Versuchung in den Highlands

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Kapitel 1

Im Jahr unseres Herrn 1524

Die Lanze zeigte direkt auf Catrionas Herz.
„Runter mit der Kapuze, sofort“, befahl der Soldat. Er war jung, rothaarig und saß aufrecht im Sattel.
Catriona schob den dunklen Stoff vorsichtig und mit zittriger Hand zurück. Das Sonnenlicht, das von Westen her schien, fiel direkt in ihre Augen und sie konnte die unmittelbare Reaktion des Soldaten nicht sehen. Aber sie hörte, wie er Luft holte, und die Lanze schwankte einen Moment vor ihrer Brust, ehe er sie wieder festhielt.
„Ihr seid …“, begann er und hielt dann inne. „Zigeunerin.“ Er sprach das Wort wie eine Anklage aus, seine Stimme so steif wie die Waffe, die er mit so jugendlichem Eifer hielt.
„Aye, guter Herr. Das bin ich.“
„Wohin seid Ihr unterwegs und wie viele seid Ihr?“
Catriona packte die Zügel fester und betete aus der Tiefe ihrer Seele. Sie konnte es sich kaum leisten, jetzt umkehren zu müssen. Lachlans Leben hing davon ab, dass sie Erfolg hatte.
„Ihr werdet zum Schloss des Königs reisen“, hatte Blackheart gesagt. „Und dort werdet Ihr tun, worum man Euch bittet.“
„Wir reisen zum Schloss, anlässlich der Festivitäten des Königs. Und es gibt nur uns zwei, die Ihr hier seht, und noch jemanden, der im Wagen schläft.“
„Mann oder Frau?“
„Eine Frau, guter Herr.“
„Ist sie …“ Der Soldat zögerte einen Moment und lehnte sich näher, als wolle er ergründen, ob seine Augen ihn täuschten. „Ist sie wie Ihr?“
Oben auf dem Käfig aus Weidenruten, der an der Seite des Wagens hing, zankten sich zwei Grünfinken und flatterten dann in die nahegelegenen Baumkronen davon.
„Wie ich?“ Catriona wusste, was er sah – eine dunkelhäutige Frau mit Katzenaugen, die die Eigenschaften von tausend fremden Stämmen in ihren Zügen trug.
„Ist sie …“, setzte er an, aber ein Geräusch hinter ihm warnte ihn, dass sich jemand näherte. Er richtete seinen Rücken steif auf und verhärtete seinen entschiedenen, finsteren Blick. „Sagt ihr, dass sie rauskommen soll, sodass wir sie sehen können“, befahl er.
Catriona zuckte innerlich zusammen. Mit Diplomatie und Glück konnte sie die Stimmung des Soldaten vielleicht erweichen. Aber Marta von den Bairds hatte ihre Liebe zur Schläue schon lange überlebt.
„Sie ist erschöpft und braucht ihre Ruhe“, sagte Catriona und wand sich vorsichtig.
Der Jüngling hinter der Lanze blickte finster, aber unsicher drein, dann ließ er seinen Blick nach hinten schnellen und seinen Ausdruck wieder hart werden. „Ihr werdet sie herauskommen lassen oder die Konsequenzen tragen“, sagte er, aber genau in diesem Moment wurde sein Pferd zur Seite gedrängt.
„Ach, um Gottes willen, weg mit Eurer Waffe, Galloway.“ Der Mann, der gesprochen hatte, war vielleicht ein Dutzend Jahre älter als der andere und blickte ihn finster an, ehe er ihr seinen Blick zuwandte. „Jetzt verstehe ich, warum der Bursche sich zum Narren gemacht hat.“ Er lächelte, lange, als ob dieser Ausdruck allein viel erreichen könnte. Er hatte dunkle Haare, war trainiert und gutaussehend, und er wäre der letzte Mensch auf der Welt gewesen, den es überrascht hätte, wenn das laut ausgesprochen würde. So viel wusste Catriona sofort. „Ihr seid also Zigeuner“, sagte er.
„Roma“, korrigierte Rory von seinem Platz auf dem schmalen Sitz des Wagens aus. Seine Stimme klang prägnant, und wie der junge Mann namens Galloway brachte auch er Verachtung zustande. Es war kein Gefühl, das Catriona billigte – nicht, wenn sie von zwanzig gut bewaffneten und berittenen Soldaten umzingelt war.
„Ich und mein Cousin sind eingeladen worden, bei den Festivitäten anlässlich des Geburtstags des Königs zu unterhalten“, sagte sie und beeilte sich, die Aufmerksamkeit von Rorys hochmütigem Gebaren abzulenken.
„Seid Ihr das in der Tat?“, fragte der düster aussehende Mann und neigte seinen Kopf, als wäre er beeindruckt.
„Lieutenant Brims“, begann Galloway. „Sie sind Zigeuner, und als solche …“ Er hielt inne, lehnte sich näher zu seinem Vorgesetzten und senkte dabei die Stimme. Aber in Wahrheit gab es keinen Grund, seine Worte hören zu müssen, schließlich war das alles schon früher gesagt worden.
Der ältere Mann richtete sich mit einem Grinsen auf, ohne seinen Blick von Catriona abzuwenden. „Ich glaube, die Wachen des Königs kommen mit ein paar Zigeunern in unserer Mitte zurecht.“
„Seid Ihr sicher, Sir?“, fragte ein anderer, während er sein Ross näher drängte. Auch er sah düster aus, aber sein Gesicht war schmal, mit schmalen Lippen. „Es sieht so aus, als müsse man sich etwas um dieses Mädel kümmern.“
„Bietet Ihr Euren Beistand an, Wickfield?“, fragte Brims und lächelte Catriona immer noch an.
„Das tue ich“, sagte der andere, und seine Augen leuchteten in der untergehenden Sonne.
„Sehr großzügig von Euch. Aber ich sehe keinen Grund, weshalb Ihr hierbleiben müsstet“, sagte der Offizier. „Ihr könnt mit den anderen auf Euren Posten zurückkehren.“
„Sir–“, wand Galloway ein, aber Wickfield unterbrach ihn, indem er ihm kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter legte.
„Keine Sorge, Bursche“, sagte er. „Ich bin sicher, der gute Lieutenant weiß, was er tut.“
Galloway zögerte einen Moment, aber schließlich wand er sich den Männern hinter sich zu und befahl der Truppe, sich zu entfernen.
Das nachlassende Hufgetrappel klang dumpf in der stillen Abendluft. Celandine verscheuchte mit ihrer flachsblonden Mähne die Mücken, und von hinten hörte Cat, wie Bay mit den Pferden der Soldaten anbändelte.
„Ihr seid also Unterhalter?“, fragte der Lieutenant und lehnte sich auf den hohen Sattelknopf, während er auf sie herabstarrte. „Was tut Ihr?“
„Wir sind so etwas wie Akrobaten“, sagte Catriona. „Vielleicht erinnert Ihr Euch an uns, von vor ein paar Jahren.“
„Das war gewiss, ehe ich im Dienste des Königs stand“, sagte Brims und trieb sein Ross näher. „Denn gewiss hätte ich euresgleichen nicht vergessen.“
Catriona lächelte. Vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass es ihre beste Verteidigung war, ein Lächeln parat zu haben, wenn die Vorteile von Flucht und Kampf nicht auf ihrer Seite waren. Und da ihr Zugpferd müde war und ihr Wallach nicht die Sorte Pferd, die Brims Reittier hätte abhängen können, stellte sie sicher, dass ihr Lächeln wirkungsvoll war. „Ich fühle mich fürwahr geschmeichelt, gütiger Herr“, sagte sie und blickte sittsam auf ihre Hände. „Aber ich bin sicher, dass ein Mann Eures Ranges dringlichere Angelegenheiten hat, die seine Aufmerksamkeit erfordern.“
„Dringlicher?“, fragte er und lachte. „Das bezweifle ich. Aber sagt mir, süßes Mädel, wie nenne ich Euch?“
Er war jetzt unangenehm nah. Nah genug, dass sie die Hitze seines Pferdes an ihrem Bein spürte.
„Man nennt mich Catriona.“
„Ein guter, schöner Name, aber einer, den ich noch nicht zuvor gehört habe. Er macht mich neugierig auf seine Herkunft. Vielleicht könnten wir in den Wäldern dort drüben einen Spaziergang machen und darüber reden.“ Er lehnte sich von seinem Sattel herunter, um mit der Rückseite seiner behandschuhten Finger ihre Wange zu streicheln.
Sie achtete darauf, nicht zurückzuweichen, obwohl sie Rorys Eifersucht auf ihrer anderen Seite wie eine greifbare Kraft spüren konnte. „Das täte ich wahrlich sehr gern“, sagte sie. „Aber ich fürchte, wir müssen schnell weiter Richtung Schloss.“
„Wieso die Eile, kleine Cat?“
„Der König hat verlangt, dass wir kommen.“ Das war nur zum Teil eine Lüge. „Es scheint unklug, ihn warten zu lassen.“
„Gewiss richtig“, sagte Brims. „Aber der König ist jung und mit den Vorbereitungen der Festivitäten beschäftigt. Ich bin sicher, dass ihm einige Minuten Verspätung nicht auffallen werden. Begleitet mich“, befahl er und streckte eine Hand nach ihr aus.
Aber in diesem Augenblick schwang die winzige Tür hinter ihr auf.
„Und was ist mit mir?“, krächzte eine Stimme so melodiös wie ein quietschendes Wagenrad. „Ich habe einen hübschen Namen. Würdet Ihr nicht gerne über den reden?“
Der Lieutenant fuhr unabsichtlich zurück, während sein Blick auf das Gesicht fiel, das von der schmalen Tür umrahmt wurde. Catriona wusste, was er sehen würde – Augen so schwarz wie Kohle in einem zahnlosen Gesicht, das aussah wie ein verdorrter Apfel.
