Dee Voight im Interview

Worum geht es in deinem Buch Der Ursprung der Ewigkeit?

Eine Ausgestoßene, ein Eigenbrötler und ein Optimist müssen gemeinsam einen Mordanschlag aufklären, weil davon auch ihr eigenes Schicksal abhängt. Sie müssen sich als Team zusammenraufen, um die Hintergründe der Tat zu erfahren; gleichzeitig sind sie zusammen auf der Flucht: eine Zweckgemeinschaft. Weil sie so unterschiedlich sind, gibt es erwartungsgemäß viele Reibungspunkte, abgesehen davon, haben sie kleinere und größere Geheimnisse voreinander – keine allzu harmonische Zusammenarbeit also. Alle drei eint die Sorge, dass jener Mann – von dem gesagt wird, er sei die größte Bedrohung der Menschheit – bald wieder auf freien Fuß kommen könnte – jemand aus der Vergangenheit der Hauptfigur Alice: Der Verursacher ihres Leidens, etwas, womit auch ihre beiden Begleiter bald schon konfrontiert werden. Es sind einige Fragen zu klären: Was sind „Dunkle Sterne“ und wozu sind sie in der Lage? Wie alt ist Alice? Was hat Stan Alice verschwiegen? Und auf wessen Seite steht „Serendipity“? – ein Geheimbund, der genauso viele Regeln wie rätselhafte Aufzeichnungen hat.

 

Dein Roman spielt in Owl Head. Gibt es den Ort wirklich? Wenn ja: Warst du dort und hast vor Ort recherchiert? Wenn nein: Gab es eine Inspiration dafür?

Owls Head gibt es tatsächlich, es ist ein kleiner Ort im Bundesstaat Maine, ca. 300 km von der kanadischen Grenze entfernt. Eines der Wahrzeichen des Ortes ist der Leuchtturm, der die Atlantikküste bewacht – dort, wo auch ein zentrales Ereignis im Roman stattfindet. Was der besondere Reiz des Ortes ist? – er ist das perfekte Versteck für jemanden, der nicht gefunden werden will: Auf der einen Seite der Atlantik, auf der anderen Seite die schützende Fassade eines verschlafenen Küstendorfes.
Ich habe Owls Head unter anderem mit Hilfe von Google Street View erkundet. Das ersetzt nicht die persönliche Begehung aber man bekommt doch einen guten Eindruck von den Gegebenheiten der Gegend. Darüber hinaus habe ich mich über das offizielle Portal des Ortes etwas näher über die Geschichte und Gegenwart informiert und weiß zum Beispiel dadurch, dass das jährliche Maine Lobster Festival eine große Sache dort ist und ganz in der Nähe stattfindet.
Im weiteren Verlauf besuchen die Romanfiguren noch weitere Orte. Owls Head ist aber der Ort, an dem Alice‘ Herz zu Hause ist.

 

Alice stellt sich in deinem Roman unter anderem auch die Frage: Wer bin ich? Hast du selbst schon mit der Frage zu kämpfen gehabt? Hast du eine Antwort darauf gefunden?

Die Frage nach dem „wer bin ich“ ist für mich immer auch mit der Frage nach dem „wer möchte ich sein“ verknüpft. Im Falle meiner Hauptfigur Alice gibt das zunächst eine eher ernüchternde Antwort: Zu Beginn des Romans steht es so schlecht um sie, dass sie nicht einmal mehr wirklich sein möchte – sie hat alles verloren, allem voran Stan, die einzige Seele, die ihr wirklich etwas bedeutet hat. Ihre Freiheit hat sie schon lange vorher eingebüßt und dann muss sie noch feststellen, dass man ihr und ihrem Geheimnis auf die Schliche gekommen ist. Sie muss sich also zunächst einmal dafür entscheiden, überhaupt jemand sein zu wollen.
Schwere Frage! Man denkt ja nicht jeden Tag über sich und seinen Platz in der Welt nach. Vielleicht muss ich noch ein bisschen älter werden, um eine Antwort darauf zu finden. Trial & Error und ein funktionierender moralischer Kompass bringt einen, denke ich, gut durchs Leben. Erfahrungen sammeln, auf die Schnauze fallen und wieder aufstehen und daraus lernen. Nicht verzagen und das Glück das man hat zu schätzen wissen sind Dinge, die ich beherzige oder es zumindest versuche. Über mich weiß ich, dass ich vom Kopf her eher zum Pessimismus neige. Im Herzen aber bin ich hoffnungsloser Optimist.

 

Wie bist du auf die Idee zu dem Roman gekommen?

Der Roman ist das Ergebnis von zwei ursprünglich getrennten Schreibprojekten. Die Urfassung hatte einen starken Thriller-Bezug. Gleichzeitig habe ich an einer Idee gearbeitet, die wiederum viele Fantasy-Elemente beinhaltete. Auf den Gedanken beides zu einer Geschichte zu kombinieren bin ich schon früh gekommen, aber mir fehlte ein verbindendes Element. Und dann eines Tages – ich weiß genau, dass es im April 2017 war und dass ich an einer Ampel stand – fiel es mir ein: Ich hatte den Kleber, der beide Geschichten zusammenhält, gefunden.
Es sollte um eine Protagonistin gehen, die mit einem ungewöhnlichen Schicksal zu kämpfen hat und die sich zunächst einmal dazu überwinden muss, etwas dagegen zu tun. Ich schicke sie auf die Reise, stelle ihr Begleiter an die Seite, von denen sie erst herausfinden muss, ob sie ihr guttun oder am Ende nur schaden. Langgehütete Geheimnisse, friend or foe und die Frage wie geht jemand mit so einer Last, wie Alice sie mit sich herumträgt, um, waren zentrale Elemente, die mich zum Schreiben des Romans angetrieben haben.

 

Stan, Alice‘ große Liebe, hat viele Geheimnisse vor ihr. Warst du selbst schon mal in der Situation, dass ein geliebter Mensch etwas Wichtiges vor dir verheimlicht hat? Wie bist du damit umgegangen?

In gewisser Weise ja, wenn auch nicht so dramatisch wie es bei Alice und Stan der Fall ist. Es gibt Lügen, die sind nicht dafür da, um dem Lügner einen Vorteil zu verschaffen, sondern sie wollen das Gegenteil bewirken: um jemanden, der einem viel bedeutet, vor einer unangenehmen Wahrheit zu beschützen zum Beispiel. In meinem Fall habe ich zwar deutlich gemerkt, dass dem anderen etwas aufliegt aber auch gewusst, dass jedes Drängen sich mir anzuvertrauen, nichts bringen würde. Das schafft erstmal Distanz zueinander – damit klarzukommen war das schwierigste für mich. Zum Glück haben wir das aber überwinden können. „Was du liebst, lass frei, kommt es zu dir zurück, gehört es dir“ – Klischeespruch, ich weiß. Aber es ist was Wahres dran.

 

Eigentlich ist Urban Fantasy das Genre, indem du dich nach eigener Aussage wohl fühlst, wie kam es dazu, dass du diesen spannenden Frauenroman geschrieben hast?

Es war nicht meine Absicht einen Roman für Frauen zu schreiben. Ich finde auch, dass die Geschichte, die der Roman erzählt, universal funktioniert. Sicherlich: meine Protagonistin ist eine Frau und ihre Perspektive bestimmt die Atmosphäre des Romans. Ich habe aber die Hoffnung, dass nicht nur eine weibliche Leserschaft starke Frauenfiguren zu schätzen weiß. Ich wollte Alice nicht überzogen burschikos oder „hart“ darstellen, sie sollte – trotz ihres wundersamen Schicksals – jemand sein, der fest mit beiden Beinen auf dem Boden steht, aber trotzdem eine feminine Identifikation besitzt. Ganz entscheidend für den Roman ist Alice‘ charakterliche Entwicklung, die ich bewusst nicht chronologisch erzähle. Die Leser lernen einzelne Fragmente von Alice kennen, die erst am Ende wirklich zusammenpassen. Ein Puzzle sozusagen – so wie wir jeder selbst eines sind.

 

Gibt es einen Autor, der dich als Autorin geprägt hat?

Da kommen mehrere in Frage. Ich mag Ian McEwan, weil er so beneidenswert ästhetisch schreiben kann. Und Stephen King, weil er einfach ein Gespür für eine gute Geschichte und interessante Figuren hat. Kate Pepper habe ich früher viel gelesen – ihren Geschichten merkt man die feminine Federführung an, ich mag ihren subtilen Stil als Thrillerautorin.

 

Dein Lieblingsbuch ist … ? Weil … ?

Timm Thaler. Weil es das erste Buch ist, das ich in einem Rutsch durchgelesen habe und mich fürs Bücherlesen begeistert hat. Und weil Lefuet (Timms Gegenspieler) einfach ein super gutes Anagramm ist (spoiler alert).

 

Stell dir vor, du wärst an Alice‘ Stelle, wie würdest du handeln? Steckt etwas von dir selbst in deiner Protagonistin?

Alice hatte verdammt viel Pech in der Vergangenheit und ein paar ziemlich ungute Begegnungen. Das ist mir bisher zum Glück erspart geblieben. Auf meine Intuition kann ich mich eigentlich immer gut verlassen. Ich bin schon viele Jahre im Internet unterwegs und habe eine Menge nette Leute dort kennengelernt. Erst kürzlich habe ich eine langjährige Bekannte, die ich über Twitter kannte, persönlich getroffen, nach fast zehn Jahren. Wir haben genau dort weitergemacht, wo wir online aufgehört haben – das war ein wirklich besonderer Moment für mich.
Nichtsdestotrotz verstehe ich Alice‘ Reaktionen und Entscheidungen – sie sind ein Produkt ihrer Erfahrungen. Sie ist ein sehr misstrauischer Typ und darauf getrimmt, Menschen zu meiden. Sie wird gezwungen ihre Passivität zu überwinden und sich ihrem ärgsten Feind zu stellen. Weil sie viel durchgemacht hat, ist es eine umso mutigere Entscheidung, sich auf den Weg zu machen.
Von diesem Mut möchte ich erzählen.

Dee Voights Schreibmschine: Heute Deko, damals ihr erstes Schreibgerät. Darauf: das ausgedruckte Manuskript von Der Ursprung der Ewigkeit

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Dee Voight ist Jahrgang 1984, lebt im Städtischen zwischen Elbe und Dom und ist im Hauptberuf Social-Media-Redakteurin. Neben ihrer Tätigkeit als Berufstexterin entwirft sie mit Vorliebe Erzählungen mit dem gewissen übernatürlichen Etwas – Urban Fantasy ist das Metier, in dem sie sich gut aufgehoben fühlt. Auch privat ist sie der Netzkultur seit über zehn Jahren treu und ist regelmäßig auf Twitter, Instagram und ihrem Blog anzutreffen. Zu ihren Vorbildern zählen Stephen King und Ian McEwan.