Trustless Love

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April 2012

„Das ist Halsbetäubungspray“, sagte sie schelmisch grinsend. „Für Blowjobs.“

Eva Bradley, eine zierliche Frau in ihren frühen Vierzigern, ihr schwarzes Haar ein akkurat geschnittener Bob, trug ihren üblichen schwarzen Unternehmensanwältinnen-Hosenanzug von Ann Taylor und einen modernen knallbunten Schal. Sie hatte eine kleine Schachtel aus ihrer Coach-Handtasche hervorgezogen, ihr eine braune Flasche entnommen und sie mit einer bühnenreifen Geste mitten auf dem Tisch des Coffee Shops platziert.

Die kleine Glasflasche landete – Rums – direkt auf der monatlichen Einladung und traf dabei wie zufällig direkt auf den als Wasserzeichen auf der Seite abgebildeten, stets überdimensionalen roten Buchstaben „A“.

 

„But he knows where she’s goin’ as she’s leavin’

She’s headed for the cheatin’ side of town.“

Lyin’ Eyes, The Eagles

 

Monatliches Treffen der Scarlet Letter Society

Zoomdweebies Café

Freitag, 6. April 2012

5:30 Uhr.

 

„Der scharlachrote Buchstabe war ihr Passierschein in Gebiete, die andere Frauen nicht zu betreten wagten.“

– Der scharlachrote Buchstabe, Nathaniel Hawthorne

 

Lisa druckte die Einladung, auf der jeden Monat stets ein Zitat aus demselben Buch und ein anderer Songtext standen, immer aus. Die Mitgliedschaft in der Scarlet Letter Society war exklusiv und derzeit auf nur drei Frauen begrenzt: Eva, Maggie und Lisa. Der Club trug den Namen der literarischen Bibel des Ehebruchs: Nathaniel Hawthorne’s Der scharlachrote Buchstabe.

Maggie blickte flüchtig auf die mysteriöse Flasche und lachte. Neben ihr staunte Lisa nicht schlecht, ihre schokoladenbraunen Augen weiteten sich, Falten kräuselten sich auf ihrer verblüfften Stirn wie das internationale Zeichen für „Speck“.

Maggie Hanson, die das Vintage-Kleidungsgeschäft neben dem Café, in dem die Frauen sich trafen, besaß, nahm die Schachtel in die Hand. „Total taub“, las sie, noch immer grinsend, in ihrem breiten Bostoner Akzent vor. „Nun, der Name ist so gut wie jeder andere für ein Blowjob-Spray. Hier steht: ‚Der erfrischende Spritzer enthält einen leicht betäubenden Inhaltsstoff, der die Rückseite des Halses benetzt und den Würgereflex während des Oralverkehrs unterdrückt.‘“

Eva nahm die Flasche und fügte mit einer singenden Werbejingle-Stimme hinzu: „Diskret genug, um sie überall mit hinzunehmen! Dient gleichzeitig als Atemerfrischer!“

„Wo zum Teufel willst du das mit hinnehmen?“, fragte die ortsansässige Bäckereibesitzerin Lisa Swain und sah völlig verblüfft drein, als sie einen Blick auf die Geschmacksbezeichnung auf der Verpackung warf: Minzschokolade.

„Die gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen?“, fragte sie, ihr normalerweise blasses Gesicht puterrot gegen ihr hellblondes Haar.

Eva lächelte. „Natürlich. Wie beim Zahnarzt!“

Maggie hob die Augenbrauen Richtung Lisa und sagte zu ihr: „Weißt du, dieses Zeug funktioniert besser, wenn die Kerle es benutzen.“

Eva rollte mit den Augen. „Ist es das, was all deine schwulen besten Freunde dir erzählen?“

Maggie antwortete: „Nein, Superhirn. Ich meine, wenn du es auf das beste Stück deines Mannes sprühst, braucht er länger, bis er kommt. Außerdem ist sein Lurch dann ein Minzschokoladen-Lolli. So hat jeder was davon.“

„Ich habe vor, es bei einem bevorstehenden Treffen in Washington, D.C. anzuwenden“, sagte Eva kleinlaut, ein sexy Funkeln in ihren Augen.

Maggie nickte vielsagend. „Hoffentlich nicht während des Meetings, du kleine Hure. Lass mich raten“, sagte sie. „Spätabendliches Treffen mit deinem Praktikanten Ron?“

Lisa schaltete sich ein: „Ehrlich, Eva, ich kann nicht glauben, dass du mit jemandem schläfst, der in den Achtzigern geboren wurde. Um Himmels willen, er wurde nach Ronald Reagan benannt! Du warst damals noch in der Highschool!“

„Genau genommen war ich erst in der achten Klasse, als er geboren wurde.“ Eva wurde rot. „Ich meine, es ist ja nicht so, dass ich alt genug wäre, um seine Mutter zu sein oder so.“

Maggie fügte hinzu: „Ja, es sei denn, du warst eine verdammt nuttige Achtklässlerin. Gab es damals schon Blowjobspray mit Minzschokoladengeschmack, Mrs. Robinson?“

Alle drei Frauen lachten. Lisa trank einen Schluck von ihrem Eiskaffee und bemerkte: „Ich habe mir wirklich einen ungünstigen Tag für meinen Minz-Mokka-Latte ausgesucht.“

 

*

 

„Guten Morgen, Tara“, sagte Zarina Harandi. Zarina gehörte das Zoomdweebies, ein beliebtes Indiebuchladen-Café in Keytown, Maryland, der zweitgrößten Stadt des Staates.

„Ich bin so froh, hier zu sein“, sagte Tara. „Ich suche nach dem neuen Stephen King Buch, außerdem nehme ich natürlich noch die Baltimore Sun.“

„Natürlich“, sagte Zarina, während sie über den abgenutzten Dielenboden schritt. Das Geschäft war in einem klassischen leuchtenden Achtzigerjahre-Gelb gestrichen worden, um seinem ganzen Vintage-Stolz Rechnung zu tragen: einem Ms.-Pac-Man-Arcade-Spiel.