„Sprecht“, befahl die alte Frau. „Oder hat meine Schönheit Euch verzaubert?“
Der Lieutenant starrte sie einen Moment lang an, dann lachte er. „Ich bin in der Tat recht verdutzt. Und wie ist wohl Euer Name?“
„Mein Name ist Geht Uns Zum Teufel Nochmal Aus Dem Weg Ehe Ich Einen Zauber–“
„Großmutter!“, unterbrach Cat schnell. „Dieser Gentleman sorgt lediglich dafür, dass wir sicher zum Schloss gelangen. Es wäre besser, wenn du dich ausruhtest, bis wir dort ankommen.“
„Aye“, sagte der Lieutenant, aber seine heitere Laune schien getrübt und sein Blick wand sich nicht von der Türöffnung ab. „Zieht Euch zurück, Alte. Eure Enkelin wird nur eine kurze Weile fort sein, es sei denn–“
„Sie wird gar nicht weggehen!“, stellte Rory klar und sprang auf, seinen Dolch bereits in der Hand.
Hinter ihm blitzte eine Bewegung auf. Etwas hob und senkte sich, und plötzlich fiel Rory wie eine Lumpenpuppe über den Sitz.
Von der anderen Seite des Wagens lächelte der schmalgesichtige Soldat herüber, während sein Ross auf der Stelle tänzelte.
„Schon so bald zurück, Wickfield?“, fragte Brims trocken.
„Ich sagte Euch, dass man sich etwas um sie kümmern müsse, Sir.“
„Und jetzt denkt Ihr ans Teilen, nehme ich an.“
Der Soldat zuckte mit den Schultern und grinste sie weiterhin an. „Wenn es ein Bankett gibt …“
„Nun gut“, sagte Brims und streckte eine Hand nach ihr aus.
Catriona trat rasch beiseite, aber Rorys lascher Körper verhinderte ihren Rückzug. „Ich entschuldige mich für meine Eile, edle Herren“, sagte sie. „Aber wahrlich, der König erwartet meine unmittelbare Ankunft. Ich wage es nicht, ihn zu enttäuschen.“
„Ihr solltet nicht wagen, mich zu enttäuschen“, warnte Brims, streckte sich und packte ihren Ärmel.
Die Zeit für Schläue war vergangen.
Catriona schlug die Zügel auf den Rücken der Stute und rief einen Befehl.
Der Cob sprang vorwärts und brachte den Wagen in Bewegung.
Catriona wurde nach hinten gerissen, aber der Griff des Hauptmanns löste sich und plötzlich war sie frei und flog die Straße hinunter aufs Schloss zu. Ihr Herz donnerte wie die wilden Hufschläge der Stute.
Hinter ihr bellten und fluchten die beiden Männer. Neben ihr rutschte Rory mit jedem Stoß näher an das wirbelnde Wagenrad heran.
„Flieg!“, rief sie der Stute zu, fuhr zur Seite herum und packte Rorys Kragen. Sie zog beim nächsten Stoß und riss ihn zu sich. Er prallte gegen ihre Beine, warf sie beinahe um, aber sie behielt das Gleichgewicht, packte die Zügel mit beiden Händen und drängte das Ross voran.
Die Stute war flink und mutig, aber Müdigkeit und ihre Last waren gegen sie. Catriona sah, wie Brims Ross sich langsam vorwärtsbewegte und seine Hände in Sicht kamen. Sie rief erneut, aber das Rennen war bereits verloren. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg.
Etwas streifte ihre Schulter und sie drehte sich zur Seite, bereit für den Kampf, aber sie sah lediglich einen geschwärzten Kessel mit langem Griff. Sie riss ihn ihrer Großmutter aus den Händen, ließ die Zügel fallen, sicherte sie mit einem Fuß und machte sich bereit.
Eine weitere Sekunde … Eine noch … Brims’ Kopf war beinahe in Sicht – fast da. Cat wartete einen weiteren Augenblick, dann holte sie aus.
Heiße, pochende Panik durchfuhr Catriona, aber ihr Schlag klang richtig. Der Kessel donnerte wie eine Keule gegen Brims’ Stirn. Sein Kopf kippte nach hinten und sein Körper folgte. Er glitt von seinem Ross und war außer Sicht.
„Cat!“, kreischte die Großmutter.
Catriona drehte sich nach rechts, den Topf bereit für den nächsten Angreifer, aber in diesem Augenblick riss der Mann namens Wickfield sie von den Füßen. Der Topf schlug gegen die Seite des Wagens und betäubte ihre Finger, ehe er ihr aus der Hand fiel.
Sie wurde über den Sattel gerissen und die Kraft der hohen Geschwindigkeit presste ihr die Luft aus den Lungen. Unter den galoppierenden Hufen des Rosses verschwamm der Boden. Catrionas Beine hingen auf einer Seite des Pferdes und sie kämpfte um Halt, hielt sich mit einer Hand im Hemd ihres Angreifers fest, mit der anderen in der Mähne.
„Das nenne ich ein gutes Mädel“, knirschte Wickfield, seinen Arm fest um ihre Taille geschlossen. „Es ist am besten, zu wissen, wann Ihr besiegt seid.“
Sie konnte das Messer an ihrer Taille nicht erreichen. Konnte nicht … Plötzlich bemerkte Catriona, dass ihre Finger um einen Zügel geschlossen waren. Instinktiv zog sie daran.
Sie hatte nur einen Moment, nur einen winzigen Augenblick, ehe das Pferd strauchelte, aber sie war bereit. Während Wickfield darum rang, die Zügel zu richten – in der Sekunde, in der ihm bewusst wurde, dass sie fallen würden – riss sie ihre Beine unter sich und stieß sich vom Rücken des Pferds ab.
Sie prallte hart auf die Erde und überschlug sich, und als sie sich erhob, sah sie, dass das Pferd das Gleiche getan hatte, Wickfield aber nicht. Stattdessen lag er da, hielt sich den rechten Oberschenkel, fluchte und schwor mit abgehackt klingender Stimme Rache.
In diesem Augenblick hörte sie das Hufgetrappel. Sie drehte sich zu dem Lärm um, während ihr das Herz bis zum Halse schlug. Pferde donnerten heran und ein Dutzend uniformierter Männer war einen Moment später bei ihr. Der nächststehende Reiter warf sich von seinem stahlgrauen Pferd.
Soldaten! Und sie hatte zwei von ihnen verletzt!
Catriona wich zitternd einen Schritt zurück, während der Soldat näherkam. Von der Sonne hinter ihm erleuchtet, erhob er sich über ihr wie eine Burgmauer. Es gab gegen ihn und seine Männer keine Hoffnung. Es sei denn … Wickfields Pferd stand noch immer hinter ihr, und es schien unverletzt. Wenn sie es so weit schaffen könnte, hätte sie vielleicht eine Chance das Schloss zu erreichen und sich James’ Gnade zu unterwerfen.
Aber sie musste sich geschickt anstellen.
„Bitte, guter Herr …“ Sie musste das Zittern in ihrer Stimme nicht vortäuschen. Fürwahr, ihre Knie drohten einzuknicken. „Ich hatte nichts Böses im Sinn. Ich bin lediglich ein armes, unschuldiges, reisendes Mädel–“
Er streckte eine Hand nach ihr aus und sie reagierte ganz und gar nicht wie ein armes, unschuldiges Mädel, sondern wie eine Akrobatin, die seit ihrer Kindheit trainiert worden war. Ihre Ferse traf sein Gesicht, als sie sich rückwärts überschlug, und sein Kopf knickte zur Seite weg. Sie erhob sich mit einem Ruck, aber da schloss sich bereits mit unlösbarem Griff eine Hand um ihren Arm. Sie wurde auf ihn zu gerissen, sodass sie von Angesicht zu Angesicht standen, nur wenige Zoll voneinander entfernt. Enttäuschung und Wut kochten in ihr, dann spuckte sie ihn an, wie eine Katze am Ende ihrer List.
Der Speichel traf ihn direkt auf seine Wange. Sie fühlte, wie er sich anspannte, spürte seinen Zorn.
Und dann nickte er.
„Catriona“, sagte er.
„Hawk?“ Sie hauchte seinen Namen, sicher, dass sie sich irrte. „Sir Hawk?“
„Aye.“ Seine riesige Hand, die ihren Oberarm gepackt hatte, lockerte sich, aber der Muskel in seinem Kiefer tat es nicht. Kurz vor seinem linken Ohr begann eine Schwellung hervorzutreten, wie ihr auffiel. „Galloway hat mich informiert, dass da ein Mädel vom fahrenden Volk sei, das vielleicht mit Lieutenant Brims aneinandergeraten könnte. Also kam ich um …“ Er blickte zur Seite, sah den Mann am Boden und die reiterlosen Pferde. „Sie zu retten.“ Er seufzte und seine Haltung wurde etwas weniger angespannt. „Ich habe Euch nicht erwartet, Catriona. Mein Fehler, wie ich sehe.“
„Nay, ich hatte nicht vor zu–“
„Sir Hawk!“ Brims stolperte heran, seine Stimme atemlos und kratzend, seine Nase violett und geschwollen inmitten seiner sonst so attraktiven Züge. „Es ist nicht so wie es scheint. Ich sah diese Truppe Richtung Schloss reisen. Wissend, dass sie Zigeuner sind, fürchtete ich, dass sie dem König übelwollten. Deswegen setzte ich sie fest.“
Sir Hawk ließ Catrionas Arm los und blieb einen Moment lang absolut regungslos stehen. „Und Eure Männer?“, fragte er ruhig.
„Was?“
„Der Rest Eurer Männer – wo sind sie, Sir Brims? Wissend, dass Ihr es mit wilden Zigeunern zu tun habt, habt Ihre Eure Männer da nicht in der Nähe gehabt, damit das Mädel Euch nicht überwältigt?“
„Ich …“ Sir Brims hielt einen Augenblick inne, um seinem gestürzten Kameraden einen Blick zuzuwerfen, aber Wickfield starrte nur mit aschfahlem Gesicht vor sich hin, während er sein verletztes Bein hielt. „Ich sah, dass es nur wenige waren, also dachte ich, es sei sicher, meine Männer auf ihre Posten zurückzuschicken.“
Stille.
„Aber?“
„Was?“
„Aber was ist passiert?“
Sir Hawk hatte sich kaum verändert, seit Catriona ihn vor beinahe zwei Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Kantiger Kiefer. Bogenförmige Nase. Vielleicht etwas mehr Silber in seinem Haar. Eine neue Narbe zog sich schräg über sein Kinn, aber seine Stimme war dieselbe: tief und gleichmäßig, als ob er jedes Wort sorgfältig abwägte, ehe es ausgesprochen wurde. „Was lief schief, Sir Brims? Ich würde meinen, Ihr wäret in der Lage, ein Mädel zum Schloss zu geleiten, ohne dass Wickfield sich ein Bein und Ihr Euch die eigene Nase brecht.“
„Gebrochen!“, krächzte er, bedeckte sie mit einer Hand, während er mit der anderen sein Schwert packte. „Verdammte–“
Catriona sah nicht einmal, wie Sir Hawk sich bewegte. Es schien beinahe, als hätte sich das blaue Wams des Lieutenants aus freien Stücken in Hawks Fingern verwickelt. Als ob es Brims wäre, der seine Brust ganz nah an Hawks Faust heranpresste.
