Gut gewettet ist halb verliebt

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4. Die Wette

 

Am nächsten Morgen, einem Samstag, fuhr Nicole als Erstes in den nahe gelegenen Baumarkt, um eine Bastwand zu kaufen, die ab sofort Nicoles Blick sowohl auf das Klebstoffpärchen als auch auf den Neandertaler verdecken sollte. Derart abgeschottet beschloss sie, dass ihre Nachbarn nicht die Einzigen waren, die die fahle Januarsonne in der Vorstadt genießen konnten und packte ein paar dicke Decken auf die beiden Stühle, bevor sie liebevoll den Balkontisch deckte.

In einer halben Stunde kam ihre beste Freundin Maria. Sie kannten sich schon seit der Tanzstunde, in der die dünne, blonde Nicole die rassige, temperamentvolle Maria nicht nur um ihre Tanzkünste beneidet hatte, sondern auch um ihre Eigenschaft als Jungs-Magnet: Maria hatte die freie Auswahl in einem gewaltigen Pool von pickeligen, nach Schweiß stinkenden Jungs gehabt. Leider hatte sie sich immer zielsicher genau den Kerl ausgesucht, der noch zwei weitere Mädels im Tanzkurs angebaggert hatte – sodass die von allen begehrte Maria beim Abschlussball ohne Tanzpartner sitzengeblieben war. Getröstet worden war sie von der ebenfalls verschmähten, dürren Nicole, woraus eine dicke Freundschaft entstand, die bis heute hielt.

Auch an Marias Schönheit – der auch fünfzehn Kilo zu viel nichts anhaben konnten – und ihrem Beuteschema hatte sich kaum etwas geändert: Bis heute suchte sie sich zielstrebig die falschen Kerle aus, die früher oder später sinnlos das Weite suchten. Deshalb lebte Maria als alleinerziehende Mutter ein ähnliches Leben wie Nicole. Nur hatte sie als Inhaberin eines Blumenladens einen völlig anderen Rhythmus als diese. Denn normalerweise stand Maria um vier Uhr auf, um die besten Schnäppchen auf dem Blumengroßmarkt zu machen – und ging deshalb meistens schon um einundzwanzig Uhr ins Bett. Doch ein Termin in der Woche war ihnen beiden heilig und in den letzten zwanzig Jahren nur selten ausgefallen: das gemeinsame Samstagsfrühstück.

Dabei trafen sie sich immer abwechselnd bei Maria, bei Nicole und in einem Café. Und heute war das erste Mal, dass Maria zum Frühstück in Nicoles neue Wohnung kam. Dabei wollte Nicole der sehr skeptischen Maria beweisen, dass ihr neues Zuhause durchaus seine Vorzüge besaß. Denn Maria war eine jener Stadtpflanzen, die ein Leben außerhalb von Feinstaubalarm und Menschenmassen schlichtweg nicht für möglich hielt.

Eine halbe Stunde später saß sie durchgefroren auf dem Balkon und machte nicht gerade ein Gesicht, als ob sie ihre Meinung ändern würde. „Warum genau, meintest du, müssen wir hier draußen sitzen und uns die Hintern abfrieren?“, fragte Maria schlotternd.

Sie hatte sich ihre Decke bis über den Kopf hochgeschlagen, sodass sie einer kirchlichen Darstellung der Mutter Maria noch ähnlicher als sonst war. Allerdings klapperte sie herzlich wenig würde- und salbungsvoll mit den Zähnen.

„Die Sonne scheint doch“, meinte Nicole halbherzig empört  und wies auf die hinter vielen Wolken trübe funzelnde Scheibe.

„Ja. Wahnsinn. Man schwitzt sich hier geradezu tot. Bei acht Grad. Halleluja.“ Aus der Decke streckte Maria vorsichtig einige zitternde Finger, schnappte sich ihre Tasse und schlürfte geräuschvoll ihren heißen Kaffee. „Ah, tut das gut.“ Sie behielt die Tasse in der einen Hand und wärmte auch ihre zweite daran. „Ich komme mir gerade ein bisschen so vor wie auf einer Skihütte. Nur ohne Skistiefel. Ohne Ski. Ohne Spaß. Und mit einer beschissenen Aussicht.“

Sie wies verächtlich auf Nicoles gerade erst erstandene Trennwand: „Warum hast du bloß dieses spießige Bastmonster aufgestellt?“

„Weil ich keine Lust auf versaute Nachbarn habe!“, platzte Nicole verstimmt heraus. Da hatte sie mit ihrem neuen Balkon und der guten Luft in der Vorstadt angeben wollen – und beides kam so gar nicht bei Maria an.

„Versaute Nachbarn?“, endlich hatte Nicole ihrer Freundin einen Brocken hingeschmissen, den diese begeistert annahm: „Erzähl!“

Kurz berichtete Nicole von den Ereignissen des Vortages. Sie erklärte dabei auch die Daseinsberechtigung der Bastwand – wobei Maria vorschlug, einige Gucklöcher hineinzubohren. Schließlich gab es noch viele andere klebrige Substanzen, mit denen man Frauen häuten konnte – und es wäre doch schade, wenn Nicole sich darüber nicht auf dem Laufenden hielte.

Maria lachte noch immer schallend, als es an der Tür klingelte.

„Nicht schon wieder“, stöhnte Nicole auf. „Hier hat man nie seine Ruhe.“

Maria gackerte: „Dabei bist du doch extra aus der Stadt raus gezogen, um etwas mehr Ruhe zu haben“, sie strahlte Nicole breit an. „Ich habe dir doch gleich gesagt, dass das eine Schnapsidee ist. Nicht nur, weil wir jetzt so weit voneinander entfernt wohnen – du bist den Spießern hier auf Gedeih und Verderben ausgeliefert!“

Es klingelte erneut.

Maria wiegte den Kopf. „Aber vielleicht sind das auch deine Nachbarn von gegenüber und wollen dich zu einem Klebstoff-Dreier einladen“, meinte sie breit grinsend.

„Ich hoffe eher, dass es die Goldohrringe sind, die ich in England bestellt habe, warte kurz“, meinte Nicole und lief zur Tür. Doch an der Türsprechanlage meldete sich niemand. Dafür klopfte es an der Tür.

„Nicole? Ich bin’s Karsten!“

Der Honk? Schon wieder? Sie schloss frustriert die Augen. Hatte Lea den Spinner nicht gestern erst wunderbar vergrault? „Och nö“, murmelte sie leise vor sich hin, machte auf leisen Socken kehrt und wollte zu Maria zurückschleichen. Da fiel ihr ein, dass Lea noch schlief – beziehungsweise wie jeden Samstag bis mindestens zwölf Uhr im Bett lag. Wenn der Spinner jetzt wie gestern mit dem Dauerklingeln begann, hatte Nicole den Rest des Tages ein stinksaures, mies gelauntes Pubertätsopfer an der Backe. Also drehte sie sich seufzend noch einmal um, lief mit hängenden Schultern zur Tür und öffnete diese ergeben.

