Marmorstatue, die aus künstlerischer Sicht ziemlich wertlos ein geflügeltes Pferd darstellte, einen Pegasus. Das Tier sah mitgenommen aus. Flog kaum noch. Da hatte er letztes Jahr Geileres erobert: ein goldenes, dreidimensionales Netz, eine künstlerische Interpretation des ganzen Universums. Das war nach seinem Geschmack gewesen. Er griff nach dem alten Gaul. War das eigentlich Hengst oder Stute?

Das Mikrofon musste Stefan erst nach oben richten, damit es seiner Größe entsprach. Als er zu sprechen begann, hatte er sich bereits für das Mittel der bewussten Provokation entschieden. Er wollte seinen Ruf, seine Marke als exaltiertes Genie weiter festigen. Dazu war ihm jedes Mittel recht. Denn dieses Image machte einen großen, wenn nicht den wichtigsten, Teil seines Erfolges aus. Die Branche dieser oberflächlichen, hirnrissigen Lackaffen war so leicht durch Bluffs zu blenden, es war unfassbar.

„Also wieder ich“, sagte er und seine Stimme erfüllte den Raum. Voll und tief, souverän, in keiner Weise aufgeregt. Gut so. Er warf seinen Spezialblick ins Publikum. Den hatte er drauf. Dieser Blick, den gefeierte Schauspieler oder Superhelden haben: Ich bin toll und weiß es. Meine Selbstironie: vom Feinsten. Meine Superkräfte: leicht und spielerisch. Bei Frauen kam das überragend an. Männer übten diesen Blick daheim im Spiegel, nachdem sie Stefan begegnet waren.

„Immer zu gewinnen, gehört sich nicht“, sagte er ganz ruhig und machte eine Pause, getränkt mit Selbstbewusstsein. Durch das grelle Gegenlicht der Scheinwerfer konnte er die Gestalten an den hinteren gut 70 Tischen nur schemenhaft wahrnehmen. Doch die gequälten Gesichtsausdrücke in den ersten Reihen zeigten ihm, dass er den beabsichtigten Effekt erzielt hatte.

Also setzte er noch eins drauf: „Andererseits – Shit happens.“

Er betrachtete die Trophäe gespielt nachdenklich, zählte innerlich bis drei. Dann verließ er einfach die Bühne. Ohne ein Danke, ohne abschließende Worte. Zwei Drittel der sorgsam geladenen Gäste dachten synchron: „Was für ein arrogantes kleines Arschloch.“ Das andere Drittel: „Das war mal was.“ Applaus spendeten alle.

Gelassen wie Gandhi steuerte Stefan auf den Tisch zu, an dem seine Kollegen saßen. Das war fast die gesamte Agentur, rund ein Dutzend Leute. Klein, aber fein. Extra:Punkt galt als die edle Boutique unter den Werbeagenturen der Stadt. Der Chef stand auf, um Stefan zu begrüßen.

„Tolle Rede“, sagte Delamonte halb vorwurfsvoll, halb verzeihend. „Etwas zu lang vielleicht.“

Der grauhaarige Sechzigjährige hatte immer etwas für Stefans Art übriggehabt. Er ließ ihm ziemlich viel durchgehen, wohl weil er wusste, dass Stefan in Wahrheit nicht das aufgeblasene Ego-Schwein war, das er eben gemimt hatte. Zumindest nicht ganz …

Die beiden Männer waren auf einer Wellenlänge. In den letzten fünf Jahren hatte es kaum Streit gegeben. Nur einmal, da hatte Stefan bei einem Auslandsaufenthalt – musste er doch seinem Ruf gerecht werden – eine aberwitzige Hotelrechnung produziert, die selbst Delamonte zu wild gewesen war. Bei allem Verständnis und beide Augen zugedrückt – hatte Stefan da etwa in Champagner gebadet? Und mit wem?

„Du warst großartig! Komm, mein Lieber, setz dich doch her zu mir“, sagte die aufgeputzte Mara süßlich und schob Stefan einen Stuhl hin. Bobo, der Webseitenprogrammierer, und der New-Media-Leiter Mike warfen sich vielsagende Blicke zu.

„Ja, setz dich zu uns. Wenn du uns auch in deiner Dankesrede nicht erwähnt hast“, sagte Bobo säuerlich.

„Nicht, dass wir es erwartet hätten“, sagte Mike und verschränkte die Arme.

Stefan zwinkerte Mara zu und setzte sich. Seine beiden Teamkollegen waren in Ordnung. Jedoch im Moment ein wenig verkrampft.

Delamonte rückte näher an Stefan heran. Er schlug einen vertraulichen Ton an. „Stefan, du leistest gute Arbeit.“

Stefan nickte ein Danke. Delamontes Lob war ihm wichtiger als der Preis heute.

