Das Café zum Glück

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Kapitel 1
C wie Coffee To Stay

Café
Der behaglichste aller Orte, eine duftende Kaffeeoase voller delikater Köstlichkeiten, lädt herzlich zum Verweilen ein.

Es heißt, Nektar sei das Getränk der Götter. Dem möchte ich nicht widersprechen, denn Götter gehören gewöhnlich nicht zu meinem alltäglichen Umgang. Was ich aber definitiv weiß: Kaffee ist das Getränk von uns Menschen. Egal ob groß oder klein, dick oder dünn, monitorblass oder solariumbraun, für alle gibt es die perfekte Tasse Kaffee.
Nehmen wir einen überspannten, müden, vom Lernen gebeugten Studenten mit Prüfungsangst. Was würde den armen Kerl aufrichten? Ein schnöder Filterkaffee sicherlich nicht. Nein, hier brauchen wir mehr Raffinesse, hier brauchen wir ein Kaffeedessert – wie wäre es mit einem Affogato al caffè? Süßes, sinnliches Vanilleeis wird übergossen mit einem heißen Espresso, geröstet aus hawaiianischen Kona-Bohnen. Die Wärme der Bourbonvanille und das Feuer des Espressos wecken den Geist und den Körper unseres Studenten und lassen ihn durch sein Examen tanzen.
Froh, endlich die Kaffeelösung für ihn gefunden zu haben, mache ich mir in Gedanken eine Notiz für den müden Studenten, der immer mittwochs und freitags gegen halb vier in mein Café Coffee To Stay schleicht.
Zufrieden mit mir und der Kaffeewelt schnuppere ich an meiner dampfenden Tasse, randvoll gefüllt mit einem Cappuccino con panna. Die süße Sahne trifft auf die fruchtige, zartherbe Würze eines Monsooned Malabar und wickelt meine Sinne ein. Wäre ich jetzt eine Katze, ich würde schnurren.
Allerdings fühle ich mich in meiner menschlichen Form ebenfalls recht zufrieden, auch ohne schnurren zu können.
Ich lasse meinen Blick über die fünf Tische gleiten, die auf der Terrasse vor mir auf Gäste warten. Seidige Tischtücher flattern in einer lauen Frühlingsbrise, und aus den Kristallvasen darauf recken sich himbeerrote Akeleien einem blitzblauen Maihimmel entgegen, von dem die Sonne herunterlacht.
Für einen Moment schließe ich die Augen und strecke mein Gesicht der Wärme entgegen. Nach dem langen, nasskalten Winter, der sich skandalöserweise bis weit in den April hinzog, giert jede Zelle meines Körpers nach dem Licht der Sonne. Auf meiner Nase kribbelt es und Dutzende sandfarbener Sommersprossen erwachen darauf zum Leben.
Da es in den letzten Tagen herrlich warm geworden ist, haben mein Mitarbeiter Arian und ich gestern die schmiedeeisernen Tische und Stühle nach draußen vor das Café gestellt. Ich spüre es bis in meine hellroten Haarspitzen, die sich in alle Richtungen kringeln, dass uns ein phänomenaler Sommer bevorsteht. Zumindest so phänomenal wie ein Sommer nördlich der Alpen – sehr weit nördlich der Alpen – für Berliner Verhältnisse nur sein kann.
Mit einer Hand beschatte ich meine Augen und sehe über den breiten Kiesweg zum Rosenpark, der sich vor mir erstreckt. Dort stellen die ersten wilden Frühlingsrosen verschwenderisch ihre Blütenpracht zur Schau, und dahinter glänzt in der Sonne das Charlottenburger Schloss. Leise dringt der Lärm der Großstadt in unser adrettes Blumenviertel, fröhliches Lachen und gemurmelte Gespräche bestimmen den Alltag in meiner duftenden Kaffeeoase.
»Hei, Claire! Schon etwas zu sehen?« Kuka, die Besitzerin des Lakka, dem Blumenladen neben dem Coffee To Stay, gesellt sich zu mir. Ihr unverwechselbarer, herbfrischer Gartenduft, der sie immer umgibt, vermischt sich mit dem letzten Dufthauch aus meiner Kaffeeschale.
»Noch nicht, aber lange kann es nicht mehr dauern.« Mein Blick wandert quer über das holperige Kopfsteinpflaster auf die andere Straßenseite, nach oben zu der Schnörkeluhr an der schiefen Kirchturmspitze der Kleinen Kirche am Rosenpark. Just in diesem Augenblick lassen die alten Bronzeglocken elfmal ihr tiefes Läuten ertönen.
Gespannt starren Kuka und ich auf die mächtige Holzpforte der Backsteinkirche, doch sie bleibt verschlossen.
»Das reicht noch locker für einen Kaffee«, murmelt Kuka, ohne ihren Blick von dem Tor zu nehmen, gerade so, als würde sie es beschwören, weiterhin für mindestens eine Kaffeelänge geschlossen zu bleiben. Kuka misst alles in Kaffeelängen, in finnischen Kaffeelängen. Einen Geburtstagsstrauß zu binden dauert zwei Kaffeelängen, einen Brautstrauß vier, und Oma Gundel aus Hausnummer 27 bei der wöchentlichen Wahl ihres Gerberastraußes zu beraten oft fünf Kaffeelängen.
Ich bin ein echter und bekennender Kaffeemensch und ohne dieses dunkelbraune Gold mag ich nicht sein, doch Kuka steckt mich locker in ihre Gärtnertasche. Auch wenn ihr finnischer Lieblingskaffe zu neunundneunzig Prozent aus heißem Wasser besteht, dem ich in homöopathischen Dosen hell gerösteten Casa-Ruiz-Espresso beifüge – die Menge macht es, und hier reden wir von Litermengen!
Während ich hineingehe, um Kukas Kaffee zu holen, zupft sie bedächtig an dem einen oder anderen Blatt der Federnelken und Herzblumen, die sie letzte Woche in die Terrakottatöpfe rund um die Terrasse des Cafés gepflanzt hat. Dabei murmelt sie der Blütenpracht fremde Worte zu, die sich in meinen Ohren eher nach einer Blumensprache anhören als nach Finnisch.
Die Terrassentür des Cafés steht weit offen und die weiche Mailuft versüßt das Coffee To Stay. Dank der großen Fenster ist es darin genauso hell wie draußen. Der lichtdurchflutete Raum mit den hellen Birkenholzmöbeln und der weißen Kaffeetheke mit den passenden Regalen dahinter lädt zum Verweilen ein. Das klare skandinavische Design zählt zu meinen Favoriten, seitdem ich das erste Mal als Erstklässlerin mit wippenden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen mit meinen Eltern den Sommer in Schwedens Schären genoss.
Eigentlich wäre es mal wieder Zeit, in die herrlichen Weiten des Nordens zu ziehen. Warum eigentlich nicht? Tobias und ich haben für diesen Sommer noch keine Urlaubspläne geschmiedet. Da das Café im Sommer natürlich gut besucht ist, wäre es unklug, einen langen Urlaub zu machen, aber ein paar Tage Richtung norwegische Fjorde? Ich werde einfach bei Gelegenheit mit Arian sprechen. Er hat sowieso vorgeschlagen, in den vollen Sommermonaten eine ehemalige Kommilitonin als Mitarbeiterin einzustellen.
Momentan ist das Café leer, denn die Berlintouristen finden in der Regel erst am Nachmittag in unsere verborgene Idylle. Meist haben sie dann bereits das Brandenburger Tor, den Kurfürstendamm und auch den Prenzlauer Berg abgehakt und fangen an, die Selfiesticks wegzupacken und sich abseits ihrer Handykameras umzusehen. Woraufhin sie den Rosenpark entdecken und unsere Altberliner Straßen mit den wundervollen, stuckverzierten Häusern, und nicht mehr weitergehen mögen.
Vormittags ist Einheimischenzeit, doch die meisten Bewohner unseres Viertels befinden sich gerade bei der Hochzeit in der Kirche. Ob offiziell eingeladen oder nicht, die Hochzeiten in der Kleinen Kirche am Rosenpark sind Ehrensachen, genau wie die Taufen und hin und wieder die Beerdigungen.
Die Leute in der Gegend verehren ihre Kirche, wobei die meisten von ihnen alles andere als gläubig sind, geschweige denn katholisch. Und dennoch, unser Pfarrer Ewald liebt sie alle, und trotz seiner nicht immer zielführenden Predigten hören die Kirchengäste ihm gern zu. Es ist jedes Mal großes Theater, wenn er über den schmucken Altar hinwegdonnert. Er deklamiert dann Schwänke über Sünden und die Hölle und erwähnt dabei mindestens einmal die Sintflut und/oder Evas wunderschöne Äpfel. Schließlich landet er bei Themen, welche jedem Bischof die Mütze vom Kopf katapultieren würden.
Was es wohl heute sein mag?
Versonnen schnuppere ich an der silbernen Kaffeedose mit den Arabica-Bohnen aus Panama, die ich heute Morgen frisch geröstet habe. Sie duften nussig und blumig nach Mandeln und roten Johannisbeeren, während ich sie fein mit einer Handmühle mahle. Da Kukas sehr heller, leichter Kaffee bei den anderen Gästen nicht gewünscht ist, reicht mir die übersichtliche Menge. Wobei ich für Kuka mehrmals am Tag übersichtliche Mengen mahle, insgesamt also doch auf einen recht großen Haufen komme. Egal, ich liebe meine alte, schnuckelige Handmühle mit dem von jahrelanger Nutzung weich polierten Eichenholz. Die Mühle hütete schon meine Mutter wie einen Schatz. Zur Eröffnung des Coffee To Stay vor drei Jahren schenkte sie sie mir, zusammen mit einer vollautomatischen Espressomaschine, die ich Bessy getauft habe, wofür ich ihr bei der Zubereitung jedes einzelnen Espressos auf Knien dankbar bin. In Kombination mit meiner Siebträgermaschine gelingt mir gewissermaßen jede Kaffeespezialität diesseits und jenseits des Äquators.
Kukas Kaffee auf finnische Art bereite ich freilich mit meiner wunderschönen Karlsbader Kanne zu, die mich an Madame Pottine erinnert und mich zum Summen diverser Disney-Klassiker animiert. So wie in diesem Augenblick, als ich Voll gerne summend nach einer Keksdose unter dem Tresen angele.
Abrupt muss ich mich beim Aufrichten festhalten, denn statt Sonnenstrahlen sehe ich schwarz-weiße Pünktchen vor den Augen. Mir ist schwummerig und ich brauche einen Moment, bis mein Kreislauf wieder mitmacht.
Tja, ich werde auch nicht jünger, denn bisher kannte ich Wetterfühligkeit nur vom Hörensagen.
Auf einem Tablett bringe ich Kukas Kaffee nach draußen. Sie ist derweil dabei, der letzten Blume in den Kübeln einen recht guten Morgen zu wünschen. Da ich weiß, wie hungrig Kuka immer ist, leistet ein Latte Macchiato Cupcake dem Kaffee auf dem Tablett Gesellschaft.
»Mmh, vielen Dank Claire, es duftet herrlich.« In der einen Hand die Kaffeetasse und in der anderen den fluffigen Cupcake mit der gekringelten Cremehaube linst Kuka erneut hinüber zu der Kleinen Kirche am Rosenpark. Da öffnet sich das Tor und begleitet von einem Schwall mächtiger Orgelmusik schreitet das frischverheiratete Paar heraus. Dahinter strömen die Gäste aus der Kirche und bilden eine schnatternde Menge.
Palina, die Fotografin, die ihr Fotostudio auf der linken Seite des Coffee To Stay hat, steckt mit ihrer Fotobegeisterung alle an und animiert selbst den fotofaulsten Teenager der Hochzeitsgesellschaft zu einem strahlenden Lächeln.
Nach Tonnen von geworfenem Reis und mindestens so vielen Gruppenfotos, bei denen sich die Gäste mal hierhin und mal dahin schieben, schlendert Palina mit ihrer Assistentin Wibke und den Eheleuten in den Park.
»Auf geht es«, murmele ich, während Kuka mir leicht auf den Rücken klopft und zurück in ihren Blumenladen tänzelt.
»Mein Job ist getan«, ruft sie mir noch zu, ehe sie sich die pinke Gießkanne schnappt, die sie wie ein Kunstwerk auf einem geschnitzten Holzstück neben dem Eingang präsentiert.
In der Tat hat Kuka vorzügliche Arbeit geleistet. Was ich aus der Ferne von dem Brautstrauß in den Armen der Braut erkennen kann, ist ein Traum aus tiefem Granatrot und Gletscherweiß, der perfekt mit dem eleganten, langen Spitzenkleid der Braut und ihrer feuerroten Hochsteckfrisur harmoniert.
»Meine liebe Claire, es ist mir eine Ehre, auf diese wundervolle Trauung bei Ihnen mit einer guten Tasse Bohnenkaffee anstoßen zu dürfen, derweil wir auf das wunderschöne Brautpaar warten.« Pfarrer Ewald ist wie immer der Erste, der das Coffee To Stay betritt, begleitet von Waltraud, seinem Schatten, ich meine natürlich seiner Haushälterin. Danach folgen in streng hierarchischer Reihenfolge die illustren Bewohner unseres Blumenviertels, angefangen bei Britta Waldheim, der Inhaberin des Strickreichs, bis hin zu den Eltern des Bräutigams, die hier die Neuen sind.
»Fräulein Claire«, flüstert mir Waltraud Hagen zu, während sie darauf bedacht ist, mich ein Stück von Pfarrer Ewald wegzuziehen, der gewohnheitsmäßig alle Tische gründlich inspiziert, um seinen heutigen Lieblingsplatz zu erwählen. »Den guten Bohnenkaffee für den Herrn Pfarrer machen’s bittschön net so stark, gell? Am besten wär er mir ja ohne Koffein und Saures, sie wissen schon, sein Magen und so. Am liebsten wär mir ja ein Pfefferminztee. Aber ich glaub des merkt er, oder Fräulein Claire, was meinen’s?«
Waltraud Hagens kugelrunder Kopf mit den kugelrunden Silberlöckchen wendet sich zwischen Pfarrer Ewald und mir hin und her. Wobei mit jedem Blick all ihre Zuneigung zu dem alten Pfarrer sichtbar wird, als würde man eine Taschenlampe darauf richten. Mütterliche Liebe versteht sich, auch wenn sie beide in den Fünfzigerjahren geboren wurden.
»Ich glaube auch, dass wir uns ziemlichen Ärger mit dem verehrten Herrn Pfarrer einhandeln würden, wenn ich ihm einen Pfefferminztee statt eines Bohnenkaffees bringen würde.« Beruhigend streiche ich Waltraud Hagen über den Arm. »Ich nehme meine mildesten Bohnen und überbrühe sie schonend in der Chemex-Karaffe.«
»Ach, Fräulein Claire, können’s nicht eine gute alte Kaffeemaschine nehmen statt ihrer kämischen?«
Meine Augenbrauen schieben sich in Richtung meiner Locken. Ich kann wirklich gut mit Kritik umgehen, aber nicht bei Kaffee! Deshalb nicke ich nur vage, wobei sich das anfühlt, als hätte ich einen steifen Hals.
»Liebe Frau Hagen, Sie legen jetzt erst einmal in Ruhe Ihren Hut und Ihre Strickjacke ab und suchen sich ein schönes sonniges Plätzchen und ich kümmere mich um den Kaffee.«
»Wenn’s meinen. Nur nicht zu sonnig, ich vertrag die Hitze nimma so recht. Hach, als ich noch so jung war wie Sie, Fräulein Claire, da hat mir das warme Wetter nix g’macht.«
Abermals nicke ich, dieses Mal schon viel ausdrucksstärker. Mit einem Lächeln wende ich mich von ihr ab und den anderen Gästen zu.
Die Vorlieben der meisten Anwesenden kenne ich auswendig und bin entsprechend vorbereitet. Selbst wenn einer mal Lust auf einen anderen Kaffee als den üblichen hat, ahne ich dies oft im Voraus und kann denjenigen mit einer entsprechenden Leckerei erfreuen.
Dennoch statte ich jedem Tisch innerhalb und außerhalb des Cafés einen Besuch ab und lausche den Wünschen meiner Gäste. Als ich alles beisammenhabe, zupft mich Pfarrer Ewald an meiner Spitzenschürze und bedeutet mir, mich zu ihm herunterzubeugen. Mit einem Seitenblick auf Waltraud, die vor der Kuchenvitrine die Törtchen begutachtet, flüstert er mit mir. »Fräulein Claire, nicht vergessen, ich möchte bitte einen guten deutschen Bohnenkaffee. Keinen modernen Schnickschnack mit Häubchen und Pülverchen und Zischen und Dampfen. Und wenn Waltraudl mir einen Pfeffitee bestellt hat, dann vergessen Sie den ganz schnell! Tee ist kein Kaffee!«
Grinsend nehme ich Pfarrer Ewalds heutigen Geschmack zur Kenntnis und werde wie immer einen Kompromiss aus bestem gewünschten Kaffee und Fürsorge zubereiten. Wozu gibt es schließlich so zahlreiche unterschiedliche Bohnensorten, Röstungen und Mahlgrade? Genau dafür bin ich hier.
Bald nachdem auch das frisch verheiratete Paar im Café eingetroffen ist, vibriert das Coffee To Stay mit zufriedenen Menschen.
Vergnügt summend mahle ich Bohnen aus Santo Domingo und Jamaika, vermische sie mit charaktervollen Bohnen aus Soconusco und Java, schlage Sahne und schäume Milch zu zuckersüßen Wölkchen, die besonders bei den Kindern und älteren Leuten für glänzende Augen sorgen, vor allem, wenn ich noch das eine oder andere Stückchen Nugat in dem warmen Schaum schmelzen lasse.
Zwischen Espresso-Gugelhupf, Macarons à la Café au lait und Mokka-Käsekuchen wird dem Brautpaar mit mehr oder weniger langen und spritzigen Reden gehuldigt und je nach Fasson mächtig gekichert oder geschluchzt.
Am frühen Nachmittag ziehen sich die beiden unter Applaus zurück und fahren, begleitet von heftigem Winken, in einem Rolls-Royce im herrlichen Berliner Sonnenschein von dannen.
Ein wenig wehmütig sehe ich ihnen hinterher. Mit bereits gepackten Koffern fahren sie jetzt zum Flughafen und besteigen einen Flieger in Richtung Neuseeland, um dort die nächsten Wochen in verliebter Zweisamkeit im Land von Mittelerde zu verbringen.
Nach und nach verabschiedet sich der Großteil der Gäste und lässt eine erlesene Stammrunde zurück, die sich an den Fenstertischen neben der Terrasse zusammenfindet und völlig abgeschieden vom Rest der Großstadt in Vierergruppen Doppelkopf spielt. Hin und wieder fülle ich die altmodische Kaffeekanne aus Nymphenburg-Porzellan in ihrer Mitte nach, versuche aber ansonsten weitestgehend, bei diesem ernsthaften Spiel nicht zu stören.
Wie vermutet, trudeln die ersten Touristen im Café ein und beugen sich staunend über die Kaffeekarten, die meine Freundin Ella wundervoll schnörkelig mit saphirblauer Tinte gestaltet hat. Eine jede ist ein Unikat und wird von mir gehegt und gepflegt.
Zwischen sächsisch, bayrisch und plattdeutsch entziffere ich die Kaffeewünsche, und hilft die Sprache nicht weiter, reicht ein Zeigen auf die wunderschönen Kaffeeillustrationen.
Die genießerische Ruhe, die sich im Café ausbreitet, nutze ich für eine Pause. Der Tisch neben der Terrassentür ist frei und so setze ich mich für ein Roggensandwich, das ich mir heute Morgen bereits angerichtet habe, in die Sonne. Ein dampfendes Schalerl Gold komplettiert meinen Nachmittagssnack.
Kaum habe ich den ersten Bissen aus Saftschinken und zartschmelzendem Mozzarella im Mund, vibriert mein Mobiltelefon in der Schürzentasche. Bedächtig kaue ich und schlucke den Bissen hinunter, doch das Vibrieren hört leider nicht auf.
Ich werfe einen schnellen Blick auf das Display und schlage seufzend die Beine übereinander, ehe ich rangehe.
»Hey, Mama.«
»Claire, mein Schatz, ich muss dir unbedingt vorlesen, was heute in deinem Horoskop steht!«
Die Stimme meiner Mutter schallt mit Überdruck aus dem Handy und die Energie, die sie naturgemäß umgibt, lässt kurz den alten Kirschbaum neben Kukas Blumenladen erzittern.
Ich kann mir ein unwilliges Knurren nicht verkneifen, doch das hält meine Mutter nicht davon ab, weiterzureden.
»Nun hör erst einmal zu, bevor du murrst! Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir alle ahnen. Die Astrologie ist eine uralte Wissenschaft und hat immer einen wahren Kern.«
Nur meine Mutter kann die Wörter Astrologie und Wissenschaft in einen Satz quetschen und das ernst meinen. Warum auch immer sie dieses Faible hat, denn im Grunde ist sie eine moderne, aufgeklärte, gebildete Frau mit einem preisgekrönten Job als Kostümbildnerin bei der Komischen Oper. Dazu lässt sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen und sich schon gar nicht veralbern. Aber sobald sie in die Nähe eines Horoskops kommt, wird sie zu einem anhänglichen Welpen.
Für meinen Vater erstellt sie mindestens dreimal täglich ein Horoskop, was ihn mit überhöhter Geschwindigkeit aus der Haut fahren lässt. Ich glaube fast, das ist auch der Grund, warum sie es macht – einzig und allein, um ihn zu ärgern.
Allerdings mich gerade auch.
»Also, hör zu, dir steht nämlich Großes bevor! Stier, zweite Dekade, Aszendent Widder, Sonne in Haus 1 und Mond in Haus 7: Eine Nachricht aus dem Universum wird dich in den nächsten Tagen erreichen und dein Leben in eine neue Richtung drehen. Du wirst eingetretene Pfade verlassen und neue Wege beschreiten. Die Liebe in deinem Leben wird auf ein neues Niveau gehoben.«
Ich höre meine Mutter atmen, während ich sacht den nächsten Bissen von meinem Sandwich nehme.
»Sag schon was!«
»Mh, war’s das?«, mümmele ich mit halbvollem Mund.
»Verstehst du denn gar nicht, was das bedeutet, Clairchen?«
Kopfschüttelnd schlucke ich den Bissen hinunter. »Sicher. Wir fangen in den nächsten Tagen an, die Feier anlässlich des Dreijährigen vom Coffee To Stay zu planen. Und ich habe allerhand außergewöhnliche Kaffeekreationen im Kopf, die ich so noch nicht angeboten habe. Die Leute werden diese Kaffees lieben.«
»Ach, Clairchen, sieh bloß mal über den Rand deiner Kaffeetasse hinweg, man könnte fast meinen, du wärst kaffeesüchtig.«
»Dem möchte ich entschieden widersprechen, ich bin nicht kaffeesüchtig, ich bin lediglich chronisch unterkoffeiniert.«
»Wie auch immer! Das Wichtigste ist heute dein Horoskop, es bedeutet nämlich, dass Tobias dir in den nächsten Tagen einen Antrag machen wird und ihr endlich heiraten werdet. Der neue Weg ist der Weg zum Traualtar und damit hebt ihr eure Liebe auf eine völlig neue Stufe!«
Prustend stelle ich die Tasse ab und versprühe in feinen Tröpfchen den herrlichen Kaffee, den ich gerade zu trinken versucht habe, über das weiße Tischtuch. Verstört dreht sich eine rotwangige Familie zu mir um. Lächelnd winke ich ab und nach ein paar Hustern habe ich mich wieder gefangen.
»Mama, wie kommst du denn auf so etwas?«, zische ich ins Telefon, dabei tupfe ich hektisch mit einer Serviette auf dem Tischtuch herum, was den Kaffeefleckschaden leider nur vergrößert.
»Die Sterne lügen nicht und deine Verweigerungshaltung diesem Sachverhalt gegenüber kommt bloß dadurch, dass dein Mondzeichen Skorpion dich daran hindert, wahre Gefühle zu zeigen.«
Ich rolle mittlerweile so doll mit den Augen, dass sie mir fast herauskullern. »Mama, ich liebe Tobias wirklich sehr und ich weiß, auch er liebt mich. Dennoch, eine Hochzeit steht uns erst einmal nicht ins Haus. Irgendwann später bestimmt, aber …« Mein Satz trudelt aus, denn so recht weiß ich selbst nicht, was hinter dem Aber folgen soll.
»Was aber?«, hakt meine Mutter natürlich sofort ein.
»Nichts aber.«
»Wenn du meinst! Tatsache ist jedoch, Tobias kommt mir in den letzten Wochen immer häufiger abwesend vor und ich sage dir, er plant den Heiratsantrag, vermutlich sogar schon die ganze Hochzeit, mit der er dich dann überrascht. Schließlich ist er ein Wassermann und damit schwimmt er nur so in Ideen. Und durch seinen Aszendenten Krebs findet er bei dir die emotionale Geborgenheit, nach der er sich sehnt. Basta. Und nun entschuldige mich, dein Vater ruft nach mir. Seitdem er pensioniert ist und seine Schüler nicht mehr durch die Gegend jagen kann, jagt er mich durch das Haus!«
Noch ehe ich mich von meiner Mutter verabschieden kann, legt sie mit einem gebrüllten »Was suchst du denn jetzt schon wieder!« auf.
Ein Heiratsantrag? Ab und zu haben wir über das Thema Hochzeit geredet, doch nie so richtig ernsthaft. Tobias und mir geht es gut und es ist genau richtig, wie es ist.
Meine Augenlider drücken plötzlich schwer nach unten und ich habe Mühe, sie offen zu halten. Überhaupt fühle ich mich in letzter Zeit häufig müde. Zum zweiten Mal an diesem Tag denke ich über mein Alter nach. Vor wenigen Tagen hatte ich Geburtstag und in einem Jahr um diese Zeit werde ich dreißig sein. Bisher habe ich daran nicht unbedingt scharenweise Gedanken verschwendet … vielleicht sollte ich langsam mal damit anfangen?
Ein Heiratsantrag – eigentlich wäre das wirklich ganz cool, oder?

Kapitel 2
L wie Liebe

Latte Macchiato
Warme Milch, aufgeschäumt zu fluffigem Milchschaum, übergossen mit einem heißen, aromatischen Espresso aus dunkel gerösteten Bohnen, handgepflückt an den Berghängen von Guatemalas Vulkanen.

»Bedienung!«
Vor Schreck zucke ich zusammen und stoße mir das Knie an der Tischkante. »Autsch!«
Ich war tatsächlich so tief in Gedanken versunken, dass ich den Gast übersehen habe, der an der Kaffeetheke im Coffee To Stay steht und mit den Fingern auf die polierte Holzplatte trommelt.
Um Haltung bewahrt rappele ich mich vom Stuhl hoch und eile in das Café. Mit meinem nettesten Gästelächeln auf den Lippen will ich ihn soeben begrüßen, als er mir zuvorkommt.
»Einen Coffee to go, schwarz mit dreimal Zucker.«
Haben? Trinken? Malen? Bitte? TO GO?
»Leider kann ich Ihnen keinen Kaffee zum Gehen anbieten. Aber Sie können sich gern setzen und ich brühe Ihnen einen köstlichen Azúcar.«
Er starrt auf mich herunter und ich bin mir nicht sicher, ob ich womöglich in der falschen Sprache mit ihm spreche.
»Wo gibt’s denn keinen Coffee to go?«, poltert der Fels vor mir.
»Im Coffee To Stay, wie der Name bereits sagt.« Ich weise auf den kunstvollen Schriftzug an der linken Wand des Cafés, der mich jedes Mal mit Zuneigung und Stolz für meine geliebte Kaffeewelt erfüllt. »Einen Kaffee sollte man genießen, ihn riechen, schmecken, fühlen. Nicht im Gehen herunterschlingen.«
»Dann hole ich ihn mir eben bei der Konkurrenz!«
»Junger Mann, wenn Sie Zeit haben, sich woanders einen Kaffee zu holen, dann haben Sie auch Zeit, sich hier an einem zu erfreuen.« Pfarrer Ewald unterbricht tatsächlich seinen Doppelkopfzug und dreht sich zu dem Kaffee-zum-Gehen-Mann um.
Waltraud Hagen nickt so heftig, dass ihre Silberlöckchen aufgeregt mitwippen. »Und einen besseren Kaffee als hier finden’s eh nirgends.«
»Nun?« Mit geneigtem Kopf strahle ich ihn an.
»Also, hören Sie lieber auf, mit dem netten Fräulein Claire herumzudiskutieren und trinken Sie Ihren Kaffee ordentlich«, spricht der Herr Pfarrer, dreht sich zusammen mit seiner Haushälterin um und klatscht die Karten auf den Tisch. »Schwein!«
»Ich will doch nur einen Kaffee …«
Mein Lächeln verrutscht zu einem Grinsen, welches ich schnell in ein Hüsteln verwandele. »Azúcar?«
Er schielt abwechselnd von mir zu den silbernen Kaffeedosen hinter mir und den süßen Törtchen, die sich verlockend in der Kuchenvitrine präsentieren.
Er spricht mit mir, doch was in meinen Ohren ankommt, ist lediglich »Brumm, brumm, brumm«. Dennoch lässt er sich schwer auf einen Stuhl vor der Kaffeetheke fallen und beobachtet jede meiner Handbewegungen, wie ein Chirurg, der zum ersten Mal seinem Assistenzarzt die Näharbeit überlässt.
Für den Showeffekt benutze ich nicht meine Siebträgermaschine, um einen vollmundigen Espresso zu brühen, sondern meinen Kaffee-Siphon. Der Azúcar möge mir diese winzige Abweichung vom Protokoll verzeihen, wird er doch mindestens genauso aromatisch schmecken.
Der süße, beerige Duft des Brasil Cerrado San Rafael schwebt über der Kaffeemühle, als ich ihn mittelfein mahle. Die Estate-Arabica-Bohnen habe ich während des Röstens leicht kandiert, sodass der Kaffee eine süße Nuance erhält, ohne gezuckert zu sein.
In die bauchige Glaskammer des Siphons fülle ich heißes Wasser und stelle alles auf eine Edelstahlheizplatte. Bald steigt das Wasser in die obere Glaskammer, und bevor ich das Kaffeepulver dazugebe, rühre ich das Wasser um. Es sieht spektakulär aus, wie sich das Kaffeepulver von dem Wasserstrudel mitreißen lässt, und mein felsiger Gast reißt seine Augen auf. Zugleich steht sein riesiger Mund offen.
Sehr schön, exakt die Reaktion, die ich beabsichtigt habe. Dieser Mann trinkt nie wieder schnöden Wegwerfkaffee.
Nach ein paar Sekunden bildet sich eine Kruste auf dem Kaffee, die ich mit einem Löffel durchbreche, um das Ganze erneut umzurühren. Ich entferne die Heizplatte und kurz darauf strömt durch den Unterdruck in der unteren Glaskammer der gefilterte Kaffee herab.
Voilà!
Die Doppelkopfrunden applaudieren und ordern eine Tischrunde für alle. »Also Fräulein Claire, Ihre Kaffeekunststücke sind doch immer wieder sensationell.« Waltraud Hagen prostet mir mit ihrem leeren Glas zu und wendet sich dann an den stummen Gast vor mir. »Sehn’s, da ham’s!«
Als i-Tüpfelchen schenke ich den Kaffee in eine Tasse, deren Rand mit einem Schnurrbart bedruckt ist, und schiebe sie über die Theke dem Mann zu. »Kaffee zum Verweilen, bitte sehr.«
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich seinen Blick angstvoll deuten. Aber wovor sollte dieser Bär von Mann Angst haben?
Misstrauisch schnüffelt er an dem herrlichen schwarzen Getränk und nimmt vorsichtig seinen ersten Schluck. Und – es ist eigentlich kaum möglich – ein Lächeln ziert sein Gesicht.
Er trinkt einen weiteren Schluck und noch einen, dann sieht er zu mir. »Unglaublich, für so eine winzige Person sind Sie unglaublich.«
Wie schön, er hat seine Sprache wiedergefunden, und so wie er den Kaffee weiterschlürft, habe ich einen neuen Stammkunden gewonnen. Das winzig lasse ich lieber unkommentiert stehen, denn es handelt sich hier um einen winzigen Punkt, der meinem Selbstbewusstsein mehr als winzigen Schaden zufügen könnte.

Am späten Nachmittag lösen sich die Doppelkopfrunden auf und Pfarrer Ewald und Waltraud Hagen trollen sich zu ihrem Abendgottesdienst. Bald folgen auch die anderen, bis auf Britta Waldheim, die ihr Strickzeug auspackt und sich an einem Nicht-Kaffee in Form einer heißen Schokolade mit Sahne erfreut.
Mein neuer Coffee-To-Stay-Freund, Panos mit Namen – wie passend – verlangt nach einer Wiederholung meines Siphon-Kunststückes, dazu nach einem Mokka-Käsekuchen und einem Cappuccino-Windbeutel. Und so nach und nach gewöhne ich ihn auch an ein Bitte hinter dem Ich will.
Die Gäste kommen und gehen, und ehe ich mich’s versehe, ist es bereits halb sechs. Die Tische auf der Terrasse sind voll besetzt mit fröhlich trinkenden und essenden Gästen, sodass ich kurz Gelegenheit habe, mich zu Britta Waldheim zu setzen, um meine Beine auszustrecken.
»Na Mädel, siehst müde aus.« Ohne auf die fliegenden Stricknadeln in ihren Händen zu achten, sieht sie mich prüfend an. Am heutigen Hochzeitssonntag trägt sie dem Anlass entsprechend ein selbstgestricktes Ensemble aus silberschimmerndem Garn. Es besteht aus einem glockigen Rock, der ihre Knie umspielt, und einem Pullover, der ihren Busen gekonnt in Szene setzt. Gesegnet mit einer Brigitte-Bardot-Figur nimmt es Britta Waldheim locker mit uns Jüngeren auf – und das in selbstgestrickten Klamotten!
»Bin ich auch. Verspätete Frühjahrsmüdigkeit würde ich sagen.« Hinter vorgehaltener Hand gähne ich dezent. Gern hätte ich es unterdrückt, denn in Brittas damenhafter Gegenwart fühle ich mich immer ein wenig unbeholfen. Wenn sie neben mir sitzt, halte ich mich automatisch gerader, und wenn wir beieinanderstehen, drücke ich meinen Rücken durch nach dem Motto: Schultern zurück, Bauch rein. Selbst wenn ich an sie denke, nehme ich automatisch eine strammere Haltung ein.
»Also ich würde etwas anderes sagen.« Jetzt legt sie sogar ihr Strickzeug im Schoß ab und betrachtet mich noch intensiver.
Ich taste in meinem Gesicht herum, während mir heiß wird. »Was? Habe ich meine Wimperntusche verschmiert oder irgendwo Kaffeepulver verteilt?« Möglicherweise sind es auch meine Haare? Ich weiß ja selbst, dass meine langen Locken ungern in einem Zopf bleiben, und nach einem Tag im Café kann ich froh sein, wenn überhaupt etwas von der Frisur übrig ist, die ich am Morgen versucht habe zu gestalten.
»Ist dir übel?« Britta zieht ihre linke, fein gezupfte Augenbraue einen halben Millimeter in die Höhe.
»Ein bisschen«, muss ich zugeben. »Aber ich habe bis auf ein Sandwich am Nachmittag noch nichts gegessen.«
»Hast du Appetit?«
»Auch ein bisschen.« Auf Currywurst und Pizza!
Britta nickt und nimmt ihr Strickzeug wieder auf. »Du bist schwanger, mein Mädel.«
»So ein Quatsch! Das wüsste ich ja wohl!« Ich schüttele so vehement den Kopf, dass mein Haarband endgültig aufgibt und zu Boden segelt.
Scheinbar ungerührt zuckt Britta mit den Schultern und strickt weiter ein kompliziertes Muster aus riesigen Maschen. »Wie du meinst.«
Und nun? Mir fällt nichts ein, deswegen stehe ich auf und räume das leere Glas ab. »Darf ich Ihnen noch etwas bringen, Frau Waldheim?«
»Nein danke, nur die Quittung, bitte.«
Die Gedanken in meinem Kopf plappern laut durcheinander und es gelingt mir nicht, einen davon herauszupicken.
Erst wurde mir heute vorausgesagt, dass ich bald heiraten würde – obwohl ich diese Absicht bis dahin nicht einmal heimlich für mich gehegt habe – und nun bekomme ich angeblich ein Kind. Hallo? Was ist hier los? Steht die Sonne im Elefanten oder der Mond in der Giraffe? Oder liegt es an der milden Frühlingsbrise, die alle Leute kirre macht, wie der Mistral, der in der Provence die Menschen auf den Kopf stellt?
Schwanger! Pfff, wie das denn? Ich meine, ich weiß natürlich wie, allerdings … Und wenn doch?
Mit einem Mal herrscht Ruhe in meinem Kopf, alle Grübeleien ordnen sich und finden wie Puzzleteile zueinander. Ich träume von meinem Baby. All die Liebe, die ich je bekommen und gegeben habe, strömt in meiner Seele zusammen und lässt mich erahnen, welches Glück mir gerade zuteilwird. Für einen Moment hält die Welt für mich den Atem an.
Sodann stößt sie ihn kräftig wieder aus und eiskalte Panik greift nach mir. Ich weiß bei einer Windel nicht einmal, wo hinten und vorn ist. Gibt es überhaupt ein Hinten und Vorn? Was ist, wenn das Baby schreit und ich es nicht beruhigen kann? Meine Güte, meine Freundin Ella hat fünf Kinder und ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, dass sie eventuell Angst vor diesen kleinen Wesen hat!
»Frau Herzog, geht es Ihnen gut?«
Die Umgebung klärt sich wieder, und ich sehe den jungen Postboten, der in unserem Viertel die Briefe austrägt. »Max, ich habe dich doch schon mehrfach gebeten, mich Claire zu nennen, okay? Wenn du Frau Herzog zu mir sagst, komme ich mir vor wie meine Mutter – und das wollen wir beide nicht.«
Max senkt den Kopf und schüttelt ihn dann. »Nein, natürlich nicht, Frau Herzog. Äh, ich meine Claire.«
Ich atme tief durch und zur Sicherheit gleich noch ein zweites Mal. Netterweise hat dies den Nebeneffekt, dass meine Babypanik verpufft. Es ist unwahrscheinlich, dass ich schwanger bin. Punkt.
Schön wäre es trotzdem gewesen.
Glaube ich.
»Was darf ich dir bringen, Max?« Froh, eine Beschäftigung zu haben, gehe ich hinter die Kaffeetheke, um Britta Waldheims Quittung zu schreiben. Sie besteht immer auf einer handschriftlichen Quittung mit Stempel. Ich solle es nicht persönlich nehmen, hat sie mir mal gesagt, schließlich müsse alles im Leben seine Ordnung haben. Jede Masche gehöre dorthin, wo sie hingehöre.
»Äh nichts, Frau … Claire, ich möchte keine Umstände machen.«
»Ach Max, dir einen Kaffee zuzubereiten ist mein Job. Zudem macht es mir keine Umstände, sondern Freude.«
Pling. Max’ Gesicht leuchtet von jetzt auf gleich wie eine Glühbirne, was einen interessanten Kontrast zu seinen rabenschwarzen Haaren bildet. Dieser junge Mann muss wahrlich noch das eine oder andere über das Leben lernen, wenn er gleich bei jeder winzigen Nettigkeit so reagiert. Im Duden findet sich das Wort schüchtern garantiert unter M wie Max.
»Herr Lindner, wie nett, Sie hier zu sehen.« Britta Waldheim gesellt sich zu uns und reicht mir einen Geldschein über die Theke, noch ehe ich ihr die Quittung geben kann. »Stimmt so, Claire. Es war wie immer ausgezeichnet.«
Max schrumpft gefühlte zwanzig Zentimeter neben Britta zusammen, obwohl er sie locker um zwei Köpfe überragt. »Ich, äh, ich bringe Frau … Claire die Post.«
»Am Sonntag?« Erneut der durchdringende Britta-Blick mit der Ein-Millimeter-Braue.
Max windet sich wie ein Regenwurm am Angelhaken. »Vielleicht ist es wichtig.«
»So, so. Nun gut. Ich wünsche euch allen einen wundervollen Sonntagabend. Und du, Claire, solltest dich morgen gründlich ausruhen, das Café macht das immerhin auch.«
Britta rauscht zur Terrassentür hinaus und lässt Max und mich aufatmend zurück.
»Was hältst du von einem schönen Doppelten Einspänner?«, wende ich mich an ihn und beginne sogleich, eine Handvoll kräftig gerösteter Bohnen aus dem Jemen staubfein für einen großen Mokka zu mahlen. Der starke Kaffee in Kombination mit viel cremiger Schlagsahne wird in dem jungen Mann vor mir bestimmt mancherlei Lebensgeister wecken.
Wie erwartet nickt Max gehorsam und blickt sich dezent um. Mit dem Kopf deute ich auf den Barhocker neben dem Fenster vor der Kaffeetheke und er lässt sich seufzend darauf nieder. Wo Max die Portion Mut gefunden hat, um aus seinem Minidorf im Norden von Brandenburg hierher nach Berlin zu kommen, wird mir ewiglich ein Rätsel bleiben.
»Lass es dir schmecken.« Zusammen mit dem Doppelten Einspänner schiebe ich Max den einzigen verbliebenen Coffee Cupcake hin und gehe hinaus, um bei den letzten Gästen des Tages abzukassieren. Die Luft fühlt sich weich und mild an und im Rosenpark gegenüber flanieren reichlich Menschen über die Kieswege.
Auch wenn ich in Florenz geboren bin und nach meinem Studium für ein Jahr in den schönsten Ecken Frankreichs gearbeitet habe, so finde ich es nirgendwo schöner als hier in Berlin, vor allem in meinem geliebten Blumenviertel. Mit Stolz drehe ich mich zu meinem Café um, welches malerisch an der Ecke thront, wo sich der Rosenweg und die Ranunkelstraße treffen. Derweil ertönt die Glocke der Kleinen Kirche am Rosenpark sechs Mal und erinnert mich daran, dass es Zeit wird, das Coffee To Stay für den Feierabend vorzubereiten.
Zuerst beginne ich, die schmiedeeisernen Tische auf der Terrasse aufzuräumen, um sie mit einer Schutzhülle abzudecken. In unserer Gegend ist es nicht notwendig, die Terrassenmöbel mit Ketten zu sichern, wofür ich sehr dankbar bin, denn angekettete Tische und Stühle sehen für mich deprimierend aus.
»Darf ich bitte helfen?« Max kommt zu mir auf die Terrasse und nimmt eine der durchsichtigen Abdeckungen.
»Das ist wirklich sehr nett, Max, aber du bist hier Gast und sollst nicht arbeiten. Außerdem hast du heute deinen freien Tag.«
»Ich mache es wirklich gern, Claire.« Der Satz kommt direkt und klar aus Max’ schüchternem Mund und es findet sich auch nicht der pastelligste Hauch von Röte in seinem Gesicht, sodass ich seine Hilfe dankbar annehme. Sie ist genau das, was ich heute brauchen kann.
Im Nu haben wir die Terrasse aufgeräumt und arbeiten drinnen weiter, während ich Max von lustigen Erlebnissen mit Gästen berichte, denn das Schweigen, welches er so gut beherrscht, liegt mir gerade gar nicht. Ständig malt mir meine Fantasie neue Bilder, seien es welche, die mir ein Hochzeitskleid für eine Hochzeit vorgaukeln, die noch gar nicht geplant ist, oder Namen für ein Baby, das lediglich in meinen Gedanken existiert.
»Alles okay?« Max reicht mir die silbernen Kaffeedosen aus dem Regal hinter der Theke, nach denen ich vergeblich angele, während ich überlege, welche Kaffeespezialitäten ich meinen Hochzeitsgästen anbieten würde.
Mit einem schiefen Lächeln nehme ich die Dosen entgegen. »Alles prima, danke. Ich war nur gerade in Gedanken. Ich glaube, ich bin ein wenig müde.«
»Na dann werde ich dich mal ordentlich aufmuntern! Was hältst du von einem spontanen Theaterbesuch?«
Vor Schreck stoßen Max und ich mit den Ellenbogen aneinander, als wir uns zu der fröhlichen Stimme umdrehen, die ich so gut kenne. Und liebe.
»Tobias! Was machst du denn hier?« Mit einem doppelten Salto meines Herzens, den es immer vollführt, wenn ich Tobias sehe, schiebe ich mich an Max vorbei und sause zu meinem Freund, der mich fest in die Arme schließt.
Sein Polohemd duftet nach Frühling und fühlt sich angenehm warm an meiner Wange an. Auf Zehenspitzen küsse ich ihn zärtlich und schmiege mich an ihn. Es ist so selten geworden, dass Tobias Zeit findet, mich im Café zu besuchen. Zeit zu zweit ist zu einem wahren Luxusgut für uns geworden.
»Die Präsentation vorhin lief so gut, dass wir schneller als erwartet damit fertig waren. Linus und ich haben uns redlich einen freien Abend mit unseren Herzensdamen verdient. Morgen geht es dann mit dem nächsten Teil weiter.«
»Wow, ihr legt euch ordentlich ins Zeug. Habt ihr immer noch mit diesem Dingsbums zu tun, der euch so akribisch unter die Lupe nimmt?«
Mit einem Blick auf die Uhr über der Eingangstür schiebt mich Tobias ein Stück von sich und beginnt, die Stühle auf die Tische zu stellen. »Nope. Der hieß übrigens Gandalf!«
»Gandalf, stimmt ja!«, quietsche ich.
»Gandalf, wie der Gandalf aus Herr der Ringe?«, rutscht es Max heraus, und er legt erschrocken die Hand auf den Mund.
»Ich denke schon.« Tobias grinst sein wunderbar schiefes Grinsen, welches ihn so jungenhaft wirken lässt. So ganz anders, als wenn er in seriösen Anzügen mit ernster Miene seine Kunden bei ihren architektonischen Luftschlössern berät. »Wir arbeiten jetzt direkt mit der Projektleiterin von den Andancas zusammen, Enja.«
»Dann hoffen wir mal, dass Enja nicht so altmodisch wie der alte Gandalf jeden eurer Striche hinterfragt.«
Tobias zuckt mit den Schultern. »Selbst wenn sie doppelt so alt wäre wie er, ist die Zusammenarbeit mit ihr um Längen besser. Ich vermute mal, sie ist in etwa so jung wie ich, erst Mitte dreißig. Aber wie auch immer, sie ist echt gut und dadurch, dass sie wie Linus und ich noch keine eigene Familie hat, genauso flexibel wie wir.«
Erst Mitte dreißig! Wie locker er mit dem Alter umgeht. Ich werde nächstes Jahr dreißig! Und was meint Tobias damit, er habe keine eigene Familie? Bin nicht ich seine Familie? Ist er durch mich etwa unflexibel?
Warum beschäftigt mich das heute bloß so? Ich schnappe mir den Wischmopp und klatsche ihn härter als notwendig auf den Boden, bis alles patschnass ist – und sauber.
»Fertig.« Max schiebt die letzte Kaffeedose in das Regal, das ich sonst immer sonntags reinige, und sieht mich an wie meine Papageiendame Holly, wenn ich es wage, sie mit nur der Hälfte eines hartgekochten Eies abspeisen zu wollen.
»Vielen Dank für deine Hilfe, Max. Das war wirklich sehr nett.« Mit dem Wischmopp in der einen Hand umarme ich Max mit der anderen. Ich spüre seinen Herzschlag, der es fast auf Kolibrifrequenz schafft, durch sein T-Shirt. Schnell lasse ich ihn los. So richtig wohl fühlt sich der arme Kerl anscheinend nicht. Dabei ist er so ein Bild von einem Mann.
Möglicherweise braucht Max endlich mal eine Freundin. Oder hat er eine? Nein, ich glaube nicht. Wie auch.
Mit einer Gesichtsfarbe, die bereits ins Violette changiert, schnappt sich Max seinen Rucksack und stolpert aus dem Café. Ohne mir meine Post gegeben zu haben.
»Hab einen schönen Sonntagabend«, rufe ich ihm hinterher.
»Bis morgen.«
»Morgen ist Ruhetag.«
»Bis Dienstag.« Weg ist er.
Mit gerunzelter Stirn blickt Tobias Max hinterher. »Meine Güte, dieses Kerlchen liebt dich aber.« Dann wandert sein Blick zu mir. »Muss ich mir Sorgen machen?«
Die dritte kuriose Weissagung des Tages – na Halleluja – und auf diese werde ich schon gar nicht mehr eingehen.
Stattdessen hole ich meine Handtasche unter der Kaffeetheke hervor, betätige den Hauptschalter, schließe die Terrassentür ab und öffne die Eingangstür, die direkt an der Ecke des Cafés nach draußen führt.
»Kommst du?«, fordere ich Tobias auf, der folgsam auf mich zutrottet und noch immer nicht alle Falten von seiner Stirn gewischt hat.
Zufrieden mit meinem Kaffeetag schließe ich ab, schiebe meine Hand in Tobias’ und spaziere mit ihm in Richtung Rosenpark. »Zu welchem Theaterstück lädst du mich eigentlich ein?«
»Einer deiner Lieblingsfilme wurde als Theaterstück adaptiert: Die Braut, die sich nicht traut.«
Na war ja klar, aber so was von klar!


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Kapitel 3
A wie Assistent

Almkaffee

Cremig frisches Eigelb, verrührt mit Zucker und feurigem Wieser-Wachau-Rum, trifft auf heißen Kaffee. Verquirlt man diese Köstlichkeiten miteinander, entsteht ein feiner Schaum, den nur noch flüssige süße Sahne toppen kann.

»Guten Morgen, Siebenschläfer.«
Ein leichter Kuss landet zwischen meinen Augenbrauen und holt mich aus der Traumwelt in die Wirklichkeit.
Meine Güte, es kann doch höchstens fünf Uhr morgens sein. Um meine Augen nicht mit allzu schnellen Bewegungen zu stressen, hebe ich ein Lid nach dem anderen gemächlich an.
»Du bist ja bereits fertig angezogen«, murmele ich und sehe mich aus meiner Schräglage Tobias’ dunkelblauer Krawatte mit den winzigen weißen Punkten gegenüber.
Tobias lächelt und spendiert mir einen weiteren Kuss, der dieses Mal meine linke Augenbraue beglückt. »Die Arbeit ruft.«
»Ich höre nichts, schon gar nicht um fünf Uhr morgens.«
»Nix fünf Uhr morgens, es ist kurz nach sieben.«
»Na, wenn das so ist.« Sieben Uhr finde ich auch nicht besser, denn ich bin noch genauso müde, als wenn es fünf Uhr wäre.
Tobias, der vor dem Bett kniet, erhebt sich und streicht die Anzughose glatt, die seine muskulösen Läuferbeine versteckt. Schade, ich hatte gehofft, wir würden heute gemeinsam ausschlafen, denn in den letzten Tagen musste ich immer früh aufstehen.
Ich schiebe meine Bettdecke zur Seite und richte mich auf, achte dabei aber darauf, dass ganz zufällig der Spaghettiträger meines Nachthemds über meine Schulter rutscht. Mit einer Hand fahre ich mir durch meine Lockenmähne und lasse sie dekorativ an mir herabfließen, mit der anderen winke ich Tobias zu mir herab. Brav, wie nur ein Mann in solch einer Situation sein kann, beugt er sich zu mir.
Ich schlinge meine Arme um ihn und presse meinen schlafwarmen Körper an seinen, dabei spüre ich, wie sich sein Herzschlag beschleunigt. Genüsslich platziere ich federleichte Küsse auf seinem Hals, die ihn dazu verleiten, seine Hände an meinem Rücken abwärts gleiten zu lassen. Sehr schön, da geht noch was.
»Claire, ich muss wirklich los«, glaube ich ihn an meinem Ohr murmeln zu hören.
Ich schmiege mich fester an ihn und verschließe ihm den Mund mit einem Kuss. Erst ganz zart, verwandelt er sich schnell in Feuer.
Jetzt habe ich ihn. Meiner Sache gewiss, löse ich mich ein wenig von Tobias, um ihm die Krawatte zu lockern und sein Hemd aufzuknöpfen. Leider reicht ihm die Sekunde, um sich daran zu erinnern, dass er eigentlich zur Arbeit gehen muss. Er nimmt meine Hände in seine und drückt mir einen Kuss auf die Stirn, was wohl so viel heißt wie: Ich geh dann mal.
»Letzt Nacht war wundervoll«, gurre ich und neige meinen Kopf zur Seite, um ihn von schräg unten anzusehen. Sanft befreie ich meine Hände aus seinen und streiche über die festen Bauchmuskeln unter seinem Hemd.
»Du meinst wohl die frische Brezel, die ich dir im Theater spendiert habe.« Seine nun freien Hände nutzt er, um mit meinen Locken zu spielen, während er mich angrinst, was das Grübchen an seinem linken Mundwinkel erweckt.
»Auch«, hauche ich und beginne, ihm das Hemd aus der Hose zu ziehen.
Tobias’ Gesicht nähert sich meinem und Nase an Nase sieht er mich an. »Der riesige Eisbecher hinterher war natürlich auch großartig.«
»Auch …«
»Oder meinst du etwa all die unaussprechlichen Sachen, zu denen du mich nach dem Eisbecher verführt hast?« Seine dunklen braunen Augen glänzen und sein warmer Tobiasduft bringt meine Körpertemperatur zum Sieden. Mit der ganzen Kraft seines sportlichen Körpers drückt er mich nach hinten aufs Bett und keine fünf Minuten später verschlingen wir uns nackt ineinander.
Mmh, so lasse ich mich gern wecken.

Warm und satt von Liebe bummele ich in den Morgen hinein. Montags hat das Coffee To Stay geschlossen. Nichtsdestotrotz gibt es auch an diesem Tag den einen oder anderen Termin, doch alles ganz gemütlich.
Am Abend treffe ich mich wie jeden ersten Montag im Monat mit Ella. Seit Kind Nummer Fünf letztes Jahr bei ihr und ihrem Mann Daniel eingezogen ist, finden die Treffen meist bei ihr statt. Was ich gern mag, fast lieber als unsere Treffen in irgendwelchen schrammeligen Bars, von denen wir eine Zeit lang geglaubt haben, dass wir sie besuchen sollten, wenn wir schon das Privileg haben, in Berlin zu leben. Na ja, auch wir werden älter und weiser, meist leider nur älter, aber hin und wieder auch weiser.
Nackt und rosig stehe ich vor dem Kleiderschrank und begutachte meine Kleiderauswahl. Hosen nehmen einen äußerst bescheidenen Platz in meinem Klamottenreich ein. Die ziehe ich allein unter Zwang an und ich zwinge mich selten. Dafür ruft heute mein seidenes Glockenkleid in der Farbe von poliertem Kupfer nach mir, welches so perfekt mit meinen roten Haaren harmoniert. Es mag sein, dass es nicht das perfekte Outfit für einen Abend inmitten von fünf Kindern und einer müden Mama ist, aber egal. Packe ich halt obendrein mein Jeanskleid mit in den Rucksack.
»Claire lieb! Claire lieb!«, krächzt eine heisere Stimme, und Holly, meine Gelbkopfamazone, flattert zur Schlafzimmertür herein.
Ich strecke Holly die Hand entgegen und sie lässt sich mit dramatischem Flügelgeschlage darauf nieder. Sie ist und bleibt eine Diva. Der zarte, gelbgrüne Vogel streckt mir sein Köpfchen entgegen und lässt sich von mir ausgiebig kraulen. Seit ich Holly vor fünf Jahren im Rosenpark gefunden habe, bin ich die Liebe ihres Vogellebens, und diese Liebe duldet keine Gesellschaft: keinen Vogelmann, auch keine Vogelfrau und schon gar nicht Tobias, was mitunter zu recht drolligen Eifersüchteleien zwischen den beiden führt. Oder zu Wie-werde-ich-ihn/sie-unauffällig-los-Aktionen. Glücklicherweise konnte ich bisher sowohl Holly als auch Tobias vor einem ungewollten Auszug retten.
Zufrieden mit meinen Streicheleinheiten schlägt Holly kräftig mit den Flügeln, sodass feine grüne Federn sacht durch die Luft schweben.
»Claire geh!«, befiehlt mir der verrückte Vogel, denn alles, was er zum Leben braucht, sind meine Streicheleinheiten, sorgfältig zubereitetes Futter – frisch und biodynamisch gewachsen – und die Wohnung für sich allein. Holly fliegt zu der Kommode, in der ich meine Unterwäsche aufbewahre, und patrouilliert auf dem rötlichen Kirschbaumholz auf und ab.
»Ach du«, seufze ich und ziehe die oberste Schublade auf.
Mein Lieblings-BH aus Seide, passend zum Kleid in einem warmen Rotgold, schmeichelt meiner Haut, als ich ihn anziehe.
Oh nein! Unschön quillt mein Busen rechts und links aus den exquisit bestickten Körbchen heraus. Das liegt allerdings nicht an der Fülle, die ich mein Eigen nenne, sondern vielmehr daran, dass Tobias das gute Stück wahrscheinlich in der Waschmaschine getötet hat!
Nicht unbeträchtlich in meiner guten Laune gestört, pfeffere ich den BH auf den Boden, was Holly sofort als Aufforderung versteht, Beute zu machen. Schwankend flattert die Papageiendame mit ihrem Fang aus dem Zimmer. Ich hoffe nur, sie verheddert sich nicht allzu sehr darin.
Trotz meines Missmutes muss ich über Holly lächeln und ziehe mir trotzig mein Kleid mit dem engen Oberteil und dem glockenförmigen Rock über den Kopf, ohne einen BH darunter. Ich kann auch verwegen sein.
Leider stellt sich als Nächstes der Reißverschluss im oberen Teil des Kleides quer, aber ich schaffe es, ihn zuzuziehen, zwar mit ausgiebigem Nachdruck, doch zu ist zu. Und bleibt es hoffentlich auch.
Pikiert funkele ich mich selbst im Spiegel an. Heute keine süßen Teilchen, spreche ich telepathisch mit meinem Spiegelbild. Was in dem Moment bereits hinfällig ist, in dem ich es denke, denn ich bin gleich mit Arian im Fiadone verabredet, der kleinen Boulangerie schräg gegenüber vom Coffee To Stay.

Das Fiadone grenzt an der rechten Seite an das Gemeindehaus, welches sich an die Kleine Kirche am Rosenpark schmiegt und wo auch in der Wohnung darüber Pfarrer Ewald und Waltraud Hagen residieren. Zur Linken lädt eine Goldschmiede zum Staunen darüber ein, was alles mit Metall machbar ist. Weniger einladend ist der karge Meister selbst, von dem keiner bis heute auch nur den Namen kennt, aber das gleicht seine Angestellte Zoey mehr als zehnfach aus, die mit ihrem Charme sogar einem Ritter im Ruhestand eine vergoldete Dritt-Rüstung verkaufen könnte.
Die Straßen in unserem Blumenviertel mit den altehrwürdigen Gründerzeithäusern, die mit ihren aufwändig gestalteten Fassaden Altstadtflair verbreiten, sehen zum Verlieben idyllisch aus. Gerade jetzt, in der klaren Maisonne, die die sattgrünen Blätter der Linden auf den Gehwegen zum Leuchten bringt.
Beschwingt spaziere ich in die kleine Bäckerei, jedoch nicht, ohne vorher einen liebevollen Blick auf mein Café schräg gegenüber zu werfen.
»Guten Morgen«, flöte ich beim Eintreten. Sofort umfängt mich süßer Duft nach warmen Croissants, durchmischt mit Aromen von Marzipan und Vanille.
So wie mein Coffee To Stay als duftende Kaffeeoase der Berliner Großstadt trotzt, so reise ich hier jedes Mal wieder in eine feine Boulangerie in die sonnige Provence, abseits der Touristenrouten, fest in der Hand einer französischen grand-mère.
»Bonjour!« Mit einer eleganten Bewegung, wie es lediglich waschechten Französinnen gelingt, kommt Éloïse hinter der Verkaufstheke hervor und umarmt mich herzlich. Südfranzösin durch und durch, küsst sie mich viermal auf die Wangen. Von mir aus kann sie das auch gern vierzigmal machen, denn Éloïse duftet unwiderstehlich nach Kokosblütenzucker, Wacholder und dunkler Schokolade. Ihre Wangen fühlen sich zart wie Babyhaut an meinen an und ihre Lippen haben einen Schwung – oh, là, là. Von einer grand-mère ist Éloïse definitiv noch an die hundert Jahre entfernt.
»Claire, wie schön, setz disch nach draußen in die Garten’öf. Arian ist auch schon da.« Wenn Éloïse meinen Namen ausspricht, wie nur sie ihn ausspricht, krabbelt mir jedes Mal eine Gänsehaut den Rücken hinauf, wie sonst nur bei Tobias, wenn er mich küsst. Auch Arian klingt bei ihr nicht mehr nach schnödem Arian, sondern mehr wie Orijon. Und ich glaube, Orijon ist ein klitzekleines bisschen verliebt in Éloïse, was er natürlich never ever zugeben würde.
Mit begehrlichen Blicken Richtung Kuchenauslage lasse ich mich von Éloïse zur Terrassentür schieben, die nach draußen in einen lauschigen Garten führt.
Unter zwei Birnbäumen und einem Apfelbaum steht ein langer, schmiedeeiserner Tisch mit passenden Stühlen. Hierher dürfen nur Éloïses Freunde. Kunden dürfen gern ihr süßes Gebäck kaufen und dieses gleichwohl in Ruhe zu Hause genießen, aber nicht mehr und nicht weniger. Immerhin sei sie eine Boulangerie und kein Café. Was an einem Café so schlimm sein soll, habe ich zwar bis heute nicht verstanden, aber sei’s drum, so lange ich zum erlesenen Kreis der Eingeweihten gehöre, die hier rasten dürfen, soll es mir recht sein.
»Hey, Claire.« Arian blickt kurz von seinem Laptop auf und nickt mir zu. Ich versuche erst gar nicht, ihm mit mehr als einem Hallo zu antworten oder gar in ein Gespräch zu verwickeln, denn wenn er, wie gerade, im Businessmodus läuft, unterfliegt alles andere sein Radar.
Außer man ist eine Frau namens Éloïse.
»Warte Éloïse, ich helfe dir.« Schwupps ist der Laptop zugeklappt, mir in die Hände gedrückt, Arian aufgesprungen und auf Éloïse zugeeilt. Mit einem Lächeln und Augen, die gerade die Strahlen der Maisonne geklaut haben, nimmt er Éloïse das Tablett ab, das sie zu uns herausträgt.
»Merci beaucoup, Arian.« Mit einem leichten Nicken unterstreicht sie das Gesagte und setzt sich seufzend an den Tisch. »Isch abe das Fermé-Schild an die Tür ge’angen, so können wir in Rü reden.«
Da Éloïse sich immer sehr elegant ausdrückt, weiß ich nicht so recht, ob dies der Auftakt zu einem ungezwungenen Babil sein soll oder ob mehr dahintersteckt. Auch lassen mich die filigranen Petit Fours stutzen, die sich auf dem Tablett befinden. Sie sind nicht wie sonst in Pink und Himmelblau gehalten, sondern Tiefviolett und längst mehr Schwarz als Rot.
Den Kaffee für das Fiadone bekommt Éloïse aus meinem Café, denn sie bezeichnet sich selbst als völlig phobique de caféine. Somit gibt es montags in der Bäckerei keinen Kaffee und ich begnüge mich mit einer Erdbeerschorle, die uns Éloïse mit einem Spritzer Wildblütenhonig versüßt. Es prickelt auf meiner Zunge, als ich per Strohhalm den ersten Schluck trinke, woraufhin es ziemlich schnell in meiner Kehle zu brennen beginnt.
»Du meine Güte, Éloïse, womit hast du denn die Erdbeerschorle aufgegossen?«, keuche ich hustend.
»Ô, nun sei nisch so deutsch. Isch brauche ’eute einen güten Pastis.« Damit greift sie nach ihrem Glas und trinkt es in einem Zug halb leer.
Arian macht es ihr nach, schafft dagegen nur zwei Schlucke, ehe auch er hustend aufgibt. Sein Blick saugt sich an Éloïse fest und ich meine fast, Bewunderung darin zu sehen.
Nun sind meine Alarmglocken endgültig entstaubt und ringen mir in den Ohren. »Was ist los, Éloïse? Du bist doch sonst nicht so trinkfreudig.«
Éloïse dreht das Glas in ihren Händen hin und her, trinkt einen Schluck und dreht es weiter. Ihr Blick ist gesenkt, sodass ihre langen, schwarzen Wimpern Schatten auf die Wangen werfen.
Sie trinkt einen weiteren Schluck, seufzt tief und blickt mich an. »Meine grand-mère ist gestürzt, mit die Rad, als sie auf dem Weg in ihre Boulangerie war. Sie musste werden operiert an ihre Knie. Es wird eine Weile dauern, ehe sie wieder kann laufen.«
»Oh Éloïse, das tut mir so leid.« Voller Mitgefühl stehe ich auf und knie mich vor sie hin. Sanft nehme ich ihr das Glas aus den kalten Händen und umschlinge sie mit meinen eigenen, um sie zu wärmen. »Aber es geht ihr gut und sie wird bald wieder laufen können, richtig?«
Éloïse nickt sacht.
Mir gelingt ein zittriges Lächeln, denn ich weiß, wie sehr Éloïse ihre grand-mère liebt, und muss an meine Eltern denken, von denen ich ausgehe, dass sie noch mindestens fünfundneunzig Jahre leben werden. »Du hast dich bestimmt ziemlich erschrocken.«
»Meine Eltern riefen mich gestern Abend an, da war grand-mère bereits aus die Narkös erwacht. Sie ist fein.«
»Na siehst du.« Mit Nachdruck tätschele ich Éloïses Hände. »Es gibt also gar keinen Grund, hier am helllichten Montagvormittag in Alkohol zu baden, auch nicht, wenn es sich um französischen Pastis handelt.«
Éloïses dunkelblaue Augen sehen unheimlich traurig aus, als sie sich mit Tränen füllen. »Isch werde nächste Woche zu grand-mère nach Cassis abreisen und mich um ihr Petit Flan gümmern.«
Arian und ich quieken gemeinsam auf.
»Aber … aber … du bist doch so gern hier. Du liebst dein Fiadone …« Okay, das war jetzt vermutlich nicht gerade hilfreich, denn nun schluchzt Éloïse zu Herzen gehend.
»Mais j’aime aussi ma famille«, flüstert sie schließlich.
Arian fummelt fahrig an seiner Laptoptasche herum und zuppelt ein zerknautschtes Päckchen Papiertaschentücher hervor. »Hier«, murmelt er und hält es Éloïse hin. »Die schenke ich dir.«
»Merci beaucoup, Arian, isch werde disch sehr vermissen.« Oha, schwingen da etwa auch in Éloïse Liebesgefühle für Arian? Ich kann mir einen Seitenblick auf ihn nicht verkneifen, doch offensichtlich erinnert er sich gerade daran, dass Éloïse bald nicht mehr hier sein wird. Oder halt, vielleicht meint sie nur ein, zwei Wochen. Auch wenn das Häufchen französischen Elends vor mir auf dem Stuhl nach mehr aussieht.
»Du kommst doch bestimmt bald zurück, oder?«, spricht Arian meine Gedanken aus und wir halten beide den Atem an.
»Zu Besuch bestimmt. Gewiss isch ’ätte schon längst grand-mère in ihre Petit Flan unterstützen müssen. Das schlechte – wie sagt ihr ’ier – conscience …«
»Gewissen«, murmelt Arian.
»Richtisch, das schlechte Gewissen quält mich seit lange. Grand-mère ist achtundachtzig Jahr alt.«
»Achtundachtzig!«, rufe ich aus. »Und da fährt sie noch Fahrrad?«
»Und Motorrad und an ihren klapperigen Renault aus dem letzten Jahr’ündert mag isch gar nischt denken.«
Für einen Moment schweigen wir und ich lausche einer Amsel, die in dem Apfelbaum über unseren Köpfen fröhlich tiriliert.
»Es wird Zeit, dass isch nach ihr sehe. So wie sie früher nach mir.« Éloïse versucht es mit einem schiefen Lächeln, während ihr noch Tränen an den langen Wimpern hängen.
»Leben nicht auch deine Mutter und deine Schwester in Cassis?«, versuche ich es vorsichtig.
»Oui, oui. Aber meine maman ist Göchin und meine sœur ebenso.«
»Na das sind doch beste Voraussetzungen, um ein Café, Entschuldigung, eine Boulangerie zu führen, oder?« Arian unterstützt vehement meine Idee und kniet sich ebenfalls vor Éloïse.
»No, no, ihr versteht nischt. Sie sind Göchinnen.«
»Ja, und?« Ich verstehe wirklich nicht, was Éloïse uns zu sagen versucht.
Die rollt ob so viel Unverstands die Augen. »Göchinnen in Frankreich backen nischt, sie gochen. Grand-mère und isch sind boulangère, maman und sœur cuisinière.«
Nun gut, das nehme ich erst einmal so hin, denn Éloïse sieht sehr ernst aus, als sie Arian und mir diesen Sachverhalt erklärt.
Dann steht sie auf, zieht Arian und mich beiläufig hoch und richtet ihre weiße Seidenbluse. »So, genüg ge’eult, isch ’abe noch meine eigenen Boulangerie zu führen. Morgen ist Morgen.« Damit drückt sie Arian und mir jeweils nur einen (!) Kuss, dafür einen langen, auf die Wangen und geht mit schwingenden Hüften ins Fiadone.
Die Amsel im Apfelbaum beendet ihr Lied, als Arian und ich mit hängenden Schultern Éloïse hinterherblicken, als wäre sie längst weit weg in Frankreich und nicht nur eben in ihrer kleinen Bäckerei verschwunden.
Arian wirkt blass, obwohl er sonst immer einen leicht getönten Teint sein Eigen nennen darf.
»Du bist traurig, nicht wahr?«
»Ich glaube schon.« Schwer lässt er sich auf einen der Stühle fallen und stellt seinen Laptop vor sich hin. »Wir sollten jetzt endlich mit der Planung für die Geburtstagsfeier des Cafés anfangen. Dafür sind wir immerhin hier.«
»Wir können es auch noch um ein paar Tage verschieben«, biete ich ihm an. »Vielleicht möchtest du dich ja mit Éloïse aussprechen oder so.«
Arian hackt auf der Tastatur herum und fährt sich zwischendurch wiederholt durch die Haare. Nach und nach gibt seine akkurate Frisur auf und verstrubbelt sich.
»Bloß nicht, wir haben nur noch drei Wochen und es gibt mehr als genug zu tun bis dahin. Und wenn das Wetter so schön bleibt, worauf gerade alle Prognosen hindeuten, können wir die Gäste im Café stapeln.«
Langsam setze ich mich neben Arian, nehme das hellvioletteste Petit Four von dem Servierteller und teile es in zwei Hälften. Die eine schiebe ich Arian hin, die andere halte ich hoch. »Auf Éloïse.«
»Auf Éloïse«, stößt Arian mit seiner Hälfte des Petit Fours traurig mit mir an.

Kapitel 4
I wie Infekt

Intermezzo

Tiefschwarzer Mokka trifft auf heiße Schokolade und schokobraune Crème de Cacao. Vervollkommnet mit einer Haube aus Schlagsahne und zwei Mokkabohnen.

Zwei Stunden und keinen weiteren Petit Four später steht unser Konzept für den dritten Jahrestag des Coffee To Stay. Wir wollen eine klassische Geburtstagsfeier veranstalten mit Kuchen, Luftballons, bunten Gastgeschenken, entsprechender Deko und Unmengen von Kaffeekreationen. Jeder Gast soll sich an diesem Tag wie das Geburtstagskind fühlen.
Arian streckt sich ausgiebig und ich beneide ihn mal wieder um seine Größe. Ich finde ja, von seinen einen Meter und neunzig könnte er mir ruhig fünfzehn Zentimeter abgeben.
»Na, spekulierst du erneut, wie du mich um ein paar Zentimeter kürzen könntest?« Ein wenig Farbe ist in seine Wangen zurückgekehrt, aber trotz seines Scherzes, von dem wir beide wissen, dass er nur halb gescherzt ist, lächelt er nicht richtig.
»Bild dir mal bloß nichts ein, du Riese. Sieh lieber zu, dass das Konzept fertig wird und wir uns die Arbeit aufteilen können.«
»Zu Befehl, Chefin. Trotzdem düse ich jetzt erst mal zum Flughafen. Luis kommt heute wieder.«
Wir erheben uns, und während Arian den Laptop und die Unterlagen in seine Ledertasche räumt, sammele ich das Geschirr ein und stelle alles auf ein Tablett.
»Wo war er denn dieses Mal?«
Um Arians Mundwinkel spielt ein freches Grinsen. »Auf Goa.«
»Goa«, gluckse ich. »Mit Mitte siebzig ist das doch das perfekte Reiseziel für deinen rüstigen Lieblingsmitbewohner.«
Luis ist das, was man gemeinhin als Unruheständler bezeichnet. Mehrmals im Jahr lockt ihn das Fernweh, woraufhin er einfach seinen uralten Koffer packt, der nicht einmal Rollen besitzt, und zum Flughafen loszieht. Und was ihm da auf der Anzeigetafel gerade so gefällt, das erwählt er sich als Reiseziel.
Als wir die Bäckerei betreten, kommen wir dort kaum vorwärts. Dicht an dicht stehen die Leute in Grüppchen zusammen, nibbeln an Croissants, Baguettes, Tartelettes und Pain au chocolats. Sie flüstern und raunen miteinander. Der Buschfunk in unserem Viertel funktioniert zuverlässiger als jegliche News App.
Eine Hand mit eisigen Fingern legt sich auf meinen sonnenwarmen Arm, den ich sogleich erschrocken zur Seite ziehe und mir selbst dabei den Ellenbogen in die Rippen stoße.
»Hamse schon jehört, Fräulein Claire«, wispert mir die alte Frau Bergmann zu und platziert ihr eiskaltes Händchen arglos wieder auf meinem Arm. Beim Sprechen kommt sie mir beträchtlich nah und in den süßen Duft der Madeleines mischen sich störende Komponenten aus Hackepeter und kaltem Pulverkaffee. »Dit is doch ne Schande, dit jeht doch nich ohne ordentlichen Bäcker hier, nich wahr!«
Da in meinem Magen aufgrund der reichlich schwerverdaubaren Nachrichten eine gewisse Grundflauheit herrscht, sinkt meine Bereitschaft, auf Frau Bergmanns Kümmernis einzugehen, gegen Null. Was mir wirklich ein wenig leidtut, denn eigentlich ist sie eine ganz reizende Dame mit ihren fliederfarbenen Löckchen und ihrer Henkel-Handtasche, die sie wie ihr Vorbild, die Queen, durch die Gegend trägt. Ihr Hang zu Mettbrötchen mit Zwiebeln verdirbt meinem Magen allerdings gerade die Laune.
Deshalb tätschele ich leicht die Hand auf meinem Arm, bevor ich sie von ihm löse. »Frau Bergmann, das wird schon wieder. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch einen Termin.«
»Ick find ja, die Eluise hat och an uns alte Leute zu denken, wo wir hier schon so viele sin. Bei die Franzosen jibts jenuch Bäcker.« Frau Bergmanns geschminkte Panda-Augen beginnen verdächtig feucht zu schimmern. Tja, die Berliner Morgenpost hat nicht ganz unrecht, denn es ist wohl wirklich Berlin, wenn es härter gesagt wird als gemeint. »Also mir jeht dit ja nüscht an, aba wat machen Sie denne, Fräulein Claire, so ohne der Eluise ihrem Kuchen? Sie können doch nur Kaffee kochen.«
Huh, das war jetzt wirklich sehr viel härter gesagt als hoffentlich gemeint. Ich zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen und nicke Frau Bergmann zu, die mich endlich aus ihrem Kreis entlässt und sich nach dem nächsten Gesprächspartner umsieht.
Tja, was mache ich ohne Éloïse? Selbst backen? Da muss sogar mein Alles-ist-möglich-Ich schallend lachen. Fertigkuchen aus der Plastikverpackung kommt aber auch nicht infrage.
Éloïse mit ihrem Fiadone und ich mit dem Coffee To Stay sind ein eingespieltes Team. Sie bäckt mir all die herrlichen Köstlichkeiten, die ich für meine Gäste möchte, und ich versorge sie mit Café natur für ihre Kundschaft, selbstverständlich handgebrüht in meiner antiken Fayence-Porzellankanne.
Man mag meinen, dass ein Café auf der einen Seite und eine Bäckerei auf der anderen Seite eine Lokalität zu viel wäre. Dem ist aber nicht so, ganz im Gegenteil, Éloïse und ich ergänzen uns perfekt – wie ein Kaffeepuzzle.
Leider bricht es gerade auseinander und sowohl sie als auch ich stehen jeweils mit der Hälfte der Teile da, getrennt durch eine Staatsgrenze.
Ich winke Éloïse im Vorbeigehen zu, doch trotz der langen Schlange an hungrigen Kunden kommt sie hinter der Theke hervor und zieht mich am Arm nach draußen.
»Diese Mitleid da drinnen macht mich verrügt.« Éloïse atmet tief durch und ich bewundere sie dafür, wie tapfer sie die Stellung hält. Wenn ich nur daran denke, wie es wohl wäre, wenn ich mein geliebtes Coffee To Stay aufgeben müsste … das mag ich mir gar nicht vorstellen. Mein Herz beginnt zu rasen und innerlich schüttele ich mich. Das wird nicht passieren! Tobias und ich leben hier in Berlin und wir wollen gar nicht woanders sein! Punkt und Ausrufezeichen!

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Nadin Maari ist das Pseudonym der Autorin Nadin Hardwiger. Sie wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.