Zeit des Glanzes

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1

Würzburg, 1933

Im Nachhinein vermochte Katharina nicht zu sagen, warum sie sich ausgerechnet an einem Dienstag den Nachmittag freinahm. Von dem Tag an glaubte sie aber an das Schicksal.
Mit dem Glockenschlag der Marienkapelle um Punkt zwölf verließ sie den kleinen Laden ihrer Mutter. Die hatte Katharinas Wunsch zugestimmt und ihr mit einem Lachen erklärt, dass sie mit Zwanzig ebenso ausgefallenen Gedanken und Wünschen nachgegeben hatte.

Im Grunde liebte Katharina die Arbeit im Geschäft. Sie mochte die zarte Wäsche und verkaufte besonders gerne Seidenstrümpfe. Gerade war ihr nicht danach. Viel lieber wollte sie an einem ungewöhnlich sonnigen Tag wie heute spazieren gehen, womöglich im Glacis die Enten füttern oder am besten die Auslage des Kaufhauses Weiß betrachten.
Es war ein Wetter zum Flanieren, dennoch ein kalter Tag im Februar. Endlich hatte die Sonne die graue Wolkendecke durchbrochen, die seit Wochen auf das Gemüt drückte. Katharina fröstelte, schlug den Kragen ihres Mantels hoch und hielt das Gesicht in die Sonne. Wie gut das Licht tat. Vor dem Eisenhandel Steiner am Oberen Markt lud gerade ein Arbeiter ein schmiedeeisernes Tor auf einen Karren. Er nickte Katharina grüßend zu. Sie winkte zurück, warf einen Blick auf das Getümmel der Menschen auf dem Marktplatz, das sie so sehr mochte, und entschied sich für das Kaufhaus Weiß. Sie ging am Juliusspital vorbei, wich Passanten vor dem Wohlwertgeschäft aus und blieb einen Wimpernschlag lang stehen, um den Blick in die Kaiserstraße in sich aufzunehmen. Es war, als bildeten die mehrstöckigen Häuser zu beiden Seiten der Straße einen Tunnel, nur um den Blick auf den Hauptbahnhof mit dem Kiliansbrunnen davor freizugeben, einer der Brunnen Würzburgs, in den ihre kleine Schwester Steine und später Geldstücke geworfen hatte, damit sich ihre Wünsche erfüllten.

Katharina eilte an den kleinen Läden vorbei zum Kaufhaus Weiß am Ende der Straße. Vor dessen Schaufenster blieb sie stehen. In der Auslage gab es neben Geschirr, Büchern und Handtaschen, neue Mode für das Frühjahr. Sie entdeckte das Kostüm, das ihr neulich schon gut gefallen hatte. Die Jacke in Lindgrün mit betonten Schultern, in einem dunkleren Grün der Rock, der in Höhe der Waden endete. Heuer war eindeutig die V-Linie angesagt. Neben dem Kostüm lag ein kecker Hut mit grünen Federn und Knöpfen aus Kupfer daran. Das würde sich auf ihrem kastanienbraunen Haar gut ausmachen. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. In einem Magazin hatte sie gesehen, dass nach wie vor kurzes Haar angesagt war. Bis jetzt hatte sie es nur nicht über das Herz gebracht, ihre langen Locken abschneiden zu lassen, lieber steckte sie sie hoch.
Sie betrat das Kaufhaus und schaute sich um. Hoffentlich traf sie Joseph Weiß an! Mit gerade erst vierundzwanzig Jahren hatte er die Leitung des Kaufhauses von seinem kranken Vater übernommen. Er war ihr Schwarm, seit sie ihm im letzten Sommer im Hofgarten begegnet war. Die beiden Väter hatten sich unterhalten und Joseph und sie hatten die Blicke nicht voneinander lassen können. Später hatte sie ihn auf Bällen oder bei Feiern getroffen. Dabei schien er nur Augen für sie gehabt zu haben.
Seitdem stattete sie dem Kaufhaus häufig einen Besuch ab, meist zusammen mit einer ihrer Schwestern. Hin und wieder hatte sie das Glück gehabt, einen Blick auf ihn werfen zu können oder ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Sie drückte die schwere Glastür auf, Wärme schlug ihr entgegen. Sie sog die Düfte nach Leder und Parfum ein. Sie schlenderte von der Abteilung für Papierwaren zu der Parfum- und Kosmetikecke. Eine eifrige Verkäuferin ließ sie an den neuen blumigen Düften schnuppern. Anschließend bummelte sie an den Handtaschen vorbei zur Damenbekleidung. Hier hielt sie sich am liebsten auf, nicht nur der Mode wegen, sondern auch, weil sie den Geruch der Stoffe liebte. Sie strich über ein Seidenkleid, entdeckte den Ständer mit den Kostümen und da hing auch das lindgrüne. Was es wohl kostete?

„Am Preis kann ich noch was machen, verehrtes Fräulein Wagner.“
Das war Joseph!
Sie drehte sich zu ihm um. „Lieber Herr Weiß, ist es nicht immer eine Frage von Kosten und Nutzen?“
„Manchmal muss man dem Herzen folgen.“ Er fixierte ihren Blick.
Hitze stieg in ihr auf. Sie schaute schnell zur Seite. Natürlich wollte sie das Kostüm kaufen, bloß nicht jetzt und ihm zuliebe.
Ein Lächeln konnte sie ihm jedoch schenken. Prompt zog sich eine Röte über sein Gesicht. Er räusperte sich. „Haben Sie gerade Mittagspause?“
„Nein, ich habe mir den Nachmittag frei genommen.“
„Darf ich Sie zu einer Spazierfahrt in meinem Automobil einladen?“
Er durfte.

Sie fuhren mitten durch die Stadt. Katharina war sich dessen bewusst, dass jeder, der sie zusammen sah, über sie tratschen würde. Sollten sie doch alle reden! Sie genoss es, neben Joseph zu sitzen, den Duft des herben Rasierwassers aufzunehmen und ihn über die Muster der neuen Herrenmode reden zu hören. Wie gut er in seinem maßgeschneiderten Anzug aussah! Die weißen Nadelstreifen auf dem dunkelblauen Stoff betonten sein schwarzes Haar. Wenn er lächelte, bildeten sich Fältchen um seine braunen Augen, wie gerade eben, als er über einen Mann lachte, dem ein Kohlkopf aus seinem Einkaufsnetz gefallen war und über den Bordstein rollte. Joseph hielt an, hob den Kohl auf und reichte ihn dem Mann.
„Vergelt`s Gott, Herr Weiß“, bedankte der sich.

Sie fuhren über die Löwenbrücke hinauf zur Marienburg, hielten davor, gingen aber nicht in den Burghof. Zuerst führte Joseph sie an eine Stelle, von der sie die ganze Stadt überblickten. Katharina war häufig mit ihrer Familie hier gewesen und liebte den Anblick der Stadt. Ihr Vater hatte ihr als kleinem Mädchen stets die einzelnen Bauten erklärt: Dort war der Dom, weiter hinten die Residenz, dahinter lag ihre Villa. Sie hatte jedes Mal ihrem Vater geflüstert, dass sie die Brücken am liebsten mochte, weil man von ihnen hinab zum Main gelangen konnte. Sie mochte den Fluss, der je nach Wetter seine Farbe änderte. Meist ging sie in ihren Mittagspausen an seinem Ufer spazieren.
Joseph hakte sie unter und führte sie auf einen schmalen Pfad. Hier oben pfiff der Wind und es war so kalt, dass Katharina ihren Schritt beschleunigen wollte. Doch der Weg war teilweise noch mit Eis bedeckt und so glatt, dass sie sich an Josephs Arm klammerte. Wie oft hatte sie von einem solchen Spaziergang geträumt und sich gewünscht, mit ihm alleine zu sein. Nun wurde der Traum gerade wahr. Sie suchte seine Augen. „Wenn Sie mich aufs Glatteis führen, müssen Sie mich vor dem Ausrutschen beschützen!“
Da machte er plötzlich eine ernste Miene. „Wenn ich das nur könnte!“
„Keine Sorge, ich lasse Sie nicht mehr los!“ Als ihr klar wurde, was sie da sagte, glühte ihr Gesicht.
Joseph schien es nicht zu bemerken. Er starrte geradeaus auf den Weg. Mit einem Mal blieb er stehen, so abrupt, dass sie beinahe ausgeglitten wäre und sich gerade so noch fangen konnte.
„Katharina!“, sagte er streng. „Sie haben wohl die politische Lage mitbekommen.“
Sie nickte, wusste nur gerade nicht, worauf er hinauswollte.
„Gut.“ Er machte eine Pause und fixierte einen Punkt in der Ferne. „Sollte die NSDAP an die Macht kommen und danach schaut es ja aus, dann …“
Er schwieg erneut. Von der Partei wusste sie nur so viel, als dass ihr Vater ihr beigetreten war. Seine Freunde hatten das getan und er sah sich genötigt, ihnen zu folgen. Was hatte das alles mit Joseph zu tun? Ihres Wissens nach mochten die Mitglieder der NSDAP die besser gestellte Schicht in der Stadt sein und zu ihnen gehörten ihre beiden Familien. Worum also sorgte er sich? Sie wollte bereits fragen, da winkte er ab. „Jetzt rede ich schon mit einer schönen Frau über Politik! Was bin ich nur für ein verkopfter Mensch!“
„Mir gefallen Denker.“
„Dennoch, kehren wir zu den wichtigen Dingen zurück.“ Er lächelte. „Das Kostüm in Grün stünde Ihnen ausgezeichnet.“
Hielt er sie für die Art von Frau, die sich ausschließlich um das Äußere sorgte? Aber gut, sie konnte sich auch kokett geben, wenn er das mochte. Sie hob das Kinn. „Es ist gut möglich, dass ich zur Anprobe kommen werde.“
„Das sollten Sie unbedingt.“ Er blieb nah vor ihr stehen, strich mit beiden Händen an ihren Armen empor bis zum Hals. Über ihren Körper zog sich eine Gänsehaut. Er fuhr mit einem Finger ihr Kinn nach, hielt es fest und küsste sie sanft auf den Mund. Ihre Lippen kribbelten. Hoffentlich dauerte der Kuss noch lange an. Doch mit einem Mal ließ Joseph von ihr ab.
Er schaute sie aus halb geschlossenen Augen an. „Ach, Katharina! Wie lange habe ich mir das schon gewünscht …“
Spontan legte sie ihm die Hand auf die Wange. „Ist es nicht schön, sich etwas zu wünschen und dann die Erfüllung zu schmecken?“
So fühlte sie sich gerade: am Ziel ihrer Wünsche. Sie eroberte das Herz von Joseph Weiß! Ihr war, als habe sie das wunderbarste Geschenk überhaupt bekommen. Sie bot ihm erneut den Mund zum Kuss an. Er küsste sie schnell noch einmal, dann nahm er ihre Hand in seine. „Komm! Ich muss zurück ins Kaufhaus und fahre dich vorher heim.“

Im Wagen betrachtete sie Josephs Gesicht. Er hatte von der Kälte gerötete Wangen und blickte konzentriert auf den Weg. Die zusammengeschobenen Augenbrauen gaben ihm einen strengen Ausdruck. „Ich lasse dich in der Mitte der Ludendorffstraße raus. Das wird besser sein, als wenn uns eure Nachbarn zusammen sehen.“
„Gut, machen wir es so.“
Als ob nicht genügend Leute sie zusammen im Wagen bemerkt hatten! Ihre Eltern würden schon zur rechten Zeit von ihnen beiden erfahren.
Joseph schaute kurz zu Katharina herüber.
„Ich werde bei deinen Eltern vorstellig werden, keine Sorge!“
So mochte sie ihn, als Mann, der mit den Gedanken bei dem war, was gerade erforderlich war und dabei auch seine nächsten Schritte plante.
Sie fuhren Richtung Rennweg. Auf der rechten Seite warfen die unzähligen Fensterscheiben der Residenz das Sonnenlicht zurück. Katharina empfand Stolz auf das Schloss und auf die Stadt, in der sie lebte. Das war natürlich falsch, schließlich war es nicht ihr Verdienst, hier zu wohnen, aber sie war ein kleiner Teil des Ganzen und wollte zu einem großen werden.
Beim Abschied drückte ihr Joseph die Hand und brauste davon. Sie holte tief Luft und stieß sie langsam aus. Den größten Schritt hatte sie heute bewältigt. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Frau an seiner Seite werden würde.
Obwohl der kalte Wind in ihre Wangen schnitt, schwitzte sie nach dem Abenteuer. Sie fischte ein Taschentuch aus der Tasche und tupfte sich die Stirn damit ab. In ihr schienen Ameisen zu krabbeln. Sie eilte mit raschen Schritten weiter. Wie still es in ihrem Wohnviertel war! Das Brausen der wenigen Wagen in der Altstadt und das Quietschen der Pferdekutschen waren hier nicht zu hören. Auch das übliche Geschnatter der Leute, die rasch ihre Besorgungen erledigen wollten, fehlte gänzlich. Hier war alles gediegen und ruhig. Sie schaute auf die Uhr: zehn Minuten nach eins. Wahrscheinlich ruhte ein jeder daheim nach dem Mittagessen. Ach, sie hatte noch nichts zu Mittag gegessen. Aber das machte nichts. Sie vermochte es gerade nicht, auch nur einen Bissen hinunterzubringen.
Der Apotheker kam ihr entgegen, lupfte den Hut und murmelte einen Gruß. Sie grüßte mit einem Nicken zurück. Nun konnte sie nicht mehr langsam machen. Also rannte sie beinahe den Berg hinauf.
Vor dem eisernen Gartentor blieb sie stehen. Die nackten Äste der zwei Birken im Vorgarten kratzten bereits daran und gaben den Blick auf den Weg zur Villa frei. Katharina merkte, wie sie die Brust herausreckte. Sie wohnte im schönsten Haus des Viertels. Das Walmdach über den zwei Geschossen schimmerte weiß bei der Kälte, im Sommer glänzte es schwarz, als wäre es vor Hitze mit Schweiß bedeckt.
Im ersten Stock auf der linken Seite bewegte sich die Gardine. Bestimmt hatte Maria herausgeschaut. Das neueste Projekt ihrer jüngsten Schwester waren Aufzeichnungen über den Sonnenstand zu jeder Tageszeit. Solange etwas mit Zahlen zu tun hatte, fand Maria das spannend. Doch auch sie war bereits siebzehn Jahre alt und könnte ihrer Mutter im Laden helfen. Das Gleiche galt für Sophia. Mit ihren fast neunzehn Jahren hätte sie sich nützlich machen können. Da Sophia ihren Vater so liebte, könnte sie in seinem Betrieb arbeiten. Stattdessen malte sie den lieben langen Tag Bilder, momentan waren Landschaftsgemälde angesagt. Katharina käme dabei um vor Langeweile. Aber ihre Schwestern schienen mit dem bequemen Leben zufrieden zu sein.
Sie eilte durch das Gartentor und warf einen Blick auf die Treppe. Nicht, dass die Stufen glatt waren und sie ausrutschte! Doch David hatte bereits Sand darauf gestreut. Bevor sie einen Fuß auf die erste Stufe setzte, öffnete David die Tür. „Guten Tag, gnädiges Fräulein. So früh zurück?“
Er half ihr aus dem Mantel und nahm Hut und Handschuhe entgegen. „Die gnädigen Fräulein Schwestern haben bereits etwas gegessen. Aber Hilda hat noch von den Bratwürsten übrig.“
Katharina lachte. „David, wenn Sie noch einmal ‚gnädige’ sagen, bekomme ich ein Pfeifen im Ohr.“
Er grinste. „Sehr wohl, gnä… Fräulein Katharina.“
Sie horchte in sich. Jetzt verspürte sie plötzlich einen Bärenhunger. „Ja, lassen Sie mir etwas ins Speisezimmer bringen.“

Am liebsten hätte sie gefeiert, bloß machte das alleine keinen Spaß und sie wollte noch keinem etwas verraten. Die Erinnerung an die Stunde mit Joseph sollte ihr alleine gehören.
Sie setzte sich an ihren Platz an den Tisch. Es roch nach Bienenwachs. Anscheinend hatte David die Möbel aus Kirschholz damit poliert. Ihre Mutter liebte das Holz, nahezu alle Möbel im Haus waren daraus. David brachte das Essen und sie schlang hungrig die Bratwurst hinunter, bedankte sich bei ihm für das Servieren und stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Vor der Frisierkommode löste sie die Spangen aus dem Haar. Sie fuhr den goldfarbenen Rahmen des Spiegels mit dem Finger nach und betrachtete sich darin. Hatte die Kälte oder die Aufregung ihre Wangen gerötet? Sie schaute aus wie zu Zeiten, als sie ein Schulmädchen gewesen war und draußen gespielt hatte, bis die Finger und Zehen klamm gewesen waren.
Die Zimmertür flog auf. Ohne hinzusehen wusste sie, dass es Maria war. Sie stürmte stets in das Zimmer, als wäre etwas Aufregendes geschehen. „Katharina! Jetzt habe ich beinahe vom gesamten Winter den Sonnenstand pro Stunde notiert!“
„Großartig!“ Sie drehte sich zu Maria um. Wie hübsch ihre Schwester war! Das schwarze Haar umrahmte das herzförmige, blasse Gesicht und hob es stark hervor. War sie so aufgeregt wie gerade, dann strahlten ihre großen braunen Augen und sie lächelte so liebreizend, dass Katharina sie sogleich in den Arm nehmen wollte. Ohnehin wirkte sie schmal und zerbrechlich, dabei war sie voller Elan und Schwung, wenn sie sich für etwas begeisterte.
Maria kam heran und küsste sie auf die Wange. „Ja, ich finde das auch großartig.“
Katharina setzte sich auf den Stuhl vor die Kommode. „Magst du mir helfen?“
Maria bürstete ihr das Haar, teilte es geschickt in Strähnen und steckte eine nach der anderen an Katharinas Hinterkopf fest. Dabei unterhielten sie sich über Marias Zahlen, über das grüne Kostüm bei Weiß und merkten kaum, wie die Zeit verging. Im Nu war es dunkel. Maria zog die Vorhänge zu, Katharina zündete die Lampe an, da hörten sie die Haustür zuschlagen.
„Lass uns nach unten gehen“, schlug Maria vor. „Bestimmt ist das unser Vater. Er war heute in Nürnberg und hat versprochen, uns etwas mitzubringen.“
Katharina stand auf. „Geh du schon vor, ich komme gleich nach.“
„Nichts da!“ Maria zog sie am Ärmel. „Du kommst jetzt mit!“

Heinrich Wagner reichte David den Mantel. „Danke. Sind meine Töchter zu Hause?“
Der hängte den Mantel an die Garderobe. „Alle drei, gnädiger Herr.“
Auf das Gesicht ihres Vaters stahl sich ein Lächeln. Er kramte in einer Kiste, die am Boden stand. Von dort holte er zwei Bücher heraus und reichte sie an den Bediensteten weiter. „Neue Kriminalromane, die liest du doch gerne, nicht?“
David nahm sie entgegen und neigte den Kopf. „Herzlichen Dank, gnädiger Herr!“
Der Hausherr klopfte ihm auf die Schulter. Dafür stellte er sich leicht auf die Fußspitzen. Der hagere David überragte ihn um mehr als eine Kopflänge, hatte volles schwarzes Haar, im Gegensatz zu dem Blond von Katharinas Vater, das sich bereits lichtete. Während das schwarze Jackett an David wie angegossen saß, hatte ihr Vater an seiner Kleidung die Knöpfe versetzen lassen müssen, weil er Platz für seinen Bauchansatz benötigte. Doch für ihn war David mehr als ein Bediensteter, er war sein Berater im „Frauenhaushalt“. Er blieb in der Nähe, wenn sich der Hausherr in das kleine Zimmer zum Rauchen zurückzog, um Probleme zu wälzen, wie er das nannte.
Maria und Katharina stiegen die Treppe hinab und begrüßten ihren Vater. Der bat David, die Kiste in den Salon zu tragen. Dann schaute er sich um. „Wo ist Sophia?“
Der Bedienstete ging voraus ins Wohnzimmer. „Ich werde das Fräulein herunterbitten.“
Katharina hakte sich bei Maria unter. Sie hatte Vaters Frage nach Sophia erwartet. Gleichwie sie sich anstrengte, ihm alles recht zu machen, Sophia war sein Augenstern. Er fragte stets zuerst nach ihr. Katharina hatte nie vergessen können, wie besorgt er gewesen war, als sie alle drei die Windpocken hatten. Sophia war sie als Erste losgeworden. Daraufhin hatte er sie überglücklich auf den Arm genommen und sie durch die Luft gewirbelt. Dabei hatte er gesagt, dass die anderen zwei auch bald gesund werden würden.
Sophia trat ins Zimmer und umarmte ihren Vater. Der setzte sich auf das Sofa, Sophia auf die Lehne neben ihn. Sie nahm seine Hand in ihre und erkundigte sich nach seiner Fahrt.
„Mit der Eisenbahn ging es flott voran und Armin hat mich mit dem Wagen abgeholt. Die Gespräche mit den Parteimitgliedern sind auch gut verlaufen.“ Er strich sich über das Haar und schaute keinen an. Er wirkte nervös. Etwas stimmte nicht.
Katharina setzte sich neben Maria auf das gegenüberliegende Sofa. „Worum ging es denn bei den Gesprächen?“
Ihr Vater winkte ab. „Jetzt reden wir nicht über Politik.“ Er stand auf, kramte in der Kiste und entnahm ihr drei längliche, schmale Päckchen. „Ich habe euch etwas mitgebracht.“ Seine blauen Augen funkelten. Das erste reichte er Sophia. „Mach es auf!“
Sie öffnete es und strahlte. Katharina konnte nicht erkennen, was sich darin befand.
Sophia sprang auf, schlang die Arme um den Hals des Vaters und küsste ihn auf die Wange. „Danke Vati! Es ist wunderschön.“
„Wie gut, dass es dir gefällt, mein Mädchen.“
Er gab Katharina und Maria auch jeweils ein Geschenk und schaute beide erwartungsvoll an. Sie öffneten gleichzeitig die Päckchen. Alle drei hatten goldene Armbänder bekommen.
An Katharinas baumelte ein kleiner Löwe mit einem grünen Auge aus einem Smaragd, an Marias hing ein Steinbock mit einem weißen Auge, einem Diamanten, und an Sophias zwei Fische mit blauen Augen aus Saphiren.
Sophia hatte ihres bereits umgelegt und hielt es nach oben. Es passte hervorragend zu ihrer Kette, die sie ständig trug. Die war golden mit einem ovalen Medaillon, das einen Saphir umfasste. Der blaue Edelstein spiegelte das Blau ihrer Augen wider. Sophia war die Einzige, die Vaters Augen hatte, um die sie Katharina beneidete. Sie wünschte sich auch Sophias volles, brünettes Haar und das niedliche runde Gesicht. Nur ihre füllige Figur neidete sie ihr nicht. Sophia war gezwungen, für eine schlanke Taille zu kämpfen. Sie besaß weder die sportliche Figur von Katharina und ihrer Mutter, noch die Zartheit Marias. Da kam sie wohl eher nach dem Vater.
Sophia nähme das ganze Getue um ihre Figur leichter, wenn ihre Mutter ihr nicht ständig damit in den Ohren läge. Männer wollten keine mollige Frau heiraten, mahnte sie mit erhobenem Zeigefinger. Daraufhin zuckte Sophia meist mit den Schultern und erwiderte: „Wer will denn heiraten?“
Nun betrachtete sie konzentriert das Armband, mit demselben Blick, mit dem sie ihre Zeichnungen auf Papier bannte. Sophia besaß die Gabe, eine Sache zu begutachten und sie dann mit wenigen Strichen zu zeichnen. Stundenlang konnte sie mit ihren Gemälden zubringen und erschien nur zu den Mahlzeiten, bei denen sie wohl meist in Gedanken noch immer bei den Zeichnungen war. Mit dem gleichen Ernst hörte sie auch Gesprächen zu. Sie kannte keine Koketterie, die Katharina im Grunde auch zuwider war. Maria hingegen war diese angeboren. Sie scherzte auf eine natürliche Weise mit anderen und das machte sie so liebenswert.

„Papa, die Armbänder sind hübsch und praktisch“, grinste Maria. „Jetzt kannst du dir wenigstens die Monate unserer Geburtstage merken.“
Ihr Vater lachte. „Nur deswegen habe ich sie gekauft.“
Die Tür flog auf und ihre Mutter kam herein. „Na, worüber lacht ihr denn so?“ Sie ging zu ihrem Mann und gab ihm einen Kuss. „War die Reise erfolgreich, Heinrich?“
„Das war sie.“ Er nahm das letzte Päckchen aus der Kiste und reichte es seiner Frau. „Für dich, Leonore.“
Das Päckchen war rechteckig und schmal. Leonore öffnete es und entnahm ihm ein wunderschönes Collier. Sie kam näher und quetschte sich zwischen Katharina und Maria auf das Sofa, obwohl noch genügend Platz auf dem ihres Mannes war oder auf einem der Sessel. So war es meist: Mama, Maria und sie saßen zusammen und Papa mit Sophia gegenüber. Katharina warf einen Blick zu Sophia. Die schaute zu Boden.
Leonore betrachtete das Collier in ihren Händen. „Das ist wunderschön, Danke schön. Aber Heinrich, du sollst doch nicht so viel Geld ausgeben!“
Dieser räusperte sich. „Zieh es an!“
Katharina half ihr, es anzulegen und schaute es sich genauer an. Es war mit unzähligen Saphiren besetzt. Damit sah ihre Mutter aus wie eine Königin. Die legte ihre Hände an den Hals. „Und? Steht es mir?“
„Es schmückt dich, meine Liebe“, sagte Heinrich. Dann verkündete er der Familie, dass er am Abend zwei Parteikollegen zum Essen erwarte. „Es kommen nur Weller und Lorenz. Ich werde Hilda Bescheid geben.“
„Weller und Lorenz?“, fragte Leonore. „Wer sind die?“
Heinrich spreizte die Finger der rechten Hand ab und schien sie genau zu betrachten. „Weller hat ein Malergeschäft in Heidingsfeld und Lorenz … da weiß ich nicht genau, was er beruflich macht.“
Leonore richtete sich auf. „Und das ist der richtige Umgang für uns?“
Nun bekam Heinrich eine Zornesfalte auf der Stirn. „Und ob er das ist! Sie stehen in der Partei über mir und sind wichtige Leute!“
„Aha.“ Leonore stand auf und ging zur Tür. „Nun, dann sollen sie halt mit uns zu Abend essen.“
Heinrich rieb sich die Hände. „Macht euch hübsch, meine Mädchen. Es kommt ein wirklich wichtiger Besuch zu uns!“

2

Schon beim Eintreffen der Gäste schien Heinrich völlig verwandelt. Noch nie hatte Katharina ihren Vater so nervös erlebt. Er scheuchte David vor der Haustür zur Seite und öffnete selbst. Zur Begrüßung streckte er den rechten Arm aus und bellte zwei Worte, die Katharina nicht verstand. Sie hielt sich im Hintergrund und ließ sich von Maria unterhaken. Sophia war zu David getreten und half ihm mit der Garderobe der zwei Männer.
Während des Essens behielt Heinrich den harschen Ton bei. Er schickte David vom Esszimmer in die Küche, rief ihn zurück und meckerte in einem fort über ihn. „Mach die Augen auf!“ „Herr Wellers Glas ist leer!“ „Wie langsam willst du dich denn noch bewegen?“
Als David einmal den Raum verließ, fragte Lorenz mit vollem Mund. „Ist Ihr Diener etwa ein … na Sie wissen schon?“
Heinrich wischte sich daraufhin mit der Serviette über die Stirn. „Ja, ich habe noch keinen Ersatz gefunden.“
„Ersatz?“, fragte Sophia. „Für David?“
Ihr Vater winkte ab. „Das sind Sachen, die gehen dich nichts an.“
Weller hob den Kopf. „Natürlich geht das Ihr Fräulein Tochter etwas an!“ Er redete, als spucke er aus. „Jeden guten Deutschen geht es was an! Keiner sollte mit dem Gesindel zu tun haben!“
„Gesindel?“, fragte Sophia. Leonore schüttelte den Kopf, doch Sophia beeindruckte das nicht. „Welches Gesindel, Herr Weller?“
„Solches wie Ihr Diener!“
David betrat das Zimmer mit einem Tablett, auf dem er eine Schüssel mit Rotweinsoße balancierte. Er hatte die letzten Worte Wellers bestimmt gehört, verharrte auf der Stelle, und schaute betreten zu Boden.
Sophia legte die Serviette weg und rückte ihren Stuhl nach hinten. „Wenn David als solches beschimpft wird, dann bitte ich darum, mich zurückziehen zu dürfen.“
Ihr Vater legte die Hand auf ihren Arm. „Sophia!“
„Und wenn es mir nicht gestattet ist, in mein Zimmer zu gehen, dann tue ich es trotzdem.“
Sie ging gemächlich zur Tür, legte David die Hand auf die Schulter und sagte: „Machen Sie in Ruhe Ihre Arbeit, lieber David. Sie sind hier willkommen und unersetzlich!“
Katharina bewunderte Sophia für ihr Verhalten, hätte es ihr gleichgetan, doch sie war neugierig, wie der Abend weiter verlaufen würde.
Lorenz schaute Sophia nach. „Ein hübsches Mädchen, aber noch unwissend, lieber Heinrich?“
Ihr Vater ließ die Schultern hängen. „Tatsächlich habe ich sie noch nicht hinreichend über alle Neuigkeiten informiert.“
„Über alles muss sie auch nicht Bescheid wissen“, schnauzte Weller. „Aber darüber schon!“ Er musterte David von Kopf bis Fuß.
Die Männer zogen sich daraufhin in das Nebenzimmer zurück. Leonore tauschte mit David Blicke aus, dann räumte er ab.
Als er das Zimmer verlassen hatte, wollte Katharina dem Ganzen auf den Grund gehen. „Mama, wovon haben die Männer geredet?“
Ihre Mutter machte bereits den Mund zum Sprechen auf, aber Maria kam ihr zuvor. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt. „Warum um alles in der Welt, hast du es zugelassen, dass in solch einer Weise über David geredet wird, Mama?“
Die stieß einen tiefen Seufzer aus und fasste jede von ihnen an einer Hand. „Im Land gehen merkwürdige Dinge vor sich. Auf einmal lehnt man die Einwohner, die dem jüdischen Glauben folgen, verstärkt ab. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber wir müssen alle vorsichtig sein. Das muss ich auch Sophia noch sagen.“
Katharina warf Maria einen verständnislosen Blick zu, als die Männer wieder ins Zimmer kamen. Weller und Lorenz verkündeten, den Abend sehr genossen zu haben und nun leider aufbrechen zu müssen. Katharina atmete auf. Ihren Segen zum Aufbruch hatten sie!
Zum Abschied gaben sie allen die Hand, einzig Lorenz beugte sich über Marias und küsste sie auf den Handrücken. „Es war mir ein ganz besonderes Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben.“
Maria nickte artig. Als sich die Haustür hinter ihnen schloss, murmelte sie: „Der kann mich gerne mal kennenlernen.“
„Maria!“, tadelte Heinrich sie.
Sie fuhr zu ihm herum. „Was war das bitte für eine Komödie? Wieso verstellst du dich bei den beiden so sehr?“
Er wischte sich über das Gesicht. „Das verstehst du nicht!“
Maria stemmte die Hände in die Hüften. „Erkläre es mir und vor allem, erkläre es David.“
Der kam von der Garderobe heran. „Gnädiges Fräulein, da braucht es keinerlei Erklärungen.“
Sie erhielten auch keine mehr, vielmehr schickte ihre Mutter beide Töchter nach oben. Maria knallte ihre Zimmertür zu. Katharina verstand sie. Es war nicht zu fassen, was sie heute Abend erlebt hatten! Natürlich hatte ihr David ebenso leidgetan wie allen anderen. Aber sie sah da noch ein Problem auf sich zukommen. Und darüber musste sie sich nun Gedanken machen. Warum um alles in der Welt lehnte die Partei Menschen jüdischen Glaubens so stark ab? Aber was machte das schon? Dann waren sie halt unbeliebt bei den Parteimitgliedern!
Katharina würde ihren Vater außerdem schon davon überzeugen, wie wundervoll Joseph war. Bei dem Gedanken an ihn kribbelte ihr Bauch. Sie fasste sich an die Lippen. Wie schön war es heute oben auf dem Marienberg gewesen. Halt! Sie durfte nicht so naiv denken! Es war kindisch, die Worte ihrer Mutter und das Benehmen der NSDAP-Mitglieder nicht ernst zu nehmen. Die Partei war im Kommen, wie es schien. Wenn die den jüdischen Glauben und seine Anhänger verachtete, dann würde das Folgen haben. Zudem schien auch Joseph der Partei wegen besorgt zu sein. Sie trat ans Fenster. Mondlicht fiel auf den Garten. Die mit Frost überzogenen Äste waren wie leblos erstarrt. Sollte sie ihre Wünsche auch einfrieren? Gewiss nicht!

Sie wandte sich vom trostlosen Blick auf den Garten ab. Ob Sophia noch wach war? Das Betrachten der Werke ihrer Schwester würde ihren Trübsinn wegwischen.

Sophia kauerte auf einem Sessel und schaute zum Fenster hinaus. Offenbar glaubten sie beide, im Garten die Lösung aller Probleme zu finden. Warum sonst blickte ein jeder nach draußen, wenn er sich innerlich zerrissen fühlte? Vermochte es die Natur, Wut und Zorn zu kühlen? Rechts von Sophia stand die Staffelei mit dem neusten Werk ihrer Schwester. Im Vordergrund zog sich der Main durch eine grüne Landschaft, dahinter dehnten sich Weinberge beinahe bis zum oberen Rand des Bildes und stießen an einen schmalen Streifen blauen Himmels.
„Gefällt es dir?“, fragte Sophia.
„Ja, es hat etwas Beruhigendes an sich.“
„Gewohntes beruhigt. Und das tut heute Abend gut, nicht?“
„Es ist nicht so, dass mir David nicht leidgetan hätte. Aber …“
„Aber …“, Sophia sprang auf und breitete die Arme aus, „… du hast dich lieber nicht mit Vati angelegt.“
Sophia nannte ihren Vater als Einzige in Verniedlichungsform. Sie schaffte es auch stets, Katharina in eine Lage zu bringen, in der sie sich verteidigen musste.
„Vater vor seinen Freunden bloßzustellen, das ist undenkbar!“
„Ach, es geht hier darum, was sich gehört und was nicht?“
So war es immer mit Sophia. Sie bewertete jedes Wort, bis nicht mehr klar war, worüber sie debattierten.
Katharina atmete ruhig ein und aus. „Es macht mehr Sinn, mit Vater zu reden, nachdem der Besuch gegangen ist.“
„Und? Hast du mit ihm geredet?“
Katharina drehte sich zum Gemälde um. „Welche Stelle am Main ist das?“
„Du hast also nicht mit ihm gesprochen, es dennoch hingenommen, dass David wie ein Aussätziger behandelt wird!“
Wäre sie nur in ihrem Zimmer geblieben! Im Grunde wollte sie von ihrem Trübsinn abgelenkt und nicht beschimpft werden. „Ich werde morgen mit Vater reden. Das Ganze ist mir wichtig.“
„Natürlich ist es das! Es geht um Menschen des jüdischen Glaubens, zu denen auch Joseph Weiß gehört. Und da geht es ja um dich. Also ist es wichtig.“ Sophia funkelte sie zornig an.
Heute Abend sägte sie an ihren Nerven. „Aber ja, ich denke stets nur an mich.“
Ihre Schwester machte den Mund zum Sprechen auf, da riss Maria die Tür auf und trat herein. Sie hatte das Haar geöffnet und trug ein weißes Nachthemd. Darin schaute sie wie ein Engel aus.
„Bin ich hier richtig bei der Versammlung der zornigen Schwestern?“
Katharina musste lächeln. Warum war sie nicht gleich zu ihrer kleinen Schwester gegangen, um sich aufmuntern zu lassen?
Maria ließ sich auf Sophias Bett fallen. „Sagt mal, so ein Unsinn mit dem Glauben hin oder her kann nur einem männlichen Hirn entspringen, oder?“ Sie reckte sich und gähnte herzhaft. „Männer kämpfen ihr Leben lang um alles und jeden. Wir Frauen müssen nur abwarten, wer übrig bleibt.“
Sophia lachte laut auf und Katharina stimmte mit ein. Dann kuschelten sich beide zu Maria. „Wie einfach wäre das Leben, wenn wir Frauen das Sagen hätten!“ Sophia schaute zur Decke.
Maria brummte zustimmend, in Katharina jedoch bewegten die Worte etwas. Es ließ sich aber noch kein klarer Gedanke fassen. Noch nicht!
Sie kuschelten noch eine Weile, dann wünschten sie sich eine gute Nacht und jede ging auf ihr Zimmer.
Katharina fand keine Ruhe. Die Erlebnisse des heutigen Tages wirkten in ihr nach. Schließlich konzentrierte sie sich ausschließlich auf Josephs Kuss auf dem Marienberg. Doch rasch schob sich das Bild ihrer Mutter dazwischen. Sie hatte alle zur Vorsicht gemahnt!

Am nächsten Morgen bekam Katharina kaum die Augen auf, nachdem David sie weckte. „Bitte schick Emmi zu mir. Sie soll mich heute frisieren.“
Das Dienstmädchen kam gut gelaunt herein, plapperte ohne einmal Luft zu holen über die schmucken Soldaten in den Straßen und hatte Katharinas Haar im Handumdrehen frisiert.
„Das Fräulein sollte etwas an ihren Wangen zupfen“, riet sie ihr. „Dann bekommt es Farbe ins Gesicht.“
Katharina erhob sich, nahm sich eine Strickjacke aus dem Schrank und zog sie über. Sie fröstelte. Zum Glück hatte David im Wohnzimmer geheizt. Es war sogar so warm, dass sie sich ins Bett zurückwünschte. Am Tisch saßen ihre Eltern. Katharina ließ sich von David Tee einschenken. Er servierte ihr Brot mit Butter und reichte ihr ein gekochtes Ei. Aber beim Anblick des Essens verknotete sich ihr Magen. Sie nahm einen Schluck Tee. Er rann ihr angenehm die Kehle herab und wärmte sie. Das gab ihr den nötigen Mut, mit ihrem Vater zu reden. Der bedankte sich gerade bei David für das Einschenken des Tees.
„Ach, heute bist du wieder freundlich zu David?“
Heinrich stellte die Tasse ab. „Das verstehst du nicht.“
„Stimmt, deshalb frage ich ja.“
„Hör zu, Kind! Es gibt politische Dinge, die über den persönlichen stehen.“ Er drehte sich zu David um. „Nicht wahr?“
Der nickte. „Selbstverständlich, gnädiger Herr.“
Nun reichte ihr das Theater. „Offenbar gibt es auch Menschen, die über anderen stehen.“
„Katharina!“, empörte sich ihre Mutter.
Ihr Vater schaute auf seinen Teller, als läge etwas Wertvolles darauf. „Manches Mal muss man sich den politischen Gegebenheiten fügen, auch wenn man nicht mit allem einverstanden ist. Man nennt das einen Kompromiss.“
„Oh, das ist ein Kompromiss!“
Ihre Mutter stand auf. „Nun reicht es! Wir müssen auch los, es ist bereits nach acht.“ Sie gab ihrem Mann einen Kuss. „Bis heute Mittag, Heinrich.“ Dann mahnte sie zum Aufbruch.
Katharina hatte keine Wahl, aber sie wollte das Ganze so nicht stehenlassen. Sie wandte sich an ihren Vater. „David gehört zur Familie. Vergiss das nicht!“

Der Himmel war wolkenverhangen und spiegelte ihre Stimmung wider. Ein eiskalter Wind pfiff um das Haus. Zusammen mit ihrer Mutter beeilte sie sich, in das Automobil zu steigen.
Die richtete sich den Hut. „Zum Glück braucht Heinrich den Wagen erst heute Mittag. Nicht auszudenken, wenn wir bei dem Wetter die Kutsche hätten nehmen müssen.“
„Bis vor einem Jahr mussten wir das.“
„An etwas Besseres gewöhnt man sich schnell.“ Ihre Mutter lächelte.
Katharina war nicht nach guter Laune zumute. „Und wenn sich etwas zum Schlechten wendet, steuert man da nicht besser rechtzeitig gegen?“
„Fängst du schon wieder damit an? Mir genügt schon Sophias Stichelei.“
„An Sophia regt dich alles auf, nicht wahr?“
Ihre Mutter fuhr so abrupt zu ihr herum, dass sie zusammenzuckte. Sie war eindeutig zu weit gegangen.
„Es tut mir leid, ich habe heute schlechte Laune“, entschuldigte sie sich rasch.
„Die zeigst du auch offen, meine Liebe.“
Katharina versuchte, sich zusammenzunehmen. Dennoch ließ ihr der gestrige Abend keine Ruhe. „Du sagtest, dass wir vorsichtig sein müssen.“
„Kein Wort mehr!“
Eine Zornesfalte bildete sich zwischen den Brauen ihrer Mutter. Es war besser, das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzugreifen.

Sie fuhren an der Residenz vorbei. Vor dem Brunnen hatten sich Soldaten versammelt. Einer von ihnen schwenkte eine Fahne. Ein kleiner Junge stand vor der Gruppe, streckte den rechten Arm aus und rannte danach zu einer Frau unweit der Menge. Wie selbstverständlich der Kleine den Gruß übernommen hatte. Joseph hatte gesagt, die NSDAP würde an die Macht gelangen. Und dann? Katharina erinnerte Sophias Worte. Hätten nur die Frauen das Sagen!
Sie musste eine Lösung finden!

Den Vormittag über bediente sie nur eine Stammkundin. Als die sich über ihre Tasche beugte, um die Geldbörse herauszunehmen, baumelte ein Kettchen von ihrem Hals herab. Daran hing ein goldenes Hakenkreuz, so eines wie Katharina es am Morgen auf der geschwenkten Fahne gesehen hatte.
„Einen interessanten Anhänger haben Sie da an Ihrer Kette“, stellte sie fest.
Die Frau fasste danach. „Ach ja … der schenkt mir eine gewisse Sicherheit. Sollten Sie sich auch zulegen. Der Juwelier am Dom verkauft die.“
„Haben wir Schutz nötig? Vor wem denn?“
Die Kundin schaute ihr in die Augen. „Wer weiß, was noch kommen wird.“ Im Hinausgehen drehte sie sich noch einmal um. „Suchen Sie sich ihre Freunde genau aus, Fräulein Wagner!“
Hatte die Kundin sie gestern etwa gesehen? Ach was! Bestimmt hatte sie das allgemein als guten Rat gemeint!

Danach räumte Katharina den Laden auf und wünschte sich in Josephs Kaufhaus. Er musste ihren Wunsch wohl wie durch ein Wunder erhört haben, denn auf einmal schellte die Ladenglocke und ein Junge von etwa neun Jahren trat zur Tür herein. Er nahm seine Mütze ab und streckte Katharina ein kleines Kuvert entgegen. „Soll ich abgeben.“
Katharina nahm es dankend entgegen. Sie ging zur Kasse und nahm ein paar Pfennige heraus, da war der Kleine schon zur Tür hinaus.
Der Umschlag enthielt ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Es war eine Nachricht von Joseph. Er lud sie ein, die Mittagspause mit ihm zu verbringen. Wie wundervoll! Sie drückte das Schreiben an die Brust und schob es danach in ihren Ärmel. Und ob sie die Pause mit ihm verbringen wollte! Wie sollte sie sich nur bei ihrer Mutter herausreden?
Die kam aus dem hinteren Raum heran. Er diente ihr als Büro und Lagerraum, manches Mal auch zum Ausruhen.
„Ich habe Armin angerufen, der ist aber noch mit Heinrich unterwegs. Entweder wir gehen zu Fuß nach Hause oder ich verständige David. Er könnte mit der Kutsche kommen.“
Katharina lächelte. „Ich möchte heute nicht zu Hause essen.“
„Nein?“ Ihre Mutter schaute sie fragend an. „Ich habe uns keine Brote mitgenommen.“
Katharina rieb sich die Hände. „Ich möchte lieber ein wenig in der Stadt spazieren gehen. Ich habe da ein Kostüm beim Weiß gesehen, das mir gut gefällt.“
„Na gut. Gehen wir zum Weiß. Ich hole nur meine Tasche.“
„Sei mir bitte nicht böse, aber ich möchte ein wenig alleine sein.“
Ihre Mutter hob die Brauen. „Ist es wegen gestern Abend?“
„Ja.“ Das stimmte wenigstens zum Teil.
Ihre Mutter warf ihr einen langen Blick zu. „Gut, dann gehe ich halt nach Hause.“
Sie tat Katharina ein bisschen leid, aber das war nun nicht zu ändern.

Nachdem Katharina den Laden verlassen hatte, führte ihr Weg sie direkt zum Kaufhaus Weiß. Sollte ihre Mutter ihr nachschauen, konnte sie sich von ihren Plänen überzeugen. Zudem hatten sie und Joseph keinen Treffpunkt vereinbart, also war es naheliegend, den gestrigen zu wählen.

Im Kaufhaus schlenderte sie zu dem Ständer, an dem die Röcke des grünen Kostüms hingen und zog einen in ihrer Größe heraus. Im Augenwinkel sah sie Joseph herankommen, gab jedoch vor, als hätte sie ihn nicht bemerkt.
Er lächelte sie strahlend an. „Heute haben wir keine Zeit zur Anprobe.“
Sie lachte. „Wenn wir so weitermachen, wird es nie dazu kommen.“
„Keine Sorge! Du kennst schließlich den Leiter des Hauses.“ Er fasste sie am Ellbogen. „Komm! Ich lade dich zum Essen ein!“
Sie war neugierig, in welches Restaurant er sie führen wollte. Anstatt das Kaufhaus zu verlassen, ging es ins oberste Stockwerk.
Er lächelte verschmitzt, ging über einen langen Flur voraus, öffnete eine Tür am Ende und machte eine einladende Handbewegung. „Darf ich bitten?“
Sie betraten einen Raum, in dem es nach Möbelpolitur roch. Ein Schreibtisch aus Kirschholz nahm den meisten Platz im Zimmer ein. Offenbar mochte Joseph das Holz auch so gern. In der Mitte des Tisches stand eine Schreibmaschine, daneben ein Stapel Papiere, darauf ein Füllfederhalter.
Das war gewiss Josephs Büro! Im Grunde war es ihr gleich, wo sie essen würden. Im Augenblick wünschte sie sich nichts so sehr wie einen Kuss von ihm, schlang behutsam die Arme um ihn und küsste ihn auf den Mund. Es war ein langer Kuss. Wie weich Josephs Lippen waren!
Als er von ihrem Mund abließ, strich er mit den Lippen über ihre Wange. „Hungrig?“
Woher sollte sie das gerade jetzt wissen?
Schließlich öffnete sie die Augen, schaute über die Schulter. „Findet das Essen hier statt?“
Er grinste und schob eine Tür rechts von ihnen auf. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, in dessen Mitte ein gedeckter Tisch stand, umgeben von vier Stühlen. Es duftete nach Fleisch und Gemüse. Jetzt spürte sie, wie hungrig sie war.
Sie nahmen Platz. Joseph bot ihr kalte Fleischklößchen mit Brot und sauren Gurken an. Dazu tranken sie Zitronenlimonade.
Sie langte ordentlich zu.
„Ich liebe Frauen, die beim Essen nicht an ihre Taille denken“, sagte Joseph. „Da schmeckt es mir um vieles besser.“
Katharina musste lachen. „Und ich liebe das einfache Essen.“
„Höre ich da eine Kritik heraus?“
„Aber nein! Ich meine es so, wie ich es sage.“
Satt und zufrieden lehnte sie sich zurück. Es war gut, dass Joseph trotz seines Wohlstandes geerdet war. Wie vornehm er das Besteck hielt. Es stieß sie ab, wenn ein Mann mit der Gabel wie mit einer Waffe hantierte. Bei Joseph passte alles: Er bewegte sich elegant, schaute gepflegt aus und setzte sich Ziele, die er auch erreichte und von denen er nicht nur redete oder träumte. Wie er sie betrachtete, wie etwas Kostbares! Noch nie hatte sie sich als schön empfunden, doch so spiegelte sie sich gerade in seinem Blick. Er stand auf und zog sie vom Stuhl hoch. Sie wollte sich in seine Arme schmiegen, er aber hielt sie auf Abstand und schien sie mit den Augen von Kopf bis Fuß abzutasten. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger ihre Gesichtsform nach, strich ihr über die Lippen und hob ihr Kinn etwas an. Endlich küsste er sie.
Sie schlang die Arme um seinen Nacken und klammerte sich an ihm fest. Wie gut er duftete! Für immer wollte sie seine Lippen auf ihren spüren. Kühle Lippen, die forderten. Sie erwiderte seinen Kuss, der sich hinzog.
Er ließ von ihr ab. „Katharina, du bist wunderschön.“ Wieder und wieder küsste er sie, auf den Mund, die Stirn, den Hals. Er löste sich von ihr, hielt sie bei den Händen. „Dich lasse ich nie mehr gehen!“ Er umarmte sie innig, fuhr ihr über den Rücken, dann über ihre Seite herab.
Auch sie wollte ihn für immer behalten. Sie lehnte sich an ihn. „Ja, wir bleiben zusammen.“
Er schaute verwundert drein. „Ich habe mich in dich verliebt! Richtig verliebt!“
Was sollte sie dazu sagen? Sie war auch verliebt. Aber war das richtige Liebe? Kam die nicht nach der ersten Verliebtheit? Das bedeutete nur: den anderen zu mögen und wiedergemocht zu werden. Wichtiger war, sich auf den anderen verlassen zu können, auch in schweren Zeiten und ihn auch dann zu lieben. Und Joseph würde sich stets auf sie verlassen können. Das war das Entscheidende. Es war nicht so, dass sie es nicht genoss, wie sehr er sie bewunderte. Auch sie dachte stets an ihn. Hoffentlich hielt das Gefühl für alle Zeiten an!
Im Nebenzimmer schlug die Uhr ein Mal. Joseph hob den Kopf. „So leid es mir tut, ich muss wieder an die Arbeit.“
„Ich auch.“ Sie setzte den Hut auf und ließ sich in den Mantel helfen. „Wenn meine Mutter unpünktlich sein sollte, was durchaus vorkommt, dann muss ich den Laden aufsperren.“
„Ich bring dich hinunter.“ Er küsste sie auf die Wange.

Am Ausgang reichten sie sich die Hand. Da rempelte ein Mann in Uniform Joseph an. Katharina kannte ihn aus der Nachbarschaft. Der Mann grinste, streckte den rechten Arm aus und brüllte: „Heil Hitler!“ Dann lachte er laut.
Joseph starrte ihn an, Katharina fragte: „Wäre da nicht eine Entschuldigung angebracht?“
Der Mann war bereits im Begriff zu gehen, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. „Eine Entschuldigung? Stimmt!“ Er deutete mit dem Kinn zu Joseph. „Wenn so einer im Weg rumsteht, dann sollte er sich tatsächlich entschuldigen.“ Er baute sich vor Joseph auf. „Na los! Bitte mich um Verzeihung!“
Joseph war einen halben Kopf größer und strahlte eine unfassbare Ruhe aus, während es in Katharina hochkochte. Sie tippte dem Soldaten auf die Schulter. „Da hast du mich missverstanden. Es ist an dir, dich zu entschuldigen.“
Der Mann schnaubte und blieb vor Joseph stehen. „Ich warte!“
Der richtete sich die Krawatte. „Ich wünsche Ihnen einen frohen Einkauf.“ Er ging um den Mann herum zu Katharina und flüsterte ihr ins Ohr. „Auf Wiedersehen und beachte den Rüpel nicht weiter!“
Der Soldat packte ihn an der Schulter. „Ich warte noch immer.“
Joseph strich dessen Hand weg. „Ich wünsche viel Freude dabei.“
Katharina knetete ihre Hände. Hoffentlich blieb ihr Geliebter von dem Kerl verschont! Plötzlich bemerkte sie, wie von beiden Seiten Josephs Personal herangekommen war. Darunter Männer, die groß und breit wie Kleiderschränke waren. Sie stellten sich neben ihn und fixierten den Soldaten. Der schaute in die Runde, schien seine Möglichkeiten abzuwägen und verließ schnellen Schrittes das Kaufhaus. Joseph zwinkerte ihr zu, dann ging er nach oben.

Wenige Schritte vor dem Laden ihrer Mutter legte ihr jemand die Hand auf die Schulter. Sie schrak zusammen. Es war der Soldat aus dem Kaufhaus. „Gnädiges Fräulein, Joseph Weiß ist kein Umgang für Sie. Ich warne Sie hiermit!“
Nun reichte es ihr. Sie holte tief Luft. „Jetzt erkenne ich dich wieder. Du hast in den Ferien in der Baufirma bei meinem Vater gearbeitet. Und nun plusterst du dich auf, als wärest du Gott weiß wer!“
Er reckte das Kinn. „Da sieht man es mal wieder. Ihr Reichen glaubt, weiterhin das Sagen zu haben! Aber da täuscht ihr euch! Wir alle sind das Volk, ob reich oder arm. Da zählt das Geld nichts. Da kommt es darauf an, ein guter Deutscher zu sein.“
„Ach, und das ist Joseph Weiß nicht?“
„Er ist ein jüdisches Subjekt!“
Ohne zu überlegen, holte sie aus und klatschte ihm eine Ohrfeige, dass ihr die Handfläche brannte. Seine Wange färbte sich knallrot.
Zwischen zusammengebissenen Zähnen zischte er: „Das wird Ihnen noch leidtun!“
„Ganz bestimmt nicht!“ Sie ballte die Fäuste. „Jeder weiß, dass Joseph Achtung verdient!“
„Hitler bringt so jemandem keine Achtung entgegen!“ Er spuckte auf die Straße und deutete darauf. „Mehr wird er nicht bekommen, sobald die Reichstagswahl im März durch ist.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte davon.
„Um Himmels willen, Kind!“ Ihre Mutter kam plötzlich heran und hakte sich bei ihr unter. „Was ist denn gerade hier passiert? War das deine Verabredung von heute Mittag?“
Katharina musste sich erst wieder fangen, ehe sie antwortete. „Nein, das war ein unverschämter Lümmel!“
„Du hast ihn geohrfeigt. Ich habe es von Weitem gesehen.“
„Ja, das hat er verdient.“
„Hat er dich beleidigt?“ Ihre Mutter blinzelte hektisch. „Ich kenne den von irgendwoher.“
„Er hat im Sommer in Vaters Betrieb gearbeitet.“
„Nein, er …“ Das Gesicht ihrer Mutter erhellte sich. „Jetzt weiß ich es! Der Mann war drüben im Steiner, als ich für Heinrich die Gürtelschnalle abgeholt habe. Da hat er Herrn Rosenstock angerempelt und suchte Streit mit ihm. Zum Glück hat Herr Steiner ihn zur Tür rausbegleitet.“
So war das! Da ging der Kerl von einem Geschäft zum anderen und suchte Ärger!
„Frau Wagner!“ Eine Dame mit einem Hut, platt wie ein Teller, winkte von der Ladentür her.
„Komm!“ Ihre Mutter zog sie am Arm mit. „Wir müssen öffnen!“

Den Nachmittag über hatten sie ordentlich zu tun. Ihre Mutter bediente Kundinnen. Katharina packte neue Ware aus und räumte sie ein. Bis zum Ladenschluss kam sie nicht dazu, über die Vorfälle am Mittag nachzudenken.
Am Abend reichte ihre Mutter ihr eine Packung neuer Strümpfe. „Na, magst du die neuen Seidenstrümpfe ausprobieren?“ Dann seufzte sie. „Du bist mit dem Kopf noch bei dem Rüpel, nicht wahr?“
„Ja. Was ist denn nur los mit den Mitgliedern der neuen Partei? Benehmen die sich alle wie Rohlinge?“
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke nicht. Sie wollen alle Menschen als gleichberechtigt ansehen.“ Leonore zuckte die Schultern. „Das wird niemals möglich sein, aber ein nobler Gedanke ist es allemal.“
„Gleichberechtigt?“ Da hatte Katharina sich wohl verhört. „Du weißt, wie sie David behandelt haben!“
„Ja, aber das ist was anderes. David ist …“
„Ein Jude! Na und?“
„Natürlich spielt das keine Rolle!“
„Na also!“
Sie schlossen den Laden und freuten sich, dass Armin vor der Tür stand. Er hatte den Wagen am oberen Markt abgestellt und half ihnen hinein. Katharina lehnte sich im Sitz zurück. Sie wünschte sich nur noch Ruhe, um ihren Gedanken nachzuhängen.


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3

Am nächsten Morgen ging es drunter und drüber. David saß am Esstisch und kühlte sich mit einem Eisbeutel den Hinterkopf. Die Familie und das Personal standen um ihn herum und redeten durcheinander. Katharina verstand nicht, worum es ging. Sie hatte verschlafen, weil David sie nicht geweckt hatte. Also zupfte sie Maria am Ärmel ihres Morgenmantels. „Was ist denn los?“
Maria strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, auf der Wange hatte sie Abdrücke des Kissens. „David war schon früh unterwegs, da traf ihn mitten auf dem Bürgersteig ein Stein am Kopf. Der Postbote sah einen kleinen Jungen davonlaufen. Einen Jungen!“
„Was?“ Katharina wollte es nicht glauben. „Ein Kind, das einen Stein wirft?“
„Ja, ein Kind. Der Junge streckte vor dem Wegrennen noch den rechten Arm aus.“
„Das kann ich nicht glauben!“
Sophia schnaubte. „Kinder lernen von den Eltern.“
Ihr Vater schnellte herum. „Hör auf damit! Es war ein Kind, das einen Streich gespielt hat.“
Sophia rollte mit den Augen. „Ja freilich!“
Einzig sie konnte es sich erlauben, so einen Ton gegenüber ihrem Vater anzuschlagen und dennoch redete er weiterhin freundlich mit ihr.
„Wie wäre es, wenn David sich etwas hinlegt?“, schlug Katharina vor. „Wir können uns ja unseren Tee selbst einschenken.
Der erhob sich rasch und hielt sich am Tisch fest. „Das kommt nicht in Frage!“
Doch Leonore hakte ihn unter. „Auf jetzt! Ich bringe dich nach oben.“
In dem ganzen Tumult hatte keiner auf den Stapel Post geachtet, den David auf der Anrichte abgelegt hatte. Maria nahm ihn an sich und blätterte ihn durch. Sie reichte Katharina lächelnd einen Brief. „Eine heimliche Liebe?“
„Unsinn!“ Auf dem Kuvert stand kein Absender. Katharina hoffte natürlich auf eine Nachricht von Joseph. Deswegen nahm sie sich vor, den Brief erst zu öffnen, wenn keiner sie dabei beobachten konnte.

Den Vormittag über trug sie das Schreiben in ihrem Ärmel. Nachdem es etwas ruhiger im Geschäft war, schlich sie sich ins Büro und öffnete das Kuvert. Es war keine Nachricht von Joseph, vielmehr hatte der Verfasser mit den Worten unterschrieben: „Jemand, der es gut mit Ihnen meint.“
Die Zeilen waren eine einzige Warnung vor dem Umgang mit „Andersgläubigen“. Darin hieß es: Jeder, der sich mit Menschen umgebe, die einer anderen Rasse angehörten als der deutschen, müsse mit Strafe rechnen.
Katharina zitterten die Hände vor Wut. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich ihre Mutter von hinten genähert hatte. Die strich ihr über den Rücken und nahm ihr das Schreiben ab. Nachdem sie es gelesen hatte, schüttelte sie den Kopf. „Die Betonung auf Andersgläubige ist ja der Gipfel des Ganzen! Als ob die Partei Wert auf irgendeine Religion legt! Ha!“
„Da will mir jemand Angst machen.“ Katharina konnte jetzt nicht stillstehen, trommelte deshalb mit den Fingern gegen die Oberschenkel.
Ihre Mutter steckte den Brief in ihre Handtasche. „Den will ich Heinrich zeigen.“ Sie schaute ihr direkt in die Augen. „Über welchen Andersgläubigen spricht der Schreiber? Doch wohl nicht über David.“
Sollte sie ihre Mutter einweihen? Das wäre wohl am besten. Sie musste ja nicht alles preisgeben.
„Nein, es geht nicht um David, denke ich.“ Sie holte tief Luft. „Joseph Weiß ist gemeint. Bestimmt hat der Kerl von gestern den Brief geschrieben!“
„Meinst du diesen Rüpel, den du geohrfeigt hast?“
Sie nickte. Also erzählte sie ihrer Mutter, wie sich der Mann vor dem Kaufhaus aufgeführt und Streit mit Joseph gesucht hatte.
„Ach, Joseph Weiß hat dich persönlich verabschiedet“, stellte ihre Mutter fest, „nachdem du das Kostüm anprobiert hast?“
Hitze stieg in ihr auf, sie drehte das Gesicht weg. „Ja, das hat er.“
Ihre Mutter lächelte und schien etwas erwidern zu wollen, da läutete die Ladenglocke.
Ein Junge trat ein. Auf den Armen balancierte er einen großen Karton. „Soll ich hier abgeben. Für das Fräulein Wagner.“ Katharina nahm das Paket entgegen und drückte dem Kleinen zehn Reichspfennige in die Hand, bevor er den Laden verließ.
Sie schlug das Packpapier zur Seite und traute ihren Augen kaum. Darin lag das grüne Kostüm nebst keckem Hut! Darunter fand sie eine Karte von Joseph. Er bat sie darin, am Abend mit ihm auszugehen und dabei die neue Kleidung zu tragen. Selbstverständlich wollte er zuvor ihre Eltern aufsuchen und sich ihnen vorstellen. Als ihre Mutter herankam, ließ sie die Karte rasch in ihrem Ärmel verschwinden.
Leonore betrachtete das Kostüm. „Du hast es also geliefert bekommen.“
„Ja.“ Katharina nahm es heraus und hielt es vor sich. „Ist es nicht schön?“
„Das wird dir bestimmt gut stehen.“ Ihre Mutter zog die Stirn in Falten. „Falls du ausgehen solltest, überlege dir gut, ob die Begleitung deinem Vater vorgestellt werden soll oder nicht.“
Das war auch Katharina durch den Kopf gegangen. Sie musste nun geschickt vorgehen.
Für die Mittagspause entschuldigte sie sich bei ihrer Mutter mit den Worten, sie habe noch etwas zu erledigen. Leonore nickte. „Warne ihn ruhig.“
Sie schloss die Ladentür hinter sich, dann streifte sie die Handschuhe über und steckte die Hände noch in die Jackentaschen. Es war ein bitterkalter Tag, der die Nasen von innen zu gefrieren schien. Die schwarze Straßenlaterne vor dem Laden war weiß vor Raureif, aus den Schornsteinen kringelte sich grauer Rauch in den Himmel. Katharina zog den Kopf ein und ging los.

Vor dem Kaufhaus Weiß traf sie auf eine Bekannte ihres Vaters.
Die stellte sich Katharina in den Weg. „Kaufen Sie etwa weiterhin hier ein?“ Sie rümpfte die Nase. „Weiß Ihr Vater denn davon?“
Katharina verschlug es die Sprache. Mit einem Mal stand der Apotheker hinter ihr. Er wandte sich an die Bekannte. „Möge sich ein jeder um seinen eigenen Kram kümmern, nicht wahr, gnädige Frau?“
Da straffte sich die Frau und stolzierte an ihnen vorüber.
Der Apotheker machte ein ernstes Gesicht. „Fräulein Wagner, behalten sie Ihre Gesinnung bei, aber seien Sie bitte vorsichtig.“ Er ging seines Weges.
Katharina vermochte es nicht, sich jetzt mit Joseph zu treffen. Zuerst musste sie den Vorfall aus dem Kopf bekommen. Was, wenn die Bekannte schnurstracks zu ihrem Vater ginge und ihm von ihr und Joseph erzählte? Ach, zum Kuckuck! Wieso musste sie die Liebe zu ihm geheim halten? Nur weil ihr Vater der verflixten Partei angehörte! Das alleine war es jedoch nicht, wie sie sich eingestand. Der Druck auf die jüdischen Einwohner nahm stetig zu. Mittlerweile lebten sie in Gefahr und jeder, der sich nicht gegen sie wandte, erhielt eine Warnung oder wurde naserümpfend abgefertigt. Jetzt musste sie ihren Ärger abschütteln. Am besten gelang ihr das, wenn sie sich bewegte. Sie eilte vorbei an den Läden, überquerte die Straße und erst, als die Straßenbahn quietschend vor ihr hielt, erwachte sie aus ihrem Zorn. Sie hob entschuldigend die Hand und nickte dem Fahrer zu. Nicht mal das Laufen hatte sie erwärmt. Nun war es an der Zeit, zu Joseph zu gehen.

Als sie das Kaufhaus betrat, ließ die Wärme darin ihr Gesicht kribbeln. Ihre Zehen fühlten sich steif an. Sie versuchte sie in den Schuhen zu bewegen, gab es jedoch wieder auf. Das Steigen der Treppen zum obersten Stockwerk würde sie wohl erwärmen. In der Abteilung für Handtaschen sog sie den Duft nach Leder ein, der männlich roch, wie sie fand. Zwei schwatzende Damen schlenderten an ihr vorüber, die einmal die eine und dann die andere Tasche betrachteten. Außer den zwei Frauen und ihr war keine Kundschaft auszumachen. Überall standen die Verkäufer herum und schienen ins Leere zu blicken. Dabei war Mittagszeit! Wenn in den Mittagspausen die Damen nicht vorbeischauten, wann dann? Auch in der Herrenabteilung herrschte gähnende Leere. Zwei Verkäufer standen herum und unterhielten sich leise. Nun gut, die männlichen Kunden aßen um die Zeit zu Mittag und schauten sich keine Jacken und Hosen an.
Nachdem sie das oberste Stockwerk erreicht hatte, in dem Josephs Büro lag, verließ sie der Mut. Schickte es sich denn, bei ihm anzuklopfen und ihn um ein Gespräch zu bitten? Natürlich hatten sie sich bereits geküsst. Was, wenn gerade jemand bei ihm war und sie bei ihrem Besuch ertappte? Möglicherweise war ihm das nicht recht. Sie hatte noch keinen Entschluss gefasst, da flog die Tür des Büros auf und er kam ihr entgegen. „Liebes, was machst du denn hier?“
„Ich möchte mich für das Kostüm bedanken und es bezahlen.“
„Rede keinen Unsinn!“ Er lachte. „Ich wünsche mir sehr, dass du das gute Stück für mich trägst.“
„Herzlichen Dank dafür.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich freue mich schon auf heute Abend.“
„Ich mich auch.“ Sie suchte seine Augen. „Wohin willst du mich denn ausführen?“
„Das verrate ich nicht.“
„Ein Geheimnis?“ Sie lächelte. Wie sollte sie ihm nur beibringen, dass er davor keinesfalls bei ihrem Vater vorsprechen durfte?
„Eine Überraschung!“, verkündete er.
Ein gut gekleideter Herr ging an ihnen vorüber. Joseph verabschiedete ihn. Dann schaute er ihr tief in die Augen. „Wegen heute Abend. Ich habe erst gegen sieben Uhr Zeit.“
Das war die Lösung! Ihr fiel ein Fels vom Herzen. „Ich auch. Ich muss heute länger arbeiten. Kannst du mich direkt vom Laden abholen?“
„Ja, natürlich. Aber was ist mit deinen Eltern?“
Sie winkte ab. „Meine Mutter reimt sich ohnehin alles zusammen. Und mit meinem Vater hat es noch Zeit.“
„In Ordnung. Also um sieben.“
Sie gaben sich nur die Hand, weil bereits einige Angestellte die Hälse reckten. Rasch stieg Katharina die Treppe hinab. Das war noch mal gutgegangen! Dennoch: Die Heimlichtuerei vor ihrem Vater war grässlich! Schuld daran war die Partei! Ihr fiel der Vorfall mit der Bekannten ein. Es musste einen Weg geben, gegen so ein Verhalten vorzugehen.
Vor dem Ausgang grüßte ein Uniformierter einen anderen mit ausgestrecktem Arm. Die beiden begannen ein Gespräch und musterten jeden, der das Kaufhaus betreten wollte. Einige Passanten störten sich nicht daran, andere machten vor dem Eingang eine Kehrtwendung. So konnte das nicht weitergehen!

Katharina zerriss die Kartons der neuen Ware. Wie könnte sie Joseph bloß helfen?
Plötzlich stand ihre Mutter neben ihr. „Es genügt, die Kartons zu zerlegen. Du brauchst sie nicht in Schnipsel zu reißen.“
Nun musste sie lachen. „Jetzt sind sie so klein, dass wir sie verheizen können.“
Ihre Mutter verabschiedete sich bereits um fünf Uhr. Sie wollte mit Hilda die Mahlzeiten für die nächsten Tage durchgehen. Katharina war das nur recht. So konnte sie sich in Ruhe zurechtmachen.
Fünf Minuten vor sechs schneite Frau Holzmann zur Tür herein. „Fräulein Wagner, ich brauch unbedingt neue Handschuhe.“
Sie kam stets kurz vor Ladenschluss und unterhielt sie mit dem neuesten Klatsch. Auch sonst fand Katharina den Tratsch nicht amüsant, heute aber war er ihr so lästig wie ein Sack Flöhe.
Frau Holzmann zog in aller Seelenruhe Handschuhe und Mantel aus. „Und zwar brauche ich schöne weiße.“ Sie deutete mit der Handkante auf den Oberarm. „So lang müssen sie sein. Ich brauche die für den Kostümball.“
„Wir haben heute welche hereinbekommen. Einen Augenblick bitte.“ Katharina suchte im Regal nach der passenden Größe.
„Stellen Sie sich vor“, Frau Holzmann leckte sich über die Lippen, „die Reichstagswahl ist ja im März, also nach Fastnacht. Deswegen wollen die Oberen der Partei zum Ball kommen und da muss man ein gutes Bild abgeben.“
„Muss man das?“ Katharina packte ein paar Handschuhe aus.
„Ja, natürlich!“ Frau Holzmann beugte sich ihr entgegen und fuhr flüsternd fort. „Wenn man weiterhin im Geschäft bleiben will …“, sie rieb Zeigefinger und Daumen aneinander, „… stellt man sich besser gut mit denen, die das Sagen haben.“
„Noch ist die Wahl nicht vorbei.“
Frau Holzmann hob eine Braue. „Liebes Kind, wie die ausgeht, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen.“ Sie musterte Katharina. „Man muss halt aus allem seinen Nutzen ziehen.“
Um halb sieben hatte Frau Holzmann sich für ein paar cremefarbene Handschuhe entschieden und verließ den Laden.
Endlich konnte Katharina sich umziehen. Dabei war sie so fahrig, dass sie ihre Frisur ruinierte und sich die Haare vor dem kleinen Spiegel im Büro von neuem hochstecken musste. Die Worte Frau Holzmanns gingen ihr nicht aus dem Kopf. Ach was! Noch war nichts entschieden.
Der Spiegel warf nur einen Ausschnitt ihres Dekolletés zurück. Sie hielt ihn weiter weg. Auf jeden Fall betonte die Farbe der Jacke den rötlichen Schimmer ihres Haares. Sie fuhr mit dem Spiegel an sich herab. Das Kostüm war wie für sie gemacht. Es saß wie angegossen an der Taille, der Rock endete über dem Knöchel, wie es gerade Mode war. Sie setzte das Hütchen auf! Perfekt!

Die Uhr schlug sieben, als es an der Ladentür klopfte. Natürlich war es Joseph. Er trug einen Schal um den Hals und rieb sich die Hände. Mit wenigen Schritten war sie an der Tür und ließ ihn ein. Er küsste sie auf den Mund, schob sie ein Stück von sich weg und drehte sie im Kreis.
Seine Augen zeigten ihr, wie sehr sie ihm gefiel. Könnte sie nur für alle Zeit in seinem Blick baden.
„Du siehst aus wie einer Modezeitschrift entstiegen, nur nicht wie ein Model, mit aufgesetzter Miene, nein, du bist voller Wärme und Liebe.“
Dafür fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn auf den Mund. Als sie sich voneinander lösten, strahlten Josephs Augen. „Komm! Ich habe Hunger. Hast du Lust auf einen einfachen Eintopf?“
Ihr war es gleich, was es zu essen gab. Hauptsache, sie waren zusammen!
Er führte sie über den Markt, dann über die alte Mainbrücke mit den Figuren der Heiligen. Automatisch schaute Katharina auf den Steinsockel der Jungfrau Maria. Dort hatte ihre jüngste Schwester ihren Namen mit einer Haarnadel eingeritzt und behauptet, dass die Heilige sie nun besonders beschütze. Mittlerweile war der Schriftzug nicht mehr zu sehen, dennoch warf Katharina stets einen Blick darauf.
Sie bogen in die Dreikronenstraße, da dämmerte es ihr, wohin es ging. „Ah, wir werden im Wasserkessel essen.“
„Ja.“ Er lächelte. „Ich liebe die Atmosphäre dort und besonders die Eintöpfe der Wirtin.“
Katharina war dort noch nie zum Essen gewesen. Sie wusste nur, dass das Ehepaar Helm die Gaststätte übernommen hatte.
Als sie eintraten, schlug ihnen der Geruch nach Bier entgegen. An einem langen Tisch saßen vier Schiffer neben einem Mann in Zimmermannstracht und einer Frau in einem einfachen Kleid. Am Ende des Raumes auf der linken Seite stand der Wirt hinter dem Tresen und schenkte Bier in einen Krug ein. Als er sie gewahrte, hob er die Hand und grüßte freundlich.
Eine ältere Frau kam ihnen entgegen. „Guten Abend, gnädiges Fräulein, gnädiger Herr.“ Sie deutete auf einen Tisch auf der rechten Seite, um den vier Stühle standen. „Schauen Sie, Ihr Tisch ist frei.“ Sie wartete, bis sie Platz genommen hatten. „Es freut mich, dass Sie wieder mal bei uns reinschauen, Herr Weiß.“
Joseph zog Mantel und Handschuhe aus. Er hatte schmale Hände mit langen Fingern. Anders als die ihres Vaters, die dieser „Arbeiterhände“ nannte.
Joseph wandte sich an die Bedienung. „Schön warm habt ihr es hier.“
„Ja, beim Essen braucht man‘s gemütlich, gell?“
„Was gibt es denn heute?“
„Ich hab einen guten Linseneintopf mit Rind.“ Sie schaute zu Katharina. „Und für das Fräulein vielleicht einen Erbseneintopf mit Speck?“
Katharina schaute auf. „Nein, ich nehme gerne den Linseneintopf. Und bitte ein Glas Wein dazu.“
„Fein“, sagte Joseph. „Und für mich bitte ein Bier.“
Die Frau zog sich zurück und servierte im Handumdrehen die Getränke und das Essen.
Sie stießen an. Der Wein schmeckte herb, aber frisch. Leider stieg er Katharina rasch zu Kopf. Sie musste sich zusammennehmen, um nicht albern zu werden. Als Joseph einen Schaumbart vom Bier um die Lippen hatte, kicherte sie wie ein Schulmädchen.
Er tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und lachte. „Süß bist du.“
Sie hob den Löffel in die Höhe und winkte mit ihm. „Nein, nein. Süßes mag ich nicht. Ich liebe es deftig. Übrigens, der Eintopf hier schmeckt ausgezeichnet.“
„Es freut mich, dass es dir schmeckt. Ich liebe es auch deftig.“
„Deswegen sind wir wohl hier.“
„Ja, und weil hier keine Rüpel auftauchen.“ Er schien zu bereuen, was er angesprochen hatte und setzte rasch nach: „Das spielt jetzt aber keine Rolle.“
„Pah! Denen werde ich es zeigen!“
Er umfasste eine ihrer Hände. „Bitte mach keinen Unsinn! Leg dich mit keinem aus dieser Partei an!“
„Nein, das werde ich nicht, keine Sorge.“ Sie hatte andere Pläne. Es schmeichelte ihr, dass er ihr offenbar zutraute, gegen die NSDAP anzugehen. Also betrachtete er sie als ihm ebenbürtig. So wünschte sie sich das! Zusammen würden sie ein wunderbares Leben führen. Jetzt wollte sie ihn unbedingt besser kennenlernen, alles über ihn wissen. „Erzähl mir etwas über dich!“
Joseph lehnte sich zurück. „Hm. In unserer Familie spielten edle Stoffe und gute Kleidung immer eine Rolle. Mein Vater baute ja das Kaufhaus auf, wie du weißt. Meine Mutter legte viel Wert auf gutes Aussehen. Das galt auch schon für mich als kleinen Jungen. Da gab es die Sachen, die ich zum Spielen tragen durfte, und die guten Jacken, Hosen und Hemden. Einmal kündigte sich eine Tante aus Amerika zu Besuch an. Meine Güte, was wurde da an Kuchen und Fleischgerichten vorbereitet! Schließlich war alles perfekt, nur ich schaute aus wie ein Junge, der halt von draußen hereingerufen worden war. Meine Mutter wusch mich und zog mir nagelneue Sachen an. Es war Sommer und ich trug einen weißen Leinenanzug. Sie befahl mir, brav im Zimmer zu bleiben. Das hielt ich bloß nicht lange aus, weil ich mich langweilte. Also suchte ich den Sohn unseres Hausdieners und fand ihn im Kohlekeller. Er versuchte, aus der Kohle Diamanten herzustellen.“
Katharina prustete los. „Ich ahne Schlimmes.“
Josephs Augen blitzten. „Es versteht sich von selbst, dass ich ihm dabei zur Hand ging. Als mich Mutter rief und der Tante vorstellte, glaubte die, den Schlotfeger vor sich zu haben.“
„Oh je. Und dann?“
„Die Wangen meiner Mutter röteten sich gefährlich. Das musste auch meine Tante bemerkt haben. Jedenfalls sagte sie, es sei ihr lieber, wenn Jungs täten, was sie tun müssten. Sähen die wie geleckt aus, wären sie ihr unheimlich.“ Er lächelte bei der Erinnerung. „So hat sie mich vor Strafe bewahrt.“
„Das scheint eine nette Tante zu sein.“
„Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.“
Katharina wischte mit einem Stück Brot den Teller aus. Der Eintopf hatte ihr gut geschmeckt. Joseph machte ein amüsiertes Gesicht. Als sie damit fertig war, bat er sie um eine Geschichte aus ihrem Leben. Welche lustige Begebenheit könnte sie ihm erzählen? Sie hatte mit ihren Schwestern meist Prinzessinnen gespielt. Unter der Trauerweide im Garten war ihr Schloss gewesen oder eben hinter einem Strauch im Hofgarten. Meist hatte sie nachgegeben und Maria war die Prinzessin, Sophia der sie rettende Prinz und sie selbst die Königin, die im Grunde stets dabeistand. Gerade war sie über die Erkenntnis traurig. Das mochte sie nicht erzählen. Dann kam ihr etwas in den Sinn. „Du glaubst nicht, was mir einst einfiel! Ich mochte so um die fünf Jahre alt gewesen sein, da war ich mit unserer Köchin Hilda auf dem Land. Sie hat Verwandte dort und besorgt auch heute noch Gemüse und Fleisch von dort. Der jetzige Jungbauer ist etwas älter als ich. Damals zeigte er mir die Tiere vom Hof. Er hatte ein Lieblingshuhn, das kam, wenn er es lockte. Vor mir lief es immer in den Stall davon. Ich folgte der Henne und staunte, wie sich die Hühner auf der Stange hielten.“
Joseph lachte: „Du bist nicht ernsthaft in den Hühnerstall geklettert.“
„Doch! Danach zeigte der Junge mir das Hausschwein. Es war da gerade nicht im Stall, sondern im Gehege. Wir beide gingen nicht nur dort hinein, er hob mich auch noch auf den Rücken des Schweines.“
Joseph schüttete sich aus vor Lachen.
„Ich ritt darauf und plumpste natürlich hinunter, direkt in den Matsch.“
„Wenn ich dich jetzt so anschaue, muss ich sagen, es hat dir nicht geschadet.“
„Wie man es nimmt. Ich war nicht nur schmutzig und stank nach Schwein, ich hatte mir auch noch Läuse im Hühnerstall geholt.“
„Ach! Kam dann die Läusefrau zu dir?“
„Ich kann mich nicht richtig erinnern, meine aber, dass es mit einer ordentlichen Wäsche getan war. Hilda hatte damals den Jungen arg ausgeschimpft. Der behauptete aber, der Spaß sei es ihm wert gewesen. Da habe ich ihn vor Wut in den Matsch gestoßen.“
„Recht so! Anscheinend hast du dir damals schon nichts gefallen lassen! Den Zug hast du wohl beibehalten.“
„Heute stoße ich die Männer nicht mehr in den Matsch.“
„Warum nicht? Wenn es einer verdient hat?“
„Darf ich ihn dann mit Dreck bewerfen?“
„Natürlich. Und ihm Läuse ins Bett setzen.“
Er nahm ihre Hand in seine. „Ich mag es, wie du dich behauptest, wie du denkst, wie du sprichst, isst, gehst, lachst, alles an dir.“
Am liebsten hätte sie ihn geküsst. Aber nicht hier. Also drohte sie spielerisch mit dem Zeigefinger. „Warte nur, bis du mich richtig kennenlernst.“
„Gerne. Komm, lass mich dein Schweinehirte sein!“

Sie lachten noch, als sie die Gastwirtschaft verlassen hatten und den Rückweg antraten. Auf der alten Mainbrücke blieb Joseph stehen, zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Sie presste sich an ihn. „Ich mag auch alles an dir.“
Dafür erhielt sie erneut einen Kuss. Als er von ihr abließ, glaubte sie sich in einem Albtraum. Sie waren von fünf jungen Männern umringt. Die grüßten mit ausgestrecktem rechtem Arm: „Heil Hitler!“
Joseph schob Katharina hinter sich. Mit ruhiger Stimme sagte er: „Guten Abend, meine Herren, ich wünsche noch viel Vergnügen.“
Er hakte Katharina unter und wollte an ihnen vorbei. Zwei von ihnen versperrten ihnen den Weg.
Ein Breitschultriger brüllte: „Grüßt zurück, und zwar richtig. Los! Heil Hitler!“
Joseph presste die Lippen zusammen. Katharina war sich dessen bewusst: Niemals würde der Gruß über seine Lippen kommen.
„Habt ihr uns nicht verstanden?“ Das war erneut der Breitschultrige. Die anderen rückten näher heran.
„Ich bin Katharina Wagner.“ Sie reckte ihr Kinn in die Höhe. „Mein Vater ist ein Parteimitglied der NSDAP und hat Beziehungen nach oben. Ich bitte um eure Namen, damit ich von dem Vorfall hier erzählen kann.“
Ein Schmaler stellte sich vor sie. „Entschuldigen Sie, Fräulein Wagner. Ich habe Sie im Dunkeln nicht gleich erkannt.“ Er schaute in die Runde. „Kommt, bevor es Ärger gibt!“
Die vier zogen davon.
Joseph ließ ihre Hand los. „Ich bringe dich jetzt besser nach Hause.“
Ohne auf sie zu achten, ging er mit langen Schritten voran. Sie hetzte hinter ihm her, schaffte es aber nicht, ihn einzuholen. Erst am Marktplatz wartete er auf sie. Er machte eine zornige Miene. Katharina wollte ihm die Wange streicheln, doch er drehte abrupt den Kopf zur Seite. „Nun verstehe ich, warum ich dich vom Geschäft und nicht von zu Hause abholen sollte.“
Er hatte recht. Alles, was sie vorbringen konnte, klänge nach Lüge. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Joseph nickte. „Es stimmt also, was ich vermute.“ Er wischte sich über die Stirn. „Dein Vater heißt eine Ehe zwischen uns niemals gut. Natürlich nicht, wo er ein so wichtiges Mitglied dieser Partei ist.“ Die letzten Worte spuckte er beinahe aus. Seine Stimme schwankte.
Nun vermochte sie es nicht mehr, die Tränen zurückzuhalten. Sie ließ sie über die Wangen laufen. „Mein Vater will für seine Familie das Beste.“
„Ach, und dafür opfert er seinen Anstand? Kann er noch ruhigen Gewissens schlafen?“
„Das muss er mit sich ausmachen. Aber was hat das mit uns zu tun? Mit unserer Liebe?“
„Einer Liebe, für die du dich schämst?“
Sie deutete zurück zur Brücke. „Hat es danach ausgesehen, ja? Oder habe ich uns gerade vor Unheil bewahrt? Uns! Nicht mich!“
Er schien mit sich zu ringen, ballte die Fäuste, löste sie wieder. Endlich legte sich ein weicher Ausdruck auf sein Gesicht. Er zog sie an sich heran, drückte ihren Kopf an seine Schulter. „Es tut mir leid. Aber als du das zu den Männern sagtest, da klang es, als seist du stolz auf die Stellung deines Vaters bei dieser verdammten Partei.“
„Das bin ich nicht. Im Gegenteil! Aber sie nur zu hassen, bringt keinen weiter.“
„Ja was soll ich denn sonst tun? Mich werden sie nicht aufnehmen.“ Er schnaubte. „Nicht, dass ich jemals auf den Gedanken käme. Aber wie du siehst, ist es gefährlich, mich zu lieben.“
„Es werden andere Zeiten kommen.“ Sie schaute ihm in die Augen. „Aber aufgeben kommt nicht infrage, oder?“
Er hielt sie fest, als wolle er sie niemals loslassen. „Nein, natürlich nicht.“
Da fiel ihr das Warnschreiben ein. Das würde sie ihm niemals zeigen. Sie presste sich an ihn. Es war so kalt, dass sie ihre Hände in seine Jackentaschen steckte. Er rieb ihr die Arme. Seine Augen waren voller Tränen und das lag wohl nicht an der Kälte.
Sie küsste sie ihm weg. „Ich werde dich niemals im Stich lassen, Joseph. Wir werden eine Lösung für alle Probleme finden, glaube mir.“
„Gut, mein Liebes. Aber jetzt sollten wir nach Hause fahren, sonst frieren wir hier fest.“
„Dann könnte man ein Denkmal für uns an dem Platz errichten. Eines, das für die Liebe steht.“
Er ließ die Mundwinkel hängen. „Für die Liebe zwischen Frau und Mann unterschiedlichen Glaubens.“

Ihr Vater erwartete Katharina bereits mit dem Warnschreiben in der Hand. „Was bedeutet das? Vor wem wirst du hier gewarnt?“
Sie verwarf den Gedanken, ihm die Wahrheit zu sagen. „Vor David, denke ich. Habt ihr anderen nicht auch so ein Schreiben bekommen?“
„Nicht dass ich wüsste.“
Am besten war, wenn sie ihm etwas in die Hand gab, gleichzeitig wollte sie sich ein wenig in die Parteiarbeit vortasten. „Vielleicht will mich einer deiner Parteifreunde von gestern Abend warnen? Möglicherweise hat der ein Auge auf mich geworfen?“
„Das soll sich einer hinter meinem Rücken trauen!“
„Sagtest du nicht, dass sie ranghöher angesiedelt sind als du?“
Ihr Vater rieb sich die Stirn. „Ja, das sind sie auch. Aber nur, weil sie in eine Gruppe eingetreten sind, die auch kämpfen muss. Ich bin zu alt dafür. Dennoch zählt mein Stand als Geschäftsmann. Da wird es keiner wagen, sowas …“, er hob das Schreiben hoch, „… meiner Tochter zu schicken.“
„Jemand hat es aber getan. Und der lehnt offensichtlich Menschen mit einem anderen Glauben ab.“
„Das tun alle in der Partei.“ Er schob das Kinn vor. „Und sie haben nicht unrecht, wenn man die Geschichte der Juden zurückverfolgt.“ Ihr Vater zerriss den Brief in kleine Stücke. „Reden wir nicht mehr davon.“
„Wird die Partei an die Macht kommen?“
Er machte ein ernstes Gesicht. „Sie ist schwer aufzuhalten.“
„Und sie hassen Andersgläubige.“
„Das tun sie.“
Da trat sie zu ihrem Vater und umarmte ihn fest, wie sie es lange nicht mehr getan hatte. „Bitte sei vorsichtig!“
„Das werde ich.“
Sie ging in ihr Zimmer und warf sich aufs Bett. Noch konnte sie ihren Plan gedanklich nicht fassen, es stiegen bloß einzelne Fetzen in ihr auf. Da gab es Joseph und sein Kaufhaus, dann ihren Vater, der die Hand über die Familie hielt. Das alles galt es zu schützen, aber nicht, indem man den Feind ohrfeigte, dessen war sie sich nun bewusst. Sie richtete sich auf. Das Kaufhaus war Josephs Lebenswerk und das wollte sie erhalten, ansonsten ginge er womöglich mit ihm unter.
Von ihrem Vater hing ihr weiteres Leben mit Joseph ab. Wie ging es nun weiter? Noch fügte sich nichts zusammen, doch das bekäme sie schon noch in den Griff …

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Mila Sommerfeld lebt mit ihrer Familie und ihrem Hund in einem kleinen Ort bei Würzburg. Mit der Trilogie Die Schwestern der Kaufhausdynastie wird ihr Debütroman veröffentlicht. Die studierte Betriebswirtin arbeitet als Angestellte im eigenen Betrieb und veröffentlichte bis jetzt Kurzgeschichten in Anthologien.