„Du musst mir versprechen, dass du weiterhin der beste Art Director der Welt bleibst, auch wenn sich an der Spitze was ändert.“

„Wie meinst du das jetzt?“

„Ich habe beschlossen, mich als Geschäftsführer zurückzuziehen.“

„Was?“ Hammer. Stefans Lässigkeit hatte sich eben verabschiedet. Er schaute in diesem Moment wohl richtig doof aus der Wäsche. Delamonte und er: Sie waren ein Team. Stefan musste das erst mal verdauen. „Und wer wird dein Nachfolger?“

„Frank.“

Stefan starrte hinüber zu Frank Schienle, der ganz am anderen Ende des Tisches saß. Er hasste den derzeitigen Leiter des Rechnungswesens. Er war ein Zahlenfreak. Blass, trocken und humorlos. Schienle tat so, als würde er nicht zuhören, aber Stefan war sicher, dass er Delamonte und ihn ständig beobachtete.

„Schienle? Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

„Ist es aber.“

„Warum hast du nicht mich gefragt?“

Delamonte zögerte. Dann beschloss er, ganz ehrlich zu sein.

„Stefan, du bist ein toller Art Director. Keiner ist kreativer. Du verkaufst deine Ideen auch perfekt. Die Kombination ist in unserer Branche so selten wie Schnee im August.“ Delamonte schüttelte den Kopf und seufzte. „Aber deine Kampagnen sind immer so verdammt teuer in der Umsetzung. Da bleibt uns nix über. Und wir haben Investoren, die wollen auch mal Gewinne sehen. Preise einzuheimsen reicht nicht. Wir müssen wirtschaftlicher denken.“

„Und deshalb dieser Sparmeister? Der verwendet doch aus Kostengründen das Klopapier beidseitig.“

Delamonte sah Stefan mit einem väterlichen, aber auch strengen Blick an. „Ich bitte dich, gib ihm eine Chance.“

Delamonte stand auf, schlug die Gabel mehrmals leicht gegen das Weinglas. Das Klingen sorgte am Tisch sofort für Aufmerksamkeit: Eine Rede. Alle Augenpaare waren auf den Chef gerichtet.

„Liebe Mitarbeiter. Die Gerüchte haben ja schon die Runde gemacht. Jetzt kommt die Bestätigung. Ich verabschiede mich in den wohlverdienten Ruhestand.“

Mehrstimmiges, aber nicht überraschtes „Ohhh“ des Bedauerns. Delamonte war beliebt. Stefan erkannte, dass er der Einzige war, der noch nicht vom Wechsel an der Spitze gewusst zu haben schien. Vielleicht hätte er sich doch ein wenig mit dem Klatsch und Tratsch in der Firma beschäftigen sollen. Es war ein Schlag in die Magengrube, dass Delamonte ihn nicht im Vorfeld informiert hatte.

„Nicht traurig sein, es gibt schon einen Nachfolger: Frank, bitte erhebe dich.“

Frank Schienle stand auf. Seine schmalen Lippen zeigten ein gefrorenes Lächeln. Stefan hatte Schienles Augen immer schon unheimlich gefunden, die hatten etwas Stahlhartes. Derselbe Stahl, aus dem auch die präzisen Zahnräder gemacht waren, die in diesem halbkahlen Kopf unentwegt klickten und rechneten.

„Ich sehe der Herausforderung mit Zuversicht entgegen“, sagte Schienle. „Wir haben ein tolles Team und gemeinsam werden wir vieles schaffen.“ Er machte eine Pause und hob einen dürren Zeigefinger. „Wir müssen aber auch aufpassen, rentabel zu bleiben. Die schönste Kampagne nützt nichts, wenn wir mehr dafür ausgeben, als uns der Kunde bezahlt.“ Hatte er mit seinen Stahlaugen eben Stefan einen Moment zu lange fixiert?

Schienle klatschte laut in die Hände, als zerquetsche er eine Fliege, die ihr Budget überzogen hatte. „Ich will euch nichts vormachen. Arbeiten müsst ihr jetzt mindestens genauso viel. Und wir fangen gleich an. Ich habe für morgen einen Pitch organisiert.“

„Morgen schon?“ rief Mike. Auch die anderen, von der Grafikabteilung über das Key Accounting bis hin zur Buchhaltung, sahen sich überrascht an.

Schienle zeigte kein Mitleid mit seinem eben noch hoch gelobten Team. „Der Kunde ist ein großer holländischer Konzern. Die warten auf keinen.“

„Worum soll’s denn gehen?“, fragte Stefan, betont lässig in seinen Stuhl zurückgelehnt. Schienle antwortete nicht gleich. Er musterte Stefan. Es hatte sich viel verändert. Nun war er Stefans Chef. Eine große Erschütterung der Macht. Stefan ließ sich nicht beeindrucken.

„Um Käse“, sagte Schienle schließlich.

„Echt jetzt?“ Stefan sah mit gespielt erstauntem Blick in die Runde. Mara himmelte ihn an. Delamonte wäre es lieber gewesen, wenn sich Stefan zurückgehalten hätte. Das war ihm deutlich anzusehen.

„Ja, Käse. Haben Sie damit ein Problem?“

„Wer könnte mit Käse aus Holland ein Problem haben?“, fragte Stefan und zeigte ein Lächeln mit wunderbaren weißen Zähnen. Schienle sah ihn nicht gerade freundlich an.