„Ich bin zu alt, um an solch wilden Zurschaustellungen von Zorn Gefallen zu finden“, sagte Hawk sanft. „Deshalb warne ich Euch jetzt. Nicht nur bin ich Lady Catriona persönlich Dank schuldig, sie ist außerdem eine Freundin Seiner Majestät King James, also eine Freundin von Schottland. Versteht Ihr mich?“
„Aye. Aye, Sir Hawk.“
„Gut. Dann lasst uns fortfahren.“ Hawk lockerte seine Finger und ließ das Wams des Lieutenants aus der Hand gleiten. „Was ist hier passiert?“
Brims räusperte sich, erlaubte sich einen flüchtigen Blick in Catrionas Richtung und sprach deutlich: „Ich habe die anderen nach Blackburn geschickt, wie ich sagte, aber ich wollte nicht, dass die Lady allein reist. Deshalb–“
„Allein?“, fragte Hawk und blickte sie an.
„Nicht ganz allein“, sagte sie rasch und wünschte sich, dass sein Blick sie nicht so durchbohren würde. „Großmutter und Rory sind bei mir.“
„Was ist mit den anderen?“
Sie weigerte sich, ihren Blick abzuwenden, obwohl es schwer war. „Sie hatten nicht die Absicht, die lange Reise in den Norden zu unternehmen, und haben sich stattdessen mit der Familie zusammengetan.“
„Auch der junge Lachlan?“
„Aye.“
„Ich hätte nicht gedacht–“
„Sir Hawk“, unterbrach Brims, ungeduldig und offensichtlich unter Schmerzen. „Ich fürchte, wir haben die Stoßrichtung der Unterhaltung verloren.“
Hawk drehte sich langsam wieder zu seinem Lieutenant um, sein Ausdruck unergründlich. „Und was ist die Stoßrichtung, Brims?“
„Ich habe lediglich angeboten, die Lady nach Blackburn zu begleiten, mehr nicht.“
Hawk wandte ihr wieder seine Aufmerksamkeit zu. Ihre Blicke trafen sich.
Die Erinnerung erschütternder Furcht überschwemmte Catriona. Aber mit ihr kam das Wissen, dass sie hier die Außenseiterin war. Sie konnte es sich kaum leisten, Ärger in den Reihen zu verursachen. Dennoch, wenn sie keine Gerechtigkeit bekommen konnte, würde sie wenigstens die Wahrheit sagen. „Das war es nicht, was er angeboten hat“, sagte sie sanft.
„Verlogene–“, krächzte Brims, aber Hawk unterbrach ihn mit erhobener Hand.
„Ihr werdet nach Blackburn zurückkehren, den fälligen Lohn abholen und schnellstens verschwinden.“
Seine Stimme war tief und ausgeglichen.
„Aber–“
„Und wenn Euer Kopf nicht die Absicht hat, von Eurem Körper getrennt zu werden …“ Hawk beobachtete den Lieutenant mit dem Blick silberner, todernster Augen. „Werdet Ihr fort sein, ehe ich dort eintreffe.“
Einen Moment lang dachte Catriona, dass Brims dagegenhalten würde, aber er straffte sich und wandte sich ab.
Keine Menschenseele sprach. Irgendwo abseits stöhnte ein Mann, aber ob es Wickfield war oder Rory, der wieder zu Bewusstsein kam, konnte Catriona nicht sagen.
„Ich schulde Euch viel, Sir Hawk“, sagte sie sanft.
Er beobachtete sie mit unerschütterlicher Entschlossenheit. „Erinnert Euch daran“, sagte er, „wenn Ihr Blackburn Castle erreicht.“
Cat waren unsittliche Angebote nicht fremd. Sie war eine Roma, sie war jung und sie besaß eine Anziehung auf Männer, die sie nicht erklären konnte, die sie aber vor langer Zeit akzeptiert hatte. Sie hatte schon in zartem Alter gelernt, wie sie Männer entmutigte, ohne ihre eigenen Aussichten zu verschlechtern. Wie man sie beiseiteschob, während man ihnen im selben Atemzug schmeichelte. Aber dieser Mann war nichts als distanziert und respektvoll gewesen, seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten: Als sie vor so langer Zeit nach Blackburn Castle geeilt war, um ihm von der Notlage seiner geliebten Nichte zu berichten. Hatte der Falke sich seitdem verändert? War er geworden wie so viele andere auch?
„Erhofft Ihr Euch etwas von mir, Sir Hawk?“, fragte sie, ihre Stimme vorsichtig und ausgeglichen.
„Aye.“ Er nickte einmal, langsam. „Ich würde Euch bitten, keinen Krieg anzuzetteln, solange Ihr in unserem kleinen Schloss seid“, sagte er und drehte sich auf dem Absatz um. Nein, er hatte sich nicht verändert. Sein Plaid blähte sich und legte sich um seine sehnigen Oberschenkel, als er davonschritt – ein stiller, Kilt tragender Bär inmitten kläffender Schoßhunde.
„Sir Hawk“, sagte sie und nahm all ihren Mut zusammen. „Darf ich um einen Gefallen bitten?“
Er drehte sich wieder um, seine Brauen tief über seine mond- und nebelfarbenen Augen gesenkt. „Schließt der ein, dass sich noch mehr meiner Männer etwas brechen und Blut verlieren?“
Wut durchfuhr sie Funken sprühend. Sie hatte nicht darum gebeten, ein unsittliches Angebot zu erhalten oder umworben zu werden. „Nur wenn die Männer sich als so vermessen herausstellen wie die bisherigen.“
Etwas in seinen Augen veränderte sich beinahe unmerklich – ein Funke Humor, vielleicht, obwohl seine Lippen unbeweglich und ernst blieben.
„Es heißt, dass ein hübsches Gesicht jeden Mann zum Narren machen kann, Mädel.“
„Dann ist es schwerlich meine Schuld, nicht wahr? Denn es ist das Gesicht, das mir gegeben ward.“ Sie fühlte sich plötzlich unbeschreiblich ermattet, viel älter als ihre zweiundzwanzig Jahre. „In Wahrheit hat es mir viel mehr Ärger gebracht als Freude.“
„Fürwahr?“ Er lächelte jetzt, obwohl der Ausdruck ironisch war und flüchtig, als er sich dürftig verbeugte. „Dann muss ich tun, was ich kann, um die Last Eurer Schönheit leichter zu machen, Lady Cat. In welcher Angelegenheit kann ich Euch beistehen?“


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Kapitel 2

Catriona machte einen Schritt in die große Halle hinein. Ihr Herz trommelte in ihrer Brust und ihre Muskeln fühlten sich straff an, wie Messingdrähte, die zu fest auf eine Cister gespannt waren. Aber diese Empfindungen waren nichts Neues, lediglich verstärkt durch die Dringlichkeit dieser spontanen Darbietung.
„Ich kann das nicht tun“, hatte sie gesagt, aber Blackheart hatte nur gelacht. „Die Prinzessin Cat ist sich ihrer selbst nicht sicher? Gewiss nicht. Nay, Ihr werdet mir den jungen König bringen, und wenn Ihr es tut … Nun, die Wiedervereinigung mit Eurem kleinen Bruder wird recht anrührend sein, da bin ich sicher.“
Ein junger Edelmann zu ihrer Rechten bemerkte sie und wandte sich von seiner Unterhaltung mit einer blassen, jungen Frau in Rosa ab. Sein Mund stand offen, aber seine Worte waren verstummt. Das Trinkhorn glitt ihm aus den Fingern und fiel lärmend zu Boden. Um ihn herum wandten sich Köpfe in ihre Richtung. Die Gespräche in der Halle wurden zu Flüstern, dann herrschte Stille. In diesem Augenblick setzte die Musik einer Laute ein, sanft zuerst, dann ging sie auf wie ein musikalischer Mond. Als käme sie aus dem Nichts, erklang die Musik um sie herum.
Sie machte einen weiteren Schritt vorwärts, balancierte auf den Ballen ihrer bloßen Füße. Ein Schritt und noch einer. Weitere Köpfe drehten sich zu ihr um. Ein Weg öffnete sich vor ihr. Sie wirbelte einmal herum, dann noch einmal. Ihr Rock, gemacht aus Stoff so leicht wie Luft und so leuchtend wie Stechpalmenbeeren, wirbelte mit ihr, blähte sich vor dem dunklen, umgeschlagenen Stoff, den sie darunter trug. Sie streckte ihre Arme über den Kopf, tanzte einen Moment lang, dann bog sie ihren Körper vor und stellte sich einen Augenblick auf die Hände, ehe sie wieder auf die Füße fand. Ihr flatternder Rock beschrieb einen durchgängigen Bogen durch die Luft, und als sie landete – voilà – hatte sie einen Kelch in der Hand. Einen Kelch gefüllt mit Wein, und kein Tropfen war verschüttet.
Sie reichte ihn dem nächsten Edelmann und tanzte weiter. Ein Schritt, dann zwei. Aus dem Augenwinkel sah sie das erhöhte Podium in dem riesigen Raum.
Der Rhythmus der Musik jagte dahin. Nicht weit entfernt gab es einen freien Platz zwischen zwei Männern, die auf einer bankartigen Sitzfläche an einem Tisch saßen. Sie sprang leichtfertig in diese Öffnung, ihre Füße klatschten leicht auf das glatte, abgenutzte Holz, als sie sich wieder und wieder drehte.
Im Nu war sie auf dem Tisch. Platten, Salzfässchen, Kelche und Essen drängten sich auf der hölzernen Fläche. Aber es war kein großes Kunststück für sie, das Durcheinander zu meiden, auf der Oberfläche entlang zu tanzen, eine Tarte hochzuheben, mit einem Salto vom Tisch hinunterzuspringen und das Dessert dem nächsten Zuschauer anzubieten. Kein großes Kunststück, umherzuwirbeln, zu tanzen und zu verzaubern, ehe sie zu Füßen des Stuhls des Königs in einem Haufen hauchdünnen Stoffs zusammenfiel.