„Man muss sich nie darüber Sorgen machen, dass die Batterie eines Buches leer geht“, sagte Tara.

„Stimmt“, sagte Zarina. Ihre Mutter Kate hatte diesen Laden eröffnet, nachdem ihr Vater, ein iranischer Immigrant, sechs Jahre zuvor gestorben war. Kate hatte das Geschäft gegründet, weil, wie sie sagte: „Frauen einen Ort brauchen, um sich hinter ihren Wagen zu verschanzen – selbst wenn ihre Wagen heute in Form von Minivans daherkommen.“ Kate war durch und durch ein Achtzigerjahre-Mädchen, daher auch die Idee für den Namen des Geschäfts, Zoomdweebies, eine Anspielung auf den von Judd Nelson gespielten Charakter John Bender aus dem John-Hughes-Film The Breakfast Club von 1985.

„Außerdem nehme ich, wenig überraschend, das Übliche“, sagte Tara lächelnd.

Zarina wusste, dass es sich dabei um einen Eiskaffee bestehend aus einem doppelten Espresso mit Magermilch und einem Schuss Vanille handelte.

„Kommt sofort“, sagte Zarina.

„Was würde diese Stadt nur ohne deinen Laden machen?“, sagte

Tara. „Ich will in keiner Welt leben, in der es keinen Ort gibt, an dem man ein Buch, einen Kaffee und eine Zeitung kaufen kann.“

„Ich auch nicht“, sagte Zarina. Sie hatte im Jahr zuvor das College beendet und war nach Hause zurückgekehrt, um das Café zu leiten, als ihre Mutter begann, als Professorin an der örtlichen Universität zu arbeiten. Da sie nicht wusste, was sie mit ihrem Journalismusabschluss machen wollte, fand sie, dass das Zoomdweebies zu betreiben, für den Moment eine genauso gute Idee war wie jede andere.

Außerdem hatte es ihr hier gefallen. Ihre vermeintlich ruhige Persönlichkeit erlaubte es ihr, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, bis zu dem Punkt, dass die Leute vergaßen, dass sie da war. Aber während sie zwischen dem Zubereiten von Avocado- und Briewraps und fettarmen Chai-Latte über einen Laptop an einem kleinen Schreibtisch in der Ecke des Ladens hinter der Theke gekauert dasaß, hörte und sah sie – wie der Hausmeister in The Breakfast Club – alles.

Tara dankte Zarina für den Kaffee und ließ sich in einem gemütlichen, abgenutzten roten Samtsessel nieder, um ihre Zeitung zu lesen. Zarina wusste, dass Tara nur wenig Zeit hatte, bevor sie ihr Vorschulkind abholen musste.

Neben Tara flimmerte Pretty in Pink leise über einen altmodischen Fernseher mit Videorekorder. Ich frage mich, was mit Jake Ryan nach diesem Film passiert ist?, fragte sich Tara, als sie den Film spielen sah. Ich wette, er ist immer noch heiß.

Der Laden zeigte eine endlose Schleife von Achtzigerjahre-Filmen auf VHS: Ferris macht blau, Ich glaub’, mich knutscht ein Elch!, Ghostbusters, Das darf man nur als Erwachsener, Wahnsinn ohne Handicap, die Auswahl war endlos. Kate hatte die gesamte VH 1-Serie von I Love the 80s gefunden und sie von dem digitalen Format zurück auf VHS-Kassetten konvertieren lassen, von einem lokalen Hipster-Geek, der zu ihr gesagt hatte: „Ausgezeichnete Formatwahl, Alter.“

Tara und die anderen Stammkunden des Shops liebten die Filme, die im Hintergrund liefen, und drehten oft die Lautstärke höher, um sich eine oder zwei Szenen anzusehen. Es waren immer die coolen Leute, die sich darum versammelten, um die „Cinderella“-Szene von Carl Spackler in Wahnsinn ohne Handicap zu sehen, und darum baten, die Lautstärke zu erhöhen. Das waren die Kunden, die Zarina als Stammkunden wollte, nicht die verklemmten, Strumpfhosen tragenden Mütter, die forderten, dass Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug ausgeschaltet wurde, wenn Kapitän Oveur Joey fragte, ob er jemals einen erwachsenen Mann nackt gesehen hatte.

Sollen diese Biester doch zu Starbucks gehen, hatte Zarina gedacht.

Alle möglichen Leute kamen in das Café. Als Journalistin hatte Zarina ein Notizbuch, in dem sie Charakterskizzen für zukünftige Geschichten aufschrieb. Es gab einen Mann und seine Frau, die jeden Dienstagmorgen vorbeikamen und immer genau das Gleiche bestellten. Nur dass sie auf dem Weg zur Eheberatung sind, dachte Zarina. Es gab einen Teenager, der jeden Tag zur gleichen Zeit nach der Schule reinkam und nur eine Packung Kaubonbons mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen kaufte. Er ist nur hier, weil er hofft, dass die blonde Lacrosse-Spielerin mit ihren Freundinnen vorbeikommt, um bei Magermilch-Mokkaccinos miteinander zu kichern.

Und dann waren da die Mütter. Auch wenn es gelegentlich die alleinerziehende Mutter war, die wie Tara herkam, um ein Buch zu lesen und etwas Ruhe und Frieden zu finden, während ihr Kind in der Schule war, reisten die meisten Mütter in Gänsescharen an. Es gab Helikoptermütter (die nervigsten; allein die Art und Weise, wie sie über Spendenaktionen für Keksteig und Bestechungsdonuts für die Lehrer jammerten, bereitete ihr Kopfschmerzen), Ökomütter (Stoffwindeln, rohe hausgemachte Bio-Babynahrung), und junge Mütter (dunkle Augenringe und Jogginghosen), die nur versuchten, menschlichen Kontakt mit jemand anderem zu haben als mit einem Neugeborenen.

Während sie an den frühen Morgenbesuch der Ehebrecherinnen dachte, lächelte Zarina bei dem Gedanken, jemand wie Tara würde ein Gespräch über Blowjob-Spray mit anhören.

‚Ehebrecherinnen‘ scheint ein fürchterlich altmodisches Wort zu sein, dachte Zarina, als sie die Espressomaschine säuberte, aber wie sollte man sie sonst nennen? Die Frauen, die ihre Männer betrügen? MILFs? Einige würden sie als Schlampen oder Huren bezeichnen – auf eine gemeinere Weise als die Clubmitglieder, die die Begriffe scherzhaft verwendeten. Vielleicht ist es am besten, sie einfach so zu nennen, wie sie sich selbst nennen, zu Ehren von Nathaniel Hawthorne’s berühmtem Roman, entschied Zarina. Sie sind schlichtweg bekannt als „The Scarlet Letter Society“.

 

 


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„Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn Ron und Charles voneinander erfahren würden“, flüsterte Eva nach dem Treffen im Café. „Geschweige denn, wenn mein Mann etwas über meine beiden Liebhaber herausfinden würde. Uff.“

Das abgegriffene ovale Schild mit der Aufschrift Wings Vintage Clothing knarrte an seinen eisernen Scharnieren, als die Frauen Maggies Laden in der Innenstadt betraten, dessen Name als Hommage an ihr literarisches Lieblingswerk ausgesucht worden war, Erica Jongs revolutionäres Buch von 1973: Angst vorm Fliegen. Maggie war sogar so weit gegangen, ihre erste Tochter Erica zu nennen (und auch der Name ihrer anderen Tochter, Lilith, spiegelte einen gesunden Sinn für Feminismus wider).

„Nun, es gibt so vieles, über das man sich Sorgen machen muss, kleines Luder“, brachte Maggie lachend hervor. Sie warf ihre widerspenstigen rotbraunen Locken, immer auf dem schmalen Grat zwischen zerzaust und kraus, über ihre Schulter. Die beiden waren seit Jahren Freundinnen und teilten den angenehmen Gesprächsstil, der Schwestern und seltenen Frauenfreundschaften vorbehalten war.

Eva entstaubte geistesabwesend die Oberseite eines alten Rahmens, der eine antike Handarbeit enthielt, die eine weitere Anspielung auf den Namen des Ladens zu sein schien: „Mein Kind, ich wünsche dir zwei Dinge. Wurzeln und Flügel.“

„Ich brauche einen Ratschlag“, erklärte Eva. „Es ist einfach alles so kompliziert, und ich habe ernsthaft das Gefühl, dass mein Leben aus den Fugen gerät. Hast du dich jemals so gefühlt?“

Maggie lächelte, ein Glitzern in ihren grünen Augen. „Ja, es war einmal vor langer Zeit, da habe ich das, denke ich.“

Eva erwiderte: „Also, was hast du getan? Ich habe das Gefühl, dass mein ganzes Leben ein Zirkus ist, und ich bin eine schreckliche Zirkusdirektorin.“

Maggie wandte sich Eva zu. „Du musst nur lernen, wie man alle Bälle in der Luft hält.“

„Es sind einfach so viele Bälle!“, sagte Eva. Beide Frauen lachten. „Und jetzt hilf mir, etwas auszusuchen, das zugleich Vintage und umwerfend ist und das ich zu meinem Treffen nächste Woche tragen kann.“

Maggie suchte ein paar klassische Vierzigerjahre-Kleider heraus und bugsierte Eva in eine Garderobe. Eva modelte; an ihr sah immer alles fantastisch aus. Maggie ließ die Kasse klingeln und schickte Eva mit einer Umarmung, dem Ratschlag, einen Tag nach dem anderen zu meistern, und einem marineblauen A‑Linienkleid, das an ihrem zierlichen Körper atemberaubend aussah, auf den Weg.

Als sie das Kleid in eine Tasche legte, rief ein bestimmter Geruch eine längst vergangene Erinnerung in ihr hervor. Nachdem Eva den Laden verlassen hatte, saß Maggie in einem tranceähnlichen Zustand da und erinnerte sich.

An den Innenseiten des Fensters des Zwei-Zimmer-Apartments bildete sich Frost. Es war eine der vielen Nächte, in denen Maggie alleine zu Hause eingesperrt war, weil ihre Mutter, Kellnerin in einer nahe gelegenen Bar, sich keinen Babysitter leisten konnte. Maggie erinnerte sich nicht einmal mehr an den Namen ihrer eigenen Mutter, nur dass sie während ihrer fünfzehnminütigen Pausen nach Hause gerannt kam, um nach ihrem einzigen Kind zu sehen, und nach alten Zigaretten und Bier stank.

Wie in einer abgehackten Szene aus einem Horrorfilm – die Bilder flackerten ruckartig und zu schnell, dann zu langsam, dann wieder zu schnell – dachte Maggie an die Nächte, in denen ihre Mutter sie ins Bett gesteckt und ihr eine Taschenlampe auf dem Nachttisch hatte stehen lassen, falls sie auf die Toilette musste. Die Stromrechnung war nicht bezahlt worden. Der Geruch. Dieser vertraute Geruch aus der sanduhrförmigen Glasflasche mit der Goldschleife. Ihre Mutter besprühte sich mit diesem Estée-Lauder-Duft (ein Geschenk, irgendwoher wusste Maggie, dass es ein Geschenk gewesen war … aber von wem?), um die Gerüche der Bar zu überdecken, bevor sie mit Maggie ins Bett kletterte; sie schliefen im selben Bett, um sich warm zu halten.

 

Das Klingeln der Ladentürglocke riss Maggie zurück in die Gegenwart, mit gerötetem Gesicht und schweißnassen Händen. Ihr Herz schlug schneller und ihr Kopf hämmerte, als sie nach den Pillen in ihrer Tasche griff.

„Tag-Albträume?“

Es war Dave, Maggies erster Mann, der wusste, dass sie ihre Tagträume „Tag-Albträume“ nannte, da sie sie an Albträume erinnerten.

Maggies Gesicht wurde weicher, als sie Dave sah: bärtig, groß, in Kord und Flanell gekleidet. Er kam herüber und umarmte sie.

 

*

 

Eva bekam den Text von Lyin’ Eyes nicht aus dem Kopf, seit Maggie ihr die diesmonatige Einladung zum Treffen der Scarlet Letter Society geschickt hatte. Die Zeile „she’s so far gone, she feels just like a fool“ trällerte in ihrem Kopf, seit sie Maggies Laden verlassen hatte und über die Chesapeake Bay Bridge in Richtung des Hauses ihrer Mutter auf Matthew’s Island fuhr, das James Michener „das ruhigere Gewässer des Ostufers“ von Maryland nannte.

Ihr Telefon klingelte in dem Moment, als sie die Brücke überquert hatte, und „Anruf von Ron“ erschien auf dem Armaturen-Bildschirm ihres Autos. Sie nahm ihn über das Lenkrad ihres marsroten Mercedes SLK 350 Roadsters entgegen.

„Eva Bradley“, säuselte sie in einem gespielt professionellen Ton, als sie ans Telefon ging.

„Ms. Bradley, hier spricht Ihr Assistent Ron. Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Treffen am kommenden Donnerstagmorgen wegen eines Terminkonflikts mit dem Kunden verschoben werden muss.“

„Ron, du bist momentan mein einziger Praktikant; du musst dich nicht vorstellen. Und du kannst besagte Kundin selbst anrufen und ihr sagen, dass sie meine Eier lutschen soll, denn das ist schon das dritte Mal, dass sie absagt.“

Ein Moment der Pause. „Äh, Ms. Bradley, ich bin mir nicht sicher, ob der Satz ‚Lutschen Sie meine Eier‘ einer derjenigen ist, den die gnädige Frau auf Platz eins der Liste der Fortune 500 gewohnt ist, zu hören …“

Eva lachte. „Ich habe zu viel mit Maggie herumgehangen. Nun, ich überlasse es dir, es auf diplomatischere Art und Weise auszudrücken, Ron. In der Zwischenzeit verlange ich zu wissen, warum sich dein Körper nicht gerade unter meinem befindet.“

„Ms. Bradley, fahren Sie?“

„Ja, Ron, das tue ich.“

„Nun, dann ist die Antwort, dass ich kein Meisterwerk der deutschen Ingenieurskunst zerstören möchte. Gerne übernehme ich jedoch, in Anbetracht dessen, dass Ihre Kundin abgesagt hat, Ihren freien Termin am Donnerstagmorgen.“

„In diesem Fall“, antwortete Eva, errötete leicht und kicherte, „kannst du dieser verfickten Kundin für mich danken.“

Eva beendete das Gespräch und lächelte über die Art und Weise, in der ihr Körper allein beim Hören der Stimme ihres jungen Geliebten kribbelte. Er machte sie glücklich. Ihr Mann Joe, Chefarzt an der Johns Hopkins Universitätsklinik in Baltimore, arbeitete praktisch rund um die Uhr. Ihre Zwillingsjungs Calvin und Graham waren vierzehn, begannen dieses Jahr mit der Highschool, waren hormongesteuert und stanken und waren einfach ätzend. Sie liebte ihre Familie wie verrückt, aber ihnen zu entkommen, schien im Moment alles zu sein, was sie je gewollt hatte – was natürlich Schuldgefühle mit sich brachte, weil sie katholisch erzogen worden war, und wenn es jemanden gab, der dich zu jeder Zeit auf eine All-inclusive-Reise Richtung Mond und zurück unter dem Motto Schuldgefühle-einer-Mutter schicken konnte, dann waren es die Katholiken.

Sie hatte es irgendwie geschafft, in die Rolle einer einundvierzigjährigen Frau zu schlüpfen, die sowohl ihren fünfundvierzigjährigen Mann als auch ihren dreiundfünfzigjährigen Geliebten mit ihrem achtundzwanzigjährigen Praktikanten betrog. Von ihrem Sexualtrieb abgesehen, war es vor allem Evas Arbeitssucht, die sie antrieb. Ihre Karriere als Wirtschaftsanwältin war sowohl erfolgreich als auch anspruchsvoll, und sie fragte sich oft, ob all der Dampf, den sie während ihrer langen Arbeitswochen in den Firmenrechner pumpte, eben jener Dampf war, den sie durch ihre diversen kreativen sexuellen Ventile wieder hinausblies.

Plötzlich klingelte das Telefon erneut.

Ohne auf das Dashboard zu schauen, schnurrte Eva mit verführerischer Stimme: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Eeeva?“ fragte ihr Mann, Joe. Ihr Name wurde „Iwa“ ausgesprochen, obwohl die Leute ihn oft falsch, wie „Eywa“, aussprachen. Als Joe ihren Namen rief, klang es, als hätte er die erste Silbe in Großbuchstaben gerufen: EEEva.

Eva wurde in die Realität zurückgeworfen wie ein Ast in einem Unwetter. Unbewusst änderte sie ihre Sitzposition. Während sie sich eben noch in ihrem Ledersitz zurückgelehnt hatte, das Schiebedach offen, den Wind im Haar, saß sie nun aufrecht, gerade und steif da. „Hey, Joe“, antwortete Eva, und versuchte, lässig zu klingen. „Was ist los?“

„Was los ist, ist, dass deine Söhne gerade in der Schule am Fußballplatz hinter der Tribüne beim Biertrinken erwischt wurden.“

Eva zuckte bei der Art und Weise zusammen, mit der Joe immer dann auf ihre gemeinsamen Söhne als „deine Söhne“ verwies, wenn sie in Schwierigkeiten waren. Wenn sie dagegen die Nationalmeisterschaften in Lacrosse gewannen, nannte er sie „meine Jungs“.

Joe fuhr fort. „Anscheinend warst du auf deinem Handy nicht zu erreichen, also rief der stellvertretende Direktor Ken Tracey mich an, um mir mitzuteilen, dass sie für drei Tage suspendiert sind. Und das war das Ergebnis, nachdem ich fünfzehn Minuten damit verbracht habe, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht von der Schule verwiesen werden. Glücklicherweise schaffen sie es so vielleicht zumindest durch ihr erstes Jahr auf der Highschool.“

Eva zuckte zusammen. Sofort entbrannten in ihr die gefürchteten, allgegenwärtigen Schuldgefühle einer Mutter. Irgendwie war es ihre Schuld. Sie reiste zu viel und die Jungs rebellierten. Jetzt würden sie sich in der Highschool danebenbenehmen und damit die Chance vertun, auf eine gute Hochschule zu kommen. Und das alles, weil ihre Mutter ein Wein trinkender, karrierebesessener Sexfreak war und ihr Vater die ganze Zeit arbeitete.

Eva verdrängte die Gedanken, räusperte sich und antwortete: „Was sollen wir deiner Meinung nach unserer Söhne wegen tun?“ Sie hasste es, wie sie klang. Sie verstand nicht, wie sie im Gerichtssaal ganze Unternehmen ruinieren konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, aber wenn es darum ging, mit ihrem Mann zu verhandeln, verwandelte sie sich in eine taschentuchknetende Hausfrau aus den 1950er-Jahren, inklusive rot-weiß karierter Schürze.

Joe antwortete: „Das Leben, das sie bisher kannten, zerstören?“

Eva seufzte. „Hast du mit ihnen gesprochen? Wie lautet der Rest der Geschichte? Ein älteres Kind muss ihnen das Bier gegeben haben. Es ist das erste Mal, dass sie so etwas tun. Wir sollten uns als Familie zusammensetzen und darüber reden.“

Joe brüllte: „Der Rest der Geschichte? Es gibt keinen Rest der Geschichte. Ich habe sie über das Wochenende auf ihre Zimmer geschickt. Ich will ihre Gesichter nicht sehen.“

„Also hast du nicht mit ihnen gesprochen?“, fragte Eva und staunte über die Tatsache, dass alles, womit ihr Mann, ein Kinderonkologe in einer der besten medizinischen Einrichtungen des Landes, aufwarten konnte, sobald die ersten Anzeichen von Existenzangst bei den Jugendlichen auftraten, die stille Treppe war.

„Es gibt nichts zu sagen“, sagte Joe. „Komm nach Hause und kümmere du dich um sie.“

Eva hatte bereits überlegt, direkt auf Kent Island umzukehren, um zur Westküste Marylands zurückzukehren. Aber das war ihr Wochenende. Sie war seit einem Monat nicht mehr auf der Insel gewesen, hatte ihrer Mutter versprochen, sie zu besuchen, und hätte mindestens einen weiteren Monat lang nicht mehr zu ihr reisen können. Und ihre Mutter brauchte sie.

„Ich werde nur eine Nacht bei Mom verbringen“, sagte Eva als Kompromiss. „Morgen, wenn ich nach Hause komme, werde ich mit den Jungs sprechen und ihnen heute Abend noch eine Nachricht schicken.“

Joe lachte. „Du glaubst doch wohl nicht, dass sie ihre Smartphones noch haben?“ Er legte auf.

Eva zuckte zusammen und begann, sich selbst zu kasteien.

Obwohl es ihr Vater war, der auf der Gefühlsebene nicht am Leben ihrer Jungs teilnahm, weil er sich lieber in seiner Arbeit verlor, als seine eigenen Söhne zu einem Baseballspiel der Orioles mitzunehmen, gab Eva sich jedes Mal selbst die Schuld, wenn sie eine schlechte Note für einen Test bekamen oder es zu Auseinandersetzungen auf dem Lacrosse-Feld kam.

Eva fuhr mit dem Auto rechts ran, um sich einen Eiskaffee zu holen; sie würde ihn brauchen, um diese Fahrt zu überstehen. Sie öffnete die Facebook-App auf ihrem iPhone. Ihr Mann würde es nicht bemerken, aber sie selbst wusste, dass die Jungs auch ohne ihre Smartphones bestens vernetzt waren. Jeder der verwöhnten Bengel hatte jeweils ein MacBook und iPad in seinem Zimmer, und sogar Internet über die Wiis an ihren Schlafzimmerfernsehern.

Sie wollte sie ein kleines bisschen stalken, nur einen kurzen Blick auf die Facebook-Seiten werfen, um sicherzugehen, dass sie nicht mit ihren Taten angaben. Sie schrieb beiden eine private Nachricht auf Facebook.

 

Lieber Graham, lieber Calvin,

 

gute Arbeit, Jungs. Dad ist sauer und auch ich kann nicht gerade behaupten, dass ich eine stolze Mutter bin. Wehe, ihr benutzt eure Facebook-Konten. Wenn ich auch nur den kleinsten Hinweis darauf entdecke, deaktiviere ich sie. Das Letzte, was ihr gebrauchen könnt, ist es, euch eure College-Chancen zu versauen, nur weil ihr mit euren kleinen Eskapaden herumprahlt. Ich komme morgen nach Hause, dann werden wir darüber diskutieren. Macht euch in der Zwischenzeit nützlich. Macht Hausaufgaben! Räumt eure Zimmer auf! Wascht das Geschirr ab! Verlasst das Haus nicht.

 

Verbringt eure Zeit lieber damit, darüber nachzudenken, was für eine dumme Entscheidung ihr getroffen habt und wie unglaublich beschissen euer Sommer deswegen sein wird.

 

Fühlt euch gedrückt,

Mom

 

Eva nippte an ihrem Kaffee und fuhr zurück auf die Route 50. Ein kurzer Besuch auf der Insel war genau das, was sie gerade brauchte. Zu beobachten, wie die Sonne über der Bucht unterging, würde ihr dabei helfen, ihre Batterien wieder aufzuladen, bevor sie sich am nächsten Tag mit den Jungs beschäftigen würde.

Mutter zu sein, ist manchmal echt scheiße, dachte sie. Die Hollywood-Version – überall flauschige Decken und süße, dreckige, bananenessende Babygesichter und engelhafte Handabdrücke des Dreijährigen – machte nur etwa 10 Prozent des Mutterseins aus. Die anderen 90 Prozent bestanden aus Wutanfällen und Mathe-Hausaufgaben, die man nicht verstand, und Streitschlichten und das Gemecker über unaufgeräumte Zimmer und haufenweise Wäsche, die niemals endete, weil es immer dreckige Wäsche gab. Es. Gab. Immer. Dreckige. Wäsche.

Eva hätte zu gerne eine öffentliche Bekanntmachung an all jene Frauen abgegeben, die, wie Lisa, mit Unfruchtbarkeit zu kämpfen hatten:

 

Hey, Mädels!

Fühlt euch nicht schlecht, weil ihr kinderlos seid! Wollt ihr ein großes Geheimnis erfahren, über das Mütter nie reden, weil es uns daran erinnern würde, wie unfassbar unglücklich wir oft sind? ES NERVT! Euer Leben ist VORBEI! Vergesst den Schlaf! Bleibt bei den Kindern zu Hause und seid pleite, oder geht wieder arbeiten und fühlt euch schuldig – zusätzlich zu dem Vermögen, das ihr für die Kinderbetreuung ausgebt! In den nächsten achtzehn Jahren werdet ihr nicht länger als drei aufeinanderfolgende Minuten duschen können! Ihr werdet nur noch ungesunden Mist essen, weil Kinder Käsemakkaroni und Chickennuggets essen, und keine Scampi und Filet Mignon! Ob ihr Zeit dazu haben werdet, ins Fitnessstudio zu gehen oder ein Buch zu lesen? Vergesst es. Euer Sexualleben? VORBEI! Mit euren Ehemännern jedenfalls …

 

Meine Herren, das wäre ein interessanter Artikel, nicht wahr? Sie schüttelte den Kopf und fuhr Richtung Südosten.

 

*

 

Die frühen Sitzungszeiten der Scarlet Letter Society kamen Lisa ganz gelegen, da sie an den Versammlungen teilnehmen konnte, noch bevor sie ihre Bäckerei öffnete. Ihr Mann Jim war Bauunternehmer in DC, und seine lange Fahrtzeit brachte einsame Morgen mit sich, die es in ihrer Vorortsiedlung totzuschlagen galt.

Lisa klappte ihren Laptop auf.

Ihr E-Mail-Postfach enthielt die üblichen Spam-Mails, zwei Kuchenbestellungen, und die, nach der sie suchte – eine Nachricht von ihrem Grafikdesigner und Schwarm Ben. Sie errötete vor Erwartung und Verlegenheit.

 

von: Ben bnidale@starfishdesign.com

an:  Lisa lswain@blackbirdspie.com

 

Datum: Montag, 9. April 2012, 5:36 Uhr

Betreff: Guten Morgen

 

Guten Morgen, bezaubernde Bäckerin. Ich hoffe, Sie haben einen fantastischen Tag. Ihre E-Mail kam genau in dem Moment, als ich an Sie gedacht habe. Wir sehen uns Freitag zum Kuchentreffen … wenn nicht schon vorher.

 

Ben

 

Lisa grinste.

Blackbirds Pie lag nur ein paar Straßen vom Café entfernt. Sie hatte Ben kennengelernt, als sie seine Werbeagentur in der Innenstadt damit beauftragt hatte, ein neues Logo zu entwerfen, und er ihr als Grafikdesigner zugewiesen worden war. Mit ihren siebenunddreißig Jahren und ihrem Kinderwunsch war sie eigentlich nicht darauf aus gewesen, ihr Leben mit einer Affäre zu verkomplizieren.

Es war so einfach, dachte sie in diesem Moment und vertrieb die Gedanken darüber, wie kompliziert es wirklich war.

Wir mögen uns einfach sehr und haben Spaß miteinander. Lisa konnte die Wiederholung der Worte in ihrem Kopf hören, mit denen sie den anderen Frauen ihre Geschichte bei dem Treffen vor einigen Monaten erzählt hatte. „Also, was ist deine Geschichte, Neuzugang?“, hatte Maggie zur Begrüßung wissen wollen.

„Nun“, hatte Lisa verlegen begonnen, „Ben ist einfach so süß und aufmerksam. Eines Tages haben wir zusammen Mittag gegessen und zu viel Wein getrunken, und am Ende ging es auf der Weidencouch von Pier One Imports im Hinterzimmer meiner Bäckerei ziemlich zur Sache.“

Eva und Maggie hatten gelacht, also war Lisa, deren Hand gedankenverloren über ihren Nacken strich, fortgefahren.

„Ben stieß mich gegen den kleinen begehbaren Gefrierschrank“, schmückte sie die Geschichte aus. „Unsere Zungen waren tief miteinander verschlungen und wir konnten uns gar nicht schnell genug ausziehen.“ Sie hielt inne. „Fragt mich nicht, warum, aber er nahm ein Glas Kirschen vom Regal mit, als wir auf dem Weg in mein Büro waren. Wir fütterten uns gegenseitig Cocktailkirschen, während wir rummachten. Kirschsaft tropfte überall hin.“

Sie beendete die Geschichte, indem sie erzählte, dass sie die alte Couch mittlerweile ersetzt hatte, die sowohl unbequem als auch unwiderruflich mit Kirschsaftflecken übersät gewesen war.

Als sie sich die Erinnerung wieder vor Augen führte, erstarb Lisas Lächeln. Sie allein wusste, dass die Geschichte eine einzige Lüge, nichts als ein Hirngespinst war.

Die Erzählung schien realistisch genug. Lisa wusste nicht, was sie tun sollte, um ihre hartnäckige Verliebtheit zu Ben aufzuhalten, und war sich zugleich nicht sicher, ob sie überhaupt wollte, dass es aufhörte. Es waren erst wenige Monate vergangen, seit sie sich das erste Mal getroffen hatten. Aber sie hatten sich weder geküsst, geschweige denn sich gegenseitig in irgendeiner Art von Saft gewälzt. Lisa hatte sich ihren Weg in die Scarlet Letter Society hineingelogen. Wenn die Frauen im Club wüssten, dass sie ihren Mann in Wahrheit gar nicht betrogen hatte, wäre sie von ihrer Mitgliedschaft ausgeschlossen worden. Sie fühlte sich schrecklich, weil sie sie täuschte, aber als Maggie und Eva eines Tages ihre Bäckerei besucht hatten und sie ihre Diskussion mit angehört hatte, war sie von der Neugierde darüber überwältigt worden, wie sie mit ihren Affären davonkamen. Die beiden Frauen hatten erwähnt, dass ihr drittes Clubmitglied wegziehen würde, und so hatte Lisa ihre Schüchternheit hinuntergeschluckt und gefragt, ob sie sich für einen Kaffee zu ihnen setzen dürfte.

Ihre fünfjährige Ehe war nicht besonders unglücklich gewesen, und sie liebte ihren Mann. Aber … irgendetwas fehlte einfach.

Better Out Than In, hatte sie auf Seite eins ihres aktuellen Notizbuchs geschrieben – sie hatte ihr ganzes Leben lang eines geführt. Das abgenutzte Ledertagebuch, das in einer blumigen Vera-Bradley-Hülle steckte, wusste, dass die größte Frustration ihrer Ehe darauf zurückzuführen war, dass sie als Paar unfähig waren, schwanger zu werden. Und … ein Unternehmen zu führen, war anstrengend und einsam. Obwohl die Beziehung zwischen ihr und Ben auf einer rein beruflichen Ebene begonnen hatte, die sich zu einer Freundschaft entwickelt hatte, schien die gegenseitige Anziehungskraft von Tag zu Tag stärker zu werden.

Sie warf einen Blick auf die neue (und originale) Pottery Barn Couch und ihr wurde warm ums Herz, als sie an den letzten Tag dachte, an dem sie Ben gesehen hatte, dann klickte sie auf „Antworten“.

 

von: Lisa lswain@blackbirdspie.com

an: Ben bnidale@starfishdesign.com

 

Datum: Montag, 9. April 2012 um 13:10 Uhr.

Betreff: Der frühe Vogel

 

Sie waren ganz schön früh auf, um E-Mails zu versenden, Mister! Anstrengender Tag heute, ich komme jetzt erst dazu, meinen Posteingang zu checken. Ja. Freitag. Kuchen. Ich kann es kaum erwarten. Werde Ihren Lieblingsgeschmack parat haben. ☺ L

 

Lisa konnte sich nicht daran erinnern, wie sie zu so einer Aufreißerin geworden war. Von klein auf war sie immer zurückhaltend gewesen. Sie war hübscher als der Durchschnitt, wenn auch nicht wunderschön; groß, dünn, ihre dunkelbraunen Augen strahlten trotz einer gewissen Unsicherheit innere Stärke aus. Für gewöhnlich schminkte sie sich hastig mit etwas Puderfoundation, Mascara und Lipgloss, aber nur an Werktagen. Die dominante Persönlichkeit ihres Mannes war eines der Dinge, das sie anfangs als anziehend empfunden hatte – sie wollte, dass jemand anderes ihr Leben in die Hand nahm. Nachdem sie sich vor sechs Jahren bei einer Veranstaltung der Handelskammer getroffen hatten, hatte Jims Selbstvertrauen sie für sich gewonnen, und obwohl sie sich nie wirklich so gefühlt hatte, als wäre sie Hals über Kopf in ihn verliebt gewesen, traf ihr zweiunddreißigjähriges Ich, dessen biologische Uhr tickte, die Entscheidung, seinen Heiratsantrag anzunehmen, einfach weil er sie zu brauchen schien. Ein halbes Jahrzehnt später, und jetzt, da sie ein erfolgreiches Geschäft führte, ging ihr seine dominante Persönlichkeit mehr als alles andere auf die Nerven. Das und sein gottverdammter Fußfetisch.

Der Fußfetisch war ein beliebtes Thema bei den Treffen der Scarlet Letter Society gewesen. Es war irgendwie lustig, außer der Tatsache, dass es ausgerechnet ihr passierte.

Soll ich oder soll ich nicht?, schrieb Lisa, klappte das Notizbuch zu und steckte es zurück in dessen Hülle in ihrer Handtasche.

 

*

 

Ihr Wochenende, bestehend aus dem Besuch auf der Insel und dem Erziehungsprogramm zu Hause, lag hinter ihr, und Eva war wieder in New York. Sie wachte aus einem tiefen Schlaf auf und spürte eine Zunge in sich. Ein unrasiertes Gesicht mit einem perfekten Zweitagebart kratzte sanft an den Innenseiten ihrer Oberschenkel, während sie ihren Rücken durchdrückte. Sie umklammerte das Kissen neben sich und flüsterte: „Auch Ihnen einen guten Morgen, Sir.“

Sein Lächeln berührte ihre intimsten Stellen, und sie lachte über das Gefühl seiner Kinnstoppeln. Er ließ sich nicht von seiner Aufgabe ablenken, hielt gekonnt ihre Oberschenkel mit seinen Unterarmen fest und forderte sie auf, ihm die Kontrolle zu überlassen. Das war nicht unbedingt, woran sie gewöhnt war. In allen anderen Bereichen ihres Lebens hatte sie die Kontrolle – auch wenn sie sonst nichts hatte. Es gab einen Grund, warum ihr Name an der Tür der Anwaltskanzlei stand, die ihren Sitz weit oben in der Skyline von Manhattan hatte. Es war kein Zufall, dass sie sich ganz oben befand.

Tatsächlich, so erinnerte sie sich jetzt, zog sie es vor, oben zu sein. Sie drückte ihre durchtrainierten Innenschenkel zusammen, um den heißen Koch auf seinen Rücken zu drehen, damit sie es auf ihre eigene Weise mit ihm machen konnte.

Doch er wollte davon nichts wissen. Er hatte seine Stunden im Fitnessstudio nicht nur deshalb dort verbracht, um gusseiserne Pfannen anheben zu können. Er benutzte nun seine breiten, kräftigen Beine, um ihre Füße zu umschließen. Sie würde nirgendwo hingehen.

Sie wusste aus Erfahrung, dass sie genauso gut ein Kissen unter ihren Kopf legen, jeden Muskel in ihrem Körper entspannen und den Ritt genießen könnte. Sein Daumen streichelte sie sanft, während seine Zunge rotierte. Innerhalb weniger Minuten zerriss sie ein gewaltiger, süßer Orgasmus, der ihren Körper erzittern ließ.

Sein dunkel gelockter, grinsender Kopf erschien von unter dem Laken. Er war komplett nackt, seine Erektion erhoben, als würde er sie begrüßen. Und dann plötzlich verwandelte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht in Entsetzen.

„Oh mein Gott, Madame“, sagte der Mann mit seinem schweren französischen Akzent. „Je regrette! Es tut mir so leid. Ich dachte, Sie wären jemand anderes. Ich muss das falsche Hotelzimmer erwischt haben. Das ist so peinlich.“

Er sprang vom Bett auf, griff nach seiner Hose und lief hektisch im Kreis, um seine Sachen einzusammeln.

Eva lag auf dem Bett und lachte herzlich, die Hand über ihrem Mund.

„Nun, um ehrlich zu sein, Monsieur, ich weiß nicht, in welchem Hotelzimmer Sie sein sollten, aber ich wünschte, Sie würden in diesem hier bleiben.“

Charles warf seine Kleider in die Luft und plumpste nackt auf das Bett.

„Nun, in diesem Fall, Madame, stehe ich ganz zu ihren Diensten.“ Eva lachte wieder. Tatsächlich glaubte sie, dass der Hauptgrund, warum sie diese verrückte, verführerische Affäre hatte, Charles’ Sinn für Humor war. Er brachte sie immer zum Lachen. Nicht einfach nur zu einem Lächeln, sondern zu einem Lachen, das aus dem Bauch heraus kam und das man nicht zurückhalten konnte, egal, wie sehr man es versuchte. Diese Art von Lachen kam in ihrem Leben so selten vor.

Er war der Chefkoch des Plaza Hotels, in dem sie mehrmals im Monat unterkam, wenn sie für die Kanzlei geschäftlich unterwegs war. Normalerweise arbeitete sie in ihrem Büro in DC, aber auf die Aufenthalte in New York freute sie sich jeden Monat am meisten.

Charles setzte sich im Bett auf, lehnte sich nach unten, nahm ihr Gesicht in seine geschickten Hände und küsste sie langsam, sanft, leidenschaftlich.

Sie erwiderte seinen Kuss, das Kribbeln in ihrer Wirbelsäule strömte in jeden Winkel ihres Seins. Obwohl sie bereits einen atemberaubenden Orgasmus gehabt hatte, verlangte ihr Körper nach mehr. Sie wollte ihn in sich spüren.

Eva fühlte Charles’ wachsende Erektion, als diese ihr Seidenhemd streifte. Ihr Höschen hatte sie schon nicht mehr an, anscheinend war es ihr im Schlaf ausgezogen worden. Sie lächelte bei dem Gedanken. Sein Verlangen nach ihr war unersättlich.

Sie packte seine starken Schultern, zog ihn in ihre Umarmung, erwiderte seine begierigen Küsse, ein leises Stöhnen entwich ihren Lippen bei dem Gedanken an das, was folgen würde. Sie griff nach unten, um ihn zu streicheln, während er auf sie kletterte. Seine Finger fuhren sanft, aber entschlossen zwischen ihre Beine. „Diesmal nicht“, flüsterte Eva, erhob sich vom Bett, schwang sich mit einer einzigen Bewegung auf alle viere und setzte sich rittlings auf ihn. Beide lächelten. Jetzt war sie an der Reihe, die Kontrolle zu übernehmen.

 


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Mary McCarthy ist Autorin, Reiki-Master, Journalistin und Strandgutsammlerin an der Chesapeake Bay. Zurzeit arbeitet sie als Chefredakteurin bei Splice Today. Ihre 25-jährige professionelle Schreib-Karriere umfasst Salon.com, die Washington Post, den Philadelphia Inquirer, die Baltimor Sun, das Beachcombing Magazine, Redaktionsposten bei verschiedenen regionalen Magazinen wie Chesapeake Family, What’s Up Eastern Shore und eine Zeitungskolumne Quite Contrary. Sie bloggte für Katie Couric, hatte Auftritte bei The Today Show, Huffington Post Live und ABC TV News‘ Moms Get Real mit JuJu Chang. Sie war Lehrbeauftragte für das American Univerity’s LEAP Programm, Gastdozentin für das Philip Merrill College of Journalism an der University of Maryland und Rednerin für The Writer’s Center in Washington, D.C. Außerdem arbeitete sie von 2004-2007 als gewählte Vertreterin im Centreville Town Council und gründete 2008 den Blog Pajamasandcoffee.com.