„Karsten, wie nett“, log sie wenig überrascht und ebenso wenig begeistert, als sie ihren Nachbarn vor sich stehen sah. „Was kann ich für dich tun?“

„Ich muss gestern meinen Autoschlüssel verloren haben. Hast du ihn vielleicht gefunden?“ Er schaute sie mit einem flehenden Hundeblick an. Dabei konnte sie Versessenheit auf Autos bei Männern ebenso wenig leiden wie Vergesslichkeit und Unterwürfigkeit. Außerdem wollte sie heute nicht schon wieder Nachbarschaftspflege betreiben, sondern sich einfach amüsieren. Deshalb lächelte sie nur unverbindlich und erklärte: „Nein, tut mir leid. Schau doch mal ins Auto – vielleicht steckt er noch. Das passiert häufig. Also: Viel Erfolg beim Suchen. Wenn ich ihn doch noch finde, sag ich dir Bescheid. Tschüss.“

Sie knallte vor seiner Nase die Tür zu und tappte ergeben zurück zum Balkon.

Maria, die sich gerade ihr zweites Eclair in den Mund stopfte, fragte mit vollen Backen: „Na, du armes Hascherl? Was für ein Griff ins Klo war das jetzt schon wieder? Ich sag’s noch einmal: Ich hatte dich gewarnt! Man zieht ja nicht einfach so aus der Stadt ins Kaff.“

Nicole warf ihrer fröhlich futternden Freundin einen wütenden Blick zu. Die hatte leicht reden! Sie wohnte mit ihrem Sohn mietfrei in der riesigen Fünfzimmerwohnung ihrer Eltern – die vor ein paar Jahren zurück nach Italien gegangen waren – am Marienplatz. Von dort aus konnte man leicht auf andere herunterschauen, die Miete abdrücken mussten.

Nicole beschloss, Maria, die so überheblich Nicole spießiges Umfeld betrachtete, einen kleinen Denkzettel zu verpassen. Deshalb raffte sie ihre Schultern, strich ihren akkuraten, hellblonden Bob zurecht und erklärte säuselnd: „Du würdest dich wundern. Das war nämlich zur Abwechslung ein wirklich heißer Nachbar.“

„Ein heißer Nachbar? Im Leben nicht.“ Maria winkte lachend ab und schlürfte ungerührt weiter ihren Kaffee.

„Gut. Toll ist nicht das richtige Wort – er … er ist einfach ein, äh, männlicher Prototyp, er ist Akademiker, Anfang vierzig, groß, treibt Sport, verdient gut, hat eine Festanstellung, fährt ein neues Auto und wohnt – allein – und zwar sogar im Hinterhaus.“

Nicole betrachtete konzentriert ihre Fingernägel. Eigentlich hatte sie jetzt zur Abwechslung einmal nicht gelogen. Sie hatte sich nur auf die Fakten konzentriert. Und die hörten sich – sogar für sie selbst – erstaunlich positiv an. Auch, wenn sie mit der Wahrheit natürlich so gut wie gar nichts zu tun hatten.

Auch Maria verfiel angesichts dieser umwerfenden Beschreibung fast in Schnappatmung. Sie ließ das Kauen, riss staunend ihre fast schwarzen Madonnenaugen auf und fragte dann mit vollem Mund: „Echt? Ein großer Prototyp. Hier im Haus? Der einen Job hat? Anfang vierzig und trotzdem nicht geschieden ist? Und allein wohnt? Was will der denn hier? Unfassbar! Das kann nicht sein!“

Sie winkte schon wieder ab und schlürfte Kaffee. Konnten Italiener eigentlich auch mal etwas anderes machen? Kaum kam jemand aus Marias Verwandtschaft vorbei, liefen auch schon die Maschinen heiß. Dabei kreischten und schimpften und brüllten die alle doch sowieso die ganze Zeit. Soviel Koffein war da ganz schlecht – da war sich Nicole sicher.

Deshalb nahm sie Maria jetzt auch die Tasse weg und erklärte ernst: „Doch! Den gibt’s.“

„Wahnsinn.“ Etwas neidisch blickte Maria auf ihre Tasse in Nicoles Hand und zog dann ihr eigenes Resümee. „Bei mir um die Ecke gibt’s nur dichtende Lehrer, Bisexuelle, frustrierte Geschiedene und andere finanziell Ruinierte. Ein Kerl, der seine Rechnung selber zahlen kann und keinen psychopathischen Anhang hat, der ihn in jeder Hinsicht ausquetscht – das hört sich fast schon nach Prinz an. Oder wenigstens Ritter.“

„Mhm. Wahnsinn trifft es ganz gut“, freute sich Nicole. „Er ist außerdem ungefähr so alt wie wir und hat wahnsinnig gute Manieren.“

„Das auch noch! Der erste Mann mit Manieren seit Jahren! Hört sich ja wirklich super an, dein Ritter. Erzähl mehr von ihm!“ Vor Aufregung knabberte Maria an einem Fingernagel. Schnell gab Nicole ihr die Tasse zurück, damit sie die unschöne Angewohnheit bleiben ließ und sich lieber an der Tasse festhalten konnte.

„Ja. Genau. Er sagt hallo und tschüss und wenn er einen auch für die Zeugen Jehovas hält, erstickt er trotzdem nicht im Wohnzimmer. Das ist doch mehr als man von den meisten Männern erwarten kann, oder?“

„Hä?“

Über Marias verdutztem Gesicht gab Nicole lachend auf. „Nein, nein, es ist kein Prototyp. Leider. Das eben war nur Karsten. Du weißt schon – der anachronistische Kunstbanause und Schaumwein-Sexist.“

„Och, du fiese Lügnerin“, meinte Maria und zog beleidigt eine Schnute.

„Na, gelogen habe ich eigentlich nicht“, meinte Nicole nachdenklich. „Alles, was ich gesagt habe, stimmt. Er treibt als Fußballtorwart sogar Sport. Das mit dem Hechtsprung und dem Stift-Schneidezahn war einfach Pech. Ach, und hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass er mindestens eins fünfundneunzig groß ist und um die hundert Kilo wiegt?“

„Börk“, meinte Maria verächtlich. „Das Ensemble ist deins. Kein Ritter. Eher armer Ritter.“ Sie seufzte schwer. „Die würde ich jetzt gerne essen. Warum isst man eigentlich immer nur so modernes Zeug? Die guten, alten Sachen vergisst man dabei ganz. Dabei sind sie so lecker.“ Sie schüttelte den Kopf. „Gleich morgen früh hole ich das nach.“

Nicole verdrehte die Augen. „Kannst du eigentlich auch mal an was anderes denken als ans Essen?“

„Aber warum denn?“ Maria schaute verblüfft. „Essen ist doch das Beste im Leben.“

„Nein, meine Liebe. Das Wichtigste ist, dass wir uns weiterentwickeln!“, gab Nicole empört zurück.