Die Musik setzte aus. Die Halle war still wie ein Mausoleum. Sie setzte sich langsam auf, hob ihre Arme über ihren Kopf und öffnete sich wie eine Blume der Sonne. Und mit ihrer Bewegung kamen die Vögel, flogen mit zierlichen, gelbgrünen Flügeln vor ihr auf.
Sie beobachtete, wie der König sein sommersprossiges Gesicht zur Decke hob, sah, wie er vor Entzücken kicherte, ehe er sich schließlich zu ihr zurückwandte.
„Lady Cat.“ Seine Stimme war seit ihrem letzten Besuch etwas tiefer geworden, aber die Glätte seiner Wangen zeigte noch die Züge eines Knaben. „Ihr seid zurückgekehrt.“
„Aye.“ Sie erhob sich unter lärmendem Applaus, verbeugte sich tief und lächelte. „Sagte ich nicht, dass ich das würde?“
„Aye. Aber es ist ewig her, und noch länger.“
Sie lachte. „Vielleicht für einen Knaben, aber gewiss nicht für einen König“, sagte sie sanft.
„Bin ich nicht zuerst ein Mensch, und dann ein König?“
„Aye. Das seid Ihr, Eure Majestät“, sagte sie. „Und ein junger Mann, wie ich sehe. Ihr seid doppelt so groß wie bei unserem letzten Zusammentreffen.“
„Ich bin fast zwölf Jahre alt.“ Da war Begeisterung in seiner Stimme. „Mein Geburtstag rückt näher.“
„Tut er das?“ Sie hielt den Atem an und wartete auf seine nächsten Worte.
„Aye. Es wird viel zu Feiern geben. Ihr müsst kommen.“
Sie konnte spüren, wie ihr Herz in trommelnder Erleichterung gegen ihre Rippen klopfte. „Aber, Eure Majestät, ich–“
„Nay, Ihr müsst!“, sagte er. „Ich bestehe darauf. Ihr werdet bei den Festivitäten auftreten.“
Danke dir, Gott. „Ein einfaches Roma-Mädel bei einem solch überschwänglichen Fest? Was wird Euer Rat sagen?“
„Sie werden sagen …“ Er blickte finster drein und warf einen verschmitzten Seitenblick zu Lord Tremayne, seinem ältesten und unnachgiebigsten Berater. „Diese Zigeuner sind der Teufel in Menschengestalt und müssen aus unserer Mitte verbannt werden.“
„Werden sie?“
„Aye. Und ich werde sagen …“ Er hob sein Kinn und wedelte leichtfertig mit der Hand.
„Akzeptiert meine Freunde oder verliert Eure Köpfe.“
„Könnt Ihr das sagen?“, fragte sie und stellte sicher, dass ihre Stimme angemessen ehrfürchtig klang.
Er zuckte mit den Achseln und lehnte sich näher, um zu flüstern. „Oh, aye, ich kann das sagen, aber bisher sind mir noch keine Köpfe entgegengekommen.“
Sie lachte. „Es ist gut, Euch wiederzusehen, Eure Majestät.“
„Sagt, dass Ihr an meinem Geburtstag auftreten werdet.“
„Sonst werde ich meinen Kopf einbüßen?“
Neben ihr schritt Sir Hawk heran und verbeugte sich leicht.
„Warum habt Ihr mir nicht gesagt, dass sie gekommen ist?“, fragte James.
„Vielleicht wusste ich es nicht“, sagte Hawk, aber der König spottete.
„Eine Made könnte dieses Schloss nicht betreten, ohne dass Ihr es wisst. Genauso wenig kann ich atmen ohne Eure Erlaubnis.“
Hawk neigte den Kopf. Die schwarze Feder seiner tiefgrünen Haube wippte. „Ich versuche lediglich Euch zu beschützen, Eure Majestät.“
„Dann würde ich vorschlagen, dass Ihr mich über unsere Gäste informiert“, sagte eine Stimme an Cats Ellenbogen.
Sie drehte sich um. Lord Tremayne sah nicht anders aus als bei ihrem letzten Treffen. Er war ein Mann von unbestimmtem Alter, mit Wangenknochen, die so scharfkantig waren, dass man sich daran schneiden konnte. Er starrte sie mit blassen, wässrigen Augen an und schürzte die Lippen, die mit der ausgetrockneten Farbe seines Gesichts verschmolzen.
„Es ist eine Freude, Euch wiederzusehen, mein Lord“, log sie.
Er hob eine einzelne Braue. „Erklärungen, Sir Hawk“, sagte er, ohne seine Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden.
„Catriona von den Bairds ist eine Freundin vom Clan der MacGowans und eine Freundin des Throns“, sagte Hawk, und seine tiefe Stimme drang nicht über die kleine Gruppe an Zuhörern hinaus.
„Aber ich habe nicht gestattet, dass sie hier anwesend sein darf“, sagte Tremayne. „Deshalb–“
„Wer ist diese Person?“, fragte ein anderer Edelmann, der sich mithilfe seiner Ellenbogen nach vorne drängte. Er war eine gute Hand breit kleiner als Tremayne, obwohl sein erhöhter Körperumfang ihn wesentlich kleiner aussehen ließ. Er rang darum, etwas aus einem Beutel zu befreien, den er an der Seite trug. „Und warum ist sie hier?“, fragte er und kämpfte immer noch mit dem aufsässigen Beutel.
„Meine Vergebung, guter Herr“, sagte Catriona und verbeugte sich behutsam. „Die Schuld für meine unhöfliche Unterbrechung liegt ganz allein bei mir.“
„Es ist …“, begann der Mann, aber just in diesem Moment vermochte er es, seine Drahtbrille heraus zu angeln. Hinter dem gewölbten Glas weiteten sich seine Augen, ehe er blinzelte wie eine geblendete Eule. „Wer ist sie?“, fragte er erneut, aber die Frage war jetzt ein gehauchtes Flüstern.
„Sie ist Catriona vom Clan der Bairds, Eure Gnaden. Manche nennen sie Prinzessin Cat. Das ist nur ein Höflichkeitstitel, denn ihre Herkunft ist bescheiden, es sei denn, Ihr glaubt den wilden Geschichten über Ihre Vorfahren.“ Hawks Stimme war so trocken wie Pergament. „Und Lord Tremayne hat natürlich recht; es hätte ihr nicht erlaubt sein sollen, die königliche Versammlung zu stören. Fort mit Euch“, sagte er und wandte sich dramatisch an Cat.
„Gewiss scherzt Ihr“, hielt ein Edelmann dagegen, der sich durch das Gedränge schob.
Gekleidet in einer senfgelben Kniehose und einem geschlitzten, karmesinroten Wams war er der Inbegriff höflicher Vornehmheit. „Wir können das Mädel schwerlich vor die Tür setzen. Es ist praktisch mitten in der Nacht. Sie braucht einen Platz zum Schlafen.“ Er griff nach ihrer Hand, verbeugte sich sanft über ihren Knöcheln und schenkte ihnen einen verweilenden Kuss. Wo der Herzog untersetzt war und langsam kahl wurde, war dieser Mann schmal und veredelt, mit hübschen Zügen und perfekten Zähnen. „Marquis de la Faire“, stellte er sich vor. „Aber Ihr dürft mich Boswell den Schönen nennen.“
„Ich sagte nicht, dass wir sie vor die Tür setzen“, beharrte der kurzsichtige Herzog. „Ich habe lediglich gemeint …“ Einen Moment lang bemühte er sich um Worte und vielleicht auch darum, Luft zu bekommen, dann sagte er: „Schließlich wollen wir nicht, dass man den König für lieblos hält.“
„Aber was ist mit seiner Sicherheit?“, fragte Hawk.
„Sicherheit!“, spottete der korpulente Mann und wandte seinen Blick mit einem schwerfälligen Seufzen wieder zu Catriona. „Welch Unheil kann ein winziges Mädel schon anrichten? Und solch ein …“ Er hielt inne, während er sie genauer betrachtete – ihr Gesicht, ihr Mieder, eng verschnürt, damit alles an seinem Platz blieb, ihre Taille und dann hinab zu ihren Händen, die sie unter ihren geschlitzten rot-schwarzen Ärmeln verschlungen hielt. „Solch ein zierliches Ding noch dazu.“
Sie hatte sich gerade vom Tisch in ihre Mitte hinein katapultiert. „Zierlich“ schien keine passende Beschreibung zu sein, aber Catriona gehörte nicht zu jenen, die dagegenhielten, wenn die Dinge sich zu ihren Gunsten entwickelten.
„Aye“, sagte Sir Hawk, und sein trockener Tonfall unterstellte, dass er weder Wickfields Stöhnen, noch die violette Nase seines Lieutenants vergessen hatte. „Sie ist wahrlich ein zierliches Mädel.“
„Ihre Gestalt ist vollkommen“, sagte de la Faire.
Sie lächelte und versuchte, die Versammlung von Lords und Ladies zu erfassen, die näher drängten, um eine bessere Aussicht zu haben.
„Wäre mir die Herzlichkeit auf Blackburn Castle bewusst gewesen, wäre ich eher gekommen“, sagte sie.
„Ihr seid noch nie in unserem schönen Schloss gewesen?“, fragte de la Faire.
„Vor langer Zeit“, sagte sie. „Und da auch nur für einen kurzen Besuch.“
„Dann muss ich Euch herumführen“, sagte der Franzose.
„Ich kenne das Schloss so gut wie jeder andere“, behauptete der bebrillte Herzog. „Deshalb–“
„So sehr ich Eure großzügigen Angebote zu schätzen weiß“, unterbrach Catriona. „Es war eine lange und beschwerliche Reise. Wahrlich, ich wünsche mir nichts mehr als ein Bett und–“
„Ich habe ein Bett“, flötete ein junger Edelmann mit schiefen Vorderzähnen und einem ebenso schiefen Grinsen.