Schon eine Stunde später saßen Stefan, Bob, Mike und Mara zum Brainstorming rund um den Küchentisch ihrer WG. Einmal mehr fragte sich Stefan, warum er nicht schon längst eine eigene Wohnung hatte. Es hatte sich so ergeben, dass vor einigen Jahren die Gruppe, die in der Agentur die treibende Kraft darstellte, beschloss, auch privat zusammenzuziehen. So hatte immer ein kreativer Austausch stattfinden können. Zuletzt war der Austausch zwischen Stefan und Mara vor allem ein sexueller gewesen. Aber weiterhin kreativ …

„Also“, sagte Stefan, „Brainstorming, Leute. Schienle will morgen seinen Pitch. Ich muss diese holländischen Managerfiguren aus ihren Holzpantoffeln fegen. Also enttäuscht mich nicht.“

Wenn Bob nicht zu viel kiffte, konnte er hervorragende Webseiten entwerfen und normalerweise sehr lebhaft mitdiskutieren, doch nun starrte er ein Loch in die Tischplatte. Er schien gar keine Lust zu haben, mit Vorschlägen zu kommen. Ebenso der sportliche Mike, der den Bereich der neuen Medien in den letzten Jahren erfolgreich ausgebaut hatte: Funkstille. Die beiden waren wohl noch immer sauer, weil Stefan sie in der Rede nicht erwähnt hatte. Nachtragendes Pack.

Mara lächelte Stefan nur glückselig an. Sie dachte wohl schon wieder an Sex. Er fragte sich, ob diese Frau real war, oder ob er sie sich nur einbildete. Ein ewig lächelndes, lüsternes Trugbild.

„Okay, das bringt gerade echt nichts mit euch. Ich brauche einen Ortswechsel.“ Stefan verließ die Wohnung und wusste bereits genau, an welchen Ort der Inspiration ihn sein Sportwagen bringen würde.

 


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2

 

Das Casino war zuverlässig der Platz, an dem Stefan seine besten Ideen hatte. Lag es am gedämpften goldenen Licht, an den Blicken der hübschen Frauen oder einfach an der einzigartigen Atmosphäre, die Spannung und Eleganz in sich vereinte? Was auch immer, in Stefan löste das Casino einen elitären Zustand aus. Er atmete diese Luft ein und heraus strömten stets die Ideen, die sich bald darauf in den Zeitschriften und Fernsehspots des Landes als Werbekampagne tausendfach reproduziert fanden.

Stefan spielte nun seine dritte Runde am Pokertisch und seine Gegenüber blufften. Das konnte Stefan an der Art, wie sie ihre Karten ängstlich schützend vor sich hielten, deutlich erkennen. Er selbst hatte sich mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben. Dazu musste er nicht mal sein Superheldengesicht aufsetzen. Schon ein ganz normales Pokerface, wie es jeder von uns in Vollnarkose macht, reichte aus, um die sieben anderen Spieler am Tisch unter Kontrolle zu halten.

Der Croupier legte die fünfte und letzte Karte offen auf den Tisch. Stefan sah in seine beiden verdeckten Karten – er konnte immerhin ein Pärchen bilden, zwei rotwangige Könige machten ihre Aufwartung. So wie der bärtige Opa ihm gegenüber jetzt den Einsatz erhöhte, konnte das nur den Zweck haben, Stefan aus dem Spiel zu drängen. Aber nicht mit Stefan. Er war nicht einfach durch ein bisschen Risiko einzuschüchtern. Er war hier, um zu gewinnen. Nicht nur, dass er den Einsatz mitging, er erhöhte noch um 50 Euro. Sein Gegenüber sah ihn prüfend an, ein misstrauisches Blinzeln aus verrunzelten Augen. Der Alte musste lebensmüde sein, den Einsatz mitzugehen und seine Karten auf den Tisch zu legen. Leider hatte er einen Royal Flush. Die höchste Kombination beim Texas Hold’em. Das war übel. Das faltige Gesicht grinste und der Croupier schob ihm die Jetons zu, die auf dem Tisch beachtliche Türme gebildet hatten.

Stefan war sauer. Wenn der andere so viel Glück hatte wie Gustav Gans war das scheiße. Eigentlich hätte das aufgehen müssen. Tat es immer. Oder fast immer. Stefan hasste es, zu verlieren. Der Kerl würde ihn nicht unterkriegen.

In den darauffolgenden fünf Runden spielte er mit erhöhtem Risiko. Er wollte sich zurückholen, was ihm gehörte. Leider ging das gründlich schief. Der alte Sack war mit dem Teufel im Bund, immer war seine Hand besser als die von Stefan. Nachdem Stefan 400 Euro verloren hatte, war auch die Lust auf Poker für diesen Abend dahin.

„Ich werde anderswo gebraucht“, sagte er und verließ den Tisch.

Er streunte durch die Hallen, auf der Suche nach Inspiration. Die Automaten ließ er links liegen. Er fand das unmöglich, sich vor so ein blinkendes, geldverschlingendes Gerät zu setzen und dann wie ein dressierter Affe regelmäßig an einem Hebel zu ziehen. Echter Poker war ihm lieber, da konnte er nur durch seine Präsenz und Ausstrahlung gewinnen. Gut, nicht eben heute.

Ein Plakat weckte seine Aufmerksamkeit. Darauf wurde eine Modeschau in einem der Nebenräume angekündigt: Heine Fashion wollte seine neue Sommerkollektion für Frauen präsentieren. Warum nicht? Ein wenig Ablenkung durch einen schönen Anblick war jetzt genau das Richtige, um das verhauene Pokerspiel abzuschütteln.

Die Schau war bereits in vollem Gange, als Stefan den hohen Raum betrat. Gertenschlanke Traumfiguren bewegten sich dynamisch über den improvisierten Laufsteg. Er bestand aus weißen Stoffbahnen, die man gleich einem samtenen Fluss über den Boden gezogen hatte. Der Schritt der Models war zu cooler Musik getaktet. Neben dem Laufsteg drängten sich dicht an dicht die Zuschauer, faszinierte Augenpaare ließen sich keine Bewegung entgehen.

Gerade als eines der Mädchen am Ende des Laufsteges stehenblieb und kurz verharrte – die Arme in die Hüfte gestemmt, den Kopf hoch erhoben – kam dieser Moment. Der kreative Funke flashte Stefan. Keine Ahnung, woher der immer auftauchte, aber es war ein angenehmes Gefühl, als trinke man heißen Tee in einer Winternacht und werde von innen heraus gewärmt. Jetzt wusste er, was er den Holländern präsentieren würde. Womit er sie begeistern konnte, das stand ganz außer Zweifel.

Stefan genoss den Augenblick, entfernte sich etwas vom Laufsteg und umrundete ihn. Backstage war eine Art Zelt errichtet, darauf groß der elegante Schriftzug Heine Fashion. Stefan war wegen seiner Kampagnenidee in Hochstimmung. Einem Impuls folgend schob er den Kunststoff, der den Zelteingang verschloss, etwas zur Seite und lugte durch den entstandenen Spalt hinein.

Was für ein paradiesischer Anblick! Ein halbes Dutzend Schönheiten in Idealmaßen war mit Umkleiden beschäftigt. Stefan wusste kaum, wohin er vor lauter wallendem Haar, elfengleichen Beinen und makelloser Haut seinen Blick zuerst wenden sollte. Zum blonden Engel im roten Kleid vielleicht? Oder der feurigen Schwarzhaarigen, die gerade den Hosenanzug anlegte?

Wenn die Models auch wunderbar waren, zog sehr bald eine ganz andere Frau Stefans Blick auf sich. Sie war wohl die Leiterin des Events hier, der Dreh- und Angelpunkt. Um sie wirbelte alles herum, sie selbst schien ruhig zu bleiben, das Auge des Sturms. Sie sah toll aus – war vielleicht nicht so groß und langbeinig wie all die Models um sie herum, aber unter ihrem Lockenkopf fand sich ein so fein geschnittenes Gesicht und ein so wunderbares Lächeln, dass Stefan sofort beschloss, diese Frau kennenlernen zu wollen. Gab es das? Dass er sich so für eine Dame interessierte, die er gar nicht kannte?

„Gehen wir auf einen Drink?“, rief Stefan in das Zelt hinein, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mehrere Models drehten sich zu ihm um, doch es war ihnen schnell klar, wen er meinte. Diejenige, die er nicht mehr aus den Augen ließ. Die so Adressierte hörte auf, dem Model, das als nächstes auf den Laufsteg sollte, das Kleid zu richten und sah sich um. Wer hatte da gesprochen? Schließlich fiel ihr Blick auf den Spalt im Zelteingang, durch den Stefan nun seinen ganzen Kopf gesteckt hatte. Ihre schönen glänzend braunen Augen nahmen einen überraschten Ausdruck an.

„Kennen wir uns?“

„Ja. Aus einem früheren Leben. Wir waren mal ein glückliches Paar und lebten auf einem Schloss.“

Nice try. Die Unbekannte schenkte ihm zumindest ein äußerst sympathisches Lächeln.

„Danke, aber ich habe schon einen Prinzen.“

Stefan ahnte in diesem Moment noch nicht, wie nahe das der Wahrheit war.

„Die verwandeln sich ja doch nur in Frösche.“

Die Unbekannte sah jetzt ein wenig erbost aus. Sie nestelte an einer widerspenstigen Schleife und schickte das Model, das sich wegen Stefans Spruch ein Grinsen verkneifen musste, mit einem Klaps auf den Laufsteg.

„Hören Sie, ich habe jetzt keine Zeit für Ihre Sprüche.“

„Ich gehe aber erst, wenn Sie mir versprechen, nach dieser Show hier was mit mir zu trinken.“

„Ich verspreche Ihnen nur, dass ich jetzt den Sicherheitsdienst rufe, wenn Sie nicht rasch mal anderswo Frauen anquatschen.“

Gut, das war deutlich gewesen. Rückzug war angesagt. Das Eröffnungsgefecht war zu Ende. Stefan machte sein Superman-Gesicht und ließ den Kunststoffvorhang zugleiten, ohne den Blick von der Unbekannten zu nehmen. Natürlich wollte er nicht so rasch aufgeben. Hartnäckigkeit war der Schlüssel zum Erfolg, sowohl im Business als auch bei Frauen. Man durfte einfach nicht zu früh den Schwanz einziehen. Stefan würde diesen Lockenkopf schon noch rumkriegen!

Er gab sich nun der Show hin. Während er wohlig in den Anblick von viel nackter Haut versank, fiel ihm Mara ein. Sie war ein Traum im Bett, keine Stellung war ihr fremd, aber irgendwie hatte sich bei ihm eine gewisse Unzufriedenheit eingestellt. Es war trotz aller Verrenkungen doch immer das Gleiche. Manche Gebiete in ihm konnte sie nicht erreichen. Seelische. Er hätte sie auch niemals als seine Freundin bezeichnet, das war sie nicht. Die Beziehung zu Mara war rein körperlich. Doch kannte er überhaupt andere Beziehungen?

Stefan schüttelte die unangenehmen Gedanken über die Oberflächlichkeit seines Liebeslebens ab. Hin und wieder verfiel er in solch nachdenkliche Stimmungen. Dafür war jedoch heute kein Platz. Stattdessen überlegte er, was er nachher zu dieser tollen Frau aus dem Zelt sagen würde, um doch noch mit ihr ins Gespräch zu kommen. Die heiße Szenerie der Models gab ihm die richtige Anregung: Er hatte mal gehört, dass der Gang einer Frau ihre Orgasmusfähigkeit verriet. Hatte mit der Beweglichkeit des Beckens zu tun oder so. Das war doch eine tolle Geschichte, ideal zum Einstieg: Erotisch, leicht kontrovers – darüber ließ sich bestens flirten. Stefan war so zufrieden mit sich, wie es fast nur Männer schaffen.

Die Show war nun vorbei. Applaus setzte ein. Verschiedene Akteure von Heine Fashion wurden vorgestellt und betraten den Laufsteg, verbeugten sich. Jeder Hand in Hand mit einem Model. Das Publikum feierte besonders die Designer. Am Ende kam die Unbekannte. Sie ging alleine, führte niemanden an der Hand. Stefan fand die Anmoderation seltsam: „Für die Geschäftsführung: Isabelle Heine“, klang es aus dem Lautsprecher. Es hatte nicht geheißen: „Geschäftsführerin“, sondern „für die Geschäftsführung“. Klang nach Vertretung.

Isabelle Heine ging winkend über den Laufsteg. Sie lächelte, aber es schien Stefan, als distanziere sie sich auch von alledem. Als freue sie sich über den Erfolg, hinterfrage ihn aber gleichzeitig. Für einen Moment sah sie beinahe besorgt aus. Ihr Blick traf Stefan.

Mit dieser Sekunde hatte er das Gefühl, die Zeit verlangsame sich. Als ginge Isabelle in Zeitlupe vorbei, eine überirdische Erscheinung, ein schöner Engel, der tief in ihn hineinsehen konnte. Er fühlte sich plötzlich schwach und auf eine bisher unbekannte Art ausgeliefert. Seine Knie wurden weich, als würde er sanft zu Boden gezogen. Auf eine sehr angenehme Art. Dann war der Moment vorbei, aber er hatte Spuren in Stefan hinterlassen.

Wie seltsam war das denn eben, dachte Stefan. Gerade verstand er sich selbst nicht: Er hatte sogar vergessen, Isabelles  Orgasmusfähigkeit zu checken, während sie auf dem Laufsteg war. So konnte er Isabelle nur wie hypnotisiert nachsehen, als sie hinter der Bühne verschwand.

Unschlüssig stand Stefan im Strom des Publikums, das nun den Raum verließ. Er kam sich wie ein Roboter vor, der keine Befehle aus der Kommandozentrale erhielt. Was tun? Er sollte sich darauf vorbereiten, Isabelle auf originelle Weise anzusprechen. Isabelle, die ihn eben so berührt hatte.

Aber er wollte nicht.

Niemals hätte er es sich eingestanden, aber es war wohl Angst. Einfach nur ganz banale Angst. Dieser Moment, Isabelles Blick – all das hätte sich vielleicht durch ein weiteres belangloses Gespräch, ein unnötiges Geplappere in Nichts aufgelöst. Dafür war sie zu wertvoll, zu besonders. Es war Stefan neu, so über eine Frau zu denken. Plötzlich schien das überstrapazierte Klischee von „Liebe auf den ersten Blick“ nicht mehr unmöglich. War ihm das eben passiert?

Stefan drehte sich kopfschüttelnd um. Er hatte noch zu arbeiten. Als er den Raum verließ, sah er nicht mehr, wie genau in diesem Moment Isabelle Heine aus dem Backstage-Bereich trat. Sie blickte sich wie beiläufig um, aber da war ein neugieriger Ausdruck in ihrem Gesicht. Als wünsche sie sich, dass jemand Bestimmtes noch da wäre.

Zurück in der WG trommelte Stefan mithilfe eines Kochlöffels und einer Pfanne Mara, Bob und Mike, der schon geschlafen hatte, erneut in der Küche zusammen. Vor ihnen präsentierte er seine Idee. Er hatte eine Flipchart über die Spüle gestellt und zeichnete mit dem Stift ein Tortenstück.

„Wisst ihr, was das ist?“, fragte er in die Runde.

„Eine Torte?“ Mara legte den Kopf schief, um besser denken zu können.

„Käse?“, fragte Bob.

„Bingo.“

„Jawoll!“ Bob machte eine Faust.

„Und wie vermarkten wir den?“, fragte Stefan.

„Wir könnten sagen, dass er nicht besonders stinkt“, meinte Mara.

„Gar nicht schlecht“, sagte Stefan. Auch Mara machte eine Jubelfaust.

„Reicht aber noch nicht“, fuhr Stefan fort. „Was wir brauchen, ist eine Verknüpfung von Luxus und Käse. Passt auf.“

Stefan malte auf der Flipchart herum. Er war ein toller Zeichner, er konnte mit wenigen Strichen gleich einen Eindruck geben, worum es eigentlich ging. Auf dem Weiß des Papiers formte sich rasch ein Bild: Ein Laufsteg, kreisrunde Köpfe von Zuschauern: Eine Modeschau. Nur die Kleider der Models waren ungewöhnlich. Sie schienen nicht aus Stoff zu bestehen, sondern aus kleinen Würfeln.

„Was soll das jetzt sein?“, fragte Bob.

„Das“, sagte Stefan, „ist der Durchbruch. Denn damit bekomme ich den Zusammenhang zwischen Käse und Schönheit hin.“

„Jetzt kapier ich’s“, rief Mara. „Die Kleider sind aus Käse!“

„Und auch die Ohrringe, die Halsketten, die teuren Schuhe, einfach alles.“ Stefan zeichnete weiter – nun entstand ein Roulette-Tisch, an dem coole Typen und attraktive Frauen ihre Einsätze machten. Sie verwendeten aber nicht Jetons, sondern – Käsestücke.

„Käse wird mit Geld und Schmuck gleichgesetzt. Das hebt den Wert. Die Logline: KÄSE WIE AUS GOLD.“ Stefan sah in die Runde. „Wenn wir das hier durchziehen, total Multichannel – in Printanzeigen, Radio, in TV-Spots zur Primetime, eCommunity im Internet – dann sind wir die absoluten Winner. Dann verkaufen die Windmühlenmänner Tonnen von ihrem Premium best-in-class Käse. Was sagt ihr?“

Mara war begeistert, Bob nickte zustimmend. Mike verließ in diesem Moment wortlos das Zimmer. War das Protest? Aber das spielte für Stefan keine Rolle, denn jetzt fühlte er sich gut. Mara kam zu ihm, flüsterte ihm was Geiles ins Ohr und die beiden verließen die Küche, um Maras Schlafzimmer aufzusuchen. Bob blieb alleine zurück und tröstete sich mit einem Bier. Das Bier wusste es nicht und konnte auch nicht sprechen – sonst hätte es vielleicht erzählt, dass Stefan in dieser Nacht äußerst unartig war und beim Sex nicht etwa an Mara dachte, sondern unentwegt an Isabelle Heine. Aber was sollte er machen? Sie ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

 

3

 

Irgendetwas stimmte nicht. Als Stefan die Augen aufschlug, war es taghell im Zimmer. Mara lag nackt neben ihm, die schönen, vollen Brüste halb durch das Leinen bedeckt. Er sah aufs Handy. Der Bildschirm schwarz. Mist, er hatte es wohl nicht aufgeladen. Totes Handy = Kein Alarm. Seine Rolex zeigte 10 Uhr 30. Bereits um 9 Uhr hätte die Präsentation in der Agentur stattfinden sollen. Stefan konnte sich nicht erinnern, dass ihm Ähnliches schon einmal passiert wäre: Wie ein Schaf zu pennen, während draußen eine blutige Schlacht geschlagen wurde. Sein erster Impuls war, Mara die Schuld zu geben. Hätte sie ihn die ganze Nacht lang nicht so wiederholt zu besonderen Leistungen angespornt, wäre er am Morgen nicht so müde gewesen wie Flasche leer. Doch die Ausrede war billig. Er hatte das selbst zu verantworten.

Stefan beeilte sich. Er verließ das Schlafzimmer, sprang im Bad unter die Dusche, so viel Zeit musste sein. Er rasierte sich, seine gepflegte Erscheinung war ihm sehr wichtig. Danach eilte er zu seinem Schrank, schlüpfte rasch in das nächstbeste Hemd, Jeans und wählte ein helles Sakko, das er für angemessen hielt. Schlips trug er nie, die hasste er, schnürten ihm die Kehle zu. Dazu ausgelatschte Sneakers. Stefan mochte den Look, es war ein lässiger Business-Style. Auch Steve Jobs hatte bei der Arbeit keinen Anzug getragen.

Nur wenige Minuten später schoss Stefans silberner Porsche Carrera durch die Stadt. Den 10 Zylindern entsprangen 600 Pferde, die ihn alle geifernd vorwärts zogen. Für Stefan war der Wagen immer der schönste gewesen, den sich jemals ein Designer ausgedacht hatte. Er wurde schon seit 10 Jahren nicht mehr produziert. Als Statussymbol war er werbewirksam. Mehr als einmal hatte man ihm für diesen Wagen anerkennend auf die Schulter geklopft. Das ließ ihn vergessen, dass er unvernünftig viel Geld für das Prachtstück ausgegeben hatte.

Stefan parkte direkt vor der Agentur im Halteverbot. Er sprang aus dem Porsche und eilte die Treppen hinauf, der Lift dauerte ihm zu lange.

Oben stürmte Stefan in den Besprechungsraum. Holländische Manager konnte er keine ausmachen. Da waren nur Delamonte, der von ihm abgewandt am Fenster stand, und leider Schienle. Er hatte die Chefposition am Ende des Konferenztisches eingenommen. Der Raum war mit Plakaten geschmückt, die erfolgreiche Werbekampagnen von Extra:Punkt zeigten. Das meiste davon war von Stefan konzipiert worden. Schienle saß zurückgelehnt mit selbstgefällig vor der Brust verschränkten Armen – als wolle er ausdrücken, dass all diese Ideen nun ihm allein gehörten.

„Ah, ist Herr Brandner nun auch gewillt, uns zu beehren?“ Schienle verzog keine Miene, während er das sagte. Vielleicht war er ja ein Computer, der menschliche Gesichtsregungen nur simulierte und dafür im Moment genauso viel Strom über hatte wie Stefans Handy.

Stefan sagte nichts. Ein wenig irritierte es ihn, dass Delamonte immer noch zum Fenster hinausstarrte, ohne sich zu ihm zu drehen.

„Wo sind unsere holländischen – Freunde?“ sagte Stefan.

„Die sind auf dem Weg nach Amsterdam!“, antwortete Schienle wie aus der Pistole geschossen und ungewöhnlich laut.

„Wie – ohne Präsentation?“

„Mit Präsentation.“

Schienle zeigte auf den Monitor hinter ihm. Daran war ein Tablet-Computer angeschlossen. Einer von der neuesten Generation, auf denen man mit einem Stift ganz hervorragend zeichnen konnte. Und das hatte wohl auch jemand getan: Auf dem Bildschirm war eine Szene skizziert, die Stefan bekannt vorkam. Sie war nicht mit derselben Fertigkeit ausgeführt wie seine, aber das war eindeutig dasselbe Bild, das er gestern Abend auf die Flipchart in der Küche gezaubert hatte! Sein Käsestück, seine Premium-Käsekleider, die Käsejetons, einfach alles. Das Ganze war blau umrandet und aus der Bubble führten Pfeile weg, die mit „Multi-Channel“, „Print“, „TV“, „Social Media“, „eCommunity“ und noch ein paar anderen Schlagwörtern versehen waren. Was war hier los?

„Mike hat uns alle überzeugt mit seiner Idee“, sagte Schienle. „Käse wie aus Gold. Ich hoffe, dass Sie inzwischen Ihren Rausch ausgeschlafen haben.“

„Was hat er Ihnen erzählt?“

„Na, dass Sie gestern deutlich einen über den Durst getrunken haben, weil Ihnen nichts eingefallen ist.“

Endlich drehte sich Delamonte zu Stefan, mit verschränkten Armen. Er wirkte unglücklich. „Stefan, wir haben 20 Minuten gewartet. Mit den Holländern. Du bist nicht gekommen. Also habe ich Mike die Chance gegeben, seine Kampagne vorzustellen. Und er hat’s gut gemacht. Käse als Premium-Produkt. Ein super Einfall von ihm! Wir haben den Auftrag. 3 Mille.“

In Stefan formte sich ein Bild. Mike, diese Kröte, dieser Plagiator!

„Seine Kampagne? Das ist wohl ein Witz. Mike ist zu so was gar nicht in der Lage! Das alles hat er von mir! Das habe ich ihm gestern in der WG vorgekaut, heute gibt er es als sein Baby aus!“

Schienle brachte mit einem Kopfschütteln in Delamontes Richtung seine Verachtung gegenüber Stefan zum Ausdruck.

„Es ist unfassbar, dass Sie nun versuchen, Ihr totales Versagen durch Lügen wieder geradezubiegen.“

„Was sagen Sie da?“

Stefan ging auf Schienle zu. Als er direkt vor diesem ekelhaften Schädel stand, auf dem nicht mal mehr die Haare wohnen wollten, sprang Schienle auf. Auch Roboter können sich ärgern. Der Stahl der Augen glühte jetzt.

„Sie sind ein Lügner. Und außerdem über alle Maßen arrogant“, schrie Schienle.

„Ich bin einfach nur sehr gut!“, schrie Stefan zurück.

„Aber es gibt Bessere“, sagte Schienle in einem drohend leisen Ton. „Mike ist besser. Er hat frische Ideen und vor allem – kann er ein Budget einhalten. Er ist mein neuer Art Director. Sie werden zukünftig für ihn arbeiten.“

Stefan sah Schienle ruhig in die Augen. Hinter diesem glühenden Stahl musste wohl auch viel Dummheit stecken. Oder aber abgrundtiefer Hass gegen Stefan, der ihm in jeder Hinsicht überlegen war.

„Das denke ich nicht. Ich kündige.“

Er drehte sich weg und sah Schienles triumphierendes Lächeln nicht mehr. Einmal noch blickte Stefan kurz zurück zu Delamonte, der betroffen wirkte, aber keine Anstalten machte, ihn aufzuhalten. Er kannte Stefan zu gut, es gab jetzt kein Zurück mehr.

Stefan verließ die Agentur Extra:Punkt für immer.

Unten auf der Straße riss er das Strafmandat, das ihm eine dieser völlig unnötigen Parkwächter freundlicherweise auf die Windschutzscheibe geheftet hatte, wütend ab, zerknüllte es und warf es weg. Ebenso geladen drückte Stefan das Gaspedal durch. Der Motor röhrte auf, der silberne Drache war geweckt und raste mit Stefan davon.

Es war keine gute Idee, mit diesem Höllentempo durch die Innenstadt zu hetzen. Aber jetzt wollte er einfach nur so schnell wie möglich weg. Abstand gewinnen zu diesen Vollidioten, die seinem Genie nicht den nötigen Respekt zollten.

Nach einer scharfen Rechtskurve, die Stefan viel zu schnell nahm, geschah es: Wie aus dem Nichts tauchte diese Frau mit Kinderwagen auf. Wie wissen die nur immer, wo sie am meisten stören können? In diesem Fall ging es aber nicht nur darum, dass ihn so ein Kinderwagen an der Supermarktkasse behinderte. Es war schon ein wenig gravierender: Stefan hielt mit gut 80 Sachen auf Mutter und Kind zu. Hier konnten in Kürze zwei neue Engelchen Richtung Himmel schweben. Um das zu verhindern, stieg Stefan voll in die Bremsen. Der Wagen geriet ins Schleudern. Und dann war da blöderweise auch noch dieser Hydrant, der wie eine Rampe wirkte. Stefans Wagen hob ab, flog durch die Luft, drehte sich wie eine Balletttänzerin im Sprung, prallte auf und überschlug sich mehrmals. Stille.

Drei Stunden später stieß Stefan den nackten Mike aus dem Fenster.

Daraus lässt sich schließen (weil dies keine Fantasygeschichte ist), dass Stefan bei dem Überschlag nicht starb. Noch erstaunlicher: Er hatte sich bis auf eine kleine Schramme am Kopf nicht verletzt. Pech beim Poker-Cash, Glück beim Unfall-Crash. Was sich reimt, ist wahr. Übrigens: auch Frau und Kind ging es weiterhin gut. Das Baby erreichte die andere Straßenseite sicher und würde mal einen Job in der Politik bekommen, hurrah!

Weniger gut war es dem Porsche Carrera ergangen. Er war unwiderruflich in wertlosen Schrott transformiert worden. Es war bitter für Stefan, die zerknitterte Kugel Blech zu sehen, die da von einem gelben Einsatzfahrzeug aus seinem Leben gerollt wurde.

Richtig – Mike … Der war definitiv zur falschen Zeit am falschen Ort.

Es war nicht gerade der beste Tag gewesen für Stefan. Als er nun, immer noch leicht benommen, ein Pflaster auf der Stirn, aus dem Taxi stieg, die WG betrat und ihm dort sehr vertraute Geräusche entgegenschlugen, wurde der Tag sogar noch schlimmer.

Die Geräusche stammten von Mara. Genau so stöhnte sie, wenn sie richtig in Fahrt war. In Stefans Ohren, die vom Crash noch summten, schwoll das Ächzen und Keuchen zu unerträglicher Lautstärke an. Er drückte die Tür zur Maras Schlafzimmer auf und fand Mara auf Mike sitzend vor. Und es war ganz genau das, wonach es aussah.

Wut färbte Stefans Verstand tief rot, ein anderes Rot als das von Maras Reizwäsche, die verteilt auf dem Boden lag. Er packte den nackten Mike am … Arm, zog ihn unter Mara hervor und schleppte ihn zum Fenster. Mike schrie.

„Bist du irre? Was hast du vor?“

Es war so eindeutig, dass Stefan keine Erklärung für notwendig erachtete. Stattdessen gab er die Antwort, indem er Mike aus dem Fenster warf. Aus dem vierten Stock.

Mike tauchte auf und prustete Wasser. Daraus ist zu schließen (keine Fantasygeschichte und so), dass Mike nicht starb – wenn auch sein Erregungswinkel bis ins Lächerliche abgenommen hatte. Mikes Überleben lag daran, dass sich unter der WG im Garten ein Pool befand. Zwar war bisher noch niemand aus der WG direkt ins Wasser gesprungen oder geworfen worden – doch für alles gab es ein erstes Mal.

„Du Spinner!“, schrie Mike zu Stefan hoch. „Zieh endlich aus! Dich braucht hier keiner mehr!“

Stefan sah zu Mara hinüber, die sich in die Decke gehüllt hatte. „Na ja, ein wenig problematisch ist halt, dass du schon seit drei Monaten deinen Mietanteil nicht mehr bezahlt hast“, sagte sie. „Das nervt Mike, Bobo und mich, musst du verstehen.“ Sie machte ein unschuldiges Gesicht.

Noch am selben Abend packte Stefan seine Sachen und zog in ein Hotel. Ein exklusives. Eines, das ihn verdient hatte.

 


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Tim Eckhaus wurde unter anderem Namen, völlig nackt und ohne Geld auf dem Planeten Erde geboren. Zunächst konnte er nicht sprechen, also begann er gleich mit dem Schreiben. Leider gelang es ihm nie, sich selbst und die Welt allzu ernst zu nehmen. Daher verfasst er heute ironisch-heitere Texte und romantische Komödien.