Maria winkte ab. „Blödsinn. Wir sind weit genug.“ Versonnen schaute sie auf die Bastwand und meinte dann: „Schade eigentlich, dass es so einen Kerl, wie du ihn eben beschrieben hast, nicht wirklich gibt.“

„Na ja“, murmelte Nicole und nippte versonnen an ihrem Kaffee. „Vielleicht ja doch. Vielleicht sind wir einfach nur zu bequem, um die entsprechenden Kerle aus ihrer, äh, Schale zu pellen. Vielleicht kann mit unserer Hilfe aus einem armen Ritter ein echter werden.“

„Was soll das denn heißen: Aus der Schale pellen?“ Maria stopfte sich das inzwischen dritte Eclair in den Mund.

„Lass die Dinger doch. Heute Abend bist du frustriert, weil du nicht mal mehr in deinen Schlafanzug passt.“ Nicole warf einen vielsagenden Blick auf Marias Hüften – für diese ein ewiger Quell des Kummers.

„Wurst“, meinte die jedoch zur Abwechslung einmal trocken. „Ich geh sowieso irgendwann ins Kloster. Diese ganzen Datingportale und –apps sind mit Psychos durchseucht. Nein – es gibt keine Männer mehr. Für uns bleiben nur noch Kaffee und Kalorien als Sinn des Lebens.“

Erneut biss sie ein Stück ihres Gebäcks ab.

„Vielleicht gibt es sie doch. Die echten Ritter“, meinte Nicole versonnen. „Wir dürfen nur die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen.“

„So schnell?“, fragte Maria. „So schnell?“ Die Augen fielen ihr fast aus dem Kopf. „Soll ich jetzt einen hysterischen Anfall bekommen und sämtliche Griffe ins Klo, die wir uns in den letzten Jahren erlaubt haben, aufzählen? Ich sage nur Stalker, meine Liebe.“ Sie rümpfte angewidert die sommersprossige Nase. „Nein, nein – da draußen sind nur Irre und Überlebensunfähige unterwegs. Und bei denen ist Hopfen und Malz verloren.“ Der Rest des Eclairs verschwand in ihrem Mund.

„Ja, bei denen schon, aber wenn das Rohmaterial eigentlich in Ordnung ist … meinst du nicht, dass man das dann nicht nach eigenem Geschmack formen könnte?“

„Es gibt ja noch nicht mal Rohmaterial“, erklärte Maria mit Grabesstimme.

„Na ja, schau dir meinen Nachbarn an.“ Nicole wies mit dem Kinn in Richtung von Karstens Balkon. „Das ist zwar ein sehr, sehr, sehr armer Ritter, aber wenn wir ihn nur nach seinen Anlagen, nicht nach seinem aktuellen Zivilisationsstand beurteilen – kein Kommentar dazu, mir wird’s ja immer noch schlecht, wenn ich an seinen Besuch gestern denke – dann wäre das durchaus entsprechendes Rohmaterial.“

Maria zeigte ihr ein Vögelchen. „Ein stinkiger Turnsocken-Sexisten-Proll mit Stiftzahn. Super Rohmaterial.“

Nicole warf sauer die Hände in die Luft. „Aber das kann man doch alles ändern! Manieren sind Erziehungssache. Socken kann man kaufen. Und waschen. Wichtig ist, dass er weder Gnom noch Klingone ist, eigenes Geld verdient und aufrecht geht. Der Rest ist doch eigentlich ein Klacks.“

Maria schaute ihre Freundin mitleidig an. „Du glaubst echt, was du da erzählst, oder?“

„Natürlich“, Nicole nickte konzentriert. „Das sehe ich ja jeden Tag bei der Arbeit: Wo ein Wille ist, kann man auch etwas kaufen. Oder verkaufen.“

Maria winkte lasch ab. „Ja, dann mach das mal. Ich komme dir bestimmt nicht in die Quere. Hast du noch einen Kaffee für mich?“

Nicole verdrehte die Augen. „Jetzt warte doch mal: Du sagst also, dass es unmöglich ist. Ich sage, dass es sehr wohl möglich ist – wie wär’s: Wollen wir wetten?“

„Wieso?“

„Weil’s Spaß macht, du Huhn! Und weil ich dir beweisen will, dass es nur eine taffe Frau braucht, um einen Kerl zu schaffen, um den sich die Damenwelt reißt.“

Maria verdrehte die Augen. „Und ich sage dir: Es macht keinen Spaß und es kommt am Ende doch nichts Brauchbares dabei raus. Das kostet nur Zeit und Nerven – was wir beides nicht haben. Apropos – ich brauche Kaffee.“ Sie legte die Stirn jammervoll in Falten, kniff die Lippen zusammen und starrte Nicole so intensiv hypnotisierend an wie die Schlange das Kaninchen.

Doch die ignorierte das dargebotene Leiden. „Den kriegst du erst, wenn du mir richtig zugehört hast“, erklärte sie gepresst. Nicht mehr lange und sie würde ihre Freundin in eine Entzugsklinik für koffeinsüchtige Südländer schicken. „Du brauchst ja nicht mitzumachen – ich schaffe das auch allein!“

Maria winkte schnaufend ab. „Träum weiter.“

„Doch, doch – ich gehe jede Wette ein.“

Maria vergaß für einen Moment ihre Koffeinsuch und musterte ihre Freundin maliziös lächelnd. „Jede Wette?“

„Jede“, erklärte Nicole, mindestens so würdevoll wie die Queen. Es fehlte nur noch das huldvolle, angedeutete Winken mit der rechten Hand.

Doch Maria hatte wenig übrig für königliche Blasiertheit. Sie dachte eher praktisch. „Sehr gut. Mathieu braucht für seine bekloppte Reiterei schon wieder eine neue Hose. Sein Helm wird zu klein. Und die Sommerstiefel sind einfach nicht warm genug … Außerdem will er mit den anderen Nerds zu einem Forschertreff für Hochbegabte. Keine Ahnung, warum eine Floristin und ein Koch einen Hochbegabten zeugen. Vielleicht ist er im Krankenhaus doch vertauscht worden … Auf jeden Fall kostet das alles Unsummen. Und ich will natürlich trotzdem mit dir zum Wellnessen – also wetten wir doch einfach Folgendes: Wenn du die Wette verlierst, lädst du mich zum Wellnesswochenende nach Südtirol ein. Verliere ich, muss ich deine Rechnung zahlen. Aber vorher müssen wir festlegen, wie das Wettergebnis genau aussehen soll.“

Nicole rieb sich begeistert die Hände. „Ganz einfach: Am Ende von, sagen wir“, sie rieb sich grübelnd das Kinn, dann verkündete sie mit blitzenden Augen, „sechs Wochen – genau sechs Wochen – habe ich den Neandertaler in einen vorzeigbaren Kerl verwandelt, den man mit ins Restaurant und die Oper nehmen kann -“

„… sogar in die Oper?“, fiel Maria ihr ins Wort und riss dabei verblüfft die Augen auf „Du spinnst doch! Nimmst du dir da nicht etwas viel vor?“

„Nein. Das heißt … ja, sogar in die Oper. Das traue ich mir durchaus zu“, widersprach Nicole erneut Queen-mäßig. „Dabei wird er seine Begleitung nicht blamieren, sich sogar ansatzweise galant benehmen und attraktiv dabei wirken.“

„Das schaffst du nie!“ Marie klatschte mit den flachen Händen mehrfach begeistert und geräuschvoll auf ihre Oberschenkel.

„Und wie ich das schaffe. Oh, ich werde so lachen, wenn du am Ende des Wellnesswochenendes die Rechnung bezahlst. Außerdem“, sie beugte sich vor und schaute Maria mit hochgezogenen Augenbrauen konzentriert an, „ist dein Laden eine Goldgrube. Du verdienst dich dumm und dusselig und kannst deinen rotgoldenen Alleswisser-Bub zu hunderttausend Forschercamps mit anderen Nerds schicken, ohne mit der Wimper zu zucken. Dir tut es also bestimmt nicht weh, wenn du meine Rechnung bezahlst. Mir dagegen tut sowohl das Wellnessen als auch die Finanzspritze von deiner Seite sehr gut. Ich zahle nämlich Miete, meine Beste“, konnte sie sich eine kleine Spitze nicht verkneifen. „Oh, werde ich mich amüsieren, wenn ich die teuerste Algen-Gesichtsmaske im Hotel einmassiert bekomme – und keinen Cent dafür berappen muss!“ Sie lehnte sich seufzend zurück und strahlte. Die Aussicht war wirklich großartig. Rache, Gerechtigkeit und eine kostenlose Algen-Maske. Der Wahnsinn.

Maria kicherte. „Nein, meine Liebe. Ich werde mich amüsieren, wenn ich in entschlackende Wickel eingemummelt auf einer Thermalliege vor mich hindümple, die Kilos ohne Hungern schmelzen und ich mir dabei überlege, ob ich anschließend ein Schoko- oder Rosenbad nehme, für das ich keinen Cent bezahle.“

Auch sie lehnte sich lächelnd zurück und räkelte sich wohlig grunzend in ihren Liegestuhl.

Es klingelte erneut.

Beide wurden aus ihren Tagträumen gerissen und starrten in Richtung Wohnungstür.

„Da ist es – das Rohmaterial“, flüsterte Nicole und hielt Maria die Hand hin.

Diese schlug ein und flüsterte breit grinsend zurück: „Topp, die Wette gilt!“

 


 

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5. Alles Käse

 

Maria betrachtete Nicole, die sie aus ihrem Liegestuhl siegessicher anstrahlte, ebenfalls breit grinsend. Den kostenlosen Wellnessurlaub hatte Maria schon in der Tasche. Zwar hatte ihre Freundin recht damit, dass Maria nicht am Hungertuch nagte, aber als alleinerziehende Mutter hatte sie lieber ein paar Kröten mehr auf der Bank. Schließlich wusste man nie, wann die Leute aufhörten, Blumen zu kaufen. Das Geschäft war schon um zig Prozent zurückgegangen, weil es in jedem Supermarkt und an jeder Tankstelle Billiggemüse zu kaufen gab.

Erneutes Türklingeln riss Maria aus ihren Gedanken.

Nicole zwinkerte ihr zu. „Es geht los. Der Spinner hat seinen Schlüssel bestimmt noch nicht gefunden. Also startet das Experiment genau jetzt.“

Maria musterte sie einen Moment lang mitleidig. Dann seufzte sie schwer und erklärte: „Du Arme. Ich hab ein ganz schlechtes Gewissen. Nach dem Umzug bist du bestimmt blank. Aber es ist ja für einen guten Zweck. Ich werde eine wunderbar weiche Haut bekommen.“

Nicole rieb sich grinsend die Hände. „Ja, genau. Der Zweck könnte nicht besser sein, eben weil ich nach dem Umzug blank bin und du das Wochenende bezahlst. Hach! Ich behalte ja so gerne recht!“ Beschwingt lief sie zur Tür. Maria folgte ihr auf Zehenspitzen und lugte um die Ecke.

Es war tatsächlich das Wettobjekt.

„Karsten, wie schön – eben habe ich meiner Freundin von dir erzählt!“, flötete Nicole, packte den überraschten Mann energisch am Hemdkragen und zog ihn mit einem kräftigen Ruck in die Wohnung, bevor sie die Tür dieses Mal hinter ihm zuknallte.

„Huch!“, rief er erschrocken und blickte sich verdaddert um. „Was wird das jetzt? Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass der Autoschlüssel im Schloss gesteckt hat. Blöd, was?“

„Aber nein – das passiert doch jedem einmal!“, rief Nicole übertrieben begeistert und bat zuckersüß: „Komm doch kurz rein, äh, raus. Wir frühstücken gerade und haben wie immer viel zu viel eingekauft. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, dass du meine beste Freundin kennenlernst.“

Maria betrachtete einen Moment lang den sich wehrenden Kerl. Eigentlich sah er ganz nett aus. Gut, er war riesig. Er schien fast doppelt so groß zu sein wie sie selbst. Aber er hatte eine wunderschöne, tiefe Stimme, herrlich glänzende Haare und eine fast römische Hakennase. Wieso fand Nicole den so schlimm? Zwar löste sein Hawaiihemd spontan Augenkrebs aus und die Haare fielen ihm auf der Stirn tatsächlich in einen Deppenpony, aber so etwas bekam man mit Shopping und einem Besuch beim Friseur doch schnell in den Griff!

Maria biss sich auf die Unterlippe. Der Kerl war bei Weitem nicht so furchtbar, wie Nicole behauptet hatte. Im Gegenteil. Er war … interessant und brachte tatsächlich alle Zutaten für ein Heldensüppchen mit. Hatte Maria am Ende einen Fehler gemacht? Der Riese ließ sich doch mit ein paar Handgriffen in Superman verwandeln! Ob sie von der Wette noch zurücktreten konnte?

Während sie grübelte, packte Nicole ihren Nachbarn am Hemdzipfel und zerrte ihn weiter in die Wohnung. Maria flitzte zurück auf den Balkon und wartete dort auf die Dinge, die da geschubst werden sollten.

„Aber ich, äh, eigentlich hab ich jetzt gar keine Zeit, weil ich ja eigentlich zu meinen Kumpels wollte und ich hab ja auch meine Schuhe an, was man hier nicht darf und eigentlich …“, stammelte der sichtlich abgeneigte Karsten und versuchte, an Nicole vorbei zurück zur Tür zu kommen. Doch die sammelte alle seine abwehrend durch die Luft wedelnden Arme ein, schob ihn mit einem letzten energischen Klaps auf den Balkon, wies mit beiden Händen auf ihre schwarzlockige Freundin und rief: „Und das ist Maria!“

Karsten, der sich bis eben noch gewehrt hatte, ließ auf einen Schlag die Arme fallen und blieb wie angewurzelt vor Maria stehen. Er riss die Augen auf, seine Kinnlade klappte nach unten und er schien alles andere vergessen zu haben.

„Maria“, hauchte er fassungslos und starrte die Italienerin an wie ein Dreijähriger den Weihnachtsbaum.

Maria wechselte mit Nicole einen kurzen, irritierten Blick. Dann schaute Nicole vielsagend zwischen Maria und Karsten hin und her, verdrehte dann die Augen, zog die Augenbrauen hoch und deutete für ihre Freundin auffordernd mit dem Kinn auf ihren Nachbarn. Doch Maria dachte nicht daran, es Nicole leichter zu machen. Das Rohmaterial war erstklassig. Nicole hatte ihr einen Bären aufgebunden! Und anscheinend schien Maria selbst dem Kerl auch noch zu gefallen! So ein Mist. Unter anderen Umständen hätte das hier ein nettes Frühstück werden können. Ein ganz besonders nettes. Aber sie musste ja dafür sorgen, dass der Kerl in Nicoles Augen ein Versager blieb.

Also ignorierte sie das Wettobjekt einfach, griff nach ihrer nach wie vor leeren Kaffeetasse und suchte darin konzentriert nach letzten Spuren von Koffein.

Sollte doch Nicole die peinliche Situation entspannen. In der Liebe und im Krieg war alles erlaubt. Und eine Wette war ja so etwas wie Krieg.

Nicole räusperte sich kurz und rammte Karsten dann unsanft den Ellenbogen in die Nieren. Der fuhr erschrocken zusammen, schnappte nach Luft und rief: „Was?“ Dabei starrte er Nicole an wie eine Kuh, wenn’s donnert.

„Nicht was. Wer?“, meinte Nicole patzig. „Maria. Das ist Maria“, wiederholte sie dann langsam und deutlich wie für einen schwerhörigen Tattergreis. „Meine Freundin. Sie lädt dich ebenfalls gern zum Frühstück ein, nicht wahr?“

Die kaum einen Meter sechzig kleine Maria starrte den baumlangen Karsten einen Moment lang so hochmütig und angewidert an wie Fräulein Rottenmeier den Geißenpeter – was ihr ganz und gar nicht leicht fiel. Dann beugte sie sich an ihm vorbei zur Seite und erklärte in Nicoles Richtung mit ausdruckslosem Gesicht trocken: „Das schaffst du nie.“

„Oh doch. Und wie ich das schaffe!“, rief Nicole pampig.

„Was schafft wer?“, fragte Karsten und schaute irritiert zwischen den beiden Frauen hin und her. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Maria tat er leid. Aber vielleicht war es ganz gut so, dass er für sie nichts weiter als ein Wettobjekt war. Denn der baumlange Kerl mit dem scheußlichen Hemd in Floraloptik schien mächtig auf dem Schlauch zu stehen. Das half Maria natürlich enorm weiter. Sie grinste vor sich hin und entblößte dabei nicht nur blendend weiße Zähne, sondern auch ihre freche Lücke zwischen den beiden vorderen Schneidezähnen.

Karsten starrte völlig fasziniert darauf. Gleichzeitig schien er sich vor ihren Augen in Pudding zu verwandeln. Seine Kinnlade klappte erneut nach unten und seine Arme baumelten willenlos an seinen Seiten herab.

Irritiert fuhr Maria mit den Zähnen über die Lücke. War irgendwas dazwischen hängengeblieben? Nein. Der lange Lulatsch wusste wahrscheinlich einfach nicht wohin mit sich. Trotzdem: Dieses stumme Starren machte sie ganz nervös.

Sie warf ihrer Freundin einen fragenden Blick zu. Doch Nicole zuckte nur die Achseln.

Maria blickte wieder zu Karsten. Ob der vielleicht am Tourettesyndrom oder ähnlichem litt? Das würde die Sache für Nicole noch weiter verschlechtern. Maria lächelte. Wette war Wette – da musste Nicole jetzt durch. Vielleicht half es ihr ja auch, dass ein Hirnschaden Karsten deutlich willenloser als einen normalen Blödmann machte, sodass sie ihn leichter umerziehen konnte.

Nicole schien in eine ähnliche Richtung zu denken. Denn sie atmete tief durch, grinste ihr Wettobjekt haifischmäßig an und griff den Faden wieder auf: „Das Essen. Es ist wirklich sehr viel. Aber es ist zu schaffen, wenn du uns hilfst. Setz dich doch. Ich hole noch einen Stuhl.“

Sie drückte den überrumpelten Karsten auf ihren eigenen Stuhl und holte einen weiteren vom Esstisch für sich selbst.

Während Maria ihren Besucher verstohlen musterte, rutschte der nervös auf seinem Stuhl herum. Immer wieder warf er Maria einen ungläubigen Blick zu, klappte den Mund auf, als wolle er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder. Hoffentlich kommt Nicole bald wieder, schoss es Maria durch den Kopf.

Endlich brach Karsten sein Schweigen: „Schönes Bastwand heute!“, platzte er heraus. Anscheinend hatte er über das Wetter reden wollen, bis sein Blick auf Nicoles neueste Balkonerrungenschaft gefallen war.

„Was?“ Maria schaute ihn verblüfft an.

„Die, äh, die Wand. Die ist, äh, neu. Oder?“, fragte er. Die ersten Schweißtropfen plumpsten von seiner Stirn und tropften auf ein Croissant im Brötchenkorb.

Karsten riss erschrocken die Augen auf, starrte auf das Croissant und machte: „Oh, oh!“

Maria kicherte kurz. Dann flüsterte sie: „Das geben wir Nicole zu essen, okay?“

Er nickte dankbar.

Maria selbst schnappte sich ihre Tasse und suchte derweil mit trauriger Miene nach leider nicht mehr vorhandenen Spuren von Kaffee.

„Soll ich dir einen holen?“, bot Karsten da spontan an. Schlagartig hatte er Marias Aufmerksamkeit.

„Was?“, fragte sie verblüfft und schaute ihn zum ersten Mal direkt an. Er starrte zurück. Mit strahlend blauen Augen, umrahmt von den längsten, schwarzen Wimpern, die Maria je gesehen hatte. Nun klappte ihre Kinnlade nach unten und ihr Gesicht färbte sich zartrosa. So blaue Augen … Da waren sie wieder – die Achtzigerjahre!

„Was?“, hauchte sie noch einmal.

„Kaffee“, hauchte er zurück und verfärbte sich ebenfalls. „Ich hole dir so viel davon, wie du willst.“

Sie schluckte. So etwas Wunderbares hatte noch nie ein Mann zu ihr gesagt! Unwillkürlich lächelte sie ihn an und nickte zaghaft.

Er lächelte völlig hilf- und willenlos zurück. Plötzlich summte eine Biene um seinen Kopf herum – wo kam die im Januar denn schon her? – bevor sie Maria umkreiste. Sie lächelte. Bienen waren wunderbar. Die brummten so nett, sammelten Honig und sorgten dafür, dass überall wunderbare Früchte wuchsen. Eine Biene war ein gutes Zeichen. Ein ganz hervorragendes Zeichen!

Das Insekt flog zu Karsten zurück, sodass Maria nun auch ihn anlächelte. „BUM!“ machte es in ihrem Kopf. Und irgendwie schien plötzlich Blumen- und Kaffeeduft in der Luft zu liegen, obwohl beides nicht sein konnte. Maria schnappte nach Luft. Was war das denn?

„Ich wollte doch etwas, was wollte ich nur?“, überlegte Karsten da laut.

„Kaffee“, flüsterte Maria lächelnd. Ihr Herz schlug wie verrückt. Ein Zeichen?

„Natürlich“, flüsterte er zurück.

Leider kam in diesem Moment Nicole elfengleich wie ein Nilpferd angestapft und erklärte:

„Wir haben noch jede Menge Schneckennudeln und flammende Herzen. Die Eclairs hat Madame Botero hier leider im Alleingang verdrückt.“

Madame Botero? Die Biene hinter Maria machte Sssssst! und taumelte zu Boden. Der Blumenduft verwandelte sich in Schimmelgestank. Und Kaffee gab es immer noch nicht!

Wütend darüber, dass der magische Moment bereits zertrampelt war und ihre Figurprobleme vor Fremden diskutiert wurden, schnappte Maria sich ihre Serviette und warf sie stinksauer nach Nicole.

„Maria Botero. Das ist aber ein schöner Name“, meinte Karsten derweil dämlich.

Maria erdolchte ihn fast mit Blicken. Wollte der Kerl sie verarschen?

„Eine unglaubliche Mischung – italienisch und spanisch, oder?“, schickte er unsicher hinterher.

Nicole erklärte milde: „Ich wollte mit Madame Botero eigentlich auf den Künstler anspielen. Du weißt schon – den Spanier, der die kugelrunden Damen abgebildet hat. Und das habe ich gesagt, weil Maria sich mit Eclairs vollstopft, bis sie kugelrund ist – und schließlich platzt.“

„Also hör mal!“, fuhr Karsten auf. „Das ist aber nicht nett! Deine Freundin hat doch eine sensationelle Figur! Es kann ja nicht jede schlank sein.“

BÄM!

Maria riss die Augen auf und verfiel in Schnappatmung.

Karsten, dem anscheinend klar wurde, dass er etwas Falsches gesagt hatte, stammelte: „Ich meine natürlich nicht, dass du nicht schlank bist. Ich meine, dass Kurven etwas Wunderbares sind. Also, dieses ganze Dürrsein heute, das gefällt doch sowieso niemandem. Also …“ Unter Marias versteinertem Blick verstummte er. Nicole schien sich zwischen den ganzen Beleidigungen und dem Gestammel prächtig zu amüsieren. Fröhlich schnappte sie sich das von Karsten vollgeschwitzte Croissant und biss herzhaft hinein. Maria lächelte maliziös. Kleine Sünden bestrafte das Universum sofort.

Nicole schluckte ihr Schweißcroissant hinunter und verkündete dann in Karstens Richtung: „Wir haben auch noch wunderschöne Erdbeeren und eine phantastische Käseplatte: mit Povolone, Büffelmozzarella, einem französischen Weichkäse mit Walnusslikör, einem alten Manchego und einem korsischen Kräuterkäse. Ich hol schnell mal alles.“

Sie verschwand.

Um dem unverschämten Menschen neben sich nicht ins Gesicht schauen zu müssen, entwickelte Maria ein riesiges Interesse an den Betonplatten auf dem Balkon. Da schleppte Nicole auch schon den Käse an und knallte ihn auf den Tisch. „Tataaa! Wie sieht’s jetzt aus?“

Maria musterte die guten Gaben intensiv. Dann breitete sich ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Zum einen war sie, zumindest was Nicole betraf, nie lange nachtragend. Zum anderen wusste sie zu schätzen, dass Nicole sich bei Toni, dem großartigsten italienischen Feinkosthändler Stuttgarts derart in Unkosten gestürzt hatte. Dafür konnte man schon mal ein paar Frechheiten wegstecken.

Karsten schien mit den Leckereien weniger anfangen zu können. Skeptisch betrachtete er die dargebotenen Köstlichkeiten, reckte seinen Kopf wie eine Schildkröte nach vorne und schnüffelte ein paarmal skeptisch: „Ich weiß nicht … normalerweise esse ich nur Gouda“, erklärte er abschließend.

Nicole entfuhr ein kleiner Laut des Entsetzens, während Maria zufrieden vor sich hin nickte und dann kichernd meinte: „Das hat die liebe Nicole nicht bedacht, nicht wahr, meine Beste? Das hättest du dir denken können. Dass so jemand nur Gouda isst …“ Sie warf Karsten einen bissigen Blick zu. Nicole konnte sie verzeihen. Dem Wettobjekt nicht! Der Depp hatte sie beleidigt und sich über ihre Figur lustig gemacht. Als ob sie fett wäre, pah!

Mochte dieser Kretin noch so lange Wimpern und noch so blaue Augen haben – er war ein Wettobjekt. Nichts weiter. Rohmaterial, das zudem Nicole in die Krallen bekam. Die war männermäßig anscheinend derart unterversorgt, dass sie schon Kerle mit Deppenpony aus der Großstadt verwandeln wollte. Peinlich war das!

Nicole zischte ihr zu: „Wenn ich gewusst hätte, dass uns heute Karsten beehrt, hätte ich Gouda gekauft. Das war ja alles so nicht geplant!“, dann säuselte sie in Karstens Richtung: „Mir fällt da gerade ein, Karsten, dass ich im Kühlschrank auch noch eine große italienische Trüffelsalami deponiert habe – all’ Aroma di Tartufo Bianco. Das ist eine wirklich köstliche Wurstspezialität. Zergeht auf der Zunge. Ich hab die Wurst nur nicht herausgeholt, weil Maria Vegetarierin ist.“

„Das tut mir aber leid“, platzte er heraus und musterte Maria wie jemanden, der eine schwere Krankheit hat. Dann fragte er kichernd: „Also … dann isst du nur Wild?“

Maria schaute ratlos zurück und fragte dann: „Bitte?“

„Wild! Dann isst du nur wild! Mensch, Rüdiger Hoffmann. Der Vegetarier. Den kennst du doch …“, rief Karsten begeistert.

Stummes Kopfschütteln von beiden Frauen, die einen irritierten Blick austauschten.

Karsten klatschte derweil mit beiden Händen mehrfach auf den Tisch, sodass beide Frauen zusammenzuckten: „Das ist der Sketch, in dem der Vegetarier erklärt, dass er keinen Fisch, kein Fleisch und kein Geflügel ist – und der Ober meint: also nur Wild. Das musst du doch kennen!“

Maria warf ihrer Freundin einen langen, intensiven, gönnerhaften Blick zu und bot ihr dann sehr freundlich an: „Du darfst zurücktreten. Ehrlich. Das ist zu viel verlangt. Sogar von den Besten unter uns. Schatz. Lass es sein.“

Doch Nicole schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder an Karsten: „Natürlich. Ich trete gerne zurück, um die Salami zu holen. Nicht wahr, Karsten – die wäre dir doch recht?“

„Ja, schon, wenn ich ehrlich bin“, meinte dieser und schnüffelte noch einmal am Feinschmeckerkäse. Dann verzog er angewidert das Gesicht und musterte abwechselnd Erdbeeren, Käse und die süßen Teilchen neben den Brötchen, als ob sie ihm als Schwaben eine Freikarte für ein FC-Bayern-Spiel angeboten hätten.

„So etwas esst ihr echt? Zum Frühstück?“, wollte er dann flüsternd von Maria wissen. Die nickte nur stumm mit ausdruckslosem Gesicht.

Also blickte er hektisch zwischen all den Lebensmitteln auf dem Tisch hin und her und angelte sich dann vorsichtig eine Schneckennudel aus dem Korb.

Er legte sie mit spitzen Fingern vor sich auf den Teller und musterte dann die Käseplatte. Er beugte sich zu Maria und flüsterte: „Gegen süße Teilchen habe ich ja nichts. Aber das Zeug da stinkt ziemlich, wenn ich ehrlich bin. Wie kann man etwas Süßes essen, wenn etwas so Stinkiges auf dem Tisch liegt?“

„Kein Problem – hier kommt die Rettung“, rief Nicole, die seinen letzten Kommentar gehört hatte, betont fröhlich und knallte die komplette Salami-Köstlichkeit aus dem teuren Feinkostladen vor Karsten. „Wohl bekomm’s!“, trompetete sie noch hinterher. „Die Salami dürfte noch um einiges stärker riechen als der Käse. Oder?“

Er beugte sich vor, schnüffelte – und auf der Stelle breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus, während er begeistert nickte. Beherzt schnappte er sich ein Messer und säbelte ungefragt dicke Salamischeiben ab. „Feine Sache“, erklärte er währenddessen. „Und du willst wirklich nicht probieren? Vielleicht schmeckt’s dir ja!“, wandte er sich an Maria, spießte ein Stück Salami mit der Gabel auf und wedelte ihr damit auffordernd vor der Nase herum.

Angewidert zog sie deshalb die Nase kraus, beugte sich nach hinten von ihm weg, wandte den Kopf ab und hob auch noch abwehrend die Hände. Am besten rief sie noch von Nicole aus in der Bäckerei an und bat um die Telefonnummer des Leerers. Sollte er doch dichten und Mundgeruch haben, soviel er wollte! Alles war besser als der durchgeknallte Wurstmann hier!

„Karsten?“, meinte da Nicole sanft und legte ihm eine Hand auf den Unterarm. „Sie ist seit über fünfundzwanzig Jahren Veggie. Und zwar aus Überzeugung. Du verstehst? Sie möchte wirklich nichts davon abhaben. Für sie riecht das auch nicht so gut wie für dich.“

Maria schnaubte angewidert. „Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts!“

Da! Flog da nicht wieder eine Biene? Sie nahm ihr Wasserglas und schüttete es in die Richtung des Insekts. Hier flog heute gar nichts mehr!

 

„Na gut“, meinte Karsten derweil etwas beleidigt und zuckte die Schultern. „Man soll niemand zu seinem Glück zwingen.“

Sehr zufrieden kaute er am Riesenstück in seinem Mund.

„Schmeckt komisch“, lautete sein anschließender hervorgewürgter Kommentar. „Irgendwie pilzig. Und muffig … und man bekommt so einen seltsamen, pelzigen Geschmack im Mund.“ Er schmatzte verächtlich und fragte Nicole dann flüsternd: „Vielleicht ist die schlecht?“

Nicole schloss kurz die Augen. „Nein“, erklärte sie dann sehr gefasst und höflich. „Die habe ich gestern erst bei Toni gekauft. Du weißt schon: Der Feinkosthändler in der Innenstadt. Da ist alles hervorragend. Beste Qualität. Garantiert nicht abgelaufen.“

„Toni? Italiener?“, fragte Karsten und winkte lachend ab. „Dann ist das sicher ein Stück alter Esel, der vor zwei Jahren in einer Pilzzucht verendet ist, tiefgefroren, aufgetaut, wieder tiefgefroren, aufgetaut, kreuz und quer durch Europa gekarrt …“

„Ich bin Italienerin!“, platzte Maria empört dazwischen und erdolchte ihn fast mit Blicken.

„Ja, aber du hast sicher nichts mit der Mafia und toten Eseln zu tun, oder? O-oder?“, fragte Karsten etwas unsicher zurück.

„Vielleicht etwas Süßes zwischendurch?“, schaltete sich fix Nicole dazwischen, während Marias Hand sich um ein Messer auf dem Tisch krallte, und hielt Karsten noch eine Schneckennudel unter die Nase.

„Na gut“, meinte er zerstreut, schnappte sich die Nudel, legte sie auf die zweite und biss mit einer halben Kiefersperre in den Doppeldecker, bevor er mit vollem Mund erklärte. „Damit der fiese Geschmack weggeht.“ Er verdrückte die Hälfte des Blätterteilgebäcks mit wenigen Bissen. Dann meinte er: „Gampf fön trocken“, und spuckte dabei Gebäckkrümel quer über den Tisch.

„Warum nimmst du nicht ein bisschen Käse dazu? Dann wird’s vielleicht saftiger“, fragte Maria, die sich inzwischen wieder etwas beruhigt hatte, mit ätzendem Tonfall und hielt ihm die Käseplatte, von der sie wusste, dass ihm davon schlecht wurde, direkt unter die Nase. Immerhin musste sie dafür ihr Messer wieder loslassen, was Nicole aufatmend registrierte.

Karsten hielt mit dem Kauen inne: „Na gut. Vielleicht die da?“ Er deutete zögernd auf die Povolone. „Die scheint nicht ganz so schlimm zu stinken wie die anderen.“

„Aber sicher. Das ist der am wenigsten stinkende Eselskäse dies- und jenseits des Brenners“, meinte Maria vor Ironie triefend zuckersüß und nickte dabei auffordernd. „Nimm dir nur, nimm! Die Kombination ist einzigartig.“ Was nicht gelogen war. Fasziniert und sehr zufrieden beobachtete sie, wie Karsten tatsächlich begann, die Povolone in fingerdicke Scheiben zu schneiden und auf die Schneckennudel zu legen. Nicole klappte den Mund auf, um zu protestieren. Doch Maria warf ihr nur einen Blick aus der tiefsten Hölle sizilianischer Mafiagangster zu, sodass Nicole ihren Mund wieder zuklappte. Niemand nahm einer Italienerin ihre Rache.

„Marlon Brando. Auch das noch“, murmelte Nicole und lehnte sich schlapp in ihrem Stuhl zurück.

„Zu einem Hamburger gehört doch auch Fleisch, oder?“, fragte Maria Karsten nun erneut und noch viel zuckersüßer. Sie schenkte ihm einen dramatischen Augenaufschlag und bat: „Nimm doch noch etwas Salami. Dann schmeckst du den bösen toten Italiener-Esel gar nicht mehr heraus.“

„Na gut.“ Er zuckte die Schultern und säbelte ebenfalls fingerdicke Scheiben ab, die er auf den Povolone-Käse legte. Dann betrachtete er das mehrere Zentimeter hohe Gebilde auf seinem Teller etwas ratlos.

„Und jetzt?“, fragte er unsicher.

„Wenn du da jetzt reinbeißt, fällt alles runter“, erklärte Maria scheinbar besorgt und zog eine Kindchenschnute. Sie dachte gespielt konzentriert nach, dann klatschte sie affektiert kleinmädchenhaft in die Hände und schlug vor: „Nimm doch noch eine Schneckennudel als Deckel oben drauf! Dann hält alles gut zusammen.“

„Echt? Na ja. Vielleicht eine ganz gute Idee“, meinte Karsten mit Bauchschmerzgesicht.

Begeistert verfolgte Maria, wie Karsten Salami im Wert von zwanzig Euro auf einen Käse im selben Wert auf eine Schneckennudel legte.

„Möchtest du vielleicht Ketchup dazu?“, fragte sie scheinbar komplizenhaft flüsternd. „Das magst du doch sicher?“

Er nickte vorsichtig und Nicole flüsterte nun ebenfalls:

„Kühlschrank.“ Das war alles, was sie noch herausbrachte.

Maria schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Rache war manchmal süß. Und manchmal schmeckte sie nach Ketchup.

„Bin gleich wieder da.“ Karsten verschwand in der Küche und kam gleich darauf mit einer Gourmet-Steaksauce zurück.

„Ketchup war wohl aus. Die tut’s zur Not aber auch“, erklärte er, während er den Deckel von der Steaksauce abschraubte. Dann kippte er die halbe Flasche beherzt auf den Povolone-Trüffel-Burger.

Angewidert verfolgte Maria, wie der seltsame Berg zunächst in dunkelroter Sauce verschwand – und innerhalb weniger Momente dann in Karsten.

Dieser schien wild entschlossen, diese Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Was ihm auch gelang. Doch die Tischdecke um ihn herum sah aus, als hätte er dort gerade ein Kleintier geopfert.

Maria summte derweil leise und sehr zufrieden eine Opernarie und wartete ab, bis auch der letzte Krümel in Karsten verschwunden war.

„Interessant“, war Karstens abschließender Kommentar. Er bemühte sich, möglichst dezent zu rülpsen, was ihm ordentlich misslang. „Schmeckt irgendwie, äh, chinesisch.“

„Chinesisch“, hauchte Maria mit funkelnden Augen maliziös und begeistert.

„Eine Erdbeere zum Nachtisch?“, fragte Nicole mit zitternder Stimme.

„Och nö, danke. Esst ihr die mal“, erklärte er angewidert und schob das Obst zur Seite, bevor er erneut laut rülpste. Seine Gesichtsfarbe verfärbte sich deutlich.

Dann sprang er plötzlich auf und erklärte mit gepresster Stimme: „Ich muss jetzt leider ganz schnell los.

Zuerst ganz kurz, äh, in meine Wohnung. Und dann zu einem Fußballspiel. Sonst haben die Jungs keinen Torwart.“ Er warf einen letzten bedauernden Blick auf Maria, die ihn schlichtweg ignorierte.

Sie wedelte nur betont gleichgültig mit den Fingerspitzen und meinte lapidar: „Ciao.“

Karsten verließ bereits ohne jeden weiteren Kommentar in leicht gebeugter Haltung und zusammengekniffenen X-Beinen den Balkon, eierte mit quietschenden Sohlen durchs Wohnzimmer und knallte dann die Tür hinter sich zu.

„Geschafft!“, kreischte Nicole geradezu selig und unendlich erleichtert. „Mir fällt nämlich seit dem Umzug einfach nicht mehr ein, wo die Eimer sind!“

 

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Sophia Monti wurde 1971 in Stuttgart geboren, studierte Romanistik, Anglistik und Germanistik und schrieb nach einem Zeitschriftenvolontariat in verschiedenen Redaktionen, Werbeagenturen und Pressestellen in Deutschland und Spanien. Als freie Autorin und Redakteurin lebt sie heute mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Stuttgart.