„Und Abgeschiedenheit“, schloss Catriona. Sie ignorierte die niedergeschlagenen Gesichtsausdrücke der sie umgebenden Männer und wandte sich zum König um. „Eure Majestät, ich danke Euch für Eure freundliche Audienz.“
Er erhob sich mit der schwungvollen Energie der Jugend aus seinem Stuhl. „Sagt mir, dass Ihr bleibt und an meinem Geburtstag auftretet.“
Sie wandte ihren Blick zu Tremayne und seinem kurzsichtigen Gegenüber. „Ich habe nicht die Absicht, unter Euren treuen Beratern Groll zu verursachen.“
„Nay, nay“, summte Lord Augenglas. „Es ist ein königliches Ersuchen. Was können wir tun, als ihm zu entsprechen?“
Tremayne sagte nichts.
„Dann stimme ich bereitwillig zu“, sagte Cat.
„Ich habe mich in der Reitkunst geübt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte James.
Einen Moment lang fragte sie sich, was er meinte, aber dann erinnerte sie sich an ihre gemeinsame Zeit – an das ernste Bemühen des jungen Königs, während er versuchte, ein paar der einfacheren Tricks zu lernen, die sie ihm gezeigt hatte.
„Das müsst Ihr vorführen, wenn wir das nächste Mal reiten.“ Sie machte einen Knicks. „Meinen Dank, Eure Hoheit“, sagte sie und wandte sich ab.
„Dann werde ich Euch gewiss wiedersehen“, sagte der Herzog, der ihr hinterher wankte.
Ehrlich gesagt hing das davon ab, ob er seine Brille zur Hand hatte.
„Darf ich Eure Gemächer sehen?“, fragte der Franzose, während andere ihn von hinten bedrängten.
„Sir Hawk hat mir versprochen, mich zu geleiten“, sagte sie und warf dem riesigen Soldaten einen Blick zu.
Er hob ob ihrer Lüge leicht eine Augenbraue, trat aber mit einer Verbeugung vor.
„Vergesst mich nicht, wenn ihr eine Führung wünscht“, sagte de la Faire.
„Wie könnte ich?“, fragte sie und schob ihre Hand in Sir Hawks Armbeuge.
Unter ihren Fingern erwachten Muskeln zum Leben, die von Zeit und Kampf veredelt worden waren, als er sie durch die dicht gedrängte Menge führte.
„Beklagt Ihr wieder den traurigen Umstand Eurer Schönheit?“, fragte er leise, ohne zu ihr herabzublicken, während er die schwere Tür zur Halle öffnete.
Sie lächelte und nickte einem jungen Edelmann zu, der ein Knie anwinkelte und sich vor ihr verbeugte. „Ich habe lediglich gesagt, dass sie mir mehr Ärger bringt als Freude“, erinnerte sie ihn. „Ich habe nicht gesagt, dass ich zu stolz sei, sie einzusetzen.“
„Dann verwendet sie zu Eurem größten Vorteil, Mädel“, sagte er, „denn die Festivitäten des Königs beginnen in weniger als zwei Wochen. Und ich bezweifle, dass Tremayne Eure viel beklagte Schönheit danach noch dulden wird.“
„Vierzehn Tage!“ Die Worte blieben ihr im Halse stecken.
„Aye.“ Er warf ihr einen schneidenden Blick zu. „Stimmt etwas nicht?“
„Nay. Es ist nur so, dass es so viel zu planen gibt, wenn ich eine so große Versammlung unterhalten soll. Kostüme, Tricks …“
„Eure Darbietung heute Abend war recht eindrucksvoll.“
Sie konnte nicht sagen, ob er sich auf ihre Akrobatik oder ihre Unterhaltung danach bezog, aber seine nächste Aussage beantwortete ihre unausgesprochene Frage.
„Die Catriona, an die ich mich erinnere, war nicht so hinterhältig.“
„Damals war ich jünger.“ Viel jünger. Fürwahr, sie fühlte sich so alt wie die sich windenden Steinstufen, die sie hinaufstiegen. „Hat es etwas so Entsetzliches, bei der Feier eines Königs auftreten zu wollen?“
„Ganz und gar nicht. Aber Ihr hättet einfach fragen können.“
„Wen? Euch oder Lord Tremayne?“
Er erkannte ihren Standpunkt mit einem einfachen Nicken an. „Ihr habt Glück, dass der Herzog von Ramhurst nicht gänzlich blind ist, sonst hätte Eure List durchaus fehlschlagen können.“
Sie lachte, als sie die Tür der Gemächer erreichten, die ihr zur Verfügung gestellt worden waren. „Es ist gut, wenn ich meine manipulativen Muskeln von Zeit zu Zeit trainiere.“
„Ich fürchte, ich verstehe nicht.“
„Das liegt daran, dass Ihr kein Unterhalter seid.“
„Stimmt. Ich bin nichts als ein–“, setzte er an, dann drehte er sich überrascht um, als ein Paar Grünfinken die Treppen hinauf und auf sie zu flatterten. Sie huschten auf ihre Schulter zu und setzten sich, aber sie öffnete die Tür und scheuchte sie hinein. „Was sagtet Ihr?“
„Ich sagte, dass ich nur ein ängstlicher, alter Krieger bin.“
„Falsche Bescheidenheit, Sir Hawk?“, fragte sie.
„Schmerzliche Bescheidenheit“, gab er zurück.
„Ich glaube, Ihr unterschätzt Euch“, sagte sie und sah durch ihre Wimpern zu ihm auf.
„Und ich glaube, Ihr solltet jüngeres Wild suchen, an dem Ihr Eure Jagdfähigkeiten verfeinern könnt.“
Sie lachte laut und zog ihre Finger von seinem Arm. Ihre Knöchel streiften seine Brust, und einen Augenblick lang dachte sie beinahe, sie habe ihn scharf einatmen gehört. „Ich glaube, Ihr würdet einen guten Unterhalter abgeben, Sir Hawk. In Wahrheit ist die Fähigkeit, sein Publikum einschätzen zu können, eine wichtige Eigenschaft. Es scheint, Ihr würdet Euch in dieser Hinsicht gut schlagen; und Ihr würdet mit Eurem erbitterten, finsteren Blick recht verwegen aussehen. Vielleicht ein ausladender Umhang, um das dramatische Schauspiel zu verstärken. Aber …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Mistress Hawk könnte daran Anstoß nehmen.“
Er sagte nichts.
Sie räusperte sich und beäugte ihn misstrauisch. „Vielleicht kennt Ihr die Regeln dieses Spiels nicht“, sagte sie. „Ich frage, und das recht subtil, wenn ich das hinzufügen darf, ob Ihr verheiratet seid.“
„Marcele ist vor etwa fünfzehn Jahren gestorben.“
„Oh.“ Unvermittelt fühlte sie sich sehr närrisch und ziemlich unreif. „Meine Vergebung.“
Die Stille breitete sich auf unbehagliche Weise aus.
„Es war eine arrangierte Heirat zwischen ihrer Familie und Lord Beaumont.“
„Einem Franzosen?“
„Er war einige Jahre lang mein Lehnsherr.“
„Und Ihr habt ihn mit Euren Fähigkeiten und Eurer Ergebenheit beeindruckt.“
Er leugnete es nicht. „Ich hätte mich weigern sollen. Sie war …“, begann er, dann hielt er inne.
„Was?“
„Zerbrechlich“, sagte er. „Sie starb, während sie mein Kind im Leib trug.“
„Also habt Ihr keine Kinder … abgesehen vom König, natürlich.“
„Mit solcherlei Reden könntet Ihr dafür sorgen, dass ich den Kopf verliere, Mädel“, warnte er trocken.
„Ich meinte lediglich, dass vermutlich nicht viele Wachen eine solche Nähe zum jungen James teilen.“
„Der Weg eines alten Soldaten, seine Jugend zurückzuerobern, schätze ich.“
„Wie alt?“
Er hob leicht amüsiert seine Brauen. „Ich hoffe, das Zimmer ist zu Eurer Zufriedenheit, Lady Cat.“
„Ihr habt keine Absicht, mir zu antworten?“
„Recht scharfsinnig für einen Säugling, der gerade aus den Windeln heraus ist.“
Sie starrten einander einen Moment lang schweigend an. Eine seltsame Art atemloser Spannung stahl sich über sie. Sie ließ ihren Blick sinken.
„Mein Dank, dass Ihr mich vor Lord Tremayne gerettet habt. Es scheint, als habe er nichts für mich übrig“, sagte sie schließlich.
„Gerettet?“ Sein Ausdruck bekam etwas leicht Überraschtes. „Ich hatte gehofft, Euch von Blackburn zu vertreiben, ehe Ihr noch mehr Schwierigkeiten macht. Unglücklicherweise fand der Herzog von Ramhurst seine Brille zu schnell.“
Sie wusste, dass es weise wäre, das seltsam lustvolle Kribbeln zu ignorieren, das sein aus dem Stand gemachtes Kompliment verursacht hatte. „Was beweist, dass alles so passiert, wie es passieren soll“, sagte sie.
„Oder dass Alter nicht vor Torheit schützt.“
„Wie alt?“, fragte sie erneut.
„Der Herzog? Zu alt für Euch“, sagte er.
„Und Ihr?“
„Er ist entschieden zu alt für mich.“
Sie lächelte, dann wurde sie ernsthaft. „Noch einmal meinen Dank, Sir Hawk.“
„Meine Schuld ist zu lange unbeglichen gewesen“, erinnerte er sie.
„Das stimmt nicht.“ Sie blickte zum nahegelegenen Fenster und erinnerte sich an das erste Mal, als sie ihn getroffen hatte. „Es war leicht, nach Blackburn zu eilen und Euch mitzuteilen, dass Rachel und ihr Liam in Schwierigkeiten geraten waren. So viel habe ich ihnen mindestens geschuldet. Liam hat mir einiges an Fingerfertigkeit beigebracht und Rachel … Rachel war eine Heilige; und eine Freundin, als ich eine Freundin brauchte.“
„Und sie ist auf ewig meine Verwandte“, sagte er und beobachtete sie immer noch. „Ich stehe in der Schuld ihrer Mutter, Lady Fiona.“
„Wahrlich?“, fragte sie fasziniert. „Der große Falke der Highlands. Es scheint nicht möglich, dass Ihr irgendjemandem etwas schuldet.“
Er neigte den Kopf. Er hatte kein schönes Gesicht, aber es war massiv und männlich, gemeißelt von Zeit und Charakter, mit einer Furche auf beiden Seiten seines Mundes wie verlängerte Grübchen und einer schiefen Nase, die eine bewegte Vergangenheit nahelegte. „Es war eine Zeit, in der ich sogar jünger war als Ihr, kleine Cat.“
„Nay!“, sagte sie und vermochte es, überrascht zu klingen.
„Aye. Lange vor Anbeginn der Zeit natürlich.“
„Ah. Also sagt mir, was Rachels Mutter vor Anbeginn der Zeit für Euch getan hat.“
„Bloß mein Leben gerettet.“
Der gewölbte Flur um sie herum lag in Stille.
„Erzählt mir davon“, sagte sie sanft.
„Ich dachte, Ihr wärt recht erschöpft.“
„Erzählt es mir.“
Er zuckte mit den Achseln und lehnte sich mit einer muskulösen Schulter an die Wand. Seine Bewegung hatte etwas zwanglos Kräftiges, verwoben mit einer ungewöhnlichen, unbewussten Anmut. „Meine Halbschwester nahm mich auf, als ich klein und kränklich war und niemanden hatte, der sich um mich kümmerte. Es war ihre Schwägerin, Lady Fiona, die mich gesund pflegte.“
Sie warf einen Blick auf den Muskel, der unter den Ärmeln seines rostbraunen Wamses anschwoll, dann ließ sie ihren Blick über die Masse seiner Brust zu seinen undurchdringlichen Augen gleiten. „Ihr scherzt.“
„Es gibt jene, die sagen, dass Lady Fiona einen Frosch in einen Prinzen verwandeln könne. Was, wenn man darüber nachdenkt, das Wunder, das sie an mir vollbracht hat, etwas weniger wundersam erscheinen lässt.“
„Also hat Rachel die Heilkunde von ihrer Mutter geerbt.“
„Aye.“
„Und sie ist Eure Verwandte.“
„Tatsächlich ist sie die Tochter des Bruders des Ehemannes meiner Halbschwester.“
„Fast schon Zwillinge.“
Seine Augen lächelten. „Nahe genug, schätze ich, dass sie keinen Wunsch verspürten, mich sterben zu lassen. In Wahrheit bestanden sie darauf, dass ich lebe. Ungeachtet der Tatsache, was meine Lungen davon hielten.“
Es war schwer, ihn sich als Kind vorzustellen, denn er schien die Verkörperung von Männlichkeit zu sein. Während sie ihn anstarrte, stellte sie sich den Knaben vor, der er gewesen war – dunkles Haar, ein düsterer Ausdruck, ein flüchtiger Schatten dessen, was er werden würde. Lachlan nicht unähnlich – brennendes Potenzial in einem winzig kleinen Rahmen. Aber daran würde sie jetzt nicht denken. „Wer sind ‚sie‘?“, fragte sie.
Er hielt einen Augenblick inne, dann richtete er sich auf. „Stimmt irgendetwas nicht, Mädel?“
„Nay.“ Sie ließ ihr Lächeln heller strahlen. „Nichts. Es ist nur … schwer sich Euch als etwas anderes als einen Fels vorzustellen.“
Sein Blick wich nicht aus ihrem Gesicht. „Hat Rory sich erholt?“
„Aye. Kopfschmerzen, nichts Schlimmeres.“
„Und Euer Lachlan. Ist er gesund und munter?“
„Oh, aye. Wenn er noch etwas munterer wäre, müsste ich ihn an das fahrende Volk verkaufen.“
Sie lachte.
„Der junge James wäre froh gewesen, ihn zu sehen.“
„Es war traurig, ihn zurückzulassen. Er ist so gescheit und lästig wie eh, aber ich fürchtete, dass Blackburn nicht genug Vorräte hätte, um seinen Appetit zu stillen. Er isst so viel wie Bear.“
„Also ist auch der Bär zurückgeblieben?“
„Aye. Sie streiten sich wahrscheinlich gerade um Heringspastete.“ Ihre Kehle schnürte sich zu, verstopft von Schrecken und Tränen. Wenn Bear doch nur bei Lachlan gewesen wäre, als Blackhearts Männer ihn im Wald getroffen hatten, würde ihr Bruder vielleicht noch bei ihr sein.
Sie drängte die Furcht beiseite. Jetzt war nicht die Zeit für hilflose Gefühle. Jetzt war die Zeit zu handeln, zu planen, klar zu denken und kühne Taten zu vollbringen. Aber weder dachte sie klar, noch war sie kühn. Sie war verängstigt, verloren und überfordert, aber sie wagte nicht, es zu zeigen – also kämpfte sie sich voran und versuchte, Hawks Aufmerksamkeit abzulenken. „Just ehe ich ihn verließ, gab er mir ein Rätsel auf“, sagte sie. „Wer ist grau bei der Geburt, schön zur Reife und rabenschwarz am Lebensabend?“
Hawk dachte einen Moment nach, sein Blick unerschütterlich. „Der Tag“, schlussfolgerte er. „Dunkel am Morgen. Schön zur Mittagsstunde. Und schwarz in der Nacht.“
„Ein Krieger und ein Gelehrter“, sagte sie.
„Ein zerbrechliches, kleines Kind, das nichts zu tun hat, als den Schelm mit Rätseln zu plagen.“
„Den Schelm?“
„Der Ehemann der Flamme.“
„Die Flamme?“
„Meine Halbschwester.“
„Sie klingen recht faszinierend.“
„Ein lästiger Haufen, entschlossen, die Highlands heimzusuchen.“
Und er verehrte sie. Das war so offensichtlich wie seine stille Stärke.
„Die Heilige Lady, Dugald der Drache, Liam der Ire, Roderic der Schelm, Fiona die Heilerin …“ Er zuckte mit den Schultern.
„Sagt mir, Sir Hawk, gibt es irgendjemanden in Eurer Familie mit einem gewöhnlichen Namen? Einen Arthur oder Malcom vielleicht?“
„Mein christlicher Name ist Haydan.“
Sie nickte. „Haydan der Falke der Highlands“, sinnierte sie. Irgendwie schien das richtig. Aber würde der Falke ihr Verderben sein?


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Kapitel 3

„Wir werden erfahren, wenn Ihr es jemandem verratet. Wir werden es wissen“, flüsterte Blackheart seidig. „Und dann wird der Junge auf eine Art und Weise leiden, die Ihr Euch nicht vorstellen könnt.“
Wie sollte er es erfahren? Wie? Wer war er? Sie nannte ihn Blackheart, aber sie kannte ihn nicht. Wusste nicht mal, ob sie ihn vor ihrer einen, schrecklichen Audienz bei ihm schon einmal getroffen hatte. Aber er war ein Feigling. So viel wusste sie, denn er hatte einen unschuldigen Jungen gefangen genommen und seine Forderungen gestellt, ohne ihr zu erlauben, einmal sein Gesicht zu sehen. Er könnte in diesem Augenblick in Blackburn sein und sie aus der Nähe beobachten.
Die große Halle von Blackburn war erfüllt von Lärm – dem Lachen von Kindern, der Musik eines Psalteriums und hundert Stimmen, die alle gleichzeitig sprachen.
Catriona suchte den hohen Raum ab, während sie ihre Großmutter durch das Gedränge zu einem leeren Platz an einem auf Böcken stehenden Tisch führte. Um sie herum schlenderten Lords, Ladys und Soldaten sowie Diener und Hunde.
Sowans, der schottische Brei aus Hafer und Gerste, dampfte in Töpfen, stand dicht an dicht mit runden Laiben feinen Weißbrots, gebratenem Wildbret und einem Dutzend anderer, verlockender Delikatessen. Ale wurde weitaus bereitwilliger serviert als Milch. Met und Bier flossen reichlich.
Marta setzte sich ächzend auf einen Platz und blickte einen Diener finster an, bis er ihr eine hölzerne Schale und eine beinahe flache Schöpfkelle anbot. Dann war sie damit beschäftigt, Honig in ihren Haferbrei zu rühren und ihr Frühstück zu essen, während Catriona ihren ledernen Krug füllte.
„Erlaubt mir.“
Catriona blickte auf und sah, wie de la Faire ihr mit einem Lächeln das Ale aus der Hand nahm.
„Guten Morgen“, sagte er. „Ich nehme an, Ihr habt gut geschlafen in unserem hübschen Schloss.“
„Aye.“ Das war eine glatte Lüge. Sie hatte kaum geschlafen. „Sehr gut.“
„Und was ist mit Euch, Großmutter?“, fragte er und wandte sein vollkommenes Lächeln mit der Selbstsicherheit der Privilegierten, die zufällig auch anmutig waren, Marta zu.
„Ich bin alt“, murmelte sie und blickte ihn aus ihren Augen, die finsterer waren als die Hölle, wütend an.
„Ihr scherzt.“ Er ließ sein Lächeln noch heller strahlen. „Ihr seht keinen Tag älter aus als–“
„Ich bin älter als die Warzen am Arsch Eures Vaters“, sagte sie. „Und ich habe keine Zeit für Eure–“
„Auch sie hat gut schlafen“, unterbrach Catriona rasch.
„Meines Vaters–“ Er hielt inne. „Woher wusstet Ihr, dass er Warzen hat?“
„Wie ist Euer Name?“, fragte Marta, während sie ihren festen Blick auf den Franzosen gerichtet hielt.
De la Faire blinzelte stutzig, versuchte aber sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. „Ich bin der Marquis de la Faire aus Marseille.“
„Wenn Ihr aus Marseille seid, was tut Ihr dann hier?“
Er lachte, aber es klang nervös, als er seinen Blick zu Cat gleiten ließ. „Mein Vater hat mir aufgetragen, den König um einen Gefallen zu bitten.“
„Warum fragt Ihr dann nicht und verschwindet wieder?“
Er scharrte mit seinen Pantoffeln auf dem Boden. Sie liefen spitz zu, rot auf der einen Seite, weiß auf der anderen. Aber es war der Rest seiner Tracht, der wahrlich atemberaubend war: Eine sonnenblumengelbe Kniehose; ein rotes, großzügig geschlitztes Wams; und eine perlenbesetzte Schamkapsel von der Größe einer Melone. Falls Cat irgendwelche Schwierigkeiten hätte, wachzuwerden, würde es mit diesem Ensemble klappen.
„Ich bin anlässlich des Geburtstags des Königs gekommen“, sagte der Franzose, der dann etwas beschämt aussah. „Vater sagte, es wäre weise, Geschenke mitzubringen.“
„Hmpf“, grunzte Marta.
Catriona beobachtete sie atemlos. Aber als die alte Frau aufsah, war ihr Blick unbestimmt. Sie zuckte mit den Achseln und schüttelte erschöpft den Kopf. Cat wandte sich ab und blickte durch den überfüllten Raum, aber es gab so viele unbekannte Gesichter, zu viele Ungewissheiten. Plötzlich konnte sie nicht länger stillsitzen. Sie erhob sich ruhelos.
„Prinzessin Catriona, es ist gut, Euch wiederzusehen“, sagte der bebrillte Herzog vom vergangenen Abend.
„Catriona.“ Ein weiterer Mann betrat die Runde. „Welch ungewöhnlicher Name. Meine Ehefrau heißt Catlina. Wir sind mit unserer Roberta hier“, sagte er und warf einem blassen Mädchen in Rosa einen Blick zu, das gerade kühn genug war, den Blick vom Tisch zu heben. „Sie wird sich mit Lord Drummond verloben.“
„Ich habe Euren Auftritt gestern Abend genossen“, sagte ein anderer. „Ich muss sagen, ich habe dergleichen noch nicht gesehen.“
„Es war großartig.“
Von allen Seiten drängten Männer heran.
„Ich habe einst das Porträt einer indischen Prinzessin gesehen. Ihr habt eine verblüffende–“
„Ich kann bei all dem Lärm nicht denken“, krächzte Marta. „Bursche!“ Sie ließ ihren teuflisch finsteren Blick zu den Soldaten am Nebentisch schnellen. „Sag ihnen, dass sie still sein sollen.“
Catriona spürte mehr, als dass sie es sah, wie Haydan sich näherte. Obwohl die Höflichkeit verlangte, dass sie ihre Aufmerksamkeit dem Mann zuwandte, der gerade mit ihr sprach, drehte sie sich um, um Hawk zu beobachten. Für einen Mann solcher Größe bewegte er sich mit der leichtfertigen Heimlichkeit eines Jägers.
„Es ist einige Zeit her, dass ich Bursche genannt wurde“, sagte er, sein Blick ruhte auf Martas Verdorrtem-Apfel-Gesicht.
„Alle Dinge sind jung, wenn man sie mit etwas vergleicht. Die Eiche ist nur ein Säugling im Vergleich zur Sonne“, sagte Marta und blickte zu ihm herauf.
Sein Ausdruck veränderte sich nur leicht – obwohl Catriona nicht hätte sagen können, wie. Falten in seinen Augenwinkeln vielleicht.
„Edle Herren“, sagte er und richtete sein Wort an die Schar, die sich näher drängte. „Ich glaube, die Witwe Baird braucht etwas Platz.“
Keine Menschenseele rührte sich.
Haydans linke Augenbraue hob sich um den Bruchteil eines Zolls.
„Monsieur de la Faire“, sagte er und blickte den farbenfrohen Lord an. „Habt Ihr der Lady heute früh nicht eine Führung versprochen?“
Nay, dachte Cat.
„Das habe ich in der Tat“, sagte der Franzose, nahm ihre Hand und legte sie nachdrücklich in seine Armbeuge. „Es wäre mir das größte Vergnügen.“
Er drehte sich um und Cat konnte wenig tun, als sich mit ihm zu drehen. So ließen sie die Menge hinter sich, die sich mürrisch und verärgert zerstreute. Catriona erlaubte sich nur einen einzigen bösen Blick über die Schulter Richtung Hawk, aber der brachte ihr wenig Genugtuung, weil er seine Aufmerksamkeit schon wieder Marta zugewandt hatte.
„So sagt mir, Prinzessin Cat, wovon seid ihr die Prinzessin, abgesehen von meinem Herzen?“, fragte der Franzose und lehnte sich näher.
Catriona blickte verstohlen nach rechts. Zwei Männer standen neben der großen Flügeltür der Halle und beobachteten sie. Sie sah, wie sie ihre Köpfe zusammensteckten und horchte aufmerksam, während sie sprachen. Sie hörte nicht darauf, was sie sagten, sondern auf den Klang ihrer Stimmen, ihren Tonfall. Aber da war nichts Vertrautes. Nichts schnurrend Seidiges. Keine Anspielungen auf irgendeinen Mann.
„Lady?“
„Verzeihung?“
„Wovon seid ihr die Prinzessin … abgesehen von meinem Herzen?“
Es klang das zweite Mal nicht ganz so romantisch, offensichtlich nicht einmal für den Franzosen selbst, denn er zuckte leicht zusammen, als er es sagte.
„Oh. Nichts.“ Im Flur außerhalb der großen Halle sprachen drei Männer und eine elegante Lady miteinander. Cat beobachtete sie, bis sie vorübergingen.
„Ihr seid die Prinzessin von nichts?“
„Es ist lediglich ein Titel, den ich verwende, um die Menge anzulocken.“
Er starrte sie aus zu großer Nähe an. „Das kann ich schwerlich glauben.“
„Und wieso das, guter Herr?“ Der Flur öffnete sich zu beiden Seiten. Sie prägte sich ein, wie sich die Decke über ihnen wölbte und wo sich die nächste Tür befand.
„Mit Eurem Gebaren und Eurer … nun …“ Er lehnte sich noch näher, vielleicht, weil er dachte, dass ihr noch nicht aufgefallen war, wie unfassbar gerade seine Zähne waren. „Ich glaubte, der erste Anblick Eures Gesichts würde den Tod des armen Herzogs von Ramhurst bedeuten.“
„Sagt Ihr, ich sei hübsch?“, fragte sie.
Er warf seinen Kopf zurück, lachte und drückte sich dann wieder nah an sie. Sein Arm schlug gegen ihre Brust. „Ich werde einige Zeit brauchen, um mich an Eure Offenheit zu gewöhnen“, sagte er. „Aber aye, ich sage, dass Ihr bar jeder Beschreibung atemberaubend seid. Magisch. Augen wie eine schläfrige Wildkatze. Haare wie …“ Er suchte mit einer wedelnden Bewegung seiner blassen Hand nach Worten. „Wie Sternenlicht und Mondschein und vergoldete Mitternacht, alle miteinander vermengt.“ Er berührte eine eigensinnige Strähne des lockigen, widerspenstigen Haars, das ihr bis über die Schultern fiel. „Nie zuvor habe ich dergleichen gesehen. Es ist bezaubernd vor Eurer seidenen Haut.“ Er grinste über seine eigene Poesie. „Ihr könntet als königlich durchgehen.“
Eine gewölbte, eisenbeschlagene Tür war in die Steinmauer zu ihrer Linken eingelassen. „Ihr haltet meine Züge also für ein direktes Ergebnis meines königlichen Erbes? Und falls meine Eltern ein wandernder Barde und eine Korbflechterin gewesen sind, wäre ich hässlich wie ein flohgeplagter Hund?“
Er lachte. „Ich gestehe, dass ich Schwierigkeiten habe, mir vorzustellen, dass die Tochter eines Barden und einer Flechterin so bezaubernd ist wie Ihr.“
„Dann ist Eure Vorstellungskraft etwas kurzsichtig, Sir“, sagte sie. „Denn genau das waren meine Eltern.“
„Ihr scherzt.“
„Das tue ich nicht.“
„Dann muss Eure Mutter eine blendende Korbflechterin gewesen sein, wenn sie eine Tochter geboren hat, die so außergewöhnlich ist wie–“
„Was befindet sich hinter dieser Tür?“, fragte sie.
Er blickte auf, war abgelenkt. „Die Witwe Charmain weilt dort. Seit dem Tod ihres Ehemannes ist sie so viel …“ Er hielt inne und grinste zweideutig. „Unterhaltsamer.“
„Oh. Und diese dort?“
„Sir Guy. Wo kommen Eure Leute ursprünglich her?“
„Es heißt, dass meine Familie aus einem Ort namens Khandia stammt, den sie vor vielen Jahren in einer Zeit des Aufruhrs verließen.“
„Aufruhr?“
„Es scheint, die Bauern waren des Verhungerns überdrüssig und stürzten die königliche Familie.“
„Deswegen also sind sie geflohen?“, hauchte er ehrfürchtig.
„Aye“, sagte sie. „Um dem Verhungern zu entgehen.“
Er lachte. „Oder um den Bauern zu entgehen.“
„Vielleicht sieht jedes Mädel in Khandia so aus wie ich.“
„Dann ist Khandias Verlust mein Gewinn“, sagte er und bedeckte ihre Hand mit seiner.
Sie zog die Hand weg und zeigte auf die Schnörkel über einer besonders breiten Tür. „Welch prachtvolle Verzierungen. Was liegt dahinter?“
„Kommt und seht.“
Sie folgte ihm hinein und holte Luft. „Welch Herrlichkeit“, sagte sie und starrte die Decke an, die mit Putten, Engeln und Pferden mit wallenden Mähnen bemalt war.
„Aye. Es ist herrlich“, sagte der Marquis. „Aber wenn man königlich ist …“ Er zuckte mit den Achseln und grinste sie an. „James IV. entspannt sich oft hier. Aber königliche Gäste sind ebenso willkommen.“
„Es ist ein wohltuender Ort“, sagte sie und ging zu einem Fenster, um hinauszuschauen. Unter ihr hieß ein kleiner Garten die Ankunft des Frühlings willkommen.
„Meine Gemächer sind wohltuend“, raunte er ihr ins Ohr.
Sie drehte sich unvermittelt um und stellte fest, dass er ihr praktisch auf der Schulter saß.
„Meine Gemächer sind nicht ansatzweise so groß wie die in Marseille, aber sie sind trotzdem recht hübsch. Dort träume ich nachts von Euch.“
„Monsieur“, sagte sie, und bemühte sich, zugleich scheltend und kokett zu klingen, obwohl sie ihn in Wahrheit von Raum zu Raum zerren und Beschreibungen der Bewohner vom ihm verlangen wollte. „Wir haben uns gerade erst kennengelernt.“
„Aye. Aber dieses Kennenlernen hat tausend Träume in Gang gesetzt.“
Sie wandte sich ab und hoffte, dass sie Anmut verströmte, nicht Ungeduld. „Diese Tür dort drüben–“
„Kommt in meine Gemächer. Wir haben Zeit, ehe die Jagd beginnt.“
„Was?“
„Kommt mit mir“, flüsterte er, so nahe, dass sie ihn abschütteln wollte wie einen allzu anhänglichen Hund. „Wir haben noch etwas Zeit vor der königlichen Jagd.“
„Ich fürchte, ich bin immer noch zu müde, um an irgendeiner Jagd teilzunehmen.“
„Das passt perfekt. Ihr könnt Euch in meinen Gemächern ausruhen. Ich teile mir den Raum mit zwei anderen, aber sie werden ganz sicher draußen sein. Wir werden Zeit und Platz haben.“
„Zeit wofür?“, fragte sie und sah ihm direkt in die Augen.
Einen Moment lang schien er sprachlos zu sein, dann sagte er: „Ich denke, das wisst ihr, Prinzessin.“
„Aber ich wüsste es sicher, wenn Ihr es mir sagtet.“
„Ich bin kein armer Mann. Ich könnte Euch viel bieten.“
„Im Austausch wofür?“
Er streckte er eine Hand aus und streichelte ihr Haar. Seine Finger streiften ihren Arm, ehe er eine schwere Strähne an seine Lippen hob. „Eure Gesellschaft“, murmelte er.
„Ihr habt meine Gesellschaft bereits, Monsieur“, sagte sie und zog an der übermütigen Strähne, die um seine Finger gewickelt war, aber er weigerte sich, sie freizugeben. „Warum gebt Ihr mir nicht jetzt eine Belohnung, die Ihr für angemessen haltet, und wir können getrennte Wege gehen?“
Er starrte sie einen Moment lang aus schierer Überraschung an, dann lachte er. „Ich bin solch trefflichen Scharfsinn nicht gewöhnt.“
„Und das ist der Unterschied zwischen uns“, sagte Cat. „Ihr nennt es Scharfsinn, ich nenne es Ehrlichkeit. Aber ich bin Roma, Wanderin von Natur aus und gezwungen dazu. Ich habe keine Zeit für Scharfsinn.“ Es sei denn, er diente irgendwie ihrer Sache.
„Dann werde ich offen sein“, sagte er und wurde auf dramatische Weise ernst. „Ich will Euch in meinem Bett.“ Er zog sie an der mehrfarbigen Strähne ihres Haars näher. „Fürwahr, ich wollte Euch seit dem Moment, in dem ich Euch das erste Mal sah.“
„Der nur wenige kurze Stunden zurückliegt.“
„Das spielt keine Rolle. Ihr seid in meinem Blut.“
„Dann habt Ihr Glück“, sagte sie und schaffte es, ihre Strähnen aus seinem Griff zu befreien und dabei nur ein paar Haare zu verlieren. „Denn auf diese Weise wird ein Teil von mir in Eurem Bett sein, auch wenn der Rest von mir es nicht sein wird.“
„Ihr sagtet, Ihr seid zu erschöpft für die Jagd“, sagte er. „Aber ich sehe, dass das nicht stimmt. Ihr seid lediglich etwas anderem auf der Fährte. Aber das kümmert mich nicht. Tatsächlich–“ Er streckte rasch eine Hand aus und ergriff wieder ihren Arm. „Ich nehme sämtliche Mühen in Kauf, um Euch zu haben.“
Sie lächelte, obwohl der Ausdruck ebenso strapaziert war wie ihre Geduld. „Von mir aus könnt Ihr gehen und–“
„Prinzessin Cat.“ Ein Mann näherte sich von ihrer Linken.
Sie drehte sich mit einem finsteren Blick um, auf dem winzigen Platz zwischen dem Franzosen und der Wand – es fühlte sich etwa so an wie zwischen Hammer und Amboss zu sein. Aber es war gut gewesen, dass sie unterbrochen worden war, denn es schien, als habe sie am Ende die unberechenbare Zunge ihrer Großmutter geerbt.
„Wir sind uns noch nicht begegnet“, sagte der Mann, der gerade eintrat. Er verbeugte sich mit der Anmut eines kleinen Mannes. De la Faire bewegte sich um den Bruchteil eines Zolls fort, so als wolle er eine bessere Aussicht auf den Eindringling haben. „Ich bin Lord Samuel vom Clan der MacKinnons.“ Sein Gesicht war rund, sein Haar so leuchtend wie Kupfer.
„Ich habe nicht die Absicht, Euch zu stören, wenn Ihr anderweitig beschäftigt seid.“
„Nay, ganz und gar nicht“, sagte sie, froh um die Möglichkeit, dem Franzosen zu entkommen und sich an der Wand entlang zum nächsten Fenster zu schlängeln. „Monsieur de la Faire war so freundlich, mich im Schloss herumzuführen.“
„Es ist recht eindrucksvoll, nicht wahr?“
„Aye.“
MacKinnon lächelte verlegen, seine Zähne blitzten hinter seinem kurzgeschnittenen Bart auf. „Ich werde Euch nicht aufhalten“, sagte er. „Ich hatte lediglich die Absicht zu sagen, wie sehr ich Eure Darbietung am vergangenen Abend genossen habe.“
„Habt Dank, mein Lord.“
„Ihr erinnertet mich an meine Töchter, als sie noch winzig kleine Mädchen waren.“
„Ich bin nicht so klein, mein Lord.“
„Nay. Doch von Leben und Kraft erfüllt.“
„Wie geht es Euren Töchtern?“, fragte de la Faire.
„Es geht ihnen gut. Fürwahr, gut.“
„Und Eurer Frau?“
Ein Schatten überflog MacKinnons Stirn. „Aisla ist vor ein paar Monaten gestorben.“
„Das tut mir sehr leid“, sagte der Franzose. „Das wusste ich nicht. Eine Krankheit?“
Ein Augenblick gespannter Stille dehnte sich zwischen den beiden Männern aus.
„Ein Unfall. Ihr Pferd warf sie eines Abends auf ihrem Heimweg ab.“
„Von wo aus kehrte sie nach Hause zurück?“, fragte de la Faire. Aber MacKinnon hatte sich bereits zu Cat gewandt.
„Ich bitte noch einmal um Vergebung dafür, Euch gestört zu haben, Prinzessin.“
„Ich bin nicht wirklich eine Prinzessin“, sagte sie.
„Der Titel passt. Erlaubt Ihr mir, Euch zurück in die Halle zu geleiten? Oder vielleicht in Eure Gemächer?“
Vom Regen in die Traufe, dachte sie. Aber die Traufe sah nicht ganz so nass aus wie der Regen.
„Catriona.“
Sie hob ihren Blick zur Türöffnung und sah, wie Rory auf sie zuschritt.
„Großmutter braucht dich.“
„Großmutter?“ Ihr Herz schlug wild. „Geht es ihr gut?“
„Du kommst besser“, sagte er, aber sie eilte bereits zur Tür, ihren Rock mit einer Hand gerafft.
Rory schritt neben ihr in den Flur hinein und den langen Korridor hinunter.
„Was ist passiert? Ist sie in der großen Halle?“
„Nay. Sie ist in deinen Gemächern. Ich habe ihr dorthin geholfen, als ich sah, dass du nicht in der Nähe warst.“
„Ist es ihr Herz? Bekommt sie gut Luft?“
„Es ist wahrscheinlich Sorge um dich. Wo bist du gewesen?“
„Ich habe das Schloss ausgekundschaftet.“
„Es sah nicht so aus, als wäre das alles, was du ausgekundschaftet hast.“
Sie warf ihm einen Seitenblick zu, während sie die Steinstufen hinab trottete. „Ich habe keine Zeit für deine Eifersucht, Rory.“
„Aber du hast Zeit für den Franzosen und den Laird mit dem runden Gesicht?“, fragte er, aber sie war bereits an der Tür zu ihren Gemächern.
Die Tür öffnete sich knarrend unter Cats zitternden Fingern, dann eilte sie durch den Raum. Marta lag auf der Seite, eine ihrer knorrigen Hände wie ein Kissen unter ihrem gekräuselten Haar. „Großmutter!“ Cat fiel augenblicklich auf die Knie. „Großmutter, was plagt dich?“
Die dunklen, uralten Augen öffneten sich. „Stimmt etwas nicht?“, fragte sie und machte Anstalten sich aufzusetzen.
„Nay. Leg dich hin. Geht es dir besser?“
„Besser?“ Sie sah ihre Enkelin verdutzt und finster an, dann Rory, der angespannt und ungerührt in der Türöffnung verharrte. „Ich bin so alt wie Erde und ich sehne mich nach einem friedlichen Nickerchen in meinem Wagen. Und doch geht es mir so gut wie es mir gehen kann“, sagte sie. Sie wandte ihren Blick wieder Catriona zu und ihr Ausdruck wurde mild. „Aber was ist mit dir? Hast du irgendetwas herausgefunden?“
„Nay, Großmutter“, sagte sie und weigerte sich, Rorys doppeltes Spiel anzuerkennen. Eine Ewigkeit schon war er der Eifersüchtige. Die Wahrheit aber war, dass ihr dieses Recht zugestanden hätte. „Ich habe nichts herausgefunden, abgesehen vielleicht von …“ Sie strich Marta das weiße, sich kräuselnde Haar aus der Stirn. „Vielleicht habe ich herausgefunden, was mir in dieser Welt am teuersten ist.“
Die wie Glasperlen leuchtenden Augen funkelten. „Es hat wenig Sinn, wegen einer zerzausten, alten Hexe wie mir rührselig zu werden, Kind.“
„Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.“
Marta bedeckte Cats Hände mit ihren eigenen. Ihre Finger fühlten sich an ihrer Haut trocken und sanft an. „Alles wird gut, Täubchen.“
Tränen drohten und Schwäche überflutete Catriona. „Bist du sicher?“, fragte sie flüsternd.
„Aye.“ Die alte Frau nickte ruckartig. „Ich spüre es in meiner Seele. Und wenn man so alt ist wie ich, wagt Gott es nicht, einen irrezuführen. Sorge dich nicht, Mädel. Wir werden den Jungen zurückbekommen.“

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Lois Greiman schreibt historische sowie zeitgenössische Romantik und humorvolle Chick-Lit. Die Autorin und passionierte Reiterin lebt auf einem kleinen Pferdehof und war bereits als Model, Fitnesstrainerin und Tierarzthelferin tätig. Schließlich machte sie ihre Leidenschaft für das Schreiben zum Hauptberuf, denn sie findet: „Die Realität wird überbewertet“. Lois Greiman veröffentlichte über dreißig Romane